Titel: Den Jäger erlegen

Autorin: Sleepy Tiger

Email: lapoetica@web.de

Warnung: ich brauch Urlaub!!!

Disclaimer: Lord of the Rings © by J.R.R. Tolkien

Kapitel 33: Vater und Sohn

Sollte Gouldwen sich doch mit dem Waldläufer und dem Ringträger herumschlagen!

Er, Lord Megh Kerrigan IV., mußte erst einmal sich selbst retten. Kurz nachdem er das blutige Zimmer verlassen hatte, war er schnurstracks zu seinem Büro geschlichen. Nichts in Mittelerde hätte ihn noch dazu gebracht, zum König zu gehen und ein aufwendiges Ablenkungsmanöver aufzuziehen. So sehr er diesen Mann auch verabscheute, er unterschätzte ihn nicht. Früher oder später würden er und seine Männer die Verliese durchsuchen und herausfinden, daß sie doch größer waren, als man annahm. Und wenn nicht, würde schon der Elbenprinz dafür sorgen. Dieser war bestimmt entschlossen genug, ganz Perrigon niederzubrennen, nur um seine kleine Schlampe wiederzubekommen.

Seine Stiefmutter hatte diesmal übertrieben. Es war schon ein Fehler gewesen, das Mädchen einzustellen. Aber es dann Mocalyon, diesem Ork, der sich Dunkelelb nannte, zu überlassen, der es halb abschlachtete, ehe er es mitnahm, war ein verdammt großer Fehler gewesen.

Gouldwen hätte diesmal auf ihn hören sollen. Sie hätten die kleine Elbenhure von Kopfgeldjägerin sofort beseitigen sollen. Aber nein! Sie wollte das Mädchen Stück für Stück an den Elbenprinzen zurückgeben und was war passiert? Der König hat die Befehlsgewalt über Perrigon übernommen und jeden und alles unter Sicherheitsarrest gestellt. Dann erwartete Gouldwen auch noch, daß er alles in Lot brachte, während sie seelenruhig weiter die verängstigte Lady spielte.

Nicht diesmal!

Auf seinem Weg zum Büro war er zum Glück keinem der Ritter der königlichen Garde begegnet und atmete daher erleichtert auf, als er die Tür leise hinter sich geschlossen hatte. Er mußte einen Moment innehalten und sich beruhigen, denn er zitterte am ganzen Körper und ihm stürzte der Schweiß aus allen Poren. Diese Aufregung war nicht gut für ihn.

Zielstrebig steuerte er den Kamin an und entledigte sich dabei seinem schweren Morgenmantel und krempelte sich die Ärmel seines Nachtgewandes hoch, das bereits an Rücken und Brust klebte. Es gab keine Zeit, sich umzuziehen. Schnaufend und schwer atmend fiel er auf die Knie und suchte die Feuersteine und Papierschnipsel in dem kleinen Körbchen neben der Feuerstelle. Es dauerte zwar etwas, weil er noch nie in seinem Leben selbst Feuer gemacht hatte, aber bald gebaren die wenigen Funken Flammen auf dem Papierhaufen. Jetzt mußte er noch etwas Brennmaterial nachlegen, damit das Feuer nicht gleich wieder starb, aber er ignorierte die vielen Holzscheite und lief zu den Schränken rund um seinen Arbeitsplatz.

Er riß die Türen auf, sah auf all die ledernen Bücher, die sich dort drinnen stapelten, und sein Herz wurde schwer. Beinahe zärtlich strich er über die Bände. Sie beschrieben in Detail alle seine große Taten als Perrigons einzig wahrer Sklavenhändler. Die ganze Entwicklung seiner Geschäfte war darin verzeichnet worden. Von den ersten zaghaften Geschäfte mit den Süden, als das zu klein geratene Gefängnis überfüllt war, über die Blütezeit mit Sauron und Saruman, die auf Empfehlung von Gouldwen von ihm Fuhren von Sklaven abgekauft hatten, und schließlich bis zu seiner genialen Idee, auch Zwerge und Elben in sein Sortiment aufzunehmen, die dann ebenfalls mit Gouldwens Hilfe und Mocalyons Truppe ausgeführt werden konnte.

All diese Bücher mußten jedoch zerstört werden. Nur sehr wenige würden verstehen, wieviel er eigentlich getan hatte, um Perrigon zu seiner alten Größe zurückzuführen. Diese Stadt wurde mit Sklavenhandel groß und konnte seine Macht auch nur mit Sklavenhandel behalten. Megh hatte seine Vorfahren nie verstanden, warum sie versucht hatten, Perrigons ursprünglichen "Exportschlager" mit Juwelen und Korn zu ersetzen. Sicherlich hatte das mit "der Freiheit eines jeden Wesens in Mittelerde" zu tun gehabt.

Megh gab sich einen Ruck und holte sämtliche Bücher heraus und begann, sie in den Rachen des Kamins zu werfen. So sehr er sich auch in Recht fühlte, es lohnte sich nicht für seine Ideale zu sterben. Seine Mundwinkel bogen sich zu einem verächtlichen Lächeln. Wie viele Menschen, Elben und Zwerge waren beim Ringkrieg für Freiheit Mittelerdes gestorben? Was hatten sie jetzt schon davon? Nichts. Denn sie waren tot.

Er warf noch mehr Bücher ins Feuer und sah kurz nach, wie weit alles zur Asche verbrannt war. Leider war dem nicht so. Viel schlimmer: die Flamme war kurz vor dem Ersticken. Entsetzt lief er zum Kamin und zog einige Bücher wieder aus dem Feuer. Verzweifelt sah er sich die dicken Bücher an. Das Leder war nicht einmal angesengt worden. Aber die Seiten zwischen den Buchdeckeln war vom Feuer sehr angefressen worden. Also begann er in seiner Hektik, die Seiten aus den Bücher zu reißen und so zu verbrennen. Die leeren Buchdeckeln warf er in eine Ecke.

In seiner Eile fielen einzelne Blätter heraus und bedeckten bald den Boden. Etwas genervt kniete er sich hin und sammelte alle auf und warf sie ins Feuer. Als er alle Bücher zerfetzt hatte, war er zur Tode erschöpft. Er hatte kaum Kraft, um aufzustehen. Aber er konnte sich jetzt keine Ruhe leisten. Er mußte absolut sicher gehen, daß nichts übrig geblieben war. Daher kroch er zur Sicherheit auf allen Vieren herum und suchte den Boden ein letztes Mal nach weiteren losen Zetteln ab.

Megh fuhr erschrocken hoch, als jemand die Tür öffnete. Unglücklicherweise befand er sich gerade unter seinem Tisch, stieß mit dem Kopf gegen die Platte und machte den Neuankömmling so auf sich aufmerksam. Er hörte Schritte, die ins Zimmer kamen und beschloß unter dem Tisch hervorzukommen. Es hatte ja doch keinen Zweck mehr. Vielleicht konnte er sich noch herausreden. Aber es war kein Soldat des Königs, der da über ihn ragte, sondern sein Vater. Stolz und würdevoll, trotz der gebeugten Haltung und dem Stock, stand Lord Kerrigan III. angetan in einem dicken Morgenmantel vor seinem kriechenden Sohn.

"Wußte ich doch, daß ich dich hier finde", sagte der alte Mann.

Sein Sohn erhob sich schwerfällig und stellte sich wie ganz zufällig vor dem Kamin. "Was führt Euch zu mir, Vater?"

Etwas irritiert sah sich der alte Mann die aufgerissenen Schranktüren an. "Was ist hier los?"

"Nichts", erwiderte Megh schnell und berührte wie zufällig einige Schranktüren im Vorbeigehen. Leise fielen sie zu. "Also, was führt Euch zu mir?"

"Ich vermißte dich bei der Lagebesprechung mit seiner Majestät, Megh."

"Ich glaube, der kommt ganz gut ohne mich aus", erwiderte der Sohn etwas bitter.

Sein Vater lachte leise. "Bist du etwa beleidigt, daß Seine Majestät dich nicht in seine Pläne einbezogen hat?"

"Nein, wieso?" Megh schloß mehr Schranktüren und aus den Augenwinkeln sah er sich um Zimmer um. Nein, alles war im Feuer. "Ist das alles, Vater?"

Die buschigen Brauen des Alten gingen indigniert in die Höhe. Kerrigan III. erwiderte aber daraufhin nichts, sondern sagte: "Das Zimmer hat sich seit meinem Ruhestand ziemlich verändert."

"Natürlich", erwiderte Kerrigan leichthin. "Es ist jetzt schließlich meines."

Sein Vater ignorierte diese Antwort, ging langsam hinter dem Schreibtisch und setzte sich in den großen Sessel. Brummend rutschte er hin und her. "Das ist aber nicht mein alter Sessel."

"Es ist ein neuer, Vater."

"Warum?" Der alte Mann hörte auf, sich eine gemütliche Position in dem Sessel zu suchen. "Darin hatte schon dein Urgroßvater gesessen. So eine Verschwendung!"

Während sein Vater sich weiter über die neuen Sitzmöbel ausließ, warf der Sohn dezent seinen Morgenmantel über die zerfledderten Bücher in der Ecke. Gerade als er sich zu seinem Vater umdrehte und sagen wollte, daß er anderswo zu tun hatte, hielt dieser gerade ein Blatt Papier zwischen den Fingern und las schweigend. Megh wurde auf der Stelle wachsbleich und das Blut gefror ihm in den Adern.

Er hatte doch etwas übersehen.

"Was ist das?" fragte Kerrigan III. in die Stille hinein.

Meghs Herz klopfte ihm bis zum Hals. Sein Lächeln war eher verzerrt als nonchalant. "Was meint Ihr?"

"DAS HIER!" schrie sein Vater auf einmal und wedelte mit dem Blatt. "Was ist das?"

Der Statthalter sprang erschrocken zurück. "Ich weiß nicht, was Ihr..."

" ‚Beseitigung der königlichen Adjutanten erfolgreich als Raubmord verschleiert; Weg frei für Übergabe der Waren: sechs Männer, vier Frauen, zehn Kinder; Preise wie immer' ", las der alte Mann vor. "Ist das deine Schrift auf dem Papier, Megh?"

"Ich weiß nicht, wovon Ihr redet, Vater", erwiderte Megh unsicher. Er sah überall hin, nur nicht zu seinem Vater. Wie immer, wenn er sich ertappt fühlte.

"Hast du mit Menschen gehandelt, Megh Kerrigan?"

"Ich?" Megh gab sein bestes, möglichst empört und beleidigt zu sein, aber immer noch blickte ihn sein Vater unversöhnlich ein. "Ich weiß nicht, was Ihr von mir wollt!"

"Mach dich nicht dümmer, als du schon bist!" entgegnete der Vater scharf. "Du verkaufst Sklaven! Deswegen ist der König hier, nicht wahr? Deswegen waren schon diese beiden Adjutanten hier und du hast sie ermorden lassen, oder? Du feiger Hund! Nicht nur ein Menschenhändler, sondern auch noch Mörder!"

Vor Wut warf der alte Mann das Blatt Papier in die Richtung seines Sohnes. Da es nur eine einzelne Seite war, segelte es seelenruhig zum Boden, anstatt irgendwo an der Wand oder auf Meghs Stirn zu zerschmettern. Vater und Sohn starrten sich schweigend an. Gerade noch war der alte Mann voller Wut, aber ganz langsam wurde der Blick müde und resigniert. Schließlich schlossen sich die Augen, die Mundwinkel fielen traurig herab und bald verloren auch die Schultern ihre Spannung und sackten herunter.

"Megh, warum tust du das?" fragte Lord Kerrigan dann etwas ruhiger. Kummer spiegelte sich in den trüben Augen, als sie sich wieder öffneten, und seine Stimme war schwer von Enttäuschung. "Warum läßt du dich zu solchen Verbrechen herab? Warum, Megh?"

Unerklärlicherweise traf dieser resignierte Ton Megh noch viel mehr auf als das vorherige Gebrüll. Vielleicht weil es ihn an seine Kindheit erinnerte, als sein Vater ihn oft genug zu verstehen gegeben hatte, wie nutzlos er als Krieger war. Ja, es stimmte, Megh Kerrigan war kein Krieger. Aber er war ein erfolgreicher und gerissener Geschäftsmann. Das hatte sein Vater jedoch nicht anerkannt. Dieser alte, verbohrte Kerl verstand nicht, daß sein Sohn keineswegs nutzlos war. Kerrigan IV. war der mächtigste Sklavenhändler der gondorianischen Westküste und der Statthalter, der Perrigon sogar noch während des Ringkrieges zu Ruhm und Reichtum geführt hatte.

"Warum ausgerechnet Sklavenhandel?" fragte sein Vater wieder. "Ich wußte ja, daß dir Kriegerleben nicht behagt und du den Luxus liebst. Aber daß du das mit diesen dreckigen Geschäften erreichst..."

"Warum hast du mich dann zu deinem Nachfolger gemacht?" wollte Megh wissen.

"Ich glaubte, du würdest durch diese Aufgabe erwachsen werden. Aber ich habe mich wohl geirrt. Du hast Perrigon und die Familie Kerrigan so tief in den Dreck geritten..."

"Das habe ich nicht!" rief Megh ehrlich empört. "Perrigon ist mächtiger denn je und das nur durch mich. Ich habe es geschafft, die Stadt aus diesem unseligen Ringkrieg zu halten. Ich habe sie vor Saruman und Sauron beschützt."

Seltsamerweise beeindruckte das seinen Vater anscheinend überhaupt nicht. Dieser hatte den Mund geöffnet, um etwas zu sagen, aber nicht ein Ton kam heraus und statt dessen schien der alte Mann wie erstarrt zu sein. Seine Augen weiteten sich, als hätte er etwas wichtiges erkannt. Megh verstand nicht, was vor sich ging. Aber das änderte sich, als sein Vater leise fragte: "Wie hast du das gemacht?"

"Das ist meine Sache!" erwiderte Megh unwirsch, aber seine Stimme zitterte verdächtig.

"Was hast du getan, Sohn?" Der ehemalige Statthalter kam einen Schritt näher und es schien ihm sehr viel Mühe zu machen. "Sag mir, wie du Saruman und Sauron von Perrigon ferngehalten hast. Sag mir, was du ihnen versprochen hast!"

"Ich habe ihnen gar nichts versprochen!" schrie Megh hysterisch. Er atmete tief ein und versuchte Ruhe zu bewahren. Sein alter Herr hatte ihn in die Ecke gedrängt. "Es geht dich nichts an! Ich bin hier der Statthalter!"

"GIB MIR EINE ANTWORT!" herrschte sein Vater ihn an. Völlig verstockt starrte der Sohn zurück und preßte die Lippen zusammen. Der Adamsapfel hüpfte auf und ab. "Waren es die Edelsteinmienen? Machen wir deswegen so große Verluste? Ist es das Korn? Hungert das Volk deswegen?"

Megh erwiderte gar nichts darauf und wich zurück, als sein Vater schlurfend auf ihn zukam. Dem alten Mann fiel es immer schwerer, sich fortzubewegen. Als Megh wirklich nichts zu sagen schien, beantwortete Lord Kerrigan III. sich selbst die Fragen. "Ich glaube eher nicht. Was sollten Saruman und Sauron mit Edelsteinen, nicht wahr? Das Korn aus Perrigon ist zwar berühmt, aber sicherlich auch nicht gerade erstrebenswert für diese beiden Herren. Was könnte es also sein, daß du ihnen im Austausch für Perrigons Sicherheit gegeben hast?"

Megh sah weg. Eine unheilvolle Stille trat ein.

Lord Kerrigan III. atmete hörbar ein, seine dichten Brauen zogen sich zusammen und seine Augen schlossen sich langsam. Eine einzelne Träne rann über das faltige Gesicht des alten Mannes. "Du hast ihnen Sklaven gegeben."

"Was hätte ich denn tun sollen?" wagte Megh zu fragen. Ein dicker Kloß saß in seinem Hals fest, als er die zusammen gesackte Gestalt seines Vaters sah, die sich vor Enttäuschung kaum noch aufrecht halten konnte.

"Du hättest gegen sie kämpfen müssen!" erwiderte sein Vater mit fester Stimme und unterstrich seine Worte, in dem er seine Hand zur Faust ballte.

"Kämpfen? Bist du verrückt?" fragte Megh entsetzt. "Das Ende vom Lied wäre, daß wir alle gestorben oder versklavt worden wären."

"Da zwingst du lieber andere Menschen in die Sklaverei?" schoß sein Vater wütend zurück. "Schämst du dich nicht, daß du dich auch noch an deren Leid bereichert hast?"

"Ich mußte die Stadt retten!"

"Du hast nicht die Stadt gerettet!" brüllte Kerrigan III. völlig außer sich. "Du hast nur deine eigene feige Haut gerettet! Das ist alles! Und du hältst dich auch noch für einen Heiligen! Weißt du, was du getan hast? Das ist Verrat an die Ideale unserer Familie und an der Krone Gondors!"

Als sein Vater wieder von dem ach so tollen jungen König sprach, entzündete sich nun auch Meghs Wut. Er spuckte Gift und Galle. "Gondors Krone wird von einem Waldläufer getragen und er teilt den Thron mit einer elbischen Hure! Du mit deiner lächerlichen Treue zu den Numenors! Sieh endlich ein, daß diese Sippe seit Isildur nur noch Versager hervorbringt. Dieser Waldläufer, den du bewunderst, ist nichts anderes! Jahrelang versteckt er sich bei den Elben und kommt erst jetzt zurück." Sein Vater blickte ihn voller Empörung an und er konnte sich die nächsten Worte nicht mehr verkneifen: "Gouldwen hatte Recht. Du bist ein alter, verbohrter Idiot!"

"Gouldwen?" Der alte Mann wurde auf einmal dunkelrot im Gesicht. "Wag es ja nicht, Gouldwen in den Dreck zu ziehen. Es reicht, wenn sich ein Kerrigan darin suhlt."

Sein Sohn rollte genervt mit den Augen. "Vater, du wirst senil. Nein, du bist senil! Kein Wunder, daß dich Gouldwen so lange an der Nase herumführen konnte."

Lord Kerrigan III. blinzelte und runzelte verwirrt die Stirn. "Was redest du da?"

Sein Sohn schüttelte den Kopf über ihn. Sein Lächeln war schadenfroh und grausam, als er sagte: "Du warst so geblendet von ihrer Schönheit und Sanftheit, daß du nicht einmal mitbekommen hast, wie sie alle Mithrilgegenstände aus dem Palast verbannt hat oder wie sie angeordnet hat, die verschütteten Verliese freizulegen."

"Warum sollte sie so etwas tun?"

Megh genoß die Verwirrung seines Vater und gurrte beinah, als er erwiderte: "Sklavenhandel rentiert sich nur in großem Stil."

"Großem...Stil...?" Der alte Mann umklammerte seinen Stock so fest, daß seine Handknöchel weiß hervortraten. "Dort hast du all die armen Seelen versteckt?"

"Auf die Idee ist Gouldwen gekommen und sie ist auf vieles gekommen", rieb der Sohn ihm unter die Nase. "Frag sie mal nach Saruman und diesen sprechenden Ork."

"Saruman...Ork?!?"

"Sie hat für mich die Verbindung zu ihnen hergestellt. Deine liebe, süße Gouldwen ist nichts weiter als eine gierige Meuchelmörderin. Aber an deiner Stelle würde ich sie nicht entlarven. Wer weiß, was sie dir antut. Du bist ja schließlich ein alter Mann, Vater."

"Du..." Lord Kerrigan III. lief rot an und streckte die Hand drohend in Richtung seines Sohnes. Es sah wirklich aus, als würde der alte Mann vor Wut explodieren, aber dann geschah es unvorhergesehenes. Er begann zu keuchen und riß die Augen weit auf, als würde er sich über es wundern. Die strafende Hand zog sich zurück und griff nach dem Brustkorb. Kerrigans III. Atem kam sehr mühsam und röchelnd.

"Vater...?" Lord Kerrigan wich einen Schritt zurück, anstatt auf den alten Mann zuzugehen und zu stützen. Er blieb, wo er war und beobachtete, wie sein Vater sich an die Brust faßte und immer verzweifelter um Luft rang. Schließlich ging er in die Knie und streckte die Hand wieder nach seinem Sohn aus. Diesmal in der Hoffnung auf Hilfe, aber Megh wich nur noch mehr zurück. Dann...mit einem finalen Röcheln fiel Lord Kerrigan III. der Länge nach hin und blieb liegen.

Es kam ihm vor, als hätte er Stunden damit verbracht, den bewegungslosen Körper seines Vaters zu betrachten. Langsam ging er zu ihm und hielt ihm zitternd einen Finger unter die Nase. Er spürte keinen Atemzug. Sein Vater war tot.

Wieder raste sein Herz, kalter Schweiß brach aus und er konnte nicht klar denken. Sein Vater war tot. Wenn man ihn hier mit ihm fand...man würde ihn für den Mörder halten! Er mußte weg! Raus aus dem Arbeitszimmer. Raus aus Perrigon.

Hastig krabbelte er von der Leiche fort und verzweifelte fast, als er nicht schnell genug auf die Füße kam. Als er es dann doch schaffte, hastete er zur Tür und riß sie auf. Zu seinem maßlosen Schrecken stand jemand in einer Rüstung und mit dem Wappen des Königs bereits vor seiner Tür.

~*~

Le Tare, der die Aufgabe hatte, seine Männer in diesem riesigen Palast durch die Gänge zu hetzen, befand sich gerade in der Nähe der Privatgemächer der Statthalterfamilie, als er ein ziemlich lautes Geschrei hörte. Es klang nach einem Streit zwischen zwei Männern. Worüber sich diese Männer auch stritten, sie konnten es im Audienzsaal fortsetzen. Auf Befehl des Königs durfte niemand in den oberen Stockwerken sein. Er hatte gerade die Hand gehoben, um anzuklopfen, als die Tür geöffnet wurde. Erstaunt blinzelte er einen Schweiß überströmten, keuchenden und zerzausten Statthalter an, der ihn mit blankem Entsetzen anstarrte.

Le Tare überragte den Statthalter um einiges und konnte über seinen Kopf hinweg ins den Raum sehen. Es bot sich ihm ein gar schreckliches Szenario. Lord Kerrigan III. lag mit dem Gesicht auf den Boden. Sofort schob er den jungen Lord beiseite und trat ein. "Grundgütiger! Lord Kerrigan, was ist mit Eurem Vater passiert?"

Le Tare wartete gar nicht auf eine Erklärung, sondern winkte schon den jungen Elben herein, den er in seiner Truppe dabei hatte, damit dieser sich um den Lord kümmern konnte. Der Elb gehorchte sofort und drehte den alten Mann vorsichtig auf den Rücken.

"Seine Lordschaft ist am Leben, aber er atmet nicht", flüsterte der elbische Ritter und begann seine heilende Kräfte einzusetzen. Er flüsterte etwas in seiner Sprache und legte eine Hand über die eingesunkenen Augen des alten Mannes, während er zutiefst besorgt mit der anderen Hand die des Lords drückte.

Le Tare sah wieder zu dem Sohn. Zu seiner Bestürzung zitterte und erbleichte der junge Lord. Er mußte ziemlich unter Schock stehen. Erst hatte er sich mit seinem Vater lautstark gestritten und nun lag dieser auf den Boden. Das würde auch Le Tare einiges an Nerven kosten. "Keine Sorge, es wird alles gut."

"Ich war es nicht!" Der junge Lord wich vor dem Hauptmann zurück. "Ich war es nicht."

"Aber natürlich wart Ihr es nicht. Alte Menschen kriegen hin und wieder eine Herzattacke." Le Tare wandte sich unsicher zu dem Elben und fragte flüsternd: "War es eine Herzattacke?"

Anscheinend hörte ihn der junge Lord nicht, aber er stolperte vor ihm zurück und flüsterte verzweifelt: "Ich habe ihn nicht umgebracht!"

"Aber Mylord, das sagt doch niemand", versicherte Le Tare. Er runzelte besorgt die Stirn. Der Sohn schien wirklich große Schuldgefühle zu haben. "Er ist am Leben und wird wieder genesen." Er sah wieder zu dem Elben, aber dieser war so in der Heilung des alten Mannes versunken, daß er nichts wahrnahm. Eigentlich sollte Le Tare keine voreiligen Versprechen geben, aber der Zustand des Sohnes ließ es ihn vergessen. Es begann ihn irgendwie zu beunruhigen, daß Lord Kerrigan IV. so nah am Fenster stand. Schuldgefühle und Angst waren eine gefährliche Mischung. "Wollt Ihr Euch nicht lieber setzen?"

"Er wird überleben?" fragte Megh kaum hörbar. Er schien langsam zu verstehen, daß der Elb gerade versuchte, seinen Vater zu helfen.

Le Tare lächelte zuversichtlich. "Dieser Elb hier, Nelirion, ist ausgebildeter Heiler. Er wird Eurem Vater helfen. Seid unbesorgt. - Bitte nehmt Platz, Mylord. Ihr seht sehr blaß aus."

Megh ignorierte die höfliche Aufforderung. Sein Vater war noch am Leben. Er würde ihn verraten. Er würde ihn an den König ausliefern. Daran hatte Megh keine Zweifel. Dieser verknöcherte, pflichtbewußte Mann würde seinen eigenen Sohn verraten, nur um der Krone zu dienen. Alles hatte doch so gut angefangen. Die Bücher waren doch schon alle verbrannt worden und niemand wäre ihm auf die Schliche gekommen. Aber dann war sein Vater herein gekommen, der nun bewußtlos auf den Boden lag, und nun war er von der Garde des Königs umzingelt. Es gab kein Entkommen mehr. Megh war den Tränen nahe. Man würde ihn wegen Hochverrat ins Gefängnis stecken. Wahrscheinlich würde der König ihn zu Tode verurteilen, weil dieser dämliche Mocalyon es gewagt hatte, den elbischen Prinzen zu entführen. Alles hatte so gut angefangen. Er ging rückwärts zum Fenster und erschrak sich etwas, als die Fensterbank in sein Kreuz drückte. Ein schneller Blick nach unten versicherte ihm, daß es ein tiefer Fall werden würde...

"Mylord, kommt bitte vom Fenster weg", bat Le Tare bemüht ruhig. Der junge Lord hatte angefangen zittern und sah zunehmend verwirrter aus. Er gab sich die Schuld für den Zustand seines Vaters und das Fenster war offen. Der Hauptmann traute sich nicht, auf den jungen Mann zuzugehen, weil er befürchtete, er könne ihn als Bedrohung ansehen und sich noch mehr fürchten. Aber seine Sorge war völlig grundlos. Auch ohne daß er sich dem jungen Lord näherte, lehnte sich Megh weit zurück aus dem Fenster. Er schloß die Augen und ließ das Fensterbrett los...

Le Tare riß erschrocken die Augen auf und hechtete auf den jungen Lord zu, als dieser aus dem Fenster fiel. Le Tare prallte gegen die Fensterbank und fiel fast vorn über. So konnte er gerade noch sehen, wie Lord Kerrigan IV. auf dem Hof aufschlug. Entsetzt stolperte der Hauptmann zurück, verhedderte sich in seinen Umhang und fiel auf seinen Hintern. Aber niemand lachte über dieses Mißgeschick. Niemand kam, um ihm aufzuhelfen. Niemand schrie oder keuchte vor Schreck. Es herrschte eine Totenstille im Raum.

Sogar der elbische Ritter fuhr heftig zusammen, als auf einmal Aragorn in der Tür erschien. Ihm folgte der Zwerg Gimli Gloins Sohn. Aragorn sah auf den am Boden liegenden alten Lord und blickte dann Le Tare fragend an, der regelrecht bleich und zutiefst schockiert unter dem Fenster saß. "Was ist Lord Kerrigan zugestoßen?"

"Er ist gesprungen, Majestät", stieß Le Tare hervor. Aragorn blickte seinen Hauptmann stirnrunzelnd an. Der Ritter, immer noch im Schock, zeigte zitternd auf das offene Fenster. "Er ist einfach...gesprungen."

"Aber er liegt doch hier", erwiderte Aragorn ruhig und deutete auf den alten Mann.

Le Tare blinzelte einige Male. "Äh...ja, das stimmt wohl."

"Und wer ist gesprungen?"

"Der junge Lord Kerrigan." Der Hauptmann sagte das so zaghaft, als erwartete er ein Donnerwetter von seinem König.

"WAS?" Aragorn kam mit wenigen Schritten zum Fenster und sah hinunter. Sein Gesichtszüge verhärteten sich und stützte sich am Fensterrahmen ab. "Wie konnte das passieren?"

"Ich weiß es nicht, Majestät", flüsterte Le Tare.

"Ist der ältere Lord deswegen in Ohnmacht gefallen?" fragte Gimli besorgt.

"Nein, er war schon bewußtlos, bevor der junge Lord gesprungen ist", erwiderte der elbische Ritter leise.

"Habt Ihr seinen Schädel nach Wunden und Beulen abgesucht?" fragte Gimli den Elben.

"Seine Lordschaft wurde nicht niedergeschlagen. Er hatte eine Herzattacke."

"Irgend etwas muß zwischen Vater und Sohn vorgefallen sein", murmelte Le Tare. Als Aragorn ihn fragend ansah, fuhr er fort: "Als wir dazu kamen, war seine Lordschaft bleich vor Angst und versicherte uns, er sei es nicht gewesen. Mir schien, die Tatsache, daß sein Vater überleben könnte, machte dem jungen Lord mehr Sorgen."

"Wir werden Seine Lordschaft nach dem Geschehen fragen, wenn er sich erholt." Aragorn fuhr sich mit der Hand durch die Haare und eine steile Falte erschien auf seiner Stirn. Fragend blickte er den Elben an. "Wird er sich denn erholen?"

"Ich weiß es nicht", erwiderte der Elb kleinlaut. "Es scheint, als setze ihm etwas mehr zu als die Herzattacke."

"Tut Eurer bestes." Aragorn nickte dem Elben knapp zu und wandte sich daraufhin Le Tare zu. "Ihr müßt für mich Lady Gouldwen suchen, Le Tare."

"Die arme Frau", murmelte Le Tare mit Grabesmiene und rieb sich müde über das Gesicht. Das gestrige Fest steckte noch tief in seinen Knochen. "Wie soll sie bloß damit klar kommen?"

"Gar nicht", erwiderte Aragorn mit ungewohnter Härte.

"Was meinen Majestät?" fragte Le Tare etwas zaghaft.

"Sucht nach Lady Gouldwen und setzt sie unter Arrest", befahl Aragorn. "Laßt sie an keine scharfen Gegenständen und dreht ihr nicht den Rücken zu."

"Aber warum, Majestät?"

"Und paßt auf Eure Haare auf", riet Merry dem verdutzten Hauptmann. Er tauchte mit Frodo und Sam hinter Gimli auf. Wo kamen diese Hobbits auf einmal her? Aber Merrys Bemerkung lenkte seinen Blick auf die braunen Locken des Hobbits und dabei entdeckte er einige unglücklich gekürzte Strähnen.

Bevor Le Tare dem Hobbit bezüglich seiner neuen Frisur Fragen stellen konnte, fuhr Aragorn fort: "Mylady ließ Fräulein Asani von einem Ork entführen."

"Aber...was...ich verstehe nicht...ein Ork?"

Aragorn seufzte tief. Sein Blick verriet Müdigkeit, aber auch vollstes Verständnis für Le Tares Verwirrung. "Auch mich verlangt es nach Erklärungen. Aber jetzt ist keine Zeit dafür."

Der Hauptmann nickte ernst. "Natürlich."

"Majestät!" Ein junger Ritter hastete den Gang herunter und seine Rüstung schepperte bei jedem Schritt. "Wir haben Herrn Tuk gefunden!"

"Pippin?" rief Merry sofort. "Wo ist er?"

Der Ritter atmete schwer und sein Gesicht war ziemlich gerötet, als er sich zu Merry beugte. "Wir haben ihn im Weinkeller gefunden. Aber leider sitzt er in einem der Fässer fest."

"Irgendwie wundert es mich nicht", murmelte Sam.

"Ist er wohlbehalten?" fragte Aragorn.

Der Ritter lachte auf einmal. "Ja, ich glaube schon." Er wurde allerdings wieder ernst, als Aragorn ihn düster anblickte. Die momentane Situation war doch etwas zu ernst, um Scherze zu treiben. Er räusperte sich und fügte hinzu: "Herr Tuk ist...äh...er hat sich die Freiheit genommen, ausgiebig vom Wein zu probieren."

Aragorn, Gimli, die Hobbits und Le Tare sahen ihn schweigend an. Schließlich rief Sam fassungslos: "Er ist betrunken?"

Der Ritter preßte die Lippen zusammen, um nicht zu lachen, und nickte langsam. "Soweit ich ihn verstanden habe, sagte er, daß er von seinem kommenden Tod nicht viel mitbekommen möchte...was immer es heißen mag."

"Dumm ist Pip ganz gewiß nicht", sinnierte Merry, woraufhin Sam nur mit den Augen rollte.

"Wir sollten ihn da heraus holen", schlug Frodo vor und seine Stimme schwankte zwischen ernster Besorgnis und Erheiterung.

"Ja, sonst bringt der sich noch selbst um", brummte Sam kopfschüttelnd.

Aragorn gab die Befehle und wollte auch wieder weiter, als ihm wieder etwas einfiel und er sich zu Le Tare wandte. "Seid Ihr Legolas begegnet?"

Le Tare nickte. "Seine Hoheit hat vier meiner Männer genommen und durchsucht die Verliese, soweit ich weiß."

"Aragorn, Legolas könnte in Gefahr sein", meinte Gimli ernst. "Der Elb weißt nicht, daß der Täter ein gefährlicher Ork ist. Dieser ist mit aller Wahrscheinlichkeit da unten und wer weiß, wie viele seiner Leute dort auf ihn lauern."

Aragorn nickte grimmig. "Er braucht unbedingt Verstärkung. - Le Tare, kümmert Euch um Seine Lordschaft, dann teilt Eure Männer auf. Eine kleine Gruppe soll Lady Gouldwen suchen und unter Arrest stellen. Die andere Gruppe soll sich unter Eurem Kommando zu den Verliesen begeben." Zu dem Ritter, der Nachricht von Pippin gebracht hatte, sagte er: "Die Ausgänge bleiben weiterhin für jedermann verschlossen."

Der Hauptmann und der junge Ritter bestätigten die Befehle und gingen ihnen sofort nach. Die drei Hobbits folgten dem Ritter in den Weinkeller, um Pippin aus dem Faß zu befreien und vor dem Alkoholtod zu bewahren, und Aragorn und Gimli gingen in Richtung Verlies. Nicht, daß sie Legolas unterschätzten. Aber nur zu fünft in einem Labyrinth aus dunklen, feuchten Gängen, in dem es vielleicht nur so vor Orks wimmelte, war lebensgefährlich.

Ende des 33. Kapitel

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Mir ist zu Ohren gekommen, daß sich jemand Oberon Temonis inkl. des Liebespulvers für ihre Harry Potter Fanfiction ausgeliehen hat. Was mich jetzt interessiert, ist a) was macht Oberon in einer Harry Potter Geschichte und b) warum wußte ich nichts davon? HÄH?!?

Im Nachhinein ist es schon sehr schmeichelhaft, daß Oberon anderswo eine Gastrolle bekommen hat. Daher verbiete ich generell nicht, daß man sich von mir Figuren ausleiht (das scheint mir sowieso sinnlos zu sein. Stichwort "unendliche Weiten"). Aber wenn ihr es tut, dann belaßt sie im Charakter so, wie sie sind bzw. wie ihr sie seht, und bringt sie nicht um!! Das ist nämlich nur mir vorbehalten.

Bitte sagt mir auch kurz Bescheid. Für mich wäre es interessant zu sehen, wie ihr Oberon z.B. in eure Geschichte eingebaut habt und wie ihr ihn interpretiert. Ich werde nicht lachen, mich nicht beschweren und mich aus allem heraus halten. Obendrein verlange ich nicht mal Geld oder euer Erstgeborenes.