A/N: So, das hier gehörte ursprünglich noch zum letzten Kapitel, doch als ich dann irgendwann erschrocken feststellte, daß ich schon über fünfzehn Seiten hatte und kein Ende in Sicht war, beschloß ich, es doch lieber etwa in der Mitte zu trennen. ^^" Die beiden letzten Akteure werden hier eingeführt (ja, ich weiß – schon wieder jemand Neues? *stöhn*) und das Rätsel um die kleine Dialogszene wird auch gelüftet. Wenn ich das anmerken darf, die Szene hier versteht man vielleicht besser, wenn man den Dialog noch im Kopf hat. *Sally zuzwinker* Oder noch mal schnell durchliest, ihr findet ihn zu Beginn von Kapitel Vier. ^^

@ Leahna: Thranduil wird Möbelpacker, bitte sehr. *^.^* Wie könnte ich denn eine so sichere Überzeugung enttäuschen? ^.~ Leider durfte ich nicht zuschauen, denn er bestand darauf, vor den Augen der Allgemeinheit seine Würde zu wahren. *seufz*

@ amlugwen: Nein, Ala schläft nicht so viel. Sie ist noch das Energiebündel, welches Alachel *früher* einmal war. (Woher die Veränderung? Nun, das wirst du gleich lesen. ^^) "Heftig" ist eine echt gute Beschreibung für sie. *grins* Ja, von Natur aus. ^^

@ Sally: Die Atemstillstände sind eine körperliche Reaktion auf das Eindringen von Wasser in die Lunge. Ausgelöst wurden sie durch seinen langen "Transport" den Fluß hinunter in seiner Kindheit, damals eine pure Schutzreaktion. Was das Wecken angeht, *räusper*, Legolas ist einfach furchtbar überfürsorglich. Nach einer gewissen Zeit würde Inuel von selbst husten und wieder atmen, aber der Prinz kann ja so lange nicht warten. ^.~ Für das zerwühlte Bett habe ich, zugegeben, keine Lösung gefunden und das Wort in meiner Version jetzt gestrichen. Danke für den Hinweis! *^.^*

@ Eileen: Es geht weiter mit einigen Meinungsverschiedenheiten. ^^ Und Inuel hat für dieses Kapitel erst mal Ruhe vor Ala. ^.~

Disclaimer: Auch die beiden neuen Figuren gehören nur mir. *freu* Aber Tolkien würde sie ja sowieso nicht haben wollen, also was soll's …

Rating: PG 13 (für die gemeinste Folter, die es überhaupt gibt ^^")

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Der Name der Macht

Kapitel Sechs

"Alachel?"

Seit Stunden stand ihr Ehemann am Fenster und starrte Tinu an, während er unentwegt seinen Gedanken nachhing. Unerfreulichen Gedanken. Seufzend trat Lalaith hinter ihn und lehnte ihre Stirn gegen sein Schulterblatt. "Alachel."

Es dauerte länger als sonst, bis ihr Gatte sich umdrehte und seine Frau umarmte. Dafür fiel die Umarmung etwas heftiger aus als gewöhnlich. Eine Weile ließ Lalaith sich in dieser sicheren Wärme schwelgen, ehe sie ihren Kopf weit genug in den Nacken legte, um Alachel in die Augen zu schauen.

Mit dem satten Dunkelgrün der Sümpfe blickten sie verloren zurück.

Bekümmert strich Lalaith über die tiefen Falten auf Alachels Stirn, bis sie sich zaghaft glätteten. "Woran denkst du, Alachel?"

"Ich denke daran, wie froh ich bin, daß ich dich liebe."

Reflexartig begann ihr Mund, die Freude über das Kompliment in einem strahlenden Lächeln auszudrücken, doch Lalaiths Gedanken blieben ernst: "Es ist ewig her, seit du es so formuliert hast."

Ein trauriges Nicken antwortete ihr.

"Warum verweilen deine Gedanken in jener Zeit?" Unbewußt strich sie mit dem Daumen am Winkel seines Kiefers über das fast unsichtbare Ende einer alten Narbe, deren Länge sich unter seinem Kinn fast bis zum Kehlkopf fortsetzte. Durch eine leichte Drehung entwand sich ihr Mann der Berührung, was der liebevollen Elbe einen Stich der Enttäuschung versetzte. Doch als Alachel sie erneut an sich drückte und sein Gesicht in ihrem Haar vergrub, wich diese Empfindung einer beinahe vergessenen Befürchtung anderer Art: "Ist es wegen Andagor?"

Die Ewigkeit der folgenden Stille enthielt ihre eigene Antwort, doch der ehemalige Krieger ließ nicht gern andere für sich sprechen. "Ja", gab er leise zu.

"Wodurch erwachen plötzlich die Erinnerungen an ihn?" Seit dem Tod seines besten Freundes auf dem Schlachtfeld hatte Alachel nur selten über ihn gesprochen, und auch jetzt schien ihm das zu widerstreben, denn er löste sich von seiner Frau und drehte sich weg, um wieder aus dem Fenster zu starren.

"Sie schliefen nie", behauptete Alachel nach einem schweigsamen Moment still.

Lalaith lehnte sich gegen seinen breiten Rücken und schlang beide Arme um die starke Brust. "Ja, ich weiß." Die Benennung ihres zweiten Sohnes nach jenem alten Freund sorgte dafür, daß Andagors Andenken niemals verblaßte. "Und doch bekümmern sie dich selten so stark wie in den letzten Tagen."

"Mir wird nur selten so deutlich bewußt", erklärte Alachel nachdenklich, "wie sehr sein Tod mich veränderte."

In Lalaiths Brust übersprang ihr Herz zwei oder drei Schläge, doch sie bemühte sich, ihre Atmung gleichmäßig zu halten. Sie hatte immer gewußt, daß Alachel nicht nur seiner Familie zuliebe den Dienst quittiert hatte. Nur wenige Wochen nach dem Tod seines besten Freundes war er aus dem Heer ausgetreten, doch er hatte niemals offen über den wahren Grund für seine Entscheidung gesprochen. Und Lalaith war so froh, ihn hier in ihrer Nähe und relativer Sicherheit zu wissen, daß sie seine Motive nicht hinterfragte. Doch vielleicht war nun die Zeit der Wahrheit gekommen.

"Bist du … seinetwegen …?"

Die Frage kam als ein heiseres Flüstern, doch Alachel hörte sie deutlich und bestätigte mit einem knappen Nicken. "Es war, als hätte er einen Teil von mir mitgenommen. Nicht meine Stärke, oder meine Fähigkeiten. Eher … meinen Kampfgeist. Seither erschien mir alles so – ich weiß nicht recht … unwichtig, vielleicht. Nicht wert, dafür zu kämpfen." Alachel wandte sich in den Armen seiner Frau um, wider Erwarten mit einem Lächeln auf den Lippen. "Außer euch. Meine Familie war alles, was ich noch hatte. Deshalb bin ich so froh, daß ich dich liebe."

Dieses Mal lächelte Lalaith nicht; statt dessen schimmerten ihre Augen feucht, als sie zum ersten Mal wirklich verstand, was ihr Mann mit diesem Satz immer hatte ausdrücken wollen. Sie war dankbar für die Erklärung, auch wenn sie sich nach wie vor über den Zeitpunkt wunderte.

Anscheinend erkannte Alachel ihre Verwirrung, denn nach kurzem Grübeln sprach er weiter: "Als mir das widerfuhr, war ich bereits ein erwachsener Mann mit gefestigtem Charakter. Deshalb erlebte ich die Veränderung bewußt. Aber Legolas …" Etwas unsicher, wie er es formulieren sollte, unterbrach sich Alachel.

Lalaith verstand ihn trotzdem: "Er war noch ein Junge, als sein Bruder starb. Unvollkommen."

Nickend führte ihr Mann den Gedanken fort: "Wir haben seine Veränderung gesehen, aber ich glaube nicht, daß er selbst es bemerkte. Als Jugendlicher befand er sich ohnehin im Wandel und wußte noch nicht, als was er sich selbst betrachten sollte. Sein Potential war – und ist – in so vieler Hinsicht enorm. Manchmal denke ich daran, wieviel Glück wir hatten, daß er sich zum Vorteil unseres Volkes entwickelte. Es hätte auch anders kommen können."

"Ich verstehe", murmelte Lalaith. "Und nun befürchtest du, daß es in einem weiteren, ähnlichen Fall 'anders' käme?"

Alachel zuckte leicht mit den Schultern: "Ich glaube nicht an Glück. Es ist mir zu wechselhaft. Damals hat er sich in sich zurück gezogen; was spricht dagegen, daß er seine Gefühle beim nächsten Mal nach außen projiziert? Das Ergebnis wäre verheerend."

"Beim nächsten Mal?" wiederholte seine Frau ungläubig. "Du warst schon immer ein Schwarzseher. Warum sagst du das, als stünde solch ein Schicksal schon fest? Alachel, ich habe ihn gesehen – er lächelt!" Ein Ton verzweifelter Hoffnung schlich sich in Lalaiths Stimme: "Kannst du dich nicht einfach freuen, daß er jetzt glücklich ist?"

"Nein, je größer die Freude jetzt, um so –"

"Sag sowas nicht."

Schweigen senkte sich über das Ehepaar, als Lalaith sich von ihrem Gatten löste und einen Schritt zurück trat. Schließlich ergriff Alachel das Wort, und seine Stimme klang belegt: "Der Prinz hilft uns am besten so, wie er sich in den letzten Jahrhunderten verhielt. Ich kann nicht die Zukunft unseres Volkes riskieren für Legolas' Lächeln."

Doch Lalaith war nicht nur eine Frau, sondern außerdem die Amme der Prinzen gewesen, und sie liebte Legolas nicht weniger als ihre eigenen Kinder. Daher kam ihre Antwort entschlossen und aus tiefster Überzeugung: "Ich schon."

*******

"Bist du endlich zufrieden?"

"Ähm … noch zwei Millimeter wären …"

"Legolas!"

Mühsam verkniff sich der Prinz ein schelmisches Lachen. "Ja, schon gut, Vater, er steht perfekt."

Mit vereinten Kräften hatten sie in der letzten Stunde den schweren Schrank an die freie Wand direkt hinter der Tür geschoben, gedrückt, gezerrt und getreten. Endlich hatte sich das Möbelstück mehr oder weniger bereitwillig an seinem neuen Platz niedergelassen und schien sich auch halbwegs wohl zu fühlen. Zumindest drohte es nicht mehr pausenlos umzukippen.

Auf der Stirn des Königs hatte sich lange zuvor Schweiß gebildet, und Legolas beobachtete amüsiert, wie sein Vater zur Bar schritt, einen hochprozentigen Drink mixte und sich dann schwer auf die nächste Couchecke fallen ließ. Die Anstrengung hatte ihn offensichtlich deutlich erschöpft, doch anerkennend erinnerte sich der Prinz, daß Thranduil sich nicht ein einziges Mal beschwert hatte. Er hatte sogar hin und wieder gelächelt, obwohl er es jedesmal zu verstecken versuchte, wenn er den Blick seines Sohnes auf sich spürte.

Ebenfalls ein wenig müde, setzte sich Legolas auf den Sessel zwischen Bücherschrank und Eckcouch. Es war sein Stammplatz; als ausgebildeter Krieger saß er nicht gerne mit dem Rücken zur Tür. Nun saß ihm sein Vater gegenüber und studierte zwischen einzelnen Schlucken abwechselnd die neue Position des Schrankes, die deutlichen Spuren im Teppich, die fünf Zentimeter dicke Staubschicht in der Zimmerecke und das gerade erst freigeräumte dritte Fenster (vorher vom Schrank verstellt), durch welches inzwischen orangenes Licht einfiel.

"Es ist spät geworden", meinte er entspannt.

Legolas faßte den Kommentar falsch auf. "Entschuldige, daß ich dich so lange von deiner Arbeit abhielt."

"Ist schon gut, mein Sohn. Ich verbringe die Zeit lieber mit dir, wann immer du es wünschst."

Traurig erinnerte sich Legolas, daß er das seit sehr langer Zeit nicht getan hatte. Jetzt schämte er sich, denn er erkannte, daß ungeachtet seiner selbst auferlegten Isolation Thranduil jederzeit für ihn da gewesen wäre.

"Ich danke dir, Vater." Er hätte unmöglich bestimmen können, wofür genau.

"Gern geschehen", antwortete Thranduil leichthin. "Darf ich dich mal was fragen?" Seine Augen starrten erneut auf den zerschundenen Teppich.

"Natürlich."

"Wie weit hast du diese Sache eigentlich vorausgeplant?"

Kein Stück. Wohlweislich hütete der Prinz seine Zunge, als er dem Blick seines Vaters folgte. Die Tragweite von dessen Frage stellte sich offensichtlich dar: Nicht nur mußte das dick verstaubte Dreieck gesäubert werden; auch der übrige Teppich benötigte nach ihrer Aktion einiges an Pflege. Mit Teppichen kannte sich Legolas allerdings nicht aus, also müßte er notgedrungen doch noch einen Diener beauftragen, sich um das Zimmer zu kümmern.

Seufzend sah er außerdem ein, daß er ein ganzes Bett unmöglich allein hier herauf schleppen könnte. Zwar könnte er es erst im Zimmer zusammen bauen, doch was er dem Teppich damit antun würde, wollte er sich gar nicht vorstellen. Vermutlich müßte der Stoff dann völlig ausgetauscht werden. Und es würde viel zu lange dauern …

"Du könntest natürlich", schlug Thranduil vor, ohne den Blick zu heben, "Lalaith fragen."

Automatisch setzte der Prinz zu seiner üblichen Erwiderung an, als ihm plötzlich bewußt wurde, daß sich in seinem Inneren gar nichts gegen den Vorschlag sträubte. Für gewöhnlich erregte die bloße Aussicht, seiner ehemaligen Amme gegenüberzutreten, einen beinahe panischen Widerwillen. Heute jedoch empfand er nur Erleichterung.

Dennoch versteckte er das neue Gefühl vorerst hinter einem leidenschaftslosen Widerspruch: "Lalaith ist Amme, keine Stoffhändlerin."

"Pff, du bist in mancher Hinsicht so ungebildet. Lalaiths Mutter hat die meisten Teppiche in diesem Palast eigenhändig hergestellt; ganz sicher versteht sich auch Lalaith auf das Handwerk. Schließlich war sie nicht immer Amme. Und du könntest dir ihrer Verschwiegenheit gewiß sein."

Das letzte Argument enthielt gerade genug Wahrheit und Vernunft, um Legolas' halbherzige Ablehnung zu untergraben. "Na gut, ich frage sie", gab er nach. "Und vielleicht könnte ich Alachel überreden …" Sich selbst zunickend, führte er diesen Gedanken lieber stumm zu Ende.

Fasziniert beobachtete Thranduil, wie der Verstand seines Sohnes wieder das Steuer übernahm und verschiedene Pläne ausarbeitete, verwarf, überdachte und korrigierte. Dabei handelte es sich nur um den Transport eines Bettes! Schmunzelnd überließ er seinen Sohn dessen Gedanken und drehte den Kopf weit genug nach rechts, um die beiden nahen Karten zu studieren.

Die kleinere auf der Barseite zeigte hauptsächlich Thranduils momentanes Einflußgebiet sowie die angrenzenden östlichen Lande bis zum Einsamen Berg. Es war eine Handelskarte, mit deren Hilfe Legolas vermutlich die Transportwege verbesserte, indem er die kürzesten oder einfachsten Pfade zwischen den Siedlungen untereinander und dem Palast aufspürte und ausbesserte. Seit sich die verschiedensten Kreaturen in Düsterwald herumtrieben, war es nicht mehr sicher, mit seinen Waren querfeldein zu gehen. Außerdem erwiesen sich die Wildpfade als mühsam und umwegig. Also hatte der Prinz die am häufigsten benutzten Wege zu Straßen ausbauen lassen, und den wichtigsten Transporten wurden Wachen zugeteilt.

Außerdem hielt er auf der Karte Neugründungen von Siedlungen fest und sorgte dafür, daß diese schnellstmöglich an das Transportnetz angeschlossen wurden. Die Unterstützung und der Schutz, welchen er dadurch für den Notfall gewährte, ermutigten in letzter Zeit viele Elben, sich aus der Stadt hinaus zu trauen und tatsächlich wieder unter den Bäumen zu leben und zu arbeiten, wie es ihrer Natur entsprach.

Die linke Karte umfaßte das ganze Gebiet vom Anduin bis zu den Eisenbergen sowie von den Graubergen bis knapp unter die Alte Waldstraße. Es war eine militärische Karte. In physischer Hinsicht nicht so detailliert wie die Handelskarte, dafür waren darauf die verschiedensten Standorte inklusive aller Siedlungen genauestens verzeichnet.

Normalerweise verfolgte man mit solchen Karten Truppenbewegungen. Thranduil verfügte über eine Kopie von dieser in seinem Arbeitszimmer, eine dritte hing im Beratungsraum und wurde dort auch am häufigsten mit Nadeln gespickt. Legolas' Karte allerdings hing inzwischen nur noch zur Zierde an der Wand, denn seit er aus dem Felddienst ausgetreten war, hatte er keinerlei Interesse mehr gezeigt. Höchstens hier und da die größeren Bewegungen notiert, um den Nachschub für die Heere zu regulieren. Ansonsten …

Thranduil blinzelte überrascht.

Bei genauerer Betrachtung fiel ihm auf, daß er das sich bietende Bild durchaus kannte. Keineswegs veraltet, stellte es im Gegenteil genau die Information dar, welche Thranduil seit dem frühen Morgen selbst besaß. Besorgt wanderte sein Blick nordwärts und starrte dort entgeistert auf eine auffällig große blaue Nadel an der östlichen der Waldgrenze.

Schuldbewußt musterte er aus den Augenwinkeln seinen Sohn, welcher den Blick mit einem vorwurfsvollen Schmunzeln auffing und dadurch jene herablassende Nachsicht ausstrahlte, welche Eltern zuweilen aufmüpfigen Kindern entgegen brachten. "Dachtest du wirklich, ich würde es nicht bemerken?"

"Ich weiß, du hast überall deine …"

"Spione?"

"Informanten", korrigierte Thranduil gutmütig. "Aber ich hielt dich für, nun ja, sichtlich abgelenkt."

Legolas' Augenbrauen schossen ungläubig aufwärts: "Schon einen Tag nach meiner Rückkehr?"

Nachdem der Prinz so allein eingetroffen wie losgezogen war, was die Elben als völlige Normalität betrachteten, hatte Thranduil noch für den selben Abend eine Versammlung einberufen. Vor dem Rat gab Legolas zum ersten Mal detailgetreu jene Fassung des Reiseberichts wider, welche er für sich als die 'offizielle Version' bezeichnete. Seiner Ansicht nach gingen private Erlebnisse die Ratsmitglieder einfach nichts an.

Am nächsten Morgen wurde ihm noch vor dem Frühstück zugetragen, daß während der ganzen Nacht in den unteren Gewölben emsig Vorbereitungen getroffen worden waren und bereits vor Sonnenaufgang ein großer Trupp mit drei oder vier Dutzend leeren Transportgespannen die Stadt verlassen hatte. Das allein gereichte zur Verwunderung, denn eigenhändiges Abholen war unüblich, und überhaupt erwarteten sie zur Zeit von nirgendwo eine so enorme Lieferung.

Der Winter näherte sich, und selbst die gierigsten Tauschpartner wußten, daß alle Edelsteine der Welt ihnen nicht halfen, wenn sie die harsche Jahreszeit nicht überstanden. Daher sparten sie ihre Vorräte und lagerten ihre Produkte ein; verkauft wurden nunmehr nur wenige, teils sogar minderwertige Waren zu überhöhten Preisen. Legolas rechnete immer genau durch, was die Elben dringend benötigten, ehe er eine Bestellung aufgab. Die nächste Lieferung aus dem Osten war erst für den nächsten Monat geplant, und sie würde von Esgaroth aus den Waldfluß heraufgeflößt werden. Pferde und Karren wären nur hinderlich.

Wenig später erfuhr der Prinz, daß der Trupp sich in einem Gewaltritt entlang des Flußweges nach Nordwesten bewegte, und die Rätsel lösten sich schlagartig auf. Doch die Erklärung enttäuschte Legolas in mehrfacher Hinsicht: Zum einen, weil Thranduil offensichtlich mal wieder seiner Gier nach Schätzen erlegen war. Zum zweiten, weil er seinen Sohn über diese Aktion im Unklaren ließ, obwohl er doch wissen mußte, daß Legolas früher oder später ohnehin davon erfahren würde.

Und dann war da noch ein ganz eigennütziger Schmerz über den Verlust der Vorräte in Celabons Höhle, wie Inuel sie so passend benannt hatte. Legolas hatte die Zeit in den Hügeln sehr genossen und sich bereits mehr oder weniger unterschwellig eine baldige Rückkehr dorthin gewünscht. Daß für solch ein Vorhaben mehr als genügend Proviant und Arbeitsgeräte vorhanden sein würden, spornte seine Pläne nur zusätzlich an, denn dadurch hätte er einen Aufenthalt beim nächsten Mal nicht zeitlich begrenzen müssen. Selbst im Winter.

Jetzt aber hinderte Thranduils Handeln all diese Vorstellungen von vornherein an ihrer Realisierung, und Legolas konnte ihn schlecht umstimmen, wenigstens Lebensmittel, Kochgerät und andere Werkzeuge dort zu lassen, denn dafür hätte er zuerst seine eigene Geschichte offenlegen müssen. Außerdem … Inuel war verschwunden. Und Legolas hatte sich in keiner seiner Pläne allein gesehen.

So verfolgte er fortan das Vorwärtskommen des auffälligen Trupps mit ebensoviel Enttäuschung wie Anspannung. In nur drei Tagen erreichten die Soldaten die Hügel, zu denen Legolas hinwärts zwei Wochen benötigt hatte. Sie hatten es wirklich eilig. Rückwärts allerdings bewegten sie sich mit den schwer beladenen Karren am Waldrand entlang durch offenes Gelände, wo einerseits die Wege geebneter waren und andererseits der Zug gegen eventuelle Angreifer besser verteidigt werden konnte. Solche gab es, jedoch nur vereinzelt. Außerdem kamen sie mit der enormen Ladung jetzt langsamer vorwärts.

Dennoch würde der Trupp im Laufe des nächsten Tages eintreffen.

"Wann hattest du vor, es mir zu sagen?" fragte Legolas in das bedrückte Schweigen, mit welchem sein Vater die Karte studierte.

Thranduil beäugte die genaue Position der blauen Nadel ungläubig. Sie steckte um einiges südlicher, als sie sein sollte. "Du hast bessere Informanten als ich", versuchte er schmollend abzulenken.

"Meine wie deine Information stammt von heute morgen", wies Legolas abfällig auf eine Tatsache hin. "Du hast lediglich versäumt, nachzurechnen und sie regelmäßig zu berichtigen. Wann hattest du vor, es mir zu sagen, Vater?"

Seufzend erhob sich der König und trat um das Couchende herum hinter die Lehne, wie um einen zusätzlichen Schutz zwischen sich und seinen aufgebrachten Sohn zu bringen. "Eigentlich dachte ich nicht, daß das überhaupt notwendig wäre", gab er geschlagen zu.

Legolas fixierte seinen Vater mit einem eisigen Blick. Sein Instinkt drängte darauf, aufzuspringen und durch seinen Größenvorteil eine stärkere Dominanz zu erreichen, während sein Wille standhaft wartete, bis das Echo der beleidigenden Aussage aus seinen Gedanken verklang. Denn er hatte es nicht nötig, Überlegenheit zu demonstrieren: Beide wußten, wer hier mit kindischem Unbedacht gehandelt hatte und wem nun die erwachsene Verantwortung der Rüge zufiel.

Mit gespielter Lässigkeit lehnte sich der Prinz vorwärts, stützte die Ellbogen auf seine Knie und blickte zu seinem Vater auf, was diesen zwang, seinen Blick sogar noch tiefer zu senken. Die äußere Situation widersprach völlig der Rollenverteilung, und Thranduil wand sich sichtlich verunsichert. Legolas entschied sich nachsichtig für Gnade.

"Wie weit hast du diese Sache eigentlich vorausgeplant?", erkundigte er sich todernst.

Kein Stück. Wohlweislich hütete der König seine Zunge, als er versuchte, die Überlegung seines Sohnes nachzuvollziehen. Tatsächlich hatte er an die Möglichkeit der Entdeckung nicht einen Gedanken verschwendet, da Legolas durch seine Teilnahmslosigkeit in letzter Zeit einen solchen Fall praktisch ausschloß. Diese Annahme war zwar beleidigend und offensichtlich unzutreffend, aber bequem, weswegen Thranduil sie nicht hinterfragt hatte. Vielleicht war es an der Zeit, diesen Fehler zu korrigieren.

Legolas unterbrach Thranduils stille Erwägung mit der leicht beschämten Frage: "Ich habe meine Pflichten nicht derart vernachlässigt, oder?"

Nein, das hatte er in der Tat nicht, erkannte der König kopfschüttelnd. Abgesehen von dem Aufruhr, welcher vermutlich bei der Ankunft des voll beladenen Trupps entstehen und somit jedermanns Aufmerksamkeit erhalten würde, wäre Legolas sicherlich auf das stundenlange Abladen aufmerksam geworden; allerspätestens aber hätte er als der Lagerverwalter den enormen Zuwachs an Waren bemerkt.

"Was hattest du vor, Vater? Wolltest du die Nahrung auf die Dörfer verteilen, die Kräuter Selebist untermischen? Wolltest du die Geräte unter deinem Bett verstecken? Die Kleidung als Gardinen tarnen? Was?"

Plötzlich schämte sich Thranduil außerordentlich für seine mangelnde Weitsicht. Niedergeschlagen trat er erneut um die Couch und ließ sich schwerfällig darauf nieder. "Es tut mir leid, Junge", murmelte er reuevoll. "Ich dachte einfach nicht … Legolas, was stört dich so daran? Was willst du eigentlich?" verfiel er trotzig in eine verteidigende Haltung. "Soll ich die Truppe vielleicht wieder zurückschicken?"

"Nein, natürlich nicht", entgegnete sein Sohn prompt, als hätte er mit der Frage bereits gerechnet. "Ein Dutzend feindliche Spione oder mehr folgen dem Zug, wenngleich weniger verborgen, als sie hoffen. Wenn die Wagen jetzt umkehren, würden wir nur die anderen zu der Höhle führen und zum Plündern einladen."

Thranduil erlaubte sich ein hoffnungsvolles Grinsen: "Na also, dann –"

"Was mich stört", unterbrach Legolas ihn barsch, "ist, daß du mich nicht eingeweiht hast."

Mit verschränkten Armen polterte der Ältere: "Warum sollte ich auch? Ich bin der König!"

"In der Tat", räumte Legolas ein. Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: "Aus diesem Grund habe ich dich nicht darauf angesprochen." Sein winziges, selbstkritisches Schmunzeln verschwand so schnell, wie es erschienen war. "Es hat mich nicht als Prinz geärgert, wenn du verstehst."

Thranduil verstand nicht sofort, doch ihm entging nicht das kurze Aufflackern der vorher gut verborgenen Verletzung in den Augen seines Sohnes. Seines Sohnes … Für ihn mußte das Verschweigen, die heimliche Aktion an sich wie ein Beweis für mangelndes Vertrauen wirken. Aber das war es doch nicht! rebellierte Thranduils stolzer Geist. Ich vertraue Legolas.

"Ich vertraue dir", versuchte er seinem Sohn zu versichern. "Nach wie vor." Da der gewünschte Effekt ausblieb – Legolas rührte keinen Muskel, weder zur Annahme noch zur Ablehnung des Zuspruchs – und die Stille sich bedrohlich ausdehnte, entschied Thranduil, seine peinliche Furcht zu erläutern. "Ich weiß, daß ich mich auf dich verlassen kann, in jeder Hinsicht. Vielleicht vertraue ich dir zu sehr."

"Ich verstehe nicht", gab Legolas stirnrunzelnd zu.

Thranduil atmete tief durch, ehe er fortfuhr: "Ich wußte, du würdest mich aufhalten, wenn ich es dir sage. Oder zumindest … zumindest hättest du das 'Richtige' getan, nicht wahr?"

"Natürlich", nickte der Prinz. "Sobald ich mir überlegt hätte, was es ist."

"Die … Edelsteine …"

Endlich sah Legolas den Hafen, welchen sein Vater so verworren ansteuerte. "Hattest du Angst, ich nehme sie dir weg?"

"Das würdest du doch, nicht wahr? Dem Allgemeinwohl zuliebe und so …"

"Also das ist deine Sorge!" Nun sprang der Prinz doch auf, als ihm klarwurde, daß die restlichen Waren seinen Vater überhaupt nicht interessierten. Gereizt lief er die Breite des Zimmers auf und ab. Wenn Thranduil so scharf auf den Schatz war, warum hatte er den Rest nicht einfach in der Höhle lassen können?! Natürlich, bot sich Legolas sofort die passende Antwort, er brauchte die übrigen Gegenstände, um seine Gier zu decken. Seufzend hielt der Jüngere hinter der Couch inne und stützte die Unterarme schwer auf deren Rückenlehne.

"Vater …"

Thranduil unterbrach ihn, als er die Aufregung des Jüngeren schwinden sah: "Es ist nicht nur das. Denk doch mal nach, Legolas! Nach dem, was meine Informanten berichten, reicht die Nahrung mindestens ein Jahr für unser ganzes Volk. Mit den Geräten hattest du Recht, wir können sie verteilen – was wir nicht neu kaufen müssen, spart Geld. Die Kleider auch, und –"

"Vergißt du nicht etwas?" fragte Legolas mit beherrschter Vernunft dazwischen.

Verwirrt schüttelte sein Vater den Kopf: "Was meinst du?"

"Ich meine, daß es uns gar nicht zusteht, über die Waren zu verfügen."

In Thranduils Stirn gruben sich tiefe Furchen, als er den Sinn in den Worten seines Sohnes zu ergründen suchte. Warum, bei Morgoth, sollte er das nicht dürfen? Wenn nicht er, wer …? Als er im ernsten Gesicht vor ihm die scheinbare Antwort las, kräuselte sich die Haut über seiner Nasenwurzel in gefährlicher Wut.

"Nein, Vater, auch mir steht das nicht zu", beschwichtigte der Prinz schnell. "Denn auch mir gehört nichts davon."

"Ankulan gehörte zu meinem Volk. Wenn sein Nachlaß nicht uns Elben, und somit mir als Verwalter gehört, gehört er niemandem", behauptete der König.

Legolas starrte seinem Vater eindringlich in die Augen. "Das ist nicht ganz korrekt." Da er noch immer keine Einsicht darin las, fuhr er fort: "Laut Erbrecht geht …"

"Das kannst du nicht machen!" fuhr der König in plötzlichem Verständnis auf.

"Es ist sein Recht", widersprach Legolas unbeugsam. "Inuel ist –"

"– noch ein Kind!"

Nach einem kurzen Moment der Stille nickte der Prinz. "Das stimmt, aber es ist nicht von Belang. Er ist Ankulans Sohn."

Fieberhaft suchte Thranduil nach einem Ausweg, seine Gier nach dem Schatz glühte so deutlich hinter seinen Augen, daß sie seinen Verstand zu versengen drohte. "Dafür gibt es keinen Beweis", stellte er triumphierend fest.

"Du selbst hast seine Ähnlichkeit sowohl zu Baladia als auch zu Ankulan bestätigt", erinnerte Legolas sachlich. "In meinem Beisein, muß ich hinzufügen. Darüber hinaus gibt es einen Zeugen für Inuels Identität."

Die Hand des Königs ballte sich unkontrolliert zur Faust. "Tatsächlich? Wen?"

"Ich weiß nicht, wo er sich im Moment aufhält", gab Legolas zu. Gleichermaßen beruhigend wie warnend legte er seine eigene Hand auf die zitternde Faust seines Vaters. "Aber wenn deine unvernünftige Gier mich dazu zwingt, werde ich ihn eigenhändig herschaffen, und wenn ich dafür jede Höhle Mittelerdes aufsuchen müßte."

Mühsam bezwang der König den wilden Drang zu schützen, was er bereits als sein Eigentum betrachtete. Er wußte, er würde in einem Kampf unterliegen, ebenso auch vor dem Recht, welches schon viel länger existierte als er selbst. Es mußte einen anderen Weg geben …

"Das wird nicht nötig sein", preßte er durch schmale Lippen hindurch. "Ich erkenne den Anspruch an, sobald er ihn erhebt."

Legolas ließ von seinem Vater ab. "Ich erhebe in seinem Namen Anspruch."

"Dazu hast du kein Recht."

"Ich bin sein Fürsprecher. Wir können ihn gern fragen, ob er zustimmt … ich bin zuversichtlich, daß er nichts dagegen hat."

Einen Fürsprecher brauchten Elben nur, solange sie unter achthundert Jahren waren. Danach durften sie für sich selbst sprechen, erhielten allerdings erst mit eintausend die vollen Rechte eines Erwachsenen. Fürsprecher … und schon bot sich ein anderer Winkel für Thranduil.

"Du kannst nicht sein Fürsprecher sein, und das weißt du sehr gut. Du bist selbst nicht alt genug, Junge. Warum gewinne ich den Eindruck, daß du nur Zeit schinden willst?"

Seufzend schwang sich der Jüngere über die Lehne und setzte sich zum König. "Wie ich sehe, denkst du wieder klar. Na schön, du hast Recht."

"Ich dachte schon, du meinst das ernst", schmunzelte Thranduil überrascht. "Wie alt ist er eigentlich wirklich?"

"So um die siebenhundert. Alt genug jedenfalls, seinen Fürsprecher selbst zu wählen."

Thranduil musterte seinen Sohn mißtrauisch: "Ich wäre die logische Wahl, oder nicht? Würdest du ihm davon abraten?"

"Nein", schüttelte Legolas langsam den Kopf. "Selbst wenn er dich direkt als Verwalter wünscht, erlangst du dadurch keine freie Verfügung, das ist dir doch klar, oder? Alles, was in deiner Macht steht, ist die Güter zu horten und sicher zu verwahren, bis er alt genug ist."

"Mit seiner Einwilligung …"

Der Prinz lächelte gutmütig. "Ich weiß, wenn er zustimmt, kannst du verfügen. Aber ich werde dafür sorgen, daß er sich erst mit mir berät, ehe er zustimmt. Rechtlich mag ich zu jung sein, aber du weißt so gut wie ich, daß du in so einem Kampf keine Chance hättest. Akzeptiere die Situation und passe dich ihr an, oder ich verspreche, daß ich dich ablöse, sobald mein nächster Geburtstag kommt."

"Ablöse?" erblaßte Thranduil.

"Als Inuels Fürsprecher", konkretisierte der Prinz arglos. Dann erkannte er, was sein Vater fürchtete. Berechnend grinsend fügte er hinzu: "Aber wenn du mich bekämpfst – in jeder Beziehung."

*******

Besorgt beobachtete Selebist, wie sich die wunde Haut unter seinen vorsichtigen Fingerspitzen kräuselte, ein sichtbarer Schauer den schmalen Rücken hinaufwanderte und die Muskeln in Schultern und Armen sich verkrampften, als der Junge gegen den Instinkt ankämpfte, vor der Berührung zurückzuschrecken.

"Tut es sehr weh?" fragte der Heiler, fuhr aber mit der gleichen langsamen Sorgfalt fort, die beruhigende Salbe aufzutragen.

Der Junge schüttelte stumm den Kopf. Gleichzeitig mißglückte ihm ein Versuch der Unterdrückung, so daß er ruckhaft nach vorn wich.

Selebist seufzte, als er kurz darauf die Behandlung wiederaufnahm. "Ein Patient sollte niemals seinem Arzt etwas verheimlichen", ermahnte er streng. "Das verschlimmert die Schmerzen nur."

"Es tut nicht weh", behauptete Inuel und drehte den Kopf so weit wie möglich nach hinten, um den in seinen Augen uralten Elben anzusehen. Verschmitzt lächelte er ihm ins Gesicht, als er klarstellte: "Es kitzelt."

Unvermutet rührte etwas in diesem Lächeln an Selebists Erinnerung. Obwohl ihm das Antlitz des Jungen völlig fremd erschien, kamen ihm die kleinen Grübchen und die leicht gekräuselte Nase seltsam vertraut vor. Doch ehe er die richtige Verbindung fand, drehte Inuel sich wieder weg, und mit seinem Anblick verschwand auch das flüchtig aufblitzende Bild in Selebists Hinterkopf, bevor er es zu fassen bekam.

Verwirrt den Kopf schüttelnd, rieb er auch auf die letzten frischen, empfindlichen Narben die Heilsalbe, während er in Gedanken noch einmal Thranduils Worte hörte: 'Er sieht jemandem so ähnlich … Hast du ihn dir mal genau angesehen?' Noch hatte Selebist den Rat seines Freundes nicht beherzigt, da eine eingehendere Betrachtung des fremden Jungen ihm nach wie vor überflüssig erschien. Zumindest bis gerade eben … Der alte Elb zuckte mit den Schultern und versuchte angestrengt, die normalerweise zu der Geste gehörende Gleichgültigkeit zu verspüren.

Sie kam nicht auf. Statt dessen drängte sich nun mit jedem Erschauern der weichen Haut das Gefühl der Vertrautheit weiter in den Vordergrund. Und je mehr Energie Selebist darauf verwandte, es als ungerechtfertigt abzustempeln, um so stärker wurde die Empfindung. "So … fertig", gab er in Gedanken versunken bekannt und, aus Gewohnheit, kitzelte den Jungen spielerisch hinter dem rechten Ohr.

Inuel lachte überrascht auf und floh instinktiv auf das andere Bett, eine Handlung, zu welcher das fortgesetzte Kichern nicht recht passen wollte. Einmal in Sicherheit, rieb er beruhigend die empfindliche Stelle und grinste den Heiler triumphierend an. "Das war aber gemein", warf er dem Älteren vor.

Selebist hörte ihn nicht. In seinen Ohren echote noch immer das helle Lachen und wurde ganz allmählich von einem fröhlicheren, weiblicheren Ton überlagert. "Baladia", hauchte er unhörbar. Plötzlich kam sich der weißhaarige Elb unglaublich alt vor, als die Vergangenheit mit hellen Farben seine triste Gegenwart überstrahlte.

Langsam fühlte er den tröstenden Laut verklingen, und aus Angst, diese lebendige Erinnerung zu verlieren, sprang er ohne große Mühe über das hüfthohe Bett, griff das Handgelenk des erstaunten Jungen und kitzelte das hilflose Opfer noch einmal. Augenblicklich erfüllte vergnügtes Gelächter den kleinen Raum. Die richtigen Stellen erwischte Selebist nicht zufällig, sondern aus verschütteter Erfahrung. Genau die gleichen, informierte wie aus weiter Ferne der noch nüchterne Teil seines Verstandes.

Genau die gleichen. Die leise Stimme näherte sich und übertönte nach und nach alle anderen Gedanken. Die gleichen Stellen … Schließlich unterbrach der Heiler die entspannende Folter und packte den sich windenden Jungen grob an den Schultern. Eine einzige Frage beherrschte sein Denken.

"Wer bist du?"

"I-Ich … ich … ich bin …" keuchte Inuel erheblich außer Atem.

Ungeduldig schüttelte der Heiler ihn. "Wer bist du?!" forderte er ungehalten. "Sag's schon!"

"Ich bin", begann der Jüngere nach einigen tiefen Atemzügen erneut, "Ich bin I–" Plötzlich hob er den Kopf und verdrehte die Augen in Richtung Tür. "Oh!" endete er erfreut.

"Was ist?" fragte Selebist verwirrt, da niemand den Raum betreten hatte. Vorsichtshalber ließ er den Jungen los und lauschte auf die Geräusche im Gang. Nichts war zu hören.

"Legolas kommt", behauptete Inuel trotzdem. Lächelnd setzte er sich auf, die Frage des Heilers offenbar völlig vergessen, und starrte erwartungsvoll auf die schwere Tür.

Stirnrunzelnd lauschte der alte Elb fast eine ganze Minute, ehe er mit finsterer Miene Inuels Ohrspitze packte. "Da ist niemand auf dem Gang", stellte er überzeugt fest. "Machst du dich etwa über mich lustig?"

"Au au … au, nein! Loslassen! Au!" Unter Selebists Druck hatte sich Inuel flach auf die Matratze pressen lassen. Dann ließ das Kneifen etwas nach. "Vielleicht ist er noch nicht im Gang", räumte der Junge ein.

"Dachte ich's mir doch", nickte Selebist, gab das gerötete Ohr frei und setzte erneut zu seiner Frage an.

Doch er kam nicht dazu, denn noch im Aufsetzen beharrte Inuel: "Aber Legolas kommt näher, ich kann es fühlen." Abwesend führte er die rechte Hand zu seiner Brust und legte sie auf eine Stelle knapp über dem Herzen. "Ganz warm hier", murmelte er zerstreut. "Legolas …"

Sprachlos studierte der Ältere die Position der dünnen Finger, welche zwar zielsicher auf ihrem Bestimmungsort gelandet waren, diese Tatsache aber anscheinend anzweifelten, denn gelegentlich zuckten sie auf- oder abwärts, ballten sich leicht und entspannten sich wieder. Begleitet wurden die Bewegungen von einem freudigen Aufleuchten in den Augen, dessen Ursache selbst unter Elben eher selten auftrat. So selten in der Tat, daß die Wenigsten es richtig hätten deuten können.

Selebist war einer dieser Wenigen.

Und da er nun einmal fasziniert Inuels Augen betrachtete, bemerkte er trotz des rötliches Lichtes eine leichte Tönung, welche verriet, daß es sich bei der Farbe der Iris keineswegs um Hellbraun handelte. Eilig schritt der Heiler zur Wand, zog eine neue Fackel aus ihrer Halterung, entzündete sie an der bereits brennenden und kramte mit der linken Hand ein graues Pulver aus einem der unzähligen mitgeschleppten Beutel. Dann hielt er die Fackel dicht neben das Gesicht des Jungen und warf das Pulver in die Flamme.

Als die grellweiße Stichflamme so dicht vor ihm aufloderte, schrak Inuel mit weit aufgerissenen Augen zurück. Eine bessere Reaktion hätte sich Selebist nicht wünschen können: Zum ersten Mal seit seiner kurzen Bekanntschaft mit dem 'Außenseiter' nahm er bewußt dessen Augenfarbe wahr. Auf die Herkunft des Jungen zu schließen, war nun kein Kunststück mehr, und plötzlich ergaben auch die seltsamen Worte des Königs einen Sinn.

Endlich.

*******

Legolas hastete aufgeregt die Treppen hinunter. Schon eine ganze Weile verspürte er den Drang, zu Inuel zu gehen, doch das Gefühl kam mitten in seiner Unterredung mit Lalaith auf, und weil er seine ehemalige Amme nach langer Zeit zum ersten Mal aufgesucht hatte – und dazu auch gleich noch mit einer Bitte zu ihr kam, hatte er sie auch nicht zu eilig wieder verlassen wollen.

Dennoch … der Prinz schmunzelte. Irgend etwas mußte ihr wohl aufgefallen sein, denn auf einmal hatte sie ihn praktisch vor die Tür gesetzt mit dem Kommentar, wenn sie nicht sofort beginne, würde es heute nichts mehr werden. Gut, es konnte die Wahrheit sein. Aber Legolas kannte die gute Frau besser und ahnte, daß er Grund zum Danken hatte.

Es wird stärker.

Beunruhigt schlug der Prinz eine Hand auf seine Brust. Nicht viel über dem Herzen. Denn dort hatte er es zuerst gespürt, schwach am Anfang, doch die Wärme hatte sich schnell ausgebreitet. Er erkannte die Empfindung. Nicht, weil er sie schon oft gespürt hatte, sondern im Gegenteil – weil Legolas erst einmal zuvor so etwas gefühlt hatte. Das war vor wenigen Tagen, als Inuel ihm in der Gedankenwelt einen Teil seines Lichtes durch die alten Eisenstäbe gereicht hatte.

Der Prinz schlängelte sich durch die noch belebten Gänge, ohne wirklich auf seine Umgebung zu achten. Daß er mit niemandem zusammen stieß, verdankte das Volk hauptsächlich seinen perfekten Reflexen. Heute erwiderte er keine Grüße, um nicht womöglich nochmals aufgehalten zu werden. Manche wunderten sich darüber, aber die meisten erinnerten sich wohl, daß er sich schon seit Tagen rar machte und ohnehin seit seiner Rückkehr ein eher ungewöhnliches Verhalten an den Tag legte. Schließlich drang Legolas in die wesentlich ruhigere Gegend der Krankenzimmer vor und näherte sich bald darauf der Tür zu Inuels Raum.

Das Gefühl setzte aus.

Ohne Vorwarnung wurde die Wärme von einem eisigen Stich blanken Entsetzens durchdrungen, welcher Legolas derart unerwartet erwischte, daß sein Herz und sein Gang aus dem Takt gerieten. Die letzten Schritte zur Tür stolperte er, bis er sich verwirrt am Holz abstützen konnte. Noch ehe er begriff, was geschah, verschwand die momentane Panik so schnell, wie sie aufgetaucht war. Als er die Tür argwöhnisch öffnete, begrüßte ihn körperlich wie seelisch eine herzliche Wärme.

"Legolas!" fiel ihm sein Freund um den Hals. "Da bist du ja!"

"Ja", antwortete der Prinz. Er legte seine Arme über Inuels Schultern und zog den Kleineren vorsichtig näher, während er sich achtsam in dem kleinen Raum umsah. Einzig Selebist befand sich noch darin, in der Hand eine gleißende Fackel.

"Ich hatte so ein Gefühl …" Legolas unterbrach sich, als der Heiler überrascht herumwirbelte. Seine Miene wirkte irgendwie frostig, passend zu dem kalten Licht. Schützend drückte der Prinz den Jungen enger an sich. In dem Moment erlosch die Fackel und überließ das Zimmer wieder dem gemütlichen Halbdunkel seiner einsamen, wärmenden Lichtquelle. Über das Gesicht des Heilers zogen tiefe Schatten.

"Ah, endlich", meinte Inuel. "Ich war so erschrocken! Was denn für ein Gefühl?"

'Erschrocken?' So nennt er das? Legolas überging die erste Äußerung kopfschüttelnd und beantwortete lächelnd die Frage: "Ach, nur so ein Gefühl, daß du wach wärst."

Inuel strahlte förmlich vor Stolz. "Das bin ich schon lange!"

"Das sehe ich", schmunzelte der Prinz neckisch. "Und munter obendrein, hm?"

Nickend erkundigte sich der Junge: "Können wir spazieren gehen? Es ist so düster hier."

Meint er das Licht? Legolas fragte nicht erst nach. Persönlich gewann er immer stärker den Eindruck, daß Selebist sich gerade in sehr schlechter Laune befand; die Luft um ihn herum knisterte regelrecht vor Spannung. Sicher hatte Inuel in seiner freimütigen Unwissenheit wieder irgend etwas Dummes gesagt oder getan. Den alten Heiler aus der Fassung zu bringen, gelang zwar nicht vielen, aber diesem Jungen traute Legolas das durchaus zu. Besser, er brachte ihn für eine Weile hier weg.

"Natürlich. Ah, warte." Bestimmt, wenngleich ungern, löste sich der Prinz aus der Umarmung und ging zu Inuels Bett, wo er am Fußende das Stoffbündel fand, genauso, wie er es am Morgen dort plaziert hatte. Mit fließenden Bewegungen faltete er die Tunika auseinander und hielt sie vor Inuels nackten Oberkörper. "So solltest du nicht herum laufen. Hier, zieh das über."

Inuel betastete den dicken Stoff und starrte seinen Freund zweifelnd an. "Das soll ich anziehen? Ist das nicht viel zu …?" Ja, was eigentlich? Zu wertvoll für ihn? Zu protzig? Zu heuchlerisch?

"Viel zu rauh", ergänzte plötzlich Selebist direkt neben ihnen. Dann wandte er sich an Legolas: "Du kannst ihm das nicht über die neuen Narben streifen, das würde sie aufreiben."

Der Prinz beäugte den Heiler ungläubig. "Selebist, es ist doch aus Samt!"

"Aber der ist innen viel gröber, Dummkopf." Als Beweis packte der Ältere einen Zipfel und strich mit der Innenseite über Legolas' Wange, welche beim ersten Kontakt zurück wich. "Siehst du? – Hier." Unfreundlich reichte er seinem Patienten dessen Schlafhemd. "Zieh das darunter an. Wenigstens noch zwei oder drei Tage mußt du darauf achten, deine Haut zu schonen." Zuletzt übergab Selebist die Salbe an Legolas: "Das kannst du auch machen."

"Ich? Aber …"

Der weißhaarige Elb umrundete sie schnell und war schon halb aus der Tür, als er unterbrach: "Bring ihn woanders unter! Hier unten braucht er nicht mehr rumzuliegen."

Verdutzt schauten ihm die Jüngeren nach.

"Hab ich was falsch gemacht?" wunderte sich Inuel laut, während er das leichte Hemd überstreifte und sich anschließend von Legolas mit der Tunika helfen ließ. An ein passendes Beinkleid hatte der Prinz zwar nicht gedacht, aber für den Anfang genügte wohl auch die Schlafhose. Unruhig zappelte der Junge herum, während sein Freund zum x-ten Mal die Tunika richtete. Als er endlich zufrieden schien, ergriff Inuel die Flucht, ehe der Ältere es sich noch anders überlegte.

Legolas benötigte natürlich keine drei Schritte zum Aufholen, doch er gewährte dem Jungen den Spaß und ließ ihn weiterlaufen, ohne ihn aufzuhalten. Ebensowenig wie Inuel schenkte er der ausweichenden Elbe auf dem Gang Beachtung, noch bemerkte er Selebist, welcher die jüngeren Elben von der nächsten Tür aus beobachtete.

Als der alte Heiler ruhig zu der ebenfalls deutlich erfahrenen Elbe trat, waren Schritte und Lachen längst verklungen. "Collaich", begrüßte er seine Frau. "Was führt dich hierher, Liebste?"

Noch immer blickte Collaich verwundert den Gang hinauf, den die Jungen genommen hatten. "Vorhin bin ich kurz Legolas begegnet", erklärte sie. "Für einen Moment glaubte ich, er hätte das Feuer in den Augen. Es weckte meine Neugier."

Selebist verkniff sich das Seufzen, obwohl er wußte, daß seine Gemahlin es durch ihr tiefes Band selbst spüren konnte. "Du hast dich nicht getäuscht", gab er dann zu.

"Dann wird es erwidert?" fragte sie hoffnungsvoll. "Von wem?"

Nur Schweigen antwortete ihr, doch als Collaich zu ihrem Gatten aufblickte, erschrak sie über die steinerne Miene, welche er den beiden jungen Elben unbemerkt nachschickte. "Ist es der Junge? Selebist, was verbittert dich so? Du erdrückst ja mein Herz!"

"Das tut mir leid, Liebste." Traurig schaute der Heiler ihr in ihre – nun nicht mehr ganz so einzigartig – grün schimmernden Augen, ehe er sie sanft in seine Arme schloß. "Bei manchen Gelegenheiten verfluche ich das Band, welches unsere Herzen vereint."

"Sprich nicht solch beängstigende Worte", bat Collaich besorgt. "Erzähle mir lieber, was es auf sich hat mit dem fremden Jungen."

Beide standen still im Gang, als Einheit wiegend, atmend, fühlend. Es dauerte lange, bis Selebist jenen Gedanken aussprach, welcher nunmehr zwei Herzen zerriß.

"Dieser … 'fremde Junge' … Dieser Elb hat unsere Tochter getötet."

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A/N: Ich bin ja schon außerordentlich gespannt, ob ihr jetzt alle die richtige Verbindung zieht oder ich mehr von euren spannenden Theorien zu hören bekomme. *grins*

Jetzt habt ihr ja erst mal wieder etwas Zeit, solche aufzustellen, da ich noch nicht weiß, wann ich das nächste Kapitel fertig bekomme. Darin werden wir uns an einen Blick in Inuels Vergangenheit wagen. Es sind ja nun endlich alle Leute da, die ich dafür brauche. ^^ Und ich mache dem Jungen obendrein ein kleines Geschenk, welches euch hoffentlich auch gefällt. *freu*

Eure Mel