A/N: Sorry für den langen Winterschlaf, aber ich brauchte wohl die Energie der Frühlingssonne, um langsam wieder auf Trab zu kommen, tja. Dafür gibt es am Ende dieses Kapitels einen kleinen Bonus für die Interessierten, dessentwegen ich mir unheimlich Kopfzerbrechen bereitet habe. Ach ja, und falls jemand glaubt, das siebte Kapitel schon gelesen zu haben: Stimmt, aber ich habe es komplett überarbeitet, zwar nur minimale Änderungen in den ersten beiden Szenen, aber alles danach ist komplett neu. Endlich kann ich die Fassung online stellen, mit der ich auch zufrieden bin! :-)

So, die Reviews … ist zwar schon eine ganze Weile her, aber da ich auch per Mail nicht geantwortet habe (was mir furchtbar leid tut), will ich das noch schnell nachholen. Ach übrigens, seid ihr eigentlich alle noch da? [räusper] Also …

amlugwen: Nein, Selebist weiß nicht alles. Niemand weiß ALLES, deswegen verdächtigen sie ja Inuel. Und du hast nichts vergessen; ich habe es absichtlich noch nicht erwähnt. :-D Wie, ob Thranduil die Edelsteine kriegt? Wir werden sehen …

Sally: Dir habe ich das meiste schon beantwortet, oder? Jetzt tut sich was. Trotzdem entschuldige ich mich schon einmal im Voraus. Tja … Du kennst ja meine sadistische Ader … [duck]

Leahna: [grins] Das war wohl die abenteuerlichste Theorie, die ich bisher vernommen habe. Vielleicht nutze ich sie irgendwann als eigene Story. [freu] Aber, da du um Aufklärung batest: Collaich hat grüne Augen, weil das ein genetisch vererbtes dominantes Familienmerkmal ist, daher hatte sie auch Baladia als Collaichs Tochter, und Inuel, da er Baladias Sohn ist. Was Selebist zu seinem Großvater macht. :-) – Übrigens, Inuel ist WIRKLICH ein Junge. Legolas kann das gerne bezeugen, schließlich hat er ihn schon nackt gesehen. ;-)

Eileen: Hat zwar lange gedauert, und sicher bist du inzwischen zu Hause, aber endlich geht es weiter. Und ich gebe dir Recht, es wird langsam Zeit, daß Inuel ein paar neue Freunde gewinnt. :-)

Disclaimer: Ich hab inzwischen so viele Details eingeführt, daß ich höchstens noch anmerken kann: "Basiert auf Tolkien." ;-)

Rating: PG-13 (bin ein Gewohnheitstier, tja)

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Der Name der Macht

Kapitel Sieben

"Na, Inuel?"

Seit einer halben Ewigkeit stand der Junge neben ihm an der Brüstung und starrte geistesabwesend auf den Boden der großen Halle, welche sich inzwischen merklich geleert hatte. Auch Tinu erstrahlte längst in einem satten Orange, und wenn Inuel den Kopf ein wenig bewegte, erzeugte das Licht feurige Reflexionen in seinem tiefschwarzen Haar. Allerdings bewegte er sich kaum.

Nicht einmal, als Legolas ihn ansprach. Leicht verärgert suchte der Prinz nach einem Grund für die mangelnde Reaktion, und als sich ihm der offensichtlichste präsentierte, versuchte er es mitfühlend noch einmal.

"Bist du müde, Inuel?" Dem verträumten Ausdruck in seinen Augen nach zu urteilen …

"Nein …"

Legolas wartete auf die weitere Erklärung, doch mehr schien sein Freund nicht vorbringen zu wollen. Nun ja, es war zumindest eine Antwort, wie kurz auch immer. Seufzend lehnte sich der Prinz mit beiden Armen auf die Brüstung und beugte sich weit vor, wobei er unabsichtlich Inuels Haltung spiegelte. Was gab es da unten so Interessantes zu sehen?

"Es ist wunderschön, nicht wahr?"

Die unerwartete Anrede ließ Legolas aufblicken, direkt auf das nahe Profil seines Freundes. Aus diesem Winkel wirkte sein kurzes, wild abstehendes Haar wie ein zeitloses Feuer, in seiner blutroten Färbung ein beängstigender Kontrast zu den lebendigen, grünen Augen – und doch in völliger Übereinstimmung mit der Wärme, welche sie vermittelten.

Für einen kurzen Moment richteten sie sich auf Legolas, und nur den Bruchteil dieses Augenblicks dauerte das freudige, helle Aufblitzen in ihren Tiefen, doch der blonde Elb bemerkte es und antwortete beinahe unbewußt mit einem kleinen Lächeln darauf.

"Nicht, Legolas?"

Erschrocken stellte der Prinz fest, daß auch er gerade seine Umgebung aus den Augen verloren hatte, oder genau genommen auch aus allen anderen Sinnen. War sein Freund vielleicht ansteckend? Und was hatte er gefragt? Verwirrt suchte Legolas nach dem letzten Satz, aber Inuels Augen wirkten äußerst ablenkend. Was hatte er gesagt? Ach ja … diese Augen … es war … aber das kann ich nicht sagen … wunderschön …

Legolas schloß die Lider mit ungewohnter Anstrengung, dann drehte er den Kopf, bis er beim Öffnen nur noch das Bild am Boden erblickte. "Ja", murmelte er verlegen, während er Tinu dafür dankte, daß ihr Licht die spürbare Röte auf seinen Wangen verbarg. "Sieht gut aus."

"So wie ich jetzt."

Entsetzt fuhr der Prinz herum. Hatte Inuel womöglich seine Gedanken gelesen? Doch sein Freund stand nun aufrecht, die Augen geschlossen und beide Arme zur Seite ausgestreckt.

"So wie ich jetzt … glaubst du, daß sich so ein Vogel fühlt?"

Legolas atmete erleichtert aus und ließ seinen Kopf schwer auf die verschränkten Arme fallen. Das ist es nur … Verdammt, wieso zittern meine Knie? Um die Schwäche zu verbergen, richtete auch er sich auf und hoffte inständig, daß seine Beine ihn nicht betrügen würden. Sie hielten stand.

"Ich weiß nicht, Inuel. Wie fühlst du dich denn?" Nachdenklich stellte er sich vor, was er empfinden würde, wenn er fliegen könnte. Ruhe? Frieden? Sie konnten ja fliegen, fliehen wohin auch immer sie wollten, weit weg zu stilleren Orten. Freiheit? Ja, vielleicht war es das, was Vögel fühlten.

"Sicher."

"Hm?" Hatte er laut gedacht?

Inuel lehnte sich erneut auf die Brüstung und betrachtete die winzigen, unendlich fern erscheinenden Baumwipfel. "Ich fühle mich sicher."

Sicher? Irgendwie bezweifelte Legolas, daß Vögel das empfanden. Und überhaupt … Wovor würdest du dich so weit oben sicher fühlen? Ratlos betrachtete der Prinz den jüngeren Elben. Wie Inuel sich auf die Brüstung stützte mit dem herzlichen Wunsch, fliegen zu können, um irgend etwas (oder jemandem?) zu entkommen, wirkte er plötzlich sehr, sehr einsam. Und verloren. Verloren durch das Wissen, daß Elben nun einmal nicht fliegen konnten.

Legolas seufzte. Was sollte er tun? Sein ganzes Wesen schrie danach, seinen Freund in die Arme zu schließen. Aber das wäre doch … Unschlüssig schaute der Prinz sich um. Was würde das schon bringen? Niemand war zu sehen. Na ja, vielleicht … Er wußte, daß für Inuel Berührungen sehr wichtig waren, vielleicht sogar eine tiefere Bedeutung hatten, die Legolas einfach nicht nachvollziehen konnte. Soll ich?

Ein Schritt. Nur ein Schritt trennte ihn von Inuel … Zögernd brachte der Prinz ihn hinter sich. In solcher Nähe reagierte sein Körper wie von selbst, und Legolas beobachtete mit faszinierter Losgelöstheit, wie seine linke Hand sacht auf Inuels Schulter landete und den Jüngeren mit leichtem Druck zu ihm herumdrehte. Große grüne Augen schauten zu ihm auf, in deren Wasservorhang aus unvergossenen Tränen die Bitte und der Dank bereits ineinander verschwammen. Als wäre die Handlung schon geschehen …

Kein Zurück. Legolas legte seine andere Hand auf Inuels linke Schulter und brachte den Jungen mit der gleichen Bewegung an seine Brust. Hinter dem schmalen Rücken verschränkte er die Arme. Es fühlte sich richtig an.

Die Zeit lief erst weiter, als Inuel den Kopf leicht in den Nacken legte. Beruhigt bemerkte Legolas, daß der Tränenschleier verschwunden war, obwohl der Junge nicht geweint hatte. Vielleicht hatte die Umarmung tatsächlich eine geheimnisvolle Wirkung auf seinen Freund. Er würde das im Hinterkopf behalten müssen.

"Besser jetzt?" fragte er leise.

"Ja, danke. Ich glaube …" Mit einem zufriedenen Lächeln legte Inuel seinen Kopf wieder an die starke Brust seines Freundes. "Vielleicht …"

Seltsam, jetzt wo alles in Ordnung war, kam Legolas die Situation außergewöhnlich peinlich vor. "Hm?" fragte er ungeduldig und grübelte, wie er Inuel möglichst friedfertig von sich trennen könnte. "Was, vielleicht?"

"Vielleicht ist es gar nicht die Höhe", murmelte der Junge in den Stoff der Tunika, "wegen der ich mich so sicher fühle."

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"Ala!" Das Wort erklang in jenem vorwurfsvollen Ton, welchen in einen Namen nur Mütter legen konnten, die ihre langen Bemühungen um gute Erziehung enttäuscht sahen. "Träumst du wieder?"

Ertappt schielte das Mädchen auf ihre rechte Hand und den dicken Schwamm, den ihre Faust gegen die Fensterscheibe drückte. Er war schon fast trocken. Wie lange hatte sie den beiden Elben auf der anderen Seite der Galerie nun zugesehen? Kopfschüttelnd nahm sie ihre Wischversuche wieder auf. Sie sollte sich solche Szenen lieber ersparen … Andererseits, was zeigten die beiden sich auch ausgerechnet vor ihren Augen derart vertraut? Mußten sie es ihr noch unter die Nase reiben?!

"Ala! Wirst du wohl erst den Schwamm nässen! Sieh doch nur, was du anrichtest."

Genervt fokussierte Alagwelyth den Blick erneut auf das Glas. Viel anderes blieb ihr auch nicht übrig, denn durchschauen konnte sie nicht länger: Mit dem halbtrockenen Schwamm hatte sie lediglich schlammige Kreise über den bereits gewischten Teil gezogen. Mit einem kehligen Knurren kletterte sie von der Leiter und tauchte den Brocken etwas zu heftig in das inzwischen nur noch lauwarme Wasser, so daß ein Teil der braunen Brühe auf ihre Mutter spritzte.

Lalaith blinzelte verdutzt die Spritzer aus ihren Augen und starrte von den feuchten Flecken vor ihren Knien zu ihrer Tochter, betrachtete dann die dunklen Punkte auf dem gerade gereinigten Teppichteil und blickte zuletzt wieder Alagwelyth an.

"Ups …" Angesichts des zornigen Funkelns trat das Mädchen vorsichtshalber einen Schritt zurück. "Tut mir leid, Nana", nuschelte sie reuevoll. "Ich dachte nicht, daß es so dreckig ist." Die zusammengezogenen Brauen ihrer Mutter sagten alles, und Ala gehorchte eilig: "Ja, dann werd ich mal weiterwischen …"

Vorsichtig angelte sie den Schwamm aus der Schüssel, wrang ihn gerade genug aus, damit er nicht tropfte und kletterte wieder auf die Leiter. Die Höhe erschien ihr wie ein Zufluchtsort; dennoch erzeugte das brütende Schweigen in ihrem Rücken beachtliche Geschwindigkeit in ihren Händen. Als die Scheibe sauber genug war, um hindurch zu sehen, waren Legolas und sein Freund verschwunden. Ala atmete auf und begann den Abstieg, um ein Trockentuch zu holen.

Sie hatte erst eine Stufe genommen, als sie sich umwandte und zu ihrem Entsetzen in der Tür gerade jene beiden Elben erblickte, welche sie vor wenigen Sekunden herzlichst nach Mordor gewünscht hatte. "L-L-Le…"

Bis auf ein höfliches Nicken ignorierte sie der Prinz und wandte sich statt dessen an ihre Mutter. "Bitte verzeih die Störung, Lalaith, wir werden nicht lange verharren."

"Es ist keine Störung, Prinz Legolas." Die ältere Elbe richtete sich aus ihrer knienden Stellung auf und nahm eine stolze Haltung an. "Bitte, bleibt ruhig. Anders als Ala kann ich gleichzeitig arbeiten und reden."

"Nana!" rief das Mädchen, das sich von ihrer eigenen Familie verraten sah.

Einzig der Junge reagierte auf den empörten Ausruf durch ein erschrockenes Zurückzucken, welches ihn halb hinter den Rücken des Prinzen beförderte; darin fand Alagwelyth besondere Genugtuung, denn die Erwachsenen ignorierten sie weiterhin. Oder – spielten sie ihr nur was vor? Kurz glaubte Ala, in den Augen des Prinzen einen schelmischen Funken aufblitzen zu sehen.

Doch sein weiterhin nüchterner Tonfall schürte starke Zweifel an der Vermutung: "Ich verstehe, dann ist diese Übung ebenfalls Teil ihrer Ausbildung?"

"Natürlich, Hoheit, es wird höchste Zeit, ihr elbische Manieren beizubringen. Und wo könnte sie die besser erlangen?" Das Gesicht ihrer Mutter sah Ala nicht, aber sie wünschte sich von Herzen ein nachsichtiges Lächeln darauf.

"Was sind elbische Manieren?" fragte der Junge neugierig dazwischen. "Ist das schwer? Legolas", mit einem Ärmelzupfen lenkte er die Aufmerksamkeit seines Freundes auf sich, "bringst du mir auch sowas bei?"

Offensichtlich aus der Bahn geworfen, betrachtete Legolas den Jungen abschätzend. "Einfach ist es nicht", warnte er zurückhaltend. "Möchtest du das wirklich lernen?"

Ein begeistertes Nicken blieb die einzige Antwort.

Was für ein Witz, dachte Ala belustigt. So einem Trampel von Außenseiter elbische Manieren beizubringen wäre ein Ding der Unmöglichkeit, selbst für Legolas. Weder das höhnische Lachen noch ihre Ansicht ließen sich unterdrücken: "Das ist wahnsinnig schwer, und jemand wie du kapiert das sowieso nie!"

"Warum nicht?" wollte der beleidigte Elb wissen.

"Ja, warum nicht?" erkundigten sich auch Legolas und Lalaith im Duett.

Verunsichert blickte das Mädchen in die plötzlich sehr strengen Gesichter. "Na, weil", begann sie vorsichtig, "er ist doch … nur …" Mit jedem Wort verfinsterten sich die Mienen zunehmend, bis die dunklen Wolken in den beiden Augenpaaren Ala vor Angst erstarren ließen. Ein verlegenes Abwinken verkündete ihren Rückzug. "Ach, vergeßt es."

"Dies, Inuel", erklärte der Prinz in belehrendem Ton, während er seinem Freund einen Arm um die Schultern legte, "ist deine erste Lektion: Niemals jemanden beleidigen, wenn du nicht in jeder Hinsicht dahinter stehst."

Sichtlich erfreut gewährte der Junge dieser Regel den gebührenden Bedacht, ehe er stirnrunzelnd fragte: "Warum sollte ich jemanden beleidigen?"

Ob dieser deutlich übertrieben gespielten Naivität verdrehte Ala nur die Augen. Aber Legolas schmunzelte, einen Seitenblick zu ihrer Mutter werfend, welche daraufhin in offenes Gelächter ausbrach. "Ich habe den Eindruck, daß Inuel ein viel leichterer Schüler wäre. Lalaith?"

"Ich stimme zu", lachte die ältere Elbe.

Unvermittelt wurde der Prinz ernster: "Lalaith?"

"Ja, Hoheit?" Augenblicklich klang sie beunruhigt, ein Tonfall, den Alagwelyth gar nicht gern hörte.

"Darf ich für den Unterricht um deine Unterstützung bitten?"

"Oh", hauchte die Elbe überrascht, dann räusperte sie sich und deutete eine leichte Verbeugung an. "Es wäre mir eine Ehre." Mit einem ironischen Schmunzeln fügte sie hinzu: "Ich kann meine Tochter als abschreckendes Beispiel verwenden, wenn nötig."

Ich hör wohl nicht richtig! "Nana!" Sie erwartet doch nicht etwa, daß ich mit dem zusammen lerne???

Zu allem Überfluß fand Legolas das auch noch komisch, seinem Lachen zufolge. "In dem Fall sollte ich die beiden vielleicht offiziell vorstellen. Obwohl, ich glaube, ihr kennt euch bereits."

"Wirklich?" fragte sein Freund verwirrt.

"Alagwelyth war in deinem Krankenzimmer; erinnerst du dich?"

Für einen Moment war Alagwelyth sicher, daß er die Szene vergessen hatte. Gerade wollte sie aufatmen, als die grünen – Grün? Seit wann denn das? – Augen in jäher Erkenntnis aufleuchteten. "Du bist ja doch ein Mädchen", stellte er verdutzt fest.

Der Schwamm verließ ihre Hand so schnell, daß Ala kaum Zeit hatte auszuholen. Schneller, als sich die Augen ihrer Mutter weiteten. Sogar schneller, als der Arm des Prinzen nach oben fuhr. Definitiv schneller, als der Junge sich ducken konnte. Mit einem triefenden Platschen landete das schmutzgetränkte Objekt mitten in Inuels Gesicht – und Inuel überrascht auf dem Hosenboden.

Man hätte die Zeit für eingefroren halten können, hätte der langsam zu Boden rutschende Schwamm nicht ihr widerwilliges Fortfahren verraten. Alle starrten auf Inuel, unsicher ob sie sich sorgen oder lachen sollten, während der Junge sprachlos in Alas allgemeine Richtung stierte. Die braune Flüssigkeit lief ihm von der Stirn in die Augen, tropfte von der Nase auf die Lippen und in den halb geöffneten Mund.

"Bäh", sagte er schließlich. Endlich wagten sich auch die anderen wieder zu bewegen, und Inuel ließ sich widerstandslos von seinem Freund auf die Füße stellen. "Ist das normal?" hörte Ala die geflüsterte Frage.

Neben dem Mädchen begann ihre Mutter eine vorwurfsvolle Schimpftirade über 'zu weit gegangen' und Strafen irgend einer Art, doch Ala blendete die harschen Worte aus, um die Antwort des Prinzen auf die Frage des Jungen zu verstehen.

"Nein, ist es nicht", beruhigte er gerade. "Ala ist … ein ziemlich temperamentvolles Mädchen."

"Frechheit!" rief sie und stampfte empört mit einem Fuß auf. "Ich bin eine –"

Plötzlich spürte sie sich fallen. Im gleichen Moment erkannte sie, daß sie in ihrer Wut beim 'Auftreten' die Leiterstufe verfehlt hatte und nun ungebremst dem nahen Boden entgegen rauschte. Normalerweise wäre der Sprung keine Aufregung wert gewesen, doch ihr zweiter Fuß verhakte sich zwischen den Stufen, so daß sich ihr Kopf bald unter dem Hals befand. Von da an lief alles wie in Zeitlupe ab. Die Entfernung zum Boden war zu gering, um darüber zu pendeln. Sie wußte, daß sie hart mit dem Kopf aufschlagen würde, und verschloß vor dem kommenden Schmerz resignierend die Augen.

Seltsamerweise fand der Kontakt nicht an ihrem Kopf statt, sondern um ihre Schultern und Oberschenkel. Die Abwärtsbewegung verlangsamte sich, dann schwebte sie für einen Augenblick, und kurz darauf spürte sie mit einem Sinn, den sie nicht recht benennen konnte, daß ihr Körper nach oben bewegt wurde. Der verdrehte Fuß wurde enthakt und anschließend vorsichtig auf dem Boden plaziert.

Ala brauchte ihn nicht sofort zu belasten. Der Arm um ihre Oberschenkel verschwand und tauchte mit einem sicheren Griff an ihrer rechten Schulter wieder auf, um den Halt der anderen Hand um ihre linke Schulter auszugleichen. Verwirrt öffnete sie die Augen, nicht ganz sicher, was gerade geschehen war.

"Alles in Ordnung, Kleine?" erkundigten sich deutlicher die besorgten blauen Augen als die Worte, welche Legolas verwendete.

'Kleine'? war Alas erster Gedanke. Leider stand sie im Moment zu sehr unter Schock, um darauf zu reagieren, aber das würde sie ihm irgendwann zurückzahlen … garantiert … Nickend bestätigte sie: "B-bestens."

Als Lalaith einen stützenden Arm um den Rücken ihrer Tochter schlang, ließ der Prinz Ala vorsichtig los – was sie beiden übel nahm, doch sie senkte nur beschämt den Kopf. Jetzt, wo sie ihr Gewicht teilweise auf den Fuß stellen mußte, wurde ihr erst klar, wie stark sie ihn verstaucht hatte. Das Mädchen zuckte zusammen, beschwerte sich aber nicht. Selbst Schuld, sagte sie sich. Du wirst hier nicht vor aller Augen die Nerven verlieren!

"Bei Eru, du hast mir vielleicht einen Schrecken eingejagt", seufzte ihre Mutter. Die Tatsache, daß sie nicht schimpfte, und die leicht zitternde Hand an ihrer Seite wiesen Ala darauf hin, daß wohl nicht nur der Anblick erschreckend, sondern die Situation wirklich gefährlich gewesen war. "Danke, Hoheit."

Erst jetzt trat Inuel zu den anderen und blinzelte den Prinzen bewundernd an. "Wie hast du das gemacht, Legolas? Ich hab dich nicht mal bewegen sehen!" staunte er offen. "Erst warst du neben mir, und plötzlich stand sie wieder sicher … Wie hast du das gemacht?"

"Wenn du ganz fleißig übst, Kleiner", schmunzelte der Ältere zuversichtlich, "kriegst du das auch eines Tages hin."

'Kleiner' schon wieder, dachte Ala verstört. Er merkt es wohl nicht mal … Aber den Jungen scheint es nicht zu stören. Seufzend sah sie ein, daß sie sich wirklich etwas unreif verhielt. Am liebsten würde sie …

"Tja, Ala", meinte Legolas neckisch, "für's erste wird dein Fuß dich wohl vom Aufstampfen abhalten. Vielleicht gerade lange genug, diese kindische Eigenart zu verlernen."

'Kindisch'!? Sollte sie lieber zuschlagen, wie es meistens ihr erster Impuls war? Mühsam zügelte sie diesen Impuls gerade jetzt und zwang ihn als ein beleidigtes Knurren aus ihrem Körper. Manchmal ist Adas Erbe echt eine Last. Wieso wurde ich mit seiner überschwenglichen Leidenschaft geschlagen und nicht mit der Sanftmut meiner Mutter gesegnet? "Mach dich nicht lustig über mich."

"Das tue ich nicht", behauptete Legolas aufrichtig. "Ich hoffe wirklich, daß du es schaffst." Dann sprang das Grinsen wieder auf seine Lippen: "Ich glaube bloß nicht daran."

Gekränkt drehte Ala ihm den Rücken zu und humpelte zur Couch. "Du wirst dich noch wundern!" erklärte sie. "Ich werde von jetzt an die perfekte Dame sein! So!" Demonstrativ warf sie sich mit verschränkten Armen in den nächsten Sessel, ohne dem Gelächter die geringste Beachtung zu schenken.

Schließlich erbarmte sich Lalaith ihrer Tochter und versuchte, die Aufmerksamkeit von dem verlegen zusammengekauerten Mädchen abzulenken, dem anzusehen war, daß lediglich ihr verletzter Fuß sie an einer sofortigen Flucht hinderte.

"Hoheit, ich denke, ich werde in einer halben Stunde die Bearbeitung dieses Teppichs abschließen können."

"Tatsächlich?" Vorsichtig betastete Legolas die kurz zuvor gesäuberten Stellen. "Sie scheinen mir nicht sehr feucht", bemerkte er. "Kann ich das Bett heute noch darauf stellen?"

Die Elbe nickte bestätigend. "Spätestens in einer Stunde wird alles wieder völlig trocken sein."

Lächelnd erhob sich der Prinz und ging eilig zur Tür. "Wenn das so ist, werde ich es sofort heraufbringen lassen."

"Ich komme mit!" rief Inuel, der seinem Freund und Beschützer bereits so dicht auf dem Fuße folgte, daß er beinahe gegen ihn stieß, als Legolas sich abrupt umdrehte. "Was ist los?"

Der Größere blickte forschend auf das Gesicht seines Freundes hinab und erkannte in den großen Augen, vom Glanz des Eifers nur dünn verdeckt, deutliche Anzeichen von Müdigkeit. Noch war der Junge nicht völlig genesen, und den größten Teil seiner Energie hatte er während ihres kleinen Spazierganges bereits verbraucht. Nach über zwei Wochen, in welchen Legolas ihre Strecken und Rastpausen stets nach dem Grad der Erschöpfung seines untrainierten Begleiters abgesteckt hatte, ließ er sich von der aufgesetzten Lebhaftigkeit nicht täuschen.

"Nein, Inuel", befand er deshalb. "Es ist besser, wenn du hierbleibst."

Unsicher trat der Junge einen Schritt zurück und wagte einen Seitenblick auf die schmollende Elbe, deren Behandlung ihm sicherlich gewalttätig vorkam. "Allein?" fragte er bekümmert.

Indes sagte sich der Prinz, daß es für den angehenden Schüler der Etikette kein besseres Heilmittel gegen Scheu gab, denn mit der jungen Alagwelyth auskommen zu lernen. "Schau, du bist doch nicht allein. Warum … Warum nicht …" Ermutigend legte er seinem Freund die Hände auf die Schultern und drückte sie flüchtig. "Könntest du nicht eine Weile mit Ala spielen?"

"Spielen?!" antworteten die Jugendlichen in einem von Widerwillen triefenden Duett.

Während jedoch bei dem Mädchen beleidigte Empörung herausklang, schwang in Inuels Ausruf ein Ton grausigen Entsetzens, welches einzig Legolas als solches erkannte. Verdutzt blinzelte er und war versucht, den Vorschlag zu widerrufen und seinen Freund einfach mitzunehmen. Doch gerade noch rechtzeitig bemerkte er den verwirrten Blick, den die beiden sich zuwarfen, und kam zu dem Schluß, daß Inuel wohl nie zuvor mit Mädchen gespielt hatte.

"Nun ja", meinte er scherzhaft und tätschelte die Wange des Kleineren, "sie könnte dich zumindest das Ducken lehren, weißt du? Das kann zuweilen recht nützlich sein." Mit einem Grinsen wandte er sich ab und wollte gehen, doch der Junge trabte ihm weiter hinterher. Resigniert seufzend, setzte der Prinz eine härtere Miene auf, als er über seine Schulter blickte und befahl: "Beib hier!"

Augenblicklich verharrte Inuel im Schritt. Auf seinem kindlichen Gesicht lag ein solch herzzerreißender Ausdruck von Enttäuschung, daß Legolas unwillkürlich ebenfalls inne hielt. "Inuel. Du kannst mir wirklich nicht helfen bei meinem Vorhaben. Du bist zu schwach! Warte einfach hier auf mich, ich bin ja in spätestens einer Stunde zurück."

Schon hatte er sich wieder in Bewegung gesetzt, und das letzte Wort klang nur noch schwach durch die zugefallene Tür. Inuel stand mit dem Rücken zu den beiden Frauen, so daß niemand seine bestürzte Miene bemerkte.

Er wäre zu schwach, hatte Legolas erklärt, um zu helfen. Sicherlich befürchtete der Prinz, ein schwacher Junge könne ihn bei den prinzlichen Arbeiten im Weg sein, oder so. Die schroffe Zurückweisung versetzte ihm einen scharfen Stich im Herzen, einen winzigen kalten Punkt, welcher unangenehm pochte. Natürlich, sagte sich Inuel traurig. Wir sind jetzt zurück im Königreich, und Legolas hat sicher viel zu tun. Und Inuel hatte keine Ahnung von irgendwas, ehe er nicht alles mögliche gelernt hatte. Ich werde alles ganz schnell lernen, nahm er sich vor. Bis dahin muß ich ihn in Ruhe lassen … Mehr und mehr Mäntel warmer Zuneigung warf Inuels Verstand über den eisigen Stachel, bis er kaum noch sichtbar war.

Wenn ich ihm nur helfen kann, indem ich nicht helfe, so sei es!

Doch unter den Schichten schützender Deckmantel des Verstandes begann der kleine Stachel, seines Eises entledigt, unbemerkt, sich im weichen Boden des Herzens festzusetzen.

"Hey, Inuel!" riß eine fröhliche Stimme ihn aus den Grübeleien. "Steh nicht so bekümmert in der Ecke herum; komm hierher ins Licht."

Folgsam gehorchte Inuel, schlich in einem weiten Bogen um Alagwelyth herum und setzte sich in der Nähe der älteren Frau auf den Teppich. Eine Weile beobachtete er müßig ihr Schäumen, Bürsten und Trocknen und versuchte, den Sinn der jeweiligen Tätigkeit von allein zu erfassen. Eines jedoch schien mit Saubermachen nicht viel zu tun zu haben, und als Lalaith zum wiederholten Male nach dem Trockenreiben die flauschigen Borsten aufrichtete, erkundigte sich der Junge unvermittelt: "Warum kämmst du den Teppich?"

Die ehemalige Amme freute sich über die Neugier und die Offenheit, mit welcher der Junge Kontakt suchte, und wollte ihm die Antwort nicht schuldig bleiben. "Weil ich mit diesem Saugschwamm und dem Trockentuch nicht alle Feuchtigkeit herausbekomme. Wenn ich es aufrichte, so", sie deutete auf die gerade derart behandelte Stelle, "dann trocknen sie schneller. Außerdem verknoten sie nicht, sie fallen weicher wieder zurück und sie weisen alle ordentlich in die gleiche Richtung."

Ala ließ es sich nicht nehmen, den Jungen in bissigem Ton darauf hinzuweisen, daß auch seine Haare eine solche Behandlung dringend nötig hätten. Als Inuel sich daraufhin prüfend mit einer Hand durch die Haare fuhr und prompt darin hängenblieb, unterdrückte das Mädchen ob seines panischen Ausdruckes nur mühsam einen Lachanfall. Amüsiert sah sie zu, wie er ihrer Mutter den Kamm zu entreißen versuchte.

"Damit bürstet man keine Haare, Inuel", wehrte sie ihn mit strenger Miene ab.

"Ich hab aber keine Bürste!"

"Dann gedulde dich, der Prinz wird dir sicher nachher eine geben."

Blanke Furcht spiegelte sich auf Inuels Zügen: "Nein! Ihr versteht das nicht! Wenn Legolas das mitbekommt, dann …" Noch einmal unternahm er einen Diebesversuch, wieder erfolglos.

"Was dann?" hakte Ala neugierig nach.

Mißmutig starrte der Junge sie über die Schulter an. Schließlich nuschelte er beinahe unverständlich: "Dann schneidet er sie womöglich noch kürzer."

Plötzlich hatte er die ungeteilte Aufmerksamkeit inne. "Der Prinz hat deine Haare abgeschnitten?" erkundigte sich Lalaith ungläubig. Inuel schwieg, doch seine Wangen verloren für einen Moment alle Farbe, ehe sie feuerrot aufglühten und seine Augen sich abwandten, um die Scham so gut es ging zu verbergen. Der älteren Elbe war das Antwort genug. "Warum?" wollte sie jedoch wissen.

"Sie haben gestört", wisperte er.

Es war eindeutig, daß der Elb nicht mehr zu sagen gedachte. Seufzend kramte Ala einen zierlichen Kamm aus einer ihrer versteckten Taschen. "Komm her." Da der Junge sich nur widerstrebend und lediglich bis auf Armeslänge näherte, lächelte sie verächtlich. "Du denkst doch nicht, daß ich dir so ein Schmuckstück überlasse? Komm hierher; dann kämme ich dich."

Argwöhnisch schlich Inuel näher, hockte sich – jederzeit sprungbereit – neben Alas Sessel und starrte trotzig zu ihr auf. Das Mädchen schnaubte kurz, beugte sich vor und begann ohne viel Schonung, schnell und grob durch das struppige Chaos zu fahren. Sie riß dabei mehr Büschel aus, als sie entwirrte, doch sie genoß den jammernden Protest aus vollen Zügen. Leider währte es nicht lange.

"Ala!" fuhr ihre Mutter sie an.

Im gleichen Moment schnappte der Elb den leichten, beinenen Kamm aus Alas Hand, sprang ein paar Schritte zurück und ließ sich ein zweites Mal im Schutz der Amme nieder.

"Gib das zurück!" forderte das Mädchen scharf. "Nach allem, was ich bis jetzt von dir gesehen hab, bezweifle ich, daß du dich überhaupt kämmen kannst!"

"Legolas hat mir schon gezeigt, wie das geht", verkündete Inuel mit dem stolzen Ton eines Großmeisters, während er die linke Hand auf seinen Kopf legte und die Prozedur begann. "Sogar ganz ohne daß es weh tut!" Jedoch bemerkte er bald, daß an seiner Methode etwas nicht stimmte, denn er kam nicht nur nicht durch das Gewühl, jeder Versuch schmerzte auch noch beträchtlich! Er probierte mehrere Handstellungen, doch das Ergebnis blieb das gleiche, und so gab er nach einer Weile mit feuchten Augen auf.

In der Zwischenzeit war Ala an seine Seite gehumpelt, was der in seine Tätigkeit versunkene Junge nicht bemerkt hatte, und entriß ihm das Instrument. "Wußt' ich's doch", meinte sie nur.

Diesmal begehrte der Junge nicht auf, obgleich sie nicht weniger zart vorging als beim ersten Mal. Zwar heulte er nicht, doch die Enttäuschung und Resignation waren seinen hängenden Schultern und dem stoischen Schweigen deutlich genug anzusehen. Ala vermochte nicht, sich darüber zu freuen, und der Umstand ärgerte sie.

"War mir klar, das Le sich nicht mit solchem Kleinkram abgibt. Er hat Wichtigeres zu tun, als einem Lausebengel das Kämmen beizubringen!"

"Aber er hat es mir wirklich gezeigt!" behauptete Inuel fest. Dann fügte er leiser hinzu: "Ich hab es mir bloß nicht gemerkt." Und Ala mußte sich näher beugen, um das letzte Murmeln noch zu deuten: "… nie mehr nötig."

Obgleich sie sich auf die Worte keinen Reim machen konnte, veranlaßte der Ton in seiner Stimme das Mädchen zum innehalten, woraufhin sie einer unbekannten Regung folgte und sich nach Inuels linker Hand bückte. Er zuckte zusammen, doch sie hielt ihn fest und preßte seine Finger auf den dunklen Haaransatz. Dann drückte sie ihm den Kamm in die Rechte und führte diese zur Stirn.

"Es war nicht ganz verkehrt", gab sie widerstrebend zu. "Aber du mußt die Haare an der Wurzel halten und mit dem Trennen an der Spitze beginnen. So."

Mit erzwungener Geduld führte sie die nur wenig größere Hand mit dem Kamm sachte über die obersten Haarspitzen, dann weiter unten und gleicherweise langsam über den ganzen Kopf, wobei sie Inuel von all den Tricks und Kniffen erzählte, derer sie sich erinnerte – und das waren nicht wenige. Nach einer Weile fand sie sogar ein wenig Gefallen an der Sache, und als der Junge das Verfahren gut genug begriffen hatte, um ohne ihre Hilfe zurechtzukommen, trat sie zurück mit einer seltsamen Mischung aus Zufriedenheit und Enttäuschung, welche sie sich nicht recht erklären konnte.

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"Ich danke dir, Filigod."

Der ältere Elb rieb seine leicht überanstrengten Finger und musterte aus den Augenwinkel verdutzt den Prinzen, dessen wenige Worte in einem beinahe ehrfürchtigen Ton gesprochen waren. Eine Ahnung sagte ihm, daß der Dank in Wahrheit weniger der Mühe des Tragens galt als vielmehr dem Objekt selbst.

"Es erschien mir richtig, Hoheit", antwortete er bescheiden. "Damals habe ich beim Hinuntertragen geholfen, deshalb wollte ich es auch gern wieder an seinen rechtmäßigen Platz schaffen."

Mit einem Anflug gemeinsamer Nostalgie betrachteten fast alle Augenpaare das enorme Bett im Vorzimmer der Prinzengemächer. Zusammen mit fünf Gehilfen, welche sich unlängst verabschiedet hatten und vermutlich zu einer Erfrischung unterwegs waren, hatte Filigod das Möbelstück aus dem hintersten Winkel eines kleineren Lagers geborgen und die sechs ebenen der Galerie hinauf befördert.

Nun schmiegte sich das kniehohe hölzerne Bettgestell behaglich an die Wand unter dem Fenster und – dank einer Abrundung der tragenden Holzplatte – übergangslos in die ovale Ecke. Uneingeweihte wunderten sich vielleicht, warum dieses uralte Bett gerade in jene Ecke wie eigens dafür geschaffen paßte. Doch die meisten der Anwesenden erinnerten sich, daß das Möbelstück in der Tat eigens für dieses Zimmer angefertigt worden war. Hier war seine Heimat. Bewiesen wurde das auf sehr eigenwillige Weise, nämlich durch die stolz präsentierte, angenagelte Holzplatte an der Längsseite, welche über und über mit kleinen und größeren, groben, schlicht eingeritzten sowie sehr feinen, geschickt ausgeführten Reliefs bedeckt war. Allesamt mit dem Zeichen des jungen Legolas versehen.

"Ich wußte nicht, daß man es aufbewahrt hatte – erst recht nicht, wo."

Filigod grinste verschwörerisch: "In diesem Fall, Hoheit, war es doch überaus praktisch, daß Ihr heute gerade mich im Lager angetroffen habt, nicht wahr? Gut, wenn Ihr mit dem Resultat zufrieden seid, würde auch ich mich nun gern empfehlen." Ein Nicken und verstehendes Augenzwinkern entließ ihn, woraufhin Filigod sich zur Tür begab und dort noch einmal vor allen Anwesenden kurz verbeugte: "Ich wünsche eine angenehme Nachtruhe."

Nachdem der ältere Elb mit vierfachen Gegenwünschen verabschiedet worden war, runzelte Alagwelyth verwirrt die Stirn und wandte sich an ihre Mutter. Flüsternd erkundigte sie sich, was denn Filigod mit seiner seltsamen Bemerkung gemeint habe. Doch Lalaith warf einen kurzen Blick in Richtung des Prinzen und zuckte nur abwehrend mit den Schultern.

"Er meinte damit, Ala", erklärte daraufhin Legolas – obgleich er mit dem Rücken zu ihnen stand und die Bewegung der Amme unmöglich gesehen haben konnte – "daß trotz all meiner Versuche zur Heimlichkeit die Gerüchte sich längst selbst bis zu seinen eher isolierten Ohren durchgewunden haben. Er ahnte, wohin ich kommen würde, und hat dort absichtlich auf mich gewartet." Mit einem leichten Lachen fügte der Prinz hinzu: "Er hatte sogar schon Männer bereit. Dafür wird ihm dein Vater sicher lange dankbar sein."

Vater? Alagwelyth mochte dieser Bemerkung lieber nicht nachforschen; dennoch erwog sie neugierig die Andeutung, während sie ihre Mutter dabei beobachtete, wie sie das Bett vorbereitete. Laken und Bezüge hatte sie vorerst aus Legolas' Schrank entnommen, und Matratze, Kissen sowie eine leichte Decke hatte sie vorsorglich schon vor dem Bett herbringen lassen.

Obgleich sie die wenigen Handgriffe wie im Schlaf beherrschte, ging Lalaith heute extrem langsam zu Werke und erklärte nebenbei dem interessierten Jungen, warum es besser war, das Laken da umzuschlagen oder die Ecken so festzustecken und wie man am leichtesten die große Decke bezog. Inuel ahmte die Griffe erfolgreich am Kissen nach. Stolz grinste er daraufhin Legolas an.

Der Prinz wölbte sanft eine Augenbraue. "Wenn du daran solchen Gefallen findest, kann ich ja das Zimmermädchen entlassen, oder?"

Die Freude über eine neu gelernte Fertigkeit ließ sich Inuel durch die Stichelei nicht nehmen, sondern wandte er sich an Lalaith für Lob und Beantwortung seiner stummen Frage: Zimmermädchen?

Ehe die Amme zu einer Erläuterung ansetzen konnte, winkte Legolas lachend ab und schritt an dem Trio vorbei in sein eigenes Gemach. Hinter sich schloß er die Tür und damit das warme Fackellicht aus, ehe sein Lachen abrupt in einem langen Seufzer ausklang und die Maske der Fröhlichkeit einem verunsicherten Stirnrunzeln wich. Was war gerade geschehen?

Er hatte sich einen kleinen Scherz mit seinem Freund erlaubt, und die Rechnung war nicht aufgegangen. Schön, das kam nicht zum ersten Mal vor, und es würden sich noch viele Gelegenheiten zu neuen Versuchen ergeben. Dennoch hatte er heute aus einem unerfindlichen Grund einen kleinen Stich verspürt, als der Junge nicht nur gelassen blieb, sondern sich um Auskunft auch noch an Lalaith wandte.

An Lalaith wandte! wiederholte Legolas innerlich. Die Einsicht kam einem kleinen Schock gleich. "An Lalaith … und nicht an mich", murmelte er bedrückt. Bin ich etwa eifersüchtig? Aber das war doch grober Unfug, dafür gab es überhaupt keinen Anlaß! War es nicht logisch, daß das Opfer eines unverständlichen Scherzes an Dritte, an neutrale Personen wandte, um die Situation gedeutet zu bekommen? Es war lediglich nie zuvor geschehen, daß der Junge passende Dritte zur Hand hatte …

Legolas stöhnte auf, ärgerlich auf sich selbst. Ab jetzt werden ständig viele Leute um ihn sein. Ich habe Inuel nicht mehr für mich allein – daran muß ich mich eben gewöhnen! Ja, er würde sich daran gewöhnen. Dennoch erschien ihm diese neue Situation als eine unbehagliche Angelegenheit, und er schämte sich für seine übermäßig geizige Reaktion. Nervös marschierte er in seinem schattigen Raum auf und ab, dank des silbrigen Leuchtens Tinus sämtliche Hindernisse vermeidend.

Was würde Inuel sagen, wenn er davon wüßte? Zwar hätte er den Jungen liebend gern weiter für sich allein, doch auf der anderen Seite mißfiel ihm der Gedanke, seinen Freund bei der Erforschung seines neuen Lebens in irgend einer Weise einzuschränken, und sei es durch beständiges Zusammensein. Vielleicht wäre es besser für Inuel, einiges auf eigene Faust kennenzulernen, und selbst … Zähneknirschend zwang sich Legolas, den Gedanken zu Ende zu führen: … und neue Freundschaften zu schließen.

Tief durchatmend, wie nach einer beträchtlichen Anstrengung, sank Legolas auf sein Bett und lehnte sich erschöpft zurück. Zum ersten Mal wurde sich der Elb darüber klar, wie wenig er sich selbst kannte. Bisher hatte er seine Emotionen immer gut im Griff gehabt, doch plötzlich stellte dieser immer noch halb fremde Junge, dessen Vergangenheit er nicht kannte und der buchstäblich vom Himmel gefallen war, sein Leben auf den Kopf. Oder, genauer gesagt, sein Herz.

"Vielleicht ist es wirklich besser, ich bin nicht dabei, wenn er sich mit anderen befreundet", grummelte Legolas mißmutig. "Meine Elben wären ja sonst in Lebensgefahr …"

Na ja, so schlimm ist es vielleicht auch wieder nicht … Ich kann mich beherrschen … Doch da blieb noch eine weitere Gefahr: Selbst wenn der Prinz seine Reaktionen beherrschte, würden seine Gefühle im Inneren dennoch aufwallen. Und er wußte, daß Inuel ein geradezu unheimliches Gespür in diesen Dingen besaß. Er würde es merken … und sich zurückhalten, auch wenn ich gar nichts sage. Auch das wäre eine Art von Einschränkung.

Nein, es ist schon besser, ich versuche erst einmal, mich aus der Ferne daran zu gewöhnen, daß er sich hier Freunde sucht. Vielleicht gibt sich diese dumme Eifersucht ja schnell – und dann kann ich an seinen Freundschaften teilhaben.

Diese Vorstellung breitete eine angenehme Zuversicht über Legolas. Obwohl er fast alle Elben persönlich kannte, nannte er doch nur wenige seine Freunde. Inuel aber würde sich mit derartigen Halbherzigkeiten niemals zufrieden geben. Er war jemand, der gute Dinge gern teilte. Inuel, ja – er würde darauf bestehen, daß seine Freunde auch Legolas' Freunde wären.

Er wird mich wieder etwas Neues lehren, sinnierte der Prinz frohen Mutes und erhob sich mit neuer Energie.

Als er aus seinem Schlafgemach trat, um sich für die Hilfe der Frauen zu bedanken und sie zu verabschieden, lächelte er.

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"Wie gefällt es dir?" fragte Legolas, nachdem er die letzten Besucher endlich durch die Tür geleitet hatte.

Anstatt zu antworten, starrte Inuel nur mit weiten Augen auf das Bett. Die Matratze über der Tragplatte war so dick, daß sie bis zu seinen Oberschenkeln reichte, und das Bett selbst schon so breit, wie Inuel groß war und fast doppelt so lang. Darüber breitete sich eine etwa vier Finger dicke, feste und doch dank des Bezuges flauschige Decke sowie fünf oder sechs Kissen verschiedenster Größe und Festigkeit. Vermutlich sollte er beim Schlafen einfach das Bequemste auswählen.

Nach einer Weile des Beobachtens entschied der Prinz, daß sein Freund nicht überglücklich wirkte, und runzelte die Stirn. "Inuel?"

"Äh …" Langsam drehte der Junge den Kopf, als könne er die Augen nicht recht von dem Anblick des Bettes lösen. "Legolas …"

"Ja? Du magst es nicht?"

"Doch, schon, aber …" Inuel schluckte und wandte sein Gesicht wieder dem Bett zu. Zögernd drückte er einen Finger in die weiche Matratze und verfolgte entgeistert, wie seine Hand bis zum Gelenk darin versank.

Lächelnd beruhigte ihn der Prinz: "Keine Sorge, darin wirst du bestimmt nicht untergehen."

"Vielleicht nicht", gab der Junge zu. "Aber ich könnte mich im Traum darin verlaufen!"

Seine Besorgnis quittierte der Prinz mit einem herzlichen Lachen. Als er sich beruhigt hatte, schlug er gütig vor: "Dann lasse ich meine Tür heute Nacht angelehnt, ja?"

"Wozu?"

"Damit du um Hilfe rufen kannst, wenn du nicht weiter weißt." Legolas zuckte die Schultern, als hielte er das für die selbstverständlichste Sache der Welt. "So. Und nun, mein Freund, wird es Zeit für dein Bad."

Müde blinzelte Inuel ihn an. "Mein was? Und woher nimmst du den Fluß?"

Mit einem verächtlichen Schnauben antwortete der Prinz: "Wir sind hier nicht mehr in freier Wildbahn, Kleiner. In der Stadt baden Elben zivilisierter – in warmem Wasser."

"Ich bin viel zu müde, um zu warten, bis so viel Wasser warm wird." Umgehend unterstrich Inuel seine Behauptung mit einem weiten Gähnen, während er sich träge auf das hohe Bett sinken ließ. "Außerdem bin ich nicht schmutzig, weil mich schon im Krankenzimmer jemand gewaschen hat."

"So?" Natürlich hatten ihn die Pfleger mit jedem Verbandwechsel einer schnellen Waschung mit dem Schwamm und lauwarmen Wasser unterzogen, doch es erstaunte Legolas ein wenig, daß Inuel die Prozedur offenbar wenigstens einmal mitbekommen hatte. War er schon vorher wach gewesen? "Wann denn?"

Während er sich zurücklehnte und die Beine baumeln ließ, versuchte Inuel, die Zeit in die richtige Reihenfolge zu bringen. Anscheinend gelang es ihm nicht. "Das weiß ich nicht. Aber ich habe es gemerkt."

Da der Ton seines Freundes leicht trotzig klang, ließ Legolas das Thema fallen und klärte den Jüngeren statt dessen darüber auf, daß diese Waschungen keinesfalls mit einem Bad zu vergleichen wären und außerdem seine Haare nicht mitgewaschen worden waren. "Und die haben es nötig, auch wenn du sie schon heimlich gekämmt hast, wie ich sehe."

Neckend zupfte er an zwei oder drei Strähnen, ehe er sie mit einer unwillkürlichen Geste aus Inuels Stirn strich, da ihm die längeren in die Augen hingen. Der Junge schaute vertrauensselig zu ihm auf, und in seinen leicht getrübten Augen flackerte der Widerschein der beiden Fackeln, ohne an die Leuchtkraft zu reichen, welche aus den Tiefen dieses Blickes emporstieg. Für einen Moment gewann Legolas den Eindruck, den Puls der Welt selbst zu betrachten.

Dann verbarg Inuel das Geheimnis wieder unter seinen Lidern, während er mit einem weiteren Gähnen eine andere Tatsache sehr eindeutig mitteilte.

Verständnisvoll lächelnd legte Legolas seine Hand auf Inuels Schulter. "Außerdem brauchst du überhaupt nicht warten, das Wasser ist schon warm. Und", fügte er mit einem leichten Druck seiner Finger hinzu, "du wirst dich danach besser fühlen." Als ihn diesmal der Blick seines Freundes traf, las er Skepsis darin. "Glaube mir. Komm." Einladend hielt Legolas dem Jungen seine andere Hand vor die Brust.

Inuel senkte den Kopf, stieß einen resignierten Seufzer zwischen den Lippen hervor und rieb mit den Handballen über seine Augen, ehe er sich nickend erhob und die gereichte Hand ergriff. "Wohin?"

"Nur ins Badezimmer."

Vorsorglich nahm Legolas eine der beiden Fackeln mit. Zwar schien Tinu silbriggrün in sein Gemach und leuchtete ihm somit genug zum Sehen, doch das Badezimmer besaß keine Fenster. Dort herrschte Finsternis. Nachdem der Prinz den Jungen in sein Schlafgemach geführt und die Tür hinter ihm geschlossen hatte, hielt er einen Augenblick inne, um Inuel die Gelegenheit zu geben, seinen Privatraum zu bestaunen. Als jedoch nach über zwei Minuten noch immer kein Laut der Bewunderung an sein Ohr drang und sein Freund trotz der hilfreichen Hand zu wanken begann, setzte sich Legolas murrend wieder in Bewegung.

Er schob Inuel durch die kleine Tür in der Ecke neben seinem Bett, trat dann selbst hindurch und steckte die Fackel in ihre Halterung direkt hinter der Tür. Das Zimmer war nicht groß, aber gerade eben ausreichend, damit sich zwei Leute nicht gegenseitig auf die Zehen traten. An der rechten Wand stand ein hüfthoher Schrank sowie ein Spiegel direkt darüber; der Tür gegenüber befand sich die Toilettennische und daneben einige Haken für Handtücher, und die Wanne, das Wichtigste, war links.

Allerdings handelte es sich um keinen jener Gegenstände, welche die Menschen gemeinhin als 'Wanne' bezeichneten. Statt in jede Ebene aus Holz oder Stein gefertigte Bottiche schleppen zu müssen, deren Lebensdauer der eines Elben ohnehin nicht gerecht wurde, hatten die Elben ihre Badegelegenheiten direkt aus dem Felsgestein ausgehoben. Zwei Stufen, ihre Kanten weich abgerundet, um die Verletzungsgefahr im Falle des Ausrutschens zu vermindern, führten zum oberen rand der Wanne. Ihr Boden jedoch lag zwei oder drei Handbreit tiefer als der Fußboden im Rest des Raumes. Das Innere war mit einer dünnen Schicht glatten Porzellans ausgekleidet. Eine weniger aufwendige, dauerhafte und leicht instand zu haltende Lösung.

Ein simpel zu verschließender Abfluß führte zu den Wasserrohren, welche in einem niedrigen Gang direkt hinter jener Wand verliefen. Eilig setzte Legolas den Pfropfen auf das Loch und entfernte dann eine der Schraubkappen, welche die beiden dünnen Rohre über dem Wannenrand verschlossen. Sofort floß ein starker Strahl heißen Wassers aus dem Rohr, pulsierend wie das Blut im Körper. Es war nicht verbrühend, aber doch heiß genug, um den Spiegel bald beschlagen zu lassen. Nur widerwillig entwich der Dunst durch den schmalen Abzug in der Decke über der Toilette.

Inuel beobachtete seine Handgriffe gefesselt von seinem Sitzplatz auf dem groben Fell neben ihm. "Wo kommt das heiße Wasser her?" wollte er wissen.

"Es kommt aus der Erde, aus dem Fels, von ganz tief unten", erklärte der Prinz abgelenkt, während er sich umdrehte und in dem kleinen Schrank nach einem neuen Stück Seife suchte.

"Wie in Celabons Höhle?"

Einen Moment hielt Legolas inne, um zu überlegen, dann antwortete er: "Na ja, solche unterirdischen Flüsse und Seen gibt es zwar auch, aber das warme Wasser hier kommt aus anderen, aus Seen, die immer heiß sind."

"Wie kommt das?"

"Schwer zu erklären," seufzte der blonde Elb. "Ah, hier ist sie ja … Vielleicht kannst du es dir so vorstellen, daß tief in der Erde, tiefer als du jemals gehen könntest, ein gigantischer Feuerkessel ist, der diese Quellen immer warm hält."

Inuel verfiel in brütendes Schweigen, offensichtlich völlig darin absorbiert, sich diese Erläuterung zu verbildlichen. Nach und nach allerdings wurden seine Augenlider immer schwerer, was Legolas befürchten ließ, sein Freund würde womöglich noch im Sitzen einschlafen.

"Zieh dich aus, Inuel. Du kannst nicht mit den Sachen baden." Aufgeschreckt fingerte der Junge an seiner Kleidung herum, kam jedoch mit den Verschlüssen der geborgten Tunika nicht zurecht. "Hier", griff Legolas ein, "laß mich das machen. So …" Kurz darauf hatte er seinen Freund von Tunika und Schlafhemd befreit.

Inzwischen war die Wanne vollgelaufen, so daß der Prinz das Rohr wieder verkappte. Anschließend legte er Seife und Badetuch auf die obere Stufe und stellte eine große Flasche Haarwaschmittel daneben. Dann schaute er seinen Freund ernst an.

"Inuel? Hör zu, kommst du allein klar, Inuel? Oder soll ich … dir helfen?"

"Ich bin so müde", murmelte der Junge kaum verständlich.

"Ach ja? Stell dir vor, das ist mir glatt entgangen!"

Legolas zuckte zusammen. Seine Worte hatten nicht halb so scherzhaft geklungen, wie sie gemeint gewesen waren. Warum fühlte er sich plötzlich verärgert? Es kam ihm seltsam vor, denn einerseits wollte er dem Jungen wirklich gern helfen, aber andererseits … Andererseits … wirkten seine Gedanken hier fehl am Platz, oder fehl in der Zeit – und Inuel hatte kein Recht, ihn zu solchen Gedanken zu veranlassen!

Noch nicht.

"Entschuldige", seufzte Legolas, obwohl der Junge von seinen Worten nicht im Geringsten berührt schien. "Na los, zieh dich aus und steig schon in die Wanne, sonst wird das Wasser kalt, und du sitzt morgen früh noch hier."

Inuel befolgte die Anweisung und versank schließlich im heißen Wasser. Selbst wenn er aufrecht saß, reichte es ihm bis zu den Achselhöhlen, und wann immer er sich entspannte, kam sein Mund der Oberfläche gefährlich nahe.

"Wir können etwas Wasser ablassen, wenn du möchtest", schlug Legolas vor, doch Inuel schüttelte stumm den Kopf. "Fühlst du dich besser?"

"Ja", antwortete der Junge leise. Dann hob er leicht den Kopf, um den Prinzen in die Augen zu sehen. "Aber irgendwie noch müder als vorher."

Leise lachend bestätigte Legolas: "Ich habe nie behauptet, daß es dich munter macht. Jetzt lehn dich zurück, ja? Keine Angst, ich halte dich sicher … so ist gut."

Er stützte Inuels Nacken mit dem Vorderarm, während er mit der anderen Hand das kurze, dichte Haar im Wasser löste und einige Handvoll davon schöpfte, die er behutsam über die hohe Stirn rieseln ließ. Aus Rücksicht auf seine Angst verzichtete Legolas darauf, seinen Freund zum Untertauchen zu bewegen, und gab sich auch viel Mühe, dessen Augen über der Oberfläche zu halten, denn Inuel hielt sie beharrlich geöffnet und auf Legolas gerichtet, als wäre der ältere Elb seine Rettungsleine.

Wie hätte Legolas auch ahnen können, was in jenem Moment aus seinem Blick sprach?

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Hell und lebensfroh drangen Tinus Morgenstrahlen in den großen Raum, als wollten sie die Möbel selbst wachrütteln, welche auch schon vor einer ganzen Weile rein und schimmernd zu glänzen begonnen hatten. Nur jenes Individuum, das als einziges wirklich auf das Licht hätte reagieren können, schlief völlig unbeeindruckt davon weiter. Da das Bett unter dem Fenster stand, wurde der Elb darauf von den unmittelbaren, blendenden Strahlen verschont und weigerte sich daher beharrlich, die zunehmende Helligkeit mit Aktivität zu belohnen.

Das Bett erweckte den Anschein, als hätte der Junge die Nacht hindurch tatsächlich einige Schwimmversuche darin unternommen: Verkehrt herum hing die dünne Decke halb auf den Boden, während die zweite Hälfte sich wie Fesseln um die Beine des Jungen gewickelt hatten, vielleicht um die nervige Wälzerei auf kreative Weise zu unterbinden. Inuel jedoch ließ sich davon kaum behindern; selbst unter dieser Einschränkung spannten sich seine Muskeln, als liefe er eine lange, anstrengende Strecke.

Auch seine Hände zuckten gelegentlich, und manchmal warf er den Kopf scharf zur Seite wie ein junges Reh, das von irgend einem unbekannten Geräusch erschreckt wird. Er lag rücklings auf zwei der dicksten Kissen, welche er unter seinen Rücken geklemmt hatte, so daß sein Kopf leicht zurückgebogen lag, was ihm die Atmung erleichterte.

"Was für ein seltsamer Kerl du doch bist", murmelte der blonde Beobachter, nachdem er seinen Freund lange betrachtet hatte. Jenes Arrangement erklärte natürlich, warum Legolas in der Nacht nicht einmal besorgt aufgeschreckt war. "Wo hast du dir bloß so einen Schlafstil angeeignet?"

Als er aus den Augenwinkeln einen Schatten bemerkte, sah Legolas neugierig auf und erwischte gerade noch einen kurzen Anblick des Heilerlehrlings, ehe der auch schon an die Tür klopfte. Nicht sonderlich enthusiatisch, aber doch deutlich vernehmbar. Legolas beäugte den ungestört weiterschlummernden Jungen, während er zur Tür schritt und leise öffnete.

"Guten Morgen, Ivanneth", grüßte er halblaut. "Welchem Umstand verdanke ich die Ehre eines Besuches zu solch früher Stunde?"

"Gu… Früh?" erwiderte Ivanneth, zu erstaunt über die Frage, um seinen eigenen Gruß zu vollenden. Er warf einen Blick über seine Schulter zur leuchtend gelben, ja beinahe grellweißen Tinu, ehe er sich vorwagte: "Ihr habt wohl verschlafen, Hoheit?"

Jetzt schaute der Prinz überrascht zur künstlichen Sonne. "Nein," erwiderte er eher zu sich selbst als zum Lehrling, "ich war vor dem Morgenblitz wach – wie immer." Wie lange habe ich hier herumgestanden und Inuel beim Schlafen zugeschaut? Ist wirklich schon über eine Stunde vergangen? "Ich war wohl etwas abgelenkt", verkündete er eine nicht besonders vielsagende Entschuldigung.

"Scheint mir auch so", stimmte Ivanneth sarkastisch zu, während er ein Tablett vor Legolas' Nase hob. "Kann ich jetzt reinkommen, oder soll ich das hier lieber erst zum Abendessen bringen?"

"Hm?" Mühsam schob der Prinz seine Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf die momentane Situation. "Ah! Ja, bitte! Tritt ein … verzeih meine Unachtsamkeit." Als der Lehrling an ihm vorüber ging und Legolas die Tür hinter ihm geschlossen hatte, inspizierte er das eilig auf dem Tisch abgestellte Tablett etwas genauer. Es handelte sich wahrhaftig um eine doppelte Portion Frühstück, und der Prinz hob amüsiert die Brauen. "Hat Selebist dich entlassen, daß du dich nun unter die Diener mischst?"

Ivanneth richtete sich mit verschränkten Armen zu voller Größe auf, und wäre er nicht mit so kantigen Zügen ausgestattet gewesen, hätte er sicherlich ein hübsches Schmollen aufgesetzt. Doch durch die schmalen Lippen wirkte sein Gesicht fast verkniffen.

"Im Gegenteil", erwiderte er nachdrücklich. "Selebist hat mich dazu verdonnert, die Heilung zu überprüfen." Wenn möglich, straffte er die Schultern noch stärker. "Vermutlich hält er es für unter seiner Würde, selbst nach dem Jungen zu sehen." Es schien ihm unnötig, zu erwähnen, daß er diese Ansicht durchaus teilte.

Tatsächlich las der Prinz die unausgesprochenen Worte in der Haltung seines Jugendfreundes, doch sie kümmerte ihn wenig. Solange er Ivanneth kannte, hatte dieser seine Unsicherheiten immer hinter Arroganz und Zurückhaltung verborgen, und Legolas spürte, daß diese mutwillig aufrecht erhaltene Distanz weniger auf herzlicher Feindschaft denn vorsichtiger Ablehnung basierte. Zeit und Gelegenheit war alles, was der junge Mann benötigte, um sich an die neuen Umstände zu gewöhnen. Fast empfand Legolas etwas wie verständnisvolle Verbundenheit zu ihm, da er erst am vorigen Abend zu einem ähnlichen Schluß für sich selbst gelangt war.

"Also", drehte sich Ivanneth abrupt um, "wecken wir ihn auf." Ehe er drei Schritte getan hatte, vertrat der Prinz ihm den Weg. "Was ist, Hoheit?"

"Inuel soll schlafen, solange er braucht."

In einem Augenblick der Unbeherrschtheit flackerte Ivanneths Temperament auf und verwandelte widerwillige Resignation in gereizte Aggressivität. "Ich habe aber nicht den ganzen Tag Zeit, um auf diesen Faulpelz zu warten!" Mit zusammengekniffenen Augen fügte er hinzu: "Habt Ihr das etwa … Hoheit?"

"Wenn es sein muß, dann nehme ich sie mir", antwortete Legolas gelassen und ohne die Stimme zu erheben.

Ivanneth trat leicht zurück wie unter einem unerwarteten Schlag. "Aber … Eure Aufgaben …"

"… wurden auch während meiner Reise ohne meine Anwesenheit problemlos ausgeführt."

"Prinz Legolas", begann Ivanneth schwer atmend, "gerade Ihr habt kein Recht, Euer Volk sich selbst zu überlassen. Es bedarf Eurer Aufmerksamkeit, hier alles im Lot zu halten!"

Legolas neigte verwirrt den Kopf. "Ich lasse mein Volk nicht im Stich …"

"Dann weckt diesen Jungen auf, schickt ihn fort und kümmert Euch wieder um die Waldelben."

Wählen? War es das, was Ivanneth ihm sagte? Daß es unmöglich sei, sich um sein Volk und seinen Freund gleichzeitig zu kümmern? Nein. Ich glaube daran, daß ich beides schaffe. Und wenn nicht … werde ich mich niemals von Inuel trennen! Sein Entschluß wurde von Ärger gegen die bloße Andeutung begleitet, so daß Legolas einen Blick voll kalter Wut auf den Lehrling richtete. Ivanneth erwiderte ihn in gleichem Maße, dann wandte er einen haßerfüllten Blick zu dem schlafenden Jungen, was Legolas' Zorn zum Brodeln brachte.

"Ah … aufhören", mischte sich da eine schwache Stimme in das schweigende Duell. "… weh … Legolas … nicht …"

Beide Erwachsenen wandten sich zum Bett, einig diesmal in ihrer verdutzten Miene. Inuel hielt seine linke Hand hart gegen die Schläfe gepreßt, die rechte verkrampfte sich über seiner Brust weiß in den Stoff des Schlafhemdes. Auf seinem Gesicht lag ein schmerzlicher Ausdruck, welcher augenblicklich Ivanneths Heilerinstinkte aktivierten.

"Hat er gesagt, es tut weh?" Er wollte zum Bett gehen, doch Legolas hielt ihn am Arm zurück. "Hoheit …"

"Ist schon gut, Ivanneth", murmelte der Prinz mit abgewandtem Gesicht. "Es sind nicht die Wunden."

Der Ton seines Freundes beunruhigte ihn fast so sehr wie dessen plötzliche Blässe, und als er ihn aus dem Augenwinkel musterte, bemerkte er überrascht, daß sich Legolas' eigene Hand nicht unähnlich der seines Freundes in seine Tunika krampfte.

Resigniert atmete er aus. "Verstehe. Willst du ihn nicht trösten, Legolas?" Der vertraute Ton ihrer Kindheit kam ihm so natürlich über die Lippen, daß er sich dessen kaum bewußt wurde.

Auch der Prinz schien es nicht zu bemerken. "Was kann ich schon tun?" flüsterte er. "Er träumt nur." Und wovon? Nicht einmal das weiß ich. Doch auch ich habe den Schmerz gespürt und ebenso die plötzliche Leere, die ihn geboren hatte. Woher kam sie?

Beinahe automatisch ging er zum Bett und kniete sich auf den weichen Teppich. Noch immer murmelte der Junge Bitten aufzuhören, durchsetzt mit Legolas' Namen. Ruft er mich um Hilfe … oder will er, daß ich aufhöre? Womit? Sanft tasteten seine Finger nach Inuels Hand, dann bedeckte er sie ganz und lächelte beruhigt, als sein Freund sich unter der Berührung sofort beruhigte.

Auch seine Worte änderten sich nach und nach. "Erklär mir", vernahm Legolas nach einer Weile deutlicher. "Erklär mir …"

Das klingt schon mehr nach Inuel, freute sich der Prinz und fragte amüsiert: "Und was möchtest du jetzt wieder wissen?"

Er mußte sich sehr dicht zu ihm beugen, um die gewisperte Frage zu verstehen.

"Wer warst du?"

-------

"Gu… huh …"

Als Ala durch die offen stehende Tür trat, die unter Elben jeglichen Besuch willkommen hieß, empfand sie die herrschende Atmosphäre sofort als unheimlich. Einander gegenüber saßen der Prinz und sein Freund an dem Kaffeetisch und frühstückten, doch beider Bewegungen schienen langsam, unkoordiniert; ihr Schweigen drückte jedwede Freude augenblicklich auf den Boden der Tatsachen, und die ausweichenden Blicke taten ihr Übriges, um Unheil anzukünden.

Leise klopfte das Mädchen an den Türrahmen, um sich bemerkbar zu machen. Legolas drehte den Kopf und schenkte ihr ein Lächeln, doch unter diesen Umständen wirkte es unecht und gereizt. Vorsichtshalber trat Ala einen Schritt zurück.

"Ich grüße dich, Alagwelyth", erhob sich der Prinz steif. "Ist es inzwischen so spät geworden, daß dein Unterricht bereits beendet ist?"

"Hm? Ah!" Unwillkürlich errötete Ala, als ihr bewußt wurde, daß sie keine Sekunde lang damit gerechnet hatte, Legolas noch zu Hause anzutreffen. Normalerweise hatte der Prinz um diese Zeit schon die Hälfte seiner täglichen Aufgaben erledigt! Wieso mußte er gerade heute ihre Pläne durcheinander bringen?

"Nein, ich bin heute etwas eher gegangen," gab sie zu. Und als Legolas mißbilligend die Stirn runzelte, fügte sie hinzu: "Nana hat doch vorgeschlagen", sie hielt ihre Bücher hoch, "daß ich mit Inuel zusammen lernen soll."

Der Prinz neigte den Kopf. "Verstehe, und da dachtest du, da er nicht zur Schule kommt, …"

"Komme ich eben hierher." Ala strahlte ob der glaubhaften Halbwahrheit. "Ganz genau." Plötzlich fiel ihr wieder ein, was sie tatsächlich vorhatte, und sie ergänzte: "Natürlich nur, wenn … ah, wenn es ihm heute besser geht, versteht sich …"

Einladend wies Legolas auf den Sessel, welcher mit der Lehne zur Tür stand. "Natürlich", lächelte er. "Bitte, setz dich doch."

"Oh … danke." Ala tat wie ihr geheißen, musterte jedoch unentwegt den Jungen, der sie mit großen Augen anstarrte. Wird er mir womöglich in die Quere kommen? fragte sie sich besorgt. Bitte, Eru, laß den Dummkopf jetzt nicht noch alles vermasseln …

Auch der Prinz nahm wieder Platz, während er berichtete: "Vorhin erst kam dein Bruder zur Visite. Er wirkte sehr zufrieden mit dem Ergebnis der Untersuchung, und solange Inuel die frischen Narben nicht überdehnt, soll er sich möglichst etwas Bewegung gönnen."

Die wird er auch kriegen, grinste Ala innerlich.

"Ich selbst bin mir nicht ganz sicher, ob ich da zustimmen kann."

Ala zuckte zusammen. "Wieso nicht?" Wehe du verbietest ihm, rauszugehen …

"Weil die gestrige Anstrengung Inuel für meinen Geschmack etwas zu stark erschöpft hat."

Zum ersten Mal mischte sich der Junge ein: "Aber ich habe prima geschlafen!"

Legolas murmelte ein gelachtes "Allerdings", dann nickte er zustimmend. "Um ehrlich zu sein," begann er verlegen, "war ich schon besorgt, womit ich dich beschäftigen könnte, Inuel. Dich den ganzen Tag von einem Platz zum anderen zu scheuchen, schien mir verfrüht und zu riskant."

Innerlich seufzend senkte Ala den Blick. Wird wohl doch nichts.

"Daher bin ich froh," wandte sich der Prinz nun an das Mädchen, "daß du mit ihm gemeinsam üben möchtest, Alagwelyth. Das wird ihn zwar auch ermüden, aber weniger erschöpfen, da er zumindest hier bleibt."

"Ich möchte nicht nur hierbleiben", warf Inuel ein.

Legolas betrachtete den Jungen lange mit undefinierbarem Blick, der Ala eine leichte Gänsehaut bescherte. Als er seine Entscheidung bekannt gab, klang sein Ton verändert, kälter und härter, was anscheinend auch Inuel bemerkte, der er zog sich trotz der positiven Worte leicht zurück.

"Meinetwegen, wenn dir so viel daran liegt. Aber zuerst kommt das Lernen, klar? Währenddessen kann sich dein Körper noch ausruhen. Danach, wenn Alagwelyth der Ansicht ist, ihr hättet genug geübt, kann sie dir ja ein wenig von der Stadt zeigen."

"Gerne!" konnte sich das Mädchen nicht zurückhalten. Unter dem mißtrauischen Blick des Prinzen räusperte sie sich. "Zum Beispiel die Schule, die ist nicht so weit. Und vielleicht möchte ja Inuel eines Tages mit dorthin kommen."

Offenbar überlegte sich der Prinz gerade, daß Ala seinen Freund bestimmt nicht während des Unterrichts zu einem so bevölkerten Ort bringen würde und der Junge daher mindestens bis zum Nachmittag sicher in diesem Quartier bleiben würde. Er nickte zufrieden, dann erhob er sich. "Das klingt nach einem guten Plan."

Ja, das finde ich auch, beglückwünschte sich Ala zu ihrem geschickten Manöver.

"Wenn es dir also recht ist, Inuel, überlasse ich dich nun Alagwelyths Obhut."

Der Junge sprang ebenfalls auf. "Es ist mir nicht recht. Ich möchte bei dir bleiben!"

Mit versteckt geballten Fäusten zischte das Mädchen sauer: "Ich dachte, du wolltest lernen?"

"Du bist mir unheimlich", gab Inuel unumwunden zu. "Ich mag dich nicht."

Ho ho, wenn es nur das ist, kann ich ja vielleicht noch was retten … Damit die beiden nicht länger auf sie herabsahen, stand auch Ala auf und stellte sich direkt vor Inuel. Erstaunt bemerkte sie, daß er in Wirklichkeit fast einen halben Kopf größer war als sie, was so gar nicht zu seinem kindlichen Verhalten passen wollte. Sie trat wieder einen Schritt zurück, einerseits, um nicht so forsch seine Intimsphäre zu bedrohen, andererseits, damit sie nicht derart zu ihm aufzuschauen brauchte.

"Hör zu … Inuel." Stimme weich klingen lassen, Lider senken, um demütig zu wirken … Danke für die praktisch wenigstens verwertbaren Lektionen, Nana. "Ich entschuldige mich für unseren etwas … holprigen Start." Objekt durch die Wimpern unter scharfer Beobachtung halten … Oh, er ist unsicher, das ist gut. Besonders leise, so daß der Junge die Ohren spitzen mußte, murmelte Ala: "Deine Verwechslung hatte mich verletzt, deshalb …" Bei allen Valar, wir er etwa rot? "… habe ich wohl etwas überreagiert. Verzeih mir … für beide Male."

"Uh, ich … also, ja, aber … ich, äh …"

Ich glaub's nicht, das klappt ja! "Danke", unterbrach Ala sein Stottern sanft, aber bestimmt.

Doch Inuel hatte noch etwas zu sagen, und er atmete tief durch, um es in einem Satz herauszubringen. "Ich wollte dich auch nicht verletzen! Ehrlich … Alagwelyth."

Ein lastendes Schweigen breitete sich aus, dann erkundigte sich Inuel zögernd: "Dann heißt das also, du … du bist nicht immer so? So …"

"Grob?" Ala lächelte einsichtig und hob ihren Blick, um die Antwort voll zur Geltung zu bringen. "Normalerweise beherrsche ich mich, aber gelegentlich – Wie soll ich sagen? – da gehen die Pferde ein wenig mit mir durch."

Obgleich der Ausdruck den Jungen verwirrte, schien er zu begreifen, was sie damit sagen wollte. "Nun, ich denke, jetzt wo ich vorgewarnt bin – geht das wohl in Ordnung." Ein Gedanke blitzte deutlich sichtbar in seinen Augen auf, fast wie eine kleine Hoffnung. "Wirst du mir auch das Ducken beibringen?"

Auch Alas Blick erhellte sich. "Klar, wenn du willst! Heißt das, du lernst doch mit mir?"

"Ja, ich möchte gerne lernen", nickte Inuel. "Legolas, dann …" Seine Augen beendeten ungläubig ihre Rundschau, während er den Satz mechanisch zu Ende führte: "… ist es mir recht …"

Sein Freund war verschwunden.

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Was denkst du? fragte ihr Blick. Laut erkundigte sich Collaich: "Du gewährst heute keine Sprechstunde?"

"Nein, ich fühle mich zu abgelenkt", antwortete Selebist, und seine Augen: Du weißt es doch.

Müde betrachtete er seine Gemahlin, die zwischen ihm und der Verzweiflung stand wie ein Fels in der Brandung. Selebist war alt genug, um Felsen in der Brandung noch mit eigenen Augen gesehen zu haben, daher wählte er diesen Vergleich äußerst bedacht: Ganz wie die Wellen des Meeres brachen sich auch die Wellen der Traurigkeit an der robusten Oberfläche dieser Elbe, bis an den Strand von Selebists Herz nur noch ein vager Abklatsch der zerstörerischen Gewalt drang.

Doch dieser Abklatsch genügte, ihn aus dem Gleichgewicht zu werfen.

Außerdem wußte er, daß Felsen oft weniger beständig sind, als sie scheinen. Und ebenso wie die halb versunkenen Wellenbrecher hatte das hinterhältige, mächtige Wasser auch Collaich innerlich ausgehöhlt und hörte nicht auf damit, so daß es in Wahrheit nur eine Frage der Zeit blieb, wann sie zerbrechen würde. Durch die immer wieder unerbittlich andrängenden Wasser der Zeit … Ging es nicht allen Elben so? Allein in Valinor wurden sie dem Meer für alle Ewigkeit entrissen und in Sicherheit gebracht, sofern sie es zur rechten Zeit dorthin schafften …

Warum war diese Rettung seiner Tochter nicht vergönnt gewesen? Seiner zarten Baladia, deren Schönheit und naive Unschuld sie vor dem zermalmenden Druck nicht hatte bewahren können?

Collaich empfand die Gefühle, welche die Gedanken ihres Gatten begleiteten, stark und ebenso ausgeprägt wie ihre eigenen. Da ihre eigenen Gefühle überdies im Augenblick den seinen genau entsprachen, verdoppelte sich ihre Intensität in beider Herzen. Ein solcher Effekt eignet sich überhaupt nicht als Trost, entschied die Elbe und trat leise an die Seite des Sessels, in welchem Selebist saß. Mit abgewandtem Kopf tat er so, als schaue er aus dem Fenster, doch seine Augen hielt er geschlossen.

"Es ist wahr", begann sie beruhigend lächelnd, obgleich ihr Gatte es nicht sah. Er würde es dennoch spüren. "Ich ahne, woran du denkst, Hälfte meiner Seele. Aber was denkst du?"

Eine Weile blieb es still, doch schließlich bedachte Selebist seine Gemahlin mit einem Blick voller Zweifel und Unsicherheit. "Er wirkt so unschuldig. So unheimlich unschuldig, als hätte er nie im Leben etwas Schlimmes gesehen, geschweige denn erfahren." Erneut wandte er den Blick zum Fenster, der Rest seiner Gedanken ein bloßes Murmeln: "Und doch, jene Wunden …"

Collaich ging um die Lehne herum und kniete sich vor die Fensterseite des Sessels, eine Hand auf die Armlehne gestützt, die andere auf Selebists Oberschenkel. Noch immer schaute der silberhaarige Elb über ihren Kopf in eine Ferne, welche die gegenüberliegende Wand der großen Halle eigentlich nicht zuließ, doch Collaich störte sich nicht daran. Früher oder später würden seine Gedanken zurückkehren, seine Augen die ihren suchen, und es würde ihm leichter fallen, wenn er dafür nicht erst den Kopf zu drehen brauchte.

"Ihre Briefe", flüsterte er. Dann etwas lauter: "Durch ihre Briefe war uns immer klar, daß ihre Seele ein ganzes Jahr lang furchtbare Qualen gelitten hat, nur wegen dieses Kindes. Körperliche Beschwerden hat sie niemals erwähnt, oder?"

Da die rhetorische Frage nicht ihr galt, schwieg Collaich und drückte nur kurz sein Bein.

"Nein, keine Schmerzen. Nur diese Angst, eine beständige Furcht … wie sie sie nie zuvor empfunden hatte. Eine gerechtfertigte Angst, wie wir später erfuhren. Und dennoch, heute frage ich mich: Was ist schon ein Jahr? Ein Jahr im Leben eines Elben? Ein einziges schmerzloses Jahr, Collaich. Sag mir, ist das viel?"

"Nein", antwortete Collaich, fügte jedoch mit gesenkter Stimme hinzu: "Nicht, wenn das Leben danach weitergeht."

Selebist blickte sie mit beängstigend feuchten Augen an. "Ja, du hast Recht, Liebste. Ich behaupte nicht, daß es nicht qualvoll für sie war … Die Valar wissen, es war mehr als nur qualvoll für uns, und nicht nur jenes eine Jahr lang. Aber ich verstehe nicht sehr viel von den Qualen der Seele – ich bin ein Heiler des Körpers. Baladia litt wegen dieses Kindes, doch wer kann sagen, was das Kind seither gelitten hat?"

Durch tiefes Durchatmen versuchte der weise Elb, seine Stimme zu beruhigen. Es gelang nicht vollständig; als er weitersprach, zitterte sie noch immer ein wenig. "Du hast seine Wunden nicht gesehen, Liebste. Es war Folter, ich bin ganz sicher. Trotzdem hatte ich den Eindruck, als verbände der Junge damit wichtige Erinnerungen, und ich kann nicht umhin, mich zu wundern: Hat er denn im Leben keine Erinnerungen gesammelt, die angenehmer sind als Folter?"

Überrascht von dieser Erklärung, sog Collaich die Luft ein. "Wie lange …?" hauchte sie.

"Ich kann es nicht genau sagen, weil sie ohne Behandlung schlecht verheilt waren, aber ich würde wetten, daß einige davon beinahe drei Jahrhunderte alt sind. Die neueste kaum eine Woche, und alle anderen rangieren zwischen damals und jetzt." Kurz unterbrach er sich, ehe er den Blick wieder zum Fenster hob und flüsternd seine Frage wiederholte: "Was ist ein Jahr, Collaich?"

Diesmal antwortete seine Gemahlin bestimmter: "Nichts."

Nach langem Schweigen begann Selebist erneut: "Der Körper des Jungen wurde vielfach verletzt und hat sichtbare Spuren zurückbehalten." Seine Stimme klang abwesend, als suche er etwas in weiter Ferne. "Ich verstehe nicht viel von den Qualen der Seele. Es war Folter", stellte er nochmals fest. Dann, wispernd: "Was für Spuren mögen in seiner Seele zurückgeblieben sein?"

"Er schien mir sehr fröhlich", bemerkte Collaich nach kurzem Überlegen. "Und unschuldig – du hast es selbst gesagt. Vielleicht ist seine Seele stärker, als wir ihm zutrauen. Schließlich ist er nicht Baladia, nur ihr Sohn."

"Ja, Baladia … Collaich, das ist es, was ich nicht … Ich kann nicht …" Eine einzelne Träne entfloh Selebists Augenwinkel wie ein heimtückischer Verräter. Sie hatte ein Loch in den Damm gerissen, und andere würden sicher bald folgen.

"Ein Jahr Terror und Panik im zerbrechlichen Herzen unserer Tochter – wegen des Ungeheuers, das darunter zu tragen sie so überzeugt war … gegen ein halbes Leben Folter und Einsamkeit für die scheinbar gut gewappnete Seele eben jenen 'Ungeheuers' – welches vor unseren Augen als ein unschuldiges Kind erscheint, nichtsahnend von den Gefühlen, die es in uns auslöst. Collaich …"

Seine Stimme brach, und ebenso der Damm. Innerlich zerrissen, lehnte Selebist seine Stirn auf die sichere Schulter seiner Gemahlin und ließ den Tränen freien Lauf. "Collaich, ich … Ich wage nicht zu beurteilen, was schlimmer ist …"

Collaich teilte seinen Kummer. Ihre eigenen Tränen waren vor langer Zeit versiegt, doch ihr Gatte hatte nicht mehr geweint, seit er vom allzu plötzlichen Tod seiner geliebten Tochter erfahren hatte. Bisher war er stets so sicher gewesen, überzeugt von der Wahrheit in Baladias Furcht, gewiß in seiner Ansicht, daß letztlich jenes unheimliche Kind seine eigene Mutter ermordet hatte – zu allem fähig als das Monster, als welches es zu verfluchen er gelernt hatte.

Nun plötzlich wurde er mit einer anderen Möglichkeit konfrontiert, einer viel plausibleren Vorstellung, die als Wahrheit zu betrachten Collaich selbst schon kurz nach dem mysteriösen Tod Baladias begonnen hatte.

"Kann es sein, daß ich … sie mißverstanden habe …?"

Eine Vorstellung jedoch, die an den Wurzeln seines Glaubens rüttelte und damit sein Vertrauen in die Zukunft gefährdete, vielleicht auch in den Sinn des Lebens selbst, weswegen Collaich sich bisher tunlichst gehütet hatte, ihm diese Möglichkeit zu unterbreiten.

Doch da Selebist sich nun durch die unerwartete Gegenüberstellung selbst dazu durchgerungen hatte, sie in Betracht zu ziehen, war vielleicht die Zeit gekommen, gemeinsam der Wahrheit nachzuforschen – auch wenn sie dafür eine für beide gleichermaßen schmerzliche Vergangenheit wieder aufleben lassen mußten.

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Irgendwo in den Tiefen der Kellergewölbe, in einem elbenleeren, düsteren Tunnel, kollidierte eine unschuldige Faust mit einer noch viel unschuldigeren Felswand. Während die Mauer sich jedoch von dem Angriff unbeeindruckt zeigte, beschwerten sich die mißhandelten Knöchel mit einem hörbaren Knirschen. Die einzige, weit entfernte Fackel warf höhnisch tanzende Schatten den Gang entlang.

"Verdammt noch mal!" fluchte Legolas laut und zuckte zusammen, als das vielfache Echo mit unvermuteter Gewalt auf ihn einschlug. "Verdammt noch mal", wiederholte er leiser. "Wieso kann ich das nicht vergessen!?"

Schuldbewußt rieb er seine schmerzende Hand, dankbar, daß die Knöchel nicht gebrochen waren, allerhöchstens angeknackst. Nicht, daß es den Schmerz verringerte, aber wenigstens lenkte es ihn für eine Weile … ab … von …

"Argh! Ich denke ja schon wieder daran!"

Schmollend warf er sich mit dem Rücken gegen die Wand und ließ sich unwillig daran hinab sinken. Einmal sitzend, zog er beide Beine an, umschlang seine Knie mit den Armen und vergrub den Kopf in die entstandene Kuhle. Dann atmete er langsam und tief durch. Vielleicht war der Wunsch nach Vergessen ja die falsche Taktik … Offensichtlich führte sie zu nichts. Jedenfalls zu nichts als Selbstverstümmelung …

'Ich entschuldige mich,' hatte das Mädchen gesagt. Oh ja, und auch noch so unschuldig! Aber Legolas kannte die weibischen Techniken, und wie gut Alagwelyth sie beherrschte, war ihm auch nicht entgangen. Entschuldigen, pah! Verführen, schon eher … Und die Kleine hatte seinen Freund auch wirklich geschickt um den Finger gewickelt, das mußte er zugeben. Wie konnte sie nur!?

Wie konnte er nur?

"Wieso hast du dich so einwickeln lassen, Inuel?" schimpfte Legolas in die Dunkelheit seines eigenen Schattens. Ich weiß nicht einmal, auf wen ich wütender bin!

'Ich wollte dich auch nicht verletzen!' Das verstand er ja noch, das war einfach nur die Wahrheit, weil es eben Inuels Art entsprach. Aber dann hatte er ihren Namen gesagt. Und in welchem Ton!

Raahhhh! Der Schrei in seinem Herzen kam ihm so laut vor, daß Legolas sich unwillkürlich gegen ein weiteres Echo wappnete. Doch es blieb still, und während sich der Elb nach und nach der belastenden Ruhe ergab, verflog auch sein Zorn und machte einem Anflug von Traurigkeit Platz.

Ich wußte, du würdest Freundschaften schließen, aber so schnell? Und auch noch ausgerechnet Ala!

"Noch niemals hast du meinen Namen so gesagt … Inuel …" Er sprach das Wort in genau jener Betonung, die sein Freund erst vor einer knappen Stunde auf den Namen Alagwelyth gelegt hatte. Wie schön müßte es klingen, wenn er ihn auf diese Weise Legolas nannte …

Sehnsüchtig versuchte der Prinz in seiner Einsamkeit, sich diesen Klang vorzustellen. Und bemerkte überrascht, daß es ihm erstaunlich leicht fiel. Ja, er hörte das Wort ganz deutlich in seinem Inneren erklingen, und es kam auch nicht aus der Ecke der Phantasie, nein … es war … eine Erinnerung?

Etwas schob und drückte ihn in die Finsternis, obgleich er sich mit aller Kraft dagegen stemmte. Er wollte sich umdrehen, denn in seinem Rücken spürte er Wärme und Licht, doch eben dort befand sich auch die Quelle jener Kraft, die ihn beharrlich in die beängstigende Dunkelheit drängte, und ihm fehlte der Mut, diesem Feind ins Antlitz zu sehen. Er fühlte sich schwach … so entsetzlich schwach!

Und weil er zu schwach war, zu erschöpft zum Kämpfen, befand er sich kurz darauf in völliger Schwärze, mit nur einem einzigen, undeutlichen und dunstigen Lichtschimmer allzu fern am Firmament. Dies war das Ende. Er spürte es, und weil sein innerer Drang zum Widerstand sinnlos gegen die gelähmte Starre seiner Muskeln ankämpfte, durchfuhr ihn ein Beben, daß ihn zweifeln ließ, ob es nicht in Wahrheit die Erde selbst war, welche sich unter seinen Füßen in erschütternden Krämpfen auftat …

An seinem Ohr vernahm er eine Stimme unnatürlich laut. Ein Stück Verstand informierte ihn vergebens, das es kaum ein Flüstern war – für Legolas klang die Stimme wie das Heulen eines wütenden Windes, der ihn jeden Moment von den Füßen reißen konnte. Es klangen keine verständlichen Worte darin, nur ein bedrängendes Zischen und Brausen, und schon umklammerte der Sturm seine Arme – doch die Erde bebte noch immer, während vom Himmel der düstere Schein herabstürzte wie ein alles verzehrendes Feuer, das dennoch kein Licht spendete.

Würden doch die Elemente nur endlich aufhören, sich um ihn zu streiten! Wozu ihn mit dem Hinauszögern des Unvermeidlichen noch weiter quälen?

Und dann plötzlich vernahm er ein Wort.

"Legolas …"

Leise, unsicher, fragend, und doch mit einer klaren Botschaft: Ich verstehe dich. Du bist nicht allein, ich werde dir immer zur Seite stehen. Es tut mir leid, daß du jetzt leidest, aber ich werde dich unterstützen und mich um dich kümmern, denn du bist mir wichtig … Vertrau mir.

Dieses Versprechen hörte Legolas in seinem Namen, deutlicher als das gesprochene Wort selbst, und so wagte er zögernd, den Blick vom einzigen, tröstenden Lichtschimmer abzuwenden, um nach der Quelle dieses Wortes zu suchen. Als er jenem tiefen Blick begegnete, welcher das Ungesagte zu bestätigen schien, wurde er für seinen Mut belohnt und zurück in die Nähe des Lichtes geführt. Er wurde auf den Boden gedrückt und von einem Gewicht festgehalten, das wegzuschleudern ihn drängte, doch dann hörte er wieder diese Stimme, dieses Wort, seinen Namen, der unablässig in seinen Gedanken nachklang …

"Legolas …"

… mit seinem Ton entschuldigenden, liebenden Versprechens.

Legolas schluckte. "Das hatte ich vergessen."

Ja, es stimmt, das war fast genau der gleiche Ton wie vorhin … nur … mit ein wenig mehr … Liebe? Hoffnungsvoll hob der Prinz den Kopf und drehte seine Wangen gegen den beruhigend kühlen Stein, um das ganze Licht der fernen Fackel zu erblicken. Er hat es gesagt … Er hat es zu mir gesagt.

Ich habe es auch schon oft gesagt – aber nie zu ihm.

"Inuel …"

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"… und … wen …"

"'Wenn'." Ala tippte auf die Stelle im Buch dicht neben Inuels eigenem Zeigefinger. "Weil es zwei sind, schnell."

"Ah, gut. '… und wenn er … sich so … abq' … ab… Moment, ab-ku-u-ä-lt … ab-kuält … abquält?"

Nickend bestätigte das Mädchen. "Ich weiß, blöde Schreibung, aber du hast es ja erkannt." Genervt drehte sich Ala auf den Rücken und streckte sich ausgiebig. "Man," gähnte sie, "ich verstehe gar nicht, warum ihr beide so ein Theater um das Lesen macht, das funktioniert doch gar nicht schlecht."

"Meinst du das ehrlich?"

Das dankbare Leuchten in seinen Augen beunruhigte das Mädchen, aber sie zwang sich, nicht wegzusehen, damit er ihre Antwort nicht für eine Lüge hielt: "Natürlich. Es mag zwar nur langsam gehen, aber es geht."

"Aber manche Worte …"

"Na und?" unterbrach ihn Ala schroff. "Stell dir vor, es gibt sogar Worte, die ich selbst noch nicht verstehe, und einige, bei denen ich mir bei Lesen gar nicht sicher bin, wie man sie überhaupt ausspricht. Das ist eben so, und es ist auch nicht schlimm. Mann kann ja fragen, oder sie nachschlagen, und so lernt man sie. Ja, genau! Morgen bringe ich dir so ein Buch mit und zeige dir, wie du neue Worte nachschlägst, in Ordnung?"

"Ja", antwortete der Junge mit belegter Stimme. "Danke."

Da Ala seinen Ton seltsam fand, setzte sie sich auf und spähte nach Tinu. Noch war nicht viel Zeit vergangen, aber ihr war am Vorabend schnell klargeworden, daß Inuel kein gutes Zeitgefühl hatte, zumindest nicht im Palast. Vielleicht war er an die Wanderungen der Sonne gewöhnt und konnte daher mit den kaum zu unterscheidenden Farbnuancen der stillstehenden Tinu nichts anfangen. Ohne Legolas schien ihm jede Sekunde ewig zu dauern, besonders dann, wenn er eine schwierige oder unangenehme Aufgabe erledigte.

War genügend Zeit vergangen, daß es ihm lang erschien?

Abschätzend beäugte Ala den Jungen und verdammte sich sogleich dafür, ausgerechnet mit dem Lesen begonnen zu haben. Offensichtlich mochte er diese Übung und war so in seinen Text vertieft, daß er gar nicht daran dachte, wie die Zeit verging. Ala seufzte.

Eigentlich hatte sie ja vorgehabt, den Jungen mit auf einen Rundgang zu nehmen, einen … amüsanten … Rundgang. Dieser Plan jedoch wurde schnell untergraben durch die Tatsache, daß Inuel tatsächlich lernen wollte – und seine Neugier nicht nur, wie sie in Wahrheit angenommen hatte, gespielt war –, und andererseits durch seine Loyalität zu Legolas. Da Ala einsah, daß Inuel den Prinzen nicht belügen würde, mußte sie ihm eine Chance geben zu behaupten, sie hätten vor dem Rundgang lange gelernt.

Entmutigt ließ sich das Mädchen zurückfallen, woraufhin Inuel besorgt den Kopf drehte. "Bist du müde, Alagwelyth?"

Ala sah in seine Augen, und im letzten Moment stoppte sie ihre schnippische Antwort, als sie erkannte, daß sich ihr eine Chance bot. Den Blick in weite Ferne gerichtet, ließ sie ihre Lider ein wenig sinken, um sie schwer wirken zu lassen.

"Ein wenig, ja. Um ehrlich zu sein, mein Unterricht heute ging viel länger als deiner, und ich bin etwas erschöpft. Aber es geht schon in Ordnung, mach weiter."

Wie erwartet, schlug Inuel das Buch zu. "Nein, lesen üben kann ich immer und alleine. Du hast selbst gesagt, wenn der Satz am Ende keinen Sinn ergibt, würde ich den Fehler auch selbst finden. Möchtest du nicht lieber nach Hause gehen und dich ausruhen?"

"Zu Hause kann ich mich nicht ausruhen", antwortete Ala niedergeschlagen, "aber ich würde schon gern ein wenig gehen … mir die Beine vertreten … mich bewegen, damit ich wieder munter werde, du verstehst?"

Langsam wechselte Inuel von seiner Bauchlage auf die Knie, dann in die Hocke, als traue er seinen verkrampften Muskeln nicht recht. Schließlich legte er das Lesebuch auf die Bettdecke und stand auf. "Ja, ich verstehe. Das möchte ich auch", gab er zu, ebenfalls seine Muskeln dehnend. "Mir tut schon alles weh."

"Genau." Grinsend streckte Ala ihm die Hand entgegen: "Hilfst du mir auf?"

Inuel blickte verdutzt auf das vor seinen Füßen sitzende Mädchen. "Tut dir etwa auch was weh?" fragte er verständnislos, griff jedoch nach der Hand.

Lachend erklärte Ala: "Nein, das ist Höflichkeit. Von Männern wird erwartet, daß sie gestürzten Frauen aufhelfen. Oder falls sie die Chance haben, den Sturz natürlich verhindern."

"So wie Legolas gestern? Aber du bist jetzt nicht gestürzt."

Als er leicht an ihrer Hand zog, überraschte ihn der Widerstand eindeutig, was Ala durchaus auffiel und sie verärgerte. So schwer bin ich auch wieder nicht … Na warte! Sie stemmte sich leicht aufwärts, als Inuel noch einmal stärker zog, knickte dann aber ihre Knie ein, so daß sie sofort wieder zurückfiel. Buchstäblich umgehauen von dem Trick, stürzte Inuel nach einem vergeblichen Halteversuch mit einem scharfen Zischen neben ihr auf die Knie und – durch ihre noch verschränkten Hände aus dem Gleichgewicht gebracht – mit dem Kopf gegen Alas Schulter.

Ala lachte ob der gelungenen Aktion, dann riß sie sich mühsam zusammen, um der sicher bald folgenden Schimpfrede zu begegnen. Doch Inuel schwieg. Er rührte sich auch nicht, sondern hielt sich mit sichtlicher Anstrengung in seiner merkwürdigen Haltung: der größte Teil seines Körpers auf Alas linker Seite, seine rechte Hand jedoch auf der anderen und sein Kopf daher an ihrer rechten Schulter. Sie konnte sein Gesicht nicht sehen.

Sein Schweigen beunruhigte sie. "Was ist?" fuhr sie ihn an. "Willst du da übernachten?"

Da sie auf eine Antwort lauschte, bemerkte sie sein stoßhaftes Atmen. "Man, du bist echt nicht der Stärkste, huh? Tut mir leid, daß ich dich reingelegt habe. Komm, steh schon auf, dafür wird's ja wohl noch reichen."

Plötzlich spürte sie ein leichtes Zittern in ihm, ausgehend von seinem rechten Arm, und da sie ahnte, daß der gleich nachgeben würde, packte sie Inuel eilig um Brust und Rücken, um ihn ganz nach links zu verfrachten. Ein schmerzvolles Stöhnen erinnerte sie daran, daß der Junge noch immer als Genesender galt, und beantwortete zugleich die momentane Situation.

"Ah, verdammt! Legolas tötet mich, wenn sie offen sind! Wo tut es weh?"

Vorsichtig schob sie Inuel weit genug von sich, daß er einigermaßen sicher kniete, dann hieß sie ihn die Tunika ausziehen – und entdeckte augenblicklich einen dünnen roten Streifen rücklings auf dem Unterhemd. "Du bist wirklich unmöglich", jammerte sie. "Wenn du noch so verletzt bist, wieso machst du dann sowas?"

Inuel bedachte sie mit einem irritierten Blick. "Aber du hast doch gesagt, von Männern …"

"Aber nicht von kranken Jungs! Blödmann. Komm mit", befahl sie, ergriff ohne Umschweife erneut seine Hand und zog ihn eilig ins Badezimmer.

Dort setzte sie Inuel auf den Wannenrand, die Füße auf die untere Stufe gestellt, suchte einen kleinen hölzernen Eimer aus dem Schrank und ließ ihn unter dem Warmwasserrohr voll laufen. Inzwischen hatte Inuel sich seines Hemdes entledigt und betrachtete traurig den Blutstreifen.

"Keine Sorge", beruhigte Ala, während sie ihm den Stoff rasch entwand, "das krieg ich wieder hin. Es ist ja nur wenig Blut." Sie warf einen Blick auf den Rücken des Jungen und ließ eine Handvoll Wasser über den dünnen Striemen rieseln. "Ah, den Valar sei Dank! Es ist kein tiefer Riß und schließt sich schon wieder. Hast du Schmerzen?"

Inuel schüttelte den Kopf. "Vorhin hat es gebrannt, aber jetzt ziept es nur noch ein bißchen."

"Glück gehabt", murmelte das Mädchen, dann warnte sie in aller Deutlichkeit: "Wenn du dem Prinzen auch nur einen Ton davon verrätst, wird dich meine Rache bis in den Tod verfolgen! Klar?"

Sein eingeschüchter Schlucken und heftige Nicken stellte Ala zufrieden, so daß sie sich konzentriert Eimer und Hemd zuwandte. Geschickt begann sie das Auswaschen, wohl wissend, daß Inuel jede ihrer Bewegungen genau beobachtete. Manchmal fand sie den Grad der Aufmerksamkeit, welche er winzigen Details widmete, geradezu lächerlich, gelegentlich unheimlich, doch in diesem Moment war sie stolz, weil sie mit ihrer Fähigkeit angeben konnte. Und nachher würde Inuel staunen, wie sauber sein Hemd wieder sei, und er würde sie bewundern, denn so war er eben … er konnte bewundern, ohne neidisch zu sein.

Genau das Gegenteil von mir, gab das Mädchen beschämt zu.

"Alagwelyth?"

"Nenn mich Ala."

Schweigen.

"Warum?"

"Das macht man so bei Freunden."

"Aha."

Schweigen.

"Du hältst mich nicht für eine Freundin, richtig?"

"Nein."

"Nein, der Satz ist falsch, oder nein, du tust es nicht?"

Schweigen.

"Ist Legolas dein Freund?"

"Ja."

"Wie nennst du ihn?"

"Hoheit, Prinz, Legolas."

"Und als Freund?"

"Früher nannten wir ihn Le."

"Und jetzt?"

Schweigen.

"Das ist was anderes, verstehst du?"

"Nein."

"Er ist jetzt erwachsen, da muß man Respekt zeigen."

"Aha."

"Er ist trotzdem mein Freund."

Schweigen.

"Gut, dann nein, der Satz ist falsch."

"Du betrachtest mich als Freundin?"

"Ja."

"Wirst du mich Ala nennen?"

"Nein."

"Wieso nicht?"

Schweigen.

Stille.

Verwirrt blickte Ala auf. Inuels Antwort war längst fällig, oder nicht? War er bewußtlos? Nein, er sah sie an.

"Früher oder später würdest du deswegen wütend werden", behauptete Inuel mit unanfechtbarer Gewißheit.

Ala blinzelte verwirrt. "Wieso sollte ich?"

Lächelnd erwiderte der Junge: "Weil du dir erwachsen vorkommen und es unangemessen finden wirst."

"Ich finde es auch unangemessen, wenn du mich Alagwelyth nennst wie diese stocksteifen Erwachsenen!"

"Dann habe ich ein Problem, nicht wahr?"

"Ja, dann mußt du lernen, wann welche Ansprache sicherer wäre", neckte das Mädchen.

Inuel fand den gleichen Ton: "Ich könnte dich immer 'Kleine' nennen …"

Der Inhalt des Eimerchens entlud sich in sein Gesicht.

Schweigen.

"Kapiert?"

"Wieso kriege ich bei jeder Begegnung von dir was ins Gesicht geschleudert?"

"Weil du dann die Klappe hältst!"

Schweigen.

"Kapiert."

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A/N: Für heute bis hierher. Das achte Kapitel ist, genaugenommen, das 7b-te, da es eigentlich noch zu dem hier gehört. Aber beim Prüfen der schon 25 Seiten wurde mir klar, daß ich den Text trennen muß. [seufz] Positiv daran ist, daß das nächste Kapitel auch schon bereit steht und wohl nächste Woche gepostet wird. Allerdings werden jene Leser, welche noch die erste Fassung von Kapitel 7 im Kopf haben, darin sicherlich einige bekannte Szenen wiederfinden – nur leicht umgeschrieben, um der hier veränderten Entwicklung zu entsprechen. :-)

So, ich habe was von Bonus erzählt, kommen wir also endlich dazu. :-) Vor kurzem habe ich mir nach langer Zeit wieder "Früchte der Furcht" durchgelesen, und als ich zu der Szene mit der Namengebung kam, stellten sich mir die Nackenhaare auf. [grusel] Wie vermutlich die meisten von Euch vor mir, stieß ich mich plötzlich an dem Umstand, daß ein so schöner Name wie ein Schimpfwort eingeführt wird. (Damals wußte ich noch nicht, daß es eine tatsächliche Bedeutung gibt, tja.) Solche Dinge erkennt man wohl erst mit einem gewissen Abstand … und mir fielen auch wieder all die Review-Fragen dahingehend ein, so daß ich beschloß, die Szene zum besseren Verständnis umzuschreiben, damit sie auch zum weiteren Verlauf der Geschichte paßt.

Allerdings möchte ich nicht, daß die erste Geschichte nur wegen dem Teil einer Szene noch einmal neu in der Update-Liste erscheint, deshalb hänge ich sie hier an. Zum Vergleich findet ihr das Original im zweiten Kapitel von "Früchte der Furcht", etwa in der Mitte, denke ich. :-) Es folgt die überarbeitete Fassung. :-D

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"Du … du …"

"Was?!"

"Inuel!"

"Hä?"

Störrisch verfiel Legolas in ein eisiges Schweigen und versuchte, dem verunsicherten Starren des Jungen auszuweichen. Dies war ja wohl die denkbar schlechteste Lage, um so mit der Tür ins Haus zu fallen. Warum war es ihm dennoch gerade jetzt rausgerutscht?

"Das …" unterbrach der Kleinere versuchsweise die Stille. "Das klingt viel zu nett …"

Seufzend strich sich der Prinz ein paar nasse Strähnen aus der Stirn. "Zu nett wofür?" fragte er müde.

"Für eine Beleidigung."

"Nun, möglicherweise liegt das daran, daß es keine ist!" Wie dämlich war der Kerl eigentlich? "Ich habe es satt, dich 'du' zu nennen. Also finde –"

"Mich … nennen?"

Für einen Moment schoß Legolas beim Anblick dieses von nassem Schleim bedeckten Jungen mit der geröteten Haut und den riesigen, verwunderten Augen das Bild eines Neugeborenen durch den Kopf. Sein Mund stand von der ehrfurchtsvoll gehauchten Frage noch halb offen und verstärkte den staunenden Ausdruck, welcher an den eines Kindes erinnerte, wenn es zum ersten Mal darauf aufmerksam gemacht wurde, daß selbst seine kleine Existenz in dieser großen Welt etwas bedeutete.

Legolas fand, daß diese Einsicht bei dem Jungen stark verspätet einsetzte, und wunderte sich unwillkürlich, ob dessen seltsame Geschichte womöglich einen Funken Wahrheit enthalten hatte. Während er darüber nachdachte, riß er einen großen Fetzen vom ohnehin zerlöcherten Umhang des Jungen völlig ab, tauchte ihn ins Wasser und wusch den Stoff gründlich aus. Dann wandte er sich erneut dem immer noch ungläubig drein schauenden Augenpaar zu und klatschte ihm den provisorischen Lappen ohne Warnung auf sein verklebtes Gesicht.

Er rubbelte die Haut nicht eben sanft, doch als er den Stoff zusammen mit dem Dreck entfernte, starrten ihn aus einem plötzlich glänzenden, rosigen Gesicht noch immer leuchtende Augen erwartungsvoll an.

"Siehst du", entschied sich der Prinz schließlich zu einer Erklärung, um dieser eigentümlichen Stimmung zu entkommen, "es stimmt nicht, daß du keine Eigenschaften hast. Du siehst aus wie ein Mädchen, und deine Augen funkeln wie zwei Sterne, wenn sonst nichts." Darüber hatte er schon seit ihrer ersten Begegnung gegrübelt, und der passende Name hatte sich wie von selbst eingestellt. "Du hast gesagt, jeder nennt dich, wie er will?"

Ein schwaches Nicken bestätigte Legolas, daß der Junge ihn hörte und verstand. Er lächelte flüchtig. "Gut, dann gewöhne dich besser daran", empfahl er brüsk, während er sich erhob. "Denn ich will dich von jetzt an Inuel nennen." Eilig untersuchte er den Hang nach dem einfachsten Weg aufwärts und nahm ihn.

Der Junge saß noch immer bewegungslos in den Überresten des Kokons. "Meinst du …" sprach er den Rücken des kletternden Elbenprinzen an. "Meinst du, für immer? In echt?"

Auf halber Höher hielt Legolas inne und warf einen mürrischen Blick über seine Schulter. Eine Weile erwog er, nicht zu antworten, doch dann stahl sich ohne sein Zutun ein winziges Grinsen auf seine Lippen und spiegelte sich in seinen klaren, blauen Augen wider.

"In echt", nickte er. "Jetzt komm schon, oder willst du hier noch einmal angefallen werden?"

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Ich hoffe, daß auch Euch diese Fassung besser gefällt. Sagt mir Bescheid, wie immer, ja? :-)

Auf bald – dafür werde ich schon sorgen ;-)

Eure Mel