Titel: Den Jäger erlegen

Autorin: Sleepy Tiger

Warnung: Ich bin den anonymen Kitschautoren beigetreten...ja, soweit ist es also mit mir gekommen.

Disclaimer: Lord of the Rings © J.R.R. Tolkien

Kapitel 20: Zwiesprache im Grünen

Ein paar Tage waren vergangen. Tage, nicht Jahre und schon gar nicht Jahrhunderte. In diesen wenigen Tagen waren seine Gedanken zerstreut und auf der Suche nach ihr gewesen. Immer wieder hatte er sie in seinen Erinnerungen gefunden. Auf dem Trainingsplatz von Lorien, der kleinen Zelle unter Perrigon, im Bett keuchend und windend unter ihm. Gewaltsam hatte er diese Bilder unterdrückt, war doch anderes wichtiger gewesen. Doch er hatte sich wohl geirrt. Denn sein Herz machte gerade mit seinem schmerzhaften Pochen deutlich, was tatsächlich wichtig war, und beschleunigte heimtückisch seinen sonst so ruhigen und langsamen Rhythmus. Es wollte zerbersten.

Wenn er schon jetzt so empfand, würde er dann sterben, wenn sie ein Wiedersehen nach einer Trennung nach mehr als nur ein paar Tage hätten? Nach Jahren? Nach Jahrhunderten? Er wollte es nicht wissen. Für ihn würde es keine Trennung mehr von ihr geben.

"Habt...Ihr...denn...kein...verdammtes...Schamgefühl...Legolas...Grünblatt?" Die Worte kamen sehr langsam und sehr betont aus ihrem Mund. Sie war wütend und es kostete sie sehr viel Mühe, sich zu beherrschen. Legolas' Brauen hoben sich fragend, als sie mit geballten Fäusten auf ihn zu stapfte.

"NEIN!!!" Lucille stürzte hinter Legolas hervor und warf sich mit einem verzweifelten Schrei Asani entgegen. Weinend und flehend umklammerte sie ihre Beine. Da Asani ziemlich unvorbereitet auf diesen Angriff gewesen war, schwankte sie bedenklich und fiel mit einem Keuchen ins Gras.

"Lucille!" Wütend und genervt versuchte sich Asani aus Lucilles Griff zu entwinden. "Laß verdammt noch eins los!"

"NEIN! NEIN! NEIN!" kreischte Lucille immer wieder und nagelte das andere Mädchen mit ihrem gesamten Gewicht am Boden fest. Sie drehte ihr tränennasses Gesicht zu Legolas und flehte ihn an: "Bitte, lauf weg, mein schöner Elb. Bitte, lauf!"

"Lucille!" schrie Asani erbost. "Geh runter von mir!"

"Ich lasse nicht zu, daß ihm weh tust!" schrie Lucille hysterisch ins Asanis Gesicht. "Du bist schon immer so ein Miststück gewesen, Asani! Ich verstehe überhaupt nicht, warum Oberon dich das hier machen läßt."

Asani japste verzweifelt nach Luft. Als sie der Länge nach hingefallen war, hatte es ihr schon den Atem geraubt. Dann setzte sich diese Irre genau auf ihren Brustkorb, der ja schon unter dem eng geschnürten Mieder litt. "Lucille! Hör auf!"

"Du...du hast noch nicht einmal den Mumm, die Verbrecher auf der Straße zur Strecke zu bringen!" keifte Lucille völlig in Rage. "Ständig lockst du sie hierher und erlegst sie wie wilde Tiere!"

"Oberon besteht darauf, daß ich das hier tue und außerdem bin ich dir keine Rechenschaft schuldig", schoß Asani zurück und warf Lucille von sich. Schwerfällig setzte sie sich auf und kämpfte sich schweratmend auf die Füße. Sie funkelte Legolas dabei an, der das Ganze etwas besorgt beobachtet hatte. Er kam ihr entgegen, um sie zu stützen, als Lucille sie wieder zu Fall brachte.

"Lucille!" stöhnte Asani gequält. "Laß das sein! Ich bin keine deiner Kundinnen."

Das blonde Mädchen packte Asani am Kragen und schüttelte sie, als wollte sie ihren Kopf auf den Boden aufschlagen. "Tu ihm nicht weh, Asani! Das verbiete ich dir! Hast du schon einmal daran gedacht, daß er nicht der ist, den du suchst?"

"Ich will ihm nicht wehtun", erwiderte Asani unwillig.

"Nicht wehtun?" schrie Lucille wieder und deutete auf das Schwert im Baumstamm, das sich langsam wieder in Luft auflöste. Es kehrte zu seiner Herrin zurück. "Warum hast du das Schwert nach ihm geworfen?"

"Mir war danach!" brüllte Asani unwirsch zurück.

"Willst du mir sagen, du willst ihn aus Spaß wehtun?" schrie Lucille fassungslos. "Du bist so widerlich, Ifrey! Du bist wirklich so ein kleines, gemeines, böses Gör!"

Sie sträubte sich sehr, als jemand von hinten seine Arme unter ihre schob und sie von Asani hochhob. Es geschah sanft und vorsichtig. Als wäre sie ein rohes Ei. Das ließ sie in ihrer Raserei innehalten und hochblicken. Über ihr stand der schöne Elb, der beruhigend sie anlächelte. "Keine Sorge, Lucille. Asani wird mir nichts antun."

"Da wäre ich mir nicht so sicher", brummte Asani laut genug, um Lucille wieder aufzuschrecken.

Da Legolas sie festhielt, konnte sie sich nicht wieder auf Asani stürzen, daher warf sie sich diesmal an Legolas und hielt ihn beschützend an sich gedrückt. "Du wirst ihm nichts tun! Ich sag das Oberon!"

"Fräulein Lucille...", begann Legolas seufzend und befreite seine Kleider aus ihrem Griff und brachte seine langen Haare in Sicherheit.

"Er hat nichts gemacht und wenn, dann hatte er bestimmt einen guten Grund!" verteidigte Lucille ihn weiter.

Erschöpft blieb Asani auf den Boden liegen, als würde sie erwarten, daß Lucille sich wieder auf sie setzen würde. "Lucille, ich will ihn nicht verletzen und es gibt kein Kopfgeld auf ihn."

"Das sagst du nur, damit ich ihn dir überlasse!" weinte Lucille. "Du bist so ein falsches Miststück, Ifrey!"

Seufzend drehte sich Asani auf den Bauch und stemmte sich auf Knie und Hände. "Er ist mein Waffenbruder."

"Waffenbruder?" wiederholte Lucille verwirrt. "Was soll das sein?"

Asani seufzte. Es würde zu lange dauern, um ihr alle Aspekte einer solche Bruderschaft zu erklären und sagte daher: "Er gehört zur Familie. Wie gesagt, er ist mein Bruder."

"Das ist kein Witz?"

"Nein."

"Oh." Lucille blickte mit großen Augen zu Legolas hoch. "Du bist wirklich ihr Dings? Ihr Waffenbruder?"

"Ja", erwiderte er lächelnd und legte seine Hände über ihre, um ihren Klammergriff zu lockern. "Das bin ich."

Asani stand auf und klopfte sich den Rock ab. "Du kannst ihn loslassen, Lucille."

Lucille ignorierte Asani und lächelte Legolas breit an. "Wirklich?" Sie ließ zwar seine Sachen los, aber gleich beim nächsten Wimpernschlag schlüpften ihre flinken Hände unter einen Kleidern, um genießerisch über die glatte, feste Haut an seinem Rücken zu streichen. Wohlig rieb sie ihre Nase an seinem Bauch. "Na, wenn das so ist..."

"Lucille, du kannst ihn loslassen", wiederholte Asani und diesmal klang es sehr, sehr ruhig.

"Och, du Spielverderber!" schmollte Lucille und legte eine Hand auf seine nackte Brust. "Willst dich wohl selbst mit ihm amüsieren, was?"

"Man amüsierte sich nicht mit seinem Waffenbruder.- Nimm deine Hand da weg!"

Lucille sah gerade zu entsetzt aus. "Hast du eine Ahnung, was für eine Verschwendung das ist? Du hast einen schönen Elben jederzeit in deiner Griffweite und du machst nichts mit ihm! Du solltest dich so schämen, Asani."

"Lucille!" stöhnte Asani verzweifelt, während ihr eine unbändige Röte ins Gesicht schoß. "Denkst du immer nur an das?"

"Also, wenn du doch nichts von ihm willst, kannst du mir wenigstens eine Nacht mit ihm..."

"Nein!" unterbrach Asani entsetzt.

"Dann die halbe Nacht?" bettelte Lucille weiter und brachte Asani fast zum Schreien. "Eine Stunde?"

"Nein, verdammt!" Asani stemmte ihre Hände in die Hüfte. "Und auch keine fünf Minuten!"

Lucille verzog wieder ihren hübschen Mund und legte beide Arme um den Elbenprinzen, der stumm zwischen den beiden Mädchen hin und her sah. Seit er Asani kannte, passierten lauter groteske Dinge. Zum Beispiel war er nie zuvor der Zankapfel zweier Frauen gewesen. Er dachte, er würde es als sehr unangenehm und unpassend empfinden. Wer wollte schon, daß man sich nur wegen einem stritt? Aber es faszinierte ihn, wie Asani versuchte, Lucille zu verscheuchen und zu seiner endlosen Genugtuung verfolgte sie dieses Ziel mit ungewohnter Heftigkeit. Sie war einfach nicht bereit, Lucille das Feld zu überlassen. Was immer ihre Beweggründe waren, sie waren ihm herzlich egal. Allein, daß sie es tat, fand er sehr...erregend.

Lucille wollte hingegen auch nicht die Waffen strecken und versuchte es wieder: "Asani, ich habe Geburtstag! Sei nicht so gemein!"

"Den hattest du vor zwei Monaten!" erwiderte Asani scharf.

Lucille schnalzte genervt mit der Zunge und verzog den Mund, als wollte sie sagen "Sei nicht so kleinlich!". Aber dann schlich sich ein hinterlistiges Funkeln in ihre grünen Augen, mit denen sie zu Legolas hochblickte. "Und was sagst du dazu, mein schöner Elb?"

"Gar nichts", antwortete Asani an seiner Stelle. Ihr Gesicht verfinsterte sich, als er aus einem unerfindlichen Grund leise lachte.

"Warum lassen wir es nicht ihn entscheiden?" Lucilles schlanke Hand strich zärtlich über seinen Bauch und verschwand mit einem Male in seiner Hose. Legolas und Asani schnappten gleichzeitig nach Luft, als sich diese Hand gegen seine Geschlechtsteile preßte. Legolas hielt diese vorwitzige Hand fest und zog sie schnell heraus. Seinen tadelnden Blick quittierte Lucille mit einem breiten Lächeln und einem bedeutungsvollen Heben ihrer Augenbrauen.

"Lu...cille", knurrte Asani und lenkte die Aufmerksamkeit wieder auf sich.

"Ja?" Das blonde Mädchen sah aus wie eine Katze, die gerade ein Schälchen Sahne entdeckt hatte. "Was ist?"

Asanis Augen verengte sich zu Schlitzen und aus denen die Härte und eisige Grausamkeit ihres Mithrilschwertes sprachen. Ihre Wangen waren gerötet, während ihre Lippen fest zusammen gepreßt waren. Das beeindruckte Lucille jedoch nicht im geringsten, denn hochnäsig und triumphierend sagte sie: "Na, na, na! Du weißt, daß du mir nichts antun darfst. Ich bin Oberons Liebling."

"Wenn ich mit dir fertig, nicht mehr!" knurrte Asani und zückte ein schmales Stilett. Geschickt wirbelte sie es einmal herum und fast in der gleichen Geste fand sich die blitzende Spitzen an Lucilles Kehle wieder. "Verschwinde."

"Ist ja gut! Ist ja gut!" rief das blonde Mädchen entsetzt und suchte erst krabbelnd, dann laufend das Weite.

Legolas wollte sagen, daß das gerade vorhin doch etwas übertrieben war und Lucille trotz ihrer Aufdringlichkeit und Frechheit so eine Behandlung nicht verdient hatte, als er einen leichten Brandgeruch bemerkte. Es roch nach verbrannten Fleisch und als er sich Asanis Hand ansah, mit der sie immer noch das Stilett hielt, wußte er auch, woher es herkam. Die zierliche Klinge glühte förmlich in ihrer Hand und er hörte zu seinem schieren Entsetzen ein leises Zischen. Es qualmte sogar.

"Verdammt! Verdammt! Verdammt!" Asani ließ das Stilett fluchend ins Gras fallen und ballte ihre Hand wieder zur Faust, während sie zusammen gekniffenen Augen versuchte, den Schmerz zu ignorieren.

"Närrin!" Legolas' Stimme zitterte, als er ihr Handgelenk packte und so fest zudrückte, daß sie wieder die Hand öffnen mußte. "Laßt die Hand offen! Verletzt Euch nicht noch mehr."

Er ignorierte rigoros ihr Sträuben und zwang sie, ihre Hand aufzuhalten, während er nach etwas suchte, um ihre Schmerzen zu lindern. Sein Blick fiel auf dünne Klinge, die zu seinen Füßen lag. Er erkannte das Stilett wieder. Es war das gleiche, das sie damals benutzt hatte, um seine Handschellen und die Zellentür zu öffnen. Er befühlte das Stahl mit den Fingerspitzen und fand es zu seiner maßlosen Überraschung kalt und fest wie jedes Metall. Wie konnte sie sich dann die Hand so verbrennen? Er sah sich wieder ihre Hand an und bemerkte, wie die Selbstheilung einsetzte. Die Brandblasen bildeten sich zurück und die Wunde schloß sich allmählich. Hatte das auch mit ihren Schwert zu tun? War das etwa die Strafe ihres Schwertes, wenn sie eine andere Waffe als ihn benutzte? Legolas hielt ihr Handgelenk eisern fest und blickte ihr scharf ins Gesicht: "Kann man Euch nicht einen Augenblick allein lassen? Ihr wißt doch, daß Ihr dem Schwert Treue geschworen habt. Was habt Ihr Euch dabei gedacht?"

"Was habt Ihr Euch dabei gedacht?" schoß sie zurück und entriß ihm ihr Handgelenk, um ihn gleich weiter anzufauchen: "Ihr seid wirklich unmöglich, Legolas! Ich krieche tagelang durch Dreck, untersuche Berge von Leichen und muß hier saubermachen und Ihr...Ihr...hurt herum!"

"Ihr seid ungerecht", erwiderte er betroffen. "Das habe ich nicht getan."

"Und was war das vorhin?"

"Ich habe sie dazu nicht ermutigt."

"Das sah aber nicht so aus!" Sie schnippte voller Verachtung gegen seinen offenen Kragen. "Außerdem braucht Ihr sie nicht zu ermutigen! Bei Euch ist das völlig unnötig! Aber wie konntet Ihr Euch darauf einlassen?"

Ihm blieb er Mund offen stehen. Hatte sie ihm gerade zu verstehen gegeben, daß er unwiderstehlich war? War er es auch für sie?

Sie riß ihn jedoch aus seinen Tagträumen, indem sie ihre Faust in seinen Magen hieb. "Verdammt, Legolas! Wie konntet Ihr mir das antun?"

Aber Legolas reagierte schneller und fing ihre Hand ein, bevor sie ihn traf. "Was habe ich Euch getan?"

"Das wißt Ihr ganz genau", zischte sie und versuchte ihren Arm zu befreien.

Aber Legolas hielt sie fest. Er war wütend. Sehr wütend. Seine andere Hand hob ihr Kinn hoch, damit sie ihm in die funkelnden Augen sehen konnte. "Nein, das weiß ich nicht. Ihr müßt mir schon sagen, was Ihr meint. Was habe ich Euch angetan?"

Legolas hätte sie am liebsten geschüttelt. Denn schon wieder blickte sie ihn aufsässig und trotzig an. Dann hatte sie auch noch die Frechheit, ihr Gesicht wegzudrehen und zu antworten: "Nichts."

"Nichts!?!" wiederholte er ungläubig. "Wenn Ihr mir nicht sagt, was los ist, schneide ich Euch die Ohren ab!"

"Ha!"

Legolas' Miene verfinsterte sich bedenklich und er packte Asani an den Oberarmen. Ein Muskel in seiner Wange zuckte etwas, als er sie auf Augenhöhe hob und gegen einen Baum drückte. Er machte einen Schritt auf sie zu und klemmte sie zwischen sich und dem Baumstamm ein.

"Was soll das, Legolas?" schrie sie erzürnt und strampelte hilflos mit den Füßen in der Luft. "Laßt mich wieder runter!"

"Nicht bevor, Ihr mir geantwortet habt."

"Das ist lächerlich!"

"Antwortet!"

Beide maßen sich lange mit feindseligen Blicken, nachdem Asani es aufgegeben hatte, ihn von sich zu stoßen. Als sie dann auch einsah, daß dieser Elb es ernst meinte und nicht gewillt war, sie gehen zu lassen, gab sie widerwillig und nur mit abgewandtem Gesicht eine gewispert Antwort: "Es geht mich nichts an, was Ihr tut...mit wem Ihr was tut."

Überrascht sah er sie an. Sie war eifersüchtig. Er hatte diesen Zorn in ihr gespürt. Aber nicht ihr verletztes Herz, das von Minute zu Minute mehr zerbrach. Aber nun hatte es sich bei diesen Worten vor ihm offengelegt. Diese Unsicherheit, die ihr die Kehle zuschnürte und die Tränen in die dunklen Augen trieb. Und das nur, weil sie eifersüchtig war. Es war dumm. Es war unnötig. Es ließ sein Herz hüpfen. Er ließ seine Fingerspitzen sanft über ihre Wange bis zu ihrem gesenkten Kinn gleiten und hob es etwas an. "Tut das nie wieder."

Mit einem Ruck befreite sie ihr Kinn von seiner Berührung und ihre Augen verengten sich vor Zorn. "Ich weiß, daß es mich nichts angeht", erwiderte sie mürrisch und startete erneut den Versuch, von ihm wegzurutschen. Aber er hielt sie fest und schmiegte sie dicht an sich. Sie wollte noch ihr Gesicht wegdrehen, als er seine Wange an ihre lehnte. Aber er folgte jeder ihrer Bewegungen und schließlich lag sein Gesicht an ihrem Hals. Es schien eine Ewigkeit zu vergehen bis er endlich den Kopf hob, um sie anzusehen. Sie hätte gern gesagt, daß er das lassen soll, aber sie brachte nicht ein Wort über die Lippen. Er war ihr so nah, daß sie seinen Atem auf ihren Lippen spürte und viel zu schnell viel zu tief in seinen Augen ertrank.

"Ihr sollt es nie wieder tun, weil ich es nicht ertrage, Euch bluten zu sehen", erklärte er geduldig.

"Ich blute nicht", erwiderte sie störrisch und versuchte, nicht allzu verstört auszusehen. Denn das war sie: sie war von seiner Nähe und den gewisperten Worten völlig verstört.

"Ich ertrage es nicht, Euch verletzt zu sehen", fuhr er genauso leise fort. Sie erstarrte, als seine Lippen beim Sprechen ihre berührten. Es war nicht mehr als ein Kitzeln einer Feder, aber es ging ihr durch Mark und Bein. Es wurde nicht besser, als er seine Nase sanft an ihrer rieb und dabei einen Seufzer von sich gab, als müßte er viel schlimmeres ertragen. "Ich will nicht, daß du dich meinetwegen verletzt...denn das würde mir das Herz brechen."

Dieses "du" aus seinem Mund zu hören, klang viel zu intim und lähmte so einige lebenswichtige Funktionen in ihrem Körper. Ihr Verstand hatte sich verabschiedet, als sie Lucille auf Legolas herum krabbeln gesehen hatte, aber jetzt vergaßen auch ihre Lungen den Zweck ihrer Existenz. Die Folge war, daß ihr Herz verzweifelt den wenigen Rest an Sauerstoff in ihre Adern pumpte und dabei so ein Getöse machte, daß seine Schläge ihr bis in die Ohren dröhnte. Noch unangenehmer war, daß ihr schwindelig wurde und sie sich wehrlos in die Arme dieses Elben schmiegen mußte. Sie ließ es zu, daß er beide Arme um sie legte und ihren Kopf an seine Schulter drückte. Seine langen Finger wühlten zärtlich in ihrem Haar und strichen beunruhigend sanft über ihren Nacken. "Weißt du, was passiert, wenn einem Elb das Herz bricht? - Er stirbt."

Er zog ihren Kopf an den Haaren zurück, damit sie ihn ansah. Das hätte er vielleicht nicht tun sollen, denn so sah sie dieses Lächeln auf seinem Gesicht, das sie zu der nächsten Antwort provozierte: "Auch gut, dann wäre ich dich los."

Er war nicht wütend oder verletzt von diesen Worten. So giftig und böse sie klangen, in ihren Augen sah er etwas ganz anderes. Angst...Unsicherheit...Sorge...Sehnsucht...und ganz gewiß eine für sie erschreckende Erregung. Lächelnd neigte er das Gesicht zu ihrem und hörte sie dabei scharf einatmen. Sein Lächeln vertiefte sich und er küßte sie auf die Lippen. Neckisch zog er ihre Oberlippe zwischen seine und beobachtete sie unter halb gesenkten Lidern. Gerade als er ihre Kapitulation spürte, zog er sich zurück. Er freute sich, daß sie überrascht die Augen öffnete und er für den Bruchteil eines Momentes Enttäuschung entdeckte.

"Willst du mich wirklich loswerden?" fragte er nah an ihren Lippen, "Willst du wirklich meinen Tod?"

Sie vermochte nicht zu antworten. Sei es wegen seines Kusses oder dieser Fragen.

"Wenn du ihn willst, sag es", fuhr er ernster fort und zog das bereits geöffnete Hemd wieder etwas auf. Dann nahm er ihre Hand und legte sie genau auf sein Herz. "Ich gäbe ihn dir gern."

Sie blinzelte ihn einige Male ungläubig an...oder diente es nur dazu, die Tränen zurückzuhalten, die ihre Augen verräterisch glänzen ließen? Er wollte seine Worte abmildern. Wahrscheinlich hatten sie sie doch etwas erschreckt, aber dann schlug sie ihm auf die Schulter. "Du...du...du blöder Elb!"

Legolas verzog das Gesicht und hielt ihre Faust fest. "Soll ich jetzt schon sterben?"

"Du Idiot!"

"Oder darf ich hoffen, daß du dir nichts aus meinem Tod machst?"

Ihre Antwort war etwas in ihrer Sprache, das verdächtig nach einer wüsten Beschimpfung klang. Er erkannte die Wörter "blind", "taub" und "krank" wieder. Es konnte auf keinen Fall sehr schmeichelhaft sein. Tief seufzend nahm er sie in die Arme, ignorierte ihr Sträuben und Fluchen und schob ihr Haar beiseite um seine Wange an ihrem Hals zu schmiegen. Seine Lippen strichen über die warme Haut dort, als er leise wisperte: "Mir wäre es lieber, ich bliebe am Leben...wie sonst soll ich dir überallhin folgen?"

Sie wurde plötzlich ruhig und er spürte an seiner Wange, wie sie schluckte. "Ihr würdet...du würdest es tun, nicht wahr?"

Er nickte zuerst und als von ihr lange keine Reaktion kam, sagte er: "Ich gab dir dieses Versprechen als du mir deines gabst und ich halte es wie du deines halten wirst."

"Gut." Das war alles, was sie sagte. Sie wandte ihr Gesicht ab und wollte sich aus seiner Umarmung lösen, aber er hielt sie fest und zwang sie, ihn anzusehen. Denn sie fing wieder an zu blinzeln. Diesmal war er sich sicher, daß sie den Tränen nahe war. Ihre Lippen zitterten verdächtig und sie schluckte zu schwer. Außerdem schniefte sie bereits leise. Aber sie war immer noch imstande, ihn wütend anzublicken. "Laß mich gehen, Legolas."

Ein wehmütiges Lächeln trat in seine Augen. Zärtlich strich er ihr die Haare aus der Stirn, die er dann küßte. "Nein."

"Nein?" wiederholte sie wispernd.

Lächelnd schüttelte er den Kopf und tupfte einen Hauch eines Kusses auf ihre Nasenspitze. "Nein. Nein. Nein." Bei jedem Nein folgte ein weiterer Kuß in Richtung ihrer Lippen. Sein Lächeln vertiefte sich, weil ihr Herzschlag mit voller Wucht gegen seine Brust pochte, weil er sie zitternd und bebend einatmend hörte, weil sie zögernd die Arme um seinen Hals legte, weil ihr Körper sich an seinem schmiegte, weil sie den Mund öffnete, weil sie darauf wartete, von ihm geküßt zu werden.

Er legte eine Hand an ihre Wange und blickte ihr tief in die Augen, während er mit dem Daumen sanft ihr Kinn etwas herunter drückte. Es fing mit einem Kuß auf ihrer Unterlippe an, die dann genußvoll zwischen seine gezogen wurde. Das verspielt zärtliche Nagen seinerseits ließ sie neugierig werden und sie versuchte es mit seinen Lippen. Ein kleines Keuchen und eine kleine Drehung ihres Kopfes ihrerseits ermutigte ihn einen Schritt weiterzugehen und seine Zunge in ihren Mund gleiten zu lassen...

"LEGOLAS!!!!"

Asani fuhr hoch, als hätte sie sich verbrannt, während Legolas mit aller Macht versuchte, sie festzuhalten. Wütend sah er sich nach dem Idioten um, der so voller Panik nach ihm schrie.

"LEGOLAS!!! HILF MIR!!"

Es klang nach Gimli und es schien, als würde er wirklich in Schwierigkeiten stecken. Legolas erlaubte Asani wieder auf ihren eigenen Beinen zu stehen, während er sich umsah und gleichzeitig seine Kleider in Ordnung brachte. "Gimli? Wo bist du? Gimli!"

Er lief über die Wiese und sah sich nach allen Seiten um. Es schien überall gleichzeitig zu rascheln und Schritte zu geben. Er hörte Frauen lachen und einen Zwerg leise fluchen. Und dann schoß der besagte Zwerg nur mit seinen Unterkleidern und wehenden Haaren aus dem Unterholz hervor und schrie sein Entsetzen laut heraus. Hinter ihm sprangen lachend und quietschvergnügt vier junge Frauen aus dem Gebüsch, die ähnlich wie Lucille gekleidet waren.

"Wartet doch, Herr Zwerg!" rief eine. "Wir wollen Euch doch nichts böses."

"Wir wollen uns doch nur Euren Bart ansehen", lachte die zweite. "Er ist so schön gewachsen."

"Wir wollen nur wissen, ob Ihr woanders auch so schön gewachsen seid", fügte eine rothaarige Maid lachend hinzu. "Lauft doch nicht weg!"

"Hilfe!" schrie Gimli und lief kopflos zwischen den Bäumen hin und her. Dann entdeckte er Legolas und Asani auf der Wiese, die ihn mit kugelrunden Augen ansahen. Voller Panik steuerte er sie an. "Legolas! Fräulein Asani! Großer Gott! Haltet diese Weiber von mir!"

Die Frauen folgten ihn und schnitten ihm den Weg zu den beiden ab, so daß er wieder gezwungen war, eine andere Richtung einzuschlagen. "Bei meinem Barthaaren! Vater enterbt mich."

"Bitte, Herr Zwerg, zeigt uns doch Euren Streitkolben!" rief eine Frau und raffte ihren dünnen Rock beim Rennen. "Lauft doch nicht weg!"

"LEGOLAS!!" brüllte Gimli verzweifelt und sprang zurück ins Gebüsch. Die vier Frauen verteilten sich daraufhin und Legolas war klar, daß Gimli keine Chance gegen sie hatte. Sie kannten sich hier besser aus und mußte nicht ständig ihre Unterhose festhalten.

"Schade, daß Haldir nicht hier ist", meinte er trocken, ehe er in lautes Gelächter ausbrach.

Asani fand das eher besorgniserregend und raffte den Rock, um Gimli zu Hilfe zu eilen. Als Legolas sich soweit von seinem Lachanfall erholte, um ihr zu folgen, hielt sie ihn zurück. "Nein, Ihr werdet nicht mir kommen!"

Legolas blickte sie fragend an. Nicht nur, daß sie auf einmal nicht mehr wollte, daß er sie begleitete, sondern auch, weil sie wieder in die förmliche Anrede zurückgefallen war. Dabei klang es so süß von ihr geduzt zu werden. "Und warum nicht?"

"Seid Ihr verrückt? Lucille und ihre Freundinnen laufen hier frei herum! Ich kann nicht alle von Euch fernhalten!" Dann stockte ihr auf einmal der Atem und sie riß erschrocken die Augen auf, als wäre sie selbst von diesem Ausbruch überrascht. Sie errötete tief und heftig und wandte sich beschämt von ihm ab, während Legolas ihren gesenkten Kopf wissend anlächelte. So war das also...

Er ließ sich sein heimliches Vergnügen nicht anmerken, als er in einem ernsten Tonfall fragte: "Was soll ich Euch nach tun?"

Sie deutete vage in die Richtung, aus der Legolas und Gimli gekommen war und sagte: "In dem Gang, durch den ihr gekommen seid, gib es auf der linken Seite einen versteckten Eingang. Er führt Euch zu Oberon Temonis, dem Herrn des Hauses. Ich komme mit Herrn Gimli nach."

"Ich soll mich jetzt allein auf den Weg machen?" fragte er mit gespielter Sorge. "Aber Lucille läuft hier frei herum."

"Ich bringe Euch hin und...", sie unterbrach sich, als er anfing zu lachen. Wütend stolzierte sie davon und sagte mürrisch über die Schulter hinweg. "Ist mir egal! Geht einfach!"

Legolas lächelte immer noch, als er sich auf den Rückweg zu dem Eingang machte, zu dem der junge Diener Puni ihn und Gimli geführt hatte. Er begegnete weder Lucille noch einer ihrer "Freundinnen". In dem besagten Gang betrachtete er aufmerksam die linke Wand und fand schnell die versteckte Tür, von der Asani gesprochen hatte...unter anderem auch, weil es in Düsterwald solche Geheimeingänge gab. Wer immer Oberon Temonis war. Legolas wurde wirklich neugierig auf diesen Bordellbesitzer.

Er sah sich links und rechts um und öffnete erst die Tür, als er sich sicher war, daß niemand außer ihm da war. Lautlos schwang die schmale Tür auf und eine steile, enge Treppe streckte sich in scheinbar endlosen Stufen in den Schoß der Erde. Er zählte an die 100 Stufen, ehe er in einem feierlich ausgeleuchteten Gang stand, der genauso gewunden und verwinkelt wie die Straßen des Viertels der roten Laternen war. Bei der letzten Biegung tat sich dann das Privatgemach des Oberon Temonis auf. Er wunderte sich nicht schlecht. Auch wenn dieser Raum unter der Erde war, roch Legolas den frischen Wind...als wäre er wirklich Zuhause.

Aber es war nicht Düsterwald, denn es war bei weitem nicht so dekadent. Dies war das erste Wort, das Legolas bei dem Anblick dieses Raumes einfiel: dekadent. Kissen und Bezüge aus rotem Samt mit goldene Stickereien, schwere kostbare Teppiche an den grauen Steinwänden und kunstvolle Mosaike auf dem Boden. Teure Bienenwachskerzen in goldenen Fassungen der Kronleuchter beleuchteten den Raum und erzeugten eine heimische Atmosphäre. Zwei Statuen von nackten Frauen und aus weißen Stein bewachten eine Tür zur Legolas' rechten. Zu seiner linken thronte ein überdimensionales Bett auf einem Podest. Eines Königs würdig. Vor allem, weil auf der roten Tagesdecke eine Art Wappen prangte. Es war abstrakt gehalten, aber der Elbenprinz erkannte einige Ähnlichkeiten mit dem seines Vaters wieder.

Legolas wandte sich ab und suchte weiter nach Oberon Temonis. Woher kannte dieser Sterbliche Düsterwald?

Er verließ den Raum durch die Tür auf der rechten Seite, denn er hörte das Plätschern von Wasser dahinter. Es klang keineswegs regelmäßig. Es war, als würde sich jemand im Wasser befinden. Legolas öffnete die Tür und trat in das Badezimmer Oberon Temonis' ein. Zumindest glaubte er, daß es das Badezimmer war. Hier gab es keine Wanne und die üblichen Kacheln, mit denen die Menschen diese Räumlichkeiten dekorierten, aber ein in den Boden eingelassenes Wasserbecken. Ein ziemlich großes Becken.

"Hallo?" rief Legolas in den Raum hinein. Niemand war zu sehen. Langsam ging er in Richtung Wasserbecken und erschreckte sich, als jemand aus dem Wasser auftauchte. Legolas stockte der Atem. Eine Seegottheit hatte sich da erhoben.

Er stand mitten im Becken und warf das lange nasse Haar zurück. Er war so groß und schlank wie Legolas. Feucht glänzende dunkle Haut spannte sich über einen Körper eines Kriegers. Dünne Zöpfe mit glitzernden Perlen durchzogen das dunkelblonde Haar, das bis zur Rückenmitte reichte. Langsam drehte sich der Mann zu Legolas um und zu dessen maßlosem Erstaunen stellte sich diese Gottheit als ein Elb heraus. Die spitzen Ohren verrieten ihn und ebenso die unglaublich kühne Schönheit seines Gesichtes. Strahlend blaue Augen leuchteten Legolas entgegen, als sie ihn erblickten. Zuerst mit Überraschung und dann mit unverhohlenem Wohlgefallen musterten sie ihn von Kopf bis Fuß.

"Verzeiht, mein Freund", rief Legolas den anderem Elben zu, nachdem er sich einigermaßen erholt hatte. "Wißt Ihr, wo ich Herr Oberon Temonis finde?"

Eine dunkle Brauen ging belustigt in die Höhe und die für einen Elben ungewöhnlich sinnlichen Lippen zogen sich zu einem kleinen Lächeln auseinander. "Oberon Temonis? Mein lieber Junge, das bin ich."

Ende des 20. Kapitels

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Ja, ich habe schon wieder Legolas und Asanis unterbrochen. Ja, das war gemein. Ja, das wird fortgesetzt. Und wahrscheinlich...ganz höchstwahrscheinlich...ich glaube es mal...ich bete förmlich dafür, daß ihr dann euer Keyboard unter all dem Sabber nicht mehr wiederfinden werdet...okay, das war jetzt doch vielleicht etwas eklig. Aber ihr versteht mich, ne?

So...seid mir nicht böse, wenn ich nur auf wenige oder mal auf keine eurer Frage eingehe oder mich nicht für eure "Werbeaktionen" für meine Geschichte in eurem Freundeskreis bedanke. Aber ihr wißt hoffentlich, daß ich jede eurer Reviews in mich hinein sauge und mich in euren Komplimenten und Anfeuerungen wälze. Mein kleines krankes Herz gehört ganz euch...wenn ihr's nicht wollt, stecke ich es natürlich wieder ein. ^_^

Aber eine Frage werde ich hier doch noch beantworten und zwar, weil sie vielleicht von allgemeinem Interesse ist: Liebe Maledei! Ich versuche jede Woche ein Kapitel ins Netz zu stellen. Mehr schaffe ich leider nicht. Wie lang diese ff wird, weiß ich noch nicht, denn ich will mich noch nicht von Legolas und Asani verabschieden.

Fühlt ihr euch immer noch übergangen, dann schreibt mir einfach: lapoetica@hotmail.com Da kommt garantiert eine Antwort zu euch zurück.