Titel: Den Jäger erlegen
Autorin: Sleepy Tiger
Email: lapoetica@web.de
Entwarnung: Ihr seid mich los
Disclaimer: The Lord of the Rings © by J.R.R. Tolkien
~ Epilog~
Der dicke Schnee gab unter seinen Schritten nicht nach und der starke Nordwind der Eiswüste konnte ihm auch nichts anhaben. Aber dennoch empfand Legolas Grünblatt tiefe Ehrfurcht vor diesem Ort. Soweit er blicken konnte, umgab ihn nichts außer einer weiten, schneebedeckten Ebene und der weiße, unendliche Himmel, und beide waren schon lange vor dem Horizont miteinander verschmolzen. Nirgends war ein Baum oder ein Strauch geschweige ein Fels zu sehen. Aber dennoch konnte er das Leben hier spüren. Sie drückte sich eben nicht in Pflanzen und Lebewesen aus, sondern in der Kraft des rohen Windes und der unendlichen Freiheit, die sich hier seinem ungezügelten Flug bot.
Um hier bestehen zu können, verlangte es von einem sehr viel Geduld und vielleicht noch mehr Kraft. Was für Krieger mußte diese Umgebung hervorgebracht haben! Die Ifreys waren hier obendrein Tausende Jahre Zuhause gewesen. Legolas konnte es wirklich kaum noch erwarten, den Clan in seiner Heimat kennenzulernen...wenn Asani bloß endlich aus dem Loch heraus klettern würde.
Sie hatte vor einigen Minuten einen falschen Schritt gesetzt und war in eine der Fallen geraten, die die Ifreys für unwillkommene Gäste gegraben oder gesprengt hatten. In dem Jahr, als die Armeen Sarumans in den Norden gekommen waren, hatten die Ifreys die Eiswüste mit Fallen nur so gespickt. Leider hatten viele Fallensteller ihr Leben bei der Erfüllung ihrer Aufgaben gelassen und nun wußten nur noch sehr wenige Ifreys, wo alle Fallen waren. Legolas erfuhr, daß Asani nicht zu dem erlauchten Kreis gehörte. Es war nun das dritte Mal an diesem Tag, daß sie in so eine Falle gestürzt war.
Es war diesmal kein sehr tiefes Loch und unten hatte sich im Lauf der Zeit genug Schnee angesammelt, daß sie eine sanfte Landung hatte. Aber die Wände waren nach Asanis mürrischer Aussage ziemlich steil und glatt. Bisher hatte sie seine Hilfe nicht gebraucht, um herauszukommen, denn sie war wie jeder Ifrey für solche Fälle ausgerüstet. Diesmal schien sie allerdings Schwierigkeiten zu haben.
Legolas kniete sich vor das Loch und sah hinein. „Asani?" Besorgt beugte er sich noch weiter vor, als keine Antwort kam und rief erneut: „Asani? Wirst du es wirklich alleine schaffen?"
Als er wieder nichts von ihr hörte, griff er mit beiden Händen in den Schnee und formte eine feste Kugel. Dann ließ er sie in das Loch fallen. Kurz darauf hörte er ein erschrecktes Keuchen und dann einen Aufschrei, als Asani abrutschte und wieder auf den Boden der Falle fiel.
„WAS SOLL DAS?" schallte es kurz darauf ziemlich zornig zu ihm hinauf.
Legolas kicherte in sich hinein und holte tief Luft, damit man das Lachen in seiner Stimme nicht hören konnte. „Soll ich dich nicht doch besser herausziehen?"
„Ich komme schon allein hier heraus!"
„Gut, ich werde warten."
„Wirf ja nicht wieder Schnee herunter, du blöder Elb!"
Legolas mußte laut lachen. Diesen Namen hatte er seit fast einem Jahr nicht mehr von ihr gehört. Das letzte Mal war drei Stunden nach dem anstrengenden Duell in Bruchtal gewesen, als sie von dem Lärm der Feiernden geweckt wurde. Er hatte sich damals zu ihr ins Bett gelegt und sie vorsorglich festgehalten, was von ihr als zärtliche Geste mißverstanden wurde, denn sie hatte sich küssend an ihm gedrängt, als er ihr gestanden hatte, daß er bezüglich der Quellen in Bruchtal gelogen, aber gleichzeitig versichert hatte, daß er jedoch welche kannte, die tatsächlich heiß und sprudelnd waren, und sie ihr wie versprochen auch zeigen würde.
Entgegen seiner Erwartungen hatte sich Asani nicht wutentbrannt losgerissen, sondern hatte still dagelegen und ihn erstaunlich ruhig angesehen. Er hatte sich jedoch nicht von der Hoffnung täuschen lassen, daß Asani womöglich von seinen Worten besänftigt worden war, sondern hatte sie nur noch fester an sich gedrückt. Asanis Augen waren ganz schmal geworden und ihr Lächeln war alles andere als verzeihend oder liebreizend gewesen. Legolas war wirklich nicht ganz wohl bei ihrem Anblick gewesen und wäre beinahe aus dem Bett gefallen, als sie ihn ganz plötzlich in sein Ohr gebissen hatte. Samtig schnurrend hatte sie ihm dann versprochen: „Das wirst du mir sehr, sehr, sehr schwer büßen, du blöder Elb."
Es war kein neckisches oder gar erotisch anzügliches Versprechen gewesen, wie Legolas in den folgenden Monaten feststellen durfte. Asani hatte sein Angebot, 500 Tage ihr Sklave zu sein, sehr ernst genommen. Legolas hatte eingesehen, daß es wirklich unverzeihlich und sehr beschämend von ihm gewesen war, sie anzulügen, und er war bereit gewesen, dafür die Konsequenzen zu tragen. Allerdings war es nicht wirklich schön gewesen, Asanis Sklave zu sein und dachte er auch nur sehr ungern an die Zeit in Bruchtal zurück. Er hatte das Gefühl, daß sich seine Würde nie wieder erholen würde und er plante schon für die nächste 300 Jahre, Bruchtal oder Lothlorien nicht mehr zu besuchen.
Während er seine Schuld schweigend und sehr ehrenhaft abtrug, zankte sich sein Vater ständig mit Oberon, dem es ganz offensichtlich mehr Spaß machte, als es sollte. Asani bemerkte einmal, daß sie den elbischen Bordellvater noch nie so gutgelaunt erlebt hätte. Sein Vater hingegen wurde von Tag zu Tag übelgelaunter.
Umso überraschender war es daher, als Thranduil Oberons Verbannung auf einmal aufhob und ihm sogar seinen Titel und die Stelle als Berater zurückgegeben hatte. Als Lord Elrond nach den ersten erstaunten Schweigeminuten seine Stimme wieder gefunden hatte, hatte er Oberon gefragt, ob er dem König etwas in das Essen gemischt hatte. Aber Oberon lachte nur und lehnte seine Rehabilitation rundherum ab. Er wollte lieber zurück zu seinem Bordell in Perrigon, was wieder zu Streit führte.
„Was soll das heißen, du willst nicht?" hatte Thranduil ihn angefahren. „Ich gewähre nicht jedem diese Gnade!"
„Es herrscht Frieden in Perrigon", hatte Oberon daraufhin erwidert. „Obendrein hat der König die Steuern dort gesenkt. Hast du eine Ahnung, wieviel Geld die Menschen jetzt haben? Geld, das sie in meinem Bordell ausgeben können? Wie könnte ich mir das entgehen lassen?"
Obwohl Oberons Erklärung durchaus vernünftig und für viele nachvollziehbarer als Thranduils Entscheidung gewesen war, hatte der König auf seinem Entschluß bestanden und hatte Oberon bei Nacht und Nebel nach Düsterwald entführen lassen. Angeblich wurde er dabei tatkräftig von Gandalf, Gimli und Glorfindel unterstützt. Es hieß, sie hätten es geschafft, den listigen und immer wachsamen Oberon zu betäuben, zu fesseln, zu knebeln und dann mit einer stark bewaffneten Eskorte, in der neben Asanis Vater auch drei weitere stoische Ifrey-Krieger mitritten, nach Düsterwald zu bringen. Asani und Legolas hatten dabei nur staunend zusehen können. Beide hatten auf dem Platz gestanden, um ihre Väter zu verabschieden, als man das Pferd an ihnen vorbei geführt hatte, auf dem der gefesselte und bewußtlose Oberon quer über den Sattel gelegen hatte.
„Warum nimmt ihn dein Vater mit?" hatte sie ihren Gatten leise gefragt.
„Nun", hatte Legolas langsam begonnen und dann doch gestehen müssen: „Ich weiß es nicht."
Und gleich in der Sekunde, in der das Pferd Oberon aus dem Hause Elronds getragen hatte, hatte dort schlagartig wieder die wohltuende Atmosphäre aus Ruhe und Frieden geherrscht. Lord Elrond hatte sich erstaunlich gelassen gezeigt, daß sein ehemaliger Kampfgefährte und wiedergefundener Freund aus seinem Haus gewaltsam entfernt wurde. Manche meinten immer noch, daß er das zugelassen hätte, weil selbst seine Geduld eine Grenze hätte.
So hatte wohl auch König Thranduil gedacht, denn er hatte Lord Elrond reuig versprochen, einige Fässer seines besten Weines zukommen zu lassen, ehe er als letzter durch das Tor geritten war. Der Herr Bruchtals hatte jedoch lachend abgelehnt. So lange Oberon in Düsterwald war, würde er sich vor dem Wein aus dem Reich Thranduils in Acht nehmen.
Als Legolas schließlich einige Worte mit seinem Vater vor dessen Heimreise wechseln wollte, hatte Thranduil ihn besorgt und sehr ernst angesehen. Seine Hand hatte über wehmütig Legolas' Kopf gestrichen und er hatte zu seinem Sohn dann gesagt: „Ich weiß nicht, wie ich das wiedergutmachen kann, was du durch Oberon erleiden mußtest, mein Sohn."
„Vater, das mußt du nicht", hatte Legolas beschwichtigend erwidert. Er war entsetzt, daß sein Vater sich anscheinend die Schuld für das gegeben hatte, was in Perrigon geschehen war. „Denn ich weiß, daß du unschuldig an meiner Not warst."
Thranduil war nicht überzeugt gewesen. „Doch hätte ich ihn in Düsterwald gelassen, dann wärst du ihm in Perrigon nie begegnet. Nun werde ich ihn wieder mitnehmen, damit er kein weiteres Leid verursachen kann."
„Hättest du ihn nicht verbannt, dann hätte er nie die Familie gegründet, aus der meine Braut entstammt." Legolas hatte Asani dabei demonstrativ an seine Seite gezogen. „Wenn du dir die Schuld für die qualvollen Stunden gibst, dann sieh auch, welch großes Glück du mir beschert hast."
Das Lächeln Thranduils war sehr bittersüß gewesen, als er seiner Schwiegertochter angesehen hatte. Dennoch hatte er erwidert: „Überquere die Eiswüste, Legolas, und besiegle das neue Bündnis zwischen Düsterwald und dem Clan der Ifreys. Kehre vorerst nicht nach Düsterwald zurück."
Das waren die letzten Worte des Königs gewesen, ehe er davon geritten war. Legolas war zuerst sehr betroffen von dieser Entscheidung gewesen, aber als er länger darüber nachgedacht hatte, hatte er es wirklich für besser befunden, wenn er und Asani nicht nach Düsterwald gingen. Da Oberon gegen seinen Willen in seine alte Heimat gebracht wurde, würde es dort sicherlich für die nächste Zeit keine Ruhe geben.
So hatten Legolas und Asani einige insgesamt sehr glückliche Monaten in Bruchtal verbracht, ehe sie mit Lord Elrond und einer Gruppe Elben nach Minas Tirith aufgebrochen waren. Denn dort stand das nächste große Ereignis nach Aragorns Krönung für Gondor bevor. Der Thronfolger Gondors sollte demnächst das Licht der Welt erblicken.
Während die Tage in Minas Tirith voller Spannung und nur langsam verstrichen waren, hatte ausgerechnet ein Schreiben aus Perrigon den sehr nervösen und schlaflosen König abgelenkt. Er war von Le Tare gewesen, der die Stadt nicht verlassen hatte. Er hatte darin berichtet, daß Lady Gouldwen unauffindbar gewesen war. Es wurde eine große Suche eingeleitet und viele Ifrey - Kopfgeldjäger wurden aus allen Ecken Gondors gerufen, aber es war vergebens gewesen. Lady Gouldwen blieb auch weiterhin verschollen. Lord Kerrigan III., der von seiner Herzattacke überlebt und sich davon einigermaßen erholt hatte, hatte die Stadtgeschäfte wieder in die Hand genommen. Aragorns Hauptmann hatte auch von seiner Sorge geschrieben, daß der alte Mann weder um seinen Sohn noch um seine Frau trauerte und hatte vorgeschlagen, in Perrigon zu bleiben, um seiner Lordschaft zu unterstützen.
Dann beinahe drei Monate nach der Geburt von Eldarion, Aragorns Sohn, waren Legolas und Asani zu den nordischen Eiswüsten aufgebrochen, um endlich ihrem Clan einen Besuch abzustatten. Asani hatte vorher lange die Wetterverhältnisse und die in Astronomie kundige Männer in Minas Tirith belagert, denn die Zeit der Schneestürme nahte wieder. Derartige Stürme waren sehr gefährlich und konnten einen vom Weg abbringen, gleichgültig wie oft man bereits die Eiswüste überquert hatte. Sie und Legolas hatten die Eiswüste in den letzten Tagen vor der Sturmzeit betreten und sie mußten sich beeilen, denn der Weg war lang und der Wind hatte schon gestern bereits warnend den Schnee aufgewirbelt.
Sie hatten bereits einen strengen Marschplan und bemühten sich dennoch, ihm voraus zu sein. Für den Fall, daß doch etwas unvorhergesehenes geschehen würde, hätten sie etwas gesparte Zeit, um die Fehler wiedergutzumachen. Als Fehler galt unter anderem, wenn man in die Fallen der Ifreys tappte. Asani hatte bereits drei solcher Fehler begangen und der letzte schien ihren Zeitplan in Schwierigkeiten zu bringen.
Legolas zog die Kapuze seines Umhangs tiefer ins Gesicht und versuchte abzuschätzen, wieviel Zeit ihnen bis zum Sonnenuntergang blieb. Ein kaum wahrnehmbarer dunkler Streifen zog am Horizont auf und seiner frischen Erfahrung nach, würde dieser bald den weißen Himmel verschlingen. Hier im Norden wurde es schneller dunkel als überall sonst. Besorgt blickte er in das Loch, dessen Öffnung er bis jetzt sorgfältig von Schnee frei gehalten hatte. Er steckte seinen Kopf in die Öffnung, um nach Asani zu sehen, aber da hörte er sie schon kläglich nach ihm rufen: „Legolas?"
Legolas antwortete darauf nicht, sondern setzte sich grinsend auf seine Fersen und nahm ein Seil aus seiner Tasche, das er in aller Ruhe eine Schlinge knüpfte, die groß genug war, damit Asani sie sich umlegen konnte.
„Legolas, bist du noch da?" fragte sie lauter. „Legolas?!"
Der Elbenprinz schüttelte lächelnd den Kopf, als er sich das andere Ende des Seils um seine Mitte band. Erneut steckte er seinen Kopf in die Öffnung und diesmal begegnete sich endlich ihre Blicke. Er warf die Schlinge zu ihr hinunter und fragte zärtlich lächelnd: „Wie kannst du daran zweifeln, ob ich noch da bin, fererdir?" Asani griff mit einem halb verschämten halb mürrischen Lächeln nach dem Seil, als Legolas auch schon grinsend fortfuhr: „Was ich mit soviel Mühe erlegt habe, lasse ich nicht mehr aus den Augen."
~ Ende von „Den Jäger erlegen" ~