Titel: Den Jäger erlegen

Autorin: Sleepy Tiger

Email: lapoetica@web.de

Warnung: mußte selber erst einmal nachlesen, was ich geschrieben habe...lang, lang ist's her...

Disclaimer: Lord of the Rings © by J.R.R. Tolkien

32. Kapitel: Gefährliche Irrwege

Zugegeben, die Sonne stand schon relativ hoch und sie hatten sogar das zweite Frühstück verschlafen. Aber sie hatten bis in den Morgengrauen gefeiert und gegessen. Das war doch Entschuldigung genug. Allerdings schien es jemand im Palast nicht so zu sehen und hatte vor einer Stunde die Glocken geläutet. Irgend jemand hatte an ihrer Tür geklopft und Alarm ausgerufen. Alle Gäste in den Audienzsaal, hieß es.

Merry und Pippin krochen also aus den Federn und sahen nach, was los war. Auf den Gängen herrschte ein gewisses Chaos, so daß sie sich gezwungen sahen, der Aufforderung Folge zu leisten. Völlig müde und torkelnd schlüpften sie in ihre Sachen. Mit falsch geknöpfte Hemden und Westen und zerzausten Haaren stolperten sie einige Zeit später auf den Gang, der zu dem Zeitpunkt plötzlich wie leer gefegt war. Naja, dachten sich die Hobbits und kratzten gähnend sich am Kopf. Selbst ist schließlich der Hobbit und machte sich auf dem Weg zum Audienzsaal.

Nach einiger Zeit, drei Treppen hoch und runter und unzählige Gänge weiter sah Merry nach links und dann nach rechts. Dann drehte er sich um und gab Pippin eine Kopfnuß. "Wir haben uns verlaufen. Vielen Dank, Herr Tuk!"

Der anderer Hobbit rieb sich den Kopf und murrte: "Was kann ich denn dafür? Es sind viel zu viele Gänge hier."

Merry rollte genervt die Augen und ging einige Schritte in einen Gang hinein. "Was ist hier bloß los? Erst schreien alle Alarm und dann ist niemand da."

"Vielleicht falscher Alarm", warf Pippin ein.

"Kann sein."

"Dann laß uns besser wieder zu Bett gehen." Pippin gähnte herzhaft und drehte sich wieder um. Merry blieb stehen, sah seinem Freund hinterher und wartete. Er kämmte sich mit den Finger durch die Haare, knöpfte sein Hemd richtig und dann kam von Pippin: "Wie kommen wir wieder zurück in unsere Zimmer?"

"Ich sagte doch, daß wir haben uns verlaufen", erwiderte Merry genervt und ging den Gang hinunter.

Pippin folgte ihm schnell. "Und was machen wir jetzt?"

"Wir suchen die Küche und..."

"Au ja! Ich habe auch schon Hunger."

"...und hoffen, daß wir dort Fräulein Asani treffen", beendete Merry streng seinen Satz. "Sie kennt sich bestimmt besser aus."

"Das können wir auch machen", meinte Pippin nickend. "Sie weißt bestimmt, was hier los ist."

Die beiden Freunden spazierten nebeneinander den Gang hinunter und losten aus, wo sie abbogen. Es kam ihnen sinnvoller vor, als sich zu darüber zu streiten, wenn man sowieso nicht wußte, wo es lang ging.

"Warte...", sagte Pippin plötzlich und runzelte die Stirn. "Riechst du das?"

"Was?"

"Blut."

"Blut?" Merry ging einige Schritte umher und schnupperte angestrengt. Tatsächlich war ein blutähnlicher Geruch in der Luft. "Vielleicht vom Schlachten der Tiere. Beim Fest gab es recht viel Braten."

"Dann ist die Küche nicht sehr weit", frohlockte Pippin und folgte seiner Nase.

"Meinst du nicht, daß hier nicht etwas zu...fein ist für eine Küche?" Merry deutete auf all die Wandgemälde und den blanken Mamorboden. "Oder für die palasteigene Schlachterei. – Haben die hier so etwas?"

"Bestimmt! Warum soll es so sonst so riechen. Vielleicht ist die Küche ja eine Etage tiefer." Pippin zuckte mit den Schultern und lief weiter.

Merry jedoch blieb stehen und versuchte, sich zu orientieren. Waren sie der Küche vielleicht doch näher, als sie glaubten? Er drehte sich wieder zu Pippin, der fröhlich durch den Gang hüpfte und dabei durch einige offenen Türen guckte. Merry schüttelte den Kopf und wollte seinem Freund nach, als dieser auf einmal mitten im Schritt verharrte. Er beobachtete, wie Pippin sich ganz langsam zu der offenen Tür wandte, vor der er stand. Merry runzelte die Stirn und ging zu Pippin, hinüber, als dieser Backen aufblies und einige würgenden Geräusche machte. Schnell schlug er sich die Hände vor dem Mund und wandte sich hastig ab.

"Was ist los?" wollte Merry wissen.

Pippin schüttelte jedoch heftig den Kopf und preßte die Hand fester auf den Mund. Er torkelte und taumelte gegen die Wand und würgte noch mehr.

"Pip? Ist dir schlecht?" Merry wurde zunehmend besorgter. Je näher er ihm kam, desto bestialischer wurde der Blutgestank. Kein Wunder, daß Pippin schlecht wurde. Er begann durch den Mund zu atmen und hielt sich die Nase zu. "Liebe Zeit, haben die die Schlachterei wirklich hier oben?"

Pippin schüttelte verzweifelt den Kopf und deutete in das Zimmer. Merry lief zu ihm und schaute im Vorbeigehen in die Richtung.

Blut.

Überall Blut. Auf den Boden, an den Wänden, auf den Möbeln. Überall.

Brüllend sprang Merry zurück. Er stolperte und landete zu Pippins Füßen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er in dieses Schlafzimmer. Sein Atem kam keuchend und sein Mund öffnete und schloß sich, ohne ein Wort zu sagen.

Pippin zog Merry gröber als beabsichtigt auf die Füße. Seine Hand krampfte sich in Merry Hemd, als sich beide entsetzt und bleich anstarrten. Ganz langsam wandte sich Merry von ihm ab und wagte erneut einen Blick durch die offene Tür. Pippins Hand krallte sich fester in Merry Hemd, als wollte er ihn davon abhalten, sich dieses Blut noch einmal anzusehen. Aber Merry schaute trotzdem hin.

"Das hier ist passiert", flüsterte Merry. Er machte sich von Pippin los und betrat sogar das Zimmer. Er las die Worte an der Wand. "Deswegen haben sie die Glocken geläutet."

Pippin, der anfangs zögerte und zauderte, trat dicht neben Merry. Er spürte, wie seine Hände und Füße kalt wurden und sein Herz in die Hose rutschte. Das Blut wich aus seinem Körper und seine Gedanken nahmen monströse Dimensionen an, als er sich anhand der mit dunkelbraunen Punkten gesprenkelten Wand, Handabdrücken und dicken Schleifspuren auf den Boden vorstellte, was hier passiert sein könnte. Das Schlimmste jedoch waren wohl die Worte, die an der Wand standen. "Wie unzerbrechlich ist Mithril?"

"Was hat das zu bedeuten?" fragte Pippin leise.

"Keine Ahnung", flüsterte Merry zurück. Vorsichtig ging er weiter und blickte sich zaghaft um. Pippin jedoch trat den Rückzug an. Er wollte unter keinen Umständen in diesem Zimmer bleiben. Aber er traute sich auch nicht, ohne Merry zu gehen. Er wollte nur noch weglaufen, aber er konnte nicht einmal richtig schlucken, seine Knie waren butterweich und sein Herz schlug wie verrückt gegen seine Rippen. Einen komischen Herzschlag hatte er da. Er klang so seltsam schwer und dennoch abgehackt und scharf. Beinahe hätte Pippin gelacht. Wie seltsam doch alles klingen konnte, wenn man vor Angst starb...

Aber nein, das war nicht sein Herzschlag. Es waren Absätze. Schuhabsätze. Es kam jemand. Alles in ihm brüllte vor Panik. "Lauf weg!" schrie eine Stimme in ihm. Aber nicht ohne Merry. Er öffnete den Mund und die Stimme brach vor Angst. "Merry, da kommt jemand."

Merry blickte ihn an, als verstünde er nicht, aber dann überschlugen sich seine Gedanken. "Was, wenn es derjenige war, der das hier angerichtet hatte?"

Merry packte Pippin am Kragen. "Da! Unters Bett!"

"Bist du verrückt?" wisperte Pippin panisch. "Wir müssen weg hier!"

"Wir haben keine Zeit und wir kennen uns nicht aus!" zischte Merry und betonte dabei jedes Wort mit einem heftigen Schütteln.

Pippin stemmte sich dennoch gegen ihn. Um nichts auf der Welt wollte er unter dieses blutbefleckte Bett! "A-aber vielleicht treffen wir Aragorn oder Gandalf."

Merrys Adamsapfel bewegte sich heftig auf und ab, als er Pippin näher zu sich zog und in einem bedrohlichen Ton fragte: "Willst du es darauf ankommen lassen?"

Nun war es Pippin, der schluckte. Beide Hobbits sahen sich schweigend an, bis Pippin sich los riß und in Windeseile unters Bett krabbelte. Merry war ihm dicht auf den Fersen.

~*~

Im Palast herrschte Ausnahmezustand.

Lord Megh Kerrigan IV. ahnte schon nichts gutes, als die königliche Garde ihn weckte und ihn und alle anderen unter Sicherheitsarrest gestellt hatte. Ein Verbrechen war geschehen. Ein Mädchen soll darin verwickeln sein. Sofort gingen seine Gedanken in Richtung seiner Stiefmutter, diesem Ork, der sich Dunkelelb nannte, und die kleine Kopfgeldjägerin. Wo die beiden ersten waren, gab es bestimmt ein Verbrechen und die Geliebte des Elbenprinzen war ja ein Mädchen. Es würde gut passen.

Irgendwie hatte er es geschafft, sich den königlichen Wachen zu entziehen und wanderte unbemerkt durch die Gänge des Palastes, bis er einer Eingebung folgte und in den Gästetrakt einbog. Dort schliefen zwei der Ringgefährten. Vorsichtig blickte er in jedes Zimmer und kam bald bei dem Zimmer des Elbenprinzen an. Er wunderte er sich nicht wirklich über das, was er dort vorfand. Sorgsam drückte er sich mit einem Taschentuch Mund und Nase zu, während er das Zimmer auf Zehenspitzen betrat. Überall Blut. Er erbleichte, als er die Worte an der Wand sah. Was hatte Gouldwen getan?

"Eine ziemliche Schweinerei, nicht?"

Der Statthalter fuhr schreiend zusammen, als seine schöne Stiefmutter auf einmal hinter ihm stand. Er preßte sich an die Wand und schnappte empört nach Luft. Gouldwen blickte ihn amüsiert an.

"Das Mädchen hat sich ziemlich gewehrt", erzählte Gouldwen im Plauderton. "Sie hat Mocalyon zwei Mal die Nase gebrochen."

"Tatsächlich?" Kerrigan träufelte hastig etwas Duftwasser auf sein Taschentuch und inhalierte schnell.

"Krieger sind sehr zähe Leute", fuhr Gouldwen fort. "Vor allem wenn sie aus dem Norden kommen." Vorsichtig kratzte sie einen angetrockneten Blutfleck vom Spiegel. "Diese verfluchten Barbaren."

"Was hat Mocalyon hier bloß gemacht?" würgte Kerrigan hervor. "Er sollte das Mädchen doch nur mitnehmen und sie nicht wie ein Schwein abstechen."

"Ich habe ihm erzählt, daß das Mädchen unsterblich ist", plauderte sie weiter. Ihr Stiefsohn erbleichte. Bei seinem Anblick nickte sie schmunzelnd. "Ja, die kleine Ifrey Kopfgeldjägerin ist unsterblich. Mocalyon wollte sich wohl überzeugen, wie unsterblich."

"Oh mein...", stöhnte Kerrigan. "All das Blut ist von dem Mädchen?"

"Sieht so aus", meinte Gouldwen. Sie hatte ihren Rock fein säuberlich hochgerafft und plazierte vorsichtig ihre Schritte um das Blut herum. "Ich glaube nicht, daß er es aus der Stadt geschafft hat."

"Du denkst, er ist noch hier?" flüsterte Kerrigan entsetzt.

"Höchstwahrscheinlich", erwiderte Gouldwen seelenruhig, während ihrem Stiefsohn das Herz stehenblieb.

Der junge Lord beobachtete mit Grauen, wie Gouldwen mit den Fingerspitzen über das Blut an der Wand strich und sie dann ableckte. "Der Prinz mußt beinahe sofort nach Mocalyons Verschwinden aufgewacht sein. Der Alarm kam ziemlich schnell." Sie begann, es Mocalyon gleich zu machen und zeichnete mit dem erkalteten Blut einen Kreis an die Wand. "Ich habe mich wohl verrechnet."

"Was ist, wenn er entdeckt wird?" Er mußte sich zusammenreißen, um sich nicht zu übergeben.

"Er ist und bleibt ein Ork", sagte Gouldwen immer noch sehr ruhig. Sie setzte sich auf einmal aufs Bett. Inmitten der zerwühlten und blutbefleckten Laken. Scheinbar fasziniert untersuchte sie es und hob es hier und da ein wenig hoch. Sie beugte sich auch manchmal etwas vor, als wollte sie unters Bett gucken. Während Kerrigan sie dabei etwas irritiert beobachtete, entdeckte er, wie sich ganz langsam ein hämisches Grinsen auf ihren schönen Zügen ausbreitete. Schließlich stand sie wieder auf und fuhr im vorherigen Ton fort: "Er wird schon eine dunkle Höhle finden."

Kerrigan glaubte bei diesen Worten in eine Ohnmacht zu fallen. "Eine dunkle Höhle? Du meinst..."

Sie nickte ruhig. "Du mußt sie von den Verliesen fernhalten."

"Ich?" Kerrigans Stimme schnellte bei diesem einem Wort in unglaublichen Höhen.

"Ja, du." Gouldwen sah ihm direkt in die Augen. Eiskalt. Grausam. Skrupel – und gewissenlos. "Macht bringt Nachteile mit sich. Sei ein Mann, mein Sohn. – Und sei auf dem Rückweg vorsichtig. Hier lungern überall diese königliche Garde herum."

Sei ein Mann, mein Sohn. Der Satz hatte sein Vater immer wieder zu ihm gesagt. Immer hatte er diese Worte gehaßt, die ihn gedemütigt und ihn zu diesen Geschäften mit Gouldwen und Mocalyon getrieben hatte. Aber sie von seiner Stiefmutter zu hören, jagten sie ihm mehr als alles andere Angst ein. Trotz des spöttischen Tons schwang eine Drohung mit. Gouldwen war ein sehr bösartiges und praktisch veranlagtes Wesen. Was Probleme verursachte, wurde einfach beseitigt. Sie hatte recht. Aber wie sollte er das machen?

~*~

Die beiden Hobbits blieben noch eine ganze Weile unter dem Bett, selbst als der junge Statthalter und seine Stiefmutter längst gegangen waren, und starrten voller Entsetzen ins Leere. Sie hatten sich noch nicht von ihrem Schock erholt. Beide Hobbits waren geradezu entsetzt gewesen, als Lady Gouldwen sich plötzlich aufs Bett gesetzt hatte. Merry hatte sich ganz flach auf den Boden ausgestreckt, damit die Matratze ihn nicht berührte. Pippin hatte sich nach außen gerollt und sich zusammengekauert. Aber das Schlimmste war, als ihre Ladyschaft das Laken hochgehoben hatte. Hektisch waren sie nach hinten gekrochen und bemühten sich dabei, keinerlei Geräusche zu machen. Jedes Mal, wenn sie sich bewegte, zeichnete es die Matratze nach und Merry und Pippin rechneten damit, daß sie unters Bett gucken würde.

Merry war dann der erste, der sich bewegte. Kalkweiß im Gesicht und völlig steif in seinen Bewegungen krabbelte der Hobbit unter dem Bett hervor. Pippin sah Merry dabei zu, ohne ganz zu verstehen, was er da beobachtete. Erst als er sich alleine unter dem Bett wiederfand, folgte er ihm hektisch.

Sie füllten ihre Lunge kräftig mit Luft und erbleichten noch mehr, als sie diesen leicht metallischen Verwesungsgestank mit einatmeten. Panisch rappelten sie sich auf und liefen hinaus. Pippin rutschte einige Male aus und sein Herz schlug wie wahnsinnig, als Merry aus dem Zimmer verschwand.

"Merry, warte!" rief er leise.

Merry drehte sich kurz um und winkte Pippin ungeduldig zu. "Komm! Das müssen wir Aragorn erzählen!"

Pippin nickte, riß sich zusammen und rannte ihm hinterher. Sein Freund war blaß und schien zu zittern. Ihm ging es ja selbst nicht besser, aber sie hatten keine Zeit, sich zu beruhigen. Sie mußten sofort zu Aragorn oder Legolas oder Gimli oder Gandalf...Irgend jemanden, der sich hier auskannte und den sie kannten...und dem sie vertrauen konnten.

Die beiden Hobbits rannten, was ihre Füße hergaben. Sie bogen nirgends ab und liefen nur geradeaus. Sobald eine Treppe in Sicht kam, steuerten sie automatisch die unteren Geschosse an. Durch Zufall oder glückliche Fügung kamen sie auf einmal auf einem weitaus breiteren Korridor, der mit Büsten und Statuen gesäumt war. Es hingen Fahnen an der Wand. Hier waren keine prunkvolle Bilder oder Verzierungen. Hier sah es zum Gegensatz zum Rest des Palastes sehr nüchtern und kühl aus. Das Königsemblem prangte groß und deutlich an einigen Türen. Aragorns Wappen. Allein der Anblick tröstete.

"Ich glaube, wir sind auf den besten Weg zum Audienzsaal", sagte Merry und lächelte Pippin etwas zittrig an. Er sah noch, wie Pippin sein Lächeln erwiderte und den Mund öffnete, um etwas zu sagen, als er wie von Geisterhand zurück gerissen wurde.

"Pippin!" Merrys Kopf fuhr herum und er sah Lady Gouldwen hinter einer großen Statue auftauchen. Einer ihrer Hände hatte sich fest in Pippins Haare gekrallt.

Der Hobbit wurde abwechselnd wachsbleich und puterrot. Er schlug wie wild auf Lady Gouldwens Hand ein. Aus dem Augenwinkel sah er Merry, wie dieser schreckerstarrt dastand, und schrie: "RENN, MERRY!"

Aber Merry starrte zu Lady Gouldwen hoch, die ihn mit ihrem freundlichen Lächeln bedachte. In Kombination mit ihren eisigen Augen war ihr Anblick geradezu furchterregend grausam.

"In alten Gemäuern gibt es doch immer Ratten", sagte sie mit samtweicher Stimme. "Aber vor allem unter Betten, oder?"

Ehe sich Merry versah, hatte sie ihn schon am Hals gepackt. Beinahe verwundert beobachtete Merry, wie die zierliche und sonst so liebe und freundliche Lady Gouldwen Pippin mit einer ungeheuren Leichtigkeit unter der den Arm klemmte und ihn hinter sich herzog. Weder seine wütende Gegenwehr noch Pippins Gebrüll konnte sie aus der Ruhe bringen. Sie schleppte beide durch eine Seitentür und über einen oder zwei weitere Gänge, ehe sie mit ihnen einen kleinen Raum betrat. Mit einem lässigen Tritt fiel die Tür hinter ihnen zu.

"Ich habe Jahre gebraucht, um hier meine Feinde auszuschalten", begann sie mit tödliche Ruhe und hängte Pippin dabei an einem Wandleuchter. Merry schleppte sie zur nächsten Wand. "Ich habe mich mit einem alten Mann verheiratet und muß mit seinem widerlichen Sohn auskommen. Ich habe mir hier ein verdammtes Imperium geschaffen."

Merry sah Gouldwen mit weit aufgerissenen Augen an. Was redete sie da? Ehe er die Frage artikulieren konnte, hob sie ihn ein Stück hoch und preßte ihn mit einer Hand an die Wand. Merry keuchte vor Schreck, als er den Boden unter den Füßen verlor. Sie war verdammt stark!

"Das lasse ich mir nicht von zwei kleinen Ratten zerstören", fuhr sie fort.

"H-hey!" rief Pippin empört. "Das ist nicht nett! Wir sind Hobbits und keine Ratten! Wir nennen Euch doch auch keine gefährliche Irre!"

"Obwohl das die Wahrheit wäre", brachte Merry noch gerade hervor.

Gouldwen gab darauf keine Antwort. Sie drückte mit einer Hand Merrys Kinn weit nach hinten und riß seinen Kragen auf.

"Was macht Ihr da?" schrie Pippin etwas panisch. "Ihr wollt Euch doch hoffentlich nicht an einen unschuldigen Hobbit vergehen!"

Wieder antwortete sie nicht. Mit einem erschreckend unbeteiligten Gesichtsausdruck zog sie eine kurze, schmale Klinge aus ihren Haaren. Merry röchelte und japste nach Luft, während seine Augen sich immer mehr weiteten. Verzweifelt krallte er seine Fingernägel in ihr Handgelenk und versuchte um sich zu treten, aber seine Füße waren so schwer und taub. Tränen traten in seine Augen. "Pip-pin!!!!"

"MERRY!" schrie Pippin in gleicher Verzweiflung zurück und zappelte wild herum, obwohl er dabei Gefahr lief, sich an seinem Hemdkragen zu erhängen. Seine Füße strampelten in der Luft und er fuchtelte heftig mit den Armen. "Laß mich runter, du-du-du...alte Hexe!"

Gouldwen wandte sich scharf zu ihm und zischte wütend: "Halt die Klappe oder ich lasse dich langsam sterben, du kleine Ratte."

Statt eingeschüchtert zu sein, fühlte sich Pippin von ihren Worten provoziert und schoß unablässig Verwünschungen auf die schöne Lady ab. "Es heißt Hobbit, du Irre! Aragorn wird dich in eine dunkle Höhle sperren und Gandalf wird dich vorher in eine Maus verwandeln! Du Lügnerin! Du Betrügerin! Sollen dich die Orks fressen..."

Gouldwens Unterkiefer verhärtete sich, als sie sich wieder Merry widmete. Sie schlug seinen Kopf einmal gegen die Wand und renkte ihm fast die Nackenwirbel aus, als sie sein Kinn noch heftiger zurückschob. Es schien, als wollte sie ihn zuerst töten, ehe Pippin zu seinem langsamen Tod kam.

Aber etwas ließ sie innehalten und Merry neue Hoffnung schöpfen. Trotz Pippins Triaden hörten beide ein feines, leises Knarren. Es wurde immer lauter und schließlich ächzte Metall und Holz zersplitterte. Pippin hatte so wild gestrampelt, daß die Wandleuchte, an der er hing, sich aus der Fassung löste. Mit einem letzten Stöhnen gab sie nach und sprang mit einem Knall aus der Wand. Schreiend stürzte der Hobbit herab und blieb etwas benommen auf dem Boden liegen.

Merry sah indes seine Chance kommen. Er riß sich zusammen und trat mit voller Wucht in Gouldwens Bauch. Er fiel augenblicklich auf den Boden. Mit einem fast unmenschlichen Wutschrei krümmte sich Lady Gouldwen vor Schmerzen.

Pippin und Merry wechselten einen kurzen Blick und krabbelten und rannten in Windeseile von Gouldwen fort. Sie stürmten durch die Tür, die sie zuerst gar nicht aufbekamen, und liefen so schnell sie konnten weg. Sie versuchten gar nicht, den Gang mit den Fahnen und Statuen zu finden. Sie hatten wieder keine Ahnung, wo sie waren. Aber Hauptsache fort von dieser Irren!

Keuchend kam Gouldwen währenddessen wieder auf die Beine und raffte die vielen Röcke hoch, um die Hobbits einzuholen. Keine Ratte sollte ihr Imperium zerstören. Sie hatte so lange gebraucht, um den alten Mann um den kleinen Finger zu wickeln und um den Sohn gefügig zu machen.

Dieser Hobbit hatte ziemlich kräftig zu getreten und sie spürte den Schmerz im ganzen Körper. Aber Schmerzen vergingen. Gouldwen biß die Zähne zusammen und suchte nach diesen beiden Hobbits. Als die beiden endlich vor ihr auftauchten, zog sie ohne zu zögern die kurze Klinge und zielte auf den Kopf des Hobbits, den sie zuerst drangsaliert hatte. Das Messer zischte zwar sehr dicht an dem Merry vorbei und nahm bei seinem Flug einige Locken mit, aber der Hobbit an sich blieb unversehrt. Gouldwen wollte schreien.

Merry und Pippin blieben abrupt stehen, als ein Dolch einige Meter vor ihnen klirrend auf den Boden landeten. Zuerst begriffen sie nichts, bis sich Merry an den Kopf griff. Es war an einer Stelle auf einmal so kalt. Pippin war gar nicht zu Lachen zu mute, als er die fehlenden Locken bemerkte.

Die Hobbits starrten auf das Haarbüschel auf den Boden und begannen zu schreien. Gouldwen nutzte ihre Kopflosigkeit und kam ihnen immer näher. Es nützte ihnen nichts mehr, daß sie wieder zu rennen anfingen. Gouldwen kannte sich hier besser aus und auch sie war eine schnelle Läuferin.

Zu ihrem Entsetzen gerieten die Hobbits in totale Panik und stieben auseinander. Einer rannte nach links und der andere lief nach rechts. Einen Moment lang stand sie fassungslos da und blickte von links nach recht und zurück. Sie schrie. Diese Ratten von Hobbits! Wie sollte sie die jetzt einfangen? Für einen Moment war sie wirklich unschlüssig. Frustriert und verärgert nahm sie dann Merrys Spur auf.

Merry hatte die Füße unter die Arme genommen und schrie: "Pippin, was machen wir jetzt?"

Als keine Antwort kam, blickte er schnell nach links und rechts und dann wagte er einen Blick nach hinten. Kein Pippin, aber dafür kam Lady Gouldwen gerade um die Ecke und folgte ihm mit einem ziemlich finsteren Gesichtsausdruck. Jetzt stand der Hobbit kurz vor einem Wein- und Schreikrampf. "PIPPIN!!!"

Blind vor Panik rannte er weiter und bog ein, wo immer ihn seine Füße trugen. Ihm ging langsam die Puste aus, daher mußte er auf Tricks zurückgreifen, um diese Irre loszuwerden. Aber war das so sinnvoll, wenn der Verfolger sich besser auskannte? Merry versuchte es trotzdem. Immer wieder flog sein Blick nach hinten, während er wahllos in Korridore einbog und die Treppen hoch und runter lief. Zu seinem schieren Entsetzen klebte diese Frau geradezu an seinen Fersen.

"Pippin, wo bist du?" flüsterte er vor sich her und drehte sich beim Einbiegen in einen fremden Gang nach Lady Gouldwen um und stieß dabei mit jemanden zusammen...

Gouldwen verfluchte den verdammten Hobbit. Wie konnte diese kleine Ratte so schnell rennen? Ihre Lungen brannten und ihr Herz raste wie verrückt, während ihren Beine schwerer und schwerer wurden. Ihre Seiten krampften und stachen immer mehr. Die Haare klebten an ihrer schweißnassen Stirn und der kostbare Stoff ihrer Kleider rieb sich unangenehm an ihrer feuchten Haut. Unwirsch riß sie das Oberteil ihres Kleides auf und schälte sich heraus. Das gleiche passierte mit den Röcken. Nur noch mit den langen Unterhosen und dem weißen Hemd bekleidet, nahm sie wieder die Verfolgung auf. Ein kühler Luftzug ließ sie etwas frösteln, aber sie fühlte sich um einiges leichter. Sie rannte weiter und machte diesmal größere Schritte. Diese kleine Ratte war in Griffnähe. Sie konnte es spüren. Er war hier irgendwo...

"WWHHAAA!!! Laß mich los, du Hexe!" schrie der Hobbit in unmittelbarer Nähe. Gouldwen blieb verdutzt stehen und preßte sich an die Wand. Sie zwang sich, durch die Nase zu atmen und lauschte angestrengt.

"Laß los, du Mörderin!" brüllte der Hobbit und Gouldwen hörte, wie jemand geschlagen wurde.

"Also, Sam, das war doch nicht nötig!" empörte sich eine sanfte Stimme.

"Doch, und wie!" behauptete jemand. Sam, höchstwahrscheinlich.

Merry!" rief die sanfte Stimme dann. "Merry, ich bin es! Frodo."

"Frodo?" Merry klang zuerst etwas benommen. "FRODO!!"

"Merry...warte! Du erwürgst mich!" Kurz darauf: "Nein, Sam! Tu ihm nicht weh! - Merry! Wir haben euch gesucht. Wo ist Pippin?".

Der Ringträger und sein Schatten! Gouldwen stöhnte innerlich und löste sich von der Wand. Noch eine Ratte. Sie guckte sich auf dem Korridor um, auf dem sie gerade war und überlegte, mit was man zwei Hobbits niederschlagen konnte. Sie zögerte etwas. Der Tod zweier Ringgefährten war ein noch zu verkraftender Skandal. Aber ein toter Ringträger konnte sehr problematisch werden. Sollte sie das riskieren? Sie mußte wohl, wie es aussah, würde dieser Merry dem Ringträger gleich alles brühwarm erzählen...

"Komm erst einmal zu Atem, junger Hobbit", sagte in diesem Moment eine tiefe Stimme.

Der Zwerg! Gouldwen begann auf ihren Nägeln kauen. Drei Hobbits waren kein Problem für sie, aber ein Zwerg konnte sehr schwierig werden. Gouldwen überlegte. Wie weit war es bis zur Waffenkammer? Konnte sie es schaffen, ohne von der Garde aufgegriffen zu werden?

"Er hat keine Zeit, um zu Atem zu kommen, Gloins Blag", meinte eine andere und samtene Stimme. "Ein Mörder läuft hier herum und der andere Hobbit ist nicht aufzufinden."

"Mein Name ist Gloins SOHN!!" empörte sich der Zwerg.

"Hört auf!" rief Merry aufgeregt. "Wir müssen Pip finden. Lady Gouldwen ist hinter uns her gewesen."

"Lady Gouldwen?" Frodo klang besorgt. "Merry, was redest du da?"

"Sie war es!"

"Was?" fragte Sam.

"Sam, du Trottel! Sie hat Fräulein Asani einem Ork gegeben und der ist noch in der Stadt!"

"Bist du auf dem Kopf gefallen?" fragte Sam spöttisch. "Moment mal, was ist mit deinen Haaren passiert? Liebe Zeit, Merry! Dein Hals ist ja grün und blau!"

"Das war Lady Gouldwen! Sam, hör mir gefälligst zu!" schrie Merry außer sich.

Es folgte noch eine kleine Auseinandersetzung, die der Elb oder vielleicht doch der Zwerg resolut beendete. Aber was im Detail gesagt wurde, interessierte Gouldwen nicht mehr. Sie mußte weg von hier. Weg aus Perrigon. Ein paar Hobbits und ein Zwerg wären noch zu überwältigen gewesen. Saruman hatte viel von ihr verlangt, damit sie ihre Position als Attentäterin behalten durfte. Aber noch nie war sie einem Elben überlegen gewesen. Deswegen konnte Mocalyon damals ihr den Rang ablaufen.

Sie atmete wieder mittlerweile normal. Seelenruhig drehte sie sich um und zog sich die Schuhe aus. Sie verzog mißmutig den Mund, als ihre nackten Füße mit dem kalten Boden in Kontakt kamen. Aber so würde sie beim Gehen keine Geräusche machen. Sie strich sich ihre Haare glatt und überlegte, wie sie an Kleidung und Proviant kommen konnte. Vielleicht konnte sie noch etwas Schmuck aus einem der Gästezimmer stehlen. Dann wäre sie für die nächste Zeit finanziell abgesichert. In schnellen, aber gemessenen Schritten ging sie den Gang wieder zurück. Sollte sich doch ihr Stiefsohn mit den Waldläufer und seinen Freunden herumschlagen.

Das Spiel war für sie aus.

Ende des 32. Kapitels

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Da bin ich wieder! Leider leidet mein Terminplan unter Studium und Job. Dementsprechend mußte ich diese Geschichte streckenweise ins Kühlfach legen und habe kaum oder sogar gar nicht eure Post beantwortet. Ich will niemanden übergehen, der so lieb ist, mir zu schreiben. Ich halte keine Mail für selbstverständlich und freue mich über jede. Aber es geht momentan überhaupt nichts! Ich bitte euch daher um ein bißchen Verständnis - falls noch etwas da ist - auch um etwas Geduld. Vielen Dank!