A/N: Okay, hiermit das letzte Kapitel.
Quatsch, reingelegt. *fies grins* Es ist nur das letzte, welches bis jetzt schon fertig geschrieben war. Am nächsten arbeite ich noch, und da auch die Uni morgen wieder losgeht, kann ich vermutlich erst in einer Woche updaten. Dafür ist aber dieses Kapitel in meinen Augen mächtig lang, also bitte verzeiht mir. Außerdem begeben wir uns heute – endlich ^^" – auf den langen Pfad zur Offenlegung von Inuels Vergangenheit. Vielleicht *räusper* … könntet ihr einfach … langsamer lesen? ^.~
@ Eileen: Letztes Mal haben wir uns knapp verpaßt, aber ich bin froh, daß du dabei bist. ^^ Warum Legolas immer sowas passiert? Allgemein würde ich sagen, damit die Storys vorankommen. *grins* In meinem Fall mußte das passieren, damit Inuel ihn findet, denn sein Gemach hätte er *nie* ungesehen erreicht. ^^"
@ Leahna: *aufatme* Da bin ich aber froh, daß du ihn trotzdem magst. Und daß Thranduil auch kein Heiliger ist, wird heute klargestellt. ^.~ Hoffentlich magst du ihn dann immer noch. (Es ist immerhin WIRKLICH lange her. *lach*)
@ nudel: Ja, da ist er wieder, und heute lüften wir sogar ein paar Geheimnisse, obwohl du vielleicht sehr aufmerksam lesen mußt, um es zu sehen. ^^
@ Sally: *gemein* trifft Alachel nicht wirklich, aber lies selbst und finde heraus, was ich damit meine. *grins* Und trotz der Mail noch einmal für alle: Ob Inuel *wirklich* ein Ausgestoßener ist, kann ich nur durch die Geschichte selbst beantworten.
@ amlugwen: Wie versprochen, eine Frage beantworte ich hier: Was soll Inuel mit Osuldar zu tun haben und wieso ist er "zu alt"? – Obwohl Tolkien später entschieden hat, die Elben blieben nach ihrem Tod für alle Zeit in Mandos' Hallen, hatte er zu Beginn seines Schreibens schon im Sinn, daß sie wiedergeboren würden, wenn sie dazu bereit wären. In meiner Geschichte folge ich dieser ersten Fassung, und daher nimmt Thranduil kurz an, Osuldar wäre vielleicht in Inuel wiedergeboren. Da aber der Junge zu alt ist (Osuldar starb erst lange nach dessen Geburt), kann diese Vermutung nicht stimmen.
@ Khair: Toll, daß sich hier auch jemand um die Klamotten sorgt! *lol* Und was Legolas angeht … nah, das tun wir ihm doch (oder sollte ich sagen "noch"?) nicht an! ^.^
Disclaimer: *denk* Könnte es sein, daß wiedergeborene Elben mir gehören? (siehe oben) Was glaubt ihr, wurde Legolas auch schon mal wiedergeboren??? Nicht? *seufz* Tolkien hat ihn direkt erfunden, huh? Dann gehört er wohl immer noch ihm, und ich muß mich mit allen anderen begnügen. ^^"
Rating: PG-13 (wieder mal für Blut und 'detailliertere' Beschreibungen)
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Der Name der Macht
Kapitel Vier
"Prinz Legolas!"
Alachel sprang aus seinem Stuhl und fing den bewußtlosen Prinzen auf, ehe der den Boden berührte. Dummkopf, schalt er beide. Den Prinzen, weil er sich trotz der schmerzenden Verletzung aus dem Bett wagte – und sich selbst, da er damit hätte rechnen und eher eingreifen sollen. Doch nachdem er das erste zischende Einatmen vernommen hatte, war er der festen Überzeugung gewesen, daß Legolas sich nicht weiter rühren würde. Danach war alles viel zu schnell gegangen. Plötzlich hatte der Prinz am anderen Bett gehangen, und der Hauptmann hatte ihn fasziniert beobachtet und sich gehütet, den Jüngeren vorzeitig auf sich aufmerksam zu machen.
Mit einer schnellen Bewegung hob der Hauptmann seinen Herrn auf dessen Lager, und ehe er zum ersten Schritt ansetzte, kam auch schon ein dürrer Arzt in den Saal gelaufen.
"Wer hat geschrien?" rief er aufgeregt. "Was ist passiert?"
"Prinz Legolas ist aus dem Bett gesprungen und hat beim Auftreten durch die Schmerzen sofort wieder das Bewußtsein verloren", erklärte Alachel knapp. Mehr oder weniger entsprach das ja der Wahrheit.
Auf seinem Weg packte der Arzt das halb leere Glas mit dem inzwischen abgekühlten Schmerzmittel. "Er sollte sich doch nicht rühren!" protestierte er. Dann flößte er dem Prinzen den restlichen Tee nach und nach ein, drehte ihn vorsichtig auf eine Seite und zerrte das leichte Hemd aus der Hose, um den Rücken zu betrachten. "Hm …" machte er schließlich.
"'Hm'?" wiederholte Alachel alarmiert. "Was soll das heißen; ist es schlimmer geworden?"
Ohne zu antworten rollte der Arzt den Prinzen ganz herum, legte aber das Kissen so unter seinen Bauch, daß die Verletzung am Rücken nach außen gedrückt wurde. Beunruhigt schaute Alachel zu, wie eine zuvor nicht vorhandene Beule auftauchte und plötzlich von innen orange anlief.
"Was ist das?" fragte er unsicher und drehte sich zum Ausgang. "Ich hole Selebist."
"Solch eine Handlung erwiese sich als unnötig", erklärte der Arzt nun, leicht gereizt aber lächelnd. "Meister Selebist fragte sich bereits, wie er es hierzu brächte. Seine Stimmung wird sich heben, da der Prinz diese Aufgabe selbst löste." Mit einem schnell herbeigeholten, winzigen Messer stach der Arzt dicht neben der Wirbelsäule in die verfärbte Stelle und legte ein feuchtes Tuch auf die Wunde, aus der sofort viel zu helles Blut sickerte. Aber nicht lange. Als es nachließ, war keine Beule mehr zu sehen.
Alachel verfolgte verständnislos und daher um so wachsamer jede Bewegung des Arztes. Anscheinend spürte der den Blick, denn er begann nach einer Weile zu erläutern: "Sehen Sie, hier? Diese Flüssigkeit war in einer Tasche gefangen, die von innen gegen den Nerv drückte und sich stetig vergrößerte. Aber Selebist konnte sie nicht entfernen, da er nicht genau wußte wo sie saß und vielleicht des Prinzen Rückgrat dabei verletzt hätte."
"Und jetzt …?"
Ein Schulterzucken begleitete den Kommentar: "Wir müssen uns wohl bei seiner Sturheit bedanken. Durch die Bewegung wurde die Tasche nach außen gedrückt und geöffnet. Den Schmerz wage ich mir gar nicht vorzustellen. Doch nun, da der Nerv befreit ist, sollte sich Prinz Legolas bald erholen. Bis dahin wäre es besser", hier blickte er Alachel scharf an, "ihn von weiteren Ausflügen abzuhalten."
Schluckend bestätigte Alachel die Aufforderung. Kurz darauf verschwand der Arzt, versprach aber eine Schwester in den Saal zu schicken, die Alachel beim Aufpassen helfen und notfalls sicher besser reagieren könnte. Im Palast waren die häufigen Schlafattacken des gelangweilten Hauptmanns allgemein bekannt. Das machte nichts, solange er beim kleinsten Geräusch eines Angreifers erwachte. Für stille Patienten aber war er allein eine Gefahr.
Neugierig trat Alachel an die Stelle, welche der Prinz erst vor Minuten verlassen hatte, und musterte den bleichen Jungen seinerseits, diesmal mit objektiveren Augen. Abgesehen von seinem Vorurteile geradezu herausforderndem Aufzug und den abgeschnittenen Haaren (für welche es anscheinend eine andere Erklärung gab als die offenkundige), wirkte der schmächtige Kerl plötzlich gar nicht mehr bedrohlich, geschweige denn gefährlich.
Zumindest nicht körperlich.
Zugegeben, seit Prinz Osuldars Tod hatte Alachel von Legolas keine aufrichtigen Gefühlsregungen mehr erlebt, wie dieser Junge sie augenscheinlich hervorbrachte. Aber der ältere Wachmann hatte gesehen, wie der Verlust seines Bruders die Persönlichkeit des Prinzen zerstörte, und erkannte die volle Bedeutung der Macht, welche der Kleine über Legolas' Seele besaß: Eine Gefahr ganz anderer Art.
"So", murmelte er vor sich hin und hob sachte das nun harmlos auf Inuels Schienbeinen ruhende Kissen an.
*******
"Was noch?"
"Die frischen Knospen der Birken."
"Hm … wundervoll. An was noch? Sag schon, bitte."
"Ganz neues Gras, wenn gerade erst der Schnee verschwunden ist."
"Ah … wie herrlich! Ich liebe Gras und Knospen."
"Ich weiß."
"Was noch? Mal was ganz neues, ja?"
"Na gut … mal sehen. An ein tanzendes, junges Mädchen …"
"Vorsicht, mein Lieber!"
"Kaum an die achthundert Jahre alt … mit einem Kranz aus Gänseblümchen im Haar …"
"Ah, da willst du hin …"
"Und zwei leuchtend grünen Sternen im Gesicht, die niemals erlöschen."
"Schmeichler."
"Nur die Wahrheit, Liebste."
"Und du wirst es auch nie müde, mir Komplimente zu machen?"
"Nein, nie. Ich habe doch die Ewigkeit, mir neue Vergleiche auszudenken."
"Aber gibt es auch genug Dinge in der Welt, sie zu sehen?"
"Kein einziges, welches je die tatsächliche Farbe deiner Augen treffen würde."
"Nein … Nie wieder …"
"Weine nicht."
"Ich werde nicht weinen. Ich vermisse sie, aber ich habe keine Tränen mehr."
"Das allein genügt mir als Rachegrund. – Sieh nur, Tinu erwacht."
"Dann verschiebe die Rache auf später. Zeit zu arbeiten, Selebist."
*******
"Wie viel Zeit wird die Reparatur in Anspruch nehmen?"
Tinu verfärbte sich gerade in ein goldenes Gelb, als König Thranduil mit den beiden entgeisterten Handwerkern die Trümmer vor Legolas' Zimmer begutachtete. Hauptsächlich bestanden sie aus einem beachtlichen Scherbenhaufen zu seinen Füßen, vereinzelten Holzbröckchen und enormen Splittern, den Resten des Rahmens und der Scheibe in der Felswand und dem zu Fetzen zerrissenen Vorhang dahinter.
"Bei … bei allen … was …" stammelte einer verstört vor sich hin, während er sich auf das Chaos einen Reim zu machen versuchte.
Thranduil seufzte ergeben. "Fragen … Sie … nicht", ordnete er an. "Wie lange?"
Fachmännisch prüften die Handwerker den Schaden, berechneten die Zeit für die Herstellung der neuen Scheibe und des Rahmens, bedachten den Auftragsherren und antworteten einstimmig: "Zwei Tage!"
"Genehmigt", bestätigte Thranduil. "Der Prinz wird für mindestens diese Zeit abwesend sein. Bewahren Sie Stillschweigen, soweit möglich. Ich möchte nicht, daß morgen die ganze Stadt weiß –" Plötzlich unterbrach er sich nachdenklich, als er in die erwartungsvollen Gesichter schaute. Was immer er nun sagen würde, erkannte der König jäh, würde am nächsten Tag die ganze Stadt wissen.
Also, was lasse ich sie wissen? Daß mein Sohn Alpträume hatte und aus dem Fenster sprang? Sollte ich etwas über einen Angreifer erfinden? Einen gewaltigen Wutausbruch? Oder … Nein, gar nichts zu sagen wäre ein schlechter Plan. Aber bald werden alle darüber reden, wo er sich jetzt befindet, also … Ah ja! Ich werde ihnen die Schuld geben, damit sie ruhig bleiben.
"Hört zu", begann Thranduil leise und erhielt – wenn er sie nicht schon inne hatte – ihre volle Aufmerksamkeit. "Der Prinz wendet gelegentlich … äußerst direkte Methoden an, um seine Ansicht zu bestätigen." Was für eine Wortwahl, seufzte der edle Elb im Stillen, als er die leuchtenden Handwerksgesichter betrachtete. Bestimmt denken sie jetzt, er hat mit einer Vase geworfen oder sonst was.
Vertraulich beugte er sich näher zu den gespannten Männern. "Legolas bestand darauf, daß", er senkte die Stimme, "die Fenster viel zu instabil wären," wandte den Blick von den geschockten Gesichtern, "um einem stolpernden Elben Widerstand zu bieten", und ließ ihn erneut über die Trümmer gleiten.
"Instabil?" rief der Glaser.
Der Schreiner stotterte: "Ma-Ma-Majestät!"
Thranduil blitzte sie vielsagend an. "Da alle Fenster hier derselben Art sind und bisher hielten, trifft Sie nur wenig Schuld. Sicherlich stolperte mein Sohn", schmunzelnd suchte er nach dem passenden Ausdruck, "etwas zu heftig."
Dadurch erntete er eine ganze Reihe von bodentiefen Verbeugungen – Wundert mich immer wieder, wie die Leute es schaffen, ihre Körper so in der Mitte zu falten. – und Dankesreden und schließlich, vom Glaser, das Versprechen, dieses Fenster besonders gegen weitere Beweisführungen durch Prinz Legolas zu wappnen. Daraufhin verschwanden sie eiligst, um ihr Werk zu beginnen.
In Ordnung. Die werden still sein, lachte Thranduil heimlich. Und Legolas mindestens zwei Jahrhunderte aus dem Weg gehen, wenn ich das richtig sehe. Also brauche ich mich bei ihm auch nicht zu entschuldigen.
Viel besserer Laune begab sich der Elbenkönig auf den Weg zum Notfallsaal.
*******
Linkisch balancierte Ivanneth mit einer Hand das bereits überladene Tablett, während er mit der anderen immer noch mehr Wurst- und Käsesorten darauf stapelte. Die beiden Gläser versteckten sich unter großen Salatblättern; zwischen ihnen sorgten dicke Brotscheiben halbwegs für Stabilität und Ruhe. Halbwegs. Das Tablett befand sich in ständiger Absturzgefahr.
Ivanneth war sich dieser Gefahr nicht bewußt. Müßig summte er eine schräge Melodie und ignorierte die gereizten Blicke der übrigen Morgengäste am großen Buffet im öffentlichen Speisesaal. Immerhin ging es hier um die Gesundheit eines Patienten; obendrein des Prinzen höchstpersönlich – da durfte man sich Bescheidenheit nicht erlauben.
Nachdem er wirklich jeden freien Platz des Tabletts irgendwie ausgefüllt hatte, beschloß er, sich auf den Weg zum Notfallsaal zu begeben. Noch immer trug er die ohnehin schon schwere und nun auch noch überfüllte Silberplatte auf einer Hand, während er in der Linken drei volle Krüge hielt. Milch, Saft und Tee … was immer Legolas bevorzugte. Seufzend bedachte Ivanneth, wie wenig er seinen einstigen Freund inzwischen noch kannte.
Die kurze Unaufmerksamkeit hätte ihm beinahe seine Mühen vereitelt, weil er die eiligen Schritte aus dem Nebengang überhörte. Schon stand der Zusammenprall kurz bevor, wobei Ivanneth, der nun nicht mehr rechtzeitig bremsen konnte, ein bedrückendes Déjà-Vu-Gefühl erlebte. Doch auch diesmal rettete ihn das flinke, geschickte Handeln des anderen.
Thranduil schnappte mit einer Hand das wacklige Tablett und drückte die andere gegen die Brust des Lehrlings, um seinen Sturz zu verhindern.
"Eru sei Dank!" rief der junge Mann überrascht aus.
Grinsend klopfte der König ihm auf die Schulter, bis Ivanneth aufblickte.
Seine Augen weiteten sich, als er erkannte, daß keineswegs Eru ihn gerettet hatte. Ein "Ah!" war alles, was er zustande brachte. Die Krüge, die er nun mit beiden Händen umklammerte, klapperten bedrohlich gegeneinander. Vor ihm balancierte der stärkere Elb das Tablett problemlos auf dem linken Unterarm, während er kritisch den Nahrungshaufen untersuchte. Im Stillen dankte Ivanneth jeder Sekunde, in welcher er nicht angesprochen wurde.
"Ist das hier alles für meinen Sohn?" erkundigte sich der König schließlich.
Ivanneth nickte.
Thranduil hob die Salatblätter ein wenig an. "Und den Jungen?"
Ivanneth stockte. Daran hatte er gar nicht gedacht – nein, er hatte selbst mit Legolas frühstücken wollen.
Doch ehe er antworten konnte, unterbrach der König seine Gedanken: "Diese Handlungsweise ist überaus umsichtig und verdient Lob."
Lob? Da der Lehrling seine Gedanken erst einmal um das neue Konzept wickeln mußte, überhörte er völlig den angeschlossenen Tadel.
"Dennoch solltest du dich nicht so überanstrengen; dafür gibt es schließlich Diener."
Lob? Dafür konnte er gerne auf das Frühstück mit dem Prinzen verzichten.
"Allerdings", fuhr Thranduil mit einem Seitenblick auf die nahe Saaltür fort, "lohnt es sich hier nicht mehr, einen zu rufen. Komm mit, ich helfe dir."
Lob? Endlich fand eine passende Antwort den Weg auf Ivanneths Lippen: "D-da-danke."
Wie in Trance trottete er hinter dem Elbenkönig her, durch die hohe Tür in den Saal und beinahe gegen den Rücken des Älteren, als dieser unerwartet stehen blieb. Zaghaft schielte Ivanneth über die hohe Schulter, um die Ursache ausfindig zu machen. Bei der Szene, die sich ihm zeigte, konnte er nicht entscheiden, ob er lachen oder wütend werden sollte.
Zwischen den beiden Betten gab sich Prinz Legolas gerade alle Mühe, unbemerkt am schnarchenden Alachel vorüber zu schleichen. Beide Arme leicht ausgestreckt versuchte er, sein Gleichgewicht zu halten. Offenbar beanspruchte die Unterdrückung der Schmerzen viel mentale Kraft, welche er deswegen nicht für das leichte Gehen aufbringen konnte. Nun trat er mit nackten Füßen oh so vorsichtig auf, denn das kleinste Geräusch hätte Alachel aufgeschreckt und den Prinzen somit augenblicklich wieder in sein Bett befördert.
"LEGOLAS!"
Thranduils erfreuter Ausbruch kam so heftig, daß Ivanneth nur mit Mühe die Krüge in der Hand behielt. Auch der erschrockene Prinz hielt sich nur knapp aufrecht, indem er sich an das Bett seines Freundes krallte, welches ohnehin gerade in Reichweite kam. Alachel hatte nicht so viel Geistesgegenwart; er rutschte geschockt vom Stuhl, welcher dadurch über ihn kippte und das Kissen, das er als Nackenstütze verwendet hatte, auf seinem verdutzten Gesicht deponierte.
Eine Minute lang herrschte Stille, als sich vier Paar mehr oder minder wache Augen auf die sanft hin und her schwankende weiße Wolke hefteten. Niemand wagte zu lachen.
Plötzlich flog das Kissen in hohem Bogen aufwärts. Legolas fing es ebenso belustigt auf wie den ärgerlichen Blick des Hauptmannes, der sich nun so würdevoll wie möglich erhob. "Mir scheint, das Stühle-Schlafen liegt euch nicht", stellte er mit einem Funkeln fest. "Ihr gehört ins Bett, Herr Hauptmann."
"Hoheit, wenn mich nicht alles täuscht", widersprach Alachel energisch, "gehört Ihr ins Bett."
Legolas legte das Kissen auf Inuels Bauch, drehte sich um und stemmte sich mit beiden Armen auf das Bett seines Freundes. "Wie Ihr wünscht", schmunzelte er, als er die Beine vom Fußende her unter die Bettdecke schob. Dann wandte er sich zu Inuel: "Kannst du dich aufsetzen?"
"Ja", bestätigte der Junge und schob sich langsam rückwärts, bis er mit dem Kopf gegen das Bettende stieß. Ehe er erkannte, warum es von da aus nicht weiterging, wurde sein Oberkörper angehoben und hochgezogen, das feste Kissen hinter seinen Rücken gepackt und der Junge wie eine Puppe dagegen gelehnt. Erstaunt lächelte Inuel den Wächter an. "Danke", murmelte er.
Alachel winkte mit einer Bemerkung, die sehr nach "Fliegengewicht." klang, ab und rief seinen Sohn näher: "Was läßt du den König das schwere Tablett schleppen, Iv?" schalt er ihn, während er Thranduil besagte Platte aus den Händen riß und auf den ausgestreckten Beinen der Patienten plazierte. Anschließend überblickte er die Situation und entschied, daß Legolas es nicht bequem genug hatte, rollte also dessen Decke und Kissen zusammen und packte alles in den Rücken des Prinzen. "Prima", bemerkte er dann. "Eßt!"
"Du lieber Himmel", entfuhr es Legolas, als er kritisch das Tablett beäugte. "Das sieht ja aus, als hätte Iv mal wieder das Buffet geplündert …"
Ein betretenes Räuspern in der Nähe ließ Inuel vorsichtig aufblicken. In der weißen Tunika, das hüftlange, kastanienbraune Haar zu einem zweckmäßigen Zopf geflochten und mit den verärgert funkelnden Augen kam ihm der junge Mann seltsam bekannt vor. Beinahe hätte Inuel nachdenklich den Kopf zur Seite gelegt, doch das Ziehen an seinem Hals stoppte ihn rechtzeitig. Statt dessen kniff er die Augen leicht zusammen.
Legolas schaute den Lehrling vorwurfsvoll an. "Was soll denn das, Ivanneth? Du weißt selbst am besten, daß die Patienten angemessen gefüttert werden."
"Ach, von der Diät werdet Ihr doch nicht satt, Prinz", winkte Ivanneth ab.
"Ich bin doch kein Vielfraß!" beschwerte sich der blonde Elb, ungeachtet des Gelächters der beiden Väter angesichts der dick belegten Schnitte in seiner Hand. Eilig reichte er sie Inuel.
Als der Lehrling das sah, fuhr er seinen Freund tadelnd an: "Aber du Tölpel hast doch selbst seit Tagen nicht richtig gegessen!"
Plötzlich brach das Lachen ab, und drei entrüstete Augenpaare warteten darauf, daß Ivanneth seinen Fehler korrigierte. Das vierte Paar weitete sich, als Inuel die freie Hand ausstreckte und überrascht auf den jungen Heiler zeigte.
"Dich kenn ich!"
"Äh … was?" Das verlegene Rot wich von Ivanneths Wangen und ließ ein entsetztes Weiß zurück. "Ganz sicher nicht", widersprach er fest. "Ich habe nichts zu schaffen mit Ausgestoßenen."
Instinktiv krallte Legolas seine Hand stärker um das dünne Messer und setzte zu einer scharfen Erwiderung an. Er nahm gern selbst eine freundschaftliche Beschimpfung hin, doch auf seinem Freund wollte er ernst gemeinte Beleidigungen nicht sitzen lassen. Wie auch immer, Inuel schien sich daran nicht zu stören. Kauend kam er ihm zuvor.
"Doch, wirklich. Du warst der im Gang; du hast Tölpel gesagt", berichtete er wirr. "Du hast mir die große Halle gezeigt und wolltest zu Legolas!"
Verständnislos blickte der Lehrling den Jungen an. Seines Wissens war er ihm nie zuvor begegnet. Mit Sicherheit hatte er ihm nie irgend etwas gezeigt, geschweige denn einen Ausgestoßenen in die große Halle geführt. Was für ein Gang überhaupt?
"Danke! Ohne dich hätte ich nie dahin gefunden."
Ivanneth starrte ihn noch immer verwirrt an. "Ich … ich hab keine Ahnung, wovon du redest", wehrte er ab. "Bestimmt verwechselst du mich."
Ebenso wenig konnte sich der Prinz vorstellen, daß Ivanneth, der seine Abneigung für Inuel mehr als deutlich zu erkennen gab, so etwas getan hätte. Andererseits sah er nun ehrliche Ratlosigkeit auch auf dem Gesicht seines Freundes, und das verwunderte Schweigen ringsum empfand er als äußerst belastend. Beim Schmieren und Belegen grübelte er, was er tun sollte, es zu brechen.
"Ah", erinnerte sich Legolas schließlich an die Höflichkeit, "darf ich vorstellen?" Eifrig nickten ihn drei Köpfe an, einzig Inuel begnügte sich mit einem neugierigen Blick. Nach einem Räuspern fuhr er fort: "Vater, das ist mein Freund Inuel. Ich habe ihn unterwegs kennen gelernt." Zufrieden biß er in seine Scheibe.
Als er bemerkte, wie Inuels Kinnlade langsam hinunter klappte, während er den König anstarrte, dämmerte ihm, daß sein Freund vermutlich erst in diesem Augenblick Legolas, seinen Titel, den edlen Elben und das Wort 'Vater' zusammensetzte. "Ja", bestätigte er dem Jungen mit einem sanften Lächeln. "Vor dir steht Thranduil, Elbenkönig von Düsterwald. Mein Vater."
Inuel schloß den Mund, schluckte und musterte den vornehmen Elben sprachlos. Erst jetzt bemerkte er, daß Augen einer sehr bekannten Färbung zu ihm herab schauten, auch wenn sie von altem Kummer leicht verdunkelt waren. Das Haar mußte einst so golden wie das seines Sohnes geleuchtet haben, doch nun hatte ein leichtes Ergrauen eingesetzt. Irgendwie erinnerte das den Jungen ein wenig an Ankulan, und er wunderte sich kurz, ob die Ursache womöglich im gleichen Kummer lag, welcher die Augen trübte. Der König wirkte etwas kleiner, als er wirklich war, da seine Schultern leicht nach vorn fielen. Auch das kam Inuel bekannt vor.
"Du warst an der Brüstung, nicht wahr?"
In dem geflüsterten Satz schwang ein leicht vorwurfsvoller Ton, welcher Thranduil nicht entging. Er vernahm auch die unausgesprochene Frage: Warum hast du ihn nicht festgehalten? Für einen Moment lähmte ihn die Suche nach der passenden Antwort. Seinem Sohn erging es ähnlich, nur suchte der nach der richtigen Frage. Ivanneth verharrte geschockt aufgrund der mangelnden Höflichkeit.
Alachel als einziger reagierte direkt darauf: "Sprich nicht so unverfroren!"
Ehe Inuels Kopf zu einer ruckartigen Bewegung ansetzte, fing Legolas dessen Kinn in einem festen Griff: "Nicht." Verwirrt versuchte der Junge zu entscheiden, ob er seinen Freund anschauen oder den Blick des Hauptmannes suchen sollte. Zuletzt entschied er sich für den Prinzen. Der grinste. "Nicht so schnell bewegen. Denk an die Wunde", ermahnte er.
Wie auf Kommando setzte das Ziehen wieder ein. Inuel schloß die Augen und nickte leicht.
"Alachel, komm hierher", befahl Legolas, woraufhin der Ältere seinen Stuhl verließ und sich neben den Prinzen stellte. Dadurch konnte der Junge ihn ansehen, ohne seinen Hals zu verrenken. "Alachel ist der Hauptmann der Palastwache", erklärte der Prinz seinem Freund. "Früher war er Offizier, ein sehr guter Krieger. Deswegen ist er manchmal etwas ruppig."
Zwar konnte Legolas selbst es nicht sehen, doch an Inuels Grinsen erkannte er, daß Alachel gerade errötete. Er hatte vor, es schlimmer zu machen. "Aber er ist ein sehr guter Freund, und eigentlich hat er einen ganz weichen Kern." Das Funkeln in den grünen Augen verriet ihm, daß sein Vorhaben aufging. "Was vermutlich auch der Grund dafür ist, daß er der Quengelei seines Sohnes nachgegeben und den Heeresdienst quittiert hat", fügte er schmunzelnd hinzu.
Prompt kam der empörte Einwurf von Ivanneth: "Hey! Ich hab nicht gequengelt." Nach einer Pause fügte er hinzu: "Oder?"
Legolas lachte. "Dieses Sohnes", deutete er über seine Schulter. "Ivanneth und ich –" Mit einem Schlucken korrigierte sich der Prinz: "Wir. Wir alle … sind praktisch im gleichen Kinderzimmer aufgewachsen."
Aus den plötzlich mitleidigen Ausdrücken auf den Gesichtern der drei stehenden Elben und der Wolke von Trauer und Einsamkeit, welche Legolas verströmte, schloß Inuel, daß der Prinz sich auf seinen toten Bruder bezog. In unsicherer Verlegenheit formulierten die Älteren die eine oder andere Floskel, ehe sie sich nacheinander verabschiedeten, um erst einmal selbst zu frühstücken. Da die beiden Patienten schweigend weiter aßen, war es ein glaubhafter Vorwand für die Flucht.
Erfolglos wie die anderen suchte der Junge nach tröstenden Worten, bis er einsah, daß er gegen die Traurigkeit nicht ankam. Doch indem er zaghaft nach der größeren Hand griff und sie sanft gegen seine Wange legte, nahm er Legolas jeden Grund, sich einsam zu fühlen. Durch seine Augen versuchte er die Botschaft zu übermitteln, bis der Prinz seinen Blick abwandte und sein Gefühl zu ersticken versuchte, um die Tränen zu bremsen. In dem Moment schloß Inuel die Augen und sandte bewußt ein warmes Leuchten aus seiner Seele, welches sachte an die geschlossenen Pforten der Eistür gegenüber pochte.
Legolas spürte die Wärme, die nicht von ihm selbst kam, und schaute überrascht auf. Ein abwesendes Lächeln lag auf dem Gesicht des Jungen, der für einen Augenblick der Wirklichkeit zu entfliehen schien. Doch der Prinz spürte die Präsenz seines Freundes in seinem Innersten, und das vereiste Schloß begann langsam zu schmelzen. Ängstlich stemmte er seinen Verstand gegen das Tor.
Ich kann dich hier nicht reinlassen, Inuel. Geh weg. Das Pochen verstärkte sich. So sehr, daß sein Herz dafür den Takt änderte und sich zufrieden auf die ruhigeren Schläge einstellte. Es ist düster und kalt hier, damit keiner herkommt. Laß mir meinen Schutz! Das Eis tropfte davon und ließ ein rostiges Schloß zurück, seit Jahrhunderten nicht mehr geöffnet. Im Geiste standen sich ihre Seelen gegenüber, getrennt durch die dicken Eisenstäbe.
In der Wirklichkeit öffnete Legolas die Augen und blickte verloren in die seines Freundes. Es tut mir leid, dachte er zitternd. Ich habe den Schlüssel verloren. Bitte geh weg, bevor du erfrierst.
Aber Inuels Blick wurde weicher, sein Lächeln tiefer, als er einen Teil seines Lichtes abtrennte und durch die Stäbe schob. Gib lieber acht, daß du nicht erfrierst. Er legte den warmen Schein direkt in Legolas' Hände.
Was soll ich damit? wunderte sich sein Freund.
Den Schlüssel suchen.
*******
Am Eingang zogen drei neugierige Elben ihre Köpfe aus dem Türspalt, als sie den Prinzen lächeln sahen. Verwundert kreuzten sich ihre Blicke. Thranduil äußerte zuerst, was alle dachten: "Ich wüßte ja zu gerne, was da drinnen gerade passiert ist."
"Ist doch klar", zischte Ivanneth ungehalten. "Der Wurm hat Legolas um den kleinen Finger gewickelt!"
"Würmer haben keine Finger", erinnerte der König. "Ungeachtet dessen hat die Analogie etwas für sich. Irgendwie hat der Junge meinem Sohn den Kummer vertrieben."
Alachel räusperte sich nachdenklich: "Aber zu welchem Preis?"
Schweigend begaben sie sich auf den Weg zum Speisesaal. Zwar hatte Thranduil bereits privat gefrühstückt, doch seine Begleiter hatten die Ausrede zu Recht genutzt und gedachten sie wahr zu machen. "Wie meinst du das, Alachel?"
Zögernd erwog der Hauptmann seine Worte, ehe er sie äußerte: "Im Moment mag es günstig scheinen, daß der Kleine solchen Zugang zu den Gefühlen des Prinzen hat. Er bringt ihn zum Lachen. Es ist, als hauche er ihm neues Leben ein. Allerdings sollten wir nicht übersehen, daß diese Art Nähe auch einmal das Gegenteil bewirken kann."
"Niemand weiß, wer er ist und was er plant", stimmte Ivanneth zu. "Wenn er nun mit dem Prinzen nur spielt?"
Alachel nickte: "Mit dieser Macht kann er Legolas jederzeit zerbrechen. Und wenn es zu spät ist, können wir nichts mehr dagegen tun."
Stumm überdachte der König die Argumente und verglich die dargestellten Möglichkeiten mit dem Bild des Jungen, welches sein Herz ihm präsentierte. Sie wollten nicht zueinander passen. "Ich glaube nicht, daß er Böses plant", merkte er schließlich an.
"Majestät …"
"Nein, Alachel", unterbrach Thranduil geduldig. "Ich glaube nicht einmal, daß er irgend etwas plant. Wenn ich meine Augen auf ihn lege, sehe ich weiter nichts als ein einsames Kind, das sich von meinem Sohn kaum unterscheidet."
Nach einem kurzen Schweigen bestätigte Ivanneth leise: "Das mag stimmen. Bisher."
"Um so schlimmer", fügte sein Vater hinzu. "Denn wer ist leichter zu beeinflussen als ein einsames Kind?"
Thranduil lächelte. "Da hast du recht. Dann müssen wir eben dafür sorgen, daß ihn die richtigen Leute beeinflussen. Mit einem Wort: wir." Damit machte er auf dem Absatz kehrt. "Und ich werde sofort damit beginnen; ich bin sowieso nicht hungrig."
Lange sahen Vater und Sohn dem verschwindenden König hinterher. Als er außer Hörweite geriet, meinte der Jüngere: "Das gefällt mir überhaupt nicht." Beim Aufsehen bemerkte er, daß sein Vater entgegen aller Erwartungen über das ganze Gesicht grinste. "Dir etwa?" fragte er überrascht.
"Oh ja", kam die fröhliche Antwort. "Eine gute Idee. Ja, wirklich. Ich werde den Kleinen ein wenig beeinflussen. In der Tat, eine geniale Idee. Sie gefällt mir außerordentlich!"
*******
"Wann hast du eigentlich das letzte Mal gegessen?" hörte Thranduil seinen Sohn fragen, als er den Saal zum zweiten Mal betrat. Da der Junge schwieg, fuhr Legolas fort: "Sag schon, ich kann ja deine Rippen fast durch den Stoff zählen!" Mit der Bemerkung stieß er seinen Freund an besagte Körperstelle und erntete ein zischendes Keuchen. Welches er jedoch überhörte, da er gerade tatsächlich nur Knochen fühlte. "Wann?" fragte er besorgter.
"Ähm … so … ich bin nicht sicher", kam die kleinlaute Antwort. "Vier, fünf Morgen nach dem Dorf?"
"Vorgestern?" hakte der Prinz nach. "Das glaub ich dir nicht. Was war es denn?"
Inuel wand sich unbehaglich unter dem strengen Blick und leckte die letzten Reste des Frühstücks von seinen Fingern. "Ein bißchen Brot", gab er zu. Ein alter Rest, und die Suche danach war ihm nicht gut bekommen. Seufzend verdrängte er die Erinnerung, ebenso wie den Schmerz.
Nach drei Wochen gemeinsamer Reise erkannte Legolas die widerstrebende Haltung und wußte, daß sein Freund auf jede weitere Frage verstockter reagieren würde, also gab er sich mit der Antwort zufrieden. Allerdings … "Und vorher?"
Fast eine Ewigkeit später brach Inuels Sturheit unter der Geduld des Prinzen. "Mit dir."
"Was?" fuhr Legolas auf. Er wußte, daß es keine Lüge war. Lügen erkannte er sofort. Trotzdem fiel es ihm schwer, seinem Freund zu glauben. "Inuel, das ist sieben Tage her! Das mickrige Frühstück damals war deine letzte richtige Mahlzeit?" Sie hatten nicht viel zubereitet, da der Prinz mit einem baldigen Festmahl zu Hause gerechnet hatte. Welches er letztendlich allein nicht genießen konnte.
"Das ist nicht so schlimm", begann der Junge beschwichtigend, fuhr aber nicht fort.
Thranduil aber, der die Szene bisher schweigend betrachtet hatte, fing die ungesagte Bedeutung auf: Ich bin das gewohnt. In den Augen seines Sohnes sah er ebenfalls eine Reaktion auf die uneingestandene Wahrheit, und er rechnete es ihm hoch an, daß er sich zügelte und nicht die Beherrschung verlor. "Ich werde lieber noch etwas zu essen bestellen", meinte der König zu den jungen Elben, die sich gerade ein Augenduell lieferten.
Abrupt wandten sich beide ihm zu, wobei der Junge mit einem Zischen an seinen Hals fuhr.
"Ich hab dich doch gewarnt", meinte Legolas sofort.
Inuel warf ihm einen frostigen Blick zu, dann stoppte er Thranduil: "Nicht nötig, danke sehr. Ich bin wirklich satt. Und müde." Ein leichtes Gähnen verlieh den Worten Nachdruck. Augenblicklich wurde es von Legolas gespiegelt, der daraufhin schelmisch zu seinem Vater aufschaute.
Schmunzelnd verkniff sich Thranduil einen passenden Kommentar, deutete allerdings entschieden auf das zweite Bett. Interessiert beobachtete er den inneren Kampf seines Sohnes, welcher sich auf dessen Zügen widerspiegelte: Er wollte Inuels Bett nicht verlassen, nicht in die Kälte seines eigenen zurückkehren. Andererseits war das Krankenbett zu klein für zwei Personen, und der Junge schien von derartigen Überlegungen gänzlich verschont zu bleiben.
Schließlich unterlag Legolas' Herz dem Druck des Verstandes, und er begab sich auf den mühsamen, fast zwei Meter langen Weg. Sein Rücken beschwerte sich, ein heißes Bohren über und unter der Verletzung. In nichts so extrem wie in der letzten Nacht, aber immer noch ein qualvolles Ziehen bei jedem Schritt. Gekonnt verwandelte Legolas die unwillkürliche Schmerzgrimasse in ein Grinsen, als er seinem Vater ins Gesicht sah. Die Besorgnis darin ließ sich nicht täuschen, doch Thranduil schwieg respektvoll.
Nachdem sein Sohn sich auf seine eigene Matratze gehievt hatte, brachte der König ihm auch das Bettzeug zurück und starrte Legolas so lange an, bis der gehorsam unter der Bettdecke verschwand. "So", begann Thranduil schließlich mit aufgesetzter Fröhlichkeit, während er Alachels Stuhl an die Fußenden der Betten zog. Anschließend nahm er Platz und sah die jungen Elben neugierig an. "Wir waren beim Vorstellen stehen geblieben?"
Inuel rutschte an seinem Kissen vorsichtig abwärts. Müde wie er war, wollte er gern die Augen schließen und sich dem Schlaf ergeben, doch der ältere Elb hielt seinen Blick und damit den Jungen wach. "Ich weiß schon, wer du bist", murmelte er verständnislos.
"Das ist mir klar", erwiderte Thranduil lächelnd. "Aber ich weiß noch immer nicht, wer du bist. Obwohl du mir bekannt vorkommst."
"Ich heiße Inuel."
"Auch diesen Namen habe ich schon einmal vernommen."
Fragend hob der Junge den Blick zu Legolas, der darauf nur mit einem verwirrten Achselzucken antwortete. "Woher kennst du ihn, Vater?"
Thranduil neigte den Kopf in einer sehr vertrauten Geste seitwärts. "Darüber bin ich mir nicht sicher. Sag, Junge, wo wohnst du?"
"In Düsterwald."
"Ja, aber wo genau?"
Neugierig wartete auch Legolas die Antwort ab. Sie fiel leider genauso aus, wie all die Male, da er selbst die Frage gestellt hatte. Begleitet vom immer gleichen, verständnislosen Stirnrunzeln: "In Düsterwald."
Seufzend versuchte Thranduil es anders: "Warst du schon einmal hier im Palast, in der Stadt?"
"Nein."
"Also lebst du in einem der Dörfer."
Da es keine Frage war, schwieg Inuel.
"In welchem?"
Nach einem winzigen Zögern antwortete der Junge: "Ich kann mir die Namen nicht merken."
"Und wo liegt es?"
An diesem Punkt mischte sich Legolas ein: "Orientierungssinn hat er auch keinen." Er rieb sich leicht über die Augen, als er erklärte: "Vater, das hat keinen Zweck, glaube mir. Du kennst ihn nicht, aber ich weiß, warum du so denkst." Mühelos fing er den erstaunten Blick des Königs auf. "Inuel ist Ankulans Sohn."
"Ank–?" Ungläubig flogen Thranduils Augen von seinem Sohn zu dem Jungen und zurück. Er wollte ein Dutzend Fragen stellen, doch auf dem Weg zu seinem Mund überrannten sie einander, so daß keine seine Lippen erreichte. Statt dessen entwich ein ungedachtes "oh".
Irgendwann blieb er an Inuels grasgrünen Augen hängen. "Grüne Augen!" rief er in einem Ton weltverändernder Entdeckung. "Deshalb! Ankulan, natürl– aber dann …" Thranduil stockte und sprang erregt auf: "Dann bist du ja Ba-Ba… Ba… Du bist Bal…" Keuchend rang er nach Luft und brachte endlich heraus: "Baladias Kind!"
Die jungen Elben beeindruckte die Offenbarung weniger als die Wirkung, welche sie auf den bisher gefaßten König ausübte. Mit großen Augen starrte Inuel den fast greifbare Energie verströmenden König an, dessen vorwurfsvoller Blick plötzlich auf Legolas fiel, der seinerseits verwirrt seinen Freund musterte, um herauszufinden, was seinen Vater an dem Jungen so in Aufruhr versetzte.
Schließlich übernahm Neugier die Kontrolle der Situation. "So hieß meine Mutter", bestätigte Inuel leise. "Hast du sie gekannt?"
"Äh, wie … ich?" Tatsächlich wandte sich Thranduil dem Jungen zu, und fast zeitgleich schien er die Energie in sich selbst aufzusaugen, denn mit einem Male verfärbten sich seine Wangen deutlich dunkelrot. "Nun ja", beim Zeitschinden fuhr er sich durch die Haare und schubste unbemerkt seine Blattkrone vom Haupt. Nach einem Seitenblick auf seinen Sohn, welchen dieser schmunzelnd nicht übersah, gab er zu: "Ich kannte sie einst." Und dann, wie um sich zu rechtfertigen: "Das war vor sehr langer Zeit!"
In Legolas' Augen stahl sich ein Funkeln, welches Thranduil nicht erkannte, da er es seit Jahrhunderten nicht gesehen hatte. "Wieviel Zeit?" fragte der Prinz seidenweich.
"Lange vor dir!" versicherte der König eilig. "Sogar lange vor deiner Mutter!"
"Oh?" Legolas ließ den Schimmer wachsen. "Sagtest du nicht, Mutter wäre die einzige Frau in deinem Leben gewesen?"
Und endlich ging Thranduil ein Licht auf: "Du machst einen Spaß mit mir", hauchte er. Allein die Möglichkeit erstaunte ihn so sehr, daß er das Thema der Neckerei glatt vergaß. Erst, als sein Sohn spöttisch die Augenbraue hob, nahm sich der König zusammen. "Hör zu, junger Mann", erwiderte er gespielt streng. "Es gibt nun einmal nicht nur eine Elbe in unserem Volk, und natürlich kannte ich auch andere –"
"Erzählst du mir von Mutter?" unterbrach Inuel das Wortgefecht sehnsüchtig.
Thranduil drehte sich zu dem Jungen um, der inzwischen flach auf der Matratze lag und das Kissen mit beiden Armen leicht an seine Brust drückte, als bräuchte er an der Herzgegend gerade mehr Wärme, als die Decke spenden konnte. Vielleicht ist der Eindruck gar nicht so falsch, überlegte der König. Mitfühlend schaute er dem jungen Elben in die Augen, diese unendlich vertrauten Augen. Seine Mutter starb kurz nach seiner Geburt, sinnierte er mit einem Blick auf Legolas, dessen Züge die Schwermut Inuels noch übertrafen. Ja … wie oft habe ich von meinen Söhnen genau die gleiche Frage vernommen?
"Hat dir denn Ankulan nichts über sie berichtet?" fragte Thranduil müde, während er den Stuhl etwas näher zog und sich zwischen die Jungen setzte, ohne ihnen die Sicht aufeinander zu versperren. "Ich erinnere mich, er war ein großartiger Geschichtenerzähler." Beide rollten leicht auf die Seite.
Einen Moment herrschte Stille, dann: "Erzählst du mir von Vater auch, bitte?"
Ein Wispern in das dicke Kissen, doch Thranduil vernahm es klar. Fragend sah der König zu seinem Sohn, dessen Miene ihn wortlos bat, das Verhör später fortzusetzen. Daraufhin lehnte er sich zurück und massierte nachdenklich sein Kinn. "Baladia", begann er schließlich, indem er erneut in Inuels Gesicht starrte. "Baladia hatte eine Augenfarbe, mit der sich nichts auf der Welt vergleichen ließ. Oh, es war grün; alle sahen das. Doch genau diese Färbung schien niemand außerhalb ihres Gesichtes entdecken zu können. Es sei denn natürlich im Antlitz ihrer Mutter." Schmunzelnd hielt er inne und zwinkerte dem Jungen zu. "Und nun in deinem."
Das erwähnte Gesicht verschwamm zaghaft zu einem kleinen Lächeln. Dadurch zogen sich die Augenwinkel ein wenig aufwärts, während die Haut auf der Stupsnase sich leicht kräuselte. Dicht neben den Mundwinkeln wurden winzige Grübchen geformt, wodurch das jugendliche Gesicht überaus mädchenhaft wirkte.
"Genau so hat sie auch gelächelt", bemerkte Thranduil fasziniert. "Wirklich erstaunlich. Zwar hast du eindeutig das Antlitz deines Vaters, doch dein Ausdruck spiegelt mit jeder Bewegung die Züge deiner Mutter wider."
"Wirklich?" hauchte Inuel.
Der König nickte und flog weiter über seine Erinnerung: "Und das ist nicht alles. Selbst in deinem Haar lebt das Andenken, denn mag es auch nachtschwarz sein wie das deines Vaters – seines fiel immer glatt. Baladia aber hatte welliges Haar, und da es in manchem Licht rötlich schimmerte, floß es oft wie feuriges Wasser um ihre Gestalt. Es war sehr lang; ja, es reichte ihr bis zu den Kniekehlen."
"Vater", unterbrach Legolas erstaunt. "So hast du nie über Mutter gesprochen. Gabst du Baladia dein Herz?"
Lange hielt Thranduil den Blick seines Sohnes, ehe er seufzend eingestand: "In der Tat, so geschah es. Wie viele junge Männer verfiel auch ich ihrem Charme. Alle liebten sie, für ihre Schönheit weniger als für ihre beständige Fröhlichkeit. Immer lachende Baladia; anders kannte ich sie gar nicht. In allem sah sie Gutes, als seien ihre Augen geblendet für die Schrecken dieser Welt. Sie liebte das Leben, und die Elben liebten sie."
"Wenn du damals schon König warst …" überlegte sein Sohn laut.
Thranduil lachte kurz und bitter: "Oh ja, das war ich – jung und dumm, verwöhnt und plötzlich König dieser Elben, die zu führen ich nicht bereit war. Baladia wußte das; sie sagte es mir ins Gesicht, als ich um ihre Hand anhielt. Doch mich beherrschte der Stolz, und ich glaubte, als König hätte ich ein Recht … ein Recht, sie zu besitzen."
Traurig verbarg der König seinen Kopf in den Händen. "Ich zerstörte ihr Lachen durch meine Werbung", flüsterte er. Nach einer ganzen Weile fuhr er räuspernd fort: "Als Ankulan eines Tages ankündigte, er wolle weiter westlich eine Siedlung aufbauen, sicherer und fruchtbarer, entschied sie sich eilends, mit ihm zu gehen. Vielleicht liebte sie ihn, aber ich hatte immer den Verdacht, sie wolle mir entfliehen. Mein Verstand verschloß sich gegen beides."
Jetzt sah er Legolas direkt an: "Erst deine Mutter lehrte mich Vernunft und so manch andere Tugend." Thranduil grinste schief. "Ich sah ein, daß was ich für Liebe hielt, bloße Gier war. Eine Gier, die ich bis heute nicht ganz abschütteln kann."
"Die Edelsteine, nach denen du dich verzehrst", erkannte der Prinz schlagartig. "Sie sind fast alle grün!"
Schweigend nickte der König, und auch sein Sohn blieb still, versunken in die eigenen Gedanken.
"Nana …" brach unerwartet ein schwaches Murmeln in die Ruhe.
Sowohl Legolas als auch sein Vater hoben den Blick zu Inuel. Beinahe gleichzeitig begannen sie zu kichern, als sie den sicher schon vor Minuten eingeschlafenen Jungen sahen. Er lag jetzt auf dem Rücken, den rechten Arm fest um das Kissen gewickelt und die linke Hand dicht vor den lächelnden Lippen, als versuche er im Schlaf seinen Fingern ein Geheimnis zu verraten.
"Wieviel er wohl mitbekommen hat?" wisperte Legolas.
Thranduil fiel etwas anderes auf: "Seine Augen sind geschlossen. Hat er Schmerzen?"
"Nein", schüttelte sein Sohn leicht den Kopf. "Er schläft immer so."
"Das ist doch Unsinn, dafür ist er schon zu alt. Nur kleine Kinder schlafen mit geschlossenen Augen."
Seufzend sank auch der Prinz tiefer in sein Bett. "Ich fürchte, er kennt keine Elbenträume. Niemand lehrte ihn, welche Pfade dorthin führen. Er schläft immer so."
Leise erhob sich der König, stellte den Stuhl wieder an die Wand und beugte sich über seinen Sohn. "Wirst du es ihm beibringen?" fragte er ernst.
"Ich werde es versuchen", lächelte Legolas. "Alles, was ich weiß."
"Nein, nein – bitte nicht, wie man die eigenen Schmerzen ignoriert." Das Grinsen nahm den Worten die Schärfe. "Laß deinen Körper heilen, Legolas. Soll ich Ivann–"
"Bitte keine seltsamen Kräuter mehr!" hielt der Prinz seinen Vater auf. "Die Meditation wirkt da besser."
Thranduil nickte. "Wie du meinst. Gibt es noch etwas, das ich tun kann?"
"Ja." Ernste Augen richteten sich auf Inuel. "Sorgst du dafür, daß ihm jemand saubere Kleidung gibt? Der Dreck kann der Wunde bloß schaden."
"Ich sorge dafür. Seltsam, wieso hat das denn bisher niemand getan?" wunderte sich Thranduil laut.
Legolas liebte ihn für jedes einzelne Wort.
*******
Die Stimmen zerrten ihn langsam aus der Meditation. Noch konnte er die Worte nicht ausmachen, aber der Lärm störte ihn in der Konzentration, und er beschloß, sich zu beschweren. Leider mußte er dazu erst wieder zu Bewußtsein kommen. Nach und nach entschlüsselte sein Gehirn die Satzfetzen, welche die Ohren übermittelten.
Ein Zischen: "Nicht so laut!"
Eine Frau: "… vorsichtig … erschreckt … Kind …"
Ein Fluch, den er lieber nicht genauer deuten wollte.
Eine Anweisung, die er nicht richtig verstand.
Eine Frage: "… kocht? … würden … verbrühen?"
Ein sanfter Zuspruch: "… Angst, tun … nichts, Junge."
Junge. Legolas beschleunigte seinen Herzschlag und damit das Erwachen, während er nach der einen Stimme lauschte, die in dem halben Dutzend nicht vertreten war. Sie drang nicht an sein Ohr, dafür wurden die übrigen deutlicher. Er unterschied zumindest zwei Schwestern, eine unbekannte Wache, einen jungen Arzt, dazu Ivanneth und Alachel, dessen Vater.
"Ist mir egal wie heiß!" rief der Arzt. "Wir müssen ihn ruhig stellen!"
Alachel übertönte die letzte Hälfte fast: "Komm schon, Junge, nun sträube dich nicht so! … Ah, verdammt! Kann nicht mal jemand ein Seil herschaffen?"
"Aber er ist doch bloß ein Patient, kein Verbrecher!" Das war die ältere Schwester.
Ivanneth widersprach: "Führt sich aber wie einer auf."
Der andere Wachmann mischte sich ein: "Ich kriege ihn unter dem Stuhl nicht vor. Wo bleibt denn der Arzt?"
"Ich bin schon hier. Wie sollen wir ihm das einflößen?"
"Geben Sie her", schnappte Alachel. Kurz darauf ein deutliches Schwappen und Zischen: "Mist! Was soll das, wollen Sie ihn in Flammen setzen?"
Ein leichtes Rangeln, dann der Arzt wieder: "Blödsinn, so heiß ist es nicht. Laßt mich mrgh–"
Er kam kein Wort weiter, da ein eiserner Griff ihm die Luft abdrückte. Als er versuchte, die Hand zu lösen, packte Legolas nur fester zu. Sein Arm arbeitete von allein, und sein Verstand hielt nur mühsam Schritt. Ganz langsam fanden seine Augen Fokus. Inzwischen färbten sich die Lippen des immer noch widerspenstigen Elben deutlich blau, während auch Alachel und der Wachmann verzweifelt versuchten, den Griff zu lösen.
"Finger weg von meinem Freund."
Gehorsam nickte der verängstigte Arzt und ließ den Becher mit der brodelnden Flüssigkeit achtlos zu Boden fallen. Legolas entspannte seine Finger. Durch seine Handlung hatte er unerwartet genau das erreicht, was er wünschte: Absolute Stille.
"Danke."
Augenblicklich redeten alle auf einmal auf ihn ein. Vereinzelt nahm der Prinz Worte wie "sträubt", "verletzt", "behandeln" und immer wieder "Junge" auf, aber im Großen und Ganzen entging ihm der Sinn völlig. Anscheinend mußte er sich doch beschweren …
"RUHE!"
Es funktionierte. Leiser setzte er dann hinzu: "Wer soll denn bei dem Krach gesund werden?" Besorgt dreht er den Kopf zu Inuels Bett.
Beim Anblick der zerwühlten, blutbespritzten Laken, zwischen denen sich kein Elb fand, setzte sich Legolas abrupt auf. Doch ehe er die Frage stellen konnte, vernahm er ein geseufztes Wimmern, welches ihn den Blick senken ließ. An die Wand gepreßt, direkt in der Ecke zu seinem Bett, kauerte zusammengekrümmt sein Freund, mehr liegend als sitzend und den halb zerbrochenen Stuhl wie einen Schutzschild über sich haltend. Darunter sah Legolas nur Schwarz, Weiß und Rot.
Haar, Haut – und Blut.
Ivanneth und die ältere Schwester hatten die Bemühungen Alachels und der anderen Wache übernommen und versuchten, dem Jungen den Stuhl zu entreißen. Ohne viel Erfolg. Wie Inuel sich in seiner Position verteidigte, blieb dem Prinzen ein Rätsel, doch der Lehrling war von Kratzern übersät, ähnlich den drei übrigen Männern. Umsichtig wagten sich die Schwestern offenbar nicht so dicht an den widerspenstigen Patienten.
Keine Sekunde brauchte Legolas, um die Situation zu überblicken, auf den kühlen Boden zu springen und die beiden Elben zu verscheuchen. Fast zeitgleich nahm er Ivanneths Platz ein, so daß die Luft kaum Gelegenheit hatte, den leeren Raum zu füllen. Sofort ergriff er das zerbrochene Holz, doch Inuels Finger krallten sich daran, als ginge es um sein Leben.
Der Stuhl war am Winkel von Lehne und Sitz auseinander gebrochen; ersteres verdeckte völlig die Brust des Jungen, von beiden Armen dort gehalten. Seine Fingerspitzen waren blutig und wiesen darauf hin, auf welche Weise er die Elben abgewehrt hatte. Vermutlich hatte er sich anfangs eingerollt, um die Sitzfläche als Beinschutz zu nutzen, welche diese bis zum Knie verdeckten. Da also Inuel auf zwei der Stuhlbeine lag, wunderte es nicht, daß man das Holz nicht so recht losbekam, ohne den störrischen Jungen weiter zu verletzen.
Im Stillen bedankte sich Legolas bei Alachel dafür, daß er darauf geachtet hatte. Laut fragte er: "Alachel, was ist denn hier los?"
Augenblicklich kam der Angesprochene näher; gleichzeitig drückte sich Inuel – falls das noch möglich war – weiter in die Ecke, zog die Knie höher, bis Holz gegen Holz stieß und jede Bewegung stoppte. Seine Augen blieben geschlossen.
"Inuel!" Als sich der blonde Elb dichter zu seinem Freund beugte und eine Hand auf seinen Rücken legen konnte, ohne daß der Junge zurück schreckte, dankte er unhörbar den Valar für das immer noch vorhandene Vertrauen in ihn. Dann hob er anklagend den Kopf zu Alachel.
"Hoheit, ich weiß nicht, warum er sich so sträubt", verteidigte sich der Wachmann trotzig.
"Sträubt?" Das Wort begann ihn allmählich zu ärgern. "Wogegen?"
Der Arzt antwortete darauf: "Gegen die Behandlung seiner Wunden."
Legolas betrachtete den durchaus gut verbundenen Schnitt an Inuels Hals und schaute anschließend fragend zum Arzt auf.
"Nicht diese Wunde", schüttelte der ungeduldige Mann den Kopf, "die auf seiner Brust."
"Ach, die", winkte der Prinz ab. "Die sind doch alle längst vernarbt, da kann man nichts mehr machen." Aber der Arzt, die Schwestern und sogar Alachel starrten ihn nur verwirrt an. "Was ist?" fragte Legolas unwirsch.
Alachel räusperte sich: "Sie sind nicht alle vernarbt. Eine ist ganz frisch, sie blutet sogar noch. Deswegen ist er wohl auch aufgewacht, als die Schwestern ihn von den Lumpen befreiten: Sie haben festgeklebt. Plötzlich ergriff er die Flucht nach da unten, und seitdem läßt er keinen an sich heran, geschweige denn die Wunde behandeln."
Frisch. Das war alles, was der Prinz noch mitbekam. Frische Wunden. Sachte hob er Inuels Kinn, doch der Junge ließ die Augen geschlossen und verweigerte den Blickkontakt. Dafür ließ er jetzt von seinem Freund widerstandslos den hölzernen Schutzschild entfernen, so daß Legolas einen guten Blick auf das dahinter verborgene rote Geschmier bekam, was einmal saubere, wenngleich vernarbte Haut war.
"Eru", entfuhr ihm ein Stöhnen. "Was ist das? Das war in der Höhle noch nicht da. Inuel, woher hast du das?" Zwei lange, tiefe Schnitte, von der Delle zwischen den Schlüsselbeinen bis unter den Nabel. Sie umfaßten beinahe künstlerisch die übrigen 'Schnitzereien' auf Inuels Bauch und bildeten das Symbol eines gespannten Bogens. "Ist das die Wette?" flüsterte Legolas entsetzt. "Wer war das?"
"Du lieber Himmel, was stellt ihr mit meinen Patienten an?!" erscholl plötzlich Selebists Dröhnen vom Eingang her. Anscheinend erfaßte er beim Anblick des ratlosen Haufens auf Anhieb die Tragweite, denn nur Sekunden später drängte er den Arzt zur Seite und bückte sich näher. Jeglicher Humor wich aus seiner Stimme, als er die Anweisung gab: "Auf das Bett, sofort, wenn wir das jetzt nähen und behandeln, wird man in vier Tagen schon nichts mehr davon sehen." Keine Fragen nach der Ursache. Das überließ er besser dem König.
"Komm hoch, Kleiner", versuchte Legolas, dem Jungen aufzuhelfen.
Aber der Junge weigerte sich. "Nein", bat er wimmernd und klammerte sich an seinen Freund. "Wenn er es wegmacht, kommen sie wieder und schneiden es noch mal!"
"Nein!" widersprach der Prinz entschieden und schob vorsichtig seine Arme unter Inuels Schultern und Knie.
Selebist erkannte die Absicht, stellte aber dennoch die rhetorische Frage: "Was hast du vor, Prinz? Hör auf mit dem Unfug; das tut deinem Rücken nichts Gutes!"
"Nicht … Rücken?" fragte der Junge verwirrt.
Legolas ignorierte beide, als er die Armmuskeln anspannte und seinen Freund langsam anhob. Das tut gar nicht weh. "Sie werden dich nie wieder schneiden, Inuel. Nie wieder, das schwöre ich. Und wenn ich jedem einzelnen den Kopf abschlagen muß!" Dann stand er auf. Das tut verflucht weh. Aber Legolas erhob sich dennoch, Schmerz und Heiler und Inuel zum Trotz.
Sachte legte er seinen Freund auf das ohnehin blutige Laken, wobei er ziemlich froh war, daß Inuel ihn weiter festhielt, da seine eigenen Beine sein Gewicht nicht länger tragen wollten. Zögernd sank der Prinz auf die Knie und tat so, als wolle er lediglich Inuel auf gleicher Höhe in die Augen schauen. "Warum bloß bist du nicht bei mir geblieben?" fragte er bedauernd. Und dann, leiser: "Warum hast du nicht wenigstens den Bogen behalten?"
Inzwischen prüfte der Heiler Tiefe und Gefährlichkeit des langen Schnitt, während er die Haut daneben säuberte. Dabei versuchte er, möglichst nicht auf das Gespräch zu hören. Vermutlich führte der Prinz es sowieso nur, um den Jungen abzulenken – was im Übrigen grandios funktionierte. Dennoch scheiterte sein Versuch kläglich, und er wartete gespannt auf die Antwort.
"Dann … dann hättest du mir Schießen beibringen wollen." Inuel öffnete die Lider und schaute dem Prinzen direkt in die Augen.
Selebist spürte deutlich, daß in diesem Satz mehr lag als nur Kriegsablehnung. Etwas Tieferes, das bei Legolas ankam, über ihn selbst allerdings einfach hinwegfloß. Er erkannte es an dem Beben unter seinen Fingern ebenso deutlich wie an den feuchten Augen des Prinzen. Ein Verständnis, welches Worte nicht benötigte.
Er seufzte gereizt, als er den Druck des feuchten Tuches verstärken mußte, um das bereits verkrustete Blut von der Haut zu rubbeln. Als der Junge die Augen zusammen kniff und schmerzvoll aufstöhnte, schoß ein eisblauer, tödlicher Blick in Selebists Richtung. "Hab dich nicht so", fuhr er den Prinzen trotzig an, das bißchen Waschen wird ihm nicht schaden."
Ehe er fortfahren konnte, legte sich ein schonungsloser Griff um sein Handgelenk und drückte entschlossen zu.
"Was soll das?" beschwerte er sich empört. "Ich kann ihn nicht behandeln, wenn ich die Wunde nicht richtig erkenne!" Wütend hob er den Blick, um sich der vermeintlichen Herausforderung zu stellen, doch in Legolas' Ausdruck lag plötzlich eine Weichheit, ein Bedauern, mit dem er nicht gerechnet hatte. Und eine sanfte Bitte um Verständnis. Dann wandten die Augen sich ab.
"Alle raus, die nicht für die Behandlung gebraucht werden", befahl der Prinz. Daraufhin verließen die Diener und alle bis auf den zweiten Arzt und Ivanneth den Saal; vermutlich, um die Neuigkeiten in der Stadt zu verteilen. Die kleine Wachmannschaft tauschte einen Blick mit Alachel aus und verschwand ebenfalls. "Alle", wiederholte Legolas, wobei er dem Hauptmann der Wache direkt in die Augen sah.
Alachel weigerte sich. "Bei allem Respekt, Hoheit, die Befehle Eures Vaters wiegen schwerer, und er befahl mir, auf Euch zu achten und zu bleiben."
"Na schön", winkte Legolas grollend ab, "aber geh da rüber bitte; hier zu gaffen ist unnötig."
Beleidigt durch den schroffen Ton, nichtsdestotrotz aber gehorsam wandte sich der Hauptmann um und suchte einen neuen Stuhl. Er fand einen am anderen Ende des Saales, brachte ihn näher und setzte sich gerade weit genug entfernt, um nicht zu stören. Diesmal hielt er die Augen offen und spitzte die Ohren. Über die geringe Entfernung konnte er das Gesprochene hören, auch wenn Selebist, sein zweiter Arzt und Ivanneth das Bild verstellten.
Der Lehrling wurde als nächstes von Legolas' Blick erfaßt und erhielt den Auftrag: "Warmes Wasser, oder besser heiß, eine große Schüssel." Eilig folgte er der Anweisung, indem er von dem großen, stets vorbereiteten Kessel über der Feuerstelle dampfendes, aber nicht brodelndes Wasser abgoß und zu einem hohen Tisch nahe des Bettes beförderte.
"Ah, ich verstehe!" Selebist legte sein großes Tuch in das warme Wasser, ließ es völlig einweichen und plazierte es anschließend passend über Inuels Bauch und Brust. Dann wartete er ab, bis es sich rot färbte, löste es mit einem leichten Wischen von der Haut und wiederholte das Ganze. Beim vierten Mal hatte sich auch die schlimmste Verkrustung aufgelöst, und er wischte das nun wieder schmierige Blut beinahe ohne aufzudrücken fort. Was darunter zum Vorschein kam, ließ ihm den Atem stocken.
Auch der jüngere Arzt murmelte entsetzt: "Was … bei allen … wer … was ist das?"
Bei seinen Worten riskierte Ivanneth einen Blick, woraufhin ihm beinahe die Wasserschüssel entglitt. Eilig brachte er sie weg.
Selbst Legolas schluckte schwer. Zwar hatte er die unzähligen Narben bereits in dem Loch in der Höhle bemerkt, doch dort war es zu schattig gewesen, um solche Einzelheiten zu erkennen wie jetzt. Und er hatte Inuel in die weiße Robe gewickelt, ehe sie in die Höhle zurückkehrten, wo der Junge ihm jede weitere Erklärung verwehrt hatte.
Abgesehen davon, daß die Seiten des schmächtigen Elben wie Nadelkissen aussahen, als wäre er bei Jagden mehrmals das Beutetier gewesen, hatten ihn in lange auseinander liegenden Zeiträumen mindestens drei Lanzen durchbohrt. Legolas sah genauer hin und korrigierte die letzte Feststellung: Keine Lanzen, denn die gezackten Ränder der runden Punkte deuteten auf Dornen oder Widerhaken hin. Orks? überlegte er schaudernd.
Und hatten die auch die Muster 'geschnitzt'? Doch sein Inneres sträubte sich gegen diese Antwort, weil es längst die wahrscheinlichere vermutete: Das Symbol eines Bogens für die 'verlorene' Wette legte nahe, daß auch andere Ereignisse derart 'festgehalten' worden waren. Mindestens einen Fisch und einen Stern, eine Art Vogel und irgend eine Frucht konnte er erkennen, und weitere Formen blieben ihm ein Rätsel.
Legolas schäumte vor Wut und Scham. Elben. Elben hatten ihm das angetan. Elben aus seinem eigenen Volk.
"Ist schon gut." Inuel versuchte, die plötzlich zitternde Hand des Heilers an seiner Seite zu tätscheln, um ihn zu beruhigen. "Tut nur weh beim Rubbeln und Kratzen", murmelte er kaum hörbar.
Erstmals seit Jahrhunderten fand sich Selebist einer Situation wieder sprachlos gegenüber. Er starrte auf die Narben, unsicher, was er von den seltsamen Bildern halten sollte: Für Vorlieben für Sterne und Vögel waren die Anhänger der dunklen Macht nicht unbedingt bekannt, aber wer …? Schließlich setzte ungeachtet seiner Verwirrung das Heilertraining wieder ein, und er versicherte dem Patienten ebenso wie dem Prinzen, dessen Hand der Junge umklammerte wie eine Sicherheitsleine, daß die Heilung bereits eingesetzt hatte und die Wunde nur deshalb wieder blutete, weil die verklebte Kleidung etwas zu heftig gelöst worden war.
"Es wird auch eine Narbe geben, nicht wahr?" fragte Legolas.
Selebist schüttelte den Kopf: "Nein, das kann ich noch verhindern." Nickend gab er dem Arzt ein Zeichen, der daraufhin anderes Arbeitsgerät herbeiholte.
"Warte", unterbrach der Prinz ihn erneut. "Bevor du anfängst, solltest du noch etwas sehen."
"Noch mehr?" schluckte der alte Heiler.
Legolas nickte. "Dreh dich auf die Seite, Inuel." Vorsichtig half er seinem Freund und stützte ihn so, daß er zwar nicht auf der frischen Wunde lag, Selebist aber einen guten Blick auf seinen Rücken werfen konnte. "Kannst du dagegen was machen?"
"Bei Eru", hauchte der Heiler, während er die knorrigen Narben betastete. "Das ist ja alles uralt!"
"Kannst du was machen?" wiederholte Legolas ungeduldig, da er spürte, daß Inuel die Sache langsam unheimlich wurde. Solche Erinnerungen, wußte der Prinz, verdrängte der Junge für gewöhnlich, und nun so intensiv darauf gestoßen zu werden mußte schmerzvoller sein als der tägliche Anblick der Narben an sich.
"Legolas …"
Ein trauriges Seufzen unterbrach die Ausflüchte: "Sag mir einfach die Wahrheit, Selebist."
Nach einem langen, abwägenden Schweigen gab der Heiler zu: "Ja. Ich kann nicht gegen alle was tun, aber das Schlimmste kann ich in Ordnung bringen. Aber die Operation wird lange dauern. Und ganz gleich, was du willst, wenn der Junge dagegen ist, rühre ich keinen Finger."
Inuel schaute ihn ängstlich an. "Was ist mit den Strafen?" fragte er leise und fühlte, wie die Hand des Prinzen bei dem Ausdruck fester zudrückte.
Die Verwirrung auf Selebists Gesicht entging Legolas nicht, und er erklärte kurz: "Die Muster."
"Es tut mir leid, aber die sind zu weitflächig und zu eng geschnitten. Ich kann sie nicht entfernen, Junge, weil ich deine Haut dann nicht mehr zusammen ziehen könnte."
Inuel verstand nur einen Bruchteil der Rede: "Sie bleiben?"
Verdutzt über die beinahe erleichterte Reaktion, nickte der Heiler bloß. "Nur gegen die großen, langen Narben kann ich was tun, und vielleicht gegen die Verbrennungen, aber da bin ich nicht sicher."
"Na gut", entschied der Junge tapfer. "Dann … dann bin ich einverstanden."
Sanft strich Legolas über die kurzen, schwarzen Haare. "Und du brauchst keine Angst haben; ich weiche keinen Schritt von deiner Seite."
"Aber …" versuchte Selebist zu protestieren.
Er erntete lediglich ein frostiges Starren und nicht viel wärmer die Antwort: "Keinen Schritt." Nicht, daß ich könnte …
In Windeseile wurden die Werkzeuge vorbereitet, Thranduil benachrichtigt, Schwestern herbeigerufen, mehr Fackeln entzündet, neues Wasser aufgesetzt und verschiedenste Salben, Pasten und sogar Tee gemixt. Alachel hatte man vergessen, und der ehemalige Offizier beobachtete fasziniert das geordnete Chaos, welches ihn an ähnliche Szenen nach einer schlecht gelaufenen Schlacht erinnerten. Nur eines hatte er in Feldlagern niemals gesehen.
Legolas und Inuel bildeten in den hastigen und aufgeregten Wirren eine Insel der Ruhe, die eine Wärme ausstrahlte, wie keine Flamme sie je erzeugte. Worte wechselten sie kaum, und wenn, dann scherzten und lachten sie trotz der seltsamen Situation. Die meiste Zeit aber waren sie einfach nur … anwesend. Auch sie bestaunten die Hektik, Inuel so gut er es im Liegen eben vermochte; und Legolas in seiner vor dem Bett knienden Stellung, mit den Ellbogen auf der Kante und dem Kinn auf einem Unterarm, sah auch nicht viel mehr.
Gelegentlich trafen sich ihre Blicke und blieben aneinander hängen, unter dem Lachen zaghaft nach Trost suchend und beruhigend Trost spendend, unter den Scherzen Schutz erbittend und gewährend und unter dem gewahrten, sicheren Abstand gleichzeitig Nähe verlangend und verweigernd.
Alachel seufzte lautlos vor sich hin. So etwas hatte er tatsächlich in einem Feldlager niemals gesehen.
Nur gefühlt.
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A/N: Ich weiß, bei einigen von euch hat Alachel im letzten Kapitel Minuspunkte gemacht. Und so war es auch gedacht, aber ich hoffe, daß ihr die Sache jetzt ein wenig anders seht. Er ist in meiner Story nicht der Bösewicht und eigentlich kein schlechter Kerl, aber er hat weder die Erfahrung Selebists noch die Weitsicht Thranduils.
Im nächsten Kapitel erscheint *noch* eine neue Person, und damit gehen die echten Probleme erst los. *fies grins* Es tut mir ja sooooo furchtbar leid, daß ihr jetzt warten müßt. *duck* Nicht doch, wer wird denn gleich was nach mir werfen? *mit Finger wedel* Wenn ihr mich ausknockt, erfahrt ihr nie, wie's weitergeht. *^.^* Also, etwas Geduld bitte, und es wird sich bestimmt lohnen. Vertraut mir. ^^"
Eure Mel
