Titel: Den Jäger erlegen
Autorin: Sleepy Tiger
Email: lapoetica@web.de
Warnung: was ist noch mal passiert?
Disclaimer: Lord of the Rings © by J.R.R. Tolkien
37. Kapitel: die ungehorsame Kriegerin
Durch die Gärten Bruchtals führte ein gepflasterter Weg, der immer gleich breit und eben war. Jeder Stein war perfekt geschliffen und exakt gleich groß. Mögliche Zwischenräume wurden mit kleineren Steinen derart dicht ausgefüllt, daß sich kein vorwitziger Grashalm hervor stehlen konnte.
Nur hatten die Steine alle möglichen Schattierungen von schwarz über grau bis weiß und auf den ersten Blick sah alles recht bunt aus. Nahm man sich wie Asani die Zeit, alles genauer zu betrachten, bemerkte man bald, daß die Anordnung der Steine keineswegs willkürlich, sondern durchaus überlegt erfolgt war. Aus einer gewissen Höhe gesehen, war dieser Weg ein Kunstwerk eines Mosaiks.
Asani runzelte nachdenklich die Stirn. Drückte sich hier der elbische Umgang mit der Ewigkeit aus? Überhaupt hatte sie nicht den Eindruck, daß elbische Bauten die Zeit überdauern sollten. Ganz anders als bei den Menschen, die scheinbar immer mit diesem Hintergedanken ihre Gebäude bauten. Deren Ziel war es, den nachfolgenden Generationen von den gloriosen Taten der Vergangenheit anhand prächtiger Bauten zu erzählen. In Bruchtal dachte man wohl ganz anders.
Die weisen Elben wußten um die Vergänglichkeit der Dinge um sie herum. Nichts konnte sie aufhalten. Auch nicht Elben. Daher legten sie diese mehr Wert auf die Schönheit und die Harmonie mit der Natur. Diese Ideale konnten sie bis zur Perfektion erreichen, weil Zeit für sie keine Rolle spielte. Zeit existierte nicht, wenn man unsterblich war.
Es erschreckte Asani, daß sie sich anhand der Betrachtung eines Weges solche tiefgründige Gedanken machte. Vielleicht lag es auch einfach nur daran, daß sie gerade nichts anderes als den Boden sah. Seit einigen Minuten trug ihr Vater sie wie ein Sack auf der rechten Schulter und stapfte mit finsterer Miene über den Weg nach irgendwohin.
Asani hatte sich vor einer Weile noch mit Ahrmméion, dem Schmied, unterhalten, als ihr Vater auf einmal in der Hintertür der Schmiede gestanden hatte. Fassungslos vor Freude hatte sie sich lachend in sein Arme gestürzt. Sie hatte sich nicht einmal gefragt, was ihr Vater in Bruchtal suchte, wie er gewußt hatte, daß sie hier war und ob Legolas von seiner Anwesenheit gewußt hatte. Wenn ja, warum er ihr nichts erzählt hatte. Aber Yuk hatte seine Tochter nicht wie jeder liebender Vater umarmt, sondern sie am Kragen gepackt und einfach auf die Schulter geworfen. Asani, die ihrem Vater immer vertraut und sich daher nicht instinktiv gewehrt hatte, hatte nur entsetzt nach Luft geschnappt und verwirrt um sich geguckt. Es hatte leider außer dem Boden und den breiten Rücken ihres Vaters nicht mehr viel zu sehen gegeben.
„Mein Herr!" hatte sie Ahrmméion empört rufen hören. „Das junge Fräulein ist verletzt und sollte nicht so grob behandelt werden."
„Laßt das meine Sorge sein, Elb", hatte Yuk daraufhin geknurrt und sich so abrupt auf den Absätzen umgedreht, daß Asani aufpassen mußte, daß ihr Oberkörper nicht allzu sehr hin und her schwang. Sie hätte dann vermutlich unliebsame Bekanntschaft mit dem Türrahmen gemacht. Es war ihr nichts anderes übrig geblieben, als sich an ihrem Vater festzuhalten und auf eine Erklärung zu warten. Es kam aber keine.
Nachdem Asani den gepflasterten Weg genug Bewunderung und Aufmerksamkeit gezollt hatte, stützte sie sich umständlich mit dem linken Arm am Rücken ihres Vaters ab, um sich etwas aufzurichten. Dabei bohrte sie absichtlich ihren Ellbogen tief in seine Wirbelsäule. Jeden hätte das gestört. Nicht jedoch Yuk mo Ifrey. Er spürte rein gar nichts. Asani seufzte. „Vater, was hast du vor?"
Yuk mo Ifrey gab ihr keine Antwort, sondern ging einfach weiter und ignorierte die erstaunten Blicke und das besorgte Getuschel um ihn herum.
„Vater", begann Asani von neuem. „Bitte, laß mich runter."
„Nein", knurrte er endlich. „Wenn ich dich gehen lasse, rennst du wieder zu diesem Elbenhänfling."
„Welcher Elbenhänfling?"
„Dieser Prinz." Ihr Vater spie das letzte Wort aus, als wäre es Dreck. Um den Ganzen noch etwas Nachdruck zu verleihen, spuckte er noch herzhaft aus.
„Legolas ist kein Hänfling", kicherte sie, „er ist sogar ein guter Krieger."
Yuk schnaubte verächtlich. „Er ist alt!"
Asanis Arm erschlaffte und ihr Gesicht drückte sich gegen den warmen Rücken ihres Vaters. Sie konnte nicht glauben, was er da gesagt hatte. Ein leicht hysterisches Lachen schäumte in ihr hoch, aber ihrem Vater zuliebe unterdrückte sie es. „Aber Vater, er ist ein Elb und unter seinesgleichen gilt er als ziemlich jung."
Es war, als hörte er sie nicht. „Und er hat keine Haare auf der Brust. Wie ein Mädchen."
„Glaub mir, Vater, Legolas ist ganz gewiß kein Mädchen", erwiderte Asani lachend.
Die Miene ihres Vaters wurde steinern und finster wie die Nacht. Die lange Narbe stach darin hervor wie eine dünne helle Mondsichel. Leider sah sie all das nicht, hörte aber, wie seine Handknöchel knackten, ehe er mit der flachen Hand auf ihren Hintern schlug.
Sie fuhr schreiend hoch. „Vater, was soll das? Ich bin doch kein Kind...AU!" Sie fiel fast von seiner Schulter, als er erneut zuschlug. „Vater!"
„Deine Mutter würde aus ihrem Grab steigen", knurrte Yuk unversöhnlich und seine große Hand lag bedrohlich auf ihrem Gesäß, was sie dazu veranlaßte, den Mund zu halten, „und hätte mir die Ohren abgeschnitten, weil ich meine Tochter nicht besser erzogen habe." Wieder folgte ein kräftiger Klaps auf Hintern rechts auf seiner Schulter.
„Vater! Bitte hör auf", stöhnte die Besitzerin des Hinterns gequält.
Aber Yuk ignorierte es und fuhr fort: „Weißt du, was für eine Schande es für mich ist? Meine Tochter, die unbesiegbare Ti Yanca no An, die erste seit über 300 Jahren in unserer Geschichte und auserkoren für die Jungfräulichkeit..."
„Ist das dein Ernst?" fragte Asani befremdet dazwischen und wieder schlug ihr Vater zu. „Au!"
„Meine Tochter, die unbesiegbare Ti Yanca no An, die erste seit über 300 Jahren in unserer Geschichte und auserkoren für die Jungfräulichkeit", wiederholte der Herzog unbeirrt, „schmachtet in aller Öffentlichkeit einen Elben an. Einen ELBEN!! Keinen Menschen oder wenigstens einen Zwerg. Nein, es mußte ein ELB sein. Eine halbe Portion einer halben Portion! Auch noch ein Prinz!"
Als Yuk böse schnaubte, versuchte Asani diese Sprechpause für eine versöhnliche Antwort zu nutzen: „Aber er ist wirklich ein guter Krieger und er ist klug und er hat Sinn für Gerechtigkeit. Er ist keine halbe...AU!"
„Unterbrich mich nicht", knurrte Yuk, während Asani gedämpft in sein Kreuz murmelte. Sie hatte zwar diesmal vorsichtshalber die Gesäßmuskeln angespannt, aber die Schläge ihres Vaters waren so stark, daß es nicht die erhoffte Linderung brachte. „Prinzen sind keine Krieger. Prinzen sind verwöhnte Bälger. Aber dein Prinz ist besonders schlimm. Er ist ein Elb, deswegen ist er ein unsterbliches und verwöhntes Balg!"
„Oh, Vater...", stöhnte Asani. Hin und her gerissen zwischen Lachen und Verzweiflung.
„Glaubst du wirklich, daß ich dich ihm überlasse?"
„Aber ich liebe ihn", sagte sie still, woraufhin ihr Vater etwas unverständliches knurrte. Seltsamerweise hielt sie es für ein gutes Zeichen und fuhr sanft fort: „Ich möchte mit ihm zusammen sein für immer. Ich habe es ihm versprochen und er mir auch."
Asani hielt inne und wartete auf den nächsten Schlag, aber ihr Vater schlug weder zu noch erwiderte er darauf etwas. Ihr Vater stapfte schweigend weiter durch die schönen Gärten Bruchtals und immer mehr Elben flanierten wie ganz zufällig zwischen den Bäumen. Asani lächelte den Elben fröhlich und unbekümmert zu. Ja, es war eine alte ifreysche Sitte, die Tochter wie ein Sack Getreide durch die Gegend zu tragen. Kein Grund zur Sorge.
Auf einmal verließ er den gepflasterten Weg und stapfte zwischen den Bäumen weiter. Trockenes Holz knirschte unter seinen schweren Schritten, als er immer tiefer ins Unterholz ging. Asani stützte sich wieder auf den Ellbogen und sah, wie sie sich Bruchtal immer mehr entfernten.
„Vater, wohin bringst du mich?" fragte sie etwas besorgt, bekam jedoch keine Antwort von Yuk, der sich anscheinend ganz darauf konzentrierte, Ästen und Büschen auszuweichen. Es wurde immer dunkler und stiller um sie herum und der Weg, den Yuk eingeschlagen hatte, immer unebener. Asani hielt sich an ihrem Vater fest, um nicht von seiner Schulter zu fallen. Unter einigen Schmerzen schaffte sie es, ihren Kopf in den Nacken zu legen. Um sie herum waren nur Bäume, die dicht nebeneinander standen und es ihr unmöglich machten, sich zu orientieren. Ein Ifrey hatte mit Bäumen nicht viel am Hut. Aber ihr Vater schien sich dennoch gut auszukennen. Mal bog er hier, mal dort ab, wußte an welchen Stellen die Bäche und Flüsse besonders seicht oder schmal waren und auch, welches Hindernis ihn wo erwartete. Asani versuchte es noch einmal: „Vater, wohin bringst du mich?"
Wieder antwortete der Herzog nicht, sondern schien seine Schritte zu beschleunigen. Sie zwickte ihn in die Seite, um eine Antwort zu erzwingen, aber er reagierte darauf mit dem bisher stärksten Schlag auf ihre Kehrseite. Asani gab jedoch nicht auf. Sie schlug mit der Faust auf seinen Rücken. „Antworte, verdammt! Wohin bringst du mich? Was hast du mit mir vor?"
Unvermittelt legte ihr Vater sie unsanft auf den Boden ab. Asani stöhnte und versuchte nicht mehr auf ihrem Hintern zu setzen. Aber sich auf Knien und Händen konnte sie sich wegen ihrer verletzten Schulter auch nicht lange halten. Vorwurfsvoll blickte sie zu ihrem Vater hoch, der wie ein dunkler Gott mit sehr schlechter Laune über ihr ragte, und fauchte verstimmt: „Vater, was soll das?" Sie blickte um. Nur Bäume und Büsche. „Wo sind wir hier?"
„Im Wald", erwiderte er knapp.
„Das sehe ich!" schrie Asani gereizt zurück. „Und warum?"
„Das wirst du noch erfahren."
Asani starrte ihn wütend an. In ihren dunklen Augen leuchtete tatsächlich das hellblaue Feuer ihres Schwertes und sie begann diese grimmige Todeskälte auszustrahlen, für die sie gefürchtet war. Einige Hasen, die in der Nähe träge an Grashalmen genagt hatten, hoppelten schnell fort. Yuk hingegen beeindruckte das ganz und gar nicht, sondern hob herausfordernd eine Braue, bis Asani murrend wegsah. Er behielt diesen düsteren Gesichtsausdruck bei, als er sich vor ihr hinhockte. Daher überraschte es Asani, als er äußerst sanft und vorsichtig ihr Kinn umfaßte und leise fragte: „Glaubst du wirklich, daß ich dir jemals etwas antun könnte?"
Asani murmelte widerwillig etwas, das nach „Nein" klang.
Sehr zärtlich und behutsam, als wäre seine Tochter eine zerbrechliche Puppe, strich er ihr Haar aus dem Gesicht, eher er fortfuhr: „Ich habe nur noch dich, Asani. Du bist das, was mir von meiner geliebten Frau geblieben ist."
Asani fühlte nur eine Andeutung eines Kloßes im Hals, weil ihr Vater trotz der traurigen Worte diese unversöhnliche Miene zog. Statt dessen mußte sie ein Lächeln unterdrücken. Der rauhe Daumen ihres Vaters strich nachdenklich über ihre Lippen und blieb auf ihnen liegen. „Ich weiß, daß ich nicht immer bei dir sein kann und es ist dumm zu glauben, daß du ewig das schreiende Gör bleiben wirst." Wenn es möglich war, dann wurde sein Gesicht noch finsterer. „Ich war nicht glücklich, als du diesen Pakt geschlossen hast. Erst versage ich darin, meine Frau zu schützen und meine Tochter bindet sich an ein Schwert, um mir beizustehen. Ich fühlte mich nutzlos." Er preßte den Daumen fester auf ihre Lippen, als sie widersprechen wollte. „Aber ich bin sehr stolz, daß es dir gelungen ist. Du bist die erste Ti Yanca no An nach über 300 Jahren. Meine Tochter. Mein Fleisch und Blut." Yuk runzelte die Stirn und seine Augen verschwanden fast im Schatten seiner buschigen Brauen. „Aber der Gedanke daran, daß du nun für alle Zeit leben wirst, machte mir von da immer Angst, denn ich bin sterblich. Wie soll ich dir noch beistehen können? Wie soll ich dich noch beschützen? Wie sollte ich in Ruhe diese Welt verlassen können, wenn du für immer hier sein wirst? Wie soll ich das deiner Mutter erklären, wenn ich ihr wieder gegenüber stehe?"
Als Asani den Mund aufmachte, legte ihr Vater einfach seine ganze Hand über ihren Mund und bedeckte dabei fast ihre untere Gesichtshälfte. Verärgert, daß seine Tochter ständig etwas sagen wollte, fuhr er murrend und knurrend fort: „Darum verstehe, daß ich dich nur dem gebe, der sich in meinen Augen als deiner würdig erwiesen hat. Nur der, der mir beweisen kann, daß er dich mit seinem Leben und seiner Ehre schützen wird, kann vor meinen Augen Bestand haben. So lange bleibst du unter meinem Schutz." Er wartete, daß Asani Widerworte gab, aber unter seiner Hand bewegten sich ihre Lippen nicht. Zufrieden nahm er sie weg. Damit war das letzte Wort wohl gesprochen. Yuk erhob sich zu seiner imposanten Größe und wollte ohne Abschied gehen, aber seine Tochter hielt ihn zurück.
„Vater?"
Yuk drehte sich um und blickte seiner Tochter ins Gesicht. Wie er es bei ihrer Abreise erwartet hatte, war sein kleines Mädchen fort. Vor ihm saß eine junge Frau. Es lag nicht an der neuen Frisur. Es lag nicht an dem Kleid. Es war dieses ruhige Lächeln und dieses sanfte Leuchten in ihren Augen, das er nie zuvor bei ihr gesehen hatte. Daran war nur dieser blöde Elb schuld...
„Ich liebe dich, Vater", sagte sie lächelnd, aber ihr Ton war ungewöhnlich ernst, „aber ich will nicht, daß du mich vor Legolas beschützt."
Die nächsten Augenblicke vergingen schweigend zwischen Vater und Tochter. Keiner war bereit, nachzugeben. Beide wußten es. Worte waren daher unnötig. Yuk nahm Asanis Antwort lediglich mit einem Nicken zur Kenntnis und ging. Asani blieb sitzen und starrte sie auf die trockenen Blätter, die den Waldboden bedeckten. Es war gut, daß ihr Vater sich nicht verabschiedet hatte. Es war gut, daß sie ihm nicht hinterher blickte, denn irgendwas brannte in ihren Augen. Es war heiß und flüssig.
Statt dessen sah sie sich lieber um. Warum hatte er sie bloß hierher gebracht? Asani seufzte. Warum hatte sie ihren Vater das nicht gefragt?
Sie befand sich an einem recht abgeschiedenen Platz irgendwo mitten im Wald und es führte kein erkennbarer Pfad hierher. Um sie herum nur Bäume und Büsche und der Gesang der Vögel. Das einzig besondere hier, war der Baumstumpf vor ihr.
Der Baum mußte sehr alt gewesen sein, ehe man ihn gefällt hatte. Denn das, was übrig geblieben war, hatte einen erstaunlichen Durchmesser. Asani hätte sich darauf hinlegen können. Als sie sich ihm krabbelnd näherte, um ihn sich genauer anzusehen, bemerkte sie schaudernd einige lange, tiefe Furchen darin. Sie lagen parallel zueinander und waren alt, denn ihre Ränder waren bereits abgerundet. Asani glaubte, daß sie von einem Schwert oder einer Axt kamen.
Schnell rutschte sie davon weg. Ein unangenehmes Gefühl in der Magengrube wies sie darauf hin, daß sie nicht zufällig hier war, und sie war sich sogar sicher, daß der Baumstumpf eine ganz bestimmte Rolle dabei spielte. Ihr Vater hatte schließlich den Weg hierher gekannt und sie konnte sich nicht vorstellen, daß er sie einfach in der Wildnis aussetzen wollte. Was für einen Sinn sollte das haben? Nein, sie sollte auf jemanden warten. Aber auf wen? Legolas? Wohl eher nicht. Einen anderen Elben? Wozu? Einen Ifrey? Asani runzelte die Stirn. Das machte noch weniger Sinn.
Asanis einziger Anhaltspunkt war dieser Baumstumpf. Zumindest glaubte sie es. Einer Eingebung folgend kniete sie sich daneben hin, legte den Kopf ohne Mühe auf den Baumstumpf und erhob sich wieder. Eine Weile sah sie sich die langen Rillen an und maß ohne viel darüber nachzudenken, deren Abstand zum Rand aus. Eine böse Vorahnung brodelte in ihr, aber trotzdem legte sie einen Finger auf eins der Furchen und ihren Kopf erneut auf den Baumstumpf. Dann folgte sie mit dem Finger den Verlauf der tiefen Rille und stieß nach kurzer Zeit gegen ihre Kehle. Asani wurde es zuerst eiskalt und dann wich ihr das Blut aus dem Kopf. Taumelnd schoß sie wieder in die Höhe. Sie starrte mit weit aufgerissenen Augen auf die langen Linien und bemerkte erst jetzt einige dunkle Verfärbungen im Holz. Ob es Blut gewesen war?
Obwohl es keinen Sinn machte, überschlugen sich ihre Gedanken. Sollte sie auf einen Henker warten? Warum? Was hatte sie getan, daß ihr Vater sich genötigt sah, sie hierher zu bringen? Asanis Herz raste und sie redete sich still ein, daß ihr Vater zwar ein strenger Mann war, aber sie doch über alles liebte. Dennoch überlegte sie für eine wahnwitzige Sekunde, ob sie sich nicht Legolas schnappen und mit ihm weglaufen sollte.
Asani wollte sich die Haare raufen, aber wegen ihrer Schulter konnte sie es leider nicht und ärgerte sich deswegen. Aber es brachte sie dazu, an etwas anderes zu denken als an eine mögliche Enthauptung. Sie begann sich wieder zu beruhigen und überlegte. Sie hatte sich nichts zu schulden kommen lassen und niemanden aus dem Clan getötet. Es gab einfach keinen Grund, sie zu enthaupten. Wenn doch, würde Maja sie erst einmal anhören wollen. Maja war gerecht...Asani lächelte schief und schalt sich dumm. Das mußte es wohl sein. Sie war hier, weil sie auf Maja warten sollte. Weswegen es auch war, aber ganz bestimmt nicht, damit sie enthauptet wurde.
Sie biß die Zähne zusammen und erhob sich schwerfällig. Was immer sie nun erwartete, man mußte sie nicht gleich kniend und wimmernd vorfinden. Die rechte Schulter pochte unangenehm und der Schmerz zog sich bis in die Fingerspitzen hin. Stöhnend rieb sie sich den Oberarm. Obendrein wurde es langsam kühl. Asani sah hoch zum Himmel und einige gleißende Sonnenstrahlen blitzten neckisch zwischen den vielen Blättern und blendeten sie. Seltsam, es war nicht eine Wolke zu sehen und dennoch wehte ein kühler Wind, der ganz langsam eisig wurde. Als sie ausatmete, bildeten sich Wölkchen vor ihrem Mund. Trockenes Laub wurde aufgewirbelt und die Vögel flogen irritiert aus den Bäumen. Selbst die Insekten flohen aus allen Löchern, Nischen und Spalten. Asani fühlte sich auf einmal entsetzlich verlassen und allein. Obendrein war es entsetzlich kalt. Sie rieb sich auch weiterhin die Oberarme. Das Kleid, das sie trug, war einfach zu dünn.
„Davon wird es nicht besser, Asani", flüsterte jedoch eine amüsierte Stimme im Wind. Binnen Sekunden wirbelte der Wind trockene Blätter und Zweige heftig auf, so daß Asani die Augen schließen und ihr Gesicht bedecken mußte. So plötzlich wie der Wind angefangen hatte, hörte es aber auch wieder auf. Sämtliche Zweige, Blätter und kleine Steine, die sich noch in der Luft befanden, schienen dabei auf Asanis Kopf zu landen.
Etwas schwindelig vor Schmerz sah sie auf. Maja stand auf einmal vor ihr. Sie trug ein weites, rotes Kleid mit schweren Stickereien, die windende Körper, gequälte Seelen und blanke Knochen darstellten. In ihr weißes Haar waren schwarze Bänder geflochten und die blinden Augen waren schwarz umrandet. Asani hielt den Atem an. Das letzte Mal, als Maja in diesem Aufzug erschienen war, hatte sie einen der Ifrey Krieger wegen Verrat hingerichtet. Er wurde dabei zuerst die Ohren abgeschnitten und dann enthauptet. Asanis Augen wanderten unwillkürlich zu den langen Linien im Baumstumpf und mußte schlucken. Asani wiederholte im Gedanken stur, daß sie keinen Verrat begangen oder irgend jemand aus dem Clan getötet hatte. Aber warum erschien Maja in seinem furchterregenden Aufzug vor ihr?
Mit einem mulmigen Gefühl im Magen beobachtete Asani, wie die alte Frau es sich auf dem Baumstumpf gemütlich machte. Sie gluckste leise, als sie die Falten ihres Kleides sortierte. „Dein Vater ist wirklich ein aufmerksamer Mann, Asani. Schau nur, er hat sogar an meine alten Knochen gedacht und einen so schönen Baumstumpf für mich gefunden."
Der harte Knoten der Ungemach löste sich allmählich in Asani. Der Baumstumpf war nur zum Sitzen gedacht?!? Asanis Augen schlossen sich langsam und sie mußte sich auf die Lippen beißen, um nicht vor Schmerzen aufzustöhnen, die ihr ihre Dummheit gerade bereitete.
„Asani, du bist ja so schweigsam", bemerkte die alte Frau in einem Plauderton. „Hat der Ork dir etwa auch die Zunge herausgeschnitten?"
„Nein, Maja", krächzte Asani und räusperte sich mehrmals. Genau wie ihr Verstand hatten die Stimmbänder sich bei Majas Erscheinen verabschiedet. „Ich bin noch ganz."
Maja nickte. „Aber dein Schwert ist es nicht. Zeig es mir."
Schweigend zog Asani ihr Schwert und hielt es der alten Frau gehorsam hin. Sie führte ihre tastenden Hände und legte sie auf die Klinge. Maja strich vorsichtig über das kalte Metall und ihre runzeligen Finger stießen bald auf die tiefe Furche.
„Ah...Elbenwerk bleibt Elbenwerk", murmelte die alte Ifrey und umschloß die Stelle mit beiden Händen. Asani spürte ein leichtes Brennen an ihrer rechten Schulter und ihr Blick wanderte von Majas Gesicht zu ihren Händen. Als die Alte schließlich losließ, war die Furche im Metall fort. Asani starrte ungläubig darauf und rieb und drückte mit dem Finger über die Stelle. Ihr fiel ebenfalls auf, daß ihre Schulter nicht mehr schmerzte.
Asani nahm lächelnd die Schlinge ab und bewegte ihren Arm. Kein dumpfer Schmerz oder lästiges Ziehen mehr. Sie wandte sich an Maja, um sich bei ihr zu bedanken, als die alte Frau sie plötzlich am Ohr packte und sie daran zu sich zog. Asani wollte sich zuerst wegreißen, aber das war Maja. Das Oberhaupt der Ifreys! Man wehrte sich nicht gegen das Oberhaupt. Also sog sie zischend die Luft zwischen die Zähne ein und beugte sich zu der alten Frau hinunter.
„Ich hörte, du hast große Schande über unseren Clan gebracht, Asani", sagte Maja leise. „Stimmt das?"
„Niemals!" rief Asani empört.
Maja zog noch mehr an ihrem Ohr. „Du sollst mit diesem Elben geschlafen haben. Deinem Waffenbruder."
Asani verbiß sich den Schmerzensschrei, als Maja ihr Ohrläppchen etwas verdrehte, und erwiderte: „Ich wurde nach den alten Sitten erlegt...Maja, das tut weh!"
Maja seufzte und zog weiter an Asanis Ohr. „Asani, Asani...du bist so wehleidig geworden. Dein Umgang mit Elben hat dich weich gemacht."
Asani biß sich auf die Unterlippe, aber die Gesichtszüge entglitten ihr dennoch. Es tat weh...
„Du hast also mit dem Elb geschlafen, nicht wahr?"
„Er hat mich besiegt."
„Gibt es Zeugen?"
„Ich hoffe nicht...", murmelte Asani verlegen und erbleichte bei der Vorstellung, daß Oberon ihnen zugesehen haben könnte. So abwegig war es nicht. Ihr Vorfahre hatte sehr seltsame Vorlieben, die sie beim besten Wille nicht alle kannte und auch nicht kennen wollte. Außerdem waren sie auf seiner Wiese gewesen. Seinem Heiligtum...
Maja drückte wieder zu. „Was hast du gesagt?"
Asani litt schweigsam und spürte, wie sie tiefrot im Gesicht wurde. „Nein, Maja, es gab keine Zeugen...Maja, bitte, mein Ohr..."
„Willst du für deine Fehler büßen und es dir selbst abschneiden?"
„NEIN!"
Maja seufzte und zog Asanis Ohr noch etwas tiefer. Die junge Kriegerin mußt sich hinknien und ihren Kopf von Maja abwenden und sah daher nicht, wie das Ifrey Oberhaupt vergnügt schmunzelte. Aber Maja sagte sehr streng: „Du bist zu weich geworden und du hast Schande über deinen Clan gebracht. Du nennst dich erlegt und keiner hat es gesehen."
„Maja, das war nie meine Absicht..."
Maja lächelte milde. Sie glaubte Asani. Dennoch seufzte sie schwer und fuhr fort: „Du weißt, ich kann es dulden. Wenn du damit anfängst, werden es dir alle gleich tun wollen. Du bist schließlich die erste Ti Yanca no An seit 300 Jahren. Ich muß dich bestrafen."
„Können wir nicht einmal eine Ausnahme machen? Ich meine..." Asanis Atem stockte, als Maja noch mehr an ihrem Ohr zerrte. „Ich habe nichts gesagt!"
Statt einer Predigt seufzte Maja laut und tief. „Unser Clan hat für den Rest Mittelerdes seltsame Gebräuche und wir verstehen das natürlich, daß man uns dafür verabscheut. Daher sind wir bereit, hier und da Zugeständnisse zu machen, wenn Fremde in unsere Angelegenheiten verwickelt sind. Wie dein Elb."
„Ich hätte schon gerne so eine Zeremonie wie in Lothlorien", sprudelte Asani eifrig hervor. „Es war doch so schön, nicht wahr? So friedlich und harmonisch. Und so ohne Schmerzen."
Maja antwortete nicht sofort, sondern stellte ihren Fuß in Asanis Nacken. Sie ertrug es stillschweigend. „Jedoch besteht dein Vater auf das ifreysche Ritual. Als hochgeachtetes Mitglied des Ältestenrates kann ich seinen Wunsch nicht übergehen."
„Mein Vater besteht darauf?"
„Warum, denkst du, hat er dich hierher entführt?"
„Aber warum?"
„Es gab keine Zeugen und du bist nicht schwanger. Dann wurdest du auch noch entführt", erklärte Maja. „Von nur einem Ork. Die Hobbits und Ritter Gondors erzählen von Blut auf dem Boden und an den Wänden. Das Zimmer soll gestunken haben wie eine Schlachterei. Dein Elbenprinz gibt zu, während all dem geschlafen zu haben."
„Aber doch nur wegen Oberons Gewürz...ahhhh..." Asanis Gesicht berührte bald den Grasboden, als Maja sie am Ohr weiter nach unten drückte.
„Unterbrich mich nicht", ordnete das Oberhaupt an. „Wenn dein Elb dich jemals erlegt haben sollte, dann hat er schmählich seine Pflichten vernachlässigt. Er hat dich und das Kind in Stich gelassen."
Asani hörte schlagartig auf, sich zu winden, sondern war zu Eis erstarrt. „Welches Kind?"
Maja ließ ihr Ohr los und nahm den Fuß von ihrem Nacken. Sie wartete, bis Asani sich aufgerichtet hatte. Sie streckte die dünne Hand nach ihr aus und ihre Fingerspitzen landeten auf Asanis Wangen. „Hat man es dir nicht erzählt? Es ist möglich, daß ein neues Leben in dir aufgekeimt war."
„Ich verstehe nicht..."
„Dein Elb hatte doch von Oberons Gewürz gekostet, nicht wahr?"
„Ja..."
„Elben werden dabei sehr, sehr fruchtbar und die Frauen deiner Familie waren von jeher mit Kindern gesegnet."
„Das heißt..."
Maja nickte langsam. „Wir glauben, daß ein neues Leben in dir wuchs, aber das Gift hat es wieder getötet."
Asani sank auf ihre Fersen und sah Maja ungläubig an. Ohne es zu bemerken, lagen ihre Hände auf ihrem Bauch. Ein Kind? „Aber...aber, was ist, wenn ich nie schwanger gewesen war? Wenn Oberons Gewürz nicht gewirkt hat."
„Dann, Asani, hast du wirklich große Schande über uns gebracht", sagte die Alte ernst, „du bist eine Kriegerin der Ifreys und als solche mußt du dich in Disziplin und Beherrschung üben. Solche Ausschweifungen dulden wir nicht."
„Aber Legolas hat mich besiegt!" rief Asani schnell.
„Gab es Zeugen?"
Asani seufzte lang und tief. Jetzt waren sie wieder dort, wo sie angefangen hatten, aber sie antwortete trotzdem: „Nein, es gab keine Zeugen."
„Nun, dann kann ich dir nicht helfen", erwiderte Maja bedauernd. „Dein Vater hat das Ritual bereits angefangen."
„Er Legolas schon die Absage erteilt?" Asani stöhnte abgrundtief und schloß ergeben die Augen. „Legolas wird das alles nicht verstehen."
Maja tastete lächelnd nach Asanis Hand und tätschelte diese sanft. „Hoffen wir einfach, daß dein Elb rechtzeitig kommt."
„Aber er weißt doch von nichts!" wiederholte Asani. „Es ist, als würde ich mir meine Hand selbst abschlagen."
„Er ist ein Elb", erwiderte Maja einfach. „Er wird es schon verstehen."
„Ich will meine Hand behalten", jammerte sie ohne auf Maja zu achten weiter. „Ich habe sie schließlich schon ein Leben lang!"
Maja lachte rauh und laut auf. „Du traust ihm nicht viel zu, nicht wahr?"
„Das stimmt nicht!" rief Asani empört und zögerte kurz. „Ich meine ja...ach, ich weiß nicht. Er ist ein blöder Elb!"
Maja strich sanft über Asanis Hand und drückte die Finger. „Dein Elb ist nicht dumm. Hab Vertrauen." Der lange knochige Zeigefinger zeichnete eine dünne Linie über Asanis Handgelenk. „Das wird nicht passieren, wenn dein Elb dich liebt. Er wird dich finden, gleichgültig wo du dich aufhältst."
„Aber wenn er sich hier verläuft!"
Maja lachte herzhaft. „Mir ist noch nie ein Elb begegnet, der sich in einem Wald verlaufen hat."
„Und wenn es doch geschieht? Ich will meine Hand behalten", murrte Asani verdrossen.
„Asani." Maja packte das Mädchen wieder grob am Ohr und zog sie mit einem Ruck nach unten. Etwas umständlicher als vorhin stellte sie wieder ihren Fuß auf ihren Nacken. „Hast du mir gerade nicht zugehört?"
„Doch...au, au, au, Maja, das tut weh!"
„Du sollst mich nicht anlügen."
„Das tue ich nicht! Es tut wirklich weh!"
„Wehleidig wie ein Elb...", seufzte die alte Frau und streckte die andere Hand bereits nach ihrem Stab aus. Aber sie hielt inne und lauschte. Asani bemerkte die Veränderung und machte einige anstrengende Verrenkungen, um nachzusehen, welchen Grund es hatte.
Allerdings hörte sie ihn mehr als daß sie ihn sah. Ein leises Rascheln der Blätter kündigte den Pfeil an, der genau auf Maja zuschoß. Asani biß die Zähne zusammen, entriß Maja ihr Ohr, um sie aus der Schußlinie zu stoßen, aber Maja war stärker. Sie packte Asani an den Haaren und riß sie herunter, während sie elegant dem Pfeil in allerletzter Sekunde auswich. Wieder versuchte Asani sich zu befreien. Wenn das ein Angriff war, war es ihre oberste Pflicht, für die Sicherheit ihres Oberhauptes zu sorgen. Abermals hinderte Maja sie daran, in dem sie sie nun an den Haaren zu sich zog und zwang sie in ihre blinden Augen zu sehen.
Hinter Asanis Augen explodierte ein heißer roter Pulsschlag, der sie vor Schreck aufschreien ließ. Unsichtbare Hände lähmten sie und fesselten ihre Arme und Beine fest an ihrem Körper, ehe sie sich wehren konnte. Als Maja sie schließlich losließ, fiel sie gegen den harten Baumstamm und landete dann hilflos auf den Boden. Dabei bohrten sich die dicken Wurzeln schmerzhaft in ihre Magengrube und drückten einige Rippen ein. Ganz zu schweigen von den spitzen Steinen, die sie in ihren Rücken und Seiten stachen, als sie hilflos und atemlos auf den Boden rollte.
Asani war bei weitem nicht so wehleidig, wie Maja behauptet hatte, aber die Schmerzen ließen die Tränen in ihre Augen schießen. Als sie den Mund aufmachen wollte, konnte sie es nicht, denn ihre Lippen fühlten sich wie zusammengenäht an. Sie atmete stoßweise und wurde beinah ohnmächtig, als ein Gewicht ihr die Luft aus den Lungen preßte. Sie sah Maja mit einer Mischung aus Zorn, Angst und Verwunderung an, während ihre Luftröhre sich wie von selbst zuschnürte. Verzweifelt sog sie die Luft durch ihre Nase ein. Während sie wild um sich sah, fand eine klare, sanfte und dennoch bestimmende Männerstimme Eingang in ihre momentane Welt aus Schmerz und Verwirrung.
„Laßt sie frei", forderte sie. Es war ohne Zweifel Legolas' Stimme! Asani wollte sich zu ihm herumrollen, aber sie war so schwach und betäubt, daß sie dann doch lieber liegen blieb. Daher sah sie nicht, wie hinter Legolas 20 weitere Elben aus Düsterwald hervortraten. Alle zielten mit Pfeil und Bogen auf Majas Kopf oder Herz.
Zu Asani gewandt flüsterte Maja anerkennend: „Sieh, er hat uns gefunden. Elben verirren sich nicht in Wäldern." Ihre Worte an Legolas entbehrten jedoch jedem Humor und Herzlichkeit. Kalt sagte sie: „Das kann ich nicht. Diese Kriegerin hat unseren Clan entehrt und sie muß dafür bestraft werden."
„Ihr wißt, daß Ihr Euch in Elronds Reich befindet", hörte Asani Legolas nun sagen. Dann folgte das leise Rascheln von Blättern. Der Elb hatte wohl einige Schritte getan, denn seine Stimme klang näher, als er fortfuhr: „Und hier gelten seine Gesetze. In Bruchtal sind solche Strafen nicht gestattet."
„Ifreys folgen nur ihren eigenen Gesetzen", erwiderte Maja daraufhin ruhig. „Wir führen unsere Strafen aus, wo immer es uns gefällt. Schließlich werden die Verbrechen begangen, wo es den Verbrechern gefällt. – Was wollt Ihr überhaupt?"
„Vor wenigen Augenblicken wurde mir das überbracht", preßte Legolas nach einer Weile hervor und zog den schwer verzierten Dolch aus seinem Gürtel, den Yuk mo Ifrey ihn gesendet hatte. „Ich werde das nicht akzeptieren." Er warf den Dolch mit soviel Kraft, daß es sich trotz stumpfer Klinge in den Baumstumpf bohrte. Das Holz splitterte und bekam tiefe Risse bei diesem gewalttätigen Eindringen. „Die Hand, die ihr fordert, gehört bereits mir." Nur um ganz sicher zu gehen, fügte er hinzu: „Die Ohren auch."
Die umstehenden Elben regten sich zwar nicht, aber einige bemühten sich verbissen, nicht aufzulachen oder zu kichern. Einige runzelten heftig die Stirn und schluckten einige Male. Aber alle konzentrierten sich auf Maja. Sie hingegen blieb unbewegt und ihre Stimme war auch weiterhin so eisig wie ihre Heimat: „Sie hat sich Euch wie eine Hure hingegeben. Sie hat ihren Clan entehrt."
„Nein, das stimmt nicht. Asani hat sich gewehrt."
„Dann, mein Prinz, sagt mir, wer der Zeuge ist."
„Welcher Zeuge?" wiederholte der Elb verwundert.
„Wenn ein Ifrey Mädchen erlegt werden soll, muß ein Zeuge anwesend sein und zwar von der Aufforderung zum Kampf bis zu seinen Worten, daß es sich dem Mann ergibt, ehe sein Vater und ich die Bemühungen des Mannes anerkennen", erklärte Maja bereitwillig.
„Ihr habt mein Wort, daß alles Euren Sitten entsprach!"
„Eure Worte zählen hierbei nicht", schmunzelte die alte Frau. „Auch Asanis Worte haben kein Gewicht. Nur die des Dritten."
„Frau Maja", begann Legolas ruhig, „was Ihr da fordert, ist unmöglich. Außer Asani war niemand anwesend." Nach einer Weile fügte er bitter hinzu: „Dafür habe ich Sorge getragen."
„Dann sorgt für einen Zeugen", flüsterte Maja mit einem verschmitzten Lächeln. Legolas' erste Reaktion war, seine letzten Worte gereizt zu wiederholen, als er im Augenwinkel bei Asani eine Bewegung bemerkte. Sie hatte sich mühsam herumgedreht und betrachtete Maja mit tief gerunzelter Stirn. Also sie fand Majas Vorschlag auch seltsam.
Der Elb blickte die alte Frau wieder an, die mittlerweile erwartungsvoll ihre Brauen gehoben hatte. Was wollte sie von ihm? Er verstand zwar nicht, aber er hob die Hand, damit die Elben um ihn ihre Bögen fallen ließen, denn er sah sehr wohl den Weg zur Verhandlung mit dem Ifrey Oberhaupt. „Wie soll ich noch für einen Zeugen sorgen, wenn alles bereits geschehen ist?" Auf Majas breites Lächeln hin, keimte etwas wie Hoffnung auf. Mit einer Andeutung eines Lächelns auf seinen Lippen fragte er leise: „Besteht denn die Möglichkeit...das Geschehene zu wiederholen?"
Maja räusperte sich. „Nun, unsere Gesetze sind sehr hart zu uns, aber sie haben Verständnis für Fremde und ihr Unwissen. Es besteht immer die Möglichkeit der Wiedergutmachung durch eine korrigierende Wiederholung." Der Elb war sich nicht sicher, aber ihr Lächeln schien etwas anzüglich zu sein, als sie leise fortfuhr: „Natürlich nicht von allem, was ihr getan habt."
Legolas kniete sich vor der alten Frau hin, um mit ihr auf gleicher Augenhöhe zu sein, und fragte sofort: „Was muß ich tun, damit unsere Verbindung von Euch anerkannt wird?"
Maja lächelte gütig: „Man fordert das Mädchen zuerst vor den Augen seines Vormundes zum Kampf auf."
„Gut", erwiderte Legolas entschlossen. „Sagt mir bitte, wo Asanis Vater ist."
„Verschwendet Eure Zeit nicht damit, diesen Sturkopf zu suchen", seufzte Maja müde, „ich werde ihn vertreten."
Legolas sah die alte Frau still an und biß sich angenehm berührt auf die Unterlippe. Als sie aber fragend die Brauen hob, sagte er leise: „Bei allem Respekt, Frau Maja, wie soll ich Asani vor Euren blinden Augen herausfordern?"
Maja blinzelte erstaunt und brach dann in helles Gelächter aus. Als sie sich beruhigt hatte, meinte sie: „Wahrlich, ich werde alt! Ich vergaß, Euch etwas über mich zu sagen."
Der Himmel über sie verdunkelte sich, als ein ganzes Schwarm von Geistern sich zeigte. Nur wenige hatten die Form von Menschen, denn die meisten ähnelten mehr Ungeheuern oder Tieren, und alle sahen sie Legolas an. Drei von ihnen hielten Asani am Boden gedrückt. Deswegen konnte sie sich weder bewegen noch sprechen. Maja lächelte geheimnisvoll und vielleicht etwas wehmütig. „Ich kann zwar nicht sehen, aber mich begleiten Geister unserer großen Helden. Ihre Augen ersetzen schon seit Jahren meine."
Die Elben schraken zurück und manch einer war einer Flucht nicht abgeneigt. Aber Legolas tat einen tiefen Atemzug, kam einen Schritt vor und griff nach Pfeil und Bogen. „Gut, dann seht her!"
Er ignorierte Asanis weit aufgerissene Augen, als er einen Punkt direkt vor ihr anvisierte. Der Pfeil bohrte sich dicht vor ihren Magen tief in die Erde. „Ich fordere Euch zum Kampf, Asani mo Ifrey."
„So, ist es richtig", lächelte Maja zufrieden. Zwei durchsichtige Gestalten hatten sich aus dem Geisterschwarm gelöst und flüsterten aufgeregt in Majas Ohren. Die alte Frau erhob sich und tastete mit Hilfe ihrer Geister nach dem Pfeil. Mit einem Ruck zog sie ihn heraus und hielt ihn hoch, als sie feierlich verkündete: „Höre, Legolas Grünblatt. Ich, Maja mo Ifrey, Oberhaupt des Clans, erkenne Eure Bemühungen um Asani mo Ifrey an. Ich gebe meinen Segen für diesen Kampf."
Einer der Geister schwebte aus der Menge hervor und nahm den Pfeil aus Majas Hand. Er blickte Legolas hochzufrieden an und so plötzlich wie sie gekommen waren, verschwanden die Geister wieder.
„Ihr werdet gegen Asani in 10 Tagen antreten", sagte Maja ganz nebenbei zu Legolas, während sie ihr Gewand mit den knochigen Händen glattstrich. „Bereitet Euch darauf vor."
„Warum erst in 10 Tagen?" wollte der Elb wissen.
„Für die Vorbereitungen", erwiderte Maja geheimnisvoll und schlenderte an Asani vorbei. Für einen Moment verdeckten sie und ihr weites Kleid Asanis Körper und als sie weiterging, lag Asani nicht mehr dort, wo sie gewesen war. Legolas schnappte erschrocken nach Luft. Asani war einfach verschwunden.
„Macht Euch keine Sorgen um sie", lachte Maja leise, „sie ist in guten Händen."
„Wo ist sie?" verlangte Legolas zu wissen.
„In guten Händen", wiederholte Maja geduldig. „Vergeßt nicht, in 10 Tagen tretet Ihr gegen Asani an. Bereitet Euch gut darauf vor." Dann vollführte sie mit Hand eine gebieterische Geste und der nächste Atemzug, den die Elben taten, hinterließ kleine weiße Wölkchen vor ihren Mündern. Bevor sie begriffen, was nun geschah, wirbelte ein Wind so kalt wie der tiefste Winter Mittelerdes um sie und zerrte an ihren Kleidern und Haaren.
Währenddessen spazierte Maja mo Ifrey kichernd durch den Wald Bruchtals. Wenn die Elben wieder einigermaßen sehen konnten, würde sie schon weit weg sein. Trotz ihrer Blindheit konnte sich Maja mo Ifrey überall zurecht finden. Denn die Geister der Ifreys geleiteten sie immer sicher durch jeden noch so gefährlichen Ort. Sie hatte für diese Dienste vor langer Zeit schließlich ihr Augenlicht hergegeben.
Aber manches entging auch den wachsamen Geistern. Daher erschreckte sich die alte Frau, als auf einmal jemand in ihrer unmittelbaren Nähe klatschte. Einer der Geister flüsterte ihr zu, daß es Goleyn war. Er klang gereizt, denn Goleyn wußte, wie man sich vor Geistern versteckte. Aber deswegen hatte Maja ihn zu ihrem Stellvertreter gemacht.
„Beeindruckend, dieser Elb. Findest du nicht auch, Goleyn?" fragte sie seufzend und lächelte beinah verträumt in eine beliebige Richtung.
Ihr Stellvertreter trat leise wie eine Katze zwischen den Büschen hervor und schlenderte zu Maja hinüber. „Ihr wart nicht minder beeindruckend. Ihr habt ihn ziemlich wütend gemacht."
Maja lachte verlegen und ließ Goleyn ihre Hand nehmen, damit er sie nun aus dem Wald führen konnte. „Asani hat sich einen beeindruckenden Elben ausgesucht. Er war mit 20 Elben gekommen und alle haben sie mit Pfeil und Bogen auf mich gezielt." Maja seufzte so verträumt wie ein junges Mädchen, daß Goleyn lachen mußte. „War das nicht der romantischste Antrag, den du je erlebt hast?"
„In der Tat, sehr romantisch", pflichtete Goleyn ihr eher trocken bei. Nach einer Weile fragte er vorsichtig: „Aber wäre es diplomatischer gewesen, wenn wir uns an die hiesigen Gewohnheiten angepaßt hätten? Dieses Treueversprechen der Gondorianer hat auch etwas für sich."
„Das kann nicht dein Ernst sein!" lachte Maja laut auf. „Wann hatten wir je eine Ti Yanca no An, die sich an einen Elben gebunden hat? So etwas kann man doch nicht mit hochtrabenden Gesten und süßen Worten besiegeln! Da müssen Blut und Schweiß fließen! Schreie der Pein müssen bis zum Himmel dringen und die Erde erbeben lassen! Unsere Götter müssen erfahren, daß ein wichtiger Bund geschlossen wird!" Maja hatte jedes Wort enthusiastisch mit ihrer herumfuchtelnden Faust betont. Danach wurde sie etwas ruhiger und fügte weise hinzu: „Dann steht einer guten Ehe nichts mehr im Weg."
Ende des 37. Kapitel
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Wie ihr seht, ist das nicht das letzte Kapitel. Das Finale kommt etwas später und bevor ihr aufstöhnt und euch wieder mal auf eine längere Wartezeit einrichtet, es ist schon geschrieben. Ja, die Geschichte liegt bei mir schon komplett vor. Ich war schließlich nicht ganz untätig. Aber warum veröffentliche ich nicht gleich alles? Nun jaaaaa, das ist so...wie bereits angedroht, wird das letzte Kapitel demjenigen gewidmet, der/die mein Rätsel lösen kann. Es sind ein paar Monate vergangen und ich habe einige richtige Antworten bekommen. Das Problem ist, ich weiß nicht mehr, von wem sie sind. Meine Mail Addy sleepy_tiger@oblonline.de ist mal zwischendrin über den Jordan gegangen. So richtig weg und tot. Mitsamt der Emails der Leute, die noch vielleicht auf eine Antwort von mir warten und der Gewinner meines kleines Rätsels. Und ich habe natürlich NICHT die Namen aufgeschrieben. Daher möchte ich alle außer Seoko bitten, die korrekt geraten haben, mir erneut zu schreiben *janz dolle schäm*
