A/N: Habe ich neulich nicht mal erwähnt, ich wollte euch nicht gleich zweimal nacheinander mit einem Cliffhanger ärgern? Ja? Ähm … ups. ^^" Ich schwöre, das war nicht vorgesehen, hat sich einfach so ergeben! ^^
@ Sally: So, du wußtest das? Seltsam, amlugwen auch – wenn ich so leicht durchschaubar bin, muß ich wohl *noch* undeutlicher schreiben. ^.~ Und auch hier wieder ein MEGA-Stolzproblem. Du hast meine Erlaubnis, stinksauer zu werden. ^.^ (Ich war's auch. *grins*)
@ amlugwen: Ja, er hat Ivanneth verloren UND ist an Tinu 'hängengeblieben'. Erinnern wir uns, daß es noch 'Tag' war, als der Lehrling bei Legolas auftauchte. Demzufolge war es noch ziemlich hell, als er Inuel in die Halle führte, und dort waren noch Elben unterwegs. Daher hat sich der Junge erst einmal versteckt gehalten, und vom Versteck aus eine Weile den künstlichen Stern beobachtet, bis es dunkel wurde (und länger).
@ Leahna: Entschuldige schon mal im Voraus, bitte. Ich hab's versucht, aber angesichts der Situation konnte ich den König einfach nicht zügeln. *seufz* Vergeben wir ihm wegen mildernder Umstände?
Disclaimer: Nichts neues bis jetzt, alle außer Legolas und Thranduil gehören zu mir.
Rating: PG-13 (für böse Absichten)
___________________
Der Name der Macht
Kapitel Drei
Thranduil wandte sich vom Geschehen ab, stolperte fluchend über die Scherben und rannte eilig die sechs langen Treppen hinab ins Erdgeschoß, dann durch einen schier endlosen Gang bis zu einem abgelegenen Teil im Osten der Stadt, wo sich die Krankenzimmer und der Notfallsaal befanden. Als er dort eintraf, brüllte Selebist bereits Anweisungen, und keine zwei Sekunden später trug Alachel im Laufschritt den blutüberströmten Prinzen zum nächsten Bett.
"Bei allen Valar", murmelte der Heiler in die entsetzte Stille. "Ein Attentäter?"
Kurz darauf stürmte eine weitere Wache mit dem ebenso blutigen Jungen in den Saal, doch während bei Legolas nur die Sachen rot durchtränkt waren, triefte aus der notdürftig bandagierten Halswunde des Jüngeren unablässig Blut, und sein Gesicht war aschfahl. Selebist würdigte ihn keines Blickes, sondern prüfte besorgt die Atmung des Prinzen.
"Selebist", ergriff der König seinen Arm. Als sein Freund zu einer beruhigenden Antwort ansetzte, deutete Thranduil auf das Nebenbett: "Der Junge zuerst."
Ohne Widerspruch, aber mit grimmigem Gesicht wandte sich der Heiler dem anderen Patienten zu. Der Junge war in schmutzige alte Lumpen gehüllt, ebenso wie Legolas' Kleidung von der warmen Flüssigkeit durchtränkt, und hatte ungepflegtes, kurzes Haar. Auf die offensichtliche Schlußfolgerung reagierte Selebist mit einer Grimasse, verbiß sich aber den Kommentar und befreite den Schnitt von dem glitschig roten Tuch.
Augenblicklich sickerte stoßweise Blut aus der Hauptader, nicht mehr so stark wie zuvor, doch mit jedem Herzschlag wurde eine weitere Portion Leben aus dem schmächtigen Körper gespült. "Wie lange?" erkundigte sich der Heiler bei Alachel, während er mit Hilfe einiger Schwestern die Wunde in wenigen geübten Griffen schloß und behandelte.
Der Wachmann zuckte mit den Schultern: "Fünf, zehn Minuten vielleicht."
"Wird er überleben?" fragte Thranduil besorgt, zum großen Erstaunen der übrigen Anwesenden.
Einen Moment zögerte der Heiler und suchte den Blick des Königs. "Er hat ziemlich viel Blut verloren", bemerkte er neutral.
"Das wollte ich nicht wissen", schoß der jüngere Mann gereizt zurück. Mit einer Hand öffnete er das linke Lid des Jungen. Grüne Augen … "Du mußt ihn retten!"
Selebist trat einen Schritt zurück, wobei er abwehrend die Hände hob. "Schon gut, er wird nicht sterben, nur ein paar Tage mächtig erschöpft sein." Und endlich sprach er nach einem Blickwechsel mit Alachel aus, was alle heimlich dachten: "Majestät … hat er nicht für den Angriff die Todesstrafe verdient?"
"Was für ein Angriff?" murmelte Thranduil abwesend, während er die Gesichtszüge und Haare des Jungen eingehender studierte. Ich bin mir ganz sicher, dachte er überrascht. Ich kenne dieses Gesicht … wenn ich mich nur erinnern könnte, woher … Und was hat er mit Legolas zu schaffen?
"Den Angriff auf Prinz Legolas natürlich."
Damit erhielt er endlich die Aufmerksamkeit seines Freundes. Doch der winkte nur ab: "So ein Unsinn; er hat ihn nicht angegriffen. Allerhöchstens hat er Schlimmeres verhindert!" In einer eiligen Geste drehte er sich zu seinem Sohn um und strich ihm die blutigen Haarsträhnen aus dem Gesicht. "Und was ist überhaupt mit Legolas passiert? Wieso im Namen der Valar ist er von der Galerie gesprungen? Ist er verletzt? Warum wacht er denn nicht auf?"
Verschämt räusperte sich Ivanneth: "Das liegt vermutlich an der Nachwirkung des Schlafmittels."
"War es etwa falsch gemischt?" fragte der König scharf.
Selebist schob den verschüchterten Lehrling zur Seite (der dankbar die Flucht ergriff) und antwortete für ihn: "Nein, das war in Ordnung. Aber wenn Legolas lange nichts gegessen hat, dürften die Kräuter stärker wirken und vielleicht auch große Verwirrung auslösen, wenn er Traum und Wirklichkeit nicht auseinanderhalten kann."
"Große Verwirrung", echote Thranduil tonlos. Dann lauter: "'Große Verwirrung'!? Das nennst du 'große Verwirrung', wenn er mitten in der Nacht so panisch reagiert, daß er über eine Brüstung von der sechsten Ebene fällt?"
Innerlich bezweifelte der Heiler, daß diese Reaktion durch den Kräutertee ausgelöst wurde, doch im Moment erschien es ihm klüger, das besorgte Temperament des Königs einfach über sich ergehen zu lassen, bis die Wut des Sturms abflaute. Ruhig tastete er den Oberkörper des hastig entkleideten Prinzen ab.
Inzwischen schickte Alachel seine Wachmannschaft fort, verharrte aber selbst in der Nähe des Kurzhaarigen, nur für den Fall … Er traute Ausgestoßenen nicht, schon gar nicht, wenn er sie in solch zweideutigen Situationen antraf. Außerdem schien der Junge nicht alle beieinander zu haben, so wie er vorher reagiert hatte.
"Nichts gebrochen", stellte Selebist schließlich fest. "Nur ein paar Prellungen, nichts ernstes. Bei einem Sturz aus der sechsten Ebene hatte er da ziemli–" Als sein Blick flüchtig auf Legolas' entspannte Gesichtszüge fiel, hielt er überrascht inne. Prüfend beugte er sich näher und beobachtete die geschlossenen, reglosen Augenlider und das Fehlen jeglicher Aktivität der übrigen Muskeln.
Thranduil bemerkte das plötzliche Interesse. "Was? Was ist los, Selebist?"
"Möglicherweise hat er innere Verletzungen", stellte der Heiler verwirrt fest. "Es liegt nicht nur am Tee, daß er nicht aufwacht; vielmehr ist Legolas in den Heilschlaf gefallen." Ihn wunderte es aber, daß nichts auf solche Verletzungen hindeutete, was mit einem Male einen anderen Verdacht in ihm wach rief. Eilig erkundigte er sich: "Hat jemand gesehen, wie er aufgeschlagen ist?"
Einstimmiges, besorgtes Kopfschütteln antwortete ihm. Schließlich erklärte der König: "Als ich nach unten schaute, lag er auf der Seite, glaube ich."
"Glaubst du?" Selebist drehte den Prinzen ungeduldig noch einmal auf den Bauch.
Thranduil warf ärgerlich zurück: "Was kann ich dafür; genau genommen lag da bloß ein Haufen Stoff, und ich bin nicht mal sicher, wo sein Kopf in dem Moment war!"
Mit einem besorgten Grummeln tastete der Heiler Legolas' Wirbelsäule ab, konnte aber keine verdächtige Erhebung oder Ähnliches feststellen. "Wie seltsam …" Kurz fuhr er sich über das Kinn, dann zuckte er mit den Schultern und suchte eine kleine, spitze Nadel aus seinen Werkzeugen. Damit stach er den Prinzen in die Haut knapp oberhalb des letzten Halswirbels, nicht tief, aber energisch genug, um eine Reaktion zu erhalten, als der Reiz an das Gehirn weitergeleitet wurde. Befriedigt versuchte er es einen Wirbel tiefer, dann noch einen.
Knapp unter den Schulterblättern versuchte er es dreimal an derselben Stelle.
Nichts.
Alachel trat besorgt von einem Bein auf das andere.
Thranduil schluckte schwer.
Selebist seufzte.
"Dagegen kann ich nichts machen", gab der Heiler kleinmütig zu.
"Ist", begann der König leise. "Ist das … permanent?"
"Nicht, wenn er ruhig liegen bleibt", schüttelte der Ältere den Kopf. "Was sein Körper, dank Eru, zu wissen scheint. Aber wie lange die Heilung braucht, liegt allein bei ihm. Ich kann höchstens den Schmerz lindern."
Einen Augenblick schwieg Thranduil, ehe er verwundert fragte: "Wie konnte er mit der Verletzung noch herumlaufen?"
"Ist er das?" Selebist wirkte ebenfalls verblüfft. "Dann muß es sich um eine innere Schwellung handeln … Das Rennen hat sie vielleicht noch verschlimmert." Seine Stirn legte sich in Falten, als er entschied: "Ich muß ihm etwas zur Verdünnung des Blutes geben, sonst gerinnt es über dem verletzten Nerv." Sofort gab er einer Schwester die entsprechende Anweisung, und sie eilte nickend davon.
Nicht viel später sank Thranduil nach einigen wortreichen Flüchen müde auf den nächsten Stuhl. Selebist nahm neben ihm Platz, während sich der Raum zunehmend leerte, da die übrigen Patienten in ihren jeweiligen Räumen ruhten, und andere Notfälle gab es zur Zeit nicht. Die Schwestern nahmen ihre routinemäßigen Kontrollen wieder auf.
"Darf ich nun endlich erfahren, was los war?" forderte Selebist mit seiner üblichen Unverblümtheit.
Thranduil nickte. "Es ging so schnell, daß ich ihn nicht greifen konnte. Kaum hab ich erkannt, was los war, fiel er auch schon." Mit tiefer Stimme befahl er: "Du wirst ihm nie mehr diese Mixtur geben, klar? Was immer es war, es hat ihn so verstört, daß er nicht einmal merkte, wie er sich in dem verfluchten Vorhang verhedderte. Geschweige denn, den Stoff abwarf."
"Was", begann Selebist unerwartet zu kichern, "willst du damit sagen? Er ist mit einem Sack über dem Kopf durch die Halle gehechtet?"
Ernst wiegte der König den Kopf angesichts des drohenden, völlig unangebrachten Lachanfalls. "Daran kann ich überhaupt nichts Lustiges finden", warnte er scharf.
Selebist hielt inne, als er den Ton richtig deutete: Halte dich zurück, mein Freund. Das hier geht unter die Gürtellinie. Nickend deutete er auf das entferntere Bett: "Was ist mit dem da?"
Eine Weile studierte Thranduil den schwach atmenden Elben. "Da bin ich mir nicht sicher. Aber als er Legolas beim Namen rief, hat er reagiert. Anders als bei mir … Und nicht nur das, er ist auch noch direkt zu ihm abgebogen, obgleich er nichts sah."
"So", leitete der Älteste im Raum ein kleines Schweigen ein. Und brach es auch zuerst wieder: "Dann kennt er den Jungen."
"Nein, es ist mehr als das." Thranduil legte den Kopf in den Nacken und studierte die hohe Decke. "Auch mich kennt er. Aber dem Jungen vertraut er anscheinend."
Nach einem Moment mischte sich Alachel in das Gespräch: "Das stimmt, Majestät. Hier, sehen Sie." Ruhig trat er an die Seite des Prinzen und hob dessen linke, zur Faust geballte Hand an, um den beiden Männern deren Inhalt zu zeigen. Die verkrampften Finger krallten sich um einen dunklen, rauhen Stoffetzen, welcher kurz vor dem Handgelenk sauber von seinem Ursprung abgetrennt worden war.
"Was ist das, Alachel?"
Per Daumen deutete der Wächter über seinen Rücken: "Fetzen von dem da. Majestät", begann er in beunruhigtem Tonfall, "zuerst konnte ich den Prinz nicht hochheben, weil der Kleine so stark zupackte. Nichts zu machen, als wären sie irgendwo zusammengewachsen." Er strich sich nervös durch die Haare. "Dann verlor er das Bewußtsein, und ich dachte: Prima, jetzt! Trotzdem mußten wir noch zu dritt seinen Arm aufbiegen. Ach ja", wandte er sich an den Heiler, "wir haben ihm vielleicht die Schulter ausgekugelt."
Murrend erhob sich Selebist und schaute nach. "Nein, die ist in Ordnung. Was ist mit dem Stoff?"
"Nun, nachdem wir den Prinzen endlich frei hatten, wollte ich ihn hochheben, aber sie waren immer noch wie festgewachsen. Nur war es nicht der Junge, sondern Prinz Legolas hat sich verzweifelt an sein Hemd gekrallt. Ich mußte es schließlich durchschneiden, um ihn davon zu trennen."
Drei nachdenkliche Augenpaare wandten sich dem kurzhaarigen Elben zu.
"Ich kenne den Kerl nicht", gab Alachel zu. "Hat der Prinz ihn in den Hügeln aufgegabelt?"
"Hm …" machte Thranduil versonnen.
Selebist fuhr herum bei dem Ton: "Ich weiß, was du denkst", behauptete er, als er das verräterische Funkeln in den hellen Augen sah.
"Osuldar …"
"Aber dafür ist er zu alt", stellte der Heiler mit niederschmetternder Beweiskraft fest.
Thranduil ließ die Schultern sinken. "Ja, du hast recht."
"Nichtsdestotrotz", tröstete Selebist seinen Freund, "scheint er auf Legolas einen guten Einfluß zu haben, wenn ich dir glauben kann. Vielleicht wäre es keine schlechte Idee, ihn eine Weile hierzubehalten."
Erneut stahl sich ein Hoffnungsschimmer in den Blick des Königs. "Ja, das machen wir. Er soll die ganze Zeit bei meinem Sohn bleiben."
"Aber Majestät!" protestierte Alachel entschieden.
"Er bleibt! Du wirst ein Auge auf ihn haben, aber niemand außer mir, Legolas oder er selbst darf entscheiden, wann er geht. Ist das klar?"
Widerwillig salutierte der Wachmann. "Jawohl, Majestät."
Kurz darauf entschied der Heiler, daß er sich noch ein wenig Nachtruhe gönnen wollte. Auch Thranduil begab sich in sein Gemach, durch seinen Freund überzeugt davon, daß der Prinz noch lange schlafen würde. Gähnend überließ er seinen Sohn und dessen neuen Freund dem sicheren Schutz Alachels und versprach, als erstes am neuen Morgen hereinzuschauen, ehe er ging.
Alachel postierte sich zwischen den beiden Betten, zur Abwechslung mal hellwach. Allerdings galt seine Vorsicht nicht der Gewährleistung des Schutzes für beide vor eventuellen Angreifern, sondern einzig dem Schutz des Prinzen vor dem unberechenbaren Jungen.
Mißmutig lauschte er den zunehmend gurgelnden Atemzügen. Selebist hatte ihm erklärt, der Schnitt hätte die Luftröhre des Jungen angeritzt, wodurch vielleicht etwas Blut in den Atemweg geriet, nun da es nicht mehr aus der Wunde konnte. Das sei aber ungefährlich, würde höchstens den einen oder anderen Hustenanfall auslösen, wenn sich der Kleine verschluckte. Und nach einer Stunde oder zweien müßte sich auch das geben, wenn die Heilung einsetzte.
So tief … dachte Alachel. Aber er spürte keine Reue. Immerhin hatte er den Jungen gewarnt; was konnte er denn dazu, daß der Bengel sich so unvorsichtig gegen die Klinge warf? Überhaupt konnte er von Glück reden, daß Alachel ihn bei dem Anblick des bewußtlosen Prinzen in den Armen des lumpigen Strolches nicht sofort geköpft hatte.
Wie konnte nur Thranduil diesen Umgang genehmigen? Bekanntschaft hin oder her, von einem guten Einfluß konnte bei einem Ausgestoßenen ja wohl keine Rede sein! Selbst wenn Legolas die Anwesenheit des Jungen wünschenswert fand, so war doch diese Art von Gesellschaft eindeutig schädlich für ihn. Der König erwies sich bezüglich der Wünsche seines Sohnes manchmal als ein verblendeter Narr …
Alachel seufzte leise. Trotzdem handelte es sich noch immer um den König, und gerade weil er sich so gut mit ihm verstand, würde er seinen Befehlen gehorchen, selbst wider besseren Wissens. Natürlich konnte ihm niemand verbieten, zweifelhafte Entscheidungen zu hinterfragen.
Zu seiner Rechten verstärkte sich das Gurgeln bis zu einem Punkt, an dem der Wachmann um ein Haar eine Schwester suchen wollte. Doch ehe er sich erhob, brach es ab. Alachel lauschte, benötigte aber eine Weile, um erstaunt festzustellen, daß der Junge nicht mehr atmete. Er stand auf und trat ans Bett. Starr wie eine Steinsäule blickte der Wachmann auf den leichenblassen Jungen nieder.
Ist er tot?
Die Worte des Königs hallten in seinem Kopf nach: … er selbst darf entscheiden …
Verstohlen sah sich der Wachmann im großen Saal um. Niemand war zu sehen in der tiefsten Stunde der Nacht. Ich könnte eine Schwester aus den Zimmern holen, überlegte er kühl. Doch statt dessen setzte er sich gemächlich auf den Stuhl an der Wand. Oder ihn wiederbeleben; dafür kenne ich die nötigsten Griffe. Alachel lehnte sich zurück und schloß die Augen. Aber am besten lasse ich einfach ihn entscheiden … ja. Dankbar genoß er die Ruhe. Wer hätte gedacht, daß es so einfach wird?
*******
Schritt für Schritt kämpfte sich Legolas aus der breiartigen Substanz, die seinen Verstand gefangen zu halten schien. Wieso fiel es ihm bloß so schwer, einen klaren Gedanken zu fassen? Er fühlte sich hilflos und haßte den Zustand. Und dann war da noch eine nagende Ahnung, daß er irgend etwas Wichtiges zu tun hätte … doch wie er auch nachdachte, worum es sich handelte fiel ihm einfach nicht ein.
Sein Körper protestierte hartnäckig allein schon gegen den Wunsch, es zu versuchen. Er weigerte sich, auch nur einen Muskel zu rühren, Legolas' fordernden Befehlen zum Trotz. Erschöpft durch die Anstrengung, gab der Prinz schließlich auf und wollte sich zurück in die Ruhe des Schlafes sinken lassen. In dem Moment hörte er in der Nähe ein vertrautes Geräusch. Oder, genauer gesagt: Er hörte es nicht.
Uh … nicht schon wieder, dachte er träge. "Atme, Dummkopf", befahl er mit heiserer Stimme.
Mühsam schlug Legolas die Augen auf und versuchte, ein klares Bild zu erkennen. Als nach und nach die breite Eingangstür der Halle ins Visier rückte, suchte er vergeblich nach einem passenden Fluch. Sein Freund lag auf der anderen Seite. Vorsichtig rollte er auf den Rücken. Zuerst spürte er nichts, da seine Beine sich taub anfühlten, doch langsam begannen sie zu kribbeln. Das Gefühl arbeitete sich aufwärts bis zu seinem Rücken, wo es unerwartet in einem weißen Schmerz explodierte.
Legolas sog zischend die Luft ein, während sich kalter Schweiß auf seiner Stirn bildete. Dann warf er entschlossen den linken Arm über seine Brust, packte die Bettkante und zog sich auf die andere Seite. Der Schmerz ließ nach.
Erst jetzt bemerkte er Alachel, welcher zusammengesunken auf einem Stuhl zwischen seinem und einem anderen Bett saß und anscheinend mal wieder eingeschlafen war. Daraufhin wanderte sein Blick zu jenem anderen Bett und der bleichen Gestalt darauf. Anders als ihn selbst hatte man Inuel nicht umgezogen und zugedeckt, sondern einfach achtlos auf die Decke gelegt, und sein Kopf lag an der Kante des dicken, steifen Kissens gegen die Brust geknickt. Legolas entdeckte auch einen Verband am Hals des Jungen, doch darüber würde er sich später wundern. Zuerst …
Zuerst muß ich mal hochkommen. Ächzend stützte er sich auf den Ellbogen und schob ihn aufwärts, wodurch er Kopf sowie Oberkörper anhob. Als er die Nackenmuskeln spannte, rechnete er mit neuerlichen Rückenschmerzen, doch sie blieben erträglich. Allerdings erfaßte ihn augenblicklich Schwindel, dem Legolas verbissen widerstand, als er sich aufsetzte. Was haben die mir bloß gegeben? fragte er sich, mit einer Hand seinen schmerzenden Kopf haltend.
"Alachel?" sprach er den Hauptmann an. Ein halbherziges Schnarchen antwortete ihm. "Alachel!"
Mit dem heiseren Flüstern hatte er keine Chance, aber der Prinz weigerte sich stolz, lauter zu rufen und womöglich andere auf seine peinliche Misere aufmerksam zu machen. Na gut, er konnte seine Beine kaum fühlen; das hieß noch lange nicht, daß sie nicht trotzdem funktionierten! Mit der Linken schob er die Knie über die Kante und rollte sich unvorsichtig vom Bett.
Später war er sich nie sicher, was ihm stärker zusetzte – der zweite, wirbelnde Schwindel oder die erneute, eisige Explosion? Welches davon raubte ihm beinahe das Bewußtsein, so daß er sich nur knapp an Inuels Bettkante abfangen konnte und dort eine halbe Ewigkeit gegen die blendende Schwärze ankämpfte? Seine Beine trugen ihn nicht, und seine Sinne spielten verrückt.
Außerdem knurrte sein Magen.
Legolas starrte den Jungen vorwurfsvoll an, ehe er registrierte, daß sein eigener Körper das Geräusch verursachte. Endlich kehrten klare Gedanken zurück: Ach ja … ich hab seit Tagen nicht richtig gegessen. Komm schon, Inuel, wach auf – ich hab Hunger!
Während er sich mit einem Ellbogen auf die Matratze stützte und versuchte, sein Gleichgewicht zu halten, holte der Prinz mit der anderen Hand aus und schlug seinen Freund ins Gesicht. Es ruckte zur Seite, schnappte zurück, färbte sich rot und dann noch viel röter, als ein schwacher Hustenanfall eine Menge Blut zutage förderte. Legolas legte dem Jungen seine Hand auf die Schulter, während er sich umschaute. Keine Schwester war zu sehen, aber er wollte nicht rufen und konnte nicht gehen, um eine zu finden. Vielleicht sollte ich Alachel …
"Oh, es geht dir gut", unterbrach ihn ein erleichtertes Flüstern.
Legolas drehte den Kopf zu den matten Augen seines Freundes und – ungeachtet der betäubenden Stiche zwischen seinen Wirbeln – nickte lächelnd. "Aber dir offensichtlich nicht", bemerkte er trocken. Vorsichtig betastete er die Bandage, zog aber die Finger zurück, als Inuel zusammenzuckte. "Was ist passiert?"
Beim Nachdenken fielen Inuel die Augen wieder zu, aber er antwortete rauh: "Ich … hätte mich nicht bewegen sollen. Bestimmt hab ich", seine Stimme wurde leiser, so daß Legolas sich etwas näher beugte, "den Wachmann erschreckt. Ich muß mich … später … entschuldigen."
"Du den Wachmann?" fragte der Prinz. Umsonst; der Junge schlief wieder. Aber Legolas kannte Inuel, ebenso wie die so gut trainierten wie furchtlosen Mitglieder der Palastwache, und konnte sich die Szene jetzt ganz gut vorstellen. "Ich will gar nicht wissen, wer hier wen erschreckt hat", murmelte er. Umsichtig entfernte er das stabile Kissen vom Kopfende, damit sein Freund gerade auf dem Bett lag. "So, das sollte besser sein."
Halb hing, halb kniete Legolas da und betrachtete den schlafenden, normal und leise atmenden Jungen eine Weile. "Ich bin froh, daß du zurück bist, Inuel", gestand er leise, während er mit den Fingerknöcheln über Inuels Wange strich. Es war einfach so langweilig ohne dich. Hoffentlich kannst du mich hören, weil ich nämlich nicht denke, daß ich das laut sagen kann. Ich hab dich vermißt. Du bist so … anders.
Seine Finger fuhren durch die kurzen, schwarzen Haarwellen, welche in Inuels Stirn hingen. Als er sie sanft zur Seite wischte, erkannte er erst, wie anders Inuel war – und was wahrscheinlich sowohl Alachel als auch die anderen Wachmänner, Heiler und Diener von ihm dachten. Womöglich sogar sein Vater.
"Das …" Legolas unterbrach sich und zupfte verlegen an den Haarsträhnen, ehe er tapfer zugab: "Das ist nur meine Schuld. Es tut mir leid."
Legolas schloß die Augen, sammelte seine Kraft und zog sich nach oben, flach auf die Unterarme gestützt. Wann immer er versuchte, das Gewicht auf die Beine zu verteilen, fühlte sich sein Rücken an, als würde er mit dicken Eiszapfen gespickt. Aber solange er sich lediglich auf seine Arme verließ … Plötzlich gewahrte er, wie nahe die Anstrengung ihn an das Gesicht seines Freundes gebracht hatte. Seine letzte Überlegung beherrschte ihn noch, und er führte sie ohne nachzudenken fort: Zaghaft beugte er sich über Inuels Stirn und preßte für einen winzigen Moment seine Lippen auf die warme Haut. "Verzeih mir", wisperte er.
Dann bereitete er sich auf die nächste Explosion vor. Denn er konnte nun einmal nicht im Handstand zurück; also atmete er tief ein, stieß sich mit unterschiedlicher Kraft nach hinten ab und hoffte, daß er sich auf das Bett ziehen könnte, ehe er das Bewußtsein verlor – falls die Drehung ihn in Reichweite seines eigenen Bettes brachte.
Sie tat es nicht.
Aber das erfuhr der Prinz nie.
Sobald sein Gewicht sich verlagerte, brannte das eisige Stechen durch sein Körper. Diesmal war es nicht nur stärker, sondern anders: Direkt auf den Stich folgte ein ziehendes Reißen, welches sich an seinem Rückgrat entlang gleich schnell nach unten und oben bohrte, bis es in roten Punkten vor seinen Augen tanzte. Legolas hatte für einen winzigen Augenblick den faszinierenden Eindruck, entzwei gerissen zu werden. Als schließlich der gepeinigte Aufschrei seiner Kehle entwich, spürte er schon keinen Schmerz mehr.
Er spürte gar nichts mehr.
___________________
A/N: Falls sich unter den Lesern jemand mit mediznischen Kenntnissen befindet oder gerade dabei ist, solche zu erwerben, möchte ich mit bei jenen in aller Form entschuldigen. Alle Übrigen bitte ich, mir nicht blindlings zu glauben, wenn meine Erklärung hier und da etwas zu gelehrt anmuten mag. Ich bin kein Medizinstudent und habe auch dahingehend keinerlei Ambitionen. Alle meine Gedanken beziehen sich auf eigene Erfahrung, etwas Allgemeinbildung und einen großen Anteil Logik. Hinter dem, was ich schreibe, stehe ich, aber ich ihr würdet es nicht in Fachbüchern finden. ^.~
So, dieses Kapitel war zwar nicht sehr lang, aber ich verspreche, das nächste wird euch in der Hinsicht bestimmt erschlagen. ^^" Für beide Fälle, bitte verzeiht!
Eure Mel
