Kapitel 4

Also öffnete Justus die angezeigten fünf Kommentare. Zwei waren wie erwartet von seiner Tante und von Peters Eltern. Sie waren nicht lang und enthielten auch keine wichtigen Informationen. Es war allerdings überraschend aufbauend, von ihnen zu hören.

Ein weiterer Kommentar war von Bobs Vater. Mr. Andrews beglückwünschte Justus zu seinem Muschelfund und Peter zu seinen gelungenen Fotos. Er versprach, dem Blog aufmerksam zu folgen.

Der vierte Kommentar war von Bob.

Hey, Kollegen,

da lässt man euch einmal alleine losfahren, und schon übernachtet ihr stilvoll am Strand und zieht Perlen aus dem Wasser! Justus, ich hätte nicht gedacht, dass du der Typ für Klunker bist, aber dieser Klunker steht dir, haha. Der Sonnenuntergang ist auch der Hammer; Peter, wir sollten uns über eine bessere Kamera für dich unterhalten. Wenn du solche Bilder schon mit dem Handy schießen kannst, muss ich sehen, was du mit einem anständigen Apparat anstellen wirst. :) Ich schicke euch Tipps für ein paar gute, erschwingliche Modelle, vielleicht könnt ihr eins davon in einer Pfandleihe kaufen.

Euren Blog habe ich allen unseren Bekannten empfohlen, die nicht in Urlaub fahren können, also wundert euch nicht, wenn euer Besucher-Zähler in den nächsten Tagen hochgeht. Sie leben quasi durch euch ihre Urlaubsträume aus.

Ansonsten gibt es im Osten viel Neues. Kristie und mir geht es super in New York, sieht ganz so aus, als wären wir bei unserer Mission erfolgreich! Das Praktikum ist schon fast fix und wir freuen uns riesig darauf. Wenn ihr wollt, revanchiere ich mich mit Bildern aus dem Big Apple, damit es nicht so einsam ohne mich wird.

Bis zum nächsten Eintrag!

Bob

Peter kämpfte gegen die Röte in seinem Kopf an. "Uh, das ist unerwartet. Meine Fotos sind doch nichts Besonderes."

"Wenn nicht nur ich, sondern auch noch Bob und sein Vater das anders sehen, solltest du es glauben, Zweiter", erwiderte Justus. "Bob hat das Fotografieren schließlich nicht für sich gepachtet."

"Aber deshalb gleich eine Kamera kaufen?" Zweifelnd verschränkte Peter die Arme vor der Brust. "Vielleicht will ich das nach unserem Urlaub gar nicht weiter machen."

"Normalerweise bin ich gegen unnötige Anschaffungen, aber wenn dem so sein sollte, können wir die Kamera ja wieder versetzen. Und wenn es dir weiter Spaß macht, umso besser." Justus scrollte zum letzten Kommentar. "Oh, Kristie hat auch was geschrieben."

"Was könnte die uns denn zu sagen haben?", fragte Peter ungläubig. "Die war sich doch zu fein, uns die Hand zu schütteln."

Sie erwarteten beide nicht viel, aber die verhohlenen Sticheleien gegen zweitklassige Kitschfotos und uninteressante Texte traf sie doch.

"Peter sollte sein fotografisches Talent lieber auf lohnenswerte Motive richten, zum Beispiel die Wale vor der Küste. Noch mehr Sonnenuntergänge und typisch amerikanische Touristen mit Muscheln braucht die Welt meiner Ansicht nach nicht", zitierte Peter rauchend vor Zorn. "Was bildet sich diese Pute ein? Die hat dich zum letzten Mal beleidigt, Just. Wir sollten sie blocken."

"Und damit Bob brüskieren? Das ist nicht nötig, Unrecht hat sie nicht. Ich tauge nun mal nicht zum Fotomodell. Und typisch amerikanisch bin ich auch." Justus gab sich sichtlich Mühe, die Bemerkung wegzustecken. Immerhin waren Kristies Anspielungen auf seine Körperfülle im Gegensatz zu den Sticheleien seiner Freunde sehr zahm.

"So dick bist du gar nicht mehr", verteidigte Peter ihn. "Und ich weiß, dass Bob und ich uns früher unmöglich benommen haben. Sorry dafür, wir waren echt scheiße manchmal. Und naja ..." Er ließ reumütig die Schultern sinken. "Wir fanden deine abstrusen Diäten immer viel lustiger als dein Übergewicht. Ehrlich."

"Ist schon gut. Irgendwer musste es mir sagen. Durch euch habe ich wenigstens versucht, abzunehmen. Wenn auch nicht besonders erfolgreich." Justus klickte den Blog weg. "Aber jetzt zurück zu unseren Ermittlungen. Ich schlage vor, dass wir uns in einer Stunde zu Bonnie ins Café begeben und sie befragen. Danach können wir die Augen nach einer Pfandleihe offenhalten. Wie ich Bob kenne, hat er uns sicherlich schon eine E-Mail geschrieben."

Das hatte der dritte Detektiv in der Tat, und so machten sich Justus und Peter mit den Adressen von ein paar vielversprechenden Pfandleihen in der Tasche auf den Weg.

oOo

"Oh Gott, Mr. Bradley schleicht schon seit ich denken kann um Tante Mary herum", erzählte Bonnie, als sie den Jungs eine Weile später ihr Mittagessen servierte. Justus hatte sich zu einem riesigen Salat mit Falafel, Artischocken, Oliven, getrockneten Tomaten und Grillgemüse überreden lassen, während Peter hungrig auf sein gegrilltes Sandwich starrte. "Er hat ihr schon immer auf seine altmodische Art den Hof gemacht."

"War deine Tante mal verheiratet?", fragte Justus. Er knabberte an einer schwarzen Olive und stieß wegen des salzigen, köstlichen Geschmacks einen hingerissenen Laut aus. "Denn jemandem den Hof machen, wenn er noch verheiratet ist, ist auch in Amerika nicht gerade die feine englische Art."

Das brachte Bonnie zum Lachen. "Da hast du wohl Recht, Justus. Tante Mary ist leider verwitwet. Sie hat mit meinem Onkel zusammen die Pension aufgebaut. Sein Portrait hängt im Salon, sie soll es euch bei Gelegenheit einmal zeigen. Sie hat Mr. Bradley sehr gern, aber ob da mehr ist, weiß ich nicht. Über solche Dinge redet sie nicht."

"Gibt es Familienangehörige, die deiner Tante eventuell die Pension abnehmen wollen?", fragte Peter zwischen zwei Bissen.

Bonnie schüttelte den Kopf. "Nein, überhaupt nicht. Wir sind alle froh, dass sie nach Onkel Ralphs Tod den Mut nicht verloren hat, und wir lieben das Haus. Es würde uns nicht einfallen, es ihr wegzunehmen und an einen Fremden zu verkaufen." Sie schauderte. "Allein beim Gedanken läuft es mir kalt den Rücken runter."

"Was ist mit Jake?", beharrte Peter. "Wenn Mr. Bradley so ein alter Familienfreund ist, gehört er doch erst recht zur Familie, oder?"

"Hm, stimmt wohl." Bonnie dachte einen Augenblick lang nach. "Aber nein. Jake sagt immer, wie gerne er für Tante Mary arbeitet. Er hat vorher in einer Großküche gearbeitet und es gehasst. Die Pension ist genau sein Ding, glaubt mir. Er ist der letzte, der sie geschlossen sehen will."

"Hm, tatsächlich? Das schränkt den Kreis der Verdächtigen doch sehr sein", sagte Justus. Als nächstes pickte er ein Stück Artischocke auf und verspeiste es genüsslich. "Falls keine Vertreter einer größeren Hotelkette bei deiner Tante vorgesprochen haben, weiß ich schon genau, wen wir als nächstes befragen sollten."

"Da war vor Jahren mal jemand, aber der hat sich nie wieder gemeldet." Bonnie erhob sich von ihrem Stuhl und winkte einem jungen Mann zu, der eben an die Theke getreten war. "Ich muss leider zurück an die Arbeit. Haltet mich auf dem Laufenden, ja?"

Peter schaffte es, seine Neugier zu zügeln, bis Justus seinen Salat beinahe aufgegessen hatte, aber dann musste er wissen, wen sie in die Zange nehmen würden.

"Da kommst du auch selber drauf", teilte Justus ihm mit. "Im Grunde ist es ja ganz einfach."

Sein auffordernder Blick machte Peter nervös. Er hatte zwar dem Gespräch gelauscht und sich Gedanken gemacht, aber wenn es darum ging, verdeckte Motive zu finden, war er bei weitem nicht so interessiert und kreativ wie Justus oder Bob.

"Ähm, mir fallen ehrlich gesagt nur Mr. Bradley und Jake ein, aber das wäre zu einfach, oder?", fragte er zögernd. "Mr. Bradley ist alt und sowohl er als auch Jake scheinen nette Kerle zu sein. Vom Motiv her sieht es finster aus."

"Mitnichten, Peter. Ich nehme an, dass deine Gedankenkette darauf beruht, dass sich keine Hotelmogule hervorgetan oder Fremde in der Pension für Unruhe gesorgt haben. Nach diesem simplen Ausschlussverfahren bleiben vorerst also nur die Bradleys als Spur, und deshalb werden wir sie so bald wie möglich befragen. Dabei spielt es keine Rolle, wie alt oder nett sie sind. Gut gemacht!"

Justus aß seinen Salat auf und erstand für sich und Peter beim Hinausgehen je eine Kugel Bananen-Erdbeer-Eis. Bonnies Protest, als er das Geld ins Trinkgeldglas stopfte, ignorierte er geflissentlich.

"Das sind wirklich nur Bananen und Erdbeeren", sagte er ein wenig defensiv, als Peter grinste. "Kein Grund, mich so anzustarren. Ich versuche ja, mich zusammenzureißen."

Peter lachte. "Mann, Just, so viel, wie wir gerade laufen, könntest du drei Kugeln richtiges Eis essen und ich würde nichts sagen. Bei der Hitze schmilzt alles, auch das Hüftgold."

Das besänftigte Justus etwas. "Dafür, dass es kein echtes Eis ist, ist es ziemlich gut. Ich sollte Tante Mathilda bitten, das für uns zu machen, wenn wir zurück sind."

Sie trotteten im Schatten eines Gebäudes die Straße hinunter, in Richtung der ersten Pfandleihe, die Justus herausgesucht hatte. Drinnen war es stickig und ruhig. Nur ein Mann in T-Shirt, Shorts und ausgetretenen Latschen begutachtete eine Auslage am Fenster. Kameras und andere elektronische Geräte befanden sich hinter dem Tresen und der Verkäufer, ein öliger Mann mittleren Alters, zeigte ihnen eine Kamera nach der anderen.

"Was ist? Wollt ihr die hier haben? Ist gut in Schuss", fragte er.

Peter schoss ein Probebild und begutachtete es auf dem kleinen Display. "Ich weiß nicht. Wollen Sie dafür wirklich zweihundert Dollar?"

"Das ist das gute Stück wert", erwiderte der Verkäufer mit einem Achselzucken. "Im Laden sind es dreihundertfünfzig."

"Was meinst du, Justus?", fragte Peter.

"Bob meinte, man bekommt eins der Modelle samt Objektiv schon für hundertfünfzig. Wir sollten von einem Kauf absehen." Justus legte die Kamera weg, die er inspiziert hatte und wandte sich zum Gehen.

"Hey, wartet mal", rief der Verkäufer ihn zurück. "Hundertfünfzig, ja? Wo soll denn das gewesen sein, he?"

"In New York", behauptete Justus, und in diesem Moment wusste Peter, dass er etwas im Schilde führte.

"Da gibt's ein paar Leute mehr wie hier." Der Verkäufer schniefte. "Furchtbar viele Blogger und selbstverliebte Internet-Sternchen. Jeder schimpft sich da Fotograf, rennen dem neuesten Techniktrödel hinterher und stoßen gute Kameras wie diese hier ab, als wären sie Müll."

"Das mag sein, aber am Preis ändert das offensichtlich nichts. Komm, Peter, Bob soll uns in New York eine Kamera kaufen. Selbst mit Porto ist das noch billiger als eine aus diesem Laden." Erneut bewegte Justus sich in Richtung Tür.

Der Verkäufer biss an. "Warte, Junge. Okay, du hast Recht. Zweihundert ist ein bisschen hoch gegriffen." Er hob die Kamera, die Justus gehalten hatte. "Wie wär's damit: Ihr bekommt die hier mit allem Schnickschnack für 175 Dollar, und die Tasche dazu gibt es oben drauf."

"Hm. Was sagst du?" Abwartend sah Justus Peter an. "Kannst du damit etwas anfangen?"

"Klar, die taugt was." Peter kam näher, die Hände in den Hosentaschen. Mit einem Blick fragte er, ob ihr Budget das hergab.

Keine Sorge, erwiderte Justus ebenso lautlos. "Wunderbar, dann sind wir uns einig. 175 Dollar für Kamera, Objektiv und Tasche. Ist in der Kamera ein Speicherchip enthalten?"

"Vom Vorbesitzer, wenn es dir nichts ausmacht, die alten Bilder zu löschen." Der Verkäufer packte die Kamera und das Zubehör in die Tasche und schob die Tasche anschließend zur Mitte des Tresens.

Justus zählte Scheine ab und legte sie gut zählbar vor sich hin. "Ausgezeichnet. Wir danken Ihnen für das Geschäft. Auf Wiedersehen."

Kaum hatten sie die Pfandleihe verlassen, konnte Peter nicht mehr an sich halten.

"Du bist ein Halsabschneider!", rief er. "Bob hat doch geschrieben, dass dieses Modell mindestens 250 Dollar wert ist! Wie hast du das hinbekommen?"

"Wenn man das Feilschen von der Pike auf lernt, ist vieles möglich", gab Justus selbstzufrieden zurück. "Außerdem hatte ich einen guten Grund dafür, aber darüber reden wir später. Komm, hier in der Nähe ist ein kleiner Park, da kannst du die Kamera testen."

Bis zum Abend war noch viel Zeit und sie verbrachten sie zu Fuß in den Nebenstraßen der Stadt, wo Peter alles fotografierte, was ihm wie ein lohnenswertes Motiv erschien. Justus bestärkte ihn darin, und als sie gegen sechs Uhr erschöpft und über ihre schmerzenden Füße jammernd zurück in die Pension kamen, erschloss sich Peter auch, wieso.

"Du hast ein Konto bei dieser Bilder-Seite eröffnet?", fragte er ungläubig. "Auf der Leute für Fotos Geld zahlen? Ha, träum weiter."

Justus ließ sich nicht beirren. "Das nennt sich passives Einkommen, Zweiter. Wir haben mit der Kamera ein großes Loch in unsere Kasse gerissen, und wenn es da draußen eine Zeitung oder einen Werbegrafiker gibt, der mit deinen Bildern etwas anfangen kann, sollte sich das für uns lohnen. Es tut nicht weh und kostet uns erst mal nichts, warum also nicht?"

"Ich hatte ganz vergessen, wie geschäftsorientiert du sein kannst", grummelte Peter, lächelte dann aber schief. "Okay. Was muss ich machen?"

"Erst mal duschen." Gönnerhaft winkte Justus ihn zum Badezimmer durch. "Ich lade die Fotos auf unseren Laptop, sodass du morgen eine freie Speicherkarte hast. Und später, nach dem Abendessen, laden wir die schönsten Bilder auf der Seite hoch."

Peter bezweifelte, dass sich jemand für seine stümperhaften Amateurbilder interessierte, aber für eine Dusche würde er morden, und so gab er seinen Protest auf. Unter dem heißen Wasserstrahl wanderten seine Gedanken zu Justus' aufgeregter Miene und seinem generellen Enthusiasmus. Er selbst war nicht gerade schüchtern, wenn es darum ging, das Leben bei den Hörnern zu packen, aber Justus hatte eine ganz eigene Lust auf Abenteuer. Während Peter sich seine Kicks beim Sport holte, stürzte Justus sich mit einer Begeisterung auf Rätsel und Geheimnisse, als wäre er Indiana Jones auf der Jagd nach einem verschollenen Schatz.

Gut, ein etwas rundlicher Indiana Jones, grinste Peter in Gedanken, aber vorstellen könnte ich es mir! Zumal der Nachname fast gleich ist!

Er konnte sich Justus sogar sehr gut in einer abgewetzten Schatzjägerkluft vorstellen. Offenes Hemd, Hosenträger, in die schweren Stiefel gesteckte Hose, und dunkles, verschwitztes Haar, das unter einem fleckigen Hut hervorlugte. Dazu Justus' begeistertes Gesicht ...

Eine leichte Wärme rollte unerwartet von innen nach außen durch Peters Körper und neckte ihn beinahe unanständig mit ihren schmeichelnden Fühlern.

"Was zum?", entfuhr es ihm. Er riss erschrocken die Augen auf. Justus' Bild verpuffte wie Nebel im hellen Badezimmerlicht und die Wärme machte prickelndem Schock Platz. Streng sah er auf sein glücklicherweise zahmes bestes Stück herab. "Ich weiß, wir machen gerade eine Durststrecke durch, mein Freund, aber das eben war nicht lustig!"

Nur zur Sicherheit hielt er das Handtuch um seine Hüften besonders fest und vermied es, Justus direkt anzusehen, bis dieser im Bad verschwunden war.