A/N: Diesmal ist das Kapitel ein wenig kürzer, aber dafür passiert zumindest mal was. *grins* Übrigens habe ich vielerorts gesehen, wie Autoren Kommentare an die Reviewer richten, und da sich augenscheinlich davon einige mehr eingefunden haben, möchte ich das von jetzt an gern übernehmen.
@ nudel: Du warst diesmal der erste und hast auch noch zum ersten Mal Fragen gestellt. Darüber freue ich mich besonders! ^.^ Danke sehr.
@ Leahna: *verkriech* Ups. Dein letzter Satz war ja mal eine wirklich treffende Kritik. War mir gar nicht so aufgefallen, aber ich habe das Kapitel dann noch einmal gelesen und mußte feststellen, daß du völlig Recht hast, besonders wegen dem König und Selebist. Oh je. *mich kräftig am Riemen reiß* Ich verspreche, demnächst werde ich mir GANZ viel Mühe geben, die Elben der Oberschicht etwas würdiger darzustellen. Allerdings, was die anderen angeht – hast du zufällig mal "Der kleine Hobbit" gelesen? Die 'niederen' Elben darin benehmen sich auch nicht eben sehr edel, also berufe ich mich notfalls auf Tolkien. *grins* Einverstanden?
@ Verena: Ich löse sie auf. Ja, ich schwöre es, ich löse alle Rätsel auf. – IRGENDWANN! ^^" Oh, und wegen dem Sturz: Ja, das tut er! ABER – besonders bekömmlich ist das für ihn nicht. ^.~
@ Sally Tse Shiep: Ich *hab* es mir bildlich vorgestellt. *grins* Nein, ehrlich, hätte ich die Sache nicht komisch dargestellt, wäre sie peinlich geworden – das wollte ich dann doch lieber nicht. ^^"
@ amlugwen: Oh, du magst Selebist, das höre ich gern. *freu* Ich nämlich auch. Er ist hier der "gute Opa", wenn man so will, auch wenn er nicht so aussieht. (Wußtest du, daß "gute Opas" sehr, sehr böse werden können???) *grins* Übrigens, Thranduil ist kein 'junger König'; immerhin hier schon weit über 5000 Jahre alt. Nur im Vergleich zu dem sehr viel älteren Selebist ist er noch 'jung'. Und das Leben war nicht nett zu ihm. *mitfühlend seufz* … Was den 'Tölpel' angeht – lies. ^^
@ Khair: Du bist da? Alles klar, dann kann's ja weitergehen! *grins*
Disclaimer: Tolkien hat die Elben samt ihrer Vorliebe für (starken) Wein erfunden, ich trete nur in seine Fußstapfen. ^.~
Rating: PG-13 (für Alkoholmißbrauch und andere Unvorsichtigkeiten ^^")
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Der Name der Macht
Kapitel Zwei
Regungslos verharrte der Junge in den dichtbelaubten Ästen einer hohen Buche, deren Blätter mit dem Herbst schon langsam buntere Farben annahmen. Aber noch hatten sie nicht begonnen, von den Zweigen zu fallen, so daß sie ein hervorragendes Versteck für Neugierige darstellten.
Neugierige Elben wie Inuel.
Allerdings war dieser Junge nur zum Schein aus Neugier hier, denn er überwachte die weite Bucht des Waldflusses hinter dem östlichen Felskap seit vier Tagen mit aufgeregter Unruhe. Und endlich, am späten Abend, erspähten seine Augen in einiger Entfernung jenen unscheinbaren dunklen Fleck auf dem Silberband des Flusses, auf welchen er so verzweifelt gewartet hatte: Seine Chance.
Es handelte sich dabei um ein aus mindestens einem Dutzend zusammengebundenen Fässern hergestellten Floßes, das von vier, nein, sechs kräftigen Elben mühsam den Fluß hinaufgestakt wurde. Inuel konnte bald erkennen, daß die Fässer mit ihren prallen Bäuchen tief im Wasser lagen; große Fässer, einige davon würden aufrecht stehend den Elben bis fast zur Brust reichen.
Inuel freute sich darüber unbändig: Keiner der Elben würde auch nur auf die Idee kommen, sie tragen zu wollen. Inzwischen hatten die Kundschafter allen Bescheid gegeben, und der versteckte Junge beobachtete zufrieden, wie die Elben bereits drei große Karren an ebensoviele kleine, aber starke Pferde spannten. Daraufhin wandte er seine Aufmerksamkeit von dem nahenden Floß ab und studierte die Karren genauer.
Offenbar handelte es sich tatsächlich um die größten. Nicht ganz eine große Körperlänge breit, dafür aber fast vier Meter lang, würden sie vier daraufgerollte Fässer nebeneinander aufnehmen. An den Seiten waren sie nicht hoch genug, um aufeinander gestapelte Fracht zu halten; nur ein kopfbreites Brett bot ringsum einigen Widerstand gegen Kullern und Verrutschen. Sie besaßen auch keinen Kutschbock, da die Elben lieber neben den Tieren gingen, um sie besser um Hindernisse führen zu können.
Als die Flößer schließlich die Fässer im seichten Ufersaum vorsichtig auf Grund steuerten, brach mit dem Mondaufgang die Nacht herein. Sofort entbrannte ein Streit, ob die Ware hier nicht bis zum Morgen liegen bleiben könne. Doch da seit den letzten Wochen unerwartet häufige Fluten den Waldfluß heruntergesaust kamen, entschieden sich die Verlader letztendlich, die schweren Fässer wenigstens auf die Karren zu hieven, und bestimmten die Unglücklichen per Los.
Durch den schattigen Wald, über die nicht sehr sorgfältig befestigten, engen Pfade und um die heimtückischen Wurzeln herum zu manövrieren, hoben sie sich für den nächsten Tag auf. Denn bis sie heute beim Palast ankämen, wäre sowieso kaum noch jemand zum Helfen wach. Und warum sollten sie denn all die Arbeit alleine verrichten?
Während acht Arbeiter, unter ihnen mehrere Neulinge mit weniger geübten Muskeln, die zwölf dickbäuchigen Fässer auf den Karren verluden, kam Mitternacht und ging wieder. Inuel bemerkte es nicht; er war beim Betrachten des hellen, fast vollen Mondes eingeschlafen. Erst als sich in den stillsten Nachtstunden die Arbeiter von ihrem Gelage, der 'Belohnung' für die harte Arbeit, trennten, schreckte ihr fröhliches Gebrüll ihn aus dem besten Schlaf. Gerade rechtzeitig, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen.
Legolas im Traum zu begegnen, spornte ihn unheimlich an.
In die Karren zu gelangen, erwies sich als einfach, da die Arbeiter die drei Pferde vorsichtshalber höher ans Ufer geführt hatten. Jetzt überhing ein breiter Ast den letzten Wagen, über welchen sich der Junge mit einem leisen Plumpsen auf die Fässer hinab schwang.
Alle vier waren von gleicher Größe, füllten aber die Ladefläche nicht vollständig aus. An einer Seite ließen sie gerade genügend Platz für Inuel, um beide Beine zwischen Faßboden und Karrenrand zu stellen. Zwischen dem vordersten Faß und seinem Nachbarn befand sich ein handbreiter Spalt, durch den Inuel einen guten Blick auf den Hohlraum darunter werfen konnte: Wegen der enormen Ausßmaße entstand zwischen den Faßbäuchen eine dreieckige Lücke, groß genug um einen schmächtigen Burschen wie Inuel darin zu verstecken.
Der Junge überlegte nicht lange, setzte sich auf das Seitenbrett und zwängte sich, Füße voran, eilig in das Loch. Bei den Hüften und danach den Schultern hatte er kurze Bedenken, ob er hineinpassen würde, doch als er sich mehr zufällig als geplant etwas nach rechts drehte, rutschte er beinahe von selbst in den Hohlraum. Seine Fußsohlen flach an das gegenüberliegende Brett gepreßt, ragte sein Kopf leider noch über die Fässer hinaus.
Allerdings hatte Inuel sein Leben nicht umsonst in engen Verstecken verbracht: Er war in der Lage, sich in die kleinsten Räume zu zwängen. Daher drehte er sich halb auf die Seite, knickte das eine Knie seitwärts, das andere aufwärts, und zog damit Oberkörper und Kopf sicher in den Schatten des Hohlraumes. Wenn sich der Wagen in Bewegung setzte und die Fässer herumrollten, würde er sich unweigerlich mehrere blaue Flecke hohlen.
Das war die Sache wert.
"Du kannst ihn behalten", erklärte Legolas nachsichtig, mit hochgezogener Braue.
Der Junge schüttelte den Kopf: "Ich kann ihn nicht brauchen."
Beleidigt gab der Prinz zurück: "Nun, ich kann ihn erst recht nicht brauchen!" Mit einem Hinweis auf seine eigene, viel elegantere und vermutlich auch genauere Waffe.
"Wenn das so ist …" Ohne den Blickkontakt zu brechen, änderte Inuel seinen Griff an dem Holz, bereit, den Bogen über sein Knie zu schlagen. Unerwartet drehte Legolas ihm den Rücken zu, was den Jungen zögern ließ. Was hätte er von seiner entschlossenen Demonstration, wenn der Prinz ihm dabei nicht in die Augen blickte?
Eine leise, eisige Stimme riß ihn aus seinen Erwägungen: "Wenn du ihn zerbrichst, zerbreche ich dich."
Deutlich erinnerte sich Inuel an jenen Morgen vor Wochen, als ihn dieser Satz zwar erschreckt, aber nicht verängstigt hatte. Damals hatte er die Augen des Prinzen gesehen, welche trotz der kalten Worte warm leuchteten. Diesmal war das anders; nichts dämpfte die aufrichtige Drohung in dem Satz. Inuel bemerkte nur die versteiften Schultermuskeln, die zu Fäusten geballten Hände und die lauernde Haltung des Prinzen. All das erinnerte ihn mit warnender Klarheit daran, wie fähig Legolas war, seine Worte in die Tat umzusetzen.
Inuel wollte den Bogen nicht zerbrechen. Schon deshalb nicht, weil der Prinz sich damit so viel Mühe gegeben hatte. Aber er konnte ihn auch nicht behalten, aus mehreren Gründen.
Man würde ihm den Bogen wegnehmen, ohne Zweifel. Wahrscheinlich noch ehe er die Umgebung des Dorfes verließ. Vielleicht würden sie ihn benutzen (womöglich mit ihm selbst als Zielscheibe), vielleicht zerstören – beides waren unerträgliche Vorstellungen für Inuel. Dann lieber machte er die Waffe eigenhändig unbrauchbar.
Zweitens konnte der Junge damit nicht umgehen, und es widerstrebte ihm, es weiter zu versuchen und andere Elben oder gar noch einmal den Prinzen durch seine Ungeschicklichkeit zu verletzen. Nicht nur, daß er keinem schaden wollte; ein solches Ereignis brächte ihm auch unweigerlich selbst großen Ärger ein, und vermutlich würden sie ihm den Bogen letztendlich auch wegnehmen.
Und sich anschließend an Legolas wenden.
Eigentlich war das Inuels Hauptsorge: Wie würde sich ihre Bekanntschaft auf den Prinzen auswirken? Zwar spürte er, daß Legolas ihn durch die Rückforderung des Amuletts nicht fortschicken wollte. Doch wie stellte sich der Prinz denn eine Freundschaft unter diesen Umständen vor?
Inuel war ein Ausgestoßener in seinem Volk, inzwischen nicht nur innerlich, sondern sogar äußerlich gekennzeichnet. Unweigerlich ergäben sich negative Folgen für Legolas, wenn sie weiter Kontakt hätten. Der Bogen und damit verbundene geplante Waffenunterricht stellte ein Symbol dar für diesen Kontakt. Eine einfache Logik: Zerstöre das Symbol, zerstöre den Kontakt.
Zerstöre den Kontakt, zerstöre die Freundschaft.
Samt allen Erinnerungen.
Als der Junge die Waffe vorsichtig auf den feuchten Boden legte, fuhr er mit sanften Fingern über das glatte Holz. Es war ein Abschied, aber kein endgültiger. Ein Rückzug, aber keine Kapitulation. Ein unentschlossener, feiger Ausweg, und Inuel wußte das. Er fühlte sich erleichtert.
Inuel wollte die Erinnerungen behalten.
Und auch die Hoffnung.
Sich mit einem hohen Satz ins Geäst zu schwingen und lautlos zu verschwinden, war schwierig gewesen. Inuel war davon überzeugt, daß der Prinz tief in Gedanken versunken sein mußte, weil er ihn nicht hörte. Als Legolas sich umdrehte und erst verwirrt, dann verloren auf den Bogen starrte, wäre der Junge beinahe zu seinem Freund zurückgekehrt. Er glaubte, in dem offenen Gesicht Unglauben, Bestürzung, Reue und Trauer zu lesen. Und Einsamkeit. Einen winzigen Augenblick nur, bis Legolas sich nach dem Bogen bückte. Als er sich aufgerichtet hatte, waren seine Züge steinern und verschlossen gewesen.
Inuel seufzte.
Damals hatte sich sein Herz angefühlt, als wäre eine eisige Lanze hindurch gefahren. Und sie schien stecken geblieben zu sein, denn seither befand sich der Junge in einem Zustand pausenloser Unruhe, die hauptsächlich auf seine Sorge um Legolas zurückzuführen war. Zu Recht machte er sich selbst alle möglichen Vorwürfe, da er ahnte, daß Legolas durch sein Handeln viel stärker verletzt worden war, als eine Waffe es je vermochte.
Außerdem handelte es sich um eine verborgene Wunde, deren Schmerz kein Heiler lindern könnte.
Inuel allein kannte den Dorn, welcher dem Prinzen zu schaffen machte. Er spürte auch, daß er auf fruchtbaren Nährboden gefallen war. Vielleicht wäre es ihm möglich, das häßliche Gewächs zu entfernen, ehe es Wurzeln schlug und Legolas von innen her zerfraß.
Dazu mußte er lediglich in den Palast gehen, das Quartier des Prinzen ausfindig machen, anklopfen und sich entschuldigen, mehr nicht.
Das Problem lag bei Schritt eins: Der einzige Zugang, die weiten Palasttore im Steilhang, wurde durch einen Zauber geschützt. Nur geweihte Elben konnten sie öffnen. Nun erhielten Elben, sobald sie ein Recht auf Zutritt erwarben (als Händler zum Beispiel), einen Siegelring, auf den das Tor reagierte. Inuel hatte einen gestohlen und es versucht, aber scheinbar funktionierten die Ringe auch nur mit ihrem rechtmäßigen Träger. Und er selbst besaß natürlich keinen. Was hätte er auch im Schloß zu suchen?
Nachträglich setzte der Junge einen weiteren Punkt auf seinen Plan: den Wachen ausweichen.
Seine einzige Hoffnung bestand darin, unbemerkt mit der frühen Lieferung in den Schloßkeller zu gelangen und sich von dort aus vorzuarbeiten. Und schon hörte er die schweren Schritte und klagenden Stimmen der Arbeiter von letzter Nacht. Entweder hatte ihre Aufgabe den Transport gleich mit eingeschlossen, oder sie hatten einfach ausgesprochenes Pech in Auslosungen.
Ihre Worte legten letzteres nahe: "Ich sag's dir, die haben gemogelt."
"Kannst du's beweisen?" erwiderte eine scharfe Stimme.
"Wie denn?" fuhr ihn der erste in rauhem Ton an. "Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich die Hose richtig rum anhabe."
Jammernd piepste eine jüngere Stimme: "Müßt ihr so schreien? Mein Schädel platzt gleich."
"Will nur mal wissen, was in dem Faß war", stimmte der Scharfstimmige zu.
Ein Grunzen, dann wieder der rauhe Ton: "Was immer, es war viel zu viel für acht. Wo sind die anderen?"
"Hast du's nicht mitgekriegt?" piepste der Jüngere. "Nur wir drei, das reicht zum Führen."
Eine Weile blieb es still, bis auf die Geräusche der Vorbereitungen. Schließlich ertönte wieder die scharfe Stimme, deren Inhaber anscheinend der Nüchternste war: "Alles klar?"
"Stockdunkel im Wald", grummelte der rauhe Ton.
"Dafür sind die Fakeln da. Los jetzt, aber trödelt ein bißchen. Wenn wir zu früh da sind, müssen wir allein ausladen."
Der erste Ruck warf das schwere Faß so heftig gegen Inuels Knie, daß er um ein Haar aufschrie. Nur mit Mühe unterdrückte er ein Stöhnen, verrenkte seine steifen Beine ein wenig mehr und ergab sich in das schier endlose Gerumpel, Gedrück und Gehopse. Unter den Bäumen blieb es tatsächlich finster, und von dem Fackelschein hatte Inuel nicht viel. Das war ihm aber auch egal; schließlich war er nicht zur Besichtigung der Umgebung hier.
Irgendwann vernahm er die Lieder der ersten Vögel, und fast im gleichen Augenblick lichtete sich seine Umgebung leicht, als die Wagen aus dem Wald rollten und der zartblaue Himmel die Welt in Dämmerlicht hüllte. Trotz ihrer ausgesprochenen Bummelei erreichten die Führer ihr Ziel eher als geplant.
"Er hat uns absichtlich so früh losgeschickt", maulte der mit dem rahen Ton. "Hat gewußt, daß wir auf jeden Fall zu früh hier sind!"
"Nun halt schon die Klappe, dann wecken wir eben unten jemanden auf!"
Kurz darauf hörte Inuel ein lautes Knarren und war versucht, sich die Ursache anzuschauen. Allein Vorsicht hielt ihn davon ab, und als das Dämmerlicht durch hellen Fackelschein ersetzt wurde, kam er darauf, daß er das Öffnen der Tore vernommen hatte. Noch nie hatte er das Innere des Palastes gesehen, und auch jetzt wagte er sich nicht, die Umgebung zu erkunden. Doch während sie stetig abwärts fuhren, beschlich ihn im rötlichen Licht der unzähligen Flammen ein herrliches Gefühl von Geborgenheit. Als käme er endlich nach Hause.
Nach und nach weiteten sich die Abstände zwischen den Fackeln, und als der Wagen ohne Vorwarnung in einem helleren Raum zum Stehen kam, wußte Inuel, daß sie ihr Ziel erreicht hatten. Er lauschte.
Sanfte Schritte näherten sich, dann erklang eine neue Stimme, tief und besorgt: "Bei den Valar, ihr seht mitgenommen aus. Wurdet ihr angegriffen?"
Mit rauhem Ton antwortete der mittlere Führer: "Gewissermaßen."
"Wer war es? Habt ihr schon Meldung erstattet?"
Inuels Wagenführer räusperte sich, doch der Vorderste behauptete scharf: "Sorge dich nicht, der 'Angreifer' wurde bereits vernichtet."
"Ach ja? Nun, was für ein Feind war es?" Dem neugierigen Zweifel in seiner Stimme begegnete nur peinliches Schweigen. "Hey, du da hinten", fuhr er fort, "was war es? Sag schon!"
"Äh", stammelte der Jüngste eingeschüchtert. Piepsig gab er zu: "Um-um ein Wein… ein Weinfaß."
Erneutes verschämtes Schweigen, und plötzlich lachte der Neuankömmling laut los. "Ja ja, die Weinfässer werden auch immer listiger", meinte er fröhlich. "Meine ganze Truppe haben sie gestern abend ebenfalls überwältigt! Ihr müßt euch wohl mit mir begnügen."
Das widerwillige Murmeln der drei Verlader erklang gleichzeitig und hatte größtenteils denselben Inhalt.
"Hört auf zu nörgeln", befahl der andere fröhlich. "Steckt die Fackeln in die Wand und kommt her." Einige Schritte waren zu hören, dann bemerkte er nachdenklich: "Die sind ganz schön groß. Zu breit, um sie durch den Eingang zu rollen. Wir müssen sie längs durchtragen."
"Sie sind so schwer, daß immer vier sie tragen müssen. Da werden wir ja nie fertig", murmelte die rauhe Stimme.
Der Fröhliche ließ sich davon nicht beeindrucken. "Es sei denn, wir fangen gleich an. Los, kommt schon … bereit? … Auf drei … eins, zwei, drei!"
In seinem Versteck lauschte Inuel dem Poltern, Stöhnen und Fluchen, den verklingenden Schritten und dann der Stille. Endlich kletterte er aus seinem Versteck und sah sich in der Höhle um. Es war keine große Höhle, eigentlich nur ein verbreiterter Gang, in dem die Karren nicht einmal wenden konnten. Vermutlich würden sie geradeaus weiterfahren und in einer Schleife wieder zum Ausgang gelangen. Der Durchgang, welcher den Verladern Probleme verursachte, befand sich an der rechten Wand und schien tatsächlich kaum einen Meter breit.
Plötzlich hörte der Junge die Elben zurückkehren. Hastig sprang er vom Rand und rollte sich unter den Wagen. Durch die Fackeln lag er im tiefsten Schatten; dennoch beobachtete er die vier muskulösen Männer ängstlich. Bald darauf verschwanden sie murrend erneut durch das Tor, woraufhin Inuel sein Versteck verließ und den breiten Gang entlang rannte, den die Wagen gekommen waren.
Von da an bestand der Tag für ihn nur noch aus lauschen, rennen, lauschen, schleichen, lauschen, ausweichen, lauschen, verstecken und immer wieder lauschen. Gelegentlich fing er Gesprächsfetzen auf, die ihm aber nicht sonderlich hilfreich waren. Sie hatten etwas mit einem baldigen Fest zu tun. Niemand sprach von Legolas.
Viel später, als sich schon eine träge Müdigkeit über ihn senkte, drang Inuel allmählich in bewohnte Bereiche vor. Ihm war klar, daß der Prinz sicher nicht in den Kellergewölben zu finden war; gleichzeitig aber fürchtete er die Elben in den ständig erleuchteten Hallen und Gängen. Würde er entdeckt, erhielte er mit Gewißheit keine zweite Chance.
Vor der nächsten Ecke hielt er inne, da er eilige Schritte vernahm. Besorgt schaute er sich nach einer dunklen Nische um, die er nicht fand. Da blieb nur klein machen und hoffen. Doch noch ehe er sich an die Wand drücken konnte, sprang ein Elb scharf um die Ecke und direkt in Inuels Arme.
Sein Herz schlug so wild, als wolle es aus seiner Brust springen, und sein Verstand suchte fieberhaft nach einem Ausweg. In der Zwischenzeit übernahmen seine Reflexe die Kontrolle, so daß er sich zur Seite drehte und den vorbeistolpernden Elben an den Oberarmen packte, um seinen Sturz zu verhindern. Vielleicht erwartete er etwas Dankbarkeit, wie Elben sie höflicherweise in solchen Momenten zeigen, ehe er hochkantig aus dem Palast geworfen wurde.
Was er nicht erwartete, war die unvernünftige Unachtsamkeit, mit welcher er abgeschüttelt, weggestoßen und beleidigt wurde. Bevor seine Verwirrung sich durchsetzte, war der andere schon beinahe außer Sicht.
"Halle?" murmelte er. Und kurz darauf: "Prinz?"
Plötzlich wurde ihm klar, daß er während der Berührung die Gedankenfetzen des älteren Elben aufgefangen hatte: Er war unterwegs zu Legolas! Sofort setzten sich Inuels Beine in Bewegung, dem rennenden Elben hinterher, und im Stillen bedankte er sich wieder und wieder für die abendlich leeren Gänge.
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Während der Junge noch nach Stunden wie verzaubert den glitzernden Ball an der Decke bestaunte, erfaßte ihn eine leichte Unruhe. Zuerst glaubte er, seine Instinkte warnten ihn vor einer Gefahr, welche er mit den Sinnen noch nicht erfassen konnte – wie in den letzten Stunden unzählige Male. Daher zog er sich von der Ecke zurück und wurde so still, als verschmelze er mit dem Fels seiner schattigen Nische zu einer Einheit. Bisher hatte er dadurch jede Entdeckung vermieden, was er für pures Glück hielt. Dafür dankte er dem Himmel mit jedem Atemzug.
Nichts in seiner Umgebung veränderte sich, und dennoch nahm der innere Aufruhr zu.
Verunsichert lunste Inuel um die spitze Ecke, suchte den Boden der leeren Halle ab, welcher von der schimmernden Lampe hell angestrahlt wurde, dann hob er seinen Blick zu den Galerien, die er von seinem Platz aus sehen konnte. Niemand war zu sehen, nicht einmal Wächter, woraufhin der Junge sich beruhigte. Vielleicht sollte er langsam mit der Suche nach dem richtigen Quartier beginnen, ehe die Leuchtkugel wieder den Tag ankündigte …
Da hörte er den Schrei.
Das Geräusch klang nur gedämpft und verzerrt zu ihm, doch er erriet die Ursache auf der Stelle und sprang ohne nachzudenken aus seinem Versteck. Ein lautes Krachen und Scheppern wies ihn auf den Tumult auf der obersten rechten Galerie hin. Noch hatte er nicht einmal die genaue Position ausgemacht, als eine dunkle Silhouette über die Brüstung der sechsten Ebene plumpste.
Hatte jemand den Prinzen angegriffen? Dann schien der Angreifer so gut wie überwältigt … Inuel verharrte und beobachtete den schwarzen Stoffhaufen, als der sich aufrappelte und fast rechtwinklig zu ihm über das riesige Gemälde preschte. Sollten sich die Wachen um den kümmern; Inuel brauchte sich nun wirklich nicht mit Attentätern anzulegen.
Suchend richtete er den Blick wieder zur Galerie hinauf, wo er nun einen weiteren, wegen Entfernung und scharfem Winkel eher undeutlichen Schemen ausmachte. Edel, aber gleichzeitig irgendwie gebückt. Inuel wußte, daß es sich nicht um den Prinzen handelte. Aber wer …?
"Legolas!" schrie der Mann aus vollem Halse.
Nur träge setzte Inuel die Teile zusammen, während er von dem edlen Schemen zum irr davonrasenden Stoffhaufen blickte. Legolas? wiederholte sein Geist das Wort. Er sah genauer hin und entdeckte, daß der dunkle Stoff keine Kleidung darstellte, sondern der Träger sich in peinlicher Weise darin verheddert hatte und durch sein Stolpern, Fallen, Aufrappeln und Umsichschlagen den Zustand nur verschlimmerte. Der Stoff sah aus wie ein Vorhang.
Ein dicker, schwerer, lichtundurchlässiger Vorhang.
Endlich klickte es in Inuels Verstand, so plötzlich, daß das Geräusch ihn fast betäubte, und er sprintete hastig dem Prinzen hinterher, noch während er den Ruf des Königs wiederholte: "Legolas!"
Bildete er es sich nur ein, oder hielt der eingewickelte Prinz kurz inne? Falls er es tat, währte der Moment nicht lange. Er rannte weiter, und Inuel rief noch einmal, lauter: "Legolas! Warte! So nimm doch den Vorhang vom Kopf! Legolas!"
Diesmal erreichte er tatsächlich ein Resultat: Der Prinz stoppte, drehte sich und kam ihm dann, so gut es blind und verwirrt eben ging, entgegengelaufen. Schnell richtete Inuel seine Schritte in die richtige Bahn, fing den Größeren wenige Sekunden später mitten im Lauf ein und riß ihn durch die Kraft seines eigenen Schwungs unsanft zu Boden.
Augenblicklich begann der Prinz zu kämpfen, lautlos bis auf die gedämpften, stoßweisen Atemzüge. Er zog die Knie ruckartig an und erwischte Inuel in der rechten Seite, als sich der Junge über ihn beugte und nach einem Ende des Stoffes suchte. Mit den unter dem Vorhang gefangenen Armen konnte er nicht viel anfangen, obgleich er versuchte, den vermeintlichen Angreifer durch den Stoff hindurch zu schlagen.
Inuel redete unentwegt auf ihn ein, mehr um in durch eine vertraute Stimme zu beruhigen denn etwas mitzuteilen, bis er endlich einen Saum zu fassen bekam und kräftig daran zog. Dadurch rollte der Prinz auf den Bauch, bekam seine Hände unter die Brust und stemmte sich aufwärts. Die Flucht gelang nur deshalb nicht, weil er die Arme unter dem Stoff nicht weit genug strecken konnte, doch ehe er sich dessen bewußt wurde, fing ihn der Junge wieder in einem sicheren Halt, Legolas' Rücken gegen seine schmale Brust gedrückt, und hob das schwere Tuch von seinem Gesicht.
Selbst im falschen Mondlicht konnte er deutlich die Blässe des Prinzen ausmachen; vielleicht wurde sie durch die fahle Beleuchtung sogar noch verstärkt. Legolas zitterte so stark, daß Inuel den Vorhang als Decke benutzte, obgleich er ahnte, daß sein Freund keineswegs fror. Seine Augen blieben zusammengekniffen, wie um sie vor schlimmen Bildern zu verschließen.
"Legolas", sprach er ihn sanft an, "öffne die Augen." Da der Prinz nicht reagierte, änderte Inuel seinen Sitz, um ihn seitlich zu halten, während er mit der rechten Hand zart über das blasse Gesicht fuhr. "Schon gut, es ist nicht dunkel. Da ist ein Vollmond oder so, Legolas! Schau doch."
Zaghaft hoben sich die Lider. Das erste, was Legolas erblickte, war wahrhaftig die silbergrün strahlende Kugel Tinu. Dadurch ließ sein Zittern nach, und als sein Blick wanderte, traf er auf ein weniger rundes, aber doppelt so hell leuchtendes Elbengesicht. Zweifelnd hob er die rechte Hand, um sich zu beweisen, daß es sich nur um einen weiteren Traum handelte, welcher sich bei der ersten Berührung auflöste.
Seine Finger strichen unerwartet über warme Haut.
"Inuel …"
Die drei Silben klangen beinahe kläglich, doch das nahm der Junge gar nicht wahr. Er hörte nur Erleichterung, und sein eigenes Herz reflektierte sie ungebrochen. "Na", erkundigte er sich lächelnd, "besser jetzt?" Inzwischen fing sein Gehör die nahenden Schritte der Wache auf. Anscheinend hatten sie dem direkten Weg des Prinzen lieber nicht folgen wollen … "Du solltest wirklich nicht Blinde Kuh spielen", ermahnte er seinen Freund ernsthaft und zupfte leicht die provisorische Decke zurecht. "Besonders nicht nachts. Du mußt doch wissen, wie gefährlich das ist … Legolas?"
Dem Prinzen waren die Augen zugefallen. Noch immer konnte er keinen klaren Gedanken fassen, aber er lauschte der beruhigenden Stimme seines Freundes und schmiegte sich unmerklich enger an dessen Körper, als ihn eine Welle äußerster Zufriedenheit erfaßte. Schritt für Schritt lotste sie ihn in einen entspannten Schlaf, wie er ihn seit einer Woche nicht mehr erlebt hatte.
Was erzählt er da von Fässern und Kühen? Er konnte die Worte nicht richtig erfassen. Ich werde ihn später fragen … entschied er betäubt. Morgen. Ja, morgen früh, wenn er das Frühstück macht … da frag ich …
Inuel hörte die Elbenschritte, bedachte aber nicht, daß sie viel leiser gingen als er. Die kaum aufgesetzten Füße, welche er noch einige Meter entfernt wähnte, hielten unvermittelt links neben ihm. Zur gleichen Zeit spürte er etwas Kaltes im Nacken und hörte ein tiefe Stimme befehlen: "Nicht bewegen!"
Wenngleich gut gemeint, erschreckte die Handlung den Jungen so enorm, daß er zusammenfuhr und automatisch das Gesicht der Stimme zuwandte, wodurch er die Seite seines Halses versehentlich an der scharfen Schneide der Klinge entlang zog. Zuerst spürte er gar nichts außer der Kälte des Metalls, und die Augen des Wachmanns wirkten so überrascht, daß er sich wunderte, was ihn so fesselte.
Plötzlich fühlte er eine klebrige Wärme seine Schulter hinabrinnen. Verwundert hob er die rechte Hand, tastete nach der Flüssigkeit und starrte schließlich verständnislos auf seine bluttriefenden Finger. Erst dann setzte der reißende Schmerz ein, begleitet von einem bestürzten Gurgeln aus seiner eigenen Kehle.
"Verdammt!" Alachel fluchte ein paar elbische Sätze, als er seinen Schreck überwand, den langen Dolch in die Scheide steckte und sich auf die andere Seite des Prinzen kniete. "Das ist ja noch ein Kind", meinte er zu seinen gleichfalls verdutzten Gefährten. Danach zu Inuel: "Bist du taub, oder was? Ich habe gesagt: Nicht bewegen! Wie bist du überhaupt hier reingekommen? Laß los, Junge …"
So sehr er auch versuchte, den Prinzen hochzuheben, Inuels verkrampfter Griff hielt den schlafenden Elben fest an seinem Platz. Als Alachel den Blick hob, sah er die Taubheit eines Schocks in den trüben Augen geschrieben und verkniff sich nur mühsam weitere Flüche. Mit rohen Bewegungen preßte er die Rechte des Jungen auf dessen Halswunde, aus welcher im Rhythmus seines aufgeregten Herzschlages beachtliche Blutbäche spritzten.
"Festhalten", befahl er ihm. Dann drehte er sich zu einem Wachmann um: "Schaff meinen Sohn hierher, er muß schon unterwegs sein, und gib auch Selebist Bescheid; das scheint ein ziemlich tiefer Schnitt zu sein." Noch einmal griff er nach Legolas. "Was willst du mit ihm? Loslassen, Junge!"
Inuel ließ die Hand vom Hals auf die Schulter des Prinzen fallen.
"Nicht da!" fuhr ihn der Wachmann an, der zu spät bemerkte, daß es sich nicht um boshaften Trotz handelte. Kurz nach der Hand kippte auch der Oberkörper des Jungen vorwärts, so daß sein Blut direkt in Legolas' Haare floß.
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A/N: So, und jetzt wißt ihr auch, warum ich im letzten Kapitel nicht mit dem Sturz des Prinzen als Cliffhanger geendet habe. Will euch das ja nicht gleich zweimal nacheinander antun. ^^" Für alle Zweifler: Die Wunde ist tatsächlich tief, da der Junge rückwärts zuckte und der Wachmann angesichts der plötzlichen Bewegung kräftig Widerstand bot. Sorry, aber wenn schon, dann richtig. *grins*
Freut sich der Ork, amlugwen? ^.~
Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, daß ich hierin was Unlogisches verzapft habe, aber ich kann es einfach nicht finden. Na ja, vielleicht findet ihr ja was Unglaubhaftes. Bitte schreibt es mir dann, okay? Auch auf alle anderen Fragen freue ich mich wie immer. ^^
Eure Mel
