Titel: Den Jäger erlegen
Autorin: Sleepy Tiger
Warnung: return of blabla and a try of blubblub...
Disclaimer: Lord of the Rings © J.R.R. Tolkien
17. Kapitel: Willkommen in Perrigon
Gegen Mittag bestiegen sie das Schiff nach Perrigon. Es war ein kleines Handelsschiff und sah schon ziemlich alt aus. Der Kapitän sah noch älter aus, aber war immer noch bei klarem Verstand. Deswegen erlitt er fast eine Herzattacke, als er Aragorn erkannte. Der zuerst sehr bösartig wirkende Mann wurde unter Aragorns warmen Dankesworten zu Butter und überließ freiwillig Le Tare und seinen Männern das Kommando. Er verzichtete auch auf Wunsch des Königs auf weitere Flaggen, um auf den hohen Gast am Bord aufmerksam zu machen.
Der Wind war an diesem Tag sehr günstig und der Himmel sehr klar. Der Wellengang ruhig und das anfangs beängstigende Knarren der Holzbalken war schon beinahe einlullend rhythmisch. Legolas spazierte an der Reling entlang und massierte sich den Nacken. Den ganzen Mittag hatte er mit Aragorn, Gimli und Le Tare über ein Alibi für einen längeren "Besuch" in Perrigon gesprochen. Die Überführung der Leichen der beiden Adjutanten in die Heimat fanden sie nicht ganz ausreichend. Außerdem brauchten sie Einsicht in die Bücher der Stadt, denn bei einer längeren Diskussion kamen sie zu der Idee, daß möglicherweise auch die Stadtverwaltung in den Sklavenhandel verwickelt sein könnte. Wer hätte sonst dafür sorgen können, daß Legolas und seine Brüder in einem vergessenen Teil des Stadtgefängnis landeten? Wie hätte man sonst die fehlenden Beerdigungen oder die Transporte der unglücklichen Sklaven vertuschen können? Es waren schließlich keine kleine Kisten, die man unter weiten Umhängen verstecken konnte. Es waren Menschen, Elben und wahrscheinlich auch Zwerge.
Es bestand also die Hoffnung, daß der oder die Missetäter irgendwo in den Rechnungsbüchern Spuren hinterlassen hatte. Aber wie kam man da heran, wenn man doch nur zwei Leichen abholen wollte?
Als sie zu einer halbwegs überzeugenden Lösung gekommen waren, beschlossen sie den Rest der Fahrt zu genießen und sich für die kommende Kraftprobe mit den hinterhältigen Sklavenhändlern und Mördern in Perrigon zu stärken. Legolas sah hoch zum Ausguck, wo ein Matrose Dienst tat.
Lächelnd wanderte er weiter zum Bug. Wie umständlich. Während der Matrose auf der Aufsichtsplattform immer noch nach Land suchte, sah Legolas von seinem Platz aus schon die grauen, erhabenen Mauern der Küstenstadt Perrigon am Horizont auftauchen. Die mächtigen Türme ragten in den Himmel und an deren Spitzen flatterten Flaggen mit Aragorns Wappen über denen des Statthalters. Zu den Füßen der Mauern ankerten einige große Handelsschiffe mit hohen Mästen und farbenprächtigen Segeln. Legolas bewunderte diese gigantische Größe des Hafens, als der Matrose endlich den blaßgrünen Streifen am Horizont als "Perrigon, Kapitän!" ausrief. Je näher sie kamen, desto erstaunter wurde Legolas.
"Das wurde aber auch langsam Zeit", brummte Gimli, der sich pfeiferauchend mit Aragorn zu Legolas stellte. "Dieses Schiff macht mich noch ganz nervös."
"Du bist auch noch nie auf einem Schiff gewesen?" wollte Aragorn wissen.
"Doch, aber nicht auf einem, das gleich auseinanderfällt."
"Es hält sich doch ganz gut. Was denkst du, Legolas?"
"Aragorn, wir müssen umplanen", sagte der Elb ernst und nahm seinen Blick nicht vom Hafen.
"Warum?"
Der Elbenprinz deutete mit dem Kinn zu Hafen. "Sieh dir das an."
Der König bekam von Le Tare ein Fernrohr gereicht und sah hindurch. Seine Miene verfinsterte sich zunehmend. Frustriert ließ er das Fernrohr sinken. "Das kann doch nicht wahr sein."
Gimli schnappte sich das Fernrohr und stellte sich auf die Zehenspitzen, um sehen, was der Monarch meinte. Seine buschigen Brauen senkten sich tief über seine Augen, als er auf den Steg sah, den das Schiff ansteuerte.
All die Vorsicht und Heimlichtuerei waren umsonst gewesen, denn im vollen Ornat und von seinen Gardisten begleitet erwartete sie der Statthalter Lord Kerrigan. Mit einem strahlenden Lächeln hob er die Hand und Fanfaren ertönten über den Hafen, um den König Gondors in Perrigon willkommen zu heißen.
~*~
Aragorn, Gimli, Legolas, Le Tare und seine Männer schlenderten zwei Stunden vor Sonnenuntergang durch das weiße Tor des Statthalterpalastes. Die Ritter waren frisch gebadet und trugen wieder ihre furchteinflößenden Rüstungen. Das Wappen des Königs blitzte sauber poliert auf der Brust und prangte auf den wehenden Umhängen. Le Tare hatte die Binden von seinem Schwert genommen und jeder konnte auch dort das Zeichen sehen, denn es gab keinen Grund mehr, sich zu verstecken. Nicht nach diesem überschwenglichen und warmen Empfang am Pier.
Gleich nachdem sie das Empfangskomitee am Hafen erblickt hatten, mußte sofort reagiert werden. Also wurden schnell die lästigen Stoppel rasiert, Gesichter gewaschen und die Rüstungen angelegt. Die Perrigoner erwarteten den König und seine Männer und keinen Haufen Waldläufer und Fischer. Außerdem war die Tarnung sowieso aufgeflogen. Aragorn ließ daher den Kapitän auch endlich die Flagge hissen, die auf die hohen Gäste an Bord deutete.
Der junge Statthalter Lord Kerrigan IV. begrüßte den König mit all der Ehrerbietung, die Aragorn zustand, während Dutzende von Soldaten in Galauniform den Weg zum Palast säumten, der mit Blütenblättern bestreut war. Vor der Kulisse von überdimensionalen Bannern bedeckte Häuserwänden jubelte das Volk in Begleitung von Fanfaren und Pauken.
Der Statthalter ging neben dem König her und redete die ganze Zeit mit strahlendem Gesicht auf ihn ein. Während Aragorn mit halben Ohr und einer gehörigen Portion Wut im Bauch zuhörte, sah er sich den neuen Statthalter an. Lord Kerrigan IV. bekleidete dieses Amt seit fünf Jahren, nachdem sein Vater wegen Krankheit zurücktreten mußte. Zwar klein und rund in der Gestalt mit einem Hang zu dramatischen Kleidung und großen Klunkern strahlte der junge Lord viel Freude und Herzlichkeit aus. Aragorn konnte sich jedoch nicht ganz helfen. Irgendwie mochte er ihn nicht.
Als der Lord endlich einmal Luft holte, nahm der König die Chance wahr und sagte bedauernd: "Es tut mir leid, daß ich so unangemeldet komme..."
"Aber nein, Majestät, nicht doch!" rief der kleinere Mann und verbeugte sich noch während er ging. "Ihr seid uns doch jederzeit willkommen!"
"Vielen Dank." Aragorn blieb weiterhin ernst und nickte dem Volk beinahe etwas schüchtern zu. "Und was für ein Willkommen das ist..."
"Wir waren alle ziemlich aus dem Häuschen, als wir Euch entdeckten."
"Entdeckten?"
"Nun..." Der Statthalter kicherte wie ein Schulmädchen, als er etwas beschämt zugab: "Seit kurzem haben wir eine neue technische Errungenschaft. Ein sehr großes Fernrohr...leider habe ich den richtigen Namen dafür vergessen. Aber man kann damit die Sterne beobachten. Ich war heute in einer neugierigen Stimmung und wollte dieses Fernrohr ausprobieren. Aber statt der Sonne sah ich Euch auf dem kleinen Kahn."
"Soso." In Aragorn baute sich einerseits neuer Ärger an und andereseits wollte er über diesen dummen Zufall lachen. Er hätte sich vielleicht doch unter Deck bei den Pferden aufhalten sollen. Aber jetzt mußte er sich erst einmal aus der Affäre ziehen. "Leider hat dieser Besuch keinen freudigen Grund, Mylord. Ich bin hier, um die Körper meiner Adjutanten in die Heimat zu überführen."
"Ja, es war eine furchtbare Tragödie", meinte der Statthalter und blickte bekümmert zu dem König hoch. "Mein aufrichtiges Beileid, Majestät. Ich habe nie ehrbare Männer getroffen als Lord de Ker und Lord de Frè. Natürlich tue ich alles in meiner Macht stehende, um diese Verbrecher ausfindig zu machen."
Das klang so aufgesetzt, daß ein schwaches Lächeln Aragorns schwere Mundwinkel hochzog. "Danke für Euer Beileid. Ich weiß Eure Bemühungen zu schätzen."
"Aber leider muß ich gestehen, daß sie nicht von Erfolg gekrönt sind, Majestät." Wieder schaffte es dieser Mann, sich noch während des Gehens zu verbeugen. "Ich bitte demütigst um Entschuldigung."
"Keine Sorge, das ist nicht nötig." Das Lächeln, das der König dem Statthalter schenkte, war bewußt zweideutig. Aber der kleinere Mann zeigte nicht, ob er auch diese Zweideutigkeit verstanden oder sich dadurch bedroht fühlte. Im Gegenteil. Er führte den Monarchen und seine Begleiter auf den Hof des Palastes, der einer der prunkvollsten in ganz Gondor sein mußte. Selbst der Hof des Königspalastes wurde nicht von Lampen beleuchtet, die aus feinen Milchglas gefertigt und an zierlichen und vergoldeten Stangen befestigt wurden. Auch gab es dort keine Bänke aus weißen Marmor oder auffällige Mosaike an den Wänden. Der Boden war auch nicht mit geriffelten, roten Marmor asphaltiert wie hier.
Le Tare und seine Ritter dachten nur, daß hier sicherlich keine Ritter trainierten, während Gimli der Mund offen stand bei soviel Handwerkskunst. Legolas ertappte sich, wie er diesen Prunk mit dem von Lorien und Bruchtal verglich. Düsterwald konnte hiermit gar nicht mithalten. Aragorn jedoch fragte sich, wie all das finanziert wurde. Mit einem Blick nach oben zu den stolzen Türmen kam auch die Frage auf, wie alles den Krieg überstehen konnte. Hatte es tatsächlich Verträge mit Saruman gegeben? Mit Sauron vielleicht auch?
War der Hof schon eine Offenbarung an Schönheit und Reichtum, versetzte das Innere des Palastes die Gäste in eine Art Schockzustand. Die Diener, die sich gerade in der Halle aufhielten, waren gekleidet wie mancherorts die Lords und Ladies Gondors. Hohe Fenster mit buntem Fensterglas und schweren Samtvorhängen ließen im großzügigen Maße Licht herein und gaben dieser eigentlich nicht sehr großen Halle eine unbeschreiblich luftige und erhabene Atmosphäre. Das weiße Gestein der Wände war glatt geschliffen und wurde hin und wieder mit Verzierungen aus weißen Marmor unterbrochen. Auch hier hingen in Überfluß Lampen aus Gold und Milchglas. Der Boden war dezent in Blau und Grautönen gehalten, aber so sauber, daß man sich darin spiegeln konnte. Direkt vor der Gruppe stand eine hohe Tür offen und führte über einen langen Gang hinweg in das Innere des Palastes. Links und rechts an den waren auch Türen, die jedoch kleiner und geschlossen waren. Aragorn vermutete, daß es da wohl in die Küche oder Quartiere der Soldaten ging. In der Mitte jedoch stand das Unglaublichste dieser Halle: Ein Springbrunnen.
Schon lange starrten Gimli, Legolas und die Ritter dieses Kunstwerk an. Wuchtig aus weißen Stein gehauen, um mit der Halle zu harmonieren, und mit goldenen Engelchen, die auf zierlichen Vorsprüngen balancierte und aus Krügen Wasser in das große Becken gossen. Inmitten dieser kleinen, pummeligen Himmelsgestalten stand hoch und stolz auf einer Erhöhung eine Statue eines Kriegers mit edlen Gesichtszügen. Aragorn meinte, Lord Kerrigan I. zu erkennen. Der ruhmreiche Vorfahr des jetzigen - etwas aus der Form geratenen - Statthalters.
Dieser führte Aragorn durch die hohe Tür zum Audienzsaal, wie er sagte. Dort erwartete ihn mit größter Ungeduld sein Vater und seine Stiefmutter Lady Gouldwen.
"Seine Lordschaft hat erneut geheiratet?" fragte Aragorn verwundert.
"Ja, vor vier hatte mein Vater das Glück, die schöne Lady Gouldwen kennenzulernen", erwiderte der Statthalter fröhlich. "Sie macht ihn sehr glücklich."
"Das freut mich." Zum ersten Mal kam das Lächeln tief aus Aragorns Herzen. Er dachte an Arwen und ihr ungeborenes Kind. Sie machte ihn auch sehr glücklich.
Sie näherten sich langsam der Tür in den Audienzsaal und der Statthalter den beiden Türöffnern ein Zeichen, ihre Arbeit zu tun. Demütig mit gesenktem Haupt reagierten beide und zogen die schwere Tür auf. Aragorn hörte seine Ritter tief nach Luft schnappen und ein Seitenblick zu Legolas und Gimli zeigte ihm, daß auch sie ziemlich erstaunt waren.
Der Audienzsaal war noch prunkvoller als der Hof oder die Eingangshalle. Die Wände waren verschwenderisch mit teuren Wandteppichen behängt und Kerzenständer aus purem Gold und juwelenverzierten Kandelaber hielten die weißen Kerzen fest. Vor ihnen erstreckte sich ein mit schwarzen Marmor ausgelegter Weg, der zu einer kleinen Erhöhung führte. Darauf stand dann dort ein Thron. Aragorn fand es ein wenig frivol, denn er Thron war noch prächtiger als seiner in der Hauptstadt. Aber er sagte nichts dazu. Die Ritter verbeugte sich der Sitte gemäß und blieben vor dem Saal, während Aragorn, Legolas und Gimli dem Statthalter in den Saal folgten.
Der alte Lord und seine Frau jedoch saßen nicht auf dieser Erhöhung, sondern hielten sich in der Nähe des Kamins auf, das links an der Wand eingelassen war. Natürlich umrahmt von in Stein gehauene Vögeln, Wild und Bäumen, während das Feuer drinnen loderte.
Der Statthalter steuerte seine Eltern an und verbeugte sich. "Vater. Mutter. Seine Majestät König Aragorn ist angekommen. Gemeinsam mit Prinz Legolas von Düsterwald und Herrn Gimli Gloins Sohn."
So ungeduldig schien der alte Lord nun doch nicht zu sein, denn er blickte äußerst langsam zu Aragorn hin und blieb sitzen, wo er war. Aber auch so erkannte Aragorn, daß Lord Kerrigan III. im Gegensatz zu seinen Sohn ein hochgewachsener Mann mit der Statur eines Kriegers war. Er hatte keine Haare mehr und mußte sich beim Gehen auf einem Stock stützen, zumindest wies der Stab neben seinem Sessel darauf hin. Es lag nicht an seiner Gebrechlichkeit, daß er sich nicht vor seinem König verbeugte. Schweigend und mit unerbittlichen Gesichtsausdruck saß der alte Lord vor dem brennenden Kamin und machte auch keine Anstalten, den König auf eine andere Art willkommen zu heißen.
Aber dafür war seine Gemahlin Lady Gouldwen um so freundlicher. Sie war erstaunlich jung und noch viel schöner. Das lange, schwarze war in Locken gelegt und sorgfältig hochgesteckt worden. So lenkte nichts von dem schönen, ebenmäßigen Gesicht mit den tiefblauen Augen und den vollen roten Lippen ab. Ihr milchweißer Teint kontrastierte ganz vorzüglich dem dunklen Violett ihres Abendkleides. Es war ihrem Stand gemäß sehr aufwendig verarbeitet und exquisit in der Qualität. Aber es zeugte von guten Geschmack, denn es unterstrich unauffällig und elegant ihre Schönheit statt mit ihr zu wetteifern. In ihren Bewegungen wohnte eine unglaubliche Anmut und Grazie.
"Majestät", sagte sie schüchtern. "Ich heiße Euch herzlichst in Perrigon willkommen."
"Vielen Dank, Mylady", erwiderte Aragorn freundlich. Er war sehr angetan von dieser Kombination aus Schönheit und Liebreiz. Sie erinnerte ihn etwas an Arwen.
"Herzlich willkommen, Hoheit. Herr Gloins Sohn", fuhr Gouldwen fort und verneigte sich erneut vor Legolas und Gimli, der gerührt einige Dankesworte sprach. Ganz die Gastgeberin bot sie den Herren schnell einige gemütliche Sessel an, die vor dem Kamin gruppiert waren, und rief nach Erfrischungen. Nachdem sich alle gesetzt hatten, wandte sie sich wieder an Aragorn und fragte: "Hat Euch Ihre Majestät nicht begleitet?"
Ein Lächeln erhellte Aragorn Züge, als er ihr antwortete: "Ihre Majestät ist schwanger und daher war eine so anstrengende Reise unzumutbar."
"Tatsächlich?" rief Gouldwen freudestrahlend. "Oh, wie wunderbar!"
"Dann wird also wirklich für die Thronfolge gesorgt, ja?" fragte der alte Herr sarkastisch. "Erstaunlich."
Gimli und Legolas wechselten einen kurzen Blick, ehe sie zu Aragorn hinüber sahen. Wie nahm er dieses Respektlosigkeit und offene Feindschaft auf? Dieser ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen und nickte bloß.
"Aber natürlich, Geliebter", lachte Lady Gouldwen leise. "Seine Majestät ist schließlich ein junger starker Mann."
"Jung und stark sind auch Idioten", brummte der Lord kaum hörbar. Legolas sah den alten Mann mit hochgezogenen Brauen an, aber dieser ignorierte ihn komplett. Etwas unsicher sah er zu Aragorn, um zu sehen, ob dieser es auch gehört hatte, aber er dankte gerade der Dienerin, die ihm errötend die Erfrischungen kredenzte.
"Wir freuen uns sehr, daß Ihr nach Perrigon gekommen seid, Majestät", fuhr Lady Gouldwen fröhlich fort. "Selbst nach dem Krieg hatten die Perrigoner Angst, aber jetzt wo Ihr seid, werden viele an den Frieden glauben können."
"Ihr schmeichelt mir, Mylady", lächelte Aragorn. "Perrigon scheint mir den Krieg gut überstanden zu haben. Es bestand und besteht keine Sorge um den Frieden in Perrigon."
"Meint Ihr?" Der alte Lord schnaubte verächtlich.
"Vater, bitte", wisperte der Statthalter etwas verlegen und verstummte sofort, als der alte Lord ihn strafend ansah.
"So nennt Ihr es also, wenn das Volk Hunger und Armut leidet." Als Aragorn den alten Mann fragend ansah, fuhr er voller Verachtung fort: "Seit die Steuern in Naturalien abzugeben sind, geht ein Großteil der Ernte in die Hauptstadt."
Aragorn runzelte verwirrt die Stirn. "Hunger? Perrigon ist doch berühmt für reiche Ernten."
"Hmpf." Kerrigan senior hob arrogant eine Braue. "Es war berühmt. Die Erträge werden immer schwächer und das Volk wächst stetig. Einmal weil die Leute nicht wegziehen wollen und zum anderen ziehen immer mehr hierher. Da bleibt nicht viel übrig."
"Das war mir nicht bewußt", gestand Aragorn entsetzt. Er war es tatsächlich. Seine grauen Augen sahen den Lord ungläubig an, während er sich langsam in die weichen Polster zurücklehnte und sich nachdenklich das Kinn rieb.
"Ihr wißt verdammt wenig über Euer Reich!" knurrte der alte Lord und umfaßte heftig den Knauf seines Stocks.
"Geliebter", flüsterte Gouldwen besorgt und legte die Hände auf seinen Arm. "Bitte rege dich nicht auf. Seine Majestät hat sehr viel mit dem Aufbau des Reiches zu tun gehabt. Er konnte es nicht wissen."
"Als König muß man auch das bedenken! So ein Fehler darf einem Herrscher nicht unterlaufen, es sei denn er legt es darauf an, eine Revolte anzuzetteln."
Ein atemlose Stille trat in die Runde, in der wirklich niemand wagte, etwas zu sagen geschweige sich zu räuspern. Legolas konnte nicht fassen, was dieser alte Narr von sich gegeben hatte. Hätte ein Vasall seines Vaters so gesprochen, wäre er umgehend bestraft worden, aber Aragorn war ein König anderer Art. Er blieb ruhig und nichts an ihm verriet Wut oder Betroffenheit. Er sah dem alten Lord nur direkt in die Augen, als er die explosive Frage stellte: "Wollt Ihr eine Revolte anzetteln, Mylord?"
Das Schweigen wurde daraufhin fortgesetzt und die Luft schien zwischen dem König und dem ehemaligen Statthalter Perrigons nur zu knistern. Lady Gouldwen sah hilflos zwischen ihren Mann und dem König hin und her, bis sie nervös ihre Hand auf die Armlehne ihres Gatten legte. Ohne den Blickkontakt zu unterbrechen, tätschelte der alte Mann ihre Hand.
"Nein", antwortete dieser schließlich und ein kleines Lächeln schlich sich über das faltige Gesicht. In den trüb gewordenen Augen blitzte Respekt auf, das sich allerdings nicht in den nächsten Worten niederschlug. "Aber ich würde es verdammt nochmal tun, wenn mein König sich nicht nur als grüner Junge, sondern auch als feiger Dreckskerl herausstellt."
Gimli verschluckte sich und hustete, bis er im Gesicht so dunkel war wie sein Bart. Legolas war hin und her gerissen, Gimli vor einem Erstickungstod zu retten und aufzuspringen, um Aragorns Ehre zu verteidigen. Schließlich entschied er sich für den Zwerg, denn Aragorn sah trotz dieser harten Worte sehr lässig aus. Er lächelte sogar. Es war zwar ein sehr feines Lächeln, aber ein Lächeln.
Kerrigan junior war geradezu entsetzt und lief vor Verlegenheit rot an. "Vater, bitte!"
"Halt den Mund, du Schlappschwanz!" schimpfte der alte Mann. "Du hast kein Recht, mir den Mund zu verbieten! Ja und Amen zu diesen idiotischen Anordnungen zu sagen, statt für deine Stadt zu kämpfen. Was fällt dir überhaupt ein?"
"Geliebter, ich bitte dich", wisperte Lady Gouldwen ängstlich. Sie rang die Hände, als traute sie sich nicht, ihren wütenden Gatten anzufassen. "Bitte, denk an deine Gesundheit."
Der alte Mann blickte seinen Sohn immer noch unversöhnlich an, ehe er beruhigend seine große, kräftigen Hand auf die seiner Frau legte. Ihr schenkte er ein gütiges Lächeln. "Keine Sorge, Schatz. Ich achte auf mich."
"Nun, Lord Kerrigan", sagte Aragorn, nachdem sich etwas Ruhe in die Runde gelegt hatte. Er lehnte sich gemütlich zurück und sah dem alten Mann wieder einmal offen an. "Euer König ist kein feiger Dreckskerl."
Der alte Lord sah ihn so hart an, als glaubte er ihm nicht.
"Aber um so mehr bin ich noch ein grüner Junge, wie Ihr es ausgedrückt habt", fuhr Aragorn fort. "Ich habe Fehler gemacht, die unverzeihlich sind, und wahrscheinlich werde ich noch einige machen."
Legolas und Gimli - wieder mit normaler Hautfarbe - Köpfe flogen bei diesen ehrlichen Worten herum. Ein bewunderndes Funkeln trat in den Augen des Zwerges. Aragorn hatte tatsächlich soviel Rückgrat, um sich und anderen seine Fehler einzugestehen und er wußte, daß dieser König etwas unternehmen würde, um es wieder gut zu machen.
Und genauso war es auch: "Ich muß noch viel lernen, aber ich werde nicht vergessen, die Konsequenzen meiner Fehltaten zu tragen."
Der alte Lord sagte immer noch nichts, aber aus den grünen Augen wich die Härte. Aus seinen Worten nicht. Natürlich. "Und wie wollt Ihr das Unrecht an Perrigon wieder gutmachen? Menschen sind bereits an Hunger und ihrem Elend gestorben."
"Für diese Menschen kann ich nichts tun, aber für die, die noch leben und immer noch leiden, werde ich die Steuern selbst ändern."
"Das ist eine gute Idee", mischte sich Legolas plötzlich ein. Die ganze Zeit über hatte er geschwiegen, aber nun ergriff er mit recht viel Elan das Wort. "Aber dazu bräuchtet Ihr natürlich die Bücher, Majestät. Es wird besser sein, mit richtigen Zahlen zu arbeiten als mit bloßen Vermutungen und Gerüchten."
"Das ist sogar ein viel bessere Idee, Hoheit", gab Aragorn etwas grinsend zurück. Dann wandte er sich an den Statthalter. "Mylord, mit Eurer Erlaubnis würde ich mir gerne die Bücher der letzten Jahren ansehen."
"Die Bücher?" quiekte der Statthalter erschrocken und räusperte sich schnell, als alle ihn etwas seltsam ansahen. "Aber wozu gleich die Bücher? Ich könnte Euch eine Liste mit den wichtigen Daten erstellen."
"Der König will die Bücher, also kriegt er sie!" herrschte der alte Mann seinen Sohn an, der sofort in seinem Sessel zusammenschrumpfte. Für einen Augenblick hatte Aragorn Mitleid mit den jungen Mann. Aber andererseits, wenn er sich nicht gegen seinen Vater behaupten konnte, was war er bloß für ein Statthalter? Wie gut diente er dem Königreich? Aragorn mußte bei den Untersuchungen also auch die Rolle des jungen Lord Kerrigan mit einbeziehen.
"Was versprecht Ihr Euch von diesen unhandlichen Dingern? Ist da eine Liste nicht doch etwas übersichtlicher?" fragte Lady Gouldwen, die wohl ihrem Stiefsohn ganz mütterlich zu Hilfe eilen wollte. Ihre Wangen waren vor Aufregung gerötet und ihre großen blauen Augen sahen etwas verloren zwischen den Männern hin und her.
Ihr Gatte legte drückte zärtlich ihre Hände und lächelte nachsichtig. "Das verstehst du nicht, Liebling." Dann sah er Aragorn mit neuem Interesse an und fuhr fort: "Seine Majestät möchte sich lediglich ein Bild von unseren Einnahmen und Ausgaben machen, ehe er eine neue Besteuerung festlegt."
"Aber Majestät, das ist wirklich nicht nötig", versicherte der Statthalter. "Ich bin mir sicher, daß sich im nächsten Jahr alles wieder einrenkt. Unsere Bauern werden sich erholen..."
Kerrigan junior würde in den Untersuchungen ein sehr große Rolle spielen, entschied Aragorn, als er ruhig antwortete: "Ich habe einen unverzeihlichen Fehler begangen. Unschuldigen und hart arbeitende Menschen haben wegen meiner Unwissenheit gelitten. Ich kann mich nicht zurück lehnen und warten, bis sich alles wieder zum Guten wendet. Ich möchte...muß meinen Fehler wieder gutmachen."
"Das solltet Ihr", stimmte ihm Kerrigan senior zu. Er stützte sich auf seinem Stock, als er sich langsam und mit Hilfe seiner Gattin erhob. Wieder ohne Verbeugung, geschweige einem Wort oder einen Blick verließ der alte Mann die Runde. Lady Gouldwen lächelte entschuldigend, während der Statthalter absolut bleich und krank aussah. Gimli verdrehte die Augen und schüttelte hinter dem Rücken des Alten mißbilligend den Kopf. Wirklich, soviel Unhöflichkeit auf einmal war ihm noch nie begegnet.
Aber dann zu Überraschung aller sagte Kerrigan senior auf einmal: "Aber laßt die Bücher bis morgen ruhen. In Perrigon hat schon lange kein König gespeist."
Ein leichtes Lächeln glitt über Aragorns Züge. Die letzten Worte des alten Mannes waren nicht mehr sarkastisch oder unterkühlt. Zum ersten Mal zeigte der Lord so etwas wie eine freundliche Seite. "Das sollten wir ändern, Mylord."
Ende des 17. Kapitels
***********************************************************************
Merkt man eigentlich, daß ich Mtv Cribs gucke?
Zum Schluß noch dies: Was passiert, wenn eine Käseverkäuferin ihren Kunden total unaufdringlich in allen Details die Vorzüge von Gouda anpreist? Die Kunden kaufen gefrustet eine Scheibe Emmentaler und nennen ihre Figuren Gouldwen.
