Titel: Den Jäger erlegen

Autorin: Sleepy Tiger

Email: lapoetica@web.de

Warnung: Sehr, sehr viel Blut und Gemetzel! Und das ist jetzt kein Witz!

Disclaimer: Lord of the Rings © J.R.R. Tolkien

30. Kapitel: Unsterblich

Eigentlich war es ein schöner Morgen.

Mit einem tiefen Atemzug schlug Asani die Augen auf. Ein strahlend blauer Himmel begrüßte sie und die Sonne stahl sich ungeniert ins Zimmer. Das liebte sie an Gondor. Der blaue Himmel am Morgen. Im hohen Norden war der Himmel meist weiß oder gräulich. Aber nie blau. Schon gar nicht so blau wie seine Augen.

Ein Blick nach rechts und ihre Wangen färbten sich dunkelrot. Der Elb lag auf dem Bauch, das Gesicht von ihr abgewandt. Er rührte sich nicht, aber sein Atem ging tief und gleichmäßig. Sie streckte Hand nach ihm aus und berührte seine Haare, die auf dem Kissen lagen. Vorsichtig zupfte sie an einer Strähne.

Er reagierte nicht darauf. Ohne es wirklich zu merken, robbte sie sich zu dem blöden Elben und schmiegte sich an ihn. Sie legte einen Arm um seinen Rücken und rieb ihre Wange an seiner Schulter. Obwohl sie sich bereits wohlig warm war, schien von ihm eine viel angenehmere Wärme auszugehen. Er duftete auch wie immer nach Wald und Wind. Es gab ihr ein Gefühl von Ruhe und Frieden.

Nein, es war ein schöner Morgen.

Der Himmel war blau und die Sonne strahlte. Ein sachter Wind schlich sich zaghaft ins Zimmer und berührte Vorhänge und Laken. Und die Vögel zwitscherten.

Asani riß abrupt die Augen auf.

Die Vögel zwitscherten?!?

Sie schoß beinahe senkrecht aus dem Bett und warf die Decke von sich. Leider sehr erfolglos, denn sie verhedderte sich und fiel aus dem Bett. Ihr schmerzliches Stöhnen erfüllte den Raum und unter Jammern und Fluchen kroch sie auf Händen und Knien vom Bett. Die Decke hatte sich jedoch hartnäckig um ihren Körper gewickelt. Nach einem halbherzigen Kampf gab sie auf und rollte sich geschlagen auf den Rücken.

Asani mo Ifrey ti Yanca no An, Schrecken aus den Eiswüsten und momentan einzige Ifrey Kriegerin, der ein Bund mit einem Schwert gelungen war, wurde von einer dünnen Decke besiegt. Wie erbärmlich.

Sie holte tief Luft und versuchte sich erneut von der Decke zu befreien. Mit mehr Ruhe und nicht mehr so fahrigen Bewegungen kam sie von diesem bösartigen Gewickel los. Jetzt mußte sie sich wirklich beeilen. Sie mußte wieder zu ihrer Unterkunft im Personaltrakt. Ihr Fehlen war bestimmt schon aufgefallen.

Mißtrauisch wanderte ihr Blick immer wieder zu Legolas, um zu sehen, ob er ihr bei ihrer hektischen Suche nach etwas zu anziehen zusah und sich amüsierte. Aber er schlief tatsächlich. Nach einigem orientierungslosen hin und her entdeckte sie den Kleiderhaufen in einer Ecke. Zum Glück lag ihre Unterwäsche oben drauf. Sie schlüpfte schnell hinein und suchte Legolas Hemd und Hose heraus. Ihre Uniform war nicht zu gebrauchen. Asani lächelte schief. Wenigstens mußte man Legolas anrechnen, daß er sich vorher erkundigt hatte, ob sie Ersatz hatte. Sie riß einen langen Streifen aus dem Rock heraus und band sich damit die Haare zusammen. Dann knüllte sie den Fetzen zu einem kleinen festen Ball und versteckte es unter den aufgestapelten Holzscheiten im Kamin. Damit war die Entsorgung erledigt und niemand außer ihr und Legolas würde von letzter Nacht wissen.

Während sie die zu langen Ärmel und Hosen hochkrempelte, blickte sie wieder einmal zu dem schlafenden Legolas zurück. Sie brauchte länger als gewöhnlich beim Anziehen. Wahrscheinlich lag es daran, daß sie einige Male um das Bett ging, um den Elben von allen Seiten zu betrachten. Die Decke bedeckte ihn nur dürftig und das Sonnenlicht lag weich und hell auf seinem Körper. Es ließ seine Haut sanft leuchten und betonten einige goldene Strähnen in seinem zerzausten Haar. Der Elb war nicht nur schön. Er war unanständig schön.

Sie vergaß, daß sie keine Zeit hatte, sich von einem schlafenden Elben becircen zu lassen, und setzte sich vorsichtig aufs Bett. Währen sie immer noch ganz in seinem Anblick versunken war, machten sich ihre Hand selbständig und strich über eine Wade. "Legolas?"

Lächelnd beugte sie vor und plazierte einen Kuß auf seinen Oberschenkel. Der Elb bewegte sich immer noch nicht. Stirnrunzelnd gab sie ihm einen sanften Klaps auf den Hintern. Auch jetzt gab es keinerlei Reaktion von ihm. Entweder hatte Oberons Gewürz eine große Nebenwirkung oder der Jahrtausende alte und weise Elbenprinz war solche Nächte nicht gewohnt. Bei diesem Gedanken konnte sie ein Oberon ähnlich schmutziges Grinsen nicht unterdrücken. Gleichwohl schlich sich eine gewisse Erleichterung in ihr Herz.

Sie blickte zum Fenster und bemerkte zu ihrer Mißmut, wie hoch die Sonne schon stand. Man würde sie auf jeden Fall vermissen. Sie mußte weg. Schweren Herzens zog sie die Hand von seinem Körper zurück und stand auf. Sicher würde er es verstehen, aber etwas sagte ihr, daß er auch enttäuscht wäre, wenn sie sich wie ein Dieb hinaus schleichen würde. Etwas zu eifrig beugte sie sich über ihn. "Legolas?"

Sie konnte nicht widerstehen und koste mit den Fingerspitzen seine glatten Wangen und leicht geöffnete Lippen. "Legolas? Ich muß gehen."

Schelmisch grinsend hielt sie ihm die Nase zu. Aber statt aufzuwachen, atmete er einfach durch den Mund und schlief ungerührt weiter. Asani lachte und ergriff härtere Maßnahmen. Sie drehte ihn unsanft auf den Rücken. "Legolas, du blöder Elb, wach auf." Asani hielt erstaunt inne und drehte sein Gesicht zu sich. Seine Augen waren zu.

Einen Moment lang starrte sie ihn nur an. Sie war wie betäubt. Ein Elb schlief doch gar nicht mit geschlossenen Augen!

Sie atmete ein.

Sie atmete aus.

Sie atmete ein und geriet in Panik. Sie tätschelte etwas unsanft seine Wangen. "Legolas? Legolas?"

Keine Reaktion.

Sie begann an seinen empfindlichen Ohren zu zupfen. Wieder nichts.

"Legolas!" rief sie laut und schüttelte ihn hart. "Wach auf!"

Nicht einmal ein unmutiges Stirnrunzeln oder ein Murren. Legolas blieb bewegungslos liegen. Sie holte aus und schlug dem Elben hart ins Gesicht.

Er wachte nicht auf.

Asani raufte sich verzweifelt die Haare. Was war los mit ihm? Es mußte Oberons Gewürz sein. Und er würde ihr sicherlich erklären können, was mit Legolas los war. Sie wollte vom Bett hoch und zu Oberon rennen, aber sie blieb immer noch wie angewurzelt da sitzen. Sie konnte Legolas doch nicht in diesem Zustand hier liegen lassen! Wenn die Dienstboten ihn hier so fanden, würden sie ihn für tot halten. Asanis Gedanken überschlugen sich und ihre Vernunft arbeitete vergebens gegen Panik und Sorge. Was sollte sie bloß machen? Und warum bei Gebeinen ihrer Ahnen roch hier plötzlich so abartig? Sie wollte sich umdrehen, aber jemand hielt ihren Zopf fest. Es lief ihr eiskalt den Rücken hinunter.

Wie lange war dieser Jemand wohl schon hier?

Ganz langsam drehte sie sich zu dem Jemand um und staunte nicht schlecht, als ein Ork hinter ihr stand. Ruhig und gelassen hielt er das Zopfende zwischen seinen langen, beharrten Fingern und entblößte beim Lächeln zwei Reihen von verfärbten, schiefen und scharfe Zähne. "Hallo."

Dieser Morgen war nicht schön.

Mit einem Ruck befreite sie ihren Zopf aus seinem Griff und begann mit einem Faustschlag den Angriff auf den Eindringling. Sie traf ihn nicht, aber statt erneut auszuholen, zog sie mit der anderen Hand ihr Schwert. Die Ork würde keinen Schritt auf das Bett tun können, in dem Legolas so tief schlief. Nicht so lange sie hier war.

Sie täuschte einen Stoß vor, nutzte aber den Schwung aus, um mit der anderen Faust zuzuschlagen. Die Wucht des Hiebs überraschte den Ork und riß ihn von den Füßen. Er drehte sich in der Luft und landete auf den Bauch.

"Hallo." Asani wischte sich ihre schweißfeuchte Hand ab, ehe sie damit das Schwert fester packte. Ihre Augen blickten wild zwischen Ork, Tür und Fenster hin und der. Orks griffe doch nur Gruppen an. Es irritierte sie, daß er allein war und keiner seiner Artgenossen schreiend ins Zimmer stürzten. Sollte es wirklich nur diesem Ork bleiben?

Wenn ja...

Asani ging einige Schritte zurück und ging in Kampfposition. Niemand sollte ihr nachsagen, daß sie so feige war, daß sie sogar einem Ork das Schwert in den Rücken stieß. Sie wurde zwar "Schlächterin" genannt, aber sie hatte nie eine sein wollen. Sie stellte sich genau vors Bett und packte das Schwert mit beiden Händen. Asani blickte kurz auf ihr Schwert. Die Klinge reagierte nicht auf den Ork.

Dieser war in der Zwischenzeit aufgestanden und schien zu verstehen, was ihre Haltung zu bedeuten hatte. Er grinste voller Verachtung und ging einige Schritte hin und her, als versuchte er sie abzuschätzen. Er zog zwei sehr lange Dolche aus seinem Gürtel und ging ebenfalls in Position. Die Klingen waren grünlich verfärbt. Möglicherweise Gift.

Asani verlagerte ihr Gewicht auf den hinteren Fuß. Er nahm also ihre Herausforderung an. Ohne Vorwarnung griff sie an. Aber diesmal sah der Ork ihre Bewegungen voraus und parierte ihren Schlag nur mit einem Dolch und stieß mit dem anderen in Richtung ihres Bauches. Asani war geistesgegenwärtig genug, um auszuweichen. Dennoch war sie nicht wirklich bei der Sache.

Das war ein Ork! Warum reagierte ihr Schwert nicht auf ihn?

Erst nach einigen Schlägen begann sich das Schwert plötzlich zu regen und den Ork zu erkennen. Asani fühlte den vertrauten Blutdurst des Schwertes in ihr hochsteigen. Die Kälte des Mithrils fror ihre Seele ein, ehe ein Schmerz oder ein Gefühl zu ihr dringen konnte. Sie spürte nicht, wie die Dolche des Orks die Haut an ihren Armen aufriß, oder wie das Gift in ihr Blut kroch und schon gar nicht, wie das Pakt ihre Wunden heilte, ehe sie Schaden davon nehmen konnte. Alles in diesem Raum wurde in ein blaßblau getaucht. Sie wußte, daß man die Wut des Mithrils in ihren Augen genau erkennen konnte. Aber dabei sah sie nicht, daß die Dolche des Orks ebenfalls aufleuchteten.

Jeden Zweifel und jedes Zögern beiseite räumend stürzte sie sich mit einem wilden Knurren auf den Ork. Asani war erbarmungslos, wenn sie das Schwert die Oberhand überließ. Sie spürte keine Erleichterung, nicht einmal Triumph, als sie den Ork entwaffnete und mit einem Faustschlag in sein hässliches Gesicht den Kampf beenden wollte. Aber der Ork war zäh. Trotz der Schmerzen, die ihm die gebrochene Nase bereitete, raffte er sich wieder auf und griff nach einem der Dolche. Asani schwang das Schwert und zielte auf den Hals des Orks.

Ein Angriff von hinten überraschte sie daher.

Asani riß erschrocken die Augen auf, als jemand zweites von hinten einem Schlag genau zwischen ihren Schulterblättern landete. Der Schlag war so heftig, daß ihre Schultern sofort gelähmt waren. Die Taubheit raste durch die Muskeln ihrer Arme und erreichte in Sekunden ihre Hände. Das Schwert entglitt ihren Händen und fiel mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden. Die Klinge immer noch gespenstisch leuchtend.

Asani blieb nicht lange in ihrem Schock, sondern wich gekonnt dem Griff des Orks aus und riskierte einen schnellen Blick nach hinten, um zu sehen, wo ihr zweiter Angreifer war. Aber der Anblick des Zweiten trieb sie allerdings in eine Lähmung ihres gesamten Körpers. Ihr Verstand setzte aus, als sie Lady Gouldwen von sich sah.

Diese lächelte süß und hob grüßen die Hand. "Hallo."

Der Ork ergriff diese Chance und packte erneut Asanis Zopf. Schnell wickelte er ihn um die Faust und zwar so fest, daß er ihr Haare samt Kopfhaut herauszureißen drohte. Mit einem kräftigen Ruck wurde sie zu Boden gerissen. Als sie aufzustehen versuchte, folgte ein Hieb in ihren Magen, der sie schier atem- und bewegungslos machte. Ihr Körper wand sich unkontrolliert vor Schmerzen und statt eines wütenden Schreis kam nur ein gequältes Röcheln aus ihrem Mund. Ihre Augen rollten in den Kopf zurück, so daß man nur das Augenweiß sah.

"Und du wunderst dich, warum sie so viele deiner Leute umbringen konnte", sagte Gouldwen über ihr gedehnt.

Der Ork stierte Asani wütend an, während er an seinem Nasenbein drücke, bis es sich mit einem Knacken begradigte. Er zog ihren Kopf an ihren Haaren hoch und wickelte ihren Zopf so fest um seine Faust, daß sich seine großen Handknöcheln in ihren Nacken bohrten.

Asani rang keuchend um Atem und starrte Lady Gouldwen fassungslos an, die sich ihr langsam näherte. Sie hielt ein Kurzschwert mit einem schmalen, aber massiven Griff in den zarten Händen. Das konnte nicht sein.

Weicher Samt berührte Asanis Wangen und der Geruch eines blumigen Parfums stieg ihr in die Nase, als Lady Gouldwen sich genau über sie stellte. Sie hob mit der Schwertspitze Asanis Kinn an und blickte ihr lächelnd in die Augen. "Allerdings wundert es mich, daß du dich so leicht überwältigen läßt, Kopfgeldjägerin. Ich hatte einen längeren Kampf erwartet."

Als sie das Schwert zurückzog, schnitt sie ein neues Grübchen in Asanis Kinn. Asani atmete zischend ein und wollte sich ans Kinn greifen, aber der Ork warf sie herum und verdrehte ihren Arm auf den Rücken.

Asani wehrte sich kräftig und schaffte es einmal, sich wieder auf den Rücken zu rollen und dem Ork ins Gesicht zu treten. Sie gab einen befriedigtes Grunzen von sich, als sie erneut sein Nasenbein brechen hörte. Auch wenn sie spürte, wie er ihr die Haare gleich büschelweise ausriß und etwas heißes und flüssiges über ihre brennende Kopfhaut lief und ihre Haare näßte.

"Hör auf, dich zu wehren, Mädchen", sagte Gouldwen etwas gelangweilt. Sie stand vor dem Spiegel neben der Tür und überpüfte den Sitz ihrer Frisur. "Es hat keinen Sinn."

Asani fing an zu schreien und der Ork schlug ihr quer übers Gesicht. Der Schlag war so kräftig, daß ihr schwarz vor den Augen wurde. Sie schmeckte Blut und spürte kaum noch etwas, als er ihren Kopf wie eine Melone auf den Boden aufschlug. In ihren Schläfen explodierte ein stechender Schmerz und Blut lief in ihre Augen.

Lady Gouldwen schnalzte tadelnd mit der Zunge. Sie wandte sich vom Spiegel ab und näherte sich dem Bett. Langsam ließ sie sich neben Legolas nieder. Sie wartete geduldig, bis Asani ihr die gebührende Aufmerksamkeit schenkte, die sie haben wollte.

"Wie wäre es mit einem Tauschgeschäft?" fragte sie und öffnete die vielen kleinen Knöpfe an ihren engen Ärmeln und rollte sie penibel hoch. Asani blieb still liegen, als Gouldwen Legolas ausgiebig betrachtete. Sie sah ihr lächelnd in die Augen, als sie die Decke von Legolas' Körper zog.

"Er bleibt am Leben", führte sie weiter aus und legte demonstrativ das Kurzschwert neben Legolas. Wie Asani zuvor beugte sie sich über den Elben und küßte ihn auf die Stirn. "Dafür bist du ruhig und gehst mit Mocalyon mit."

"Legolas ist ein Elb", erwiderte Asani spöttisch. "Elben sterben nicht so einfach."

Gouldwen seufzte laut auf. "Ja, das stimmt leider." Sie strich durch Legolas' lange Haare und schien zu überlegen. "Aber wer würde noch leben, wenn man ihm den Kopf abschlägt?"

Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, strich sie Legolas' Haare von seinem Hals und zeichnete mit den Zeigefinger eine Linie quer über seine Kehle. "Wie wäre es, Kopfgeldjägerin?"

"Miststück", sagte Asani kalt.

Mylady überging die Beleidigung und sortierte übertrieben sorgfältig die Falten ihres Kleides. "Ehrlich gesagt, behagt es mir ganz und gar nicht, all das kostbare und schöne Bettzeug mit Elbenblut zu besudeln...und es spritzt ziemlich viel Blut bei einer Enthauptung, weißt du?"

Asani starrte diese Frau stumm an, während sie einen dünnen Zopf in Legolas' Haar flocht und auf ihre Antwort wartete..

"Was wollt Ihr von mir?" fragte Asani dann.

"Rache", antwortete der Ork mit einer heiseren Stimme über ihr. "Du hast meine Leute umgebracht."

Asani blickte sich überrascht um. Der Ork konnte einige zusammenhängende Sätze sagen. Dennoch erwiderte sie kalt: "Ich töte ungern. Bei Abgabe einer Leiche halbiert sich das Kopfgeld."

Gouldwen lachte zu ihrer Überraschung.

"Ich rede von deinem Massaker im Orkwald", rief der Ork ihr in Erinnerung. "Die 117 Orks, die du in der Nordlichtung einfach abgeschlachtet hast."

"Die haben angefangen", erwiderte Asani dreist und bekam einen Tritt in die Rippen. Ihre Augen rollten wieder in den Kopf zurück, als sie ein leises Knirschen hörte. Er hatte ihr eine Rippe gebrochen sie drückte sich schmerzhaft in ihre Lunge.

"Mir fehlt extrem viel Personal und die Überlebenden wollen dich haben, ehe sie weiterarbeiten. Weißt du, wie das meine Geschäfte blockiert?"

"Und sie werden sie bekommen", beschwichtigte Gouldwen ihn. "Ich hoffe, das wird unsere Beziehung wieder herstellen, Mocalyon."

"Auf jeden Fall", knurrte der Ork befriedigt.

"Dann erwarte ich dich in einem Monat. Bis dahin müßte dieser Waldläuferkönig wieder gegangen sein."

"Gut."

"Und vergiß nicht", sagte Mylady. "Ich will ihre Augen."

"Ich werde sie dir in einem mit Samt gefütterten Kästchen zukommen lassen", antwortete Mocalyon ironisch und zog Asani an den Haaren auf die Knie. Asani wollte ihre Arme heben, aber sie waren völlig taub. Sie waren so schwer.

"Und nur die Augäpfel", fuhr Gouldwen fort und stand vom Bett auf. "Säubere sie von Sehnen und Blut und vor allem sollen die Augen klar bleiben. Also erwürgt sie nicht, sonst staut sich das Blut in ihrem Kopf und verfärbt das schöne Augenweiß."

"Erwürgen macht nicht viel Spaß", erwiderte Mocalyon fachmännisch, während er einige Stricke aus einer Innentasche seiner Kleider holte. "Meine Leute haben ein Faible fürs Zerstückeln und derartiges."

Gouldwen hob Asanis Kinn, um ihr in die Augen sehen zu können. Ihre sonst so schwarzen Augen glühten in einem widerwärtigen blaßblau. Aber bald würden sie ihr gehören. Gouldwen runzelte die Stirn, als sie länger in diese Augen sah. Da war noch etwas anderes.

"Gib mir deinen Dolch", verlangte Gouldwen und hielt Mocalyon ihre geöffnete Hand entgegen, während sie Asanis Kinn festhielt. In Gouldwens Augen spiegelte sich purer Haß wieder. Asani fing an zu zittern. Sie war hilflos dieser Irren ausgeliefert. Aber das, was Mylady dann sagte, erschreckte sie noch mehr. "Die Kleine hat ihre Seele an eine Waffe verkauft."

Asanis Blut gefror in ihren Adern. Sogar das Schwert fühlte sich entdeckt und blieb reglos an seinem Platz in ihrer Seele. Aber Lady Gouldwens Blick entging nichts. Sie wandte sich kurz von Asani weg und blickte auf die Stelle, wo Asani ihr Schwert fallen gelassen hatte. Es war nicht mehr da. Der Griff um ihr Kinn wurde fester und lange Nägel bohrten sich tief in ihre Wangen.

"Wovon redest du?" fragte Mocalyon verwirrt.

"Dieser kriegerische Ifrey Clan liebt seine Waffen so sehr, daß sie mit ihnen ihre Seele teilen. Dafür bleiben sie so unverwundbar und so lange am Leben wie die Waffe", erklärte Lady Gouldwen und zog eine lange Haarnadel heraus, als Mocalyon ihr seine Dolche nicht überlassen wollte.

Asani sah mit einigen Schrecken, daß es sich nicht um eine ordinäre Haarnadel sondern um ein Stilett handelte. Mocalyon, der immer noch ihre Haare um seine Faust gewickelt hatte, entriß Asanis Kopf aus Gouldwens Griff.

"Sie sollte mir unversehrt ausgeliefert werden", erinnerte Mocalyon Gouldwen kühl.

"Ich will dir nur etwas zeigen", erwiderte sie ruhig und faßte wieder nach Asanis Kinn. "Bei einem Ifrey Pakt heilen die Wunden der Menschen sofort."

"Von so einem Unsinn habe ich noch nie gehört", erwiderte Mocalyon grimmig. "Nicht einmal bei den Elben heilen Wunden auf der Stelle."

"Bei ihr schon", entgegnete Gouldwen verdächtig freundlich. Sarumans ehemalige Diener sahen sich in die Augen und ohne Vorwarnung schnitt Gouldwen Asani mit der scharfen Haarnadel eine tiefe Wunde in die rechte Wange.

"Verdammt Gouldwen!" rief der Ork empört und riß Asani wieder aus ihrem Griff.

"Sieh doch!" Gouldwen grinste wie von Sinnen, als sie auf Asanis Wange deutete. Mocalyon starrte gebannt auf Asanis Wange und wurde Zeuge, wie sich der Schnitt binnen Sekunden wieder schloß. Nur etwas Blut blieb auf ihrer Haut zurück. Er wischte es weg und drehte ihr Gesicht zum Licht. Sein rauher, behaarter Daumen fand nichts außer glatter, heiler Haut vor. Auch tastete er nach der Platzwunde an ihrer Schläfe. Auch da war nichts mehr.

"Nicht einmal eine Narbe", flüsterte er erstaunt. Er sah zu Gouldwen hoch. "Und das nur wegen dieses Paktes?"

"Oh ja." Gouldwen leckte geistesabwesend das Blut von der Nadel. Es schmeckte nach Mithril. "Die Waffen heilen ihre Herren mit Magie, damit sie nicht von Verletzungen außer Gefecht gesetzt werden. Es geht ihnen nur um den Kampf."

Mocalyon grinste wölfisch. "Scheint so, als habe der schöne Elb Gefallen an der dunklen Seite gefunden."

"Verdammter Ork", zischte Asani ihm zu.

Seine Antwort war ein gezielter Faustschlag in ihr Gesicht. Sie bäumte sich vor Schreck auf, als sie ein furchtbares Knirschen hörte. Er hatte ihr die Nase gebrochen. Blut spritzte zwischen ihren Fingern, mit denen sie reflexartig nach ihrer Nase gegriffen hatte. Mit einer Mischung aus Wut und Entsetzen mußte sie die neuen Schmerzen hinnehmen, die sich von ihrer Nase aus über ihr ganzen Gesicht verteilten und sogar bis in ihrem Hinterkopf zu spüren waren. Tränen schossen ihr in die Augen, als sie eine gleißende Hitze zwischen den gebrochenen Knochen in ihrem Gesicht spürte. Die Heilung tat noch mehr weh als der Bruch!

Mocalyon riß ihr die Hände weg und prüfte ihre Nase. "Sogar Knochenbrüche heilen in Sekunden. Erstaunlich."

"Aber laß ihre Hände unversehrt. Die Waffe, mit der sie paktiert hat, ist ein Schwert", sagte Gouldwen zu Asanis Schrecken. Dieses Weib!

"Die Hände?" Mocalyon hielt inne. Er war gerade dabei gewesen, Asani mit den Stricken zu fesseln.

"Hack sie ihr nicht ab", erklärte Lady Gouldwen. "Um ein Schwert zu schwingen, braucht man Hände. Wenn sie keine mehr hat, löst sich der Pakt mit dem Schwert von allein. Trenn ihr die Beine ab, wenn du willst. Aber wenn du lange Spaß an ihr haben willst, läßt du ihre Hände in Ruhe."

Gouldwen stellte sich wieder vor dem Spiegel und ließ die Haarnadel wieder ihrer Frisur verschwinden. Sie wischte sich dann etwas Blut von ihrem Mundwinkel, rollte die Ärmel wieder hinunter und knöpfte sie wieder zu, während sie Mocalyon dabei zusah, wie er ein Bettlaken in Streifen riß, mit denen er Asanis Hände einzeln verpackte, als wären es Kostbarkeiten. Er nahm also ihren Ratschlag ernst.

"Du weißt, wie du hier herauskommst?" fragte Gouldwen und strich über ihre Augenbraue.

"Aus dem Fenster, den Wehrgang entlang und dann über die Mauer", leierte der Ork gelangweilt herunter, als hätte er es schon tausend Mal gesagt

"Das hast du gut behalten", lobte Gouldwen ironisch und sah noch eine Weile zu, wie Mocalyon Asani in aller Ruhe zu ende fesselte. Ihre Fußknöchel, Knie waren fest zusammengebunden. Ihre Arme band er an ihrem Oberkörper fest.

"Wie lange schläft der Elb noch?" wollte Mocalyon wissen. Daraufhin warf Gouldwen einen Blick aus dem Fenster.

"Er müßte gegen Mittag aufwachen", meinte sie stirnrunzelnd. "Ich glaube nicht, daß Oberon Temonis dem Prinzen soviel gegeben hat, daß er Tage verschlafen könnte."

Asani verengte die Augen. Wer war diese Lady Gouldwen überhaupt? Diese Frau wußte sogar von Oberons Gewürz...

"Aber beeil dich trotzdem", riet Mylady dem Ork. Asani konnte nicht sehen, wie Mocalyon knapp nickte, aber sie sah Gouldwen um so besser. Dieser fing ihren Blick auf und verneigte sich spöttisch, ehe sie aus dem Zimmer entschwebte.

Mocalyon war in diesem Moment mit seiner Packarbeit fertig und drehte seine Beute auf den Rücken.

"So so", sagte er dann und kratzte mit der Dolchspitze über ihre Wange. "Du hast dich also an ein Mithrilschwert gebunden und lebst so lange wie die Klinge. Du bist dann praktisch unsterblich."

Er schob die ihre Fesseln über ihrer Brust etwas auseinander und rammte die Waffe bis zum Schaft in ihr Herz. Asani biß sich auf die Unterlippe, um nicht zu schreien. Wütend und mit Tränen in den Augen blickte sie Mocalyon an. "Und du stirbst erst, wenn das Schwert den Pakt mit dir löst. Interessant."

Asani riß die Augen weit auf und wand sich vor Schmerzen, als er den Dolch in ihrer Wunde drehte. Blut füllte ihren Mund und quoll zwischen ihren Lippen hervor. Sie starb. Sie fühlte, wie ihr Körper aufgab und in Aufruhr geriet, als es nicht passierte. Der Pakt mit dem Mithrilschwert erhielt sie am Leben und zum ersten Mal fand sie es unerträglich. Ihr durchbohrtes Herz schlug immer noch. Bei solchen lebensgefährlichen Wunden verdoppelte sich die Heilgeschwindigkeit, was wieder mit Schmerzen und Qual verbunden war. Das verletzte Fleisch schloß um die Klinge herum und verheilte, als gehörte der Dolch zu ihrem Körper. Sie fühlte, wie das Herz beim Schlagen gegen die Klinge drückte.

"Das wirst du mir büßen", preßte sie hervor und hustete, als sie fast an ihren eigenem Blut erstickte.

"Vielleicht", meinte er philosophisch und blickte ihr in die Augen. Sie waren nun silbern und leuchteten in einem gespenstischen Blaßblau. Lady Gouldwen hatte Recht. Mithril. Beinah ungerührt dreht die Klinge um 180 Grad herum. "Vielleicht aber auch nicht."

Asanis Geist wurde sofort von einer neuen Welle von Schmerz betäubt. Ihr Körper hingegen reagierte darauf mit wilden Krämpfen darauf. Das schlimmste war, daß sie sich bei jeder Bewegung noch mehr an der Klinge verletzte, die so tief in ihrem Herz steckte. Sie begann diesen Ork wirklich zu hassen. Voller Wut spukte sie ihm ins Gesicht. Mit Genugtuung sah sie ihren Speichel mit Blut gemischt von seiner Nase herunter tropfen.

Mocalyon lächelte dünn und zog den Dolch aus ihrem Herz, um dann damit in einer geschmeidigen und schnelle Bewegung ihre Kehle aufzuschneiden. Eine dünne Blutfontäne schoß im hohen Bogen hoch und klatschte an die Wand. Mocalyon war ausgewichen und bekam daher nur einige Tropfen ab.

Völlig kalt blickte er ihr in die weit aufgerissenen Augen. Dann wirbelte er den Dolch herum und rammte ihn in ihren Hals. Die Klinge drang durch die offene Wunde, rutschte an der Wirbelsäule ab, kam am Nacken wieder heraus und bohrte sich den Holzboden.

Asani gab einen röchelnden, fiependen Laut von sich. Sie wollte schreien. Ihr Mund öffnete und schloß sich wie bei einem Fisch auf demLand. Aber es ging nicht. Sie hatte nicht einmal die Kraft, sich aufzubäumen.

Zu ihrem Entsetzen hörte sie das Blut in ihrer Kehle sprudeln und es rann unaufhörlich an ihrem Hals hinunter. Sie spürte sich das Hemd damit vollsog und schwer auf ihrer Brust lag. Sie fühlte es in ihren Haaren, die sich schwer und naß an ihren Haut klebten. Ihr Körper schüttelte sich vor Weinkrämpfe und nicht enden wollenden Schmerzen.

"Warum denkt ihr Menschen bloß, Unsterblichkeit sei schön?" fragte Mocalyon ruhig. Als er fortfuhr, war seine Stimme mit Hohn und Verachtung durchtränkt. "Hast du daran gedacht, daß du den erlösenden Tod gegen das hier eintauschen würdest, als du diesen Pakt geschlossen hast?"

Asani antwortete nicht. Sie hörte ihn gar nicht. Sie weinte heftig und verzweifelte allein daran, daß sie nicht schreien konnte. Ihre Lungen füllten mit Blut und nicht mit Luft. Sie schloß die Augen, um all das Blut nicht sehen zu müssen, aber sie fühlte es. Es war überall. Sie konnte dem Ganzen nicht entfliehen. Sie wünschte, sie könnte sterben.

Mocalyon rührte mit dem Finger in der Blutlache, in der sie lag, und stand dann auf, um mit ihrem Blut etwas an die Wand zu schreiben. Als er fertig war, trat er einen Schritt zurück und betrachtete sein Werk. Er nahm sich die Zeit, die blasseren Stellen mit etwas Blut auszubessern.

"Wir gehen", verkündete er, als er fertig war. Er zog den Dolch mit einem Ruck wieder heraus und achtete nicht darauf, wie Asani sich erneut aufbäumte. Ihr Körper hatte die große Wunde um die Klinge herum geheilt, aber als er die Waffe entfernt hatte, wurde alles wieder aufgerissen. Asani wurde schwarz vor Augen und sank zuckend und spuckend zurück. Wieder öffnete und schloß ihr Mund. Es kam kein Ton heraus. Nicht einmal ein Atemzug. In ihren Augen spiegelte sich nur unendliche Agonie wider. Tränen liefen in Bächen über ihren Wangen, verdünnten das Blut in ihrem Gesicht. Sie zuckte lautlos zusammen, als die Tränen auch einen Weg zu ihrer verletzten Kehle fanden, die gerade wieder verheilte. Das Salz ihrer Tränen blieb wie heiße Haken in ihrer Wunde hängen.

Mocalyon packte ihren Zopf und schnitt ihn nah am Kopf ab. Unerklärlicherweise fühlte sie sich nun tatsächlich besiegt. Ihr Haar, das immer ihr immer ins Gesicht gefallen war, berührte kaum ihre Wangen. Ihr Körper rührte sich nicht mehr. Sie bemerkte nicht mehr, wie die Heilung sich plötzlich verlangsamte. In ihren Augen verschwand der einzig sichtbare Protest des Schwertes. Jedes Licht, ob natürlich oder unnatürlich, verschwand aus diesen schwarzen Augen.

"Damit er dich bis zum nächsten Körperteil nicht allzu sehr vermißt", erklärte Mocalyon ihr und drückte mit seltsamer Sorgfalt Blut aus dem Zopf, ehe er es aufs Bett legte. Dann zerrte er Asani hoch. Wie einen Sack Mehl warf er sie über die Schulter und kletterte trotz seiner Last leichtfüßig aufs Fensterbrett.

Er ging nicht gerade sanft mit ihr um, aber es kümmerte ihn nicht, daß ihr Kopf bei seinem Sprung gegen seinen Rücken schlug. Auch interessierte es ihn nicht, ob es Tränen oder Blut war, das ihm heiß durch die Kleider drang und den Rücken hinunterlief. Aber er hörte ihr letztes Wort, ehe sie bewusstlos wurde: "Legolas."

~*~

"Legolas..."

Ihre Stimme war so sanft und weich wie noch nie. Aber so traurig. Ein tiefer Schmerz flocht sich in ihre Stimme und das war es wohl, daß ihn aus dem Schlaf riß.

Er drehte den Kopf zu der Seite, auf der er Asani hat einschlafen sehen und wunderte sich, daß es stockfinster war. Es konnte nicht mehr Nacht sein. Die Vögel spotteten bereits über ihn, weil er so tief in den Tag hinein geschlafen hatte. Aber warum war es dunkel?

Er blinzelte einige Male und entdeckte etwas außergewöhnliches. Er hatte mit geschlossenen Augen geschlafen. Wie war das möglich? Das helle Sonnenlicht blendete ihn und er verstand endlich, warum Menschen nach dem Aufstehen so lichtscheu waren. Auch fühlten sich seine Lider etwas geschwollen und schwer an. Wie ein Mensch nach dem Aufwachen kniff er die Augen zusammen und tastete erneut nach Asani. Sie war nicht da.

Er bekam nur ihr Kissen zu fassen. Es duftete nach ihr und war immer noch etwas warm. Asani war wohl erst gerade aufgestanden. Das mußte er auch so langsam. Sich die Augen reibend wälzte er sich etwas umständlich herum und setzte sich auf.

Was war das für ein Geruch? Legolas rümpfte angewidert die Nase. Er kannte diesen Geruch. Es war Blut. Der Geruch erinnerte ihn immer an Kampf und Tod. Das jetzt in seinem Schlafgemach vorzufinden, beunruhigte ihn.

"Asani?"

Legolas schwang die Beine aus dem Bett und blinzelte den letzten Rest Schlaf aus seinen Augen. Erstaunt hielt er inne, als er einige Blutspritzer auf der hellen Wand vorfand. Seine Fingerspitzen stießen auf einen weichen Bündel, das sich wie ein Strang feuchter Fäden anfühlte.

Es war ein schwarzer blutiger Zopf.

Er konnte diesen Zopf nicht in seinen Erinnerungen nicht einordnen. Nein...er wollte ihn nicht einordnen. Natürlich hatte er ihn erkannt. Aber was machte er hier auf dem Bett?

Eine unangenehme Wärme kitzelte seinen Zehen, ehe er die Füße auf den Boden stellte. Er konnte es nicht verhindern. Seine Reaktion war zu langsam. Fassungslos sah er nach unten. Er stand in einer Lache noch warmen Menschenblutes.

Betäubt betrachtete er seine nackten Füße inmitten dieses dunklen Blutes und beobachtete stumm, wie es unter seine Zehennägel kroch. Langsam hob er den Kopf und blickte sich um. Nicht nur auf dem Boden war Blut.

Überall war Blut.

Sein Blick blieb an der Wand gegenüber dem Bett hängen. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit hatte er das Bedürfnis, sich zu übergeben.

In großen geschwungenen Lettern prangten die Worte an der Wand: "Wie unzerbrechlich ist Mithril?"

Ende des 30. Kapitel

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Bevor einer schreit, Sleepy Tiger sei in Wirklichkeit eine Satanistin, die sich auf Menschenopfer spezialisiert hat, lest bitte noch "die einzig wahre Interpretation von Kapitel 30"..........wow, toller Titel *lol*

Here we go...

Asanis Entführung durch Mocalyon war seit längerem geplant und mir war klar, daß so ein Treffen keineswegs schnell und gewaltlos von der Bühne gehen würde. Asani ist eine Kriegerin und Mocalyon ein Ork extraordinaire. Ich hätte Mocalyon Asani eins überziehen lassen können, aber die Idee überzeugte mich nicht und entschied mich daher zu einer blutigen Szene, um einmal Mocalyon besser zu charakterisieren und auch unterschwellig etwas von meiner Meinung über Gewalt einfließen zu lassen.

Gewalt ist für mich abstoßend, häßlich und böse. Zuweilen halte ich sie auch für gemein und hinterhältig, weil sie uns überraschen kann. So far so good...Nächste Frage: Wie bringe ich das dem Leser möglichst überzeugend nahe?

Ich hätte es kurz und knapp erklären können – mit einem moralischen Zeigefinger. Jeder würde mich für absolut politisch korrekt halten. Gewalt ist aber nicht korrekt. Auch nicht politisch und ganz gewiß ist sie jenseits aller Moral. So wollte ich sie daher auch darstellen. Beim "Erklären" sah ich nämlich die Möglichkeit zur Distanz zu dem beschriebenen Geschehen. Distanz kann zu einer unbeteiligten und desinteressierten Haltung führen. Ich wollte euch keine Chance geben, euch davon zu entfernen. Wenn Gewalt in ihrer ganzen Macht in unser Leben tritt, gibt es keine Flucht. Also, "zeigte" ich euch Gewalt. Ich wollte euch schocken und zielte darauf, daß euch schlecht wird. Je entsetzter ihr seid, desto näher bin ich meinem Ziel, euch zu zeigen, was ich von Gewalt halte und wie sie auf mich wirkt.

Auf der Basis meiner Vorüberlegungen verzichtete ich auch auf eine Warnung am Anfang. Ich hielt es für eine gute Idee, um meine *hust*künstlerische*hust* Intention zu stützen. Nachdem aber so viele Bitten...okay, es waren Beschwerden...bei mir ankamen, daß ich beim nächsten Mal bitte eine richtige Warnung schreiben soll, habe ich das auch hier auf ff.net nachgeholt...naja... war wohl etwas zu eifrig...hab wohl auch zuviel nachgedacht...

Okay, alles verstanden? Wenn nicht, dann könnt ihr mir immer noch schreiben.

11. Oktober 2002

Sleepy Tiger