Titel: Den Jäger erlegen
Autorin(nen): zu 90% Sleepy Tiger und 10% Lena
Warnung: There's no need of enemies, if you've got friends!!!
Disclaimer: Lord of the Rings © by J.R.R. Tolkien
14. Kapitel: Zum Zwergen
oder Perspektivenwechsel
Ori Doris Sohn war ein sehr ehrbarer Zwerg und er führte gemeinsam mit seiner lieben Gattin Mora ein sehr ehrbares Gasthaus mit dem schlichten Namen "Zum Zwergen" nahe der Nordgrenze Gondors und nicht sehr weit von der Küste. Auch wenn es sehr abseits der großen Handelswegen lag und man nicht viel vom Weltgeschehen mitbekam, war das Geschäft gut. Die Gäste waren zu einem Abenteurer, die im etwas weiter entfernten "Orkwald", das auf der Karte wie ein schwarzer Streifen in der erhabenen Gebirgskette aussah, Orks jagen wollten. Da die Orks sich anscheinend in rasender Geschwindigkeit vermehrten, gab es sehr viele Abenteurer, die hier rasteten.
Zu anderem kamen die Fischer aus den Fischerdörfern, die eine herzhafte Mahlzeit und einen musikalischen Ausklang eines harten Arbeitstages suchten und hier fündig wurden. Wenn Oris zehn Kinder nicht gerade in den Ställen, Küche und als Zimmermädchen arbeiteten, spielten sie meisterhaft Geige und Harfe. Die Gaststätte war daher stets voll, sei es wegen des Essens oder der abendlichen Konzerte vor dem großen Kamin. Aber hungrige Mägen wurden satt, die dazugehörigen Menschen müde und irgendwann wurde es in der Gaststätte ruhig.
Es war wieder einmal spät nachts, als Ori summend die Theke putzte und die Vorräte durchsah, während seine Frau den Boden der Gastraumes mit dem Schrubber bearbeitete. Sie waren immer die letzten, die zu Bett gingen. Die Kinder schliefen schon längst, denn sie mußten morgen früh aufstehen, um das Frühstück für all die Gäste zu machen und die Tiere im Stall versorgen. Es war alles wie immer.
Nun, fast wie immer. Denn diese Nacht war es gar schrecklich. Ein Sturm wie seit langem nicht mehr wütete draußen. Ori war nur froh, daß das Haus nach alter Zwergenart gebaut wurde. Alles doppelt und dreifach durch Stein verstärkt und die Glasscheiben mit einem feinen Mithrilgitter durchwoben. Das Haus würde sogar dem Angriff einer Armee Orks widerstehen.
Ori breitete die nassen Wischtücher zum Trocknen aus, als Mora plötzlich erschreckt aufschrie und vom Fenster wegrannte. Ihr Mann sah sie fragend an. Voller Entsetzen deutete sie immer wieder zum Fenster, unfähig ein Wort zu äußern. Ori ging also dahin und sah auf den Hof. Angestrengt blickte er in die Dunkelheit und sah eigentlich nichts außer strömenden Regen. Er drückte sich fast die Nase an der Scheibe platt, um etwas zu erkennen, bis ihm ein Blitz zur Hilfe kam. Mit einem Schrei fuhr er zurück.
Es waren neun Reiter im Hof. Alle tief in Umhänge gehüllt und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Für einen Moment befürchtete Ori, daß die Nazgûls zurückgekehrt waren. Aber etwas war seltsam. Einer der Ringgeister saß auf einem Pony und zwei andere trugen schimmernde Elbenumhänge. Ori dachte scharf nach. Den Legenden und Berichten zufolge trugen alle schwarze Umhänge und ritten auf großen schwarzen Rössern. Aber wie jeder andere auch wußte Ori, daß nicht immer Verlaß auf das gesprochene Wort war.
"Was tun wir jetzt, mein lieber Mann?" fragte Mora ängstlich und hielt den Stiel des Schrubbers fest umklammert. Bevor Ori etwas sagen konnte, klopfte es auch schon an der Tür.
"Ori...", wimmerte Mora ängstlich und wollte zu ihrem Mann laufen, als er auf die Tür zuging. Aber er winkte beruhigend ab und öffnete die Tür. Auch wenn es tatsächlich ein Nazgûl war, er war Wirt und hatte einen guten Ruf zu verlieren. Sein Haus stand jedem offen, der den Anstand hatte, anzuklopfen. Wie der Tod persönlich ragte dieser Nazgûl über ihn. Daß er einen hellen Elbenmantel trug, minderte Oris Angst nicht im geringsten. Es schien eher, als wäre sein schlimmster Alptraum wahr geworden: ein Elben-Nazgûl!
"Guten Abend, was wünscht Ihr?" fragte Ori zitternd und schwor, daß er seine Knie gegeneinander schlagen spürte.
"Entschuldigt die späte Störung, Wirt", sagte der Ringgeist mit einer erstaunlich freundlichen Stimme. "Aber wir möchten Euch um eine Unterkunft bitten."
Dann hob der Nazgûl die Hände, um die Kapuze herunter zu ziehen und verpaßte Ori einen noch größeren Schock, der sich darauf gefaßt gemacht hatte, sich einen grinsenden Totenkopf ansehen zu müssen. Aber was er da sah, war ganz und gar kein Totenschädel, sondern das kantige und etwas müde Gesicht eines Menschen. Aber nicht irgendeines Menschen, sondern das Gesicht des König Aragorn von Gondor. Das war er ohne Zweifel. Ori und seine Familie hatten ihr Heim verlassen und waren zu seiner Krönung in die Hauptstadt gereist. Es war das Ereignis in Gondor gewesen. Nach langer Zeit bestieg endlich jemand wieder den Thron Gondors.
Mora schlug sich die Hände vor dem Mund zusammen und der Schrubber fiel klappernd auf den Boden. Sie war wohl ebenso überrascht, aber bei weiten nicht so gelähmt wie ihr Mann. Schnell versank sie in einen tiefen Knicks. "Willkommen in unserem bescheidenen Haus, Majestät!"
Erst jetzt erinnerte sich Ori an seine Manieren und verbeugte sich tief vor dem großen König. "Majestät, es wäre mir eine große Ehre!"
"Ich danke Euch für Eure Großzügigkeit", sagte der König und man hörte ein amüsiertes Lachen heraus. "Wäre es möglich, nun einzutreten?"
Ori erhob sich verwirrt und bemerkte beschämt, daß er Seine Majestät den Weg versperrte und der Monarch daher immer noch im Regen stand. Sich verbeugend und entschuldigend trat der Zwerg beiseite und ließ den König und sein Gefolge eintreten. Die übrigen unheimlichen Gestalten entpuppten sich als fünf Ritter Gondors, ein junges Mädchen, ein Elb und...ein Zwerg! Und zwar der berühmte Gimli Gloins Sohn!
Mit finsterer Miene, tropfnassen Bart und geschulterte Axt kam der Zwerg in den Gastraum. Aber als er Mora erblickte, erhellte ein Lächeln sein Gesicht und seine Augen leuchteten sie an. Er beugte sich über ihre Hand und sagte galant: "Wer hätte gedacht, daß ich nach so einem Tag ein warmes Bett bekomme und die Fürsorge einer solchen Schönheit erfahren darf. Ich, Gimli Gloins Sohn, stehe tief in Eurer Schuld, Frau Wirtin."
Mora errötete wie ein junges Mädchen, aber ihre Augen lachten vor Freude. So hohe Gäste! Erst der König und dann Gimli Gloins Sohn. "Wir sind geehrt, so einen großen Helden bewirten zu dürfen, Herr Gloins Sohn. Eure Taten sind bis hierher gedrungen."
"Zu gütig, Frau Wirtin", grinste der Zwerg und küßte ihre Hand. "Ihr seid zu gütig."
"Na, sie ist verheiratet, Gimli", sagte der Elb mit einem feinen Lächeln und deutete mit einem leichten Nicken auf den schmalen Goldreif an ihrem Finger. "Und ihr Gatte ist in unmittelbarer Nähe. Habt ihr Zwerge denn keinen Anstand?"
Mora hielt erschrocken den Atem an. Wie konnte dieser Elb es wagen, solch einen Helden an Moral und Anstand zu erinnern? Er war schließlich nur ein Elb. Aber Gimli nahm es nicht so schwer wie sie, sondern lachte leise und meinte: "Man kann es ja versuchen."
Die Wirtin schmolz dahin. Was für ein Zwerg! So großzügig und freundlich...sogar zu einem Elben. Das war ein Held. Etwas verträumt ging Mora hinter die Theke und wollte ihre Älteste aus dem Bett klingeln, damit sie ihr beim Kochen helfen konnte. Man konnte Gimli Gloins Sohn nicht nur Gebäck und Wein vorsetzen! In der Zwischenzeit konnte sich Ori ja um die Gäste kümmern, aber als sie sich umsah, entdeckte sie, daß König Aragorn sich mit Ori im Flüsterton unterhielt. Es schien ungeheuer wichtig zu sein, denn Ori hatte die Stirn gerunzelt, während er dem Monarchen ernsthaft zuhörte. Also mußte Mora erst einmal für die Gäste sorgen. Sie schürte wieder das Feuer und erhitzte etwas Gewürzwein, um den Reisenden das Aufwärmen zu erleichtern. Die freundlichen Ritter - sie kümmerten sich sogar selbst um ihre Tiere - kamen ihr zu Hilfe und nahmen ihr das schwere Tablett ab.
Mora erschreckte sich, als der Elb plötzlichen neben ihr stand und sich einen Becher eingoß. Er ignorierte ihr Schaudern und trug den Becher zu dem Mädchen hin, das sich auf eine Bank vor dem Kamin gesetzt hatte. Schweigend hielt er es dem jungen Mädchen hin. Als sie ihn mit großen Augen ansah, griff nach ihrer Hand und drückte ihr den Becher in ihre klammen Finger. Ohne den Blickkontakt zu unterbrechen, legte er seine Hand um ihre und sagte etwas zu ihr. Ihre Antwort war ein schroffes Nicken. Sie nahm einen vorsichtigen Schluck. Anscheinend schmeckte ihr der Wein, denn sie leckte sich die Lippen und trank den Becher leer. Mora beobachtete befremdet, wie der Blick des Elben weich und beinahe zärtlich wurde, während er ihr beim Trinken zusah. Sogar sein Lächeln strahlte eine gewisse Wärme aus.
Die Wirtin riß etwas verstört ihren Blick von den beiden los und goß den Rittern Wein ein. Da man von Wein allein nicht satt wurde, holte sie auch Gebäck hervor. Wieder beobachtete sie dieses ungleiche Paar aus dem Augenwinkel. Das junge Ding hatte mittlerweile ihren nassen Umhang abgelegt und auf die Leine gehängt, die für solche Zwecke aufgespannt war. Sie trug schwarze Hosen und Stiefeln. Das Hemd war an mehreren Stellen gerissen und ebenso naß wie alles andere an ihr. Sie mußte total durchgefroren sein. Aber noch auffälliger als ihr erbarmungswürdiger Zustand waren diese beiden Metalldinger, die sie an den Armen trug. Silbern und glänzend bedeckten diese Teile ihre Unterarme.
Mora wurde neugierig und mimte die gute Wirtin, als sie mit einer Karaffe und einem weiteren Becher zu dem Elben ging. Während sie ihm den Wein einschenkte, warf sie einen schnellen Blick auf Metallstücke. Als Zwergin erkannte sie das Metall als Mithrill wieder...und als Wirtin, die viele Soldaten und Edelleute gesehen hatte, identifizierte sie die Gravur als ein Elbenwappen wieder. Ihre Augen gingen ihr über.
"Vorsicht!" Mora zuckte erschrocken zusammen, als der Elb ihr Handgelenk packte. Entsetzt sah sie ihn an und wich zurück, als er sie freundlich anlächelte. "Der Becher ist voll. Vielen Dank."
Mora hätte am liebsten den gesamten Inhalt in sein schönes Gesicht geschüttet. Dieser Elb war ohne Zweifel ein Sklavenhalter! Sie erinnerte sich an einem grausamen Menschen, der seine Sklaven mit metallenen und gravierten Halsbändern als sein Eigentum kennzeichnete. Diese Mithrilteile waren demnach Handschellen! Und diese seltsame Vorrichtung in der Innenseite diente wohl dazu, um Ketten zu befestigen. So etwas konnten sich auch wirklich nur Elben ausdenken. Moras Herz flog dem Mädchen zu. Das arme Ding! So jung und so ein trauriges Schicksal! Mora schüttelte sich angewidert bei dem Anblick des schönen Elben, der sich nun zu den Rittern stellte. Was nützte soviel Schönheit, wenn man so grausam war? Warum reiste Herr Gloins Sohn bloß mit so einem Wesen?
Aber sie war keine große Hilfe, wenn sie in der Gegend herumstand und vor Mitleid zerfloß oder sich Fragen stellte, auf die sie keine Antwort bekommen würde. Also lief sie wieder los und holte einen Stapel warme, flauschige Handtücher, damit sich die hohen Gäste abtrocknen konnten. Die Menschen bekamen immer so leicht eine Erkältung. Ein besonders großes und warmes Handtuch hob sie für das Mädchen auf, daß sich gerade kräftig Wein nachgoß.
"Ihr solltet nicht soviel auf leeren Magen trinken", flüsterte Mora ihr zu und reichte ihr das Handtuch. "Eßt doch etwas von dem Brot."
"Der Wein ist gut und mir ist sehr kalt", erwiderte das Mädchen lächelnd. Das Lächeln wirkte sehr, sehr traurig. Sie rubbelte sich ihre Haare trocken und trank noch mehr Wein. Mora war zum Weinen zumute. Das arme Kind betrank sich bestimmt jede Nacht, um sie durchzustehen. Wieder warf Mora einen vorsichtigen Blick zu dem Elben, der das Mädchen mit seinen Blicken geradezu verschlang. Ihr drehte sich der Magen um. Wäre sie seine Sklavin, würde sie sich auch Nacht für Nacht betrinken. Mora holte eine neue Karaffe und goß dem Mädchen noch mehr Wein in den Becher. Dankend trank sie aus. Die Zwergin überlegte, ob sie ihr nicht auch etwas Schlafpulver geben sollte, als das Mädchen sich erhob und fragte: "Könnt Ihr mir zeigen, wo ich ein Bad nehmen könnte?"
"Wollt Ihr nicht vorher etwas essen?" fragte Mora besorgt. "Eine kräftige Suppe oder etwas Braten?"
Das Mädchen schüttelte den Kopf und nahm den nassen Umhang von der Leine. "Vielen Dank, Frau Wirtin, aber ich habe keinen Hunger."
"Asani? Wohin geht Ihr?" fragte der Elb leise, als Mora sie gerade zur Treppe führte.
"In die Wanne", erwiderte sie und zog dabei eine Grimasse. "Ihr wollt mir doch nicht auch dahin folgen, oder?"
Mora hielt entsetzt den Atem an. Elben waren ja so widerlich! Besonders dieser hier, als er das Mädchen auf eine Art anlächelte, die Mora einfach nur als lüstern bezeichnen konnte.
"Nur, wenn Ihr Euch in einen Kampf mit einem Schwamm stürzt", erwiderte er immer noch mit diesem Lächeln auf den Lippen.
"Schwämme sind unter meiner Würde", brummte sie zur Antwort, ehe sie nach Mora die Stufen hochstieg.
Mora führte sie in das luxuriöse Badezimmer der Familie. Die Wände waren verkachelt und mit kunstvollen Mosaiken verziert. In diesem Raum hing immer eine schwere Dampfwolke, denn das Wasser war immer heiß und duftete nach Rosen. Es gab eine Auswahl an exklusiven Pflegeölen, die Moras Töchter herstellten, und einen künstlichen Wasserfall, den Ori und seine Söhne letzten Sommer gebaut hatten. Wenigstens diese Nacht sollte es das Mädchen gut haben.
"Ihr Zwerge versteht es, zu genießen", lachte das Mädchen und sah sich beinahe entzückt um. "So etwas habe ich noch nie gesehen."
"Elben leben doch gerne in Luxus", meinte Mora möglichst freundlich und legte Seife und Handtücher heraus.
"Mag sein", sagte das Mädchen achselzuckend und seufzte sehnsüchtig, als sie ihre Hand ins warme Wasser hielt. "Ich kenne nur kaltes Wasser."
Moras Herz schmerzte vor Mitleid. Auch das noch! Nur kaltes Wasser zum Waschen. Das arme Kind. Moras dunkle Augen wurden ganz feucht, als sie im ernsten Ton sagte: "Ihr könnt hier so lange bleiben, wie Ihr mögt."
Das Mädchen rieb gerade ihr Gesicht an den weichen Handtüchern, als sie lächelnd aufsah. "Gimli hatte recht. Ihr Zwerge seid wirklich sehr gastfreundlich."
Bei der Erwähnung des Heldenzwerges fiel Mora wieder ein, daß sie noch einiges zu tun hatte. Seufzend verabschiedete sie sich von dem Mädchen, ehe sie wieder hinunter in die Gaststätte eilte, um nach dem Rechten zu sehen. Hoffentlich war keines ihrer Mädchen wach geworden. Schließlich war ein Elb da. Als sie unten ankam, winkte Ori sie zu sich und klärte sie kurz über die Zimmerbelegung auf. Der König und der ehrenwerte Herr Gloins Sohn sollten sich das Zimmer mit den großen Fenstern teilen. Eine vernünftige Idee, dachte Mora. Diese beiden verdienten das beste Zimmer des Hauses. Die Herren Ritter würden sich dann auf zwei Zimmer verteilen, während der Elb und das Mädchen ein Zimmer bekamen.
"Auf keinen Fall", zischte Mora empört. "Der Elb bleibt von dem Mädchen fern."
"Was?" Ori blickte seine Frau erstaunt an. "Mora, wir haben keine anderen Zimmer frei. Die beiden müssen ein Zimmer teilen."
"Sowas gehört sich nicht, Ori", fuhr sie unerbittlich fort. "Dieser Sklavenhalter bleibt draußen."
"Mora, bitte!" rief der Wirt gedämpft und blickte ängstlich zu dem Elben. Aber er sah nicht zu ihnen hinüber. Wahrscheinlich hörte er nichts. "Der Elb ist kein Sklavenhalter, sondern ein Prinz unter seinesgleichen und ein Freund des Königs."
"Das ist mir egal! Das Mädchen schläft allein."
"Seine Majestät sagte, daß sie Waffenbrüder sind."
"Was für ein Unsinn!" zischte Mora erneut. "Waffenbrüder? Das ist ein Mädchen! Wie soll sie sein Bruder sein? Du mußt was falsch verstanden haben."
"Habe ich nicht!", erwiderte Ori grollend. "Der König ließ durchblicken, daß die beiden...nun...auf jeden Fall sagte er, es wäre nichts verwerfliches, wenn sie beide das Zimmer teilen. Also werden sie das Zimmer teilen!"
"Das geht nicht!"
"Mora, er ist der Freund des Königs und wir haben ihn Respekt zu zollen."
Mora stieß wütend Luft aus und stemmte ihre Fäuste in die Taille. "Aber das Mädchen..."
"Mora, das ist nicht unsere Sache", flüsterte Ori eindringlich. "Vielleicht ist sie mit ihm verwandt. Vielleicht ist er ihr Vater."
"Er ist blond und sie hat pechschwarzes Haar."
"Ach, Mora. Bei diesen Elben weißt man ja nie, woran man ist."
Als seine Frau ihn skeptisch ansah, seufzte er und fügte noch hinzu: "Komm nicht auf dumme Gedanken, Mora. Der Elb schläft mit dem Mädchen in einem Raum. Was sie da drinnen tun und ihre Beziehung zueinander gehen uns nichts an."
Damit war die Sache für Ori beendet. Er drehte sich um und flüchtete in die Küche, um ein schnelles Mahl für die Gäste vorzubereiten.
"Nichts angehen", knurrte Mora, als sie hoch erhobenen Hauptes an den Gästen vorbei zu der Treppe ging und hinauf stapfte. "Der wird eine gehörige Portion Respekt bekommen."
Legolas saß die ganze Zeit über am Kamin und hatte jedes geflüsterte und gezischte Wort der beiden Zwergen gehört. Er goß sich in aller Ruhe etwas von dem vorzüglichen Wein nach und trank ihn in tiefen Zügen aus. Schweigend blickte er ins Feuer und sah nicht auf, als Gimli sich neben ihm setzte. Gemeinsam verharrten sie in einem kameradschaftlichen Schweigen, in der Gimli seine Pfeife auspackte und anzündete. Hin und wieder kämmte er mit den Finger durch den Bart, damit das dichte Haar nicht in einem verhedderten Zustand trocknete. Nach einer Weile gesellte sich Aragorn hinzu, der sich etwas am Feuer aufwärmen wollte. Er war dann der erste, der die Stille vor dem Kamin durchbrach, weil er eine gewisse Angespanntheit und Wut in Legolas spürte. Da er nicht mit der Tür ins Haus fallen wollte, begann er ein leichtes Gespräch. "Wir hatten ziemliches Glück, dieses Gasthaus gefunden zu haben. Ich habe selten so freundliche und höfliche Gastwirte getroffen."
"Zwerge sind halt die besseren Gastgeber", meinte Gimli lächelnd und beobachtete Legolas seinerseits aus dem Augenwinkel. Er hatte schon lange bemerkt, daß mit diesem Elben etwas nicht stimmte und darauf gewartet, daß dieser etwas sagte, aber da nun Aragorn angefangen hatte...
Legolas antwortete nicht sofort, sondern starrte in seinen Becher. Scheinbar völlig ungerührt sagte er dann: "Die Wirtin hält mich ein Sklavenhalter und Asani für meine Sklavin, von der ich heute fernbleiben soll."
Gimli biß fest auf das Mundstück seiner Pfeife, um nicht laut loszulachen. Er schüttelte langsam den Kopf und wagte es nicht, etwas zu sagen. Es waren schwere Vorwürfe und er wußte, daß sie Legolas sehr getroffen haben mußten. Aber dennoch war es sehr...amüsant.
"Keine Sorge, Legolas", beruhigte Aragorn den Elben und drückte freundschaftlich seine Schulter. "Ich habe den Wirt erklärt, daß du und Fräulein Asani Waffenbrüder seid."
"Leider hat er es nicht ganz verstanden und denkt, daß ich möglicherweise ihr Vater bin", entgegnete Legolas völlig unbewegt. Gimli biß bei diesen Worten Mundstück durch und brüllte vor Lachen. Die Ritter sahen irritiert von ihrer Karte auf, die sie auf einen Tisch ausgebreitet hatten, wandten sich aber ihren Pflichten zu, als sie sahen, daß sich nur drei Freunde etwas amüsierten. Zumindest amüsierte sich der Zwerg ganz köstlich, denn der Elbenprinz schloß die Augen und rieb sich mit der Hand übers Gesicht. "Das ist nicht lustig, Gimli Gloins Sohn."
Gimli fiel fast von der Bank und er hielt sich seinen Bauch, während er immer noch lachte. Legolas' Gesichtsausdruck blieb weiterhin unbewegt und wurde aber ganz langsam säuerlich, als Aragorn anfing zu grinsen. Seine Miene verfinsterte sich, als Aragorn dann auch noch sagte: "Nun, du bist wirklich alt genug, um ihr Vater zu sein. Ich meine, du bist immerhin schon über 2000 Jahre alt und sie...vielleicht gerade 20 Sommer, wenn nicht sogar weniger."
"Dann bist du eher ihr Großvater!" brachte Gimli lachend hervor und bekam ein rotes Gesicht, als er immer noch lachend hinzufügte, "oder ihr Ur-ur-ur-Großvater..."
"Wie auch immer", sagte Legolas kühl, "ich bin der gleichen Meinung wie die Wirtin, daß ich auf keinen Fall im gleichen Zimmer schlafen kann wie Asani."
"Das Gasthaus ist voll", erwiderte Aragorn in einem vernünftigen Ton. "Wir sollten das beste daraus machen. Außerdem möchte ich diesen freundlichen Zwergen nicht weiter zur Last fallen."
Legolas nickte. "Ich denke auch so, aber ich bleibe dabei. Es geht nicht."
"Was schlägst du dann vor?"
Legolas schwieg und blickte ihn intensiv an. Aragorn sagte darauf: "Legolas, ich bin ein verheirateter Mann und obendrein der König dieses Landes. Es untergräbt meine Autorität, wenn sich herumspricht, daß ich mit unbescholtenen Frauen ein Zimmer teile."
Legolas sah hinunter zu Gimli, der wieder zuhörte und heftig den Kopf schüttelte. "Warum nicht?"
"Ich bin ein Zwerg mit einem ausgezeichnetem Ruf", sagte Gimli. "Außerdem kennt mich der Wirt. Ich kann auf keinen Fall mit ihr Zimmer teilen. Weißt du überhaupt, wie schnell sich solche Gerüchte unter den Zwergen verbreiten? Mein Vater enterbt mich!"
"Aber ich habe doch das gleiche Problem!" rief Legolas verzweifelt. "Die beiden Zwerge halten mich für einen Sklavenhalter und ihren Vater. Anders als bei dir, wird es bei mir noch für hunderten von Jahren für Gesprächsstoff unter den Elben sorgen."
Aragorn und Gimli grinsten bei diesen Worten, erwiderten aber nichts darauf. Der König erhob sich und sagte: "Also gut, ich frage Le Tare, ob er mit dir tauschen möchte."
"Wie tauschen?" Legolas sah mißtrauisch auf, als Aragorn sich erhob. "Soll er etwa mit ihr das Zimmer teilen?"
"Ja."
"Nein."
Aragorn hielt inne bei diesem kühlen Widerspruch. Als er Legolas ins Gesicht sah, hob er erstaunt die Brauen. Der Elb sah aus, als würde er gleich jemanden umbringen. Vorzugsweise ihn.
"Unter keinen Umständen übernachten sie im gleichen Zimmer", erklärte der Elbenprinz mit tödlicher Ruhe. "Das ist unmöglich."
"Legolas....?"
"Warum machen wir nicht ein Ehepaar aus ihnen?" schlug Gimli plötzlich vor.
"Das kauft uns doch keiner ab", erwiderte Legolas heftig. Er sah geradezu entsetzt aus.
"Wenn du mich fragst, können die beiden als Ehepaar durchgehen", meinte der Zwerg achselzuckend. Er war sehr von seiner Idee überzeugt und fuhr fort: "Sie sind beide Menschen. Das ist doch ein recht plausibler Grund."
"Sie sehen absolut nicht nach einem Ehepaar aus", schnaubte Legolas. "Man sieht doch auf den ersten Blick, daß sie nicht zusammenpassen."
"Das tun die meisten Paare nicht", winkte Gimli ab. "Was hast du überhaupt für seltsame Vorstellungen von Ehepaaren?"
"Sie sehen nun einmal nicht danach aus."
"Ist ja auch nur für eine Nacht, Legolas."
"Nein."
"Legolas..."
"Das erlaube ich nicht!"
Aragorn und Gimli sahen sich kurz an. Hatte Legolas wirklich einen harten Befehlston angeschlagen? Seit sie den Prinzen kannten, hatten sie ihn nicht einmal streng oder gebieterisch erlebt. Er behandelte sogar seine Untergebenen mit ausgesuchter Freundlichkeit und hielt nichts für selbstverständlich. Es schien dem Elben wirklich ernst zu sein.
"Lieber bin ich ihr Herr und Meister und von mir aus auch ihr Vater", murrte Legolas und erhob sich von seinem Platz. Mit entschlossenen Schritten ging er in die Küche und fragte den Wirt nach seinem Zimmer.
Gimli hielt unterdessen Aragorn ein Säckchen Kraut hin, als dieser stirnrunzelnd seine Pfeife aus seinem Gepäck holte. Beide waren von diesem Ausbruch des sonst so ausgeglichen Elben etwas irritiert. Aber vielleicht war es nur die Müdigkeit. Brummend schüttelte der Zwerg den Kopf. "Also wirklich. Ist doch nur eine Nacht."
Ende des 14. Kapitels
***********************************************************************
Ich gebe es zu: Ich litt an einer schlimmen Schreibblokade und meine Stirn ist grün und blau, weil ich den Kopf aus lauter Verzweiflung gegen die Tischplatte gehämmert habe...okay, das ist übertrieben. Aber ich war kurz davor, das zu tun. Dann kam meine Freundin Lena daher, die mich wieder einmal über Mittelerde belehren und mir kräftig ihre Meinung über die letzten zwei Kapitel trompeten wollte, und sah mein Dilemma. In ihrer unendlichen Großzügigkeit und in ihre alles überstrahlenden Gnade hat sie sich meiner angenommen. Wir haben über die Geschichte geredet und einen Ausweg gesucht, um mich wieder auf die richtige Fährte zu bringen. Dabei ist dieses Kapitel entstanden. Also, wenn es euch nicht gefallen hat...LENA WAR SCHULD!!!
Und habt vielen Dank für die Reviews! Um eine Kollegin zu zitieren: "I live up to them!"
