A/N: Ähm ... hi. *ängstlich hinter Inuel versteck* Da bin ich wieder. *zaghaft an bibberndem Ellbogen vorbeilug* Ihr seid mir doch nicht böse, oder? Ich schwöre, es war ehrlich nicht vorgesehen, euch *so* lange warten zu lassen. ^^" An Ausreden versuch ich mich erst gar nicht, aber bitte glaubt mir, daß diese unheimliche Verspätung mir wahnsinnig leid tut. ~.~ Außerdem kann es sein, daß euch dieses Kapitel ein wenig konfus erscheint, weil ich es über einen so langen Zeitraum geschrieben habe. Doch da warte ich lieber auf eure Meinung, okay? ^.^

@ Leahna: So, eine Vermutung? Nun, dann bin ich mal gespannt, ob die heute noch vertieft werden kann. ^^ Die Auflösung folgt leider erst im nächsten Kapitel. Und was die neue Figur angeht … für wie böse hältst du sie?

@ Sally: Heute gibt es einen weiteren Blick auf Ivanneth. Er ist nämlich nicht ganz so dumm, wie er daherkommt … er setzt aber seine Raffinesse auf fragwürdige Weise ein. Oh, und wegen Inuel – ich behalte deine Rachewarnung im Hinterkopf, versprochen. ^^"

@ amlugwen: Gerade ist mir aufgefallen, daß ich dir auf dein Review damals gar nicht geantwortet habe. ~_~ Sorry, ich hol das schnell mal nach: "wer liebt Gras und Knospen?" Ich glaube, im nächsten Kapitel wird das endlich geklärt; ehrlich gesagt hätte ich gar nicht gedacht, daß diese kurze Szene so viel Verwirrung stiften würde. Kam mir so eindeutig vor. ^^" Thranduil erscheint darin definitiv nicht. Die übrigen Fragen werden mit der Zeit im Text selbst beantwortet. Danke übrigens für das Kompliment, das spornt an. ^^ Ich werde mir Mühe geben, auch weiterhin 'findig' zu bleiben! *^.^*

@ Khair: Ja, Thranduil hat sich schon bei mir beschwert, ich würde ihn *zu* nett gestalten. Was ihm deswegen alles angetragen wird … am Ende des Kapitels wirst du wissen, was ich meine. ^^ Zu der Wunde (ich gehe mal davon aus, daß du "Hals" und nicht "Hand" schreiben wolltest), die hatte er da schon tagelang. Weil Inuels Klamotten aus mehreren dicken Stofflagen gemacht sind, die vor Dreck schon fast stehen, sickerte das Blut anfangs nichts durch. Dafür verklebte die Kleidung mit dem Körper, weswegen beim Ausziehen (= Abreißen) die Wunde wieder geöffnet wurde. Die Kleidung schließt dicht am Hals ab; überdies war er den Ärzten ja auch ziemlich gleichgültig, deshalb fiel es niemandem auf.

@ Eileen: Jetzt geht es endlich weiter. ^^ Und nein, in diesem Kapitel muß der arme Inuel zur Abwechslung mal nicht leiden. Na ja … jedenfalls nicht sehr. ^^"

@ nudel: Vielleicht ist es gut, daß du erst so spät reingeschaut hast … dann mußtest du nicht ganz so lange warten wie die anderen, hm? ^.~ Aber ich fürchte, sonderlich informativ ist dieses Kapitel nicht. ~.~

Disclaimer: Die neue Person gehört ausschließlich mir. Alles andere haben wir ja früher schon geklärt. *^.^*

Rating: PG-13 (Rein theoretisch könnte ich drunter gehen, aber ich mag die Routine. ^.~)

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Der Name der Macht

Kapitel Fünf

Es war nicht das Lied, was ihn schließlich weckte. Die sanfte, fröhlich schwingende Melodie vernahm er erst, nachdem sein Verstand sich aus den Träumen zurückzog. Dabei waren sie gerade so schön gewesen … Warum wachte er nun auf?

Nach Luft ringend fuhr Ivanneth in die Höhe, schleuderte das erstickende Kissen von seinem Gesicht und warf noch im Husten seiner kleinen Schwester einen tödlichen Blick zu.

Das Mädchen unterbrach ihr Singen und lachte: "Bist du endlich wach, Schlafmütze? Du bist echt schlimmer als Ada manchmal."

Ohne die Bemerkung einer Antwort zu würdigen, schaute der junge Mann aus seinem Fenster, sah die immer noch orangene Tinu zaghaft heller werden und ließ sich murrend wieder auf das Bett fallen. "Es ist noch nicht mal richtig Tag, Ala. Laß mich gefälligst in Ruhe. Ich bin doch gerade erst ins Bett."

"Spinnst du?" prustete die Jugendliche und deutete auf einen mechanischen Kalender. Als ihr älterer Bruder erneut aufschreckte, diesmal aber deutlich munterer als beim ersten Versuch, fuhr sie fort: "Gestern hat Ada mir verboten, dich zu wecken, weil diese Operation so lange ging. Aber heute hast du nicht noch mal frei!"

Ivanneth starrte bestürzt auf den Kalender. "Einen ganzen Tag … verschlafen?"

Daß er tatsächlich derart müde gewesen war, hätte er nicht gedacht. So müde, daß er nach einer Operation ohne Pause noch drei Mahlzeiten verschlief? Stöhnend wegen seiner zitternden Knie, stieg er aus dem Bett und in die Hosen, sobald seine Schwester das Zimmer verließ, um ihm Frühstück zu holen. Nächstes Mal lehne ich dankend ab, nahm sich Ivanneth gähnend vor.

Natürlich war er Selebist und vor allem Prinz Legolas, dessen Urteil in diesem Fall wohl mehr Gewicht besaß, zutiefst dankbar, daß er der langwierigen Behandlung nicht nur beiwohnen, sondern Selebist sogar assistieren durfte. Hauptsächlich aus dem Grund, weil für den Patienten keine Lebensgefahr bestand. Was so nicht ganz der Wahrheit entsprach, da der Junge – wie Legolas vorgewarnt hatte – mehrmals das Atmen einstellte, während er auf dem Bauch lag.

Solch eine seltsame Angewohnheit war dem ältesten Heiler noch nie untergekommen, und er fluchte den ganzen Tag hindurch in den hellsten Tönen, denn wann immer Inuel durch die vom Prinzen ausgelösten, störenden aber notwendigen Hustenanfälle geschüttelt wurde, liefen die gerade genähten Wunden Gefahr, wieder aufzuplatzen. Deshalb behandelten sie den Rücken zuerst, damit der Junge während dem zweiten Teil still lag.

Ivanneth seufzte. Nie zuvor hatte er so viel über die richtige Behandlung von alten Narben und tiefen Wunden erfahren wie an diesem Tag. Im Gegenzug aber mußte er alles, was er bisher über Legolas zu wissen meinte, verwerfen und neu überdenken.

Die Furcht in seinen Augen, wann immer das zischende Geräusch stoppte, war dem Lehrling nicht entgangen. Sicher, der Prinz versuchte, sie mit Humor oder Ärger zu überspielen, aber sie hing dennoch wie eine Wolke um ihn. Und sie erschöpfte ihn, so daß Legolas schließlich noch vor dem Ende der Operation einschlief, auf den Knien neben dem Bett, seine Hand fest um die des Jungen geklammert. Niemandem außer Alachel war das aufgefallen, und selbst der wagte erst nach dem allerletzten Verband, den Prinzen von dem Jungen zu trennen und in sein eigenes Bett zu packen.

"Was ziehst du denn so ein Gesicht?" erkundigte sich Ivanneths Schwester besorgt. In einer Hand hielt sie eine dicke Scheibe Brot mit Wurst, in der anderen ein Glas mit hellgrünem Fruchtsaft. "Gut, wenigstens hast du's fertiggebracht, dich anzuziehen. Hier; du hast keine Zeit für ein richtiges Frühstück."

"Alagwelyth."

Eingefroren wie eine Eissäule stand das Mädchen mitten im Zimmer, die Augen weit aufgerissen: "Oh oh."

"Bitte, setz dich. Wir müssen reden."

Amüsiert beobachtete Ivanneth, wie seine Schwester mit eingezogenem Kopf am Schreibtisch Platz nahm und ihn furchtsam anstarrte. "Ich hab in letzter Zeit nichts ausgefressen", behauptete sie unsicher. "Oder?"

Den Kopf schüttelnd, nahm der junge Mann ihr gegenüber Platz. "Du hast doch sicher die Gerüchte gehört?"

"Welche Gerüchte?"

"Ala, ich habe gestern geschlafen, und ich weiß trotzdem, daß sie durch alle Gänge hallten, also tu bitte nicht so unschuldig. Ich weiß, offiziell gehört sich Tratschen nicht, aber daran hält sich hier sowieso kaum jemand. Also?"

Neugierig beugte seine Schwester sich näher: "Hat Legolas echt einen Ausgestoßenen angeschleppt?"

Angesichts dieser Bezeichnung wand sich der Lehrling kurz, da er wußte, daß der Prinz keinesfalls dieser Ansicht war. Dennoch antwortete er leise: "Ja, es sieht so aus."

"Was will er denn mit dem?" platzte es aus der jungen Elbe empört hervor.

Nach einem kurzen Moment des Nachdenkens erklärte Ivanneth: "Ja, darüber wollte ich eigentlich reden. Anscheinend betrachtet er ihn als seinen Freund."

"Freund?" Alagwelyth lehnte sich zurück und entspannte sich. "Du meinst, so wie uns? Nun, das ist nicht so schlimm."

Aber ihr Bruder schüttelte den Kopf. "Nicht so wie uns. Wie Osuldar."

Nachdenklich betrachtete das Mädchen den Kommentar von allen Seiten. Schließlich runzelte sie die Stirn und gab zu: "Ich verstehe dich nicht, Bruder. Osu war doch sehr lieb." Bei seinem Tod war sie noch sehr jung gewesen, vielleicht so an die zweihundertfünzig Jahre. Dennoch erinnerte sie sich deutlich, wie spaßig der andere Zwilling gewesen war, und daß sie viel lieber mit ihm gespielt hatte als mit dem immer lesenden Legolas.

"Du erinnerst dich vielleicht nicht", bemerkte Ivanneth traurig, "aber Legolas war früher viel lebendiger. Osuldars Verlust hat ihn sehr verändert."

"So?" Für Ala war der Prinz immer so gewesen wie jetzt. "Was hat das mit seinem neuen Freund zu tun?"

Ivanneth erhob sich und trat an das kleine Fenster. "Ich sorge mich, daß er den Prinzen verletzt."

"Wie meinst du das?" Eine solche Sorge ließ das Mädchen nicht kalt, denn wie merkwürdig und zurückgezogen Legolas sich auch verhielt, sie betrachtete ihn als sehr guten Freund, und dementsprechend wollte sie auch auf ihn achten.

Ein leichtes Grinsen auf dem Gesicht ihres Bruders verriet ihr, daß er die Haltung richtig deutete. "Nicht mit Waffen", fuhr er fort. "Aber der Junge ist in einer Position, Legolas … das Herz zu brechen."

Damit fing er Alagwelyth immer ein. Sie war noch nicht viel über sechshundert Jahre alt und trug ein ausgesprochen romantisches Herz mit sich herum. Geschichten über Tod durch ein gebrochenes Herz rührten sie jedesmal zu Tränen und versetzten sie in der Realität in Schrecken, da sie ein so qualvolles Ableben für das schlimmste Schicksal überhaupt hielt. Und bei den Gefühlen, welche sie heimlich für Legolas hegte, könnte Ivanneth seine Schwester sicher in seine Pläne einspannen.

Eine Weile herrschte Ruhe, dann lachte Ala laut: "Erst mal müßte er es finden!"

Ihr Bruder zuckte zusammen. Ah, er hatte vergessen, wie dicht Liebe und Haß beieinander lagen. Daß Legolas ihre Zuneigung nie auch nur anerkannte, hatte sie am Ende womöglich verbittert. Hm, wie würde sie dann reagieren, wenn …?

"Das hat er schon!" rief Ivanneth gespielt ärgerlich, wodurch seine Schwester augenblicklich verstummte.

Dann, zaghaft: "Ehrlich?" Ein Ausgestoßener hat geschafft, was wir … was ich … niemals … "Niemals", wiederholte sie laut. Plötzlich schob sie ihre Ärmel hoch und raffte die langen Röcke auf. "Das werden wir ja sehen!" rief sie im Hinauslaufen. "Den knöpfe ich mir erst einmal persönlich vor!"

"Den Prinzen?" stürzte Ivanneth ihr beunruhigt nach.

Über die Schulter warf sie zurück: "Den Jungen! Keine Sorge, überlaß das nur mir!"

Mit den Augen verfolgte Ivanneth ihre Gestalt bis zur Treppe in der Ecke, ehe er den Kopf zurück warf und sein tiefes Lachen ausbrechen ließ. Keinen Moment länger hätte er es zurück halten können. Wenn Ala sich der Sache annahm, würden von dem Kleinen nur Fetzen übrig bleiben. Das lief ja alles wie geschmiert.

Außerdem konnte er nun in Ruhe frühstücken.

*******

"Bist du wach, Legolas?"

"Ja", antwortete der Prinz mechanisch, obgleich es noch nicht ganz der Wahrheit entsprach. Wie dem auch sei, er war auf dem besten Weg dahin, also warum nicht ein wenig vorgreifen?

"Das ist gut", antwortete Selebists Stimme. "Dann darfst du heute spazieren gehen, wenn dir der Sinn danach steht."

"Ja?"

Eine Pause, als wüde der Heiler nicken, doch das konnte sich Legolas nur vorstellen. Kurz darauf fuhr Selebist fort: "Da du von selbst aus dem Heilschlaf erwachst, ist deine Verletzung offenbar weit genug verheilt, um Bewegung zu erlauben."

Bewegung … gut …Ich bin hungrig … Inuel sicherlich auch … "Darf ich Dinge tragen?"

Ein Lachen begleitete die Antwort: "Solange es nicht gerade Elben sind, ja."

Inzwischen erinnerte sich Legolas an seine letzten wachen Eindrücke und brachte genügend Humor auf, um über die Anspielung zu schmunzeln. Dann öffnete er die Augen und sah sich um. Es war ihm gleich zu ruhig vorgekommen, und nun sah er auch weswegen: Er befand sich nicht länger im Notfallsaal, sondern in einem Krankenzimmer.

Sein erster Gedanke formte sich nicht einmal deutlich genug, ihm Sorgen zu bereiten. Man hatte Inuel in einem Bett gleich neben ihm untergebracht. Er lag auf der rechten Seite, mit dem Gesicht zum Prinzen, und schlief tief. Hinter ihm stand der Heiler und zog beim Fackelschein vorsichtig die Fäden aus der Halswunde, welche bis auf einen hellen Strich bereits verheilt war. Zwei weitere Tage würden die Spur der Klinge gänzlich verwischen.

"Keine Sorge wegen der Lage", meinte Selebist sofort. "Ich hatte rund um die Uhr eine Schwester hier, nur für den Fall."

"Danke." Es kam von Herzen.

"Schon gut", winkte Selebist schroff ab. "Schließlich solltest du endlich mal durchschlafen, von ihm hier gar nicht zu reden."

"Wie gut, daß man den Heilschlaf nicht erst erlernen muß." Vorsichtig richtete der Prinz sich auf. Bis auf sie drei war der Raum im Moment leer. "Und Alachel?"

"Den habe ich auch ins Bett geschickt, sobald ihr beiden weggetreten wart. Danach hat er nur ab und zu vorbeigeschaut; wahrscheinlich ging es selbst in seinen Dickschädel, daß so tief schlafende Elben ungefährlich sind. So, das hätten wir." Mit diesen Worten wischte Selebist ein letztes Mal über die dunklen Spuren der Fäden, legte allerdings keinen neuen Verband an.

"Selebist", kam Legolas endlich ein Gedanke, "wie lange schlafen wir schon?"

Der Heiler blickte zufrieden von einem Patienten zum anderen. "Die Operation fand vorgestern statt."

"Und …" Vielsagend betrachtete Legolas seinen Freund.

"Darüber wage ich gar nicht zu spekulieren", fiel ihm der Heiler schnell ins Wort. "Der Junge ist sowieso nicht normal."

"Was wäre denn normal?" hakte der Prinz leise nach.

"Morgen. Mittag, vielleicht Abend."

Grinsend traf Legolas den Blick des Alten: "Inuel wacht heute noch auf."

"Ach ja?" Seine Stimme triefte von Unglauben, doch die Augenbraue hob sich in Neugier. "Wie kommst du darauf?"

"Ich kann seinen Magen knurren hören", lachte Legolas.

Dann sprang er vom Bett, genoß einen Moment das schmerzfreie Stehen und schlüpfte anschließend in Schuhe und Morgenmantel, um die Erlaubnis zur Bewegung voll auzunutzen. Gemütlich trottete er durch den langen Gang, in der noch leeren großen Halle alle sechs Ebenen hinauf und zuletzt die Galerie entlang auf sein Zimmer zu. Vor dem Fenster hielt er verwirrt inne. Es sah … anders aus. Neu.

In diesem Moment platzte sein Vater aus dem nahen Tor zur Wendeltreppe und kam im Laufschritt auf ihn zu. "Du bist wach!" begrüßte er seinen Sohn mit einer Tatsache. "Keine Schmerzen?"

"Vater", begann Legolas verunsichert, "was ist mit meinem Fenster passiert?" Dann schaute er sich verstohlen um und senkte die Stimme: "Das ist doch mein Fenster, nicht wahr?"

Thranduil beäugte ihn aufmerksam, während er erklärte: "Das ist es in der Tat, obgleich ich es komplett austauschen lassen mußte, nachdem du das alte Fenster in tausend Scherben sprengtest. Erinnerst du dich nicht?"

Zögernd bewegte Legolas den Kopf, als könne er sich nicht zwischen einem bestätigenden Nicken oder verwirrten Schütteln entscheiden. "Ich? Bevor ich im Notfallsaal erwachte, ist mir nur Tee in Erinnerung geblieben, sonst nichts." Erst jetzt begann der Prinz, über die Umstände nachzudenken. "Wieso war ich eigentlich im Notfallsaal? Was ist hier passiert? Hab ich etwa jemanden durch das Fenster geworfen?" In Gedanken fügte er die besorgte Frage hinzu: Inuel?

"Nein, das kann man so nicht sagen", beruhigte sein Vater schnell. Einen Moment später begann er erneut: "Nun ja, schon irgendwie. Aber du warfst niemand anderen als dich selbst hindurch, und anschließend auch gleich noch von der Galerie."

Ungläubig trat Legolas an die Brüstung, was seinen Vater dazu veranlaßte, vorsichtshalber seinen Oberarm in einen Todesgriff zu zwängen, und schätzte die Entfernung zum Boden ein. "Das erklärt dann wohl die Rückenschmerzen", stellte er nüchtern fest. "Seltsam, jetzt wo sie abgeklungen sind, fühle ich mich gar nicht, als hätte ich so einen Sturz hinter mir."

"Sicher?" fragte Thranduil nach, ließ aber los. "Selebist sagte etwas von Prellungen und –"

"Ganz sicher. Ich fühle mich", ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen, "wohl."

Das Lächeln kam dem König unheimlich vor. "Schön", antwortete er trotzdem, während er seinem Sohn zur Tür und durch das Vorzimmer in sein Schlafgemach folgte. "Da die Ausbesserungen bereits abgeschlossen sind, kannst du deine Gemächer jederzeit wieder beziehen."

"Nein", widersprach Legolas entschieden, als er die Einsamkeit seines Zimmers mit Inuels tröstender Anwesenheit verglich. "Nein", fügte er dann noch einmal ruhiger hinzu und wählte ebenfalls angemessenere Worte. "Ich würde es vorziehen, einige Nächte in meinem Krankenzimmer zu verbringen."

"Um auf deinen Freund zu achten? Selebist berichtete mir über seine – nun – Atemprobleme." Ein Schmunzeln ließ sich nicht unterdrücken.

Legolas sah es und antwortete heftig: "Das ist kein bißchen amüsant!" Auffallend aggressiv durchwühlte er seinen Kleiderschrank. "Wie er siebenhundert Jahre überlebt hat, ist mir immer noch ein Rätsel." Triumphierend zog er eine tiefblaue Tunika vom hintersten Stapel, dazu eine leichte Hose, verschwand damit im Badezimmer und platzte nur fünf Minuten später frisch gewaschen, ordentlich gekämmt und in würdevollerer Kleidung zurück in sein Schlafgemach. Den Pyjama warf er achtlos auf das zerwühlte Bett.

Voller väterlichem Stolz betrachtete Thranduil den Prinzen von Kopf bis Fuß. Legolas hatte sich nicht die Mühe gemacht, seine Haare zu flechten. Vom gerade gezogenen Mittelscheitel fielen sie leicht über die Ohren, einzig an den Schläfen von zwei unauffälligen Spangen daran gehindert, ihm bei jeder Drehung vor die Augen zu wehen. Einige lange Strähnen hingen vorn über die Schultern und schimmerten vor dem an den Nachthimmel erinnernden Blau der Tunika um so goldener. Am dünnen, schwarzen Gürtel fing eine Schnalle die Farbe erneut auf. Die zierlichen, seidenschwarzen Stickereien paßten perfekt zum dunklen Ton der eng anliegenden Hose, welche trotz des leichten Stoffes bestens wärmte. An den Knöcheln verschwand sie in dunklen Mokassins.

Als der König den Blick wieder hob, lächelte Legolas ihn entspannt an. "Du siehst gut aus", bemerkte Thranduil leise.

Der Prinz lachte fröhlich. "So sehe ich doch immer aus, Vater."

"Mag sein", gab der Ältere zu. "Jedoch strahlst du stets so viel heller, wenn du lächelst, mein Sohn. Und das hast du schon sehr lange nicht mehr getan."

"Vater …"

"Du solltest auch deinem Freund neue Sachen besorgen", wechselte Thranduil das Thema, um einer peinlichen Stille vorzubeugen. "Oder möchtest du, daß ich einen Schneider bestelle? Ich meine, da wir nicht wissen, wo er wohnt …"

Legolas dachte kurz nach, dann atmete er tief ein. "Das ist nicht nötig", behauptete er mit düsterer Stimme. Eine erneute Suche in einem viel tieferen Fach des Kleiderschranks beförderte eine zweite, dunkelgrüne Tunika zutage. Versuchsweise faltete der Prinz sie auseinander und hielt sie an seinen eigenen Körper. Sie war ihm um einiges zu klein, aber Inuel würde sie perfekt passen.

Wirklich perfekt. Als wäre sie für ihn gemacht …

"Bist du dir sicher, mein Sohn?"

"Osuldar war sie viel zu groß", murmelte Legolas traurig.

*******

In ein Krankenzimmer verlegt. Toll, aber welches?!

Alagwelyth schäumte vor Wut. Darüber hatte ihr Bruder natürlich nichts erwähnt, und nun war sie ganz umsonst den langen Weg zum Notfallsaal marschiert! Überdies hatten die Diener dort keine Ahnung, und eine Schwester wollte dem Mädchen einfach nicht über den Weg laufen. Sehr vernünftig.

Daran trug ganz allein dieser blöde Junge Schuld! Nur seinetwegen befand sie sich überhaupt hier unten. Daß nur Stolz sie daran hinderte, aufzugeben und umzukehren, gestand sich das Mädchen nicht ein. Sie mußte diesen Kerl mit eigenen Augen sehen, der das versteinerte Herz des Prinzen nicht nur entdeckt, sondern erobert hatte. Und jederzeit zerstören konnte.

Vor langer Zeit hatte sich die junge Elbe damit abgefunden, daß Legolas sich nie für sie erwärmen würde, weil er es für niemanden tat. Ja, sie hatte sich damit abgefunden, weil sie sich sagte, daß es für ihn so sicherer sei. Doch wenn ihr Freund jetzt entschied, diese Sicherheit aufzugeben, konnte sie unmöglich zulassen, daß ausgerechnet ein Ausgestoßener darüber verfügen sollte.

Nicht, daß sie dem Kerl nicht dankbar wäre. Aber von hier an würde sie lieber selbst übernehmen …

Zum x-ten Mal öffnete sie vorsichtig eine Tür, wobei sie mehr oder weniger erneut einen leeren Raum erwartete. Überrascht unterbrach sie ihre Gedanken, als ihr Blick auf den in einem bequemen Sessel sitzenden Selebist fiel. Gleichzeitig hob er den Kopf und lächelte sie erleichtert an.

"Verzeihung", bat das Mädchen schnell und trat rückwärts aus der Tür.

Der Heiler erhob sich eilig. "Bitte tretet ein, junge Dame. Ich benötige einen Gefallen von Euch."

Über die aufgesetzte Sprache die Augen verdrehend, gehorchte die Elbe und ging auf Selebist zu. "Kannst du nicht normal mit mir sprechen, Doktor Sel?"

Selebist runzelte die Stirn. "Alagwelyth, Euer Verhalten widerspricht den Sitten, welche Eure Mutter Euch seit Jahren zu lehren versucht, und keinesfalls werde ich ihre Wünsche ignorieren und Euch darin bekräftigen."

"Ich weiß aber genau, daß du das gestelzte Gelaber auch nicht leiden kannst!" zwinkerte das Mädchen keck.

Einzig ein kleines Lächeln deutete an, wie richtig die Elbe lag, doch Selebist unterdrückte die Zustimmung in einem kleinen Seufzen und schwieg.

"Also, wie kann ich dir helfen?" erkundigte sich das Mädchen.

Nicht, daß sie Lust oder Zeit dafür hätte, denn immerhin befand sie sich auf einer Mission. Doch ihre Manieren waren nicht so schlecht, daß sie den Wünschen Älterer aus Eigennutz absagte, schon gar nicht, wenn sie die Personen mochte. Neugierig sah sie sich in dem Zimmer um.

Zwei Betten standen darin, offensichtlich beide benutzt, obgleich der Inhaber des leicht zerwühlten hinteren gerade abwesend war. Näher an der Tür lag ein junges Mädchen, welches sich augenscheinlich im Heilschlaf befand. Alagwelyth schenkte ihr keinen zweiten Blick, statt dessen schaute sie fragend zu Selebist auf.

Gerade beendetete der Heiler das Verschnüren einer kleinen Tasche, in welcher er alles Nötige für seine Visiten beförderte. "Ich muß mich noch um einige andere Patienten kümmern", erklärte er vielsagend.

"Und?"

Selebist überhörte den ungeduldigen Ton geflissentlich. "Bald sollte eine Schwester zurückkehren; mir ist nicht klar, was sie aufhielt, doch kann ich unmöglich länger an diesem Ort verharren. Daher bitte ich Euch, an meiner Statt eine Weile hier zu wachen."

"Ah", machte Alagwelyth halb entsetzt und halb genervt. Kranke konnte sie nicht leiden, und länger in deren Nähe zu bleiben verunsicherte sie enorm. "Wie lange?"

"Bis die Schwester erscheint", antwortete Selebist im Gehen. "Nichts sollte sich ereignen in solch kurzer Zeit." An der Tür drehte er sich vorsichtshalber noch einmal um. "Obgleich, man weiß ja nie – sollte der Atem sich verändern, schlagt ihn." Damit verschwand er und schloß die Tür leise.

Alagwelyth starrte eine Weile auf den nun leeren Fleck.

"Ihn?"

Schließlich wanderte ihr Blick erneut zum Bett, diesmal aufmerksamer. Der Patient lag auf der Seite, die dünne Decke bis zu seinem Hals hinaufgezogen. Jemand hatte sich viel Mühe gegeben, seinen Kopf so gerade wie möglich auf dem stabilen Kissen zu plazieren, und seither schien er sich keinen Millimeter gerührt zu haben. Im Nähertreten betrachtete Alagwelyth die rabenschwarzen Wellen dichten Haares, dessen Kürze die Decke zuvor vor ihr verborgen hatte. Ihre Augenbrauen schossen nach oben, als sie den glücklichen Zufall erkannte.

Dann ließ sie ihren Blick weiter über das völlig entspannte Gesicht schweifen. Obwohl es viel zu mager wirkte, traten die Wangenknochen kaum hervor, und wegen der kleinen Stupsnase über den geschwungenen Lippen und dem für Männer außergewöhnlich spitzen Kinn mußte die Elbe unwillkürlich schmunzeln.

Kein Wunder, daß sie den Kerl für ein Mädchen gehalten hatte; obwohl er doch etwas älter war als sie und seine erwachsenen Züge bereits feststanden, wirkten sie viel zu unausgeprägt, zu sanft und zu weich für einen Mann. Selbst nach elbischen Maßstäben.

Alagwelyth kicherte leise.

Der soll Legolas' Herz erwärmt haben? Allerhöchstens einen Funken Mitleid entzündet.

Während sie ihn noch belustigt anstarrte, öffnete der Junge langsam, fast zaghaft die Augen. Deren Farbe erkannte Alagwelyth nicht sicher, da das schwache Licht der einzelnen Fackel alles mit einem täuschenden Rotschein überzog und das helle Braun daher nicht viel zu sagen hatte. Allmählich richtete sich der Blick des Patienten auf ein Objekt, blinzelte, blinzelte stärker und starrte dann weiter.

Ala direkt ins Gesicht.

Endlos dehnte sich der Augenblick, in welchem beide wortlos schauten, doch schließlich bewegte der Junge die Lippen. Zuerst kam kein Laut, doch als er zu sprechen begann, zuckte das Mädchen zusammen.

"Ala…?"

"Woher kennst du meinen Namen?" platzte sie flüsternd heraus.

"Alachel?"

"Was?!"

Der Junge blinzelte bei dem hohen Aufschrei. "Klingst … komisch, Alachel", murmelte er verschlafen.

"Ich bin nicht Alachel! Idiot! Ich bin eine Frau, sieht man das nicht?" In der Tat besaß die Jugendliche bereits beachtliche Rundungen dafür, daß sie ihre Pubertät noch lange nicht beendet hatte. Sie glaubte heimlich, daß das wilde Gemüt ihres Vaters in ihr durch die geerbte Schönheit Lalaiths ausgeglichen würde, und war darauf überaus stolz.

"Wie kannst du mich mit Ada verwechseln?" fuhr sie empört auf. "Diesem … diesem – Bär!"

Ihr letztes Wort bekräftigte sie durch eine schallende Ohrfeige, ehe sie sich wegdrehte und wütend zur Tür schritt. Sollte der Lümmel doch von ihr aus verrecken, wieso sollte denn ausgerechnet sie sich mit ihm abgeben? Doch ehe sie die Tür erreichte, wurde sie mit unerwarteter Heftigkeit aufgestoßen, und Ala wich instinktiv einen Schritt zurück.

Legolas erkannte das Mädchen nicht sofort. Sein eigener stürmischer Auftritt war ihm plötzlich peinlich, da es sich für einen Elbenprinzen nicht gehörte, die Kontrolle zu verlieren. Mit einer bewußten Willensanstrengung beruhigte er seine Atmung und schloß sachte die Tür, während er die Fremde musterte. Dann erinnerte er sich.

"Alagwelyth", begann er, verbesserte sich aber schnell, als sie das Gesicht verzog. "Ala, was machst du hier?"

Nichtssagend zuckte das Mädchen die Schultern. "Selebist wollte, daß ich kurz aufpasse. Ich habe –"

"Legolas?"

Die leise Frage lenkte den Prinzen augenblicklich ab.

"Ich wußte es!" rief er erfreut und lief in drei langen Schritten an Inuels Bett. Das verknotete Bündel, welches er unter einem Arm trug, plazierte er am Fußende, dann kniete er sich in Höhe von Inuels Kopf nieder. Ala beobachtete das mit geballten Fäusten und unterdrückte nur mühsam ein Knurren angesichts der nicht sehr hoheitlichen Handlung.

"Du hast Hunger, richtig? Ich wußte, du wachst heute noch auf. Hier, mach den Mund auf."

"Mag nicht", antwortete der Jüngere schwach.

Legolas runzelte die Stirn und zog das kleine Plätzchen von Inuels Lippen zurück. "Nicht? Aber dein Magen knurrt doch."

"Müde."

"Ach so. Mach den Mund auf, komm. Du brauchst nicht zu kauen, das hier ist extra für Patienten." Endlich tat Inuel wie ihm geheißen, und der Prinz schob das Plätzchen hinter die Zähne. "Zu. Gut. Das löst sich von alleine auf und macht dich ganz bestimmt satt." Legolas wartete still, bis sein Freund schluckte, ehe er fragte: "Wie fühlst du dich?"

Inuel blinzelte. Und blinzelte stärker. "Seh schlecht", seufzte er anschließend.

"Ehrlich?" Augenblicklich verließ die Fröhlichkeit das Gesicht des Prinzen. Dann hatte Selebist wohl wieder mal Recht, dachte er. "Du brauchst dich nicht sorgen, das ist normal. Weil dein Heilschlaf unvollendet ist, funktionieren deine Sinne noch nicht richtig. Also los, schlaf weiter, damit du bald ganz gesund bist, ja?"

In der Ecke nahe der Tür blickte Alagwelyth ein wenig reuig auf ihre rechte Hand. Vielleicht war sie zu voreilig gewesen. Daß der Junge sie gar nicht richtig erkennen konnte, hatte sie nicht bedacht. Nein, verteidigte sie sich schmollend. Nicht gewußt. Woher auch? Mein Bruder ist der zukünftige Heiler, nicht ich. Und der Junge hätte ja mal einen Ton sagen können!

Als sie sah, wie Legolas sanft die Decke enger um seinen Freund steckte, kehrte ihr Ärger so plötzlich zurück, daß sie beinahe aus der Haut fuhr. Wie konnte der herzlose Elb nur hier, direkt vor ihren Augen, so zärtlich mit einem Fremden umspringen? Einem Außenseiter! Da drehte sich einem ja der Magen um! (Oder war es ihr Herz, welches verkrampfte?) Und dann diese Blicke zwischen ihnen!

Besonders der innige Blick von Legolas. Der Blick … welcher gerade … auf die Wange des Jungen fiel … Alagwelyth schrumpfte fast merklich.

"Wo hast du das denn her, Inuel?" fragte der Prinz verwundert.

Die Antwort kam undeutlich: "Alachel … gehauen …"

"Alachel?" wiederholte Legolas verwirrt. "Aber der war doch gar nicht hier, laut Sel– oh!" Seine scharfen Augen richteten sich auf das verschämte Mädchen. Doch statt Wut zog sich ein Grinsen über sein Gesicht, welches Ala sichtlich aufatmen ließ. "Ach so ist das, du hast wohl Bekanntschaft mit Alagwelyth gemacht." Amüsiert wandte er sich wieder Inuel zu: "Sie mag ja das Temperament ihres Vaters haben, aber sie ist trotzdem ein Mädchen."

"Ich bin eine Frau!" rief das Mädchen sauer dazwischen.

"Kein Mädchen …" begann Inuel, der sich schon nahe am Einschlafen befand.

Ala stampfte empört auf: "Ich bin eine Frau!!" Nicht zu fassen, der ignorierte sie einfach!

"Keine Frau", berichtigte Inuel schwach. Seine Augen fielen zu.

Während Ala überlegte, daß "Kein Mädchen" so gesehen eigentlich ein Kompliment hätte sein können, und zu entscheiden versuchte, ob sie sich nun über ihn oder sich selbst ärgern sollte, ergriff Legolas das Wort, ehe sein Freund ganz einschlief.

"Warum denn nicht, Inuel?"

"Keine Frau", wisperte der Junge bestimmt, "haut so."

*******

Kaum ein Blinzeln nach dem energischen Klopfen sprang die schwere Tür nach innen, woraufhin der Heiler schnaubend in das geräumige Arbeitszimmer stapfte und das dicke Holz hinter sich nicht weniger geräuschvoll wieder ins Schloß warf. Zwei lange Schritte, eine elegante Drehung und kaum merkliche Gewichtsverlagerung beförderten ihn in den bequemen Besuchersessel, von wo aus er Thranduil gelassen anlächelte: "Was gibt es?"

Thranduil beobachtete das Energiebündel fasziniert und wunderte sich angesichts der offensichtlichen Zufriedenheit kurz, was wohl geschehen würde, wenn sein Freund einmal in Rage geriet. Doch zur eigenen Sicherheit entschied er, das vorerst nicht zu auszutesten. Immerhin war es gut möglich, daß er die Antwort früher erfuhr, als ihm lieb war.

"Ich möchte mit dir über Inuel sprechen", begann der Jüngere ohne Umschweife.

"Ah, der –" Selebist fing den kurzen, warnenden Blick auf und entschied sich für gewähltere Worte: "… Patient." Da Thranduil lediglich zufrieden nickte, fuhr der Heiler sachgemäß fort: "Nun, er erholt sich gut. Wie ich höre, hat die Schwester den Prinzen aus dem Krankenzimmer verbannt, und –"

"Wozu denn das? Seit wann? Selebist, ich kenne meinen Sohn – er reagiert nur wieder mürrisch und gereizt, wenn er sich langweilt."

Der Heiler hob unschuldig die Schultern. "Ich nehme an, deswegen hat sie ihn fortgeschickt. Laut ihrem Bericht war er so unruhig, daß der Junge immerzu aufwachte. Das war so gegen Mittag, denke ich."

Noch schien Tinu in nachmittaglich hellem Gelb, doch Legolas mußte mindestens schon seit vier Stunden von seinem Freund getrennt sein. Thranduil begann sich zu fragen, was sein Sohn in der Zwischenzeit anstellte. In seiner allgemeinen Hochstimmung und der momentanen Gereiztheit standen sicherlich verschiedene einschneidende Handlungen zu befürchten.

Seufzend schüttelte der König den Kopf und fuhr sich erschöpft über die Augen. Dann grinste er. "Unberechenbar", murmelte er.

"Wie bitte?"

"Ich dachte nur gerade", erwiderte Thranduil immer noch lächelnd, "wie unberechenbar er zur Zeit ist. Fast so wie früher; man weiß nie, was sie anstellen. Ich hätte nicht gedacht, daß ich Sorgen so vermissen könnte."

Eindringlich betrachteten Selebists weise Augen seinen Freund und kamen zu dem Schluß, daß dem König der Versprecher völlig entgangen war. Sollte er ihn darauf hinweisen? Aber wozu eine schöne Erinnerung und eine schönere Vorstellung herzlos zerstören? Aufmunternd lächelte er zurück, doch Thranduil starrte blicklos an ihm vorbei.

Schließlich räusperte sich der Heiler, um seine Erklärung fortzusetzen: "Trotz all der Störungen gehe ich davon aus, daß der Patient noch heute abend aufwacht. Die Einzelverbände können wir dann schon abnehmen, aber er braucht für zwei, drei Tage einen weichen Schutz unter seiner rauhen Kleidung. Ansonsten spricht von meiner Seite nichts gegen eine Verlegung, falls du darauf hinaus wolltest."

Thranduil neigte den Kopf. "Das sind zwar erfreuliche Neuigkeiten, doch der Grund für unser Gespräch ist ein anderer. Es geht um … seine Herkunft." Jede Muskelbewegung Selebists verfolgte der König mit gewichtigem Interesse. Beruhigt, gleichzeitig aber enttäuscht, stellte er fest, daß sich weder an Körperhaltung noch Atmung seines Freundes etwas änderte.

Nur Neugier blitzte in seinen Augen, als er fragte: "Du hast herausgefunden, woher er kommt?"

Die Wahrheit sagen? Das könnte gefährlich werden. Lügen? Selebist würde ihn sofort durchschauen. Da blieb nur noch ausweichen: "Er kommt mir bekannt vor. Kannst du dir vorstellen, woher?"

"Ich habe keine Ahnung", erwiderte der Heiler bedächtig. Ganz leicht kniff er die Augen zusammen und musterte den Jüngeren. "Was verheimlichst du mir?"

"Er sieht jemandem so ähnlich", antwortete Thranduil prompt. "Das jagt mir Schauer über den Rücken", fügte er geheimnisvoll hinzu. "Hast du ihn dir mal genau angesehen?" Tu es, tu es, tu es bitte möglichst bald!

Scheinbar befriedigt durch die Ausrede, zuckte Selebist mit den Schultern: "Nein, wieso sollte ich? Er wird heilen, verschwinden, Ende der Geschichte." Es dauerte einen Moment, bis er Thranduils steinernen Blick bemerkte. "Oder nicht?"

Der König deutete ein Kopfschütteln an, während er erwiderte: "Legolas wird ihn nicht wegschicken. Noch würde ich es tun. Und da der Junge sicherlich dicht bei meinem Sohn bleiben wird, kannst du ihn wohl bald zur Familie rechnen."

"Das ist ein Witz." Selebists Stimme klang weder belustigt noch verärgert. Man hätte sie monoton nennen können, schwänge nicht ein bedeutender Anteil Hoffnung in ihr mit. "Du meinst das nicht ernst."

"Vielleicht solltest du Inuel näher kennen lernen, mein Freund", riet Thranduil sanft. "Nach meiner Beobachtung ist Legolas' Band zu ihm sehr stark, und wenn ich auch selbst kein Heiler bin, so weiß ich doch –"

"… daß manchmal die Heilung von der Kraft des Partners abhängt", zitierte Selebist seine eigene alte Weisheit. "Hältst du die beiden dafür? Partner?"

Nachdenklich lehnte sich der König zurück. "Das bleibt abzuwarten. Fest steht, daß er keine auch nur annähernd starke Bindung zu irgend jemand anderem hat. Also", unbewußt verfiel er in einen autoritären Ton, "lerne ihn kennen. Sieh ihn dir genau an. In der Tat, sieh ihm tief in die Augen und überlege gründlich, was du darin siehst, alter Freund."

Selebist erhob sich langsam, wobei er unentwegt den plötzlich sehr müde wirkenden König musterte. "Was bedrückt dich, das du mir nicht sagen willst?"

"Etwas, das ich dir nicht sagen will", kam die leise Antwort. "Weil deine Augen sicher tiefere Wahrheit sehen als deine Ohren vernehmen würden."

Mit einem angedeuteten Nicken drehte der Heiler sich um und verließ eilig den Raum. Nachdem die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, verweilte er noch einen verwirrten Moment, und so vernahm er gerade, als er gehen wollte: "Ich wünschte, ich könnte ihm raten, auf sein Herz zu hören."

*******

Vor Jahrhunderten hatte der große eicherne Bücherschrank seine respektable Zimmerecke besetzt und die enormen Eindruck schindende Position seither mittels gewichtiger Behäbigkeit erfolgreich verteidigt. Das mochte der Grund sein, warum ihm die momentane Aktion des Prinzen so mißfiel, denn das Möbelstück zeigte sich störrisch und kämpfte um jeden Millimeter.

Konzentriert versuchte Legolas, diese Widerspenstigkeit durch eine Kombination aus Kraft, Schubtechnik und beeindruckender Ausdauer auszugleichen: In einem Winkel von fast perfekten fünfundvierzig Grad projizierte er seine gesamte Körperkraft in die Handflächen, welche er daraufhin gute drei Minuten lang gegen die Schrankseite preßte. Mit anderen Worten, er drückte stärker.

Unter seiner Haut erbebte das alte Holz.

Kurz darauf erklang ein mißbilligendes Knarren.

Eine kaum merkliche Neigung begleitete das Geräusch.

Der Schrank ruckte.

Holz protestierte.

Teppichstoff schrie verletzt auf.

Schließlich widerstand das Holz erneut, setzte sich zufrieden in seine senkrechte Position, knarrte noch einmal zur Beschwerde und seufzte erleichtert, als der Prinz von ihm abließ.

Legolas betrachtete sein Werk. Ein halber Zentimeter. So ging das seit zwei Stunden, und inzwischen hatte er das aufsässige Möbelstück immerhin ganze sechs Zentimeter von der Stelle bewegt. Mit einem Verbündeten hatte er allerdings nicht gerechnet – tadelnd starrte er auf die störende Teppichfalte. Im gleichen Augenblick knirschte der Schrank in hohem Ton, und Legolas fühlte sich in irrationaler Weise ausgelacht. Er entschied, daß solcher Hohn zu viel Frechheit für einen Untergebenen darstellte.

Zur Strafe trat er dem Möbelstück in die Seite.

Das Holz zeigte sich bis auf ein weiteres Knirschen unbeeindruckt, während der Fuß des Prinzen sich vehement über die grobe Behandlung beschwerte. Verärgert über die Auflehnung, war Legolas nahe daran, dem verräterischen Körperteil unter kräftigen Flüchen eine ähnliche Strafe zuzugedenken, doch mangelnde Balance und die Gnade des Schicksals vereitelten den Versuch.

Thranduil betrat den Raum.

"Legolas", begrüßte er seinen Sohn mit einem Schmunzeln, welches einzig die Stimme verriet, "wozu die Gymnastik?"

Ertappt unterbrach der Prinz sein einbeiniges Gehopse und stellte den pochenden Fuß würdevoll auf den Boden, ohne ihn wirklich zu belasten. "Verschriebener Heilungssport", erwiderte er ohne zu blinzeln.

Die Mundwinkel des Königs zuckten, doch er hielt sie im Zaum: "Gesund sah das nicht aus. Warum kämpfst du gegen den Bücherschrank, Junge? Es gibt Krieger hier, weißt du."

"Keiner von ihnen ist ein so fordernder Gegner wie der hier."

Wie zur Bestätigung knackte etwas in dem Schrank.

Legolas beäugte das tote Holz mißtrauisch und trat vorsichtshalber einen Schritt zur Seite, ehe er das Spielchen aufgab: "Oh, Vater, wie hast du dieses Monster nur hierher bekommen?"

"Nun, soweit ich mich erinnere, erledigten das Handwerker."

"Wieviele?"

"Zwei."

"Hilfst du mir mal?"

Ungläubig starrte Thranduil seinen Sohn an. "Wie bitte?" erkundigte er sich unsicher.

"Wenn zwei es damals schafften, können wir das auch", erklärte Legolas und krempelte die rutschenden Ärmel wieder zu seinen Schultern hoch. "Komm."

"Ähm, ich glaube …" Verzweifelt suchte der König nach einer Ausrede, mit der er sein Gesicht wahren könnte. "Ich glaube, sie hatten ihn damals auseinander genommen."

Legolas stutzte, überlegte kurz und strahlte dann eine ergreifende Aura kindlicher Freude an der eigenen, brillianten, hinterlistigen und überaus gemeinen Idee aus. "Ach ja?" Mit langen Schritten begab er sich zur Tür.

"Wohin gehst du denn?" fragte sein Vater besorgt, als er ihn passierte.

"Eine Axt holen."

"Warte!" Thranduil packte den Prinz am Ellbogen. "Ich bezweifle, daß sie ihn auf diese Weise auseinander nahmen!" Nach einem tiefen Seufzen entschied er resignierend: "Ich helfe dir. Hauptsache, ich muß nicht noch mehr Zerstörung erklären." Die aufwärts schnellende Braue ignorierte er standhaft. "Warum hast du denn keine Handwerker gerufen?" fragte er neugierig.

Schmollend verschränkte der Prinz die Arme. "Sie hätten sicher Fragen gestellt."

"Ah", grinste der König verständnisvoll. "So in der Art: 'Warum wollt ihr das antike Möbelstück versetzen? Es hat Jahrhunderte seinen Zweck erfüllt, oder nicht?' Diese Art von Fragen?"

Legolas beäugte seinen Vater, der für seinen Geschmack die Neugier der Handwerker viel zu realistisch nachahmte. Sogar in diesem Moment blinzelte er ihn mit genau jenem stets wißbegierigen Blick an und erwartete offensichtlich auch selbst eine Antwort. Störrisch wandte der Prinz das Gesicht ab und studierte eine Weile die Decke.

"Nun?" fragte sein Vater unnachgiebig.

Nichts als Schweigen antwortete ihm.

"Hm, wenn du keinen triftigen Grund für die Aktion hast, Legolas, meine Zeit ist gut verplant." Betont gleichgültig hielt der König auf den Ausgang zu.

"Ich will umräumen!" gestand Legolas zerknirscht.

"Soweit war ich auch schon", erwiderte sein Vater ohne anzuhalten. "Muskeltraining habe ich nicht nötig."

"Der Schrank steht im Weg."

Jetzt hielt Thranduil inne und begutachtete demonstrativ das Zimmer. Es war etwas größer, als Legolas' Schlafgemach, dafür aber nur spärlich eingerichtet. Von der Tür aus, wo der König nun stand, blickte man als erstes auf den protzigen Kaffeetisch in der linken hinteren Ecke. Eigentlich handelte es sich dabei um einen ausgedienten Dinertisch, dessen Beine Legolas vor Jahrhunderten soweit gekürzt hatte, daß man die Oberfläche von einer Couch aus bequem erreichen konnte. Auch ausgebessert und poliert hatte er in mit viel Mühe, so daß er nun so gut wie neu aussah.

Umrahmt wurde das zweckentfremdete Möbelstück von einer Eckcouch, deren Schenkel an seiner Längsseite nicht lang genug war. Ein Sessel ergänzte den freien Platz, und sein Zwilling zierte das Kopfende zur Tür hin. Rechts vom Tisch stand eine weitere Couch. Insgesamt bot diese Ecke Platz für acht bis zehn Personen zu einem gemütlichen Nachmittagsplausch.

So etwas veranstaltete Legolas nie. Statt dessen nutze er den Ort für Beratungsgespräche und Diskussionsrunden, sowie als Versammlungsstelle für verschiedene Projektgruppen, welche er gelegentlich anstiftete. 'Wenn ich schon Leute einlade, um zu denken', erinnerte sich der König an die Philosophie seines Sohnes, 'dann sollen sie nicht pausenlos daran denken, wie unbequem sie sitzen!'

Dieses Motto erstreckte sich auch auf die Getränke, weshalb sich in der rechten Ecke, oberhalb der Tür zum Schlafgemach des Prinzen, eine beeindruckende Bar mit dreieckiger Anrichte breitmachte. Sie war mit den meisten bekannten alkoholischen und nichtalkoholischen Getränken ausgestattet, und Thranduil hatte einst mit Erstaunen herausgefunden, daß sein Sohn sich vor jeder Zusammenarbeit mit neuen Elben bei deren Freunden nach dem Lieblingsgetränk erkundigte. Soweit er wußte, fragte er bei den Treffen niemals nach.

Über solche Umstände schüttelte der König nur den Kopf. Dennoch mußte er zugeben, daß keine anderen Projekte auch nur halb so schnell Form annahmen und Ergebnisse erzielten wie die seines Sohnes, weswegen er gelegentlich sehr brisante Forderungen an ihn delegierte. Als König mußte man eben wissen, welchem Spezialisten man welche Aufgaben übertrug, und Thranduils Spezialist Nummer Eins war nun einmal in vielen Belangen Legolas.

Zuletzt fiel sein Blick auf den massiven Bücherschrank selbst. Abgesehen von den beiden Karten an der Wand zwischen Tisch und Bar gab es ja auch weiter keine anderen Gegenstände. Den Schrank hatte man vor so langer Zeit hergestellt, daß seine Kanten noch eckig gehalten waren, nicht abgerundet wie sonst alle Möbelstücke, welche der natürlichen Form der Felszimmer angepaßt wurden. Deshalb hatte man ihn nicht direkt an eine Wand stellen können; statt dessen stand er schräg vor der Ecke und ließ dahinter einen etwa dreieckigen Hohlraum verstauben.

'Der Schrank steht im Weg', hatte Legolas behauptet. Doch selbst wenn man in einer absolut geraden Linie von seiner Zimmertür zur Eingangstür marschierte, lief man in gut einem Meter Abstand (oder mehr) parallel am behäbigen Möbelstück vorbei.

"Wem?", erkundigte sich Thranduil deshalb.

Unerwartet zog ein fast unmerklicher Rotschimmer auf die Wangen seines Sohnes, welchen der König nur deshalb bemerkte, weil er durch die Schweigsamkeit des Prinzen gelernt hatte, genauer auf seine Reaktionen zu achten als auf Worte zu warten. Da er sich momentan jedoch nicht die kleinste Ursache ausmalen konnte, verwirrten ihn die beschämt niedergeschlagenen Augen.

"Dem", begann Legolas leise, "dem Bett, das da hin soll."

"Dem B–?" echote Thranduil halbwegs. Warum sollte Legolas ein … oh. Jetzt erblaßte der König ein wenig, stark im Kontrast zu seinem Sohn. "Oh", wiederholte er nur, diesmal hörbar.

Legolas bemerkte die Reaktion ebenso überrascht wie zuvor der König die seine. "Was hast du denn?" fragte er verunsichert. "Es ist nicht … es ist doch nicht so anrüchig, oder? Immerhin stelle ich es nicht in mein Zimmer."

"Willst du es, na ja, wie damals …?"

"Nein!" Schon verstand der Prinz die Sorge Thranduils. "Nein, Vater, Inuel ist kein zweiter Osuldar. Ich mache ihn auch sicher nicht dazu, und ich werde dieses Zimmer nicht wieder so einrichten wie früher, als noch mein Bruder darin lebte. Ich will überhaupt nichts groß verändern, lediglich ein Bett hinzufügen. Und das paßt nun einmal nur an diese Stelle, das ist alles."

Ein wenig beruhigt schaute der König sich um. "Aber dies ist ein Empfangszimmer, Legolas. Wir können dem Jungen gern einen eigenen Raum zuweisen."

"Nein, ich … ich will nicht … ich meine, ich kann … er würde vielleicht … ich …"

Als sein Sohn unsicher abbrach, nickte Thranduil langsam. "Verstehe. Wo wirst du von jetzt an deine Treffen abhalten?"

Ein verdutzter Ausdruck legte sich auf die Züge des Prinzen, als er wie zur Antwort den Blick auf die Sitzecke richtete.

"Das meinst du nicht ernst, oder? Wie würden die Elben reagieren, wenn sie hier ständig ein Bett vor der Nase hätten, oder womöglich noch dessen Inhaber?"

"Verstört", sah Legolas ein.

"Neugierig."

"Abgelenkt."

"Unkonzentriert."

"Ist mir gleichgültig."

Thranduil stutzte. Dann gab er zu bedenken: "Aber dann kommst du nicht weit mit deinen Projekten."

"Ist mir gleichgültig", wiederholte Legolas.

"Aber die Aufga–"

"Sind mir völlig gleichgültig, verstehst du nicht?" Legolas verschränkte erneut die Arme: "Das waren sie schon immer. Ich hatte nur nichts Besseres zu tun."

"Das glaube ich dir nicht." Aber die Pose seines Sohnes widersprach seiner Hoffnung. Als der Jüngere ungerührt die Schultern zuckte, fragte der König: "Ist Inuel etwas 'Besseres'?"

Augenblicklich erhellte ein leichtes Strahlen Legolas' Gesicht. Er nickte nur einmal, aber mit solcher Intensität, daß die Antwort keinen Zweifel zuließ. Verwundert studierte Thranduil den Prinzen.

Es gab Zeiten, in denen sich zukünftige Verantwortungsträger einfach aus ihrer Rolle zu stehlen versuchten, ohne Rücksicht auf Verluste. In solchen Zeiten mußte man sie besonders häufig zur Arbeit antreiben, gelegentlich sogar bewachen lassen, ihre Studien ab und zu durch angedrohte Strafen vorantreiben und sich häufig auch tatsächliche Strafen für irgendwelche Eskapaden ausdenken. Lebhaft erinnerte sich Thranduil an seine eigene Zeit als Prinz, und ebenso nostalgisch gedachte er Osuldars, der ein Musterexemplar gewitzter Raffinesse war.

Wie auch immer, Legolas hatte keine solche Zeit gehabt.

Selbst unter ungerechter Strafe, die er zusammen mit seinem Bruder absitzen mußte, ob er nun beteiligt gewesen war oder nicht (Thranduil wußte das oft nicht mit Sicherheit, hoffte jedoch, Osuldar würde sich seines Zwillings erbarmen und besser benehmen – was nicht geschah), verhielt er sich so brav und verständig, daß Thranduil manchmal Angst bekam. Er hatte sogar schon am Geisteszustand seines Sohnes gezweifelt. Auf der anderen Seite zeigte der Junge bald eine überragende Intelligenz, woraufhin der König sich schmunzelnd wunderte, wann sein Sohn das Amt fordern oder übernehmen würde.

Auch das tat er nie.

Im Nachhinein erkannte Thranduil, daß Legolas ihm bei jeder Aufgabe, bei jedem neuen Problem stets zur Seite stand, doch ohne wirkliches Interesse zu zeigen. Er tauchte einfach auf, wenn es kritisch wurde, schlug eine Lösung vor oder übernahm die scheinbar unmögliche Realisierung anderer Vorschläge, sorgte früher oder später für ein angebrachtes Ergebnis und verschwand bis zur nächsten Krise.

Wie ein mechanischer Apparat. Ohne Interesse, ohne Eifer oder Hingabe. Er erledigte eine Aufgabe, weil sie eben erledigt werden mußte, im Hintergrund, ungeachtet der fortschreitenden Abnutzung, die auch sonst nur wenige bemerkten. Und plötzlich gab es jemanden, dem an diesem gefühlskalten Apparat etwas lag und der sich um ihn kümmern wollte. Jemanden mit der Möglichkeit, ihn zu reparieren. Wie es aussah, hatte der Junge das Räderwerk angehalten, um ein wichtiges, fehlendes Teil zu ersetzen.

"Na schön", murmelte Thranduil mehr zu sich selbst als zu Legolas. "Du hast lange genug ununterbrochen gearbeitet." Lächelnd blickte er seinem Sohn in die Augen: "Nimm dir frei, solange du möchtest. Erhol dich."

"Wovon?" fragte Legolas erstaunt. Er hatte mit einer Standpauke im Mindesten gerechnet.

"Von deinem Sturz." Von deinem Leben. "Meinetwegen brauchst du dich um nichts zu kümmern, bis du wieder Tatendrang verspürst."

Ein ehrliches, durch und durch dankbares Lächeln wurde von einem Gefühl erzeugt, das viel zu lange nichts zu melden gehabt hatte. Freude.

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A/N: Für alle, die es interessiert: Alagwelyth ist ein zusammengesetztes Wort und bedeutet "Wildblüten". Die Ähnlichkeit mit Alachel ist beabsichtigt und, wie ihr vielleicht zustimmen werdet, angemessen. ^.~

Und, was glaubt ihr? Wird Thranduil seinem Sohn gegen den Monsterschrank doch noch beistehen, oder findet er eine Ausrede, um sich zu verdrücken? Haben sich Inuel betreffend alte Vermutungen bestätigt oder neue sich aufgetan? Und was haltet ihr bisher von Ala? Denn noch ist alles offen. *^.^*

Ich freue mich auf eure Kommentare und Fragen,

Eure Mel