Knall auf die Tischplatte
Lily blickt sich nach der Wirtin um und als sie sieht, dass diese gerade einer uralten Sabberhexe eine Rechnung überreicht, murmelt sie leise einen Zauber, um den Tisch wenigsten halbwegs sauber zu kriegen. Der Zauber ist jedoch nicht sonderlich wirkungsvoll. Der Schmutz scheint so tief zu sitzen und von solch grausiger Sorte zu sein, dass er auch nach dem Spruch bleibt. Sie sieht wie James geekelt seinen Blick auf den dreckigen Tisch fixiert. Er schnaubt und versucht es ebenfalls. Der Erfolg bleibt jedoch ebenfalls aus.
Sirius lacht leise sein bellendes Lachen und murmelt: „Wer weiss, vielleicht sind diese giftgrünen Punkte Überreste von irgendeiner Suppe. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich beim Herlaufen irgendwo etwas giftgrünes in einer Schale gesehen habe."
Lily lächelt matt und schaukelt leicht mit ihrem Stuhl nach hinten. Ein folgenschwerer Fehler. Der Stuhl, welcher auch mit vier Beinen sehr wackelig ist, kracht als Lily kurz auf zwei Beinen sitzt einfach zusammen.
Es gibt einen lauten krach und alle „Leute"des Restaurants drehen sich nach den Dreien um, wobei Lily in einige Gesichter der Insassen schauen kann, die zuvor noch mit dem Rücken zu ihr gesessen haben. Vor lauter Eckel dreht es ihr den Magen um und sie erbricht auf den mit Dreck beschichteten Boden. Ein lautes grunzen, es scheinen nicht alle Englisch zu sprechen, und murmeln geht durch das Restaurant.
Lily wird rot und murmelt nur „Reparo" und flüstert zu James und Sirius gewandt: „Wer weiss, vielleicht schmeissen sie uns jetzt raus."
James raunt zurück: „Man wird ja noch Hoffen dürfen."
„Scheiss drauf", sagt Sirius in einer Lautstärke, die zumindest einige hier verstehen können.
Nun geht ein empörtes murmeln, sabbern oder grunzen durch den stickigen Raum. Die Todesfee – Wirtin läuft schon falsch lächelnd zu ihnen.
Lily ahnt böses und bevor irgendjemanden reagieren kann, ruft sie: „Raus hier". Sirius und James lassen sich das nicht zweimal sagen und sie stolpern über mehrere Körperteile in Richtung Tür.
Erst reagiert niemand, dann schreit die Wirtin: „Diese Zauberer halten sich für etwas besseres."
„Ja", stimmen einige lautstark der Wirtin zu (andere geben ähnliche Laute von sich, welche man auch als „Ja"deuten könnte).
Lily hört gerade noch, wie einige Flüche auf das Trio losgelassen werden, als sie die Tür schliesst. Auf die Gasse folgt ihnen jedoch niemand. Diese Kreaturen scheinen das Sonnenlicht nicht sonderlich zu mögen.
„Zum Tropfenden Kessel", sagen die drei wie aus einem Munde. Sirius scheint es nach diesem Erlebnis nicht mehr nötig zu haben, dass man ihm einen Zauberstab in den Rücken stösst, auch er kommt freiwillig mit.
Schnaufend kommen sie im Tropfenden Kessel an.
Auch dieses Gasthaus ist nicht sonderlich, wie es Muggel nennen würden, gemütlich, es ist ziemlich düster, der Wirt Tom hat keinerlei Zähne mehr und auch hierhin verirrt sich manch eine zwielichte Kreatur. Lily, James und Sirius kommt es jedoch nach dem anderen Restaurant mehr als ziemlich gemütlich vor.
Erleichtert setzen sie sich um einen einigermassen sauberen, einfachen Holztisch. Tom, der Wirt, kommt auch gleich zu ihnen. Alle drei bestellen ein Butterbier.
James' und Sirius' Wangen glühen etwas rötlich. Lily kennt das. Immerzu wenn sie sich in irgendeine Gefahr gebracht haben, sieht man das daran, dass ihre Wangen glühen. Sirius lacht bellend und kurz darauf stimmt auch James in Sirius' Gelächter ein.
Lily, die nicht weiss, dass ihre Wangen ebenfalls glühen, runzelt nur kurz die Stirn, dann lacht sie ebenfalls. „So was kann auch nur uns passieren", gackert James.
„Du meinst dir und Sirius. Mir passiert so etwas nur, wenn ich mit euch zusammen bin. Das hat man nun davon, wenn man einen Rumtreiber heiratet", antwortet Lily scherzhaft.
„Du hast mich dort rein gezwungen", verbessert Sirius Lily.
Lily schweigt. Die gute Laune, welche sowieso nur von kurzer Dauer war, ist nun vorbei.
Tom kommt, um ihnen ihre bestellten Butterbiere zu bringen. Er lächelt zahnlos.
Als er wieder weg ist, wendet sich James Lily zu: „Sag schon, weshalb das ganze Theater?"
Lily seufzt, dann schweigt sie wieder.
Sirius will schon den Mund auf machen, um sie zum Sprechen aufzufordern, da fragt Lily: „Wie spät ist es jetzt eigentlich?"
James blickt auf seine Armbanduhr: „Halb Sechs, wieso?"
„Einfach", antwortet Lily.
„Ich versteh dich nicht", schimpft James „erst das ganze Drama. Du hast mir mit deinem Rumgeschreie fast einen Hörschaden verpasst. Und jetzt? Spannst du uns extra auf die Folter?"
„Da mussten wir Sirius einholen. Er durfte seine Wohnung nicht erreichen, bevor ich ihn nicht aufgeklärt habe. Jetzt haben wir ja Zeit. Ich muss mich noch etwas sammeln."
„Mach schon", fordert Sirius Lily schroff auf.
Lily hebt ihre rechte Augenbraue – sie kann beide Augenbrauen einzeln heben – und seufzt und streckt sich gemütlich auf dem Stuhl aus: „Diese Stühle sind ja so was von bequem", seufzt sie.
„Lily", fordern Sirius und James Lily wie aus einem Munde auf.
„Okay, okay", beschwichtigend hebt und senkt sie ihre Arme.
Sie holt tief Luft und beginnt nun endlich mit ihrer Geschichte: „Gut. Ihr wisst ich wurde von Dumbledore gerufen.", die beiden Männer nicken.
Sie wissen was mit „rufen"gemeint ist. Dumbeldore, der sowohl der Leiter der Organisation ist, als auch der Leiter vom Orden des Phönixes [A: Noch mal zur Wiederholung: Der Orden bekämpft die Dunkle Seite, die Organisation jedoch ist ein Zusammenschluss mehrer Leute, mit den verschiedensten Berufen, welche nach einem Angriff Voldemorts Gedächtnisse löschen, Verletzte heilen, Tote wegbringen, Familien und Presse informieren, die „Sauerei"wegmachen, Spuren verfolgen, den Papierkram erledigen etc.] hat alle Mitglieder mit einem Zauber belegt. Er ist nicht sonderlich kompliziert – gut er ist auf UTZ – Niveau, aber für Dumbledore ist das nicht viel – und sie alle können ihn jederzeit aufheben. Der Zauber ist im Kopf des Verzauberten eine Art Stimme. Er gibt einige wichtige Informationen – Lily nervt es manchmal wenn er zu ihren Gedanken seinen Senf dazu gibt – und jeder der Organisation kann jeden rufen.
„Der Zauber meinte, Dumbledore rufe sie zu deinem Block, Sirius."
„Wegen Andromeda?", fragt Sirius, wobei er nicht Lily sondern den Holzboden anstarrt.
Lily druckst etwas herum: „Nun ja, nicht wirklich...indirekt schon...ähm...dieses...äh...Problem hatten sie alle im Griff. Eigentlich hätte ich ja...", Sirius unterbricht sie: „Ah... dann ist Andromeda nur ein ‚Problem', das ist schon in Ordnung, sie war ja nur meine LIEBLINGSCOUSINE", das letzte Wort schreit er.
Lily hat eine tiefe Sorgenfalte auf der Stirn und mit gelassener, trauriger Stimme antwortet sie: „Bitte, reiss dich zusammen. Es wird in meiner Geschichte noch einiges kommen, was dich bedrücken wird. Nun, ich...ich wusste wie du reagieren würdest, na ja deshalb hab ich die Geschichte so herausgezögert, deshalb war ich so lange in der Badewanne. Ich wollte nicht erzählen", den letzten Satz spricht sie, bis auf den Anfang, sehr schnell aus.
James legt Sirius seine Hand auf die Schulter: „Tatze, lass sie erzählen."
Sirius schluckt zweimal leer, dann nickt er.
„Ich habe mich gewundert, denn eigentlich hatte ich keinen Dienst. Ich bin also in die Winkelgasse gereist und den gleichen Weg gegangen, den du gehen wolltest, Sirius."
Sie trinkt einen Schluck Butterbier, dann fährt sie fort: „Als ich bei deinem Block war, wusste ich, wieso ich kommen musste. Alle Blöcke um dein Haus brannten.", Sirius starrt sie mit offenem Mund an. „Deines logischerweise nicht.", das war insofern logisch, da dieser Block ein verstecktes magisches Haus ist. Es ist für Zauberer und Hexen kein schweres Unterfangen ein Haus vor einem Brand zu schützen.
„Die Muggelfeuerwehr war da, ausserdem einige von unseren Leuten. Sie alle trugen Muggelkleidung, ich natürlich ebenfalls."
Eigentlich war, dies zu erwähnen, überflüssig, die Leute der Organisation trugen allesamt bei ihren Einsätzen Muggelkleidung. Irgendwie bringen es die Todesser immer fertig, dass mindest ein Duzend Muggel Zeugen sind.
„Wir haben die Feuerwehr dazu gebracht, zu glauben, dass wir zu ihnen gehören, wie immer. Die Flammen waren magischer Art. Normales Wasser hatte keine Chance. Es war grässlich. Es waren ungefähr vier Blocks bei denen zumindest die unteren Stockwerke ganz brannten."
„Nicht so schnell", unterbricht James Lily leise.
Er deutet auf Sirius. Sirius ist kreidebleich geworden. Immer noch sitzt er mit offenem Mund da und starrt Lily an.
„Entschuldigt. Es ist wie ein Gift, das ich, jetzt da ich angefangen habe loswerden möchte".
Für ein paar Sekunden schweigt das Trio.
Zu Lilys Überraschung bricht Sirius das Schweigen: „War es ein Zeitzauber".
Lily nickt. Diese Zeitzauber erinnern sie immer an irgendwelche Bomben, welche die Muggel in einer braunen Papiertüte in einen Mülleimer eines Einkaufszentrum werfen. Nur sieht man diesen Zauber nicht und man weiss auch nicht zu welcher Zeit er hochgehen wird. Brandzauber oder irgendwelche Giftzauber sind die beliebtesten Zeitzauber. Die einzige Vorsichtsmassnahme dagegen ist ein relativ komplizierter Zauber bevor der Zeitzauber ausgelöst wird, ist ein Zeitzauber erst mal ausgelöst, kann man nur noch evakuieren.
Etwas langsamer fährt Lily fort: „Die Muggel hatten natürlich die Ambulanz angerufen. Dumbledore hatte alle Heiler und praktisch alle Sonstigen Mitglieder gerufen, damit wir helfen, ansonsten hätten wir das zu bewältigen niemals geschaft. Ich muss sagen, es war einer der Schlimmsten Anschläge, bei denen ich je dabei war. Es waren furchtbar viele Verletzte und einige Tote. Wir Heiler haben uns einfach der Ambulanz angeschlossen."
Sirius schluckt: „Das Feuer...wurde es...wurde es...gelöscht?"
„Irgendwann schon, aber es hat furchtbar lange gedauert. Mit Flammengefrierzauber haben die Anwesenden aus der Organisation die Muggel gerettet noch während es brannte."
„Das bedeutet, es mussten viele Gedächtnisse verändert werden", sagt James nachdenklich.
Lily nickt wiederum.
Sirius lässt seinen Kopf auf die Tischplatte knallen. Das Stimmengewirr, welches zuvor noch laut war, verstummt und der ganze Tropfende Kessel dreht sich zu ihrem Tisch um. Lily lächelt verlegen den Hexen und Zaubern zu und packt Sirius an den Schultern, um diesen wieder in eine richtige Sitzposition zu zwingen. Die Gäste drehen sich wieder um und widmen sich ihren Gesprächen.
„Waren es die gleichen?", fragt Sirius in monoton.
„Ja, sie sind sich ziemlich sicher, dass nachdem sie das mit Andromeda gemacht haben. Sirius, lass das!", Sirius hat schon wieder seinen Kopf auf den Tisch knallen lassen.
Er stöhnt nur: „Lass mich!"
Lily seufzt und fährt fort: „Eben...wir...ähm..ich meine sie, ach was solls, meinen,dass sie nachher einfach noch nicht genug hatten, sich einen Spass erlauben wollten, der uns noch mehr auf Trab hält."
"Es gab also eigentlich keinen politischen Grund, abgesehen davon uns etwas zu beschäftigen. Es muss sich um einen spontanen Spass gehandelt haben. Wahrscheinlich hat Voldemort nicht mal was davon gewusst."
Lily nickt: "Ja das glaube ich auch. Ich hoffe nur, dass es kein Ablenkmanöver war, für irgendeine andere Scheisse".
"So etwas in dieser Art hat keiner unserer Spione bemerkt", versucht James Lily zu beruhigen.
"Ich weiss, ich weiss", seufzt Lily "ich hab nur so ein komisches Gefühl und man weiss ja nie, er hat uns schon einige Male überrascht".
"Genau, wie wir ihn", antwortet James.
Sirius scheint die beiden nicht zu hören und Lily glaubt auch nicht, dass ein taktisches Gespräch für Sirius von Interesse sein könnte. Seine Nachbarschaft ist niedergebrannt, indirekt deshalb weil Andromeda ihm etwas sagen wollte. Er wird ausziehen, dessen ist Lily sich sicher. Sie könnte so auch nicht in dieser Wohnung leben. Würde er zu ihnen kommen, Zumindest für eine kurze Weile. Oder war das zu gefährlich. Auch sie waren zur Zielscheibe für Voldemort und seine Anhänger geworden, das heisst Harry, ihr nicht mal ein Jähriger Sohn. Was waren das nur für Zeiten? Hatte Sirius nicht erwähnt, dass er, falls sie einen bräuchten, nicht ihr Geheimniswahrer werden möchte. Wenn nicht er, wer dann?
„Waren Wurmschwanz und Moony auch da?", fragt James auf einmal, auch er scheint den Drang zu verspüren, das Thema wechseln zu wollen.
„Moony schon. Keine Ahnung wie er das schafft, so lange ist Vollmond noch nicht her. Wurmschwanz war nicht da. Ansonsten waren praktisch alle da, sogar Tonks und der war besonders eifrig, hat mindestens die Hälfte der Bewohner aus den brennenden Blöcken gerettet. Er kam mir wie besessen vor."
James wechselt wieder das Thema: „Wahrscheinlich hast du dich deshalb in den Fluss apperiert, weil du dir zu...wie soll ich sagen...",
„...zu viele Gedanken gemacht hast", unterbricht Lily James.
Sirius scheint auch dieses Gespräch kaum zu interessieren. Er hat immer noch den Kopf auf der Tischplatte.
„Ja genau, du muss lernen Beruf von Privatleben zu trennen.", erklärt James.
Lily seufzt. Sie muss unweigerlich an ihre Mutter denken. Zu fünfzig Prozent hat Lilys Mutter in einem Altersheim gearbeitet. Schon als kleines Mädchen hat sie es ihrer Mutter angesehen, wenn sie nach Hause kam und irgendein Patient zuvor gestorben oder erkrankt war. Es scheint in der Familie zu liegen, dass sie sehr emotional auf traurige oder schreckliche Dinge im Beruf reagiert und diese Gefühle auch mit ins Privatleben nimmt.
Trotzdem hat sie gerne ebenfalls einen sozialen Beruf gewählt, denn es gibt, für sie, kein schöneres Gefühl, als einem Menschen geholfen oder gar das Leben gerettet zu haben.
Sirius hebt leicht den Kopf und schielt die beiden an, dann lässt er seine Stirn wieder auf die Tischplatte knallen. Die Leute scheinen sich daran gewöhnt zu haben, es dreht sich niemand mehr um.
