Titel: Den Jäger erlegen

Autorin und Quizmaster: Sleepy Tiger

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Warnung: Die Wahrheit

Disclaimer: Lord of the Rings © by J.R.R. Tolkien

36. Kapitel: Familiensache

Herzog Yuk mo Ifrey ti Ruk war ein furchteinflößend riesiger und massiger Mann. Der Zusatz "ti Ruk" in seinem Namen bedeutete "Bestie" und tatsächlich wirkte er bei Kämpfen wie ein Uruk-hai. Die langen schwarzen Haare, obgleich schon mit Silber und Weiß durchzogen, und das finstere und vernarbte Gesicht taten ihr übriges. Dennoch machten die Elben Bruchtals keinen großen Bogen um ihn. Denn sie erkannten unter seiner offensichtlichen Wildheit ein gütiges und liebendes Herz. Sie hatten ihn in tiefster Sorge um seine Tochter gesehen und sein Entzücken bemerkt, als er des nachts durch Bruchtals Gärten gewandert war, um seinen Gefühle und Gedanken Ruhe zu geben.

So wunderte sich niemand, als der Herzog frisch rasiert und angetan in elbischen Gewändern am Morgen nach seiner Ankunft in Bruchtal in der großen Halle auftauchte. Mit einem leisen, aber sehr freundlichen "Mae govannen" ging er an den anwesenden Elben vorbei und setzte sich zu Goleyn an den Tisch, der etwas lustlos in einer Tasse Tee rührte. Dieser sah bei weitem nicht so gut erholt aus. Auch wenn sich wie immer keinerlei Makel an dem Mann finden ließ, so verrieten ihn die dunklen Ringe unter seinen Augen. Ohne ein Lächeln sah der Stellvertreter Majas auf und fragte den Herzog ohne jegliche Einleitung: "Hast du es dir überlegt?"

"Ja", antwortete der Herzog knapp. "Ich lehne ab."

Goleyn hob langsam eine seiner hellen Brauen. Unvermittelt kam Leben in ihm und er setzte sich etwas auf. "Willst du das wirklich?"

Eine Dienerin kam und tischte dem Herzog das Frühstück auf. Dieser wartete so lange mit der Antwort, während Goleyn ihn aufmerksam beobachtete. Erst als die Elbe gegangen war, sah Yuk wieder auf. "Ja."

"Maja sagte, sie wolle diese Verbindung trotz allem anerkennen, da der Elb unsere Sitten nicht kennt."

"Aber Asani kennt sie seit ihrer Geburt."

Goleyn begann wieder in seinem Tee zu rühren. Diesmal langsamer und nachdenklicher. "Ich verstehe dich. Aber bedenke, daß wir in Bruchtal nur zu Gast sind. Du wirst die Elben mit unseren Ritualen erschrecken. Willst du nicht warten, bis wir wieder Zuhause sind? Dann kannst du dem Elbenprinzen ganz traditionell die Ohren abschneiden."

"Wenn ich warte, wird dieser Elb sie vor meiner Nase entführen und ich werde Asani nicht bei Nacht und Nebel davonschleichen lassen. Sie ist mein einziges Kind." Der Herzog nahm einen Schluck von seinem Tee. "Und die Elben sind weise genug, um zu verstehen, daß Fremde auch fremde Sitten haben."

Goleyn seufzte und schüttelte den Kopf. "Sie lieben sich. Reicht dir das nicht? Mußt du denn unbedingt darauf bestehen?"

Als wäre es das Wichtigste auf der Welt, nahm sich der Herzog sehr viel Zeit, die Tasse auf den Tisch zu plazieren. "Ihre Mutter würde mir nie verzeihen, wenn ich unsere einzige Tochter ohne eine rechtmäßig durchgeführtes Zeremonie ziehen lassen. Sie würde aus ihrem Grab steigen und mir die Ohren abschneiden."

Goleyn stützte schweigend sein Kinn auf seine gefalteten Hände und erwiderte Yuks düsteren Blick. Lange sahen sich beide Ifreys so an. Keiner sagte etwas. Keiner rührte sich. Schließlich stieß Goleyn einen kleinen Seufzer aus. Er holte einen schmalen Dolch aus der Innentasche seiner dunkelroten Jacke und legte sie auf den Tisch. Die Klinge des Dolches blitzte gefährlich im Tageslicht, aber der Schein trog, da sie an beiden Seiten stumpf war und die Verzierungen des Griffes zu schwer waren, um gut in der Hand zu liegen. "Ich werde versuchen Maja zu erklären, warum du darauf bestehst. Bis sie ihre Zustimmung gegeben hat, passiert heute gar nichts. Verstanden?"

"Danke, Goleyn", flüsterte Yuk und ließ den Dolch in seiner großen Hand verschwinden.

"Kläre den Elben vorher auf, sonst geschieht hier eine Katastrophe", mahnte Goleyn eindringlich und war nicht zufrieden, als der Herzog wortlos nickte, sich dann erhob und davon stapfte. Majas Berater seufzte schwer und legte sich im Gedanken den Plan für den heutigen Tag fest, während er von Yuks unberührten Frühstück naschte. Er mußte Maja überreden, die Zeremonie hier in Bruchtal abzuhalten und vor allem mußte er mit Lord Elrond reden, damit dieser die Zeremonie nicht als militärischen Affront auffaßte. Unter Umständen mußte er auch König Thranduil einbeziehen. Schließlich ging es um seinen Sohn. Vielleicht sollte er auch König Aragorn von Gondor um eine Audienz bitten. Wäre es ratsam, Oberon von allem zu erzählen? Goleyn unterdrückte ein Stöhnen. Es würden schwere Verhandlungen werden. Müde trank er von seinem Tee. Leider war er schon kalt.

~*~

Legolas rutschte ungeduldig auf seinem Sessel herum, als er Lord Êdundion, einem der drei Ratgeber seines Vaters, zuhörte. Die Sonne war kaum aufgegangen, als der Elb plötzlich vor Asanis Krankenzimmer gestanden und um eine Audienz gebeten hatte. So hatte Legolas erst erfahren, daß sich sein Vater, alle Berater Düsterwalds und zwanzig bewaffnete Krieger in Bruchtal befanden. Außerdem waren Aragorn, Gimli, Gandalf und die Hobbits aus Perrigon eingetroffen. Oberon Temonis war mit ihnen gekommen und soweit Legolas Êdundion verstanden hatte, schien dieser ganz Bruchtal insbesondere seinen Vater in den Wahnsinn zu treiben. Aber was Legolas gleichzeitig überraschte und zutiefst entsetzte, war, die Ifreys waren auch in Bruchtal. Êdundions Informationen zufolge handelte es sich dabei um den Clanoberhaupt mit dem Stellvertreter, einem finsteren Herzog und dem Hohen oder Ältestenrat der Ifreys.

Legolas hatte die Unterredung kurzerhand ins Nebenzimmer verlegt, wo es gemütliche Sessel gab. Nicht nur er mußte sich setzen, auch Lord Êdundion schien dringend einen solchen Sessel zu brauchen. Denn der sonst so muntere und unerschütterliche Berater sah zu Tode erschöpft aus. Dunkle violette Ringe zeichneten tiefe Schatten unter den grünen Augen, die ihn blutunterlaufen aus einem fahlen Gesicht trübe anblickten. Das lange schwarze Haar sah merkwürdig zerzaust aus, als hätte sich der Elb die Haare einige Male gerauft. Aber so etwas tat er gewöhnlich nie. Dieser Anblick besorgte Legolas sehr, aber nebenan lag jemand, um den er sich noch mehr sorgte.

Asani war soweit genesen, daß sie das Bett verlassen konnte. Aber sie schien noch nicht ganz wahrgenommen zu haben, wo sie sich befand. Sie kannte nur das Krankenzimmer und die Aussicht auf einige Bäume. Er fürchtete, daß ihre Neugier sie zur Wanderschaft treiben würde. In Bruchtal gab es keine Türen, die man abschließen konnte. Elben spürten instinktiv, wann sie jemanden stören würden oder nicht. Obendrein war die Architektur in Bruchtal von hohen, offenen Räumen geprägt. Asanis Krankenzimmer hatte daher mehr als einen Zugang. Noch während Êdundion ihm von den Ifreys erzählte, stellte er sich vor, wie sie über den überlangen Saum ihres Nachthemdes stolperte und die Treppe hinunterfiel oder in ihren Vater hinein lief. Legolas' Herz fror bei diesen Gedanken buchstäblich ein.

Asani hatte sich einmal Sorgen gemacht, was sein Vater und das Volk von Düsterwald über ihre Verbindung denken würde. Aber er hatte nie darüber nachgedacht, was ihr Vater oder ihr Clan dazu sagen würde. Wie es nun aussah, stand eine Konfrontation kurz bevor, und Legolas verspürte bei der Vorstellung so etwas wie Nervosität. Er erinnerte sich, daß Oberon ihm gesagt hatte, daß die Ifreys die Bindung einer Kriegerin erst akzeptieren, wenn sie erlegt und schwanger von dem Mann war. Letzeres war sie nicht. Das galt bei den Ifreys als Schande und wurde hart bestraft. Er mußte sie ganz dringend vor ihrer eigenen Familie beschützen und dafür mußte er zurück zu ihr. Sein Blick wurde immer unsteter und wanderte immer öfter von Êdundion zu Asanis Tür.

"Hoheit!" rief der Berater mahnend, "es ist wirklich sehr ernst!" Legolas kehrte blinzelnd in die Wirklichkeit zurück und hörte sich an, was der andere Elb ihm seit einigen Minuten zu sagen versuchte. "Euer Vater braucht Euch...nein, wir brauchen Euch! Wenn Ihr Eurem Vater nicht bald die Aufwartung macht, dann geschieht hier eine Katastrophe. Und bei allem Respekt, Hoheit, so ein Vorfall könnte unsere Beziehungen zu Bruchtal und Lothlorien sehr beeinträchtigen."

"Mein Vater mag nicht so weise wie Lord Elrond und nicht so mächtig wie Frau Galadriel sein, aber als König von Düsterwald besitzt auch er eine gesunde Portion Vernunft", erwiderte Legolas mit ernster Ruhe. "Daher denke ich nicht, daß wir uns in diesem Punkt sorgen sollten."

Dem Berater sackten die Schultern herunter und sein Gesicht lief purpurrot an. "Hoheit, verzeiht meine Dreistigkeit. So war das nicht gemeint." Er streckte etwas hilflos die Hände aus, als er erneut zu einer Erklärung ansetzte. "Hoheit, Ihr wart noch sehr jung, als Oberon Temonis Berater Eures Vaters war und Ihr wißt nicht, wie diese Beziehung gewesen war. Aber laßt Euch sagen, daß es eine Erschütterung durch unser Reich ging, wenn diese beiden aufeinander trafen." Als Elbenprinz ihn skeptisch anblickte, rief Êdundion verzweifelt aus: "Wirklich! Ich lüge Euch doch nicht an!"

Legolas hob beruhigend die Hand. "Ich glaube Euch immer jedes Wort, Êdundion. Wenn Ihr sagt, daß es sich so zugetragen hat, glaube ich es Euch."

Nun blickte der Berater skeptisch drein. Sein Gegenüber ging jedoch nicht weiter darauf ein und erhob sich lächelnd. Êdundion streckte erneut die Hände aus. "Hoheit, bitte..."

"Ich werde ihn aufsuchen", versprach Legolas lächelnd. "Richtet ihm bitte aus, daß ich später da sein werde." Die Audienz war beendet.

Für den Berater, der Legolas seit seiner Geburt kannte, war sie es allerdings noch nicht. Er sprang auf und stellte sich direkt hinter dem Prinzen. "Mit Verlaub, Hoheit, wann ist später?"

Legolas lächelte bei dem mißtrauischen Ton und mit der Hand bereits an der Türklinke erwiderte er heiter: "Das wäre später."

"Hoheit, bitte...", flehte der Berater ohne Scham, "wir brauchen Euch ganz, ganz dringend. Es ist wichtig!"

"Êdundion, ich habe großes Vertrauen in Eure Fähigkeiten." Mit diesen Worten nickte Legolas dem Berater zu und verschwand wieder in Asanis Zimmer. Er hörte zwar noch einen letzten verzweifelten Aufschrei, aber er hatte wirklich großes Vertrauen in den Berater. Êdundion würde auch aus dieser Krise einen Weg finden. Die Frage war, ob Asani und er, Legolas, das unvermeidbare Treffen mit ihren Vätern bzw. Familien und Clans überstehen würden. Aber vielleicht machte er sich zu viele Sorgen und alles würde ohne Schwierigkeiten verlaufen. Als er jedoch zu Asanis Bett hinüber sah, schienen seine schlimmsten Befürchtungen wahr geworden zu sein.

Das Bett war leer.

Legolas ging trotzdem hinüber und berührte kurz das Kissen. Es war schon kalt. Asani mußte das Bett schon vor längerer Zeit verlassen haben. Hatte das Gespräch doch so lange gedauert? Aber er beruhigte sich etwas, als er auf einem Stuhl er das weiße Nachthemd entdeckte, das Asani getragen hatte. Ihre rechte Schulter war noch nicht verheilt und selbst mit Hilfe brauchte sie einige Zeit, bis sie sich umgezogen hatte. Sie konnte daher noch nicht weit sein. Schnell suchte er das Zimmer und die angrenzende Räume nach ihr ab.

Er betrat zuletzt einen eher unscheinbaren Raum, in dem nur ein Tisch und zwei Stühle standen. Seltsam karg, wenn man ihn mit den anderen Räumlichkeiten in Bruchtal verglich. Aber das tatsächliche Wunder dieses Zimmers verbarg sich hinter den langen weißen Vorhängen an der Wand gegenüber dem Eingang. Dahinter lag ein großzügiger Balkon, der einen unglaublichen Überblick auf die Gärten und Wasserfälle Bruchtals bot.

Der Wind blähte wieder einmal die leichten Stoffbahnen auf und es sah aus, als würden sie Legolas zu sich winken. Obwohl er keine Zeit für schöne Aussichten hatte, näherte er sich ihnen. Und tatsächlich sah er zwei Gestalten auf dem Balkon stehen, als die Brise die schleierhaften Vorhänge für einen Moment auseinander blies.

Legolas spürte förmlich den Stein von seinem Herz fallen, als er Erestor erkannte, der mit einer kleineren Person sprach, die von Kopf bis Fuß in grau-blauen Stoff gehüllt war. Obwohl sie mit dem Rücken zu Legolas stand, wußte er, daß es nur Asani sein konnte. Denn die Gestalt hielt Asanis Schwert in der linken Hand und den rechten Arm angewinkelt vor dem Körper. Das Schwert ließ sich nur von seiner Herrin anfassen und wegen der Verletzung an ihrer rechten Schulter, trug Asani den Arm immer in einer Schlinge, wenn sie sich beim Essen im Bett aufgesetzt hatte.

"Darum schlägt Lord Elrond vor, das Schwert unserem Schmied zu überlassen", hörte Legolas Elronds Berater gerade sagen, "aber Ihr müßt das Schwert halten, während er es ausbessert, denn es scheint niemanden außer Euch zu mögen."

"Es war bei der Wahl seiner Herrin aber nicht so wählerisch", gab Asani leise zur Antwort. Sie klang geistesabwesend, denn sie betrachtete sehr eingehend ihr Schwert.

"Ich bin mir sicher, daß es gut gewählt hat", erwiderte Erestor warm und als die Vorhänge wieder das Spielzeug des launischen Windes wurden, kreuzten sich die Blicke der beiden Elben. Erestor lächelte Legolas freundlich an. "Nicht wahr, Hoheit?"

Legolas trat hervor und bedachte Asani mit einem zärtlichen Lächeln, als er Erestor antwortete: "Es hätte nicht besser wählen können."

Asani erwiderte etwas zaghaft dieses Lächeln und ließ das Schwert auf die übliche Weise wieder verschwinden. Schweigend sahen sich beide an. Erestor räusperte sich und sagte schmunzelnd: "Das Frühstück sollte jetzt serviert werden. Da Fräulein Asani sich einigermaßen erholt hat, hoffe ich Euch beide in der großen Halle zu sehen."

"Wenn sie möchte", erwiderte Legolas und fügte schnell mit einem Lächeln hinzu, "dann treffen wir uns dort wieder, Herr Erestor."

Der Bruchtal Elb nickte zufrieden und ließ die beiden auf dem Balkon zurück. Keiner der beiden nahm wirklich Notiz davon. Asani beobachtete Legolas aufmerksam, als dieser keine Anstalten machte, zu ihr zu gehen. Statt dessen lehnte er sich lächelnd an die Wand und musterte sie seelenruhig von Kopf bis Fuß.

Es war auf eine aufregende Art erfrischend, Asani nicht mehr in einem weißen Nachthemd oder im Bett liegend zu sehen. Das taubenblaue Kleid, das sie gerade trug, hatte zarte, dunkel abgesetzten Stickereien an den Säumen der weiten Ärmel und des Rockes, der kunstvoll an der linken Hüfte hoch gerafft wurde, um freundlich zu vertuschen, daß dieses Kleid eigentlich zu lang war. Wie der Kragen oder Ausschnitt beschaffen war, konnte Legolas nicht ausmachen, denn ein langer Schal bedeckte ihr Haar und lag in weiten Falten gelegt über ihren Schultern. Zierliche silberne Spangen befestigten das Tuch an ihrem Kopf und verliehen ihrem Erscheinen etwas Erhabenes und Edles. Als sie den Kopf zur Seite neigte, fiel eine kurze Locke aus dem Zugriff einer Spange und kringelte sich knapp über ihrer Braue.

Die Erinnerung an einen schwarzen, blutdurchtränkten Zopf drängte sich an die Oberfläche seiner guten Laune und rührte an der Wut und Hilflosigkeit, die er vor Tagen abgelegt zu haben glaubte. Sehr langsam löste er sich von der Wand und kam auf sie zu. Ihren fragenden Blick wich er aus und konzentrierte sich auf das Lösen des silbernen Haarschmucks. Da sie nicht protestierte, zog er den Schal hinterher fort.

Mocalyons Schnitt war nicht so sauber gewesen und Asani waren noch einige ganz lange Strähnen übriggeblieben, die sie allerdings verwahrlost erschienen ließen. Aber nun hatte man ihr Haar auf eine Länge gestutzt und die Locken mit irgendeinem Öl sorgsam frisiert. Diese Frisur ließ sie beinahe kindlich wirken. Klein. Verletzlich. Und so sterblich.

Vorsichtig tippte er die Locke an, die sich nicht mehr hinters Ohr klemmen ließ. Ein schmerzlicher Blick trat in seine Augen. Dies war das einzige Andenken an den Überfall und es würde seine Zeit brauchen, bis das Haar wieder so lang wie zuvor sein würde.

"Kurz, nicht wahr?" fragte sie etwas unsicher. Sie blickte ihn dabei nicht ein und zupfte verlegen an ihren Haaren.

Legolas fing ihre nervöse Hand ein und zog sie von ihren Haaren fort. Er sagte kein Wort und wartete, bis sie ihn endlich ansah. Es brach ihm fast das Herz. Ihr Blick war so scheu und ängstlich. Das sollte sie nicht sein. Nicht vor ihm. Zärtlich, beinah tröstend, strich er mit den Fingerspitzen an der zarten Linie ihres Unterkiefers entlang und hob ihr Kinn zu sich hoch. "Du bist immer noch wunderschön."

Zu seinem Erstaunen errötete sie nicht vor Freude oder gab ein beschämtes Schnauben von sich, sondern starrte ihn furchtbar verwirrt an. Sie sah aus, als hätte sie mit dieser Art von Antwort gar nicht gerechnet. "Ja, findest du?"

Legolas erkannte, daß sie sich keineswegs ihres Aussehens schämte, sondern wie sie das Haar verloren hatte. Ein Feind hatte sie besiegt und sie damit gedemütigt, in dem er ihr Haar als Trophäe abgeschnitten hatte. Als Kriegerin mußte sie das mehr schmerzen.

Legolas nickte lächelnd und rieb eine schwarze Locke zwischen Zeigefinger und Daumen. Sorgsam steckte er die silbernen Klemmen wieder in ihr Haar. "Es sieht niedlich aus."

"Niedlich?" wiederholte Asani sehr schrill und aufs äußerste verstört.

Der Elb lächelte zwar, aber seine Stimme war todernst, als er seine Fingern mit ihren verschränkte und plötzlich sagte: "Ich hätte diesen Ork durch ganz Mittelerde gejagt und ihn für jedes abgeschnittene Haar mindestens einmal die Haut über die Ohren gezogen." Sein Lächeln verschwand und seine Hand umfaßte ihre fester. "Für jeden Blutstropfen, den du vergossen hast, hätte er hundertfach bluten müssen." Er begann mit der anderen Hand über ihre Wange zu streichen und zeichneten zärtlich ihre verletzliche Linie ihres Halses nach. Mocalyon hatte ihm gesagt, daß ihr die Kehle durchgeschnitten hatte. Aber dank ihres Paktes war nichts davon zu sehen. Es tröstete Legolas keineswegs. "Das hätte nicht geschehen dürfen."

"Es ist nicht deine Schuld", versicherte sie ihm sanft. "Du hast geschlafen."

Unglücklich senkte der Elb sein Haupt. "Ich hätte nichts von Oberons Gewürzmischung probieren sollen. Wäre ich bei Sinnen gewesen, hätte dieser Ork dir nicht ein Haar krümmen können."

"Wir fragen Herrn Gloins Sohn, ob er Oberon so lange festhält, während wir ihm dafür die Ohren abschneiden", scherzte Asani vorsichtig. "Willst du das linke oder das rechte Ohr?" Legolas lächelte nicht einmal. Sie übte etwas Druck auf ihre verschlungenen Finger aus, damit er sie wieder ansah. "Du hast doch nicht gewußt, was es war. Legolas, mach dir deswegen keinen Vorwurf."

"Ich kann mich kaum daran erinnern, was an dem Abend passiert ist", gestand er leise, ohne auf sie hören. Er wagte es kaum, ihr ins Gesicht zu schauen, als er wispernd fragte: "Habe ich dir weh getan?"

Asani errötete zwar, schüttelte aber vehement den Kopf und lächelte schief. "Das könntest du doch nie."

Legolas sah nicht so überzeugt aus. "Weil ich geschlafen habe, hat dich dieser Ork mehr als nur einmal getötet und gefoltert. Wegen mir wurdest du vergiftet und..."

"Das ist mir gleich", unterbrach sie ihn mit fester Stimme. Sie sah ihn grade in die Augen und wiederholte: "Das ist mir gleich. Solange dir nichts geschieht, nehme ich alles in Kauf. Der Tod kann mir nichts anhaben." Als Legolas bei diesen Worten scharf einatmete, fuhr sie entschlossen fort: "Du kannst mich nicht daran hindern, Legolas."

Sein Blick verfinsterte sich und Asani spürte, wie ihre Knie dabei weich wurden. Er neigte sich ihr hinunter und flüsterte bedrohlich an ihren Lippen: "Und ob ich das werde. Ich werde dir bis in alle Ewigkeit folgen und dich von allen Unsinn fernhalten, den du zu machen gedenkst. Ob es dir nun gefällt oder nicht. Du entkommst mir nicht."

Asani wurde schlagartig still und schluckte hart. Sie sah ihn zugleich wütend und äußerst fasziniert an. Er umfaßte zärtlich ihr Kinn und wisperte um vieles sanfter: "Ich ertrage es nicht, auch nur einen Kratzer an dir zu sehen. Mein Herz würde brechen, wenn du weinen würdest. Ich will an deiner Seite sein und dich beschützen." Ein Schatten eines traurigen Lächelns umspielte seine Lippen. "Wenn jedoch der Tag kommt, an dem du mich nicht mehr ertragen kannst..." Sein Ton wurde eine Spur härter. "...dann werde ich dir folgen, bist du es dir anders überlegst."

"Ich werde dich wirklich nicht los?" fragte sie unsicher.

"Du wirst keine Ruhe vor mir haben", versprach er und lehnte aufatmend seine Stirn an ihre. Als er in ihre Augen sah, war jede Härte aus seinem Blick verschwunden. Sie leuchteten statt dessen hell und warm. "Asani, ich liebe dich. Ich will jeden Tag mit dir beginnen und beenden, bis der Allmächtige uns allen ein Ende setzt."

Tränen traten in ihre Augen und blinzelte sie schnell weg, damit dem blöden Elb nicht wirklich das Herz brach. Impulsiv stellte sie sich auf die Zehenspitzen und küßte voller Überschwang sein Gesicht. "Danke."

"Ist das alles, was ich bekomme?" fragte er und blickte sie stirnrunzelnd an. " ‚Danke' ?"

"Reicht das nicht?" fragte sie mit einem unterdrückten Lachen zurück.

"Bei Eru, nein!" rief er empört. Aber seine böse Miene war nur aufgesetzt, da es verdächtig an seinen Mundwinkeln zuckte und seine Augen funkelten.

"Was willst du denn noch?" fragte sie unschuldig.

"Sag mir, feredir", flüsterte er auf einmal sehr ernst. "Würdest du mir bis zum Ende aller Tage folgen?"

"Ja." Ihre Antwort kam schnell und ganz ehrlich. Ihre Augen glänzten feucht und sie versuchte sie wieder klar zu blinzeln. "Ich folge dir jederzeit überallhin und wenn du meiner überdrüssig werden sein solltest...." Ihr Lächeln war so zittrig wie ihre Finger, die vorsichtig seine Lippen berührten. "...dann werde ich dich in die Eiswüsten verschleppen, von wo du niemals den Weg zurück nach Düsterwald finden wirst." Ihre Finger glitten hinunter zu seinem Kinn, das sie dann sanft sich herunter drückte, bis sie ohne Anstrengung in seine Augen sehen konnte. Sie schluckte und holte tief Luft. "Ich will nicht ohne dich sein." Sie stellte sich wieder auf die Zehenspitzen, bis ihre Lippen direkt unter seinen schwebten und sich ihre Nasen berührten. Legolas spürte einen leisen Luftzug auf seinem Gesicht, als sie tief Luft holte, und er senkte seine Lider, bis er sie zwischen seinen Wimpern kaum noch erkennen konnte. Aber sie küßte ihn nicht. Er beobachtete etwas enttäuscht, wie sie sich wieder von ihm zurückzog. Sie unterbrach allerdings nicht einmal den Augenkontakt, daher sah er zu seiner Bestürzung die dicken Tränen, die sie ohne ein Laut weinte. Ihre Stimme war jedoch erstaunlich klar, als sie dann sagte: "Ich liebe dich, Legolas."

Legolas' Gesichtsausdruck war undeutbar, als er das tat, wofür sie außerstande gewesen war. Sein Hand zitterte und er griff daher fester als beabsichtigt nach ihr, als er sie innig küßte. Er wollte, daß sie das fühlte, das ihn in diesem Moment so aufwühlte, und es drohte ihn zu überwältigen. Widerwillig ließ er von ihr ab, weil ihr rechter Arm gegen seine Brust drückte und ihm in Erinnerung rief, daß sie noch etwas Schonung bedurfte. Asani schien das hingegen ganz vergessen zu haben, denn sie legte die linke Hand in seinen Nacken und zog ihn für einen weiteren Kuß zu sich herunter. Legolas ließ sie gewähren und erst als ihr Arm wieder im Weg war, rief er sich zur Ordnung. Er zitterte am ganzen Körper, als er Asani etwas von sich hielt. Ein spitzbübisches Funkeln trat in seine Augen und er flüsterte gerade noch hörbar: "Danke."

Sie lachte zwar, schlug aber dennoch entrüstet nach ihm. "Oh Legolas, du blöder Elb!"

Ohne viel Mühe fing er grinsend ihre Faust ein, legte beide Arme um sie und hielt sie fest genug an sich gedrückt, damit sie stillhielt. "Asani, es macht mich so glücklich, daß ich meine Wege nicht mehr alleine beschreiten muß...daß ich sie nun mit dir gehen kann."

"Aber wohin sollen wir gehen?" fragte sie nach einer Weile leise.

Als sie ihre Hand flach auf seine Brust legte, verstand er, was sie tatsächlich meinte. "Deine Hand bekommen sie nur, wenn sie an mir vorbeikommen", erwiderte Legolas fest entschlossen und legte seine Hand über ihre. "Niemand wird dir je wieder etwas tun. Ihm widerfährt nämlich sonst dasselbe wie diesem Ork."

"Dann werde ich wohl einen großen Bogen um meinen Clan machen müssen, um das Blutvergießen zu vermeiden", scherzte sie leise. Aber Legolas entging das leise Zittern in ihrer Stimme nicht.

"Komm mit mir nach Düsterwald", sagte er eindringlich und wich so weit von ihr zurück, um ihr direkt in die Augen zu sehen. "Niemand wird dich dort finden. Weder Maja noch irgend jemand. Niemand wird dir je etwas antun können."

Asani blickte ihn bei der Erwähnung seiner Heimat besorgt an, sagte aber nichts. Legolas wußte auch diesmal, woran sie dachte und seit der Unterredung mit Êdundion nagten diese Sorgen und Ängste an ihm. Aber um sie zu beruhigen, gab er sich sehr zuversichtlich. Er zuckte nonchalant die Schultern und erwiderte: "Wenn Vater mich auch verbannen sollte...Aragorn ist noch im Begriff sein Königreich zu einen und aufzubauen. Er wird einen fähigen Berater brauchen. Als Thronfolger Düsterwalds bin ich mehr als nur fähig." Lächelnd fügte er noch hinzu: "Eine ifreyschen Schwertmeisterin für seine faulen Ritter wäre er sicherlich auch nicht abgeneigt." Asani lachte zwar, aber Legolas spürte dennoch die Traurigkeit. "Sollen wir lieber zu Oberon? Wir könnten Dreiviertel seiner Einnahmen fordern. Er steht schließlich sehr tief in unserer Schuld."

Diesmal kam ihr Lachen von Herzen und sie nickte sogar begeistert bei seinem Vorschlag. "Das könnten wir auch machen. Aber ich bevorzuge dann doch die Stelle als Schwertmeisterin."

"Was immer sein wird", begann Legolas feierlich. "Ich bin bei dir, Asani."

Als hätte es niemals ein Schatten über ihr Lächeln gegeben, strahlte sie ihn vor Freude an, und ihr Kuß war süßer wie nie zuvor. "So wie ich immer bei dir sein werde, Legolas Grünblatt."

"Gut", meinte Legolas sehr zufrieden. "Schmied oder Frühstück?"

~*~

Die Zeit am Schicksalsberg hatte Lord Elrond gelehrt, auch in gefährlichen Situationen schnell zu improvisieren. Daher hatte er den momentanen Umständen entsprechend umdisponiert und seine Gemächer mit einem Viertel der Bibliothek füllen lassen, damit er dort seine liegengebliebene Arbeiten erledigen konnte. Er bevorzugte eigentlich die Bibliothek, da ihn dort jeder zu jeder Zeit ansprechen konnte. Aber seit Oberon Temonis in Bruchtal war, schien in Glorfindel ein unbändiger Blutdurst erwacht zu sein, den er nur an verbannten Elben stillen wollte. Da dieser nie einem Streit aus dem Weg gegangen war, hielt Elrond es für besser, wenigstens Glorfindel unter Verschluß zu halten. Das an einem Ort, an dem sogar seine Berater Hemmungen hatten, ihn zu stören. Jeder wußte, daß seine Privatgemächer nur für seine Kinder unbegrenzt zugänglich waren. Das hatte der Elbenfürst Oberon vor langer Zeit einmal gesagt und ungewöhnlich wie er nun einmal, hielt er sich bis heute daran, und deswegen verlief der frühe Morgen sehr ruhig.

Vielleicht war es zu friedlich für Glorfindel. Zwar verriet er mit keinem Wort und mit keiner Geste, daß er mit Elronds Arrangement unzufrieden war, aber der Elbenfürst spürte die brodelnde Wut hinter der stoischen Miene. Er schmunzelte, als Glorfindel schroffer als sonst die Prognose für die kommende Ernte vorlegte.

Elrond las in aller Ruhe die Seiten durch und griff zur Feder, um hier und da einige Anweisungen und Kommentare anzufügen. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie unruhig der Berater zwischen Zimmer- und Balkontür hin und her sah. Es war, als erwartete er, daß jemand jeden Augenblick herein stürmen würde. Elronds Lächeln vertiefte sich. Nein, Oberon würde ihm diesen Gefallen nicht tun. Er tauchte die Feder in die Tinte und begann zu schreiben...

"OBERON! DU VERFLUCHTER HUND VON EINEM ELBEN!! ICH BRING DICH UM!!!"

Elrond fuhr so heftig zusammen, daß er mit der Feder ein Loch in das Papier riß, und Glorfindel hob die Faust und rief triumphierend: "Ha! Ich habe es gewußt! Er hat etwas angestellt. Laßt ihn uns aufhängen, Mylord."

"Glorfindel, mäßige dich", mahnte Elrond müde. Mit einem schweren Seufzer legte er die Feder fort und ging zum Balkon, um nachzusehen, was los war. Das Gebrüll kam nämlich vom oberen Stockwerk, wo man die hohen Gäste einquartierte. Der Stimme und der Wortwahl nach zu urteilen, war es wohl der König von Düsterwald.

Elrond hatte kaum den kleinen Balkon betreten, als schon Oberon Temonis lachend und auf äußerste vergnügt darauf landete. In einer anscheinend einzigen übergangslosen Bewegung drehte sich Oberon schwungvoll zu den beiden Bruchtal Elben um und verbeugte sich. "Einen wundervollen guten Morgen, Elrond!" Dann zwinkerte er Glorfindel zu. "Du siehst fabelhaft aus, Goldlöckchen." Er warf einen kurzen Blick nach oben und griff schon nach dem Geländer. "Wir sehen uns beim Frühstück!" Mit einem Satz verschwand er in das raschelnde Laub der Bäume, die unter Elronds Balkon standen.

"Oberon!" rief Elrond und rannte zum Geländer, um nachzusehen, wo der Elb hin gesprungen war. Dieser rutschte gerade lässig einen Baumstamm hinunter und grinste spöttisch hoch. Plötzlich weiteten sich seine Augen und er huschte schnell hinter dem Baum.

Elrond sah und hörte nichts, aber allein Oberons Reaktion veranlaßte ihn, sich auf den Boden zu werfen. Eine weitere wertvolle Lektion, die ihn die Zeit am Schicksalsberg gelehrt hatte, war, daß es Lebensgefahr bedeutete, wenn man sich in Oberons Nähe aufhielt. Einen Herzschlag später zischte ein Pfeil in einem sehr gefährlichen Winkel über ihn hinweg und bohrte sich tief in den Baum, hinter dem Oberon wieder hervorkam.

"Thranduil", sagte Oberon laut und deutlich. Seine Stimme war voll vom gespielten Tadel und echten Lachen. "Ich bin entsetzt! Der arme Baum...was hat er dir bloß getan?"

"BASTARD!!" schrie Thranduil.

"Angenehm, mein Name ist Oberon Temonis", erwiderte der Bordellvater frech und rannte lachend davon.

"OBERON! DU BIST TOT!!"

"Majestät, bitte nicht!" rief wieder eine verzweifelte Stimme von oben. Es klang sehr nach einem der Düsterwald Berater. "Wir sind nicht Zuhause!"

"DANN SCHAFFT IHN NACH HAUSE UND ICH BRINGE IHN DORT UM!!"

"Ich glaube nicht, daß Ihre Majestät die Königin das erlauben wird."

"DANN BRING ICH IHN JETZT UM!!"

"Wirklich, Majestät, Ihr solltet Euch nicht so aufregen?"

"Ja, Ihr seid wieder so rot im Gesicht."

"HALTET DEN MUND!!"

"Majestät, wir machen uns ernsthaft Sorgen!"

"Wirklich, Majestät, wir...nein, bitte nicht!"

"Majestät, was tut ihr da?"

"Nein!! Macht das nicht, Majestät!"

Kurz darauf landete der König unter Buche und Eiche, Thranduil von Düsterwald, in der vollendeten Eleganz einer Raubkatze hinter Elrond. Er hatte seine weiten, langen Gewänder und die Krone abgelegt und trug praktische Kleidung wie ein Krieger. Ein voller Köcher hing nachlässig gebunden über seiner Schulter und in den Händen hielt er einen Bogen. Für einen Moment glaubte Elrond Legolas Grünblatt auf seinen Balkon zu sehen. Ihm fiel auf, wie sehr sich doch Vater und Sohn ähnelten. Aber Thranduils Haltung war geprägt von der jahrelangen Macht und der Blick war kühn und arrogant. Elrond fand kaum Zeit, sich zu fragen, ob Legolas nach einigen Jahrtausenden genauso sein würde, denn es galt einen Mord zu verhindern und Bruchtal vor der Zerstörung zu retten.

Der Elbenfürst schoß wieder in die Höhe, kam mit ausgebreiteten Armen auf den König zu und griff schnell nach ihm, als er an ihm vorbeizulaufen drohte. "Guten Morgen, Thranduil! Wollt Ihr nicht einen Moment herein kommen?"

"Nachdem ich diesen Halunken umgebracht habe, gerne", fauchte Thranduil verstimmt und hatte schon seinen Fuß auf dem Geländer. Aber er kam nicht von der Stelle, denn Elrond hielt ihn immer noch fest.

"Bitte", sagte der Fürst ihm gerade in die Augen schauend. Die lächelnde und heitere Fassade bröckelte und so etwas wie eine gereizte Verzweiflung trat zutage. "Wenn Ihr schon einen Mord in meinem Haus begeht, dann sagt mir wenigstens warum."

"Ich begehe keinen Mord! Ich führe hier nur die Todesstrafe durch!" empörte sich Thranduil und stellte sich vor Elrond. "Habt Ihr gewußt, wie sein...sein...Bor-dell heißt?!?"

Elrond schüttelte nur sehr langsam den Kopf. Er ahnte, daß er es nicht wissen wollte.

"ELBENWALD!!" schrie Thranduil aufgebracht. "Und es sieht aus wie Düsterwald!"

Glorfindel, der bis jetzt still war, vergrub das Gesicht in den Händen und wandte sich stöhnend ab. Er schien nicht ganz zu verkraften, was er gerade gehört hatte. Elrond hingegen starrte den König ausdruckslos an. Es überraschte ihn nicht und er glaubte, daß dieses Bordell so hieß und so aussah. Es hatte schließlich mit Oberon Temonis zu tun. Aber dennoch krächzte er ungläubig: "Tatsächlich?"

"Er hat unsere Heimat entweiht, in dem er sie zur Kulisse für diese menschlichen Unanständigkeiten degradiert hat! Dafür verdient er den Tod!"

"Ich bin dafür", meinte Glorfindel enthusiastisch, aber ein strenger Blick von dem Fürsten ließ ihn wieder schweigen.

"Ihn jetzt zu töten, wäre doch keine Lösung", versuchte Elrond einzulenken.

Thranduil zögerte und blickte nachdenklich drein. "Meint Ihr, ich sollte ihn zwingen, dieses Haus zu schließen, ehe ich ihn umbringe?"

"Nein, das wollte ich damit nicht sagen", seufzte Elrond zwischen Verzweiflung und ungläubigen Lachen. "Ihr sollt ihn überhaupt nicht töten. Nicht nur hier, sondern auch nirgendwo sonst."

"Ich soll ihn ungeschoren davon kommen lassen?"

"Meint Ihr nicht, daß er andere Gründe hatte, als Düsterwald zu entweihen?" fragte er ruhig und deutete mit einer einladenden Geste in seine Räume. Zum Glück wandte sich Thranduil nach einigem Zögern vom Geländer ab und betrat den gemütlichen Wohnraum. "Oberon liebte seine Heimat sehr. Vielleicht hatte er es nicht ertragen, auf ewig von dort verbannt zu sein und hat sich deswegen ein Abbild von Düsterwald geschaffen. Daher bitte ich Euch..."

"Elrond, das langt!" fuhr ihm Thranduil gereizt über den Mund. "Ich bewundere Eure Güte und Großzügigkeit. Aber Oberon Temonis verdient sie nicht! Er braucht einen kräftigen Tritt ins Gemächt!!"

"Ich bezweifle, daß das bei ihm hilft", erwiderte Elrond ehrlich.

"Seht Ihr!" rief der König triumphierend. "Nur der Tod kann uns von Oberon befreien."

"Ihr übertreibt."

Glorfindel wagte wieder einen Vorstoß."Ich finde, Seine Majestät hat da vollkommen Recht. Oberon Temonis darf Bruchtal nicht lebend verlassen."

Elrond machte sich nicht mehr die Mühe, ihn mit Blicken oder Worten zu ermahnen, sondern seufzte nur auf.

"Was würdet Ihr denn sagen, wenn er Bruchtal nach gebaut hätte und daraus ein BORDELL macht?" fragte Thranduil.

Dem Elbenfürst lief ein eiskalter Schauer über den Rücken, erwiderte jedoch sehr vernünftig: "Ich würde versuchen, zu verstehen, warum er das getan hat, und daher mit ihm reden."

"Ich rede nicht Oberon Temonis!" donnerte der König wütend.

"Vielleicht ist das genau das Problem."

"Was?"

"Ihr greift nicht zu Worten, sondern gleich zu den Waffen."

"Und was soll das bringen?"

"Vielleicht erfahrt Ihr ja, warum er Düsterwald nach gebaut hat."

"Und zu einem Freudenhaus für Sterbliche gemacht hat", fügte Glorfindel eifrig hinzu und beinahe zeitgleich lief Seine Majestät vor Wut rot an. Elrond sah seinen Berater an, als wollte er sagen, daß dieser Zusatz vollkommen unnötig gewesen war, denn Thranduil stürmte an Elrond und Glorfindel vorbei und griff nach Pfeil und Bogen. Glorfindel hastete dem König aufgeregt hinterher und hielt bereitwillig den Köcher für ihn.

"Wartet!" rief Elrond entsetzt, als Thranduil wieder auf den Balkon lief und über das Geländer springen wollte. Er überholte Glorfindel und griff nach dem König, um ihn zurückzuziehen. Zu seinem Erstaunen rannte er beinah in ihm hinein, denn Thranduil war wie von Donner gerührt stehen geblieben.

Der König stand völlig erstarrt am Geländer und blickte recht fassungslos in die Ferne. Elrond stellte sich vorsorglich und neugierig zugleich neben ihn und sah in die gleiche Richtung. Unten in einem der Gärten schlenderten Legolas Hand in Hand mit der nun kurzhaarigen Asani über die Wege. Junge Liebe in voller Blüte. Elrond lächelte milde, aber Thranduil schien nicht so milde zu empfinden.

"Was machen die beiden?" fragte der König plötzlich.

Elrond wurde ruhiger und entspannter. Die Themen Oberon und Zerstörung Bruchtals schienen vorläufig vergessen. Aber er mußte sich das zufriedene Grinsen verbeißen und runzelte sehr nachdenklich die Stirn, als er antwortete: "Ich glaube, sie küssen sich gerade."

"Das. Sehe. Ich." Thranduil wandte sich mit einem finsteren Blick zu dem Elbenlord. Er streckte beinah verzweifelt die Hände in die Luft. "Aber warum...ich verstehe nicht...was soll das heißen?" Er wandte sich an Elrond. "Habt Ihr mir nicht erzählt, Legolas hätte Oberons Nachkomme geschwängert?"

"Ja, das entspricht auch der Wahrheit."

"Aber was macht sie dann hier?"

"Warum sollte sie nicht hier sein?"

"Sie ist Legolas' ifreyscher Waffenbruder und Brüder küssen sich nicht!" Thranduil hielt inne und deutete mit ausgestreckter Hand in Legolas' und Asanis Richtung. "Zumindest nicht so!"

Elrond erwiderte in aller Seelenruhe und Freundlichkeit seinen wilden Blick. "Sie sind nicht blutsverwandt, Thranduil." Als dieser ihn verstimmt ansah, fuhr der Fürst lächelnd fort: "Er küßt auch keine zwei Frauen, wenn Ihr das jetzt denkt. Euer Sohn ist ein Elb und kann nur einer Liebe treu ergeben sein."

"Das weiß ich!" zischte Thranduil wütend. "Aber er schwängert Oberons Nachkomme und schlendert mit seinem Waffenbruder durch Eure Gärten. Was hat das nun zu bedeuten?"

"Thranduil, wie kommt Ihr darauf, daß Euer Sohn zu so etwas fähig ist?"

"Er war bei Oberon im Bordell!"

"Habt Ihr denn so wenig Vertrauen in Euren Sohn?" Elrond blickte den König vorwurfsvoll an. "Haben die Rachegelüste Euer Denkvermögen vernebelt oder warum ist Euch nicht der Gedanke gekommen, daß Fräulein Asani beides zugleich sein könnte?"

Thranduil sah für einen Moment aus, als würde er gleich wieder an die Decke gehen, denn er starrte Elrond erbost an. Dann sah er wieder zu Legolas und Asani und wieder zu Elrond. "Sie ist Oberons Nachkomme?"

Elrond nickte bedächtig. "So ist es."

"Wie kann das sein?" fragte der König ungläubig. "Sie ist so...so..."

Elrond versuchte, ihm zu helfen. "Anders als Oberon?"

"Anständig", beendete Thranduil dann schließlich seinen Satz.

"Es liegen mehrere Jahrtausende zwischen Oberon und Fräulein Asani", erklärte Elrond. "Ist es da so verwunderlich?"

Thranduil antwortete nicht darauf, sondern stützte sich auf dem Balkongeländer ab und blickte den jungen Paar nachdenklich hinterher. Der Herr Bruchtals konnte sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Asani mo Ifrey war nicht nur mit Oberon Temonis verwandt, sondern hatte wie jeder Ifrey namhafte Verbrecher in der Ahnenreihe und hatte ihre Unsterblichkeit durch schwarze Magie erlangt. Was aber hatte sie, daß Legolas sie liebte? Konnte so ein Wesen die nächste Königin Düsterwald werden?

Elrond gab Glorfindel, der sehr enttäuscht war, als Thranduil nicht mehr auf Oberon Jagd gehen wollte, ein Zeichen sich still zurückzuziehen. Er selbst deutete eine Verbeugung vor dem König an, ehe er sich seinem Berater anschloß. Es war besser, ihn allein zu lassen.

"Nein, wartet", rief Thranduil auf einmal und beide Bruchtal Elben blieben sofort stehen.. "Ich möchte Euch etwas fragen, Lord Elrond. Natürlich, wenn es Eure Zeit erlaubt."

"Aber natürlich", erwiderte Elrond und wieder lud er den König Düsterwalds mit einer Geste ein, seine Gemächer zu betreten. Schweigend nahmen alle drei Platz und Elrond wartete geduldig, als Thranduil wieder von seinem Sitz aufsprang und begann auf und ab zu laufen.

"Die Kinder sind dann Halbelben, nicht wahr?" platzte Thranduil nach einer Weile dann heraus und sah Elrond scharf an. "So wie Ihr."

Im Gegensatz zu Glorfindel, der von dieser unhöflich direkten Frage brüskiert war, lächelte der Fürst warm. Thranduil schien erstaunlich schnell akzeptiert zu haben, daß Legolas sich für Asani entschieden hat, denn er hatte mit seiner Frage etliche Schritte in die Zukunft Düsterwalds gemacht. "Nun, da Fräulein Asanis Vorfahren bis auf einige Ausnahmen Menschen waren und Euer Sohn ein Elb ist. Ja, ich denke, daß es sich ergeben wird."

"Das ist doch nicht schlecht, oder?"

"Also...", begann Glorfindel, aber Elrond hob die Hand und der Elb verstummte auf der Stelle. Freundlich wie zuvor auch, stand der Fürst Rede und Antwort: "Nein, gewiß nicht."

Als Thranduil sich setzte, bemerkte er Glorfindels indignierten Gesichtsausdruck und es ihm erst jetzt aufzufallen, wie seine Worte auch zu deuten waren. Zwar immer noch etwas schroff, aber ehrlich bedauernd sagte er schnell zu seinem Gastgeber: "Nehmt es bitte nicht persönlich."

"Wie könnte ich?" schmunzelte der Fürst erheitert.

"Ich bin nur sehr...erstaunt", versuchte der König zu erklären. "Ich habe nicht erwartet, daß es sich so entwickelt." Er stockte und rieb sich nachdenklich das Kinn. "Mein Sohn und dieses Mädchen...Oberons Nachkomme! Hättet Ihr das gedacht?"

Elrond zuckte lässig lächelnd mit den Schultern, aber seine nächste Frage trug um so mehr Bedeutung und Schwere. "Und was denkt Ihr darüber?"

Thranduil hob die Braue, als wollte er sagen, daß es Elrond gar nichts anginge. Aber der Lord ahmte diese hochmütige Geste nach und gab zu verstehen, daß es ihm sehr wohl etwas anging, da sich all das in seinem Haus abspielte. Schließlich gab sich der König geschlagen. Brummend sagte er dann: "Aus den naheliegenden Gründen wird das Volk von Düsterwald sie als Königin nicht akzeptieren können und ich werde Legolas nicht erlauben, auf den Thron zu verzichten."

"Aber Legolas wird auch nicht auf sie verzichten wollen." Elrond legte die Fingerspitzen aufeinander, als er im ersten Ton fortfuhr: "Wie Ihr selbst bemerkt habt, ähneln sich Fräulein Asani und Oberon Temonis keineswegs. Die Ifreys sind seit Jahrhundert bemüht, ihren Namen reinzuwaschen. Während des Ringkriegs kämpften sie zwar nicht an unserer Seite, aber sie kämpften gegen das gleiche Übel. Es gab dabei sehr viele Tote zu beklagen und um dem ein Ende zu setzen, hat sich das Mädchen erst auf diesen Pakt eingelassen. Und Ihr dürft nicht vergessen, was sie für Eure Söhne getan hat. - Ist das nicht allein ein guter Grund, um sie mit offenen Armen zu aufzunehmen?"

Thranduil schwieg finster, aber seiner Mimik nach zu urteilen, rang er mit sich selbst. Dennoch schien er nicht von seinem Standpunkt weichen zu wollen. Elrond schickte daher noch ein wichtiges Argument hinterher.

"Um Legolas' Willen solltet Ihr das Mädchen aufnehmen", begann er ruhig. "Denn wenn nicht, wird er sie so oder so verlieren."

Thranduil horchte auf. "Was meint Ihr?"

"Der Clan Ifrey hat sehr strenge Gesetze, was das Liebesleben seiner Krieger angeht. Diejenigen, die sich unerlaubt einen Liebhaber halten, werden vom Clan verstoßen."

Thranduil zog noch arroganter als vorher die Brauen hoch und verletzter Stolz schwang in seiner Stimme mit. "Dieser Clan weiß wohl nicht, mit wem sich ihre Kriegerin eingelassen hat."

"Es geht nicht um Euren Sohn, sondern um das Mädchen selbst", lenkte Elrond lächelnd ein. "Bei den Ifreys ist eine Schande, wenn eine Kriegerin von Fräulein Asanis Rang sich Liebhaber hält ohne Kinder zu zeugen. Der Clan sieht es als Charakterschwäche an, wenn ein Krieger sich vergnügt, statt sich um das Wohl des Clans zu kümmern. Dazu gehört es, für Nachwuchs zu sorgen. Im eisigen Norden überleben nicht alle Kinder und der Ringkrieg hat ihre Reihen stark ausgedünnt. Daher werden solche ‚Verfehlungen' bestraft."

Thranduil blickte skeptisch drein, während er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und die Beine übereinanderschlug. Was hatte dieser Clan nur für eine brutal einfache Logik? "Warum opfern sie freiwillig ihre Krieger, wenn sie doch schon so wenige sind?"

"So wollen es ihre Gesetze."

"Diese dummen Sterbliche. Sie verschwenden auf so barbarische Weise so gutes Kampftalent."

"Dann nehmt diese Kriegerin in Düsterwald auf?" fragte Elrond . "Ihr habt doch in Lothlorien gesehen, wie stark sie ist."

"Düsterwald kann sich alleine sehr gut verteidigen", brummte Thranduil. "Außerdem ist Saruman tot und Sauron ist auch nicht mehr."

"Es gibt aber noch andere Gründe, um sie zu Euch zu nehmen." Elrond stellte sich hinter Thranduil, als dieser ihn fragend ansah, und legte die Hände auf seine Schultern. Er beugte sich leicht vor und flüsterte: "Wenn Ihr es nicht tut, dann wird es Oberon ganz gewiß."

"Oberon?" wiederholte Thranduil langsam und drehte sich zu Elrond um. Er erbleichte bei der Vorstellung. "Mein Sohn wieder in diesem Bordell?"

"Oh, nicht nur Euer Sohn", erwiderte der Elbenfürst glatt. "Denkt an Eure Enkel."

"Meine...Enkel?" stotterte der König und wurde wachsbleich. "Ihr habt Recht....sie würden in diesem Haus aufwachsen und meine Urenkel erst...bei Eru, das ist unzumutbar!" Dann stand er entschlossen auf. "Das muß ich verhindern!"

"Ich bin ganz Eurer Meinung", sagte Elrond langsam und biß hinterher die Zähne zusammen, um nicht schallend aufzulachen. Thranduil sah es ihm dennoch an und blickte den Lord daher skeptisch an. Dieser lächelte unschuldig zurück. Der Herr von Bruchtal räusperte sich. "Vielleicht solltet Ihr mit Eurem Sohn reden, bevor dieser Hals über Kopf aus meinem Hause flieht."

"Ja, das werde ich ganz gewiß!" sagte der König, lief ohne auf eine Antwort zu warten auf den Balkon und sprang hinunter.

Lord Elrond stützte sich erleichtert auf den leeren Stuhl. Es schien, daß Thranduil gewillt war, die Verbindung zu akzeptieren. Aber eine sehr große Sorge wich aus Elronds unsterblicher Seele, als der König Pfeil und Bogen vergessen hatte. Aber er mußte sie dennoch forträumen, ehe Glorfindel auf dumme Ideen kam.

~*~

Das Haus mit der angeschlossenen Werkstatt des Waffenschmieds Ahrmméion lag in einem etwas abseits gelegenen Teil Bruchtals. So lautlos sich Ahrmméion als Elb auch bewegen konnte, seine Arbeit als Schmied verursachte manchmal einen Krach, der den geduldigsten Elben die Bäume hochjagte. Hier konnte er ungestört arbeiten, aber es kam dafür auch sehr selten Besuch. Heute jedoch hatte er eine höchst interessante Sterbliche zu Gast, die mit einer Bitte zu ihm kam, die schon von Lord Elrond vorgetragen wurde. Wie konnte er da noch ablehnen?

Deswegen hatte er alles stehen und liegen lassen, als das Ifrey Mädchen mit den Prinz von Düsterwald schüchtern vor seiner Haustür stand und ihm sein Schwert zeigte. Ein überaus interessantes Stück! Es machte ihm nichts aus, daß er das Schwert nicht selber anfassen konnte, denn so hatte er beide Hände frei, um zu messen, notieren und vor Aufregung wild zu gestikulieren, während Asani seinen Anweisungen gemäß ihr Schwert drehte, wendete und schwang, während Prinz Legolas auf der Bank vor seinem Haus sitzend zusah.

"Das ist nicht weiter schlimm", meinte Ahrmméion nach seiner langen Untersuchung und fuhr mit dem Zeigefinger über die Furche im Metall. "Lord Elrond hat zwar ganze Arbeit geleistet, aber das wird schon wieder. Keine Sorge, kleines Fräulein."

"Ich mache mir keine Sorgen", erwiderte Asani lächelnd. "Ich habe nur gutes über Euch gehört."

"Dann will ich mein Bestes tun, um mich dem Lob würdig zu erweisen." Der Elb verneigte sich galant. "Aber mein Gehilfe Sabmos ist leider noch nicht..."

"Meister Ahrmméion!"

Alle drei sahen den schmalen Pfad hinunter, der als einziger Weg zum Schmied führte. Ein Elb rannte ihn gerade hoch und winkte fröhlich. Er trug über seiner Kleidung eine schwere Lederschürze, die einige Brandflecken hatte und mit Ruß beschmiert war. Anscheinend war es Sabmos, der Gehilfe Ahrmméions.

"Der hat aber auch ein gutes Gefühl für die Zeit!" schmunzelte Ahrmméion, als er zurück winkte. Zu Asani und Legolas gewandt sagte er dann: "Wir können sogleich beginnen, junges Fräulein."

"Aber sehr gern!" Asani freute sich sehr, denn wenn das Schwert einmal ausgebessert worden war, konnte sie endlich diese dämliche Armschlinge abnehmen. Sie wollte gerade Ahrmméions Aufforderung folgen, die Werkstatt zu betreten, als sie bemerkte, daß der Schmied und Legolas wieder auf den schmalen Weg blickten.

Ein weiterer Elb hatte den kleinen Trampelpfad betreten. Er sah zwar aus wie ein einfacher Krieger, aber Asani vermutete zu keiner Sekunde, daß er vielleicht ein weiterer Gehilfe sein könnte. Sabmos, der mitten auf dem Weg zu seinem Meister stehen geblieben war und sich an den Wegrand gestellt hatte, verharrte in einer ehrfürchtigen Verbeugung, bis der andere Elb an ihm vorbei gegangen war. Ahrmméion tat dasselbe. Nur Legolas blieb gerade stehen.

Bei dem fremden Elben mußte es sich demnach um einen Fürsten handeln. Aus irgendeinem Grund glaubte Asani zu wissen, daß es kein Edler aus Bruchtal war, denn er strahlte keine Güte und Heiterkeit aus, wie sie es bei Lord Elrond und seinem Gefolge erlebt hatte. Dieser Elb wirkte auf eine beunruhigende Weise stark und mächtig. Als er ihren Blick auf sich spürte, sah er ihr geradewegs in die Augen. Asani zuckte irritiert zurück. Er sah aus wie Legolas. Ihr Mund öffnete sich fassungslos und sie griff nach dem Elbenprinz. "Ist das dein..."

"Ja", flüsterte er mit einem ruhigen Lächeln, "das ist mein Vater." Er drückte ein Kuß auf ihre Hand und ging mit ihr im Schlepptau auf Thranduil zu. Als sie voreinander standen, begrüßte er ihn. "Guten Morgen, Vater. Wie war deine Reise nach Bruchtal?"

"Turbulent", erwiderte der König knapp. Er sah dabei seinem Sohn nicht einen Augenblick an, sondern musterte Asani eindringlich. Diese wich keinen Schritt zurück, sondern straffte kaum merkbar ihre Schultern und hob ihr Kinn, als sie ebenso intensiv zurückblickte. Zu ihrer Verwunderung sah sie ein amüsiertes und gütiges Funkeln in den blauen Augen von Legolas' Vater. "Und eure Anreise, mein Sohn?"

"Hektisch", antwortete Legolas im gleichen Ton und zog ganz nebenbei Asanis Hand unter seinem Arm. "Aber den Umständen entsprechend recht reibungslos."

Thranduil nickte nur und beobachtete seinen Sohn. Er schien keineswegs nervös zu sein. Keine Schuldgefühle. Kein Bedauern. Auch keine Scham. Dennoch bewölkten einige Sorgen seine hohe Stirn. Ein vages Lächeln zog strengen Mundwinkel des Königs hoch, als er nicht nur seine Blicke sondern auch seine Worte an Asani richtete: "Ich habe erfahren, was Euch widerfahren ist. Wie geht es Euch?"

Ein warmer Glanz ließ seine Augen leuchten und Asanis anfängliches Mißtrauen schmolz dahin. Ihr Lächeln kam vom Herzen. Sie zog ihre Hand unter Legolas' Arm hervor, um ihren Rock zu raffen und sich zu verneigen.

"Ich danke Euch für Eure Sorge, Majestät", erwiderte sie brav. "Mir geht es ausgezeichnet."

Thranduil hob skeptisch die Braue. "Was ist dann mit Eurer Schulter?"

"Deswegen bin ich hier." Asani hielt mit einem Male ihr Schwert in der Hand und zeigte ihm die beschädigte Klinge. "Wenn Meister Ahrmméion das erst einmal gerichtet hat, bin ich wieder so gut wie neu."

"Ich hoffe, Ihr seid ein Meister Eures Faches, Herr Ahrmméion", sagte der König in einem milden und beinah scherzenden Ton zu dem Schmied, der sich immer noch vor ihm verbeugte. Als er angesprochen wurde, verneigte er sich tiefer vor dem König. Dabei sah er nicht, wie Thranduil eine Hand auf Asanis gesunde Schulter legte. "Dieses Mädchen hat meinen Söhnen das Leben gerettet und verdient daher nur die beste Behandlung."

"Selbstverständlich", erwiderte Ahrmméion geflissentlich. "Ich tue mein Bestes." Er winkte seinen Gehilfen in die Werkstatt und lud Asani erneut in seine Schmiede ein. "Wenn ich bitten darf, Fräulein..."

Asani zögerte einen Augenblick, aber auf Legolas' aufmunterndem Nicken hin, bedankte sie sich bei dem Schmied und folgte ihm. Über die Schulter hinweg sah sie Vater und Sohn sich schweigend gegenüberstehen. Sie fing Legolas' Lächeln auf und die Zuversicht und Liebe darin beruhigten sie sehr. Was immer zwischen Vater und Sohn gesagt und getan werden würde, Legolas würde sich an sein Versprechen halten. Das allein zählte für sie.

Als nur noch Vater und Sohn draußen vor dem Haus standen, fiel auf einmal die gesamte Erhabenheit von Thranduil und er schloß die Distanz zu seinem Sohn in zwei Schritten. Legolas fand das nicht weiter verwunderlich, da sein Vater sich in der Öffentlichkeit stets arrogant und kühl gab. Thranduil legte seine Hand schwer auf Legolas' Schulter, als er ihm in die Augen sah. Mit der anderen Hand umfaßte er Legolas' Wange. "Du weißt, warum ich hier bin, nicht wahr?"

Sein Sohn lächelte leicht. "Du willst mit mir reden...über Asani. Ja, ich weiß."

Thranduil nickte langsam und sah seinen Sohn so besorgt und traurig an, daß diesem das Herz schwer wurde. Es ließ ihn erahnen, daß es wohl kein leichtes Gespräch werden würde und daher wappnete er sich für das Schlimmste. Legolas folgte der Aufforderung seines Vaters, sich auf die Bank vor dem Haus zu setzen. Er wartete angespannt auf die Worte oder sogar Bannspruch seines Vaters. Aber er sagte für die nächste Zeit rein gar nichts.

Legolas blickte seinen Vater vorsichtig von der Seite an und bemerkte, wie dieser heftig die Stirn runzelte und sich nachdenklich das Kinn rieb. Er wandte sich schmunzelnd ab. Ja, er kannte diese Haltung nur zu gut. Sein Vater mochte ein mächtiger König sein, aber hin und wieder war auch er um Worte verlegen. Vor allem wenn es die Familie betraf. Es schien, als müßte Legolas den Anfang machen. Er legte eine Hand auf das Knie seines Vaters und sagte ruhig: "Vater, was immer du gegen die Verbindung einzuwenden hast. Ich verstehe dich sehr gut. Ich weiß, daß Asani nicht vom edlen Geblüt ist und statt dessen lauter Verbrecher in ihrer Ahnenreihe hat. Ich weiß ebenso, daß sie sich schwarzer Magie bedient hat, um unsterblich zu sein. Aber Vater, ich..."

"....liebst sie", beendete Thranduil den Satz. Er lächelte seinen Sohn schief an. "Ich habe schon gehört, weswegen sie sich an dieses Schwert band. Ich weiß, woher sie kommt. Ich weiß auch, wer ihre Vorfahren sind." Hier machte er eine bedeutungsschwere Pause.

Legolas verstand durchaus. "Trotz allem ist er dir immer noch treu ergeben."

Sein Vater schnaubte verächtlich und wedelte das Thema Vorfahren beiseite, ehe er fortfuhr: "Aber vor allem weiß ich, daß sie meine Söhne gerettet hat. Ich stehe tief in ihrer Schuld. Wenn sie das Herz einer meiner Söhne haben will, so werde ich mich ihr nicht in den Weg stellen." Noch immer ruhte Legolas' Hand auf seinem Knie und er betrachtete sie nachdenklich. Es war doch erst vor nicht allzu langer Zeit, als sein Sohn noch so kurze Finger gehabt hatte, daß er befürchten mußte, der Junge würde nie einen Bogen bedienen können. Wie schnell die Zeit vergangen war...Thranduil holte tief Luft, als er fortfuhr: "Ich habe allerdings durchaus meine Bedenken. Ihr Pakt mit dem Schwert und die Unsterblichkeit sind unnatürlich. Die Elben Düsterwald wird das schockieren, daß ihr nächster König sich ausgerechnet so eine Braut ausgesucht hat."

Legolas starrte seinen Vater zuerst ausdruckslos an. Es sah aus, als wäre er von einem Augenblick auf den anderen versteinert worden. Ganz langsam wandelte sich seine Miene und er fragte ungläubig: "Du willst mich immer noch als deinen Nachfolger?"

Thranduil nickte schroff. "Ich werde nicht noch einmal 1000 Jahre warten, bis Damelos weniger zaghaft oder bis Damenyon weniger spontan geworden ist."

"Ich dachte schon, du würdest mich verbannen", lachte Legolas erleichtert.

"Welche Fehler du auch begehen wirst", sagte Thranduil langsam. "Du bist mein Sohn. Daher werde ich dich für einige Tage in einen Baum hängen, damit du über sie nachdenken kannst."

"Das ist beruhigend zu wissen."

"Glaubtest du wirklich, daß ich dich verbanne, weil du dich in das falsche Mädchen verliebt hast?"

Legolas nickte langsam. "Du hattest es ja schon einmal getan.."

"Wann?" Thranduil blickte seinen Sohn zutiefst getroffen an. "Wann soll ich das je getan haben."

"Was war mit Oberon Temonis?"

"WAS?!" Thranduil fuhr wie vom Donner gerührt hoch und zu Legolas' Erstaunen wurde er tiefrot im Gesicht. Das hatte er noch nie erlebt.

"Du hast ihn doch wegen der Diebin aus Düsterwald verbannt, nicht wahr?"

"ERZÄHLT DIESER HALUNKE DAS?!?" schrie Thranduil fassungslos. "ER IST TOT!!"

Legolas legte beschwichtigend beide Hände auf die Schultern seines aufgeregten Vaters. Seine Augen wurden immer runder. Seit wann brüllte sein Vater? Hatte Êdundion letztendlich doch Recht gehabt? Er hatte seinen Vater noch nie so schreien hören. "Tatsächlich tut er das...aber!" Der Elbenprinz erhob schnell seine Stimme, als sein Vater wieder tief Luft holte, um weiterzubrüllen, "wenn das nicht der wahre Grund war. Vater, weswegen hast du ihn dann verbannt?" Thranduil sah auf einmal von seinem Sohn fort, aber dieser erhaschte noch einen kurzen Blick auf sein Gesicht. Das Blut wich sehr schnell aus seinem Kopf und er wirkte beinahe bleich. "Vater, weswegen wurde Oberon Temonis verbannt?"

"Ist das so wichtig?" stöhnte Thranduil verzweifelt.

"Da du mich immer noch als dein Nachfolger siehst, habe ich ein Recht darauf, das zu erfahren."

Thranduil hob zu einer scharfen Erwiderung an, sah seinen Sohn daher anfangs wütend und aber dann tief verzweifelt an. Schließlich seufzte er. "Ja, du solltest es wissen. Aber schwöre, daß deine Brüder das niemals erfahren werden."

"Niemals", versprach Legolas feierlich.

Der König seufzte erneut auf und legte sich sorgsam seine Worte zurecht. Sehr zögerlich begann er dann zu erzählen: "Oberon hat während seiner Zeit am Schicksalsberg eine gefährliche Leidenschaft für Kräuter entwickelt und richtete sich bei seiner Rückkehr in Düsterwald dafür eigens eine Küche ein, in der er seine obskuren Mixturen zubereitete. Einige davon waren sehr nützlich, aber andere waren nur gefährlich. Dazu gehört dieses rotbraune Pulver, das er ironisch ‚Gewürz' nennt." Thranduil hielt inne und blickte seinen Sohn bedauernd an. "Ich schmerzt mich, daß auch du in diesen Genuß gekommen bist."

"Auch?" wiederholte Legolas atemlos.

"Oberon geht sehr achtlos mit seinen Kräutern um", fuhr Thranduil relativ nüchtern fort, "und eines Tages landete ein Säckchen davon in einem Weinfaß. Wir gaben da gerade ein Fest zu Ehren einiger Gäste." Thranduils Stimme wurde immer leiser und leiser. "Gandalf, Herr Glorfindel und andere Vertreter aus Lothlorien waren anwesend."

Legolas wagte es kaum, zu atmen. "Und sie haben alle von diesem Wein getrunken?"

Thranduil nickte unglücklich. "Hast du dich nie gefragt, warum Damenyon und Damelos so viele gleichaltrige Freunde haben?"

"Nein, nicht wirklich..." Legolas senkte den Blick und dachte nach. Sein Vater hatte Recht. Viele der jüngeren Elben wurden fast alle am gleichen Tag wie die Zwillinge geboren. "Hast du dann von diesem Wein getrunken?"

"Nein!" Thranduil lief wieder rot an und ächzte verloren. Ergeben schloß er die Augen, um seinem Sohn nicht ins Gesicht sehen zu müssen. "Aber deine Mutter. Sie zerrte mich in den Wald und..." Der Elbenkönig verstummte und preßte die Lippen fest aufeinander.

Legolas räusperte sich verlegen. Seine Wangen brannten ganz fürchterlich. "Verzeih, ich hätte nicht fragen sollen...du brauchst nicht...es tut mir leid..."

Thranduil winkte ab und setzte sich wieder gerade hin. Aber seine Wangen waren ebenso gerötet wie die seines Sohnes. "Wir taten alles, um es geheim zu halten. Elben, die sich hemmungslos der fleischlichen Lust hingaben. Es war eine Schande! Bis heute ist bei einigen jungen Elben der Vater unbekannt."

"Sind das die Väter, die angeblich vor der Geburt ihrer Kinder von Orks getötet wurden?"

Thranduil wurde unglaublicherweise noch röter, als er schroff nickte. "Wir wußten nicht, was wir tun sollten. Die Mütter waren zutiefst beschämt und manche von ihnen versteckten sich während ihrer Schwangerschaft tief im Wald. Die möglichen Väter schämten sich noch mehr und wußten nicht, was sie tun sollten. Es war eine heillos verfahrene Situation, Legolas." Er rieb sich über das Gesicht. "Aber besonders demütigend war es wohl für Gandalf..."

"Was war mit Gandalf?" krächzte Legolas, als sein Vater innehielt. "Hat er auch ein Kind...bei uns...??"

Thranduil schüttelte den Kopf. "Nein, er zeugte in dieser Nacht kein Kind. Das hätten wir wohl sofort bemerkt. Aber er...er..." Der König verstummte erneut und atmete zitternd ein. Er verbarg sein Gesicht in seinen Händen und murmelte etwas, das verdächtig wie inbrünstiges Stoßgebet klang.

Legolas hielt den Atem an. "Was ist Gandalf passiert?"

"Er...er wachte in den Kleidern deiner Mutter auf."

Der König hatte dieses Geständnis verschämt gehaucht, aber Legolas' Nerven waren so angespannt, daß er es dennoch hörte. Es hatte die gleiche Wirkung wie ein Fausthieb von einem Uruk-hai in den Magen. Aber er war noch fähig die Schulter seines verzweifelten Vaters zu drücken, als dieser sein Gesicht in den Händen vergrub und voller Qual aufstöhnte. "Legolas, wir wußten nicht, wie uns geschah. Es ging alles so schnell. Der einzige, der ahnte, was der Wein auslöste, war Lord Glorfindel. Seiner Aussage nach war er in den Wald geflüchtet, um die Qualen allein durchzustehen. Aber als er erwachte, lag er zwischen drei oder vier Elben. Alle wurden schwanger und aber niemand ist sicher, ob er der Vater ist, da die Kinder mehr ihren Müttern ähneln."

Es verging eine halbe Ewigkeit, ehe sich Vater und Sohn wieder in die Augen sehen konnten und Legolas brauchte noch etwas mehr Zeit, um dann leise zu fragen: "Deswegen hast du Oberon verbannt?"

"Ja, nur deswegen", erwiderte der König still. Er atmete tief ein und lächelte sogar wieder. Es schien, als wäre eine Last von seinen Schultern genommen worden. "Ich verbanne niemanden, wenn er sich verliebt hat. Ob standesgemäß oder nicht. Die Liebe ist blind für solche Unterschiede und wer bin ich schon, der das verhindern will? Ich bin nur der König von Düsterwald." Er zupfte seinem Sohn an den Haaren. So wie damals als Legolas ihm kaum bis zur Hüfte reichte. Aber der Schatten seines strengen Blicks erschien wieder in seinen Augen, als er fortfuhr: "Und als dieser erwarte ich von ihr, daß sie sich unseren Sitten und Gebräuchen beugt. Als die Frau an deiner Seite wird sie viel dazulernen müssen, um ihre Pflichten wahrnehmen zu können." Er sah seinen Sohn ernst an. "Wird sie das tun?"

Legolas nickte langsam, aber sehr überzeugt. "Sonst schneide ich ihr die Ohren ab." Sein Vater sah ihn bei dieser Antwort entsetzt an, aber er lachte nur. "Es ist nur eine Redewendung." Ganz leise und kaum verständlich murmelte er noch: "Glaube ich."

Ein Sterblicher von nicht einmal 15 Sommern und angetan in den Kleidern eines Ifreys zerstörte jäh die familiäre Idylle, als er mit Müh und Not aus den Büschen auf den engen Weg zu Ahrmméions Haus gekrochen kam. Mürrisch stand er auf, klopfte er sich ab und Vater und Sohn hörten verwundert, wie er leise schimpfte: "Diese Bäume machen mich noch ganz wahnsinnig!"

Sie sahen ruhig zu, wie er sie entdeckte und zu ihnen lief. Der Junge war hochgewachsen und schlank wie eine Buche, aber er bewegte sich unbeholfen wie ein junges Rehkitz. Sein blondes Haar stand in alle Richtungen ab und die blauen Augen umrahmt von dunklen Wimpern leuchteten irritierend hell die beiden Elben an, als vor ihnen stehen blieb und sich tief verneigte. "Seine Gnaden Herzog Yuk mo Ifrey läßt Euch das zukommen." Er kniete sich hin und hielt ihnen ehrfürchtig einen prächtig verzierten, aber äußerst nutzlosen, weil stumpfen Dolch entgegen. Vater und Sohn sahen zuerst sich dann den Dolch an.

"Ein hübsches Stück", meinte Thranduil nach längerem Schweigen und der Knabe sah abrupt auf. Er blinzelte sie erstaunt an. Der König verstand, daß dieser Dolch kein Geschenk, sondern eine Botschaft war. "Hat das etwas zu bedeuten, mein Junge?"

Der junge Bote nickte langsam. Er schien verwirrt zu sein, daß die beiden es nicht wußten. "Mit diesem Dolch werden bei uns Absagen erteilt. Man schneidet sozusagen das ab, was man nicht will."

Legolas wurde hellhörig. Das Wort "Abschneiden" in Verbindung mit den Ifreys gefiel ihm ganz und gar nicht und es schlug sich ohne Rücksicht in seiner Stimme nieder. "Und worin besteht die Absage des Herzogs genau?"

Der Junge hielt seine Stellung, schluckte jedoch heftig, als er in Legolas' blaue Augen sah und den kühlen, strengen Blick von König Thranduil auf sein sterbliches Haupt spürte. Er räusperte sich und brauchte einige Anläufe, ehe er eine brauchbare Erklärung abgeben konnte: "Also, er läßt damit ausrichten, daß er die Verbindung seiner Tochter mit Euch keineswegs billigen und daher jede Eurer Bemühungen um sie nicht anerkennen wird."

Legolas sprang auf und rannte in das Haus des Schmieds. "Asani!"

"Ihr Vater hat sie durch die Hintertür mitgenommen", rief der Junge ihm hinterher, aber Legolas kam nicht sofort zurück. Sei es, weil er ihn wirklich nicht hörte oder ihm kein Glauben schenken wollte. Als er atemlos, wütend und besorgt zugleich in der Tür erschien, wiederholte der Junge seine Worte. Er holte tief Luft und in seinen Augen blitzte etwas auf, das den Jungen zurück stolpern ließ.

Thranduil, der auf der auf der Bank sitzen geblieben war, hielt seinen erregten Sohn fest und fragte den Ifrey: "Was passiert nun mit Fräulein Asani?"

"Für die Schande, die sie über den Clan gebracht hat, wird sie wohl eine Strafe erhalten", erwiderte der Junge erstaunlich gelassen. Das trieb Legolas schließlich zur Weißglut. Er riß sich knurrend von seinem Vater los und ging ohne Abschied.

"Legolas, wohin gehst du?" rief Thranduil besorgt.

Sein Sohn ging noch einige Schritte, ehe er sich umdrehte und mit einem kalten Lächeln erwiderte. "Ich werde auch eine Absage erteilen."

Ende des 36. Kapitels

Gewidmet an meinem Lieblingsork Ruzzi und seinem Club

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Leider ist die lange Wartezeit bei mir Standard geworden und es tut mir wirklich sehr leid. Als "Entschädigung" gibt es bis Kapitel 37 kommt, etwas zum Knobeln! Wer mir die Lösung als erster mailt (bitte NUR an sleepy_tiger@oblonline.de), dem wird das nächste und somit letzte Kapitel gewidmet. Jaja, toller Preis, ich weiß...Wer sich jedoch davon nicht abschrecken läßt:

Es geht um die Namen von Êdundions und Ahrmméions Väter. Ich will von euch wissen, wie die alten Herren richtig heißen, denn ihre Namen sind Anagramme! Laßt euch von den Accents nicht irritieren. Viel Spaß!

P.S.: Es wird keine weiteren Details zu der Party in Düsterwald geben.

P.P.S.: Sabmos ist übrigens auch ein Anagramm...