Titel: Den Jäger erlegen

Autorin: Sleepy Tiger

Email: lapoetica@web.de

Warnung: XXL

Disclaimer: The Lord of the Rings © by J.R.R. Tolkien

34. Kapitel: Dunkle Höhlen

In den Verliesen Perrigons war es kalt.

Legolas spürte die scharfe Kälte durch seine Kleider und er mußte die Hände ballen, um die Finger beweglich zu halten. Sein Instinkt sagte ihm, daß der Feind nahe war und daß er für ihn bereit sein mußte. Oder beeinflußte die klamme Düsternis dieses Gefängnisses bereits sein Urteilsvermögen?

Als er das letzte Mal hier war, hatte er mit keiner dunklen Ahnung kämpfen müssen. Er hatte sich sicher gefühlt. Sicher, weil Asani ihn und seine Brüder durch dieses Labyrinth geführt hatte. Er erinnerte sich daran, wie ihr langes schmutziges Haar während des Laufens hinter ihr her geflattert war. Er sah jede ihrer Bewegung wieder vor sich, hörte ihre leisen eiligen Schritte und sogar das Rascheln ihrer Röcke. Er erkannte immer noch ihr Lächeln im Dunkeln, als sie sich zu ihm und seinen Brüder umgedreht hatte. Immer noch erinnerte er sich an das mutwillige Funkeln in ihren dunklen Augen. Aber diesmal führte sie ihn nicht.

Diesmal ging er selbst an der Spitze einer kleiner Gruppe. Ihm folgten vier Ritter der königlichen Garde. Alle schwer bewaffnet und auf das Schlimmste gefaßt. Auch wenn diese Männer es nie gestehen würden, Legolas spürte ihre Angst. Waffen, eine gute Ausbildung und Erfahrung konnten angesichts einer bösen Überraschung nutzlos sein. Sie waren nur eine kleine Gruppe, die sich nur mit Hilfe einer Fackel durch ein fremdes Territorium tastete und nach einem Verbrecher suchte, der möglicherweise Asani als Geisel hielt. Auch ihre Umsicht, ihren Weg mit ein Stück Kreide zu markieren, beruhigte nicht wirklich.

Die Männer versuchten sich von der finsteren Trostlosigkeit um sie herum abzulenken, in dem sie einige abfällige Bemerkungen über den fremden Feind machten. Schließlich fragte einer: "Wie kann man so ein großes Verlies haben?"

"Perrigon war einmal ein unterirdisches Gefängnis", erklärte Legolas ruhig und wies dem Fackelträger an, die Wand rechts kurz auszuleuchten, weil es im Dunkeln nach einer Einbiegung aussah. Der Elbenprinz hatte die Fackel einem der Ritter überlassen, da er der als Einziger einen Bogen hatte.

"Unglaublich", flüsterte ein anderer Ritter ehrfürchtig. "Aber sollte ein Teil davon nicht zugemauert worden sein? Weil der erste Kerrigan selbst einmal ein Sklave gewesen war und daher die Gefangenschaft verabscheute?"

"Sieht nicht danach aus", sagte der Dritte. "Es ist immer noch verdammt groß."

Der Fackelträger, Bahrio, sah sich eine Wand genauer an. "Es müssen hier einige Renovierungen statt gefunden haben. Die Steine hier sind nicht so alt wie die am Eingang."

"Vielleicht war es zugemauert und irgend jemand hat es wieder aufbrechen lassen."

"Möglich."

"Aber wozu brauchen sie noch so ein großes Gefängnis? Hier passen bestimmt so viele Menschen hinein wie Perrigon Bewohner hat."

Der Ritter hinter Legolas schnaubte verächtlich und meinte scherzhaft: "Ist doch ideal, um ungebetene Gäste loszuwerden. Hier können sie verrotten und niemand weißt von ihrer Anwesenheit."

"Das stimmt", erwiderte Legolas in einem so flachen Ton, daß die Ritter sich unsicher ansahen. Sie fielen abrupt ins Schweigen zurück und die gelockerte Atmosphäre schwand wieder. Erneut machte sich die Unruhe unter den Männern breit, die Legolas durch die Gänge folgten, der wiederum Gandalfs Rat befolgte, immer der frischen Luft nachzugehen. Nach einer ergebnislosen Suche im Palast war er sich sicher, daß Asanis Entführer hierher geflüchtet war und sicherlich versuchen würde, nach draußen zu gelangen.

Leider wirkte Legolas' Methode sehr willkürlich auf die Ritter. Der Fackelträger neben ihm hielt nicht mehr sein Tempo, sah sich immer wieder unsicher um und leuchtete die Abbiegungen kurz aus, die Legolas verschmäht hatte. Die Unruhe unter den Menschen nahm zu und zwang den Elben schließlich, stehen zu bleiben. Er blickte Bahrio abwartend an.

Dieser räusperte sich und fragte höflich: "Wohin gehen wir eigentlich?"

Trotz der Ernst der Situation behielt Legolas seinen Humor und erwiderte mit einem Schmunzeln: "Um ehrlich zu sein, kenne auch ich unser tatsächliches Ziel nicht."

Der Ritter sah ihn ziemlich entgeistert an. "Ach...?" Dann wandte er sich an seine Kameraden, um zu sehen, wie Legolas' Unbekümmertheit bei ihnen ankam. Es war nämlich keine Reaktion von ihnen gekommen. Als er die Fackel höher hielt, wußte er auch warum. Hinter ihm war der Gang leer. "Was zum...?!?"

Die drei anderen Ritter waren wie vom Erdboden verschluckt...

Legolas schnappte sich ohne ein Wort zu sagen die Fackel, um selbst genauer nachzuschauen und ging sogar ein ganzes Stück zurück. Bahrio war ihm dicht auf dem Fersen.

"Das kann doch nicht sein!" zischte Bahrio wütend und blickte sich empört im Halbdunkeln um. "Wo sind die hin? Die sind doch wohl nicht weggelaufen?"

Sie waren nicht weggelaufen. Etwas anderes mußte passiert sein. Legolas beleuchtete kurz den Boden. Alles hartes Gestein. Es war sinnlos, nach Spuren zu suchen. Sein Unterkiefer verhärtete sich. Er beunruhigte ihn, daß er nichts gehört hatte.

Wie damals, als er und seine Brüder überwältigt wurden. Erst waren zwei Soldaten verschwunden. Dann noch einmal zwei und als sich ihre Zahl soweit verringert hatte, hatten die Angreifer zugeschlagen. War hier derselbe Täter am Werk? Legolas hatte ein ungutes Gefühl, daß es so sein konnte. "Sie sind entführt worden."

Bahrio blickte den Elben verdattert an. "Mit Verlaub, Hoheit, drei erwachsene Männer können doch nicht so einfach entführt werden. Ihr hätte es doch sicherlich gehört!" Als der Elb nichts darauf antwortete, fügte Bahrio noch ein unsicheres "Oder?" hinzu.

Der Elb schwieg, senkte und löschte die Fackel, die er dann in seinen Köcher zu den Pfeilen tat. Auf der Stelle umschloß sie die Finsternis und man konnte nicht einmal die Hand vor den Augen sehen.

"Hoheit?" Auch im Dunkeln konnte Legolas die Angst im Gesicht des Ritters sehen. "Ohne Licht werden wir nichts sehen."

"Wir folgen weiter dem frischen Wind", sagte Legolas ruhig.

"Wir folgen weiter dem frischen Wind?" wiederholte Bahrio verdattert. "Hier ist ein frischer Wind?"

Legolas nicht weiter darauf ein und fuhr fort: "Außerdem brauchen wir beide Hände, um zu kämpfen."

"Aber wie sollen wir kämpfen, wenn wir nichts sehen?" fragte der Mensch zunehmend panisch.

"Ihr habt doch Ohren."

Bahrio keuchte bestürzt auf. Legolas konnte sich sein entsetztes Gesicht dazu vorstellen. "Wir sollten besser zurück, Hoheit. Ich meine, drei von uns sind entführt worden und wir haben nichts gehört oder gemerkt. Wenn hier nun ein Monster haust...Hoheit, wir sind jetzt nur noch zur zweit!"

"Wir sind schon zu weit gegangen", erwiderte Legolas ruhig. "Wenn wir zurücklaufen, verlieren wir kostbare Zeit. Es könnte das Leben Eurer Kameraden kosten. Das Leben meiner Geliebten obendrein."

"Hoheit, ich verstehe Euch ja. Aber..."

"Wenn Ihr wollt, geht zurück und holt Verstärkung", bot Legolas dem Ritter an. Er sprach in einem neutralen Ton. Man hörte weder Sorge oder Spott. "Ich gehe weiter."

"Ich soll zurückgehen?"

Der Ritter klang auf einmal ziemlich beleidigt. Legolas mußte schmunzeln. "Ja, geht zurück."

Es herrschte für einige Augenblicke tiefstes Schweigen und Bahrio rührte nicht einen Finger. Er atmete hörbar ein und entgegnete äußert betont: "Ich habe gehört, daß Elben einen seltsamen Sinn für Humor haben. Aber daß es so seltsam ist, habe ich nicht erwartet."

Legolas hörte, wie der Ritter sein Schwert und Dolch zog und an ihm vorbei stapfte. Schweigend folgte er dem Menschen und ging mit ihm weiter durch das Labyrinth. Einzig ihre Schritte und das leise Kratzen der Kreide, mit der sie weiterhin die Wände markierten, waren zu hören. Legolas übernahm bald wieder die Vorhut, weil seine Sinne schärfer waren. Bahrio war damit einverstanden, ihm den Rücken zu decken.

Als Legolas kurz inne hielt, weil ihm plötzlich der frischer Wind kräftiger ins Gesicht blies, rannte Bahrio in ihm hinein. Der Ritter murmelte eine Entschuldigung und fragte: "Was ist denn los, Hoheit? Warum bleibt Ihr stehen?"

"Ich glaube, wir sind unserem Ziel sehr nahe. Haltet Euch bereit", wisperte Legolas und spannte den Bogen. Bahrio und er waren so still, daß man das Surren der Sehne hören konnten. Legolas ging vorsichtig weiter, als er jedoch keine Schritte von Bahrio vernahm, flüsterte er: "Kommt weiter, Herr Bahrio." Es kam keine Antwort von hinten. "Herr Bahrio?"

Legolas lief es eiskalt den Rücken hinunter. Langsam ging er zurück und streckte dabei die Hand in die Finsternis. Aber ahnte er schon, daß Bahrio fort war. Es war absolut still um ihn herum.

In Legolas schwelten Wut und Empörung. Es war wirklich wie damals in dem Wald. Daß sich das hier wiederholte, erschien dem Elben wie Demütigung und Spott zugleich. Es passierte das Gleiche und er konnte nichts dagegen tun. Er holte die Fackel heraus und entzündete sie wieder. Er verzichtete darauf, sich lautlos zu bewegen und achtete auch nicht mehr darauf, die Kreide so leise wie möglich über die rauhen Wände zu führen. Es war unnötig. Der Feind wußte schon lange, wo er war. Wahrscheinlich war ihm schon die ganze Zeit gefolgt und hatte sich köstlich amüsiert, dabei zuzusehen, wie Legolas und die Ritter sich bemüht hatten, sich unbemerkt durch das Gefängnis zu schleichen. Sollte er ihm doch folgen. Sollte er doch kommen. Legolas hatte absolut nichts dagegen.

Aber der Elb blieb für eine lange Zeit allein in der Dunkelheit. Daher erschreckte es ihn, als er dann doch etwas in der Ferne hörte. Es klang wie ein leises Schluchzen. Durch die Finsternis und die endlosen Gänge hörte es sich gespenstisch hohl an. Legolas blieb stehen und wartete. Wieder wimmerte jemand. Es klang nach einer weiblichen Stimme. Hier war eine Frau? Während Legolas noch überlegte, kam ein markerschütternder Schrei, der ihn vor Entsetzen an die Wand drückte. Es war ganz eindeutig eine Frau. Ihm schlug das Herz bis zum Hals.

War es Asani?

Legolas folgte den Geräuschen und vergaß in seiner Sorge und Angst, sich den Weg zu markieren. Die Frau – vielleicht wirklich sogar Asani – klang zunehmend gequälter und Legolas konnte sie geradezu weinen sehen. Es folgte Abbiegung nach Abbiegung und schließlich endete der Gang mitten im Nirgendwo. Die Geräusche hörten just in diesem Moment auf. Verwirrt tastete der Elb die Wände um ihn herum ab. Nichts. Nicht einmal mehr die sanfte Brise.

Was sollte das?

Legolas zwang sich zur Ruhe und stützte seine Faust an der Wand ab. Er war versucht, sie in die Wand zu schlagen, aber er atmete statt dessen tief ein. Er brauchte einen kühlen Kopf.

Kopflos einer Stimme zu folgen, die Asani gehören könnte, war unverzeihlich dumm gewesen. Möglicherweise trieb man ein Spiel mit seiner Angst um sie und er ging auch noch darauf ein, ohne nachzudenken. Legolas ärgerte sich über sich und schlug dann doch mit der geballten Faust gegen die Wand. Er hätte es besser wissen müssen. Als er etwas ruhiger wurde, sah er sich die Wände zu beiden Seiten genauer an. Vielleicht war es doch kein krankes Spiel gewesen. Vielleicht war hier doch etwas.

Man hörte nicht außer der Flackern der Fackel, die er bei seinen Erkundungen vorsichtig hin und her schwenkte. Nichts störte seine Gedanken, die er sich gerade machte. Hatte man ihn tatsächlich gezielt hierher geführt? War das eine Nachricht an dem Elben, daß man nicht vorhatte, ihm in den Weg zu springen, sondern es lieber hatte, wenn Legolas zu ihm kam? War es Falle?

Nach einer Weile begann er sich zu fragen, ob seine Gedanken nicht doch in eine falsche Richtung gegangen waren und er doch auf den Arm genommen wurde. Er entschied sich verärgert, den Gang zu verlassen, als im Licht der Fackel eine schmale Holztür in der linken Wand erschien. Sie war verwittert und mit Moos überzogen und so tief in der Wand eingelassen, daß sie im Vorbeigehen nur wie ein weiterer dunkler Schatten aussah.

Legolas zögerte. Ob es hier war? Er stellte sich neben die Tür und öffnete sie mit einem Stoß. Als nichts und niemand heraussprang, wagte er es, den Raum zu betreten. Es war eine Zelle wie jede andere in diesem Gefängnis. Das Echo seiner Schritte ließ ihn erahnen, wie groß die Zelle sein mochte. Es war eine recht große. Außerdem war alles feucht und roch verrottet und vermodert. Unter dem Geruch von Moos und verschimmeltem Holz waren noch ein feine Spuren von Tod und Verwesung zu finden. Legolas hielt sich die Hand vor der Nase und mußte sich regelrecht zwingen, weiter zu gehen.

Er hatte nur wenige Schritte getan, als ihn ein Geräusch eines auf ihn zu fliegenden Dolches begrüßte. Legolas sah nur kurz ein Aufblitzen und sprang beiseite. Die Klinge traf laut klirrend die Wand hinter ihm und fiel dann scheppernd zu Boden. Legolas hatte beim Ausweichen die Fackel fallen gelassen, die dann über den Boden rollte und erlosch, um ungehindert nach Pfeil und Bogen greifen zu können. Binnen eines Lidschlags ziel ein abschußbereiter Pfeil in die Richtung, aus der der Dolch kam.

"Ihr seid ja doch recht schnell", spottete eine rauhe Stimme irgendwo aus dem hinteren Bereich. "Oder seid Ihr nur vorsichtiger geworden?"

"Wer seid Ihr?" fragte der Elb ruhig.

"Ah, stimmt!" rief die Stimme aus. "Wir haben uns noch nie von gesehen. Beim ersten Mal haben meine Männer Euch überwältigt. Beim zweiten Mal wart Ihr zu sehr mit dem Hinterteil eurer Hure beschäftigt und beim letzten Mal...da habt Ihr geschlafen."

Legolas hörte das Aufeinanderschlagen von Steinen. Funken erschienen in der Finsternis und entzündeten eine Fackel. Der Elb richtete den Pfeil auf eine Stelle etwas rechts von der Fackel, weil er sah, daß sie von einer rechten Hand gehalten wurde. Es war die rechte Hand eines Orks.

Legolas' Finger zuckten. Orks! Er blickte sich schnell um, spürte aber nicht die Anwesenheit von weiteren. Nur dieser eine Ork stand ihm gegenüber. Der Elb zog irritiert die Brauen zusammen und konzentrierte sich stärker auf seine Umgebung. Er rechnete damit, daß jeden Augenblick ein weiterer Ork von hinten auf ihn einstechen würde.

"Wir sind allein, keine Sorge", sagte der Ork mit der Fackel freundlich und steckte sie in einen verrosteten Ring an der Wand. "Ich habe leider nur eine Fackel. Ich hoffe, das macht Euch nichts weiter aus. Aber ihr Elben seht ja viel besser als Menschen."

Legolas wurde immer verwirrter. Jetzt, wo die Fackel höher befestigt wurde, konnte er auch etwas mehr sehen. Aber tatsächlich. Hier war kein anderer Ork außer der vor ihm.

War hier wirklich nur ein Ork?

Was war das für einer, der sich allein einem bewaffneten Elben stellte? War er derjenige, der die Ritter entführt hatte? Hatte er auch Asani verschleppt? Legolas konnte das nicht so recht glauben. Er sah sich daher diesen Ork genauer an. Etwas war seltsam an ihm. Sein ganzes Erscheinungsbild war...anders. Obwohl er genauso widerwärtig aussah wie jeder andere Ork, dem Legolas begegnet war, schien er recht sauber zu sein. Auf seiner grünlichen Haut sah Legolas keine Schmutzflecken. Seine Kleidung war kein wilder Mix aus gestohlener Kleidung oder Rüstung, sondern war wohl aufeinander abgestimmt worden. Legolas stutzte ein wenig. Die Rüstung, die Kleider und der Umhang, die dieser Ork trug, sahen sehr elbisch aus. Aber sie waren aus anderen Materialien gefertigt worden und waren allesamt schwarz. Elben trugen jedoch kein Schwarz.

"Ich bin Mocalyon aus dem Orkwald", stellte sich der Ork vor und grinste dabei so breit, daß Legolas seine scharfen, schiefen Zähne selbst in dem schwachen Licht erkennen konnte. "Man nennt mich den Dunkelelben."

"Dunkelelb?" wiederholte Legolas unwillkürlich.

"Für die Orks bin ich eine Mißgeburt", erklärte Mocalyon bereitwillig. "Ich sehe zwar so aus wie sie, aber ich rieche und handle nicht wie sie. Außerdem bin ich klüger als sie."

"Von Bescheidenheit haltet Ihr wohl nichts, Mocalyon aus dem Orkwald", erwiderte Legolas spöttisch.

Der Ork lächelte leicht. "Aber ich wollte Euch noch etwas fragen...Habt Ihr das Blut von den Wänden bekommen? Menschenblut ist so schwer abzuwaschen."

Legolas' Augen verengten sich und er zielte auf Mocalyons Stirn. Seine Stimme war gefährlich ruhig, als er fragte: "Wo ist sie?"

"Ihr kommt aber schnell auf den Punkt", sagte der Ork amüsiert und hob abwehrend die Hände.

"Ich sehe keinen Grund, hier noch länger zu verweilen", erwiderte Legolas knapp. "Sagt mir, wo sie ist und ich gebe Euch einen schnellen Tod."

Mocalyon lächelte abfällig. "Oh, wie gütig."

"Also, wo ist sie?"

"Hier." Der Ork nahm die Fackel von der Wand und deutete mit ihr in eine Ecke.

Asani war nicht dort, aber dafür die vier Ritter, die Legolas begleitet hatten. Alle waren fest verschnürt und geknebelt worden. Reglos lagen sie aufeinander gestapelt wie totes Vieh da. Ihre Gesichter waren blutig und selbst im schwachen Lichtschein konnte er einige verfärbte Stellen auf ihrer Haut sehe.

"Oh, falsche Ecke", seufzte der Ork bedauernd. Aber seinem hämischen Grinsen nach zu urteilen, war es kein Versehen. Er wollte Legolas zu verstehen geben, daß ihm niemand zu Hilfe kommen würde. Das machte Legolas überhaupt nichts. Dafür, was er Asani angetan hatte, würde Legolas diesen Ork niemandem überlassen. Er sollte nur durch ihn sterben. Geduldig beobachtete er ihm dabei, wie er mit der Fackel in der Zelle herumging und die Ecken absuchte. Als Legolas beschloß, seinem Erinnerungsvermögen mit einem Pfeil nachzuhelfen, blieb der Ork plötzlich stehen.

"Da fällt mir ein", sagte der Ork plötzlich. "Ich habe sie gar nicht hierher gebracht. Sie ist ganz woanders...weit weg...einsam und allein...und blutend und..."

"Ihr lügt." Legolas' Finger zuckten ein bißchen. Er war drauf und dran, den Pfeil in das schwarze Herz des Orks abzufeuern. Es ärgerte ihn maßlos, daß er sich mit diesem aufgeblasenen Ork beschäftigen mußte. "Ich habe sie gehört."

"Wirklich?" Mocalyon lachte und begann in einer höheren Stimmlage zu wimmern und zu stöhnen. Legolas kochte vor Wut. Der Ork klang dabei wirklich wie eine Frau. Dieser brach bei seiner Vorstellung ab und lachte noch mehr. "Meine Güte, Ihr seid wirklich ein Idiot!"

Legolas atmete tief ein. "Wo. Ist. Sie."

"Ihr scheint etwas debil zu sein. Ihr wiederholt Euch."

Mocalyon blieb stehen, wo er war, als der Pfeil haarscharf an ihm vorbei flog. Er rührte sich nicht einmal, als er das Brennen an seinem Hals spürte oder als ein dünner, warmer Faden von Blut seinen Hals entlang schlängelte. Auch ohne die Stelle zu berühren, wußte er, daß der Kratzer genau neben seiner Halsschlagader verlief. Es war eine ernst zu nehmende Warnung des Elben. Er lächelte, als Legolas betont ruhig den nächsten Pfeil einlegte.

"Seid Ihr Euch sicher, daß Ihr sie wiederhaben wollt?" fragte Mocalyon mit gespielter Sorge und steckte die Fackel wieder in die Halterung an der Wand. "Sie ist recht unheimlich für ein Mensch. Ich habe sie bestimmt 10 Mal umgebracht. Ich habe wirklich alles versucht. Ich habe ihr die Kehle aufgeschnitten, das Herz durchbohrt aber meint Ihr, sie stirbt? Überhaupt nicht. Immer wieder begann ihr Herz zu schlagen und sie heulte endlos. Für eine Kopfgeldjägerin flennt sie ziemlich viel, wenn Ihr mich fragt. Aber wißt Ihr, was am seltsamsten war?" Mocalyon grinste provozierend. "Alle Knochen in ihrem Körper können brechen und fügen sich in Windeseile wieder zusammen. Aber nur ihre Handgelenke lassen sich nicht brechen. Nicht einmal abschlagen lassen sie sich. Das Schwert ist wohl ein mächtiger Paktpartner. Findet Ihr es nicht unheimlich? Dieses Mädchen hat sich einfach an ein Schwert verkauft, das sie einfach nicht sterben lassen wird. Ist doch irgendwie auch abartig, oder?"

"Seid Ihr fertig?" fragte Legolas kühl.

Mocalyon lachte auf. "Werdet Ihr Euch langsam bewußt, was für ein Monster Eure Kleine ist?"

"Ihr wißt nicht das geringste über sie", erwiderte der Elb scharf. "Ihr wißt nicht, was sie dazu trieb, so zu werden, wie sie heute ist."

"Ich brauche auch nicht viel über sie zu wissen. Sie ist ein Mensch und das allein erklärt schon alles. Macht und Gier. Das ist alles, was bei den Menschen zählt", entgegnete Mocalyon abfällig. "Ich schlage Euch etwas vor, Hoheit."

Der Ork wartete wohl auf eine Reaktion von Legolas, denn er sah ihn nur an und fuhr nicht fort. Erst als Legolas den Bogen etwas senkte, sagte er: "Wie wäre es mit einem Duell? Gewinnt Ihr, werde ich Euch sagen, wo Eure Kleine ist."

"Und wenn Ihr gewinnt?"

Mocalyon grinste wieder und rollte langsam seine rechte Schulter, als machte er sich für das Duell etwas locker. Dann bewegte er seinen Kopf abrupt hin und her, bis die Halswirbel knackten. "Dann seht Ihr mir zu, wie ich ihr die Augen aussteche."

Nun war es an Legolas, abfällig zu lächeln. "Warum sollte ich mich darauf einlassen?" Er richtete den Pfeil wieder auf den Ork. "Was sollte mich daran hindern, Euch auf der Stelle zu töten?"

"Ich habe gelogen", gestand Mocalyon mit gespielter Reue. "Sie ist gar nicht so alleine. Zwei meiner besten Männer bewachen sie und werden Eure kleine Schlampe in der Mitte zerschneiden, wenn Ihr allein bei ihnen auftaucht."

Das Holz des Bogens knarrte protestierend, als Legolas' Faust sich fest darum schloß. Sehr langsam ließ er ihn dann fallen. Wütend, aber immer noch beherrscht, legte der Elb den Bogen beiseite und schnallte sich den Köcher ab. Der kam mit seinem Umhang zum Bogen. Legolas nahm die beiden Dolche und behielt Mocalyon scharf im Blick, der mit einem zufriedenen Grinsen einige Schritte durch die Zelle ging und seinen Dolch aus dem Gürtel zog.

Er warf ihn einige Male zwischen den Händen hin und her und sah Legolas dabei herausfordernd an. Der Elb starrte ruhig zurück, während alles in ihm vor Ärger brannte. Er ahnte, daß diese Spielerei des Orks mit dem Dolche nur der Ablenkung diente. Jeden Moment konnte er ihn auf den Elben werfen und während Legolas damit beschäftigt war, dem Geschoß auszuweichen, würde der Ork sich auf ihn stürzen. Es war eine plumpe, aber sehr typische Ork - Taktik.

Aber Legolas sollte sich irren.

Mocalyon warf den Dolch gerade von links nach rechts. Aber bevor die Klinge in die rechte Hand fiel, griff der Ork mit der freien Linken an seine Seite und zog blitzschnell ein Kurzschwert, das er hinten auf seinem Rücken geschnallt hatte und stürzte sich mit einer ungeheuren Geschwindigkeit damit auf den Elben.

Legolas wich überrascht zurück, aber Mocalyon erwischte immerhin noch sein langes Haar. Die abgeschnittene Strähne leuchtete im Licht des Feuers golden auf, als sie sacht und leicht wie eine Feder auf die Erde fiel.

Der Elb bedachte den Ork mit einem wütenden Blick, aber was konnte er schon von so einer Kreatur erwarten? Mocalyon grinste noch breiter. "Ihr werdet den heutigen Tag nicht überleben, mein holder Prinz."

"Ihr redet zuviel", entgegnete Legolas gelassen.

Plötzlich blitzte etwas in Mocalyons Augen auf und seine Lippen zogen sich zu einem bösen Grinsen auseinander. Legolas erwartete noch eine abfällige Bemerkung, aber statt dessen sprang der Ork in den Schatten. Ein kurzes Aufblitzen in der Dunkelheit war die einzige Warnung. Der Elb wich nicht aus, sondern hielt die beiden Dolche überkreuzt über seinen Kopf und wehrte so das herabsausende Kurzschwert ab. Dann wagte er etwas sehr gefährliches. Er hielt das Gewicht des Schwertes mit einem Dolch, während er die andere herunter nahm und damit die Brust des Orks anvisierte. Mocalyon wehrte noch geradeso den Dolch ab. Legolas schwang daraufhin den Dolch herum und schlug mit dem Griff nach Mocalyons Kinn, aber wieder schaffte der Ork es, abzublocken. Er packte Legolas' Handgelenk und zischte schadenfroh: "Bringt mich um und Ihr werdet die Kleine nie finden. Sie wird in ihrem Gefängnis verrotten. Bis in alle Ewigkeit."

Das brachte Legolas nur kurz aus dem Konzept, aber es reichte Mocalyon schon vollkommen. Der Ork grinste böse und rammte ihm sein Knie zwischen die Beine. Der Elb ging lautlos in die Knie und spürte noch, wie Mocalyon ihm die Dolche aus den Händen und schlug ihm so hart ins Gesicht, daß Legolas im wahrsten Sinne des Wortes niedergestreckt wurde.

Legolas hatte das Gefühl, als flöge er durch die Zelle, und rechnete sogar in seinem benommenen Zustand damit, daß er mit dem Kopf gegen die Wand stoßen würde. Aber er hatte Glück. Irgendwie hatte er es geschafft, genau mit dem Kopf auf Bahrios Bauch zu landen. Dieser zuckte bei dem Aufprall heftig zusammen und zischte erschrocken durch sein Knebel. Er war erst gerade eben von Schwertgeklirre wach geworden. Stöhnend verdrehte er die Augen. Es tat schon weh, wenn ein Kopf mit voller Wucht auf den Bauch landete. Und dann gleich beim Aufwachen...nein, das war nicht schön. Bahrio rollte und krümmte sich fort und Legolas' Kopf landete doch auf den harten Boden. Benommen und von dem neuen Schmerzen betäubt blieb der Elb liegen und wehrte sich heftig gegen eine Ohnmacht.

Er raffte sich schwerfällig auf und schüttelte seinen Kopf, um ihn etwas klar zu bekommen. Seine linke Gesichtshälfte völlig taub war und er Blut schmeckte. Es rann aus seinem Mundwinkel. Unwirsch wischte er es sich weg und versuchte den Ork im Blick zu behalten. Dieser schlenderte auf ihn zu, stellte einen Fuß auf seine Schulter und zwang ihn so, liegenzubleiben.

"Mann, mann, mann", seufzte Mocalyon enttäuscht. "Und Ihr habt den Ringkrieg überlebt? Da war doch bestimmt eine ganze Menge Glück im Spiel, oder?"

Als der Ork sich zu ihm hinunter beugte, verlagerte sich sein Gewicht auf den einen Fuß, der schwer auf Legolas' Schulter lastete. "Zur Belohnung gebe ich Euch einen schnellen Tod."

Er hob mit der Spitze seines Schwertes Legolas' Kinn an und schien sich eine geeignete Stelle auszusuchen, um zuzustechen. Er wunderte sich nicht, daß der Elb tatsächlich still hielt oder warum er still hielt.

Legolas starrte nach oben und entdeckte, daß die Decke von Holzbalken gestützt wurde und einer dieser Balken warf einen wirklich seltsam gerundeten Schatten. Es sah aus, als wäre dort ein großes Bündel befestigt worden. Mocalyons Fuß drückte sich fest gegen Legolas' Kehle, aber er nahm den Blick nicht von dem Bündel. Als er genauer hinsah, erkannte er die Konturen eines menschlichen Körpers. Es war ein kleiner und schmaler Körper. Der Körper einer Frau. Asani!

Und weit und breit keine anderen Orks. Dieser Mocalyon hatte wirklich gelogen! Legolas lachte verächtlich und Mocalyon hielt daraufhin verwundert inne. Er wollte gerade fragen, ob der Elb den Verstand verloren hatte, als dieser auf einmal seinen Fuß packte und ihn mit aller Kraft verdrehte. Mocalyon schrie und zog seinen Fuß zurück.

Legolas biß die Zähne zusammen und kam schnell auf die Füße. Er bedankte sich bei dem Ork für den Tritt zwischen seine Beine mit einem kräftigen Boxhieb in orkschen Magen. Legolas schnappte sich daraufhin seine Dolche und schlug gnadenlos auf Mocalyon ein.

Für Mocalyon war dieser Wutausbruch völlig unbegreifbar. Er konnte zwar die Angriffe abwehren, weil er das Kurzschwert hatte. Aber die Funken, die bei jedem Aufeinanderprallen der Klingen entstanden, beunruhigte ihn doch.

"Ihr denkt wohl nicht mehr an sie?" grunzte Mocalyon verächtlich. Es verwirrt ihn, als Legolas' Mundwinkel sich zu einem humorlosen Lächeln hoch bogen.

"Ich weiß, wo sie ist", flüsterte er gefährlich ruhig. Er neigte sich noch etwas tiefer zu dem Ork, dessen Augen sich langsam weiteten. "Das Duell ist beendet, Mocalyon vom Orkwald."

Mocalyon sah blanke Mordlust in den blauen Augen und wollte sich zurückziehen, aber Legolas war diesmal der Schnellere und schnitt tief in eine Lücke von Mocalyons Rüstung. Er spürte das heiße Blut in seine Faust kriechen und zog die Klinge mit einem Ruck wieder heraus.

Mocalyon gab einen hohen, fiependen Ton von sich, als er zurücktaumelte und an die Seite griff. Legolas blieb auf der Hut, als der Ork sich wie betäubt seine Hand ansah, die ganz dunkel von seinem Blut war. Mocalyon sah abrupt auf und Wut blitzte in den Augen auf. Er hatte wohl mit so einem Trick von einem edlen Elbenprinzen nicht gerechnet. "Ah, ich habe Euch unterschätzt."

Legolas erwiderte nichts darauf, sondern setzte schon zum zweiten Angriff an. Dieser Ork sollte sehen, wie sehr er ihn wirklich unterschätzt hatte. Er nutzte schamlos den Vorteil aus, den er sich mit Wunde in Mocalyons Seite verschafft hatte. Diesmal wartete er nicht, sondern griff selbst an. Er kam dem Ork sehr nahe, der trotz seiner Verletzung noch sehr schnell war. Legolas tat so, als würde er die Kehle anvisieren, aber statt dessen schnitt er die ledernen Bände der Rüstung an der Schulter auf.

Mocalyon blickte überrascht auf, als sein Brustpanzer herunterfiel. Einen Moment sah er den Prinzen verwirrt an, aber er begriff sehr schnell, als Legolas mit dem Dolch auf sein Herz zielte. Ein Fluch zischte durch seine scharfen Zähne, als er versuchte, zurück zu springen. Der Elb erkannte seine Absicht und folgte seiner Bewegung. Die Klinge drang tief in Mocalyons Fleisch hinein.

Leider verfehlte Legolas das Herz.

Der Elbenprinz verfluchte sich selbst. Der Ork schrie und röchelte gleichzeitig und wehrte sich vehement gegen den Tod. So sehr Legolas seinen Widersacher haßte, in seinen Augen sollte ein gewaltsamer Tod schnell kommen. Jemanden davor noch zu quälen, hielt der Elb für barbarisch. Legolas biß die Zähne zusammen und beschloß, den Dolch herauszuziehen und erneut zuzustechen.

Allerdings schien Mocalyon auf Legolas' edle Absichten einen feuchten Dreck zu geben, denn er spuckte ihm ins Gesicht und rammte den Ellbogen in die Kuhle zwischen Hals und Schulter des Elben. Legolas keuchte überrascht auf und ging beinah in die Knie, als der Schmerz wie wild durch seinen Körper raste. Dennoch hielt er aber den Dolchgriff fest und stieß die Klinge tief in den Ork hinein, während er ihn mit dem angewinkelten Arm nach hinten gegen die Wand schob. Er ignorierte die langen Nägel, die scharf über sein Gesicht fuhren, die dazugehörigen Finger, die an seinen Haaren rissen, oder die Füße, die nach ihm traten. Wütend sahen sich beide Kämpfer in die Augen.

"Ich habe vergessen, Euch etwas zu sagen. Ich habe Eurer Hure ein kleines Andenken an mich gegeben", erzählte Mocalyon böse lächelnd. "Ich hoffe, deine kleine Schlampe erholt sich nie wieder davon."

"Was hast du ihr angetan?" preßte Legolas wütend hervor und drückte ihn so fest an die Wand, daß er die ersten Knochen brechen hörte. Er vergaß fast, die Waffe herauszuziehen und erneut zuzustehen, wie er es eigentlich vorhatte.

Der Ork verzog das Gesicht vor Schmerz und schnappte verzweifelt nach Luft, während er immer noch versuchte, sich von Legolas zu befreien. Er hatte vergessen, wie stark ein Elb sein konnte. "Hoffentlich wird sie wahnsinnig und bringt sich selbst um."

Legolas knurrte leise in der Kehle, zog die Klinge mit einem Ruck heraus und stach diesmal genau in Mocalyons Herz.

Mocalyon riß die Augen auf und schnappte ein letztes Mal nach Luft, als Legolas den zweiten Dolch mit einer schnellen und flüssigen Bewegung in sein Herz trieb. Diesmal kam der Tod sehr rasch. Schneller, als Mocalyon es verdient hatte.

Legolas atmete schwer, als er einen Schritt von der Leiche entfernte und sie zu Boden fallen ließ. Sein gesamter Körper schmerzte. Sein Arm fühlte sich so schwer an, als er ihn hob, um sich das Gesicht am Ärmel abzuwischen. Dieses eklige Gemisch aus Orkspeichel und –blut rann an seinen Hals entlang und in den Kragen hinein. Es fühlte sich entsetzlich warm an. Es war so ekelhaft, daß er kaum zu atmen oder zu schlucken wagte.

Er blickte hoch zu Asani und fragte sich, wie dieser Ork mit ihr da hoch gekommen war. Aber wenn der Ork da hinauf kam, konnte Legolas das schon lange. Vorher brauchte er etwas, um die Fesseln durchzuschneiden. Seine beiden Dolche steckten jedoch noch in der Leiche fest. So sehr sich alles in Legolas sträubte, er stellte einen Fuß auf Mocalyons still gewordenen Brustkorb und zog einen Dolch heraus.

Er vergaß die Klinge abzuwischen, als er kurz darauf zu Asani hoch kletterte und die Stricke, die sie an dem Balken fixierten, durchschnitt. Er fing sie sofort auf, damit sie nicht in die Tiefe stürzte, und ließ sich mit ihr nach unten fallen. Sie lag in seinen Armen und bekam absolut nichts mit, als Legolas sicher mit beiden Füße wieder auf den Boden landete.

An Ort und Stelle ließ er sich mit ihr nieder. Schweigend betrachtete er sie und wagte es zuerst gar nicht, sie anzufassen. Vorsichtig fuhren seine Finger durch ihr Haar. Sein Herz wollte brechen, als die kurzen schwarzen Locken durch seine Finger glitten. Noch letzte Nacht hatte er ihr Haar zweimal um seine Faust wickeln können.

Legolas besann sich schnell und löste alle übrigen Fesseln. Dabei sah er das blutdurchtränkte und zerrisse Hemd. Das Bild von dem Blut in seinem Zimmer stieg in ihm hoch und er tastete vorsichtig ihren Körper nach Wunden ab. Es gab keine mehr. Sie hatten sich bereits geschlossen. Aber ihre Haut war kalt und er wußte, daß sie auch aschfahl sein mußte. Ihre Lippen sahen sogar im Licht der Fackel entsetzlich blaß aus und blaue und violette Adern schienen vereinzelt durch ihre Haut. Legolas erschauerte bei diesem Bild. Ihr Zustand war unheimlich. Den großen Blutverlust hätte kein Mensch überlebt. Wie schlimm es ihr tatsächlich ging, konnte er beim besten Willen nicht feststellen. Ihr Körper hatte alle Anzeichen eines nahendes Todes, aber ihr Herz schlug stark und gleichmäßig.

"Asani?" flüsterte er an ihrer Schläfe, während er sie in seinen Umhang einwickelte. Immer wieder strich er zärtlich über ihr Gesicht und rief leise ihren Namen. "Asani, feredir...wach auf."

Sie schlug tatsächlich die Augen auf, blickte ihn aber ohne jegliches Erkennen an. Legolas' Herz drohte zu brechen. Es war nichts in ihren Augen. Die Angst fraß sich tief in ihm hinein und seine Finger zitterten, als sie über ihre Wangen strichen. Als er ihre klamme Hand zu seinen Lippen hob, blickte er ihr dabei in die Augen und sah, wie sich die Lider langsam über ihre Augen senkten. Legolas befürchtete das Schlimmste und machte sich darauf gefaßt, in ihr Unterbewußtsein einzudringen, um sie zurückzuholen, aber sie schloß ihre Augen nicht.

Sie blinzelte ihn an.

Sie begann zu schlucken und Tränen kamen aus ihren Augen. Beinahe lautlos kam ihre Worte zu ihm: "Du bist gekommen?"

Erleichtert hielt er sie an sich gedrückt. "Ich folge dir doch überallhin, das weißt du doch."

"Ich weiß, ich habe auch auf dich gewartet", erwiderte sie zitternd und drückte ihr Gesicht an seine Brust. "Er hat mir gesagt, du seist in dem schwarzen Schlaf gefallen und würdest nie wieder aufwachen. Ich glaubte ihm kein Wort."

Legolas wußte nichts darauf zu erwidern. Er war natürlich Mocalyon. Also hatte er auch mit Asani seine Spielchen getrieben. Legolas hätte ihn allein dafür noch einmal umbringen können.

Asani atmete zitternd und rasselnd ein, als sie sich fest an ihn kuschelte und nach mehr Hautkontakt suchte. "Mir ist kalt, Legolas."

Der Elb nickte bloß und schob einen Arm unter ihre Knie, um sie hochzuheben. Er schloß die Augen, als sie zitternd und schwach versuchte, die Arme um seinen Hals zu legen. Nicht einmal dazu hatte sie die Kraft. Schweigend half er nach.

"Legolas?"

"Ich bringe dich von hier fort", flüsterte er und steuerte schon den Ausgang an.

"Was ist mit den Rittern?" fragte sie leise.

"Welche Ritter?" Legolas blickte sie zuerst völlig baff an. Aber dann wirbelte er herum und sah die vier gefesselten Männer liegen, die allesamt wach und ihn bittend und verzweifelt ansahen.

"Diese Ritter", sagte Asani leise und lachte.

Es tat gut, sie lachen zu hören. Daher war es kein beschämtes Lächeln, das auf seinem Gesicht erschien, als er leise gestand: "Ich habe sie vergessen."

Während Bahrio den Elbenprinz wieder einmal völlig entgeistert ansah, kicherte Asani leise: "Dann geh und binde die Männer los." Sie nahm wieder den Arm von seiner Schulter. Sie brauchte dazu mehrere Anläufe. Als er zögerte, lehnte sie müde ihre Stirn an seine Wange und flüsterte: "Ich renne dir nicht weg."

Es entlocke Legolas wieder ein kleines Lächeln. Vorsichtig setzte er sie auf dem Boden ab und wickelte sie warm in seinem Umhang ein, ehe er sich daran machte, die Männer zu befreien. Nachdem er sich sicher war, daß den Männern nichts fehlte und alle aufbruchsbereit waren, ging er wieder zu Asani hinüber.

Sie saß immer noch in der Ecke und hatte sich noch fest er in seinem Umhang eingewickelt. Und sie war eingeschlafen. Sie mußte unendlich erschöpft sein. Ihr Kopf war etwas zur Seite geneigt und die schwarzen Wimpern warfen tiefe Schatten auf ihre Wangen. Legolas bückte sich zu ihr und betrachtete sie still. Trotz all des Bluts und dem Dreck sah sie in diesem Moment so unwahrscheinlich friedlich aus. Vorsichtig hob Legolas er sie hoch und tupfte einen Kuß auf ihre Lippen.

Legolas' Kopf ruckte mit einem Mal hoch und starrte irritiert auf Asani hinunter. Zaghaft senkte er wieder den Kopf und küßte sie noch einmal. Sie schmeckte sehr bitter und es war kein Dreck. Ein unseliger Verdacht regte sich in ihm und er leckte etwas stärker über ihre Unterlippe.

Legolas spuckte schnell aus. Aber er hatte einen Moment zu spät reagiert. Seine Zunge brannte bereits und sein Gaumen zog sich unangenehm zusammen. Es war ein Orkgift.

"Ich habe vergessen, Euch etwas zu sagen. Ich habe Eurer Hure ein kleines Andenken an mich gegeben. Ich hoffe, deine kleine Schlampe erholt sich nie wieder davon."

Legolas spürte Zorn in sich aufsteigen und er krallte sich um sein Herz. Die Angst ließ sein Blut gefrieren. Aber er beherrschte sich und überprüfte noch einmal Asanis Puls. Er fand ihn gar nicht mehr so regelmäßig. Sie schlief auch nicht. Sie war viel tiefer gesunken als in das Reich des Schlafes. Unendlich viel tiefer und viel finsterer. Legolas konzentrierte sich und schickte ein Licht tief in ihre Seele, um nach ihrem Bewußtsein zu suchen. Aber er fand nichts. Es wurde noch viel schlimmer. Alles in ihr wehrte sich gegen ihn und drängte ihn aus ihr hinaus. Keuchend fuhr Legolas zurück. Ihm war schwindlig und für einen Moment sah er rein gar nichts. Sein Herz raste wie verrückt und er schwitzte, als trüge er eine schwere Last mit sich herum.

Dieses Gift überstieg seine einfache Heilkünste. Legolas hob sie hoch und lief aus der Zelle. Bahrio, der schon vorher der Fackelträger war, schnappte sich eilends die Fackel von der Wand und rannte Legolas hinterher. Der Elb bemerkte durchaus das Licht, das ihm mit schweren Schritte folgte und wandte sich mit einem knappen, aber dankbarem Lächeln zu dem Ritter.

Der Mann nickte schroff zurück und hielt sich tapfer an Legolas' Tempo. Dieser hatte nämlich nicht vor, es aus Rücksicht zu drosseln. Asani brauchte einen schnell einen Heilkundigen, der sich mit Giften auskannte. Orkgifte waren für einen Unsterblichen nicht tödlich, aber bei einer hohen Dosis griffen sie den Verstand und den Geist an.

"Hoffentlich wird sie wahnsinnig und bringt sich dann selbst um."

Ende des 34. Kapitels

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Drama! Drama! Drama!!! Bevor einer wieder eine mögliche Verbindung zu meinem Leben sucht...mir geht es gut, denn die Ferien stehen vor der Tür *JUHUUUUU*

Sleepy's Namenkunde: Bahrio ist ein Anagramm von "Haribo". Im Andenken an die Weingummis, die im Dunkeln des Kinos eins nach dem anderen verschwanden. Ich hatte zwar noch Popcorn, aber die Namen, die ich daraus gemacht habe, klangen etwas skandinavisch (z.B. Rocnopp, Oppronc, Coppron, Norpcop). Als ich dann "Porncop" heraus bekommen habe, hielt ich es für besser, aufzuhören. Es klingt irgendwie nicht ganz koscher, wenn ihr mich fragt...

P.S.: Würdet ihr ein FAQ zum Schluß (das wird bei Kapitel 36 oder 37 sein) gut oder eher unnötig finden? Habt ihr überhaupt Fragen?