Alle Wirtschaftsstudenten bitte wegsehen oder es nur vollgedröhnt lesen

Titel: Den Jäger erlegen

Autorin: Sleepy Tiger

Warnung: Ihr laßt euch ja doch nicht aufhalten....

Disclaimer: Lord of the Rings © J.R.R. Tolkien

18. Kapitel: Die Bücher

Sieben Tage später war Gimli soweit, sich sämtlich Barthaare einzeln heraus zu reißen. Sieben lange Tage nichts anderes als nur Zahlenkolonnen zusammenrechnen und nach Unregelmäßigkeiten, unschlüssige Geschäfte und Lücken Ausschau halten. Sein Kreuz tat trotz der weichen Sitzkissen weh und die einzige Abwechslung, die er in den letzten Tagen hatte, war der Sonnenaufgang und -untergang, denn Legolas, Aragorn und er arbeiteten die Tage und Nächte durch. Eigentlich tat das nur Legolas, denn Gimli mußte sich doch hin und wieder auf der Bank ausstrecken und schlafen und Aragorn hatte noch andere Pflichten. Nachdem bekannt wurde, daß sich der König im Perrigon aufhielt, gab er dem lokalen Adel am laufenden Band Audienzen.

Nach dem ersten Tag voller Audienzen hatte Aragorn seinen Freunden den Tip gegeben, den jungen Lord genauer zu durchleuchten. Er hatte den Verdacht, daß dieser alle von seiner Anwesenheit unterrichtet hatte, um ihn von den Untersuchungen abzuhalten. Gimli und der Elbenprinz beherzigten diese Bitte und sahen weiter unermüdlich die Bücher der letzten fünf Jahre durch. Der Zwerg hatte zwar Buchhaltung gelernt, aber in dem kleinen gediegenen Büro seines Vaters und mit den handlichen Büchern, die in jede Tasche paßten. Daher überstieg Perrigons Vorstellung von Buchhaltung seine Kräfte.

Pro Jahr füllten die florierende Geschäfte drei Bücher, die Gimli allesamt bis zur Brust reichten, zwei Handbreit dick waren und nur aus eng beschriebenen Seiten bestanden. Da drinnen wurden minutiös die Einnahmen und Ausgaben der Stadt, jeder Handel, jede Steuereinnahme und -abgabe festgehalten. In den Jahren hatten sich so viele Bücher angesammelt, daß eigens ein Flügel des Palastes zum Archiv umgebaut wurde. Dann waren hier mindestens 30 Buchhalter beschäftigt, die alles nachrechneten und die Gewinne der vergangenen Jahre analysierten, um eine Prognose für die kommenden Jahre zu erstellen. Es war der reine Wahnsinn.

Wenn Aragorn nicht da war, übernahm Legolas das Kommando über die 30 Buchhalter, die zuerst überhaupt nicht glücklich über diese Eindringlinge waren. Am Anfang hatten sie besonders viele Vorbehalte Legolas gegenüber, aber nun beteten sie ihn förmlich an und gehorchten ihm aufs Wort. Sogar Aragorn war von Legolas' Organisation beeindruckt gewesen und hatte ihm nur halb zum Scherz den Posten als Finanzminister angeboten.

Gimli legte die Feder beiseite und schlug verärgert das Buch zu, das er gerade überprüfte. Die Methoden des Statthalters waren absolut konfus. Die Rohstoffe, die in Perrigon abgebaut wurden, wurden in den letzten vier Jahren so knapp, daß die einheimischen Werkstätten nicht richtig versorgt werden konnten. Schlimmer noch, er verkaufte die wenigen Rohstoffe ins Ausland. Vielleicht hatte der alte Lord recht und sein Sohn war ein Idiot. Ein gieriger Idiot.

Gimli konnte sich das Elend auf den Seiten einfach nicht mehr ansehen. Stöhnend stand er auf und durchquerte auf steifen Beinen die Bibliothek auf der Suche nach Legolas. Er fand ihn in der Nähe des großen Kamins im hinteren Teil der Bibliothek und inmitten von Unmengen von Papier, aufgeschlagenen Büchern und seiner Jünger, die stehend, sitzend und sogar kniend seinen Worten lauschten. Der Zwerg nickte Legolas zu, als er sich auf einem Hocker in seiner Nähe niederließ und ihm zusah, wie er unerschütterlich und höchst konzentriert die Bücher durchging und die Buchhalter mit Fragen über diese oder jene Ausgabe oder Einnahme attackierte. Er kam Gimli vor wie ein Kriegsherr, der gerade eine Schlacht plante. Im Moment befragte er die Beamten nach der Ernte und deren Besteuerung.

Ja, die Ernte war eine Sache für sich. Aragorn hatte ihnen von den überdurchschnittlich reichen Erträgen dieser Gegend erzählt und aus dem Gedächtnis einige bombastische Zahlen genannt. Über Jahre hinweg waren die Nahrungsmittelpreise niedrig und die Perrigoner konnten sogar Handel mit anderen Städten leisten. Aber dann vor vier Jahren - welch ein Zufall - reduzierte sich die Ernte auf ein Drittel des üblichen Ertrages und es blieb weiterhin bei exakt dieser Menge. Über vier Jahre. Das war sehr verdächtig. Und nun ließ sich Legolas das von 30 stammelnden Buchhaltern erklären.

Dazu stützte der Elb sich mit beiden Händen auf der Tischplatte ab und sah streng in die Runde. "Wer kann mir bitte erklären, warum seit vier Jahren exakt 8 Tonnen Weizen, 3 Tonnen Obst und 6 Tonnen Gemüse geerntet werden? Und warum machen Milch, Eier und Fleisch nur noch insgesamt 1 Tonne aus?"

"Das sind die Zahlen, die man uns gegeben hat", erwiderte einer zitternd.

"Und Ihr habt Euch nicht gefragt, warum sich nichts geändert hat?" fragte Legolas verdächtig ruhig.

"Vielleicht liegt es ja am Saatgut?" piepste so ein dünner, kleiner Buchhalter schüchtern.

"Am Saatgut?"

"Es könnte teurer geworden sein."

Gimli schüttelte den Kopf und massierte sich die Stirn. Diese Bücherwürmer hatten wirklich außer Zahlen von der Wirtschaft der Region gar keine Ahnung. Die perrigoner Bauern stellten ihr eignes Saatgut her. Eher verkauften sie Saatgut in die anderen Städte als umgekehrt. Das schien auch Legolas zu wissen, denn er sah den Mann so lange an, bis dieser in sich zusammen schrumpfte. "Warum finde ich dann nicht einen Eintrag über den Einkauf von Saatgut in den Büchern? Und vor allem, wo sind die über den Verkauf? Seit vier Jahren wurde nicht ein Samen verkauft und trotzdem ist die Ernte geschrumpft."

Die Buchhalter sahen sich betreten an und jeder suchte die Antwort in den Augen des anderen. Aber natürlich fanden sie keine Antwort. Wieder räusperte sich der kleiner dünne Mann, aber bevor er etwas sagen konnte, flogen die Türen der Bibliothek mit einem Knall auf und Aragorn kam mit Le Tare auf den Fersen herein. Er schien trotz der beherrschten Miene fuchsteufelswild zu sein. Er ignorierte sogar die Beamten, die sich vor ihm verbeugten und schnell verschwanden, als er auf Legolas und Gimli zuging. Ohne jede Einleitung sagte er: "Lest sie". Dann legte er den beiden ein weiteres Buch und einen dünnen Stapel loser Blätter auf den Tisch, die alle beschrieben und mit Tintenflecken übersät waren, als hätte jemand keine Zeit gehabt, sauber zu schreiben.

Gimli wechselte mit Legolas einen Blick, ehe er sich dem Blätterhaufen zuwandte. Von Büchern hatte er genug. Das erste Blatt war an den Rändern zerknittert und eine Ecke war bereits ab. Außerdem roch es verdächtig nach Pferd. In einer unsicheren Schrift und begleitet von einigen Abrutschern der Feder stand in der ersten Zeile: "Situation der Bevölkerung insgesamt, Le Tare."

Gimlis Brauen zogen sich überrascht zusammen. Auf all den Blättern standen die Namen der Ritter, die Aragorn angeblich beurlaubt hatte. Ein Ritter hatte sich mit den Rohstoffbeständen beschäftigt, ein anderer mit einem Ding, das sich Teleskop nannte, und der dritte und vierte schienen einen Steuereintreiber beschattet zu haben. Le Tare und seine Männer wurden offenkundig zur Nachforschungen geschickt. Mit einem schwachen Lächeln sah der Zwerg zu dem Riesen von Hauptmann hoch, der besorgt seinen König beobachtete. "Ihr habt Euch also doch nicht auf die faule Haut gelegt."

Le Tare lächelte schief, als er leise antwortete: "Seine Majestät schickte uns nur zur Tarnung in den Urlaub. Wir haben uns dann in Kneipen und Werkstätten gesetzt und uns mit den Leuten über deren Leben unterhalten. Sobald wir sagten, wie schön es doch war, endlich einen König zu haben, wurden manche sehr wütend und ihre Beschwerden überrollten uns wie eine Sintflut."

Der Zwerg nickte bedächtig und fing an, Le Tares Bericht zu lesen. Es war nur einfach furchtbar. Die Bevölkerung, besonders die Bauern, schienen alles zu hassen, was aus der Hauptstadt kam. Sie verfluchten offen den König und seine elbische Königin. Die Steuern wären mörderisch hoch. Die ärmeren Familien waren binnen einer kurzer Zeit so hoch verschuldet gewesen, daß ihre Kinder verhungerten oder zum Wohl der übrigen Familie verkauft wurden. Nicht nur die Landbevölkerung litt, sondern auch den Handwerkern und Händlern in der Stadt erging es ähnlich. Wenn sie die hohen Steuern nicht zahlen konnte, wurden die Waren genommen und ihnen blieb manchmal nichts für den Handel. Für ihre Existenz.

Der Bericht über die Rohstoffbestände war etwas verwirrend. Der junge Ritter, der sich als Wanderer ausgegeben hatte, um sich unauffällig an den Mienen nähern zu können, schrieb, daß die Mienenarbeiter alle aus dem fernen Süden Gondors waren. Freundlich und sehr fröhlich sei dieses Volk gewesen, die ihm bereitwillig zu essen und zu trinken gaben, während sie von diesen hervorragenden Minen erzählten. Allerdings gaben sie keine Erklärung, warum sie zu so einer äußerst seltsamen Zeit arbeiteten: von Sonnenuntergang bis zu Sonnenaufgang. Als der junge Ritter sich tagsüber wieder an der gleichen Stelle vorbeiging, begegnete er einer kleineren Gruppe von Minenarbeitern, die alle beschworen, aus Perrigon zu sein. Diese erzählten ihm, wie schwer ihre Arbeit geworden war, nachdem sich heraus gestellt hatte, daß die Mienen bald erschöpft waren.

Stirnrunzelnd legte Gimli den Bericht beiseite und ging zu dem Bericht zweier Ritter über, die einen Steuereintreiber beschattet hatten. Die Zahlen, die sie heraus gefunden hatten, deckten sich überhaupt nicht mit denen, die in den Büchern standen. Die Zahlen waren dreimal so hoch! Der Statthalter hatte viel zu erklären.

Zuletzt las er den kurzen Bericht über das Gerät namens Teleskop. Es sollte ein großes Fernrohr sein, wie der Statthalter einmal erklärt hatte, mit dem man Sterne beobachten konnte. Gimli konnte sich zwar nicht vorstellen, wozu das gut war, aber er verstand wohl, daß man damit bei klarem Wetter, die gesamte Küste Gondors sehen konnte. Das dumme war, daß das Teleskop noch gar nicht einsatzbereit war. Der Ritter war wissenschaftlich interessiert und hatte sich Zugang zum Teleskop verschafft. Als er durchsah, bemerkte er, daß die nötigen Gläser fehlten. Das Ding war nichts weiter als eine schön verzierte Röhre. Gimli schnappte nach Luft. Wie hatte der verdammte Statthalter von ihrer Ankunft erfahren?

Legolas unterdessen wunderte sich nicht schlecht über die Dinge, die in dem Buch standen. Es war eins von einem Dock, das offiziell nach dem Krieg geschlossen wurde. Aus wirtschaftlichen Gründen. Aber da standen ganz deutlich Unterschriften von Kapitäne, die dort in den letzten paar Wochen angelegt hatte. Auf diesem still gelegten Dock herrschte reger Betrieb, vor allem nachts. Nach seiner Lektüre sah er auf und entdeckte Aragorn vor dem großen Kamin. Breitbeinig stand er vor dem Feuer und hielt die Arme vor der Brust verschränkt. Sein Kinn lag beinahe auf der Brust, als er finster in die hohen Flammen starrte.

"Es ist einfach unglaublich, was hier geschieht", sagte Aragorn unvermittelt auf Elbisch. Le Tare, der kein Wort verstand, nahm es als Wink, daß Seine Majestät mit seinen Freunden allein sein wollte. Also, entschuldigte er sich und suchte die Bibliothek nach neugierigen Buchhaltern ab, die er mit sich nach draußen nahm. Als die Tür hinter dem letzten Buchhalter zufiel, hieb Aragorn seine Faust gegen den Kaminsims. Der Verputz rieselte protestierend herunter.

"Wie konnte das passieren?" flüsterte der König etwas verzweifelt. Seine Hand öffnete sich und er stützte sich am Sims ab, als seine Schultern herabfielen "Wieso ist es mir nicht früher aufgefallen, daß hier etwas nicht stimmt?

"Aragorn...", fing Legolas bekümmert an. Er ging zu seinem Freund und wollte ihm die Hand auf die Schulter legen. Ihm seine Unterstützung zusichern. Aber der Schmerz seines Freundes war so heftig, daß er seine Trostversuche nicht wahrnehmen würde. Also stellte er sich nur hinter ihm. "Du kannst nicht überall gleichzeitig sein. Es ist nicht deine Schuld."

"Doch, das ist es!" erwiderte Aragorn heftig. Seine grauen Augen funkelten wütend, als er wieder auf und ab ging. "Das ganze Land war in Schutt und Asche gelegt und nur Perrigon blieb verschont. Ich hätte wenigstens fragen müssen, warum das so war. Aber ich habe es nicht getan. Dank meiner Nachlässigkeit konnte ein Vermögen unterschlagen werden. Auf Kosten des Volkes! Und es wurden unschuldige Menschen verschleppt und zuerst nach Isengart und dann in die Fremde verkauft. Einer meiner Freunde wurde ein solches Opfer! Nicht meine Schuld? Ich bin der König! Das Wohl und die Sicherheit dieses Volkes liegt meiner Verantwortung."

"Wenn du dir nur Vorwürfe machst und vor Wut rast, nützt du deinem Volk auch nichts", erwiderte Legolas ruhig, aber Gimli nahm einen harten Ton in seiner Stimme wahr.

"Was soll ich deiner Meinung nach dann tun?" fragte der König bitter. Er holte aus und wollte die Faust erneut gegen die Wand donnern, aber dann atmete er tief aus und ließ die Hand wieder sinken. "Ich fühle mich so nutzlos, Freunde. Ich weiß nicht, ob es richtig war, den Thron zu besteigen."

"Es gibt keinen besseren König für Gondor", sagte Gimli leise und ein aufmunterndes Lächeln ließ seine Augen strahlen. "Du sorgst dich um dein Volk und bist wütend über die Ungerechtigkeit, die ihm widerfährt. Das sind doch schon einmal gute Voraussetzungen."

Ein trostloses Auflachen war die Antwort auf diese Worte, aber es ermutigte Gimli fortzufahren. "Du kannst, was getan wurde, nicht ändern. Nur noch bestrafen und weiteres Unheil abwenden."

Aragorn schwieg lange und lehnte langsam seine Stirn an die Wand. Er seufzte tief und lang, ehe er sich seinen Freunden zu wandte. "Was täte ich ohne Euch?"

"Die Bude abbrennen", gab Gimli trocken zurück.

"Gimli..." Legolas versuchte streng und tadelnd drein zu schauen, aber ein Lächeln bog bereits seine Mundwinkel nach oben. "Bring ihn nicht auf dumme Gedanken."

Ein schelmisches Funkeln trat in Aragorns Augen und das Lachen, das aus seinem Mund kam, war voll und warm. "Das ist eigentlich eine gute Idee. Ich glaube, das werde ich machen."

Tief einatmend stieß er sich von der Wand ab und ging an Legolas vorbei, dem er kurz die Schulter drückte, zum Fenster, das er dann mit einer Hand öffnete. Die Nacht begrüßte ihn kühl und salzig. Wie jedes Mal, wenn er um diese Zeit die Fenster öffnete, in die trostlose Dunkelheit blickte und sich zurück an Arwens Seite wünschte. Aber nie hatte er diese melancholische Schönheit wahrgenommen, die in der Nacht an Gondors Küste innewohnte. Das Meer rauschte leise vor sich hin und der Wind trieb kleine Wellen an die zerklüfteten Felsen unter dem Fenster. Das nasse Gestein glitzerte im Mondschein als wäre es aus Glas. Aragorn schloß die Augen und ließ den Wind durch sein Haar streichen. Kühl und zärtlich legte sich die salzige Meeresluft auf seine Wangen, bewegte die längeren Stoppeln in seinem Gesicht und schlug den losen Kragen gegen seinen Hals. Wie sehr wünschte er sich, es wäre Arwen, die ihre Hände um sein Gesicht legte, an seinen Kleidern zupfte.

Seit er in Perrigon war, spürte er nun tatsächlich Frieden. Tagelang hatte er sich nur wegen des unseligen Schicksal geärgert und sich für seine Unfähigkeit als Herrscher geschämt. Aber nun fiel ihm sogar das Lächeln leichter. Die Lösung für Perrigon nahm langsam Gestalt an und das Wissen, Legolas und Gimli bei sich zu haben, beflügelte seinen Geist. Zu diesen beiden drehte er sich schließlich um.

Beide sahen recht abgearbeitet aus. Gimli schlief schon beinahe im Sitzen ein und unter Legolas' Augen lag ein Hauch eines Schattens. Aber immer noch sorgten sie sich um ihn, vergaßen ihre eigene Ruhe, um ihm beizustehen. Tagelang waren sie in dieser Bibliothek, umgeben von kriecherischen Buchhaltern und Unmengen von falschen Zahlen. Keine Musik, keine Gespräche, kein Lachen. Nur das Kratzen der Feder und das trockene Umblättern von Seiten begleitet vom Meeresrauschen, das meist gedämpft durch die Fensterscheiben kam. Das Salz in der Luft griff das Papier an und der Wind wirbelte nur unnötig die Blätter durcheinander. Gimli hatte nur auf einer harten Bank geschlafen, während Legolas das Schlafen aufgegeben hatte. Sie hatten nur kleine Imbisse zu sich genommen, um keine Zeit zu vergeuden.

Es tat Aragorn unendlich leid, daß er sie das durchmachen ließ. Auch wenn sie klaglos alles über sich ergehen ließen und keine Wiedergutmachung verlangten, wollte er etwas für sie tun, um sie wissen lassen, wie sehr er ihre Hilfe schätzte. Ein Festmahl wäre sicherlich ein Anfang. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber dann...Die Idee kam blitzartig und ließ ihn spitzbübisch lächeln.

"Weißt du schon, wie du...diese Bude abbrennen willst?" wollte Legolas wissen, der diese Veränderung in Aragorns Zügen ablesen konnte. Gimli blinzelte etwas schläfrig, blickte aber wachsam zwischen den beiden hin und her.

Aragorn nickte grinsend und setzte sich mit einem kleinen Sprung auf die Fensterbank. "Ich werde damit anfangen, Le Tare und seine Männer mit den beiden Toten zurück in die Hauptstadt zu schicken und Verstärkung zu holen. Dann werde ich den Statthalter etwas ärgern."

Jetzt war Gimli wieder wach. "Und wie sieht das aus?"

"Ich rufe einige neuen Feiertage aus und lade das Volk zu einem Festschmaus ein. Das sollte Kerrigan auf Trab halten."

Der Elb runzelte besorgt die Stirn. "Einige Tage? Gib es denn genügend Vorräte, Aragorn?"

"Keine Ahnung", erwiderte Aragorn heiter, was den Elben sehr verwirrte. "Aber es würde mich nicht wundern, wenn doch. Sicherlich sind in der Stadt geheime Lager, die für die schmutzigen Geschäfte des Statthalters vorgesehen sind. Und wenn tatsächlich keine Vorräte da sind, werde ich einfach die Wirtschaft der gesamten Küstenregion etwas ankurbeln."

Gimli und Legolas sahen sich verdutzt an und der Zwerg brüllte dann vor Lachen.

"Ich verstehe." Legolas lächelte fein. "Du willst ihn zwingen, sie zu öffnen, sonst gehst du an seine Steuerkasse, um einzukaufen?"

"Hoho...das wird Kerrigan gar nicht gefallen." Gimli grinste böse bei dem Gedanken, wie sehr der Statthalter ins Schwitzen kommen würde, wenn Aragorn das Geld mit beiden Händen ausgab.

"Das soll es auch nicht, Gimli, das soll es auch nicht." Mit einem strahlenden Lächeln und beschwingtem Schritt machte der König sich auf dem Weg, um den Statthalter aufzuscheuchen.

~*~

Lord Kerrigan jun., der Statthalter der wunderschönen Küstenstadt Perrigon, hatte die größten Kopfschmerzen seines Lebens. Er stöhnte leise, als er seinen fünften Becher mit Medizin in sich hinein kippte. Dieser Irrer von König hatte ihn in mitten in der Nacht in seinen Gemächern "besucht" und verkündet, daß er gerne fünf Feiertage ausrufen wolle. Dann war alles außer Kontrolle geraten. König Aragorn schien gar keinen Schlaf zu brauchen, denn am nächsten Morgen hatte er mit Hilfe seines Vaters bereits den gesamten Hofstaat unter der Knute und gab laufend Befehle, um ein riesengroßes Fest zu organisieren. Dieser kranker Mensch wollte das gesamte perrigoner Volk verköstigen! Mit seinem Geld! Kerrigan war nicht früh genug aufgestanden, um die Schatzkammer zu retten, und hatte es gerade mal so geschafft, seine "Pirvatsilos" vor dem König zu verbergen.

Er hatte gedacht, daß er durch das illegal eingelagerte Weizen seine Kassen wieder füllen konnte, aber der König ließ alle Docks öffnen, um Ware aus den anderen Küstenstädten zu beschaffen. Obendrein waren die Zölle während der Feiertage weggefallen. Auf dem Hafen herrschte ein Ausnahmezustand! An die nächtlichen Übergaben und Transporte auf den stillgelegten Docks war gar nicht mehr zu denken. Überhaupt lagen seine Geschäfte auf Eis.

Überall und zu jeder Tageszeit liefen Leute herum, die die Stadt schmückten. Musikanten, Schausteller, Akrobaten strömten durch die erhabenen Tore Perrigons. Menschen tanzten auf den Straßen und freuten sich an den kleinen Geschenken des Königs: Goldmünzen aus seiner Truhe! Er ging unters Volk und verteilte Essen an den Hungernden, lud Bettler wie reiche Händler zu dem Festmahl in einigen Tagen ein. Und alle liebten ihn!

Die Stirn in tiefe Furchen gezogen, schleppte sich Kerrigan die gewundenen Stufen hinauf zu seinen Gemächern. Es kostete ihn etwas Kraft die schwere Tür zu öffnen und wieder zu schließen. Wie immer begrüßte ihn die wohlige Wärme des brennenden Kamins und das weiche Licht der Kerzen, das die teuren Seidenlaken seines großen Bettes schimmern ließ.

Heute war er damit beschäftigt gewesen, den König vom dem Teleskop fernzuhalten. Die Gläser waren schließlich noch nicht drin und man würde ihn der Lüge überführen: Wie war es möglich, daß er, Kerrigan, den König auf dem Meer entdecken konnte, wenn das Teleskop noch gar nicht einsatzbereit war? Was hätte er da sagen sollen? Etwa: "Oh, mein König, ich habe da einen zuverlässigen Sklavenjäger, der Euch im Orkwald gesehen und mir Bescheid gegeben hatte"?

Undenkbar!

Kerrigan nahm die Mütze ab, die er als Statthalter trug und steuerte den Tisch in der Zimmermitte an. Dort stand eine weitere Karaffe mit Medizin gegen seine Kopfschmerzen. Er goß sich wieder welche ein und spülte das ganze mit etwas süßen Wein nach. Seufzend ließ er den Kopf nach hinten in den Nacken rollen und schloß die Augen. Was für ein Tag...

"Na, seid Ihr nicht froh, daß ich Euch gewarnt habe?" Kerrigan ließ vor Schreck den Becher fallen, aber bevor er auf dem Boden zerschellte, wurde er von seinem besten Sklavenlieferanten aufgefangen, der ganz plötzlich vor ihm stand. Ohne Kapuze und im Kerzenlicht war er noch häßlicher und abstoßender als im Mondschein. "Meine Güte, paßt doch auf!"

Der Statthalter sprang zurück und blickte den Ork entsetzt an. "Was machst du hier?"

"Geschäfte", erwiderte der Dunkelelb nonchalant, wie sich der Ork zu nennen pflegte.

"So? Ich habe nichts bestellt."

"Es geht nicht um Ware. Es ist persönlicher Natur."

"In meinem Palast?"

Der Dunkelelb lachte heiser. "Euer Palast? Es sieht mehr danach aus, als hätte Euer Vater wieder übernommen."

"Daran bist du schuld!"

"So?"

"Legolas Grünblatt ist hier."

"Kein Wunder. Ihr habt ihn laufen lassen."

"Daran bist du auch schuld!"

"Wer wollte sieben Elben?"

"Ich habe nicht nach Legolas Grünblatt und seinen Brüdern verlangt!"

"Ihr habt aber auch nicht gerade diese ausgeschlossen."

"Hör' auf damit!" zischte der Statthalter wütend. In seinen Schläfen pochte es wieder. "Der König ruiniert mich! Bald wird die Stadt bankrott sein!"

"Ihr meint, Ihr werdet bankrott sein."

"Ja, ICH werde bankrott sein! Also, denk lieber nach, wie wir uns retten. Damit eins klar ist, wenn ich untergehe, nehme ich dich mit und dann du deine Pläne vergessen."

Das waren mutige Worte für einen Mann wie Lord Kerrigan. Dieser Ork, der sich Dunkelelb nannte, war gefährlich. Das hatte er mehrmals zu spüren bekommen. Auch jetzt meinte er an den Haß, der ihm aus den funkelnden Augen des Orks entgegen schlug, zu ersticken.

Schließlich sagte das dunkle Wesen: "Ich werde mich um Grünblatt und den Zwerg kümmern. Sind die beiden erst einmal ausgeschaltet, wird der König verunsichert sein."

Der Statthalter explodierte fast. "Du lernst es wohl nie! Das gleiche hast du auch über die beiden Adjutanten gesagt, die hier waren. Und was ist passiert? Der König ist hier!"

Der Dunkelelb verdrehte die Augen. Er hatte wirklich wichtigeres zu tun, als sich mit diesem Jammerlappen zu beschäftigen. "Dann beseitigt den König."

"Bist du wahnsinnig? Das ist der König!"

"Na und? Gibt es denn keinen Nachfolger?"

"Sein Nachfolger muß noch erst geboren werden", antwortete eine samtene Stimme aus dem Dunkeln. Kerrigan bekam beinahe einen Herzinfarkt und griff sich an die Brust, während der Dunkelelb wütend fluchte, sein Schwert zog und sich umblickte. Zuerst sah er niemanden und es machte ihn nervös, daß er niemanden gerochen hatte. Aber dann löste sich eine in schwarz gehüllte Gestalt aus dem dunklen Schatten eine Ecke und kam langsam auf die beiden Streithähne zu. Der lange Umhang verdeckte alles und die Kapuze hing ungewöhnlich tief im Gesicht. Es war ein Wunder, daß sich diese Gestalt nicht über den Saum stolperte. Als sie bei den beiden stand, deutete der Statthalter fahrig eine Verbeugung an, während der Dunkelelb unwillkürlich einen Schritt zurückwich und nach seinem Dolch im Gürtel faßte. Es war nicht das erste Mal, daß er diese geheimnisvolle Person traf. Aber jedes Mal hatte er das Gefühl in einer Grube mit Giftschlangen zu stehen.

Die Gestalt wandte sich zu dem Dunkelelben, als sie fortfuhr: "Wenn der König tot ist, wird diese elbische Schlampe regieren, bis der Thronfolger im richtigen Alter ist. Lord Elrond von Bruchtal, der Großvater dieses Kindes, wird ihr sicherlich seinen persönlichen Stab zu Hilfe schicken."

"Dann ist erst recht alles verloren", fügte Kerrigan hinzu. "Mit Arwen als Regentin und Elrond als Schutzpatron geht es Perrigon an den Kragen!"

"Ah, dann denkt Euch selbst was aus", murrte der Dunkelelb ungeduldig. Er fand diese politischen Dinge völlig uninteressant. "Ich bin nur hier, weil ich wissen will, wo sich dieses Mädchen aufhält."

Kerrigan riß die Augen auf und die tief verhüllte Gestalt fuhr den Dunkelelb wütend an: "Wovon redest du, Ork? Was für ein Mädchen?"

Der Dunkelelb haßte es, Ork genannt zu werden. Nach seinem Verständnis war er keiner. Aber er wagte es nicht, die verhüllte Gestalt deswegen zurecht zu weisen. Also schluckte er seine Wut hinunter und antwortete ruhig: "Mit eurem König ist ein Mädchen gekommen. Eine Kriegerin aus dem Norden. Das Weibsbild hat viel Schaden angerichtet. Meine Leute wollen Rache und ehe sie sie nicht haben, arbeiten sie nicht. Ihr könnt euch ja vorstellen, daß das unsere Geschäftsbeziehungen beeinträchtigen könnte. - Also, wo ist sie?"

"So ein Quatsch! Da war kein Mädchen dabei!" gab Kerrigan heftig zurück. Auf seiner Stirn bildeten sich erste kalte Schweißperlen. Je länger er dem Dunkelelb zugehört hatte, desto größer wurde seine Panik und seine Kopfschmerzen kehrten zurück. Wenn das alles stimmte, mußten sie auch etwas gegen dieses Gör unternehmen. Eine Kriegerin aus dem Norden...doch nicht etwa eine dieser Ifrey Kopfgeldjäger? Dabei waren Grünblatt und der König schon zwei große Probleme. Verzweifelt sah er zu der kleinen, verhüllten Gestalt, die reglos und schweigend neben ihm stand. "Was sollen wir tun?"

Der Dunkelelb verdrehte die Augen und murmelte etwas von unglaublicher Dummheit.

"Was zu tun ist?" wiederholte die verhüllte Gestalt mit samtweicher Stimme. Kerrigan jagte sie einen kalten Schauer über den Rücken. "Sucht das verdammte Miststück!"

Ende des 18. Kapitels

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Auch wenn ich Wirtschaft und Politik (unter anderem) studiere, heißt es nicht, daß ich tatsächlich Ahnung davon habe. ^________^ Und natürlich gibt es bald ein Wiedersehen zwischen Legolas und Asani!

Hab euch alle lieb und werde mich jetzt um das nächste Kapitel kümmern. Aber freut euch nicht zu früh, mein Semester hat wieder angefangen. .