A/N: Es folgt Kapitel Acht. :-) Zwischen den doppelten Doppelpunkten [seufz] steht Geschriebenes; früher hatte ich da mal die Welle, aber jetzt geht das ja nicht mehr … Tut mir echt leid, Leute, aber mir ist heute einfach nicht nach schwätzen, also mach ich's kurz, damit ihr schnell zum Lesen kommt:

Disclaimer: wie immer

Rating: wie immer

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Der Name der Macht

Kapitel Acht

Mit bedrückendem Gleichmut umfing die ungewohnte Dunkelheit des geräumigen Hinterzimmers die Gestalten der beiden Eindringlinge, die sich soeben Hand in Hand durch die hohe Tür wagten. Über ihre Köpfe hinweg fiel ein Lichtschimmer aus dem Vorraum in das seit langem unbenutzte Schlafgemach und spendete gerade genug Helligkeit, um die Umrisse der spärlichen Möbel anzudeuten.

Da ruhte ein hohes Himmelbett traurig an der linken Ecke wie ein flaumiges Sommerwölkchen, das unversehens von der Nacht eingefangen worden war. Auf ewig verlassen nun von seiner einzigen Gesellschaft eines kleinen, lebensfroh zwitschernden Vögleins, das Abend für Abend liebevoll über den seidigen Bezug strich. In dem deckenhohen Regal an der Rückwand flirteten langstielige Gläser mit dickbäuchigen Krügen; edel geformte Vasen konkurrierten hochnäsig mit antiken, gesetzten Dosen. Zwischen ihnen erinnerten sich aus dickem Papier gebastelte Schachteln wehmütig der zarten Hände, die sie tagtäglich voll andächtiger Behutsamkeit aus ihrem hölzernen Heim hoben, um die Inhalte zu entnehmen, zu prüfen, zu verwenden und doch immer wieder rechtzeitig nachzufüllen.

Angesichts dieser Aufmerksamkeit hatte sich der Kleiderschrank rechts vom Regal sicherlich vernachlässigt gefühlt, obwohl auch er allmorgendlich sein Angebot präsentieren durfte. Nicht weniger als seine Nachbarn vermißte er jenen leuchtenden Blick, der ihm von einem besonders hübschen Sommertag berichtete und ihn ersuchte, ein passendes Kleid in den Vordergrund zu schieben.

Zwar gehörte zu der Einrichtung kein Schreibtisch, doch die nachdenkliche Atmosphäre sorgsamer Erwägung schien dem Zimmer nicht fremd zu sein. Halbhohe Schränkchen verbargen in ihren Bäuchen Unmengen an Papieren, einzelne, gebundene und gerollte; wenige noch unbeschrieben, der größte Teil übersät von Notizen, Skizzen, Beobachtungen und Träumen. Dazu gesellten sich sehr sorgsam aufbewahrte Zeichnungen verschiedenster Pflanzen, auch sie mit vielfachen Anmerkungen versehen.

Bearbeitet wurden all diese Papiere inmitten des Zimmers, auf dem dicken flauschigen Fell, das sich gemütlich auf dem Boden ausdehnte. Seit Jahr und Tag lagen darauf unangetastet zwei große, feste Sitzkissen neben einem niedrigen Holztischchen, das man sich bequem über die ausgestreckten Beine stellen oder gegen die angezogenen Knie lehnen konnte. Auf jeder freien Fläche reckten stolz hohe Kerzen empor, deren unablässig leuchtender, sanfter Glanz am stärksten dazu beigetragen hatte, daß es hier stets gemütlich wirkte.

Heute jedoch erfüllte nur einsame Düsternis den Raum.

Selebist seufzte ein Echo auf Collaichs Gedanken.

Seit mehreren Stunden hatten die Eltern in ausführlichen Gesprächen, wie sie ihnen bisher allzu schmerzlich erschienen waren, die Vergangenheit mitsamt ihrer geliebten Tochter vor ihren geistigen Augen neu auferstehen sehen. Dabei hatten sie festgestellt, daß die fröhlichen Erinnerungen jenen einen, unbefriedigten Schmerz allmählich linderten, je länger sie über ihr Kind sprachen. Bis zu einem Punkt, an dem sie ihn fast völlig vergaßen und zu der Überzeugung gelangten, sie träfen Baladia wie immer inmitten des goldenen Lichtes über ihre Studien gebeugt, sofern sie nur den Mut aufbrächten, durch die Tür zu treten.

So brachten sie ihn schließlich auf, und über alle Maßen unerwartet kehrte der Schmerz mit einem rachsüchtigen Hieb zurück, indem er ihnen die triste, mitleidlose Realität kühl und finster vor Augen hielt: Baladia war tot.

Zwar wöchentlich von einem jungen Diener gesäubert, lag ihr Zimmer doch brach und verlassen, gelegentlich noch von einer Fackel erhellt, doch den zarten Schein einer Kerze längst vergessen. Vor Jahrhunderten verstarb seine Bewohnerin weit entfernt von der Elbenstadt, ohne ihre sorgsam aufbewahrten und gepflegten Pflanzen, Kräuter und Gewürze, ohne jeglichen Halt und Trost durch sanftes Kerzenlicht – und ohne die liebevollen Hände ihrer Eltern.

"Ließen wir unser Kind im Stich, Collaich?"

Aus ihren eigenen Gedanken gerissen, hob die Elbe ihr Gesicht zu Selebist und starrte ihn aus weiten, schmerzerfüllten Augen an. "Wie kannst du so etwas sagen?" hauchte sie.

Wie unter einem schweren Gewicht zog der silberhaarige Heiler seine Schultern nach vorn und senkte den Kopf. "Wir befanden uns nicht in ihrer Nähe, als sie uns brauchte …"

"Nein. Nein", bekräftigte Collaich fester und griff nach der anderen Hand ihres Gatten. Beide legte sie zusammen und hielt sie zwischen ihren eigenen dicht vor ihr Herz, während sie von unten den Blick des Größeren suchte. "So darfst du nicht denken, Liebster. Wir mögen ihr nicht weltlich nahe gewesen sein, doch waren wir Baladia auch niemals geistig fern!"

Flehend sah Selebist ihr in die Augen, als erbete er hoffnungsvoll Erlösung durch seine einzige Stütze.

"Ja, es ist wahr", nickte die Elbe und versuchte ein beruhigendes Lächeln. Es gelang ihr nicht ganz. "Wenn auch nur durch unsere Briefe, so standen wir ihr doch immer zur Seite mit all unserer Liebe und Erfahrung."

Langsam entwich der angehaltene Atem aus Selebists Brust, wodurch sein Kopf sich noch ein wenig weiter nach vorn neigte, bis seine Stirn sanft an der seiner Gemahlin ruhte. Er schloß die Augen und nickte stumm.

"Außerdem …" In ihrem Herzen spürte Collaich, daß ihr Gatte nur ihr zuliebe Einsicht demonstrierte. Sie mußte ihn mit etwas überzeugen, an das er glauben konnte. "Ich bin ganz sicher, daß Baladia uns ebenso in ihrem Herzen bewahrte wie wir sie, als sie von hier fortzog. Was wir ihr schenkten, was wir sie lehrten, all unsere Gefühle und selbst die Wärme und Sicherheit des Bandes, in dem ihr Leben seinen Anfang nahm – all das begleitete sie auf ihrem Weg."

Sie spürte, wie er leicht zusammenzuckte; ob aus Überraschung, Verstehen oder Verleugnen, vermochte sie nicht sicher zu unterscheiden. Ruhig wartete Collaich darauf, daß Selebist die Lider öffnete. Als das Schweigen sich ausdehnte, gab er nach und blickte ihr aus nächster Nähe in die Augen.

Collaich lächelte, diesmal ehrlich, als sie in dem weisen Blick bereits Vertrauen und Erleichterung las. "Deshalb", versicherte sie dennoch erneut: "Nein, Liebster, wir ließen unser Kind nicht im Stich."

"Natürlich sagt mir mein Verstand, daß du recht sprichst", erwiderte Selebist leise. "Doch mein Gefühl beschert mir oft noch Zweifel, wenn sich mir allzu deutlich offenbart, was wir mit unserer Tochter verloren. Dann fürchte ich, unsere Liebe war nicht stark genug."

"Nun, unsere Liebe war immerhin so stark, daß sie uns für die Wahrheit blind werden ließ. Viel zu bequem teilten wir die Welt in 'Gut-' und 'Schlecht-für-Baladia'."

Collaichs mitleidlose Beurteilung ihrer Fehler veranlaßte den Heiler unwillkürlich zu einem leichten Lachen. Ja, es stimmte, sie hatten stets alles begrüßt, was ihrem Kind zugute kam und gefiel, jedoch von Herzen verabscheut, was ihr schadete oder was sie nicht mochte.

"Wir haben sie hoffnungslos verwöhnt, nicht wahr?"

"Allerdings", bestätigte Collaich mit einem Lächeln, welches kurz darauf fiel. "Darin allein besteht unsere Schuld. Die Härte des Lebens hielten wir immer von ihr fern. Sie war darauf schlecht vorbereitet, und sie konnte sich letzten Endes nicht wehren … Komm", sanft zog sie Selebist weiter in das dunkle Zimmer. "Heute ist es an der Zeit, zwischen ihren Worten nach der Wirklichkeit zu suchen, ohne Vorbehalte."

Gemeinsam entzündeten sie alle Kerzen, bis der Raum in goldenem Licht erstrahlte. Für einen Moment hielten sie inne und ließen die vertraute Stimmung auf sich wirken, ihre Gemüter dadurch beruhigen, dann öffnete Collaich mit leichtem Qietschen eine seit Jahrhunderten geschlossene Schranktür und entnahm den Fächern dahinter mehrere Schriftrollen.

Sie trug die Bündel zu dem niedrigen Tisch in der Zimmermitte, setzte sich auf einem der dicken Kissen zurecht und wartete, bis auch ihr Gatte eine bequeme Position gefunden hatte. Anschließend entnahm sie dem ersten Bündel die am frühesten datierte Schriftrolle, breitete den Brief auf der kleinen Holzfläche aus und setzte das Tischchen auf ihre Knie, um das Papier sicherer halten zu können.

Eine Weile starrte sie wortlos auf die Zeilen, welche vor ihren Augen zu verschwimmen drohten. Als Selebist seinen Arm um ihre Schultern legte und Collaich sanft an sich zog, durchdrang sie eine beruhigende Wärme. Aufgehend in der Geborgenheit seiner Umarmung, begann sie leise vorzulesen.

"Liebste Nana, teurer Ada,

obgleich mir das Schreiben nicht liegt wie meinem literarisch so begabten Gemahl, habe ich mir vorgenommen, mich nun so oft wie möglich dieses einzigen Mittels zu bedienen, durch das ich mit Euch in Kontakt bleiben kann.

Noch sind kaum vier Wochen vergangen, seit unsere kleine Gruppe in dieser fruchtbaren Gegend ankam und wohnlich einrichtete. Frei und fröhlich leben wir hier, doch unsere Arbeiten sind auch anstrengend und zeitraubend, so daß wir einander kaum zu Gesicht bekommen. Selbst Ankulan sehe ich nur wenige Minuten am Tag, und so beschleicht mich nach und nach ein Gefühl von Einsamkeit. Nana, Ada, ich vermisse Euch so sehr, daß ich es manchmal kaum aushalte!

Doch in den schwierigsten Stunden ist mir oft, als fühle ich Eure Liebe und höre den Klang Eurer Worte, die mich mit sanftem Tadel ermahnen, meinen Ängsten mit Ausdauer und Gleichmut zu begegnen. Wie Ihr es immer getan habt, sprecht Ihr mir selbst aus dieser Entfernung Mut zu.

Deshalb möchte ich mich nicht länger beklagen, sondern Euch von den erfreulicheren Ereignissen hier in der Fremde berichten …"

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Zu weite Räume, zu niedrige Decken und zu spärliches Licht verliehen den Lagerräumen eine feindliche Atmosphäre, die jedes elbische Gefühl für Ästhetik an den Rand der Verzweiflung trieb. Allerdings waren diese Gewölbe ja nicht zum Anschauen eingerichtet, sondern zu rein praktischen Zwecken; daher brauchten sie in der Tat nicht höher zu sein, als Elben greifen konnten. Dafür hatten die Erbauer sie so weitläufig angelegt, daß man selbst unter den günstigsten Umständen am anderen Ende nur mehr undeutlich die fernen Lichtpunkte der Fackeln erahnte.

Leider befand sich das Depot momentan in den denkbar ungünstigsten Umständen, da die neuen Güter schon nahe dem Eingang als hohe Türme an die Decke drängten und das spärliche Fackellicht von den Wänden fast völlig verschluckten. Zwischen ihnen lagen enge Gassen in tiefer Dunkelheit, obwohl selbst darin noch gelegentlich ein undeutlicher Schemen auf und ab tanzte, wenn eine der Fackeln zu flackern begann.

Erst vor wenig über einer Stunde waren die überladenen Wagen im Palast eingetroffen, und noch immer wurden die letzten von ihrer schweren Fracht befreit. Die Elben des Transporttrupps, so emsig sie sich auch ihrer mühseligen Aufgabe widmeten, hatten ohne Rat und Aufsicht durch den Verwalter anfangs nicht daran gedacht, die gesamte Arbeit durch eine systematische Lagerung zu erleichtern, sondern waren von Vornherein darauf aus gewesen, ihre Wege so kurz wie möglich zu halten. Im Endeffekt lief dieses Vorgehen jedoch lediglich darauf hinaus, daß sie nun, obwohl inzwischen viel erschöpfter als zu Anfang, die schweren Kisten weitere Strecken transportieren mußten, ehe sie sie abladen konnten.

Auf dem Weg zum Depot war Legolas mit seinem Vater zusammengestoßen, der von seinen Informanten erheblich verspätet von der Ankunft des Bergungstrupps in Kenntnis gesetzt worden war. Mißgelaunt beschuldigte der König Legolas, die Diener dahingehend bestochen zu haben, womit er sogar halbwegs richtig lag – allerdings hatte der Prinz es nicht nötig, Leute zu bestechen. Ein simpler Befehl, die Benachrichtigung zu verzögern, hatte genügt, auch wenn er dafür von dem Diener mit einem undeutbaren Blick belegt worden war.

Ihr Eintritt in die Lagerhalle war von einem abrupten Schweigen Thranduils begleitet worden, und seine im schwachen Fackelschein violett schimmernden Augen betrachteten die solide verpackten Güter, als lägen vor ihm die drei Silmaril leibhaftig in all ihrem Glanz. In jenem verräterischen Funkeln all die euphorischen Pläne abzulesen, welche einander in seines Vaters Verstand überstürzten, bereitete Legolas beim Anblick des Durcheinanders, das sich vor ihnen erstreckte, nicht die geringste Mühe: Ganz offensichtlich hatte sich Thranduil sofort ausgerechnet, daß eine mehr oder weniger unbedeutende Mauserei in diesem Chaos niemals entdeckt werden könnte.

Vor einigen Minuten war sein Vater plötzlich verschwunden, und Legolas hielt mit einer argwöhnischen Befürchtung nach dem gierigen Elbenkönig Ausschau, den er bisher vorsorglich dicht an seiner Seite behalten hatte. Die Gefahr, daß hier und da die eine oder andere Kleinigkeit verschwände, stieg von Minute zu Minute. Legolas mußte dem vorbeugen …

Ein verdächtiges, hölzernes Knirschen ließ ihn eilig die Richtung ändern. Beunruhigt zwängte sich Legolas durch die unordentlichen Stapel – nein, eher die chaotischen Haufen – von Kisten, Kästen und Truhen. Bei dem Gedanken, daß sie sie in der nächsten Woche alle noch einmal umräumen mußten, um Platz und wenigstens den Anschein von Ordnung zu schaffen, stöhnte Legolas innerlich auf. Und behielt diese Einsicht klugerweise vorerst für sich. Schon in Celabons Höhle hatte er erkannt, daß es sich um eine außerordentliche Menge von Gütern handelte, doch hier, ausgebreitet im größten Lager der Kellergewölbe des Palastes, mußte er einsehen, daß die pure Masse jegliche Versuche der Organisation vereiteln würde, zumindest für eine ganze Weile.

"Eine beachtliche Unordnung", hörte er Thranduil gerade mit geheuchelter Besorgnis murmeln, Sekunden bevor er ihn entdeckte: Er stand im direkten Lichtkreis einer Fackel nahe dem Eingang, in welchen nun auch Legolas erleichtert und neugierig eintrat, und strich beinahe liebevoll über den Inhalt einer geöffneten Truhe. Unter den Fingern seines Vaters erblickte der Prinz verschiedenfarbige, kostbare Juwelen, die dennoch allesamt mit dem gleichen inneren Feuer erstrahlten, erweckt durch die ehrfürchtig zitternde Fackel. Zwischen ihnen glänzten mehrere Edelmetalle, vorrangig Gold, so glühend wie gerade gegossen.

Legolas' Schultern sackten unmerklich abwärts, während er die Augen verdrehte: Zielsicher hatte sein Vater die Schatztruhe erschnüffelt.

Seufzend gab Legolas zu: "In der Tat, hier ist alles völlig unübersichtlich."

"Zweifelst du an deinen Talenten, mein Sohn?" erkundigte sich der König ein wenig überrascht.

"Wie sind die Inhalte zu prüfen und zu sortieren ohne jegliche Information dahingehend, um welche es sich handeln sollte?" gab der Prinz freimütig zu. Er wartete auf das verräterische Funkeln des Triumphes in den Augen seines Vaters, und als es erschien, verkniff er sich ein Lächeln, hob demonstrativ die Schultern und verkündete im Ton eines resignierten Besiegten: "Unter diesen Umständen scheint es unumgänglich, die weitere Organisation Inuel zu überlassen."

Für den Bruchteil einer Sekunde entgleisten Thranduils Züge, doch er gewann seine Haltung schnell zurück. "Deinem jungen Freund?" fragte er mit vorsichtiger Zurückhaltung. "Warum gerade ihm?"

"Der Grund ist natürlich, daß Inuel den Inhalt des gesamten Depots kennt." Legolas gelang es, diese erfundene Behauptung wie ein allgemein bekanntes Naturgesetz auszusprechen, und er freute sich heimlich über seinen Erfolg. Die umstehenden Elben schauten ihn verdutzt an, ließen ihre Blicke über das Chaos wandern und sie dann respektvoll zum Prinzen zurückkehren, als hätte er gerade gestanden, er selbst hätte den vollständigen Überblick.

Allein Thranduil hatte Naturgesetze niemals auf ein bloßes Wort hin akzeptiert. "Woher stammt dieses Wissen", fragte er mißtrauisch, "da er doch ebenfalls im Düsterwald lebt?"

Legolas bedachte seinen Vater mit dem Ausdruck eines weisen Lehrmeisters, dessen unwissender Schüler es gewagt hatte, eine unumstößliche Tatsache anzuzweifeln. "Er verbrachte acht Tage in jenem Depot", setzte er dem König geduldig auseinander. "Bereits am zweiten gelang ihm das Auffinden verschiedener nützlicher Utensilien für unser Lager, wobei er schon zu dem Zeitpunkt die Hälfte der Güter durchstöbert hatte. Ganz bestimmt durchforschte er später auch die übrigen Behältnisse."

"Aber die Kisten und Truhen waren – sind – noch versiegelt", wandte ein anderer Elb zweifelnd ein, offenbar ermutigt durch die Skepsis seines Königs.

"Das muß nichts bedeuten; sicherlich versiegelte Inuel sie vor unserer Abreise wieder. Oder würdet Ihr, müßtet Ihr ein reiches Lager auf unbestimmte Zeit verlassen, etwa die Gegenstände allzu leicht zugänglich zurücklassen?"

"Aber davon sähe man doch Spuren", widersprach eine neue Stimme.

Mehr Elben hatten sich zu ihnen gesellt, und viele von ihnen nickten. Einer der Älteren ergriff mutig das Wort, um zu bekräftigen: "Sie wurden nicht geöffnet, Hoheit."

"Genau", erklang ein vielstimmiges Murmeln, durchsetzt von: "Keine."

Überrascht hob der Prinz eine Augenbraue. "Keine, sagt ihr? Unmöglich, ich selbst besorgte gelegentlich Materialien aus den geöffneten Truhen. Versagen eure Augen?"

Einige der Versammelten schmunzelten, doch den Jüngeren mangelte es an Erfahrung, den gutmütigen Spott aus der ernsten, strengen Stimme des Prinzen herauszuhören. Sie fühlten sich beleidigt und begingen den Fehler, es sich anmerken zu lassen.

Legolas verabschiedete sein leises Amüsement und streifte sich einen Mantel kühler Autorität über, was ihn ohne eine einzige Muskelbewegung mehrere Zentimeter größer erscheinen ließ. Die Veränderung entging keinem, und da die meisten der Elben nicht ausmachen konnten, wie sie Vonstatten gegangen war, überfiel sie ein deutliches Unbehagen.

"Ich sehe, ihr beharrt auf eurem Standpunkt", stellte der Prinz in überlegenem Tonfall fest, indem er erneut die Rolle eines Lehrmeisters übernahm. "Einverstanden, ich gehe darauf ein: Begebt euch also auf die Suche nach einer beliebigen Kiste, die ihr mit Sicherheit als fest verriegelt anerkennt, und führt mich hin. Ich werde dann euren Irrtum beweisen."

Niemand rührte sich.

"Warum zögert ihr?" fragte Legolas eisig.

Im Hintergrund räusperte sich jemand und behauptete verlegen: "Wir glauben Euch auch so, Hoheit."

Das Lächeln des Prinzen vermittelte kein Fünkchen Wärme. "Für dich mögen diese Worte als wahr gelten, Filigod, doch sprich nicht für deine Kameraden, ohne in ihren Gesichtern zu lesen. Denn darin steht ihr Zweifel an meinem Wort, ebenso wie ihre Feigheit, sich eines Besseren belehren zu lassen."

"Wenn es dir recht ist, Sohn", schnitt Thranduil geschickt das aufkommende Gemurmel ab, "werde ich eine Kiste für dich auswählen."

Legolas bedachte seinem Vater mit einem warnenden Blick, schluckte aber seine Erwiderung.

Zwinkernd setzte der König hinzu: "Auch ich zweifle, doch lasse ich mich gern belehren – und ich habe keinen Grund, dich zu fürchten, solltest du dazu nicht imstande sein."

Irgendwo fand der Prinz ein ermutigendes Lächeln, während er sich gelassen gegen die Schatztruhe lehnte. "Meinetwegen, Vater. Dann sorge bitte für eine eindrucksvolle Demonstration."

"Oh, keine Sorge", lachte Thranduil im Gehen, "ich werde dir eine würdige Aufgabe bieten!"

Nacheinander folgten ihm die Elben, selbst jene, welche angeblich auf das Wort des Prinzen vertrauten. Seufzend versuchte Legolas, seine verkrampften Muskeln zu entspannen.

Hoffentlich setze ich nicht zu Unrecht auf Inuels Neugier … dachte er bei sich. Wenn sie sagen, 'keine' Kiste wurde geöffnet, kann es ihnen nur entgangen sein. Ich weiß definitiv, daß er wenigstens einige offen hatte. Vielleicht nicht gerade alle Ein beunruhigender Gedanke präsentierte sich: Wenn sie mich nun gerade zu so einer führen? Oder ist Inuel neugierig genug, wirklich alles zu durchstöbern? – Und andererseits, ist er wirklich gut genug, die Kisten zu öffnen und wieder zu versiegeln, ohne Spuren zu hinterlassen?

Angestrengt versuchte Legolas, sich vorzustellen, was sein junger Freund während jener Tage getrieben hatte, die er ganz allein (Oder konnte man Celabons Geist als Gesellschaft betrachten?) verbrachte, verjagt von seinem grundlos verstimmten Begleiter. Mit einem bitteren Gefühl stellte der Elb fest, daß er es nicht vermochte.

Wie schlecht ich ihn kenne, sah er schlagartig ein. Wird dies die Gelegenheit sein, bei der sich mein Vertrauen zu ihm als ungerechtfertigt erweist? Aber wer war er eigentlich, von Vertrauen zu reden? Immerhin habe ich ihn niemals danach gefragt, womit er sich die Zeit vertrieben hat. Habe ich überhaupt ein Recht, mich enttäuscht zu fühlen, falls meine unbegründete Annahme nicht zutrifft?

"Nein", wisperte der Prinz, wie um sicher zu stellen, daß er diese Erkenntnis auch begriff und behielt. Besonders, da seine Annahme nicht aus einer Überlegung bezüglich Inuels Charakter entstand, sondern aus einer unbedachten Notlüge, die durch einen Zeitaufschub seine Situation erleichtern sollte – und plötzlich alles komplizierte.

Wieso eigentlich?

Ach so. Weil man sie ihm nicht geglaubt hatte …

Wieso eigentlich?

"Ah, Hoheit?"

Durch die schüchterne Anrede aus seinen Gedanken gerissen, richtete der Prinz sich erwartungsvoll auf und folgte Filigod, dessen beunruhigtes Stirnrunzeln nicht unbedingt ermutigend wirkte. Nur kurze Zeit später fand es ein Spiegelbild auf Legolas' Gesicht.

Der ältere Elb hatte ihn durch die Gänge in den mittleren Teil der Lagerhalle geführt, wo unter normalen Umständen weder das Licht der einen noch der anderen Seite genügend Helligkeit spendete, um Details zu erkennen. Dennoch wurde der Prinz nahezu geblendet, sobald er um die letzte ecke bog: Thranduil ließ in gerade jenem Augenblick grelle Magnesiumfackeln entzünden, um auch nicht die winzigste Kleinigkeit zu übersehen. Und offensichtlich wiegte er sich in der absoluten Gewißheit, daß an dem ausgewählten Objekt nicht die Spur einer Manipulation zu entdecken sei.

Innerlich seufzend trat der herausgeforderte Prinz näher.

Vor ihm stand eine jener größeren Kisten, beinahe von den Ausmaßen eines Bettes und hoch bis zur Hüfte, welche gut einen der Transportwagen für sich allein hätte belegen können und mindestens sechs Elben zur Verladung erforderte. So einsam an die Wand gedrückt, erweckte die unschuldige Holzkiste einen trotzigen, mitleiderregenden Eindruck, als sei sie es leid, ständig von irgendwem von einem Ort zum anderen befördert zu werden, unwillig, sich auch nur einen einzigen weiteren Millimeter zu bewegen.

Warum bloß empfand Legolas auf einmal eine Art Verbundenheit zu dem leblosen Objekt?

"Laut dem Transporttrupp", teilte Thranduil seinem Sohn siegessicher mit, "befand sich diese Kiste weit im rückwärtigen Teil des Lagers, an einer fast unzugänglichen Stelle und unter mehreren anderen, ebenfalls gewichtigen Truhen verborgen. Daher bin ich zuversichtlich, daß dein junger Freund sich keinesfalls damit herumplagte; überdies entdeckte ich kein Zeichen der Öffnung."

Mit väterlicher Herablassung reichte er Legolas die gleißende Fackel. "Aber urteile selbst, Junge."

Plötzlich fühlte sich der Prinz in seine Schulzeit zurückversetzt, wurde erneut von einem Lehrer mit einem unlösbaren Problem konfrontiert und stand nun vor der heiklen Aufgabe, sich aus der Affäre zu ziehen, ohne etwas von seinem Ansehen einzubüßen. Unwillkürlich dankte er im stillen seinem Vater für dessen allererste Lektion: Was immer es sei, und wenn es dich noch so sehr aus der Bahn wirft, laß dir um der Valar Willen bloß nichts anmerken!

Es war eine Lektion, die er schnell gelernt und stets beherrscht hatte. Legolas lächelte.

Als er die Kiste eingehender studierte, begann er sogar langsam zu grinsen, da er in ihr eben jene zu erkennen glaubte, welche verschiedene Nahkampfwaffen enthielt und der er damals eigenhändig ein Langschwert entnommen hatte. Es gab keine Scharniere an ihr, sondern der Deckel wurde von vier eisernen, leicht angerosteten Winkeln auf dem Kasten gehalten, deren vertikale Schenkel in die mehrere Finger breite Holzwand eingelassen waren. Zwei kleine Löcher nahe am oberen Kistenrand verrieten den Schließmechanismus, durch den die Schenkel voneinander zu trennen waren, so daß man den schweren Deckel abheben konnte.

Um die Kiste ohne die passenden Schlüssel zu öffnen, mußte man mit Hilfe eines schmalen Stemmeisens zwischen Kastenrand und Deckel dringen und die Winkel gewaltsam aufsprengen.

Wie Inuel in der Höhle an ein Stemmeisen gelangt war, blieb Legolas zwar verborgen, doch da die Kiste offen gewesen war, mußte der Junge wohl ein glückliches Händchen gehabt haben. Vor dem rechten Winkelschloß ging der Prinz in die Hocke und untersuchte das Holz. Bald darauf mußte er feststellen, daß es bis auf einige wenige Kratzer an der Ecke der Breitseite in der Tat völlig unversehrt schien, und jene Kratzer fühlten sich unter seinem tastenden Zeigefinger derart flach an, daß man sie unmöglich als Spuren gewaltsamer Öffnung bezeichnen durfte.

Verwirrt rief Legolas Filigod an seine Seite. "Sieh dir diese Kiste an", bat er ihn, als der Ältere herantrat, "und sage mir, ob viele ihrer Art gebracht wurden."

"Nein, Hoheit", antwortete der Lagerverwalter sofort. "Von diesen Ungetümen gab es nur drei, Eru sei Dank."

Nickend wies der Prinz Filigod an, ihn zu den übrigen beiden zu geleiten.

Thranduil, der seinen Sieg bereits sicher glaubte, las auf den Zügen seines Sohnes ehrliche Verwunderung und geriet plötzlich in Zweifel, ob Legolas nicht womöglich die Wahrheit gesagt hatte. Besorgt folgte er ihm, und die übrigen Elben trotteten neugierig murmelnd hinterher.

Erst als sich der Prinz von der Unversehrtheit der dritten Kiste überzeugt hatte und perplex innehielt, wagte sein Vater zu fragen: "Nun, willst du uns dein Ergebnis nicht mitteilen?"

"Ich gebe zu, auch ich entdecke keinerlei Spuren", nickte Legolas stirnrunzelnd, mit den Gedanken anscheinend leicht abwesend. Erneut wandte er sich an Filigod: "Du bist ganz sicher, drei, nicht mehr?"

"Ganz sicher, Hoheit."

"Warum interessierst du dich so für die Zahl dieser Kisten, Junge?"

Legolas erhob sich aus der Hocke und lehnte sich mit der Hüfte gegen den Kastenrand. "Weil keines dieser drei 'Ungetüme' Rückschlüsse auf kürzliche Öffnung zuläßt. Und dennoch sah ich wenigstens eine von ihnen nicht nur mit eigenen Augen offen, ich wählte sogar mit ein neues Schwert aus den darin enthaltenen Waffen."

Nach dieser Aussage entstand unruhiges Geflüster, das mit einem Schlag abbrach, als die Implikation der Behauptung bewußt wurde. "So ist es", nickte Legolas zustimmend. "Unsere Unfähigkeit, Spuren zu erkennen, verweist lediglich auf eine besonders umsichte Vorgehensweise Inuels oder auf eine Methode, an die wir momentan nicht denken. Er allein vermag das zu klären, und ich … aber … was …?"

Verdutzt blickte der Prinz plötzlich seinen linken Arm hinab zu den langen Fingern, welche er sachte über den oberen Rand der Breitseite führte. Unter ihnen spürte er schwache Unebenheiten, und als er sich stärker darauf konzentrierte, erinnerte er sich an ähnliche Kratzer an der ersten Kiste – und dort an derselben Stelle.

"Merkwürdig", murmelte er.

Noch einmal kniete er sich hin und hielt die Fackel dicht vor die Kante.

"Was erregt deine Aufmerksamkeit, Legolas?" Neugierig beugte sich Thranduil über seine Schulter. "An dieser Stelle ist nichts Auffälliges zu sehen."

"Nicht zu sehen, nein, jedoch zu fühlen." Vorsichtig strich der Prinz über die Stelle. "Ja, genau hier. Versuch es selbst, Vater."

Mit spöttischem Ausdruck kam der König der Aufforderung nach. "Schön, du hast ein paar Kratzer entdeckt – oder fabriziert, und?"

Legolas bedachte ihn mit einem vernichtenden Funkeln, ehe er sich wieder der Kiste zuwandte. Einer Eingebung folgend, hielt er die Fackel statt direkt davor nun in einem scharfen Winkel, so daß sie schon beinahe wieder Schatten auf die Breitseite warf. Jetzt wurden feinste Schattenlinien erkennbar, deren Muster eigenartig unzufällig wirkte, jedoch nicht recht zu definieren war.

"Ich spürte etwas Ähnliches bereits an der ersten Kiste", erklärte Legolas verwundert. Dann erhob er sich und trat an die nächstbeste Truhe, wo er an der gleichen Stelle ebenfalls Markierungen – denn als solche betrachtete er die Kratzer inzwischen – fand, jedoch in einem anderen Muster. Bei weiterer Untersuchung stellte er fest, daß tatsächlich jedes einzelne Objekt aus Celabons Höhle ähnliche, doch einzigartige Zeichen aufwies.

"Dieses Rätsel kann nur Inuel lösen."

"Wie das?" wollte Thranduil wissen.

"Die Logik legt die Vermutung nahe, daß er sie anbrachte. Er wird wissen, was es bedeutet; vielleicht handelt es sich um eine Art Inhaltscode."

"Du behauptest noch immer, er habe all diese Kisten durchstöbert?"

Der Prinz nickte nachdrücklich. "Ich bin mir überdies sicherer als je zuvor. Gleich morgen werde ich ihn herbringen. Mit seiner Hilfe sollten wir innerhalb weniger Tage Ordnung in dieses Durcheinander bringen …"

Niedergeschlagen betrachtete Thranduil seinen Sohn. Nicht nur, daß er selbst das Duell trotz mangelnder Beweise verloren hatte; Legolas schien außerdem bereits völlig vergessen zu haben, daß sein Vater Einwände erhob! Es kam ihm schlichtweg demütigend vor, wie grob sein Sohn ihn überging und schon die Aktionen der nächsten Tage plante, doch er mußte ebenfalls zugeben, daß er als Verlierer nichts anderes erwarten durfte.

"Vater."

"Hm?"

Als Thranduil gequält aufblickte, sah er ein Lächeln auf den Zügen seines Sohnes. Keine Überheblichkeit, nicht einmal Triumph lag darin, sondern anteilnehmende Ermutigung.

"Vater, es gibt keinen Grund für solche Bedrückung. Noch ist nichts verloren."

Überrascht blinzelte der König, als sei er sich seiner Wahrnehmung nicht sicher. "Wie meinst du das, Junge?"

"Nun, mich bewegt die Ahnung", meinte sein Sohn augenzwinkernd, "daß der morgige Tag für uns alle noch die eine oder andere Überraschung bereithält. Verzweifle nicht, bevor er endet."

Von den allmählich sich entfernenden Elben vernahm Legolas undeutlich gemurmelte Worte: "'Überraschung' nennt er das … na wenn … dabei bleibt … Katastrophe … eher …"

Schneidend antwortete Legolas gerade laut genug, um noch von allen deutlich gehört zu werden: "Der Zustand dieses Lagers bringt mich auf den Gedanken, Inuel verfüge über einen ausgeprägteren Ordnungssinn als alle hier Versammelten gemeinsam. Unterschätzt ihn nicht einzig aufgrund seiner leicht abweichenden Haartracht!"

Ein verärgerter Ton hatte sich in die Stimme des Prinzen geschlichen, und seine Untergebenen spürten, daß weitere Diskussionen sinnlos wären. Beflissen zogen sie sich zurück und beschlossen, erst einmal abzuwarten, ob der seltsame Neuling tatsächlich so viel wußte, wie Seine Hoheit angedeutet hatte.

Legolas indes mißfiel sein Ausbruch. Oder, genauer gesagt, dessen Notwendigkeit. Allein seinem Vater schuldete er Rechenschaft; was bildeten sich diese Leute ein, ihm Unglauben entgegen zu bringen?! Das war früher nie geschehen – immer wurden seine Anweisungen ohne Widerspruch ausgeführt. Etwas hatte sich verändert, und es verhieß nichts Gutes. Befehle diskutieren, Begründungen anzweifeln, Erklärungen ablehnen … Seine Autorität wurde untergraben! Aber von welcher Seite?

Inuel?

Sicher nicht bewußt, aber seine bloße Anwesenheit hatte offensichtlich eine Veränderung bewirkt, die den Elben nicht entgangen war. Eine Veränderung ihren Prinzen betreffend, auf den sie bisher ohne Zögern vertraut hatten. Sie wußten nicht, was die Situation bedeutete und wie sie darauf reagieren sollten, aber Legolas verhielt sich befremdlich und vernachlässigte allem Anschein nach seine Pflichten. War es nicht genau das, was Ivanneth ihm erst am Morgen an den Kopf geworfen hatte? Wenn der Prinz unzuverlässig wurde, wie sollte man dann seinem Urteil vertrauen?

Zum ersten Mal in seinem Leben sah Legolas sein Reich, sein Volk bedroht. Und das Schlimmste daran: Er selbst schien der Verursacher dieser Bedrohung zu sein. Seufzend ließ er sich auf den Rand der nächsten Truhe nieder. Die Elben hatten Recht, er veränderte sich langsam. Bisher war er stets geradlinig seinem Weg gefolgt, ohne sich umzuschauen, ohne auch nur nach einem Ziel zu suchen, die Augen unablässig auf seine Füße gerichtet, auf daß er nicht versehentlich stolpere.

Und weit hinter ihm trabte sein Volk in blindem Vertrauen.

Doch plötzlich war ein Fremder vom Himmel gefallen und hatte Legolas geradewegs den Abhang hinab gestürzt, ein anhänglicher Fremder, den der Prinz, widerwillig zu Beginn, dann mit wachsender Neugier mit hinauf auf seine Straße gezogen hatte. Doch dieser Fremde an seiner Seite erwies sich als permanente Ablenkung, denn pausenlos zeigte er hierhin und dorthin auf Dinge, denen Legolas nie zuvor sein Augenmerk gewidmet hatte.

Und der Elbenprinz geriet ins Stolpern.

War es da nicht gar verständlich, daß die Elben zögerten, ihm weiter zu folgen? Würden nicht auch sie straucheln und einen nach dem anderen umwerfen, bis das gesamte Volk am Boden lag?

Obwohl die Elben nicht als ein einziger Haufen hinter ihm gingen, war ihm doch keiner, nicht einmal sein Vater, nahe genug, einen schweren Sturz zu verhindern. Einzig Inuel ging neben ihm. Doch wie stand es um die Kraft seines Freundes, wie um seine Schnelligkeit? Vor allem – wie um seine Aufmerksamkeit? Würde er den Fall überhaupt bemerken, so wie er ständig in die Gegend schaute?

Nein, wohl kaum.

Als sicherer Pfad bot sich lediglich Abstand von den Ablenkungen. Nein, er würde Inuel nicht von der Straße schubsen, aber vielleicht konnte er ihn ja ein Stück hinter sich zurücklassen, nur so weit, daß er seine Stimme nicht mehr hören konnte, ohne ihn aus der Sicht zu verlieren …

So wie den Rest seines Volkes.

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In einem mißmutigen Stöhnen unterdrückte Ala all jene Vorwürfe und Beleidigungen, welche sie ihrem Begleiter jetzt gern an den Kopf geworfen hätte. Der Kerl war wirklich zu nichts zu gebrauchen, so daß das Mädchen inzwischen zu dem Schluß gelangt war, er sei entweder von Natur aus blöd oder ärgere sie mit gemeiner Absicht.

Sie tendierte zu letzterer Ansicht.

Wieso wollte Inuel auch ausgerechnet diesen Ort zuerst sehen, kaum daß er sich wieder zu bewegen wagte, ohne einen erneuten Riß der dünnen Narben zu befürchten? Dabei hatte es sich Ala doch so amüsant ausgemalt, mit dem Neuling zusammen die Stadt unsicher zu machen! – Eine willkommene Gelegenheit, jede Menge Spaß zu haben, ohne selbst den Anpfiff auf sich nehmen zu müssen.

Aber nein, statt dessen hockte sie nun hier an dem einen Ort rum, den sie täglich durch neue Ausreden zu meiden suchte …

"Das ist eure Schule?" Das unterdrückte Kichern neben ihm veranlaßte Inuel, sich verwundert umzudrehen. "Warum lachst du?"

Ala winkte ab, vermochte jedoch durch die Bewegung ihr Grinsen nicht länger zu verbergen. Da der Junge die Brauen zusammenzog, erklärte sie leichthin: "Ach, es ist nur … Weißt du, so wie du das Wort betonst, klingt es fast noch verächtlicher als bei mir."

"Oh."

"Dabei dachte ich, du magst Unterricht."

"Hm."

Inuel wandte sich von ihr ab und ließ seinen Blick zum ungezählten Male durch den Raum gleiten. An der entfernten Wand befand sich die massive Eingangstür aus dunkler Eiche, daneben zwei große, in den Fels eingesetzte Fensterscheiben, durch welche rötlich-düsteres Fackellicht hereindrang, obgleich die einsame Lichtquelle weit den Gang hinab an der Wand hing. Im Dämmerlicht waren kaum die schweren Tische von den Sitzbänken zu unterscheiden, welche sich in einem offenen Viereck dicht an die Wände drängten und gerade genug Platz zum Durchgehen gewährten. Von ihnen eingerahmt warteten kleinere Tische und Stühle auf ihre offenbar jüngeren Benutzer, und eine Seite des Vierecks fehlte dort, wo die beiden Kanten an die Stufen zu einem halbhohen Podest stießen. Um in die Mitte zu gelangen, führte an der niedrigen Bühne also kein Weg vorbei.

Auf der obersten Stufe dieses Podestes saßen Inuel und Alagwelyth.

"Es ist nur … so klein", stellte der Junge fest. "Das soll die Schule der Elben sein? Gibt es hier nur so wenig Schüler?"

"Ah … nein." Aus unerfindlichen Gründen errötete das Mädchen leicht. "Es gibt natürlich noch viel mehr Schulen; das hier ist nur die, die ich besuche."

"Sind alle so wie hier?"

"Nein", antwortete Ala fast sehnsüchtig, "jede ist einzigartig." Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: "Naja, bis auf die allgemeinen für die ganz Kleinen, aber das sind höchstens zehn in der ganzen Stadt."

"Allgemeine?"

Ala legte ihre Hände um die angezogenen Knie und lehnte sich zurück, so weit ihre Armlänge es gestattete. Nachdenklich erklärte sie ihrem neuen Freund: "Nun, das ist so … Wenn wir noch ganz jung sind, gibt es eigentlich keinen Unterricht, nur Aufsicht. Im Prinzip können alle Kinder machen, was sie mögen, während die Erwachsenen sie genau beobachten. Sobald ein besonderes Talent oder eine Vorliebe entdeckt wird, beginnen die Lehrer, die Schüler darin zu unterstützen und zu fördern. Später geht man dann in eine Schule, wo dieses spezielle Gebiet verstärkt unterrichtet wird."

"Und wenn man sein Talent nicht mag?"

"Zwickmühle", lachte Ala herzlich. "Sofern es nicht etwas gibt, was du magst, mußt du eben das lernen, was du kannst."

"Und darf ich lernen, was ich mag, auch wenn ich nicht gut darin bin?"

"Das weiß ich nicht", seufzte Ala. "Manche vielleicht … aber meistens eher nicht. Ich durfte es nicht …"

Überrascht schaute Inuel sie an. In ihren Augen sah er deutlich eine unbestimmte Traurigkeit, so daß er unwillkürlich fragte: "Was wolltest du denn lernen?"

Ein leichtes Lächeln schimmerte in Alas Augen, erreichte jedoch nicht ihre Lippen. "Ich wollte so gern Köchin werden", erzählte sie. "Nanas Essen hat mir so gut geschmeckt, daß ich es für Zauberei hielt, und ich dachte mir, jeder Elb hätte ein Recht auf diesen Genuß. Also nahm ich mir ganz fest vor, die allerbeste Köchin der Welt zu werden. Sie haben wirklich viel Geduld mit mir gehabt, glaube ich …"

"Wie meinst du das?"

Ala beugte sich vor und vergrub ihren Kopf zwischen den Armen, so daß Inuel ihr Murmeln nur schwer verstand: "Ist mir immer angebrannt, übergekocht; ich hab die falschen Zutaten erwischt oder einfach zu viel und zu wenig genommen … Es schmeckte gräßlich, selbst für mich. Nach hundert Jahren oder so gaben sie mich auf, nachdem ich versehentlich die Küche in Brand steckte und Talgpulver mit Mehl verwechselte. Sie entschieden, ich könne hier weniger Schaden anrichten und hätte ohnehin mehr Talent dafür."

"So?" Verstohlen versuchte der Junge, die Art der Schule zu bestimmen, wagte aber nicht, Ala danach zu fragen. Offensichtlich mochte sie den Ort nicht sonderlich. Doch das Mädchen antwortete ihm von selbst.

"Sie haben mich beim Kochen singen hören. Klar, nicht wahr? Auch wenn es immer schief ging, war es doch meine Lieblingsbeschäftigung, und ich hab mir vor Freude fast das Herz aus dem Leib gesungen. Anscheinend kam das besser an als meine Kochversuche … Sie steckten mich in die Musikschule. Die Musikschule!"

Mit einem leicht hysterischen Lachen quittierte Ala diese Entscheidung der Erwachsenen, doch nach und nach ging es in sanfte Schluchzer über und verebbte schließlich vollständig. Schließlich verharrten die Jugendlichen in der Stille des verlassenen, allzu spärlich erhellten Klassenzimmers, jeder in seine eigenen Gedanken vertieft.

Traurig betrachtete Inuel das zusammengekauerte Mädchen neben ihm, dem das Schicksal zwar das gleiche Vergnügen, nicht aber dasselbe Talent zu kochen zugesprochen hatte wie ihm selbst. Oft hatte er sich gefragt, was er wohl täte ohne diese Gabe. Jedoch war ihm niemals in den Sinn gekommen, wie es wäre, würde er das Kochen verabscheuen. Wahrscheinlich täte er es dennoch; schließlich mußte man ja essen. Aber …

"Wozu sind Lieder schon gut?"

Unbeabsichtigt nahm Alagwelyth Inuels Gedanken vorweg, so daß er einen kleinen mentalen Sprung vollziehen mußte, um aufzuholen. Doch er konnte ihre Frage nicht beantworten. Inuel wußte nicht, wozu Lieder gut waren, denn er kannte nur wenige, und die …

"Sing mir ein Lied", forderte er Alagwelyth unvermittelt auf.

Verwirrt sah sie auf. "Wozu?"

"Ich möchte einmal ein richtiges Lied hören!"

"Wie?" Erstaunt setzte sich Ala gerade hin und wandte Inuel ihre ganze Aufmerksamkeit zu. "Willst du damit sagen, du hast noch nie ein Lied gehört?"

"Ich habe …" Der Junge unterbrach sich unter dem prüfenden Blick und wandte sich verlegen ab. "Doch, schon … aber … Nein, nicht wirklich. Glaube ich."

Ala legte verständnislos ihre Stirn in Falten. "Was hast du gehört, von dem du nicht weißt, ob es ein Lied war?"

Drucksend bekannte Inuel nach einer Weile: "Ein paar Jungen haben es gesungen … im Wald … geschrien vielleicht eher. Es ging … 'Blutrote Amsel, grasgrünes Reh, Fisch in der Wüste, Spinne im Schnee – schnappt ojchhng…' Hng?"

"Hör auf, Inuel", flüsterte Ala mit undefinierbarem Blick. Zögernd löste sie ihre Hand vom Mund des Jungen, unsicher, ob sie ihn wirklich zum Schweigen gebracht hatte. Er starrte sie verwundert an, wortlos. "Nein, das ist tatsächlich kein Lied." Und als er die Schultern fallen ließ: "Kennst du keine anderen?"

Inuel sog heftig die Luft ein und öffnete den Mund wie zum Antworten, brachte jedoch keinen Ton heraus. Bedrückt wandte er sich ab und forschte an den dunklen Wänden nach einer Antwort. Es dauerte nicht lange, bis er sie fand: "Sie sind alle so."

Wieder senkte sich Schweigen über die beiden, bis Ala in die Stille wisperte: "Einverstanden, ich singe dir ein Lied. Aber dann darfst du auch kein trauriges Gesicht mehr machen, ja?"

"Nur", antworte Inuel mit dem flüchtigsten aller Lächeln, "wenn du dann auch fröhlicher bist."

"Abgemacht."

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"Jeder ihrer Briefe klingt düsterer", murmelte Collaich leicht verstört, während sie die Schriftrolle, die sie gerade zu Ende gelesen hatte, mit dem dazugehörenden Bändchen verschloß. Ihre Stimme klang heiser, nicht nur vom vielen Vorlesen, sondern auch durch die immer häufiger aufkeimenden Tränen, die ihr manchmal gar die Stimme ganz versagten.

Anstatt nach dem nächsten Brief zu greifen, lehnte sie sich schutzsuchend an Selebist. Ihr Gemahl zog sie fest an sich und spähte widerwillig nach dem inzwischen nur noch halbhohen Stapel. Seine Miene verriet Collaich, daß auch er die besondere Markierung der folgenden Schriftrolle bereits erkannt hatte. Doch im Moment fand keiner von ihnen den Mut, sie zu öffnen.

"Wie kommt es, daß wir diese Entwicklung damals nicht wahrnahmen?"

Zur Antwort zuckte die Elbe leicht mit den Schultern. "Vielleicht, weil ihre Briefe uns immer seltener erreichten …"

Selebist wandte seinen Blick von dem Stapel ab und Collaich zu. "Du glaubst, wir hätten uns jedesmal so darüber gefreut, daß wir an dem Inhalt nichts Merkwürdiges feststellten?"

Seine Frage bedurfte keiner Antwort; der Tonfall des Älteren verriet deutlich, für wie wahrscheinlich er ein 'ja' hielt. Ebenso klar wie sie selbst erinnerte sich Selebist ihrer entzückten Freude, wann immer Nachricht von der Kolonie eintraf, ihrer fast kindlichen Begeisterung, wenn ein Brief ihrer Tochter endlich in ihren Händen lag. Jedesmal hatten sich beide sofort zum Lesen zurückgezogen und den Text wieder und wieder verschlungen.

Natürlich waren ihnen der eine oder andere negative Aspekt aufgefallen, doch es gab immer auch gute Berichte, und als Eltern eines von Natur aus so lebensfrohen Geschöpfes waren es verständlicherweise jene Details, auf welche sie ihr Hauptaugenmerk richteten. Denn schließlich – wie konnte ihre allseits geliebte Baladia nicht letztendlich über alles Schlechte triumphieren?

Nun aber, mit dem Wissen des Nachhineins, daß 'alles Schlechte' letztlich doch gesiegt hatte, gewannen erwähnte Streits, empfundene Einsamkeit, angedeutete Blicke und der zunehmend traurigere Unterton ihrer Worte stärkeres Gewicht. Selbst ihre Schrift hatte sich leicht verändert, erschien kratziger und ruckhafter, als fiele es der jungen Frau schwer, die Feder in leichtem Fluß zu ziehen. Welche Sorgen mochten ihre Hand derart bedrückt haben?

Eine Antwort fand sich in der nächsten Schriftrolle. Der einzigen mit besonderer Markierung, einem kleinen roten Punkt, den Collaich auf den Außenrand gemalt hatte. Denn dieser einzige Brief hatte das Ehepaar aus der Bahn geworfen, hatte sie erstmals am Glück ihrer Tochter zweifeln lassen, ohne daß sie den Inhalt wirklich verstanden.

Der Bericht einer Nacht, die für Baladia alles geändert hatte.

Zögernd zog Selebist die Rolle heran. Sie war etwas dicker als die übrigen, Zeugin des inneren Aufruhrs ihrer Tochter, denn Baladia schrieb nicht sehr gern und hielt ihre Berichte normalerweise möglichst kurz. Die Ausführlichkeit, mit der sie jenes eine Erlebnis schilderte, bewies deutlich ihre Aufregung. Ein Hilferuf.

"Wir müssen es lesen", flüsterte der silberhaarige Elb. "Hier beginnt es."

Vorsichtig entrollte er das lange Papier zur Hälfte und legte den Brief auf die kleine Tischfläche. Doch Collaich schwieg, und selbst er wagte nicht, die finsteren Worte laut auszusprechen, als befürchte er, dadurch ein weiteres Unheil heraufzubeschwören. Statt dessen drängte er sich dichter an seine Gattin, so daß beide, jeder im Schutz des anderen, die Worte zu entziffern vermochten.

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Liebste Nana, liebster Ada,

wie oft habt Ihr mir doch erzählt von jener wundersamen Nacht, welche das Schicksal zu Ursache und Zeugin meiner Empfängnis bestimmt hatte. Von dem seltenen Gefühl völliger Einheit, Körper und Seele, das Lebewesen ohne die Gnade eines Bandes wie des Euren niemals werden ganz verstehen können. Und von Eurem sicheren Bewußtsein, daß durch diese Verbindung inmitten Eurer vereinten Wärme gerade ein neues Leben entstand – ich.

So gern habe ich Euren Geschichten gelauscht, wenn Ihr erzähltet, daß Ihr mich damals schon fühltet, kanntet und liebtet, denn in meinem Herzen lebte stets die Gewißheit, daß Eure Worte wahr seien, direkt neben der Hoffnung, in meiner Zukunft ein ähnliches Glück erfahren zu dürfen.

Heute weiß ich, meine Hoffnung, mein größter Wunsch hat sich nicht erfüllt.

Jedenfalls nicht in gleicher Weise wie bei Euch. Auch ich fühle und kenne mein Kind bereits, doch es zu lieben bleibt mir versagt. Denn die Gabe der Voraussicht, die das Leben mir mitgegeben, erweist sich nun als ein häßlicher Fluch, da ich ahne, daß keine Macht der Welt die Pläne des Schicksal abzuwenden vermag.

Gestern Nacht spürte ich in den Umarmungen meines Gatten ein Leben entstehen, und folgender Traum prophezeite dessen Bestimmung.

Ich wurde meiner selbst bewußt als Teil eines weiten Raumes, unermeßlich in seiner Ausdehnung, oder wenigstens für meine Augen grenzenlos nach allen Richtungen. Unter mir erblickte ich ein endloses Band, unfaßbar schmal im Vergleich zur Unendlichkeit, doch wie eine Mauer so hoch und weit, als teile es das Universum selbst – und doch vermochte ich, beide Seiten zu betrachten. Und ich sah, daß auf der einen Seite ein helles Licht herrschte, während die andere in schwärzester Finsternis lag.

Während ich schaute, sammelte sich das Licht um einen Punkt und nahm Gestalt an, bis ich in ihr einen Elben zu erkennen glaubte, und als ich geblendet und demütig den Blick abwandte, gewahrte ich eine zweite elbenähnliche Silhouette in der Dunkelheit. Da glaubte ich mich erblindet, denn sie erschien mir nicht deutlicher als ein Schatten in der Nacht.

Aus Furcht vor dem finsteren Nichts einerseits und Demut vor der blendenden Erscheinung andererseits richtete ich nun mein Augenmerk auf den einzig neutralen Punkt, jenes Band, welches Licht und Dunkel trennte, und ich begriff, daß dies die Grenze zwischen Gut und Böse war. Ich sah sie fließen wie Wasser, das Licht und Dunkelheit gleichermaßen in seiner trüben Strömung dahin riß, so daß das eine das andere nicht berühren konnte, außer in diesem Band.

So also staunte ich über den Einblick, der mir in das Wesen der Welt vergönnt, und hätte beinahe das Kind übersehen. Ein winziges Wesen, das in dem schmalen, aber weiten und unendlich hohen Fluß trieb, manchmal nahe an dem Raum des Lichtes, doch ebenso häufig dicht an der Grenze zur Dunkelheit. Mir war, als könne es sich nicht entscheiden, wohin es sich wenden sollte – oder als würde es, selbst wenn es sich entschied, stets im letzten Moment von der Strömung fortgerissen.

Ergriffen beobachtete ich, wie das Kind heranwuchs, und plötzlich, als es abermals dicht an der Grenze des Lichtes trieb, erbarmte sich die blendende Gestalt seiner, zog es sanft aus dem reißenden Strom und trug das Kind, schützend an seine Brust gelehnt, weit fort von dem Band.

Ich jedoch verharrte, und so entging mir nicht, wie aus dem Loch, das aus Barmherzigkeit in die schützende Wand gerissen ward, sich die Fluten des Bandes ergossen und mit ihnen die aus der Finsternis gerissenen Schatten, einer nach dem anderen, Zutritt in das Reich des Lichtes erlangten.

Ihr könnt Euch vorstellen, Nana, Ada, mit welchem Schrecken ich den Einbruch der Dunkelheit in das warme Licht des Guten verfolgte, in all meiner Körperlosigkeit ohne die geringste Möglichkeit, sie aufzuhalten. Nicht einmal rufend die Verkörperung des Lichtes zu warnen vermochte ich, obgleich ich es versuchte – was allerdings nur meinen Gatten aufschreckte. In all meiner Angst berichtete ich ihm von meinem schrecklichen Traum, doch Ankulan schlief ein, lange bevor ich endete, als hätte ich ihm eine Gute-Nacht-Geschichte erzählt.

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"Was für ein unsensibler Tölpel", stöhnte Collaich auf. "Immer schon wunderte ich mich, warum sie sich ausgerechnet für ihn entschied."

Kopfschüttelnd versuchte Selebist, sich ein Grinsen zu verkneifen, obgleich seine Gemahlin es ohnehin nicht sah. "Immerhin erwachte er", meinte er spöttisch. "Thranduil hingegen hätte sich nicht stören lassen."

Plötzlich bemerkte Collaich in erschrockenem Ton: "Gerade fühle ich …"

"Eine Erinnerung", ergänzte Selebist. "Ja, es stimmt, genauso reagierten wir schon damals."

"Dabei wollten wir doch diesmal aufmerksamer sein!"

Der Heiler nickte. "Vielleicht liegt es in unserer Natur, sich angesichts des Unbegreiflichen an etwas Banales zu klammern …"

Noch einmal überflog Collaich das gerade Gelesene. "Glaubst du, Baladia verabscheute ihr Kind so wegen dieses Bruchs? Daran trug es doch keine Schuld!"

"Ich weiß es nicht", antwortete Selebist bedrückt. "Ich glaube, da war noch etwas anderes, aber … bewirkt bereits seine bloße Existenz solche Gefahr, kann ich ihre Furcht verstehen. Baladia weigerte sich Zeit ihres Lebens, die finstere Seite der Welt anzuerkennen. Diese nun so heimlich in ihre scheinbar sichere Existenz eindringen zu sehen, muß ihr sehr bedrohlich vorgekommen sein."

Collaich überdachte seine Annahme kurz, ehe sie zustimmte: "Und durch ihr tatsächlich immer schwieriger werdendes Leben deutete sie vielleicht mehr Wahrheit in den Traum, als wirklich darin vorhanden."

"Vielleicht. Laß uns weiterlesen."

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Mir blieb also nichts übrig, als mich auch selbst wieder dem Schlaf zu übergeben. Ich fürchtete mich davor und drängte mich eng an Ankulan, doch seine starken Arme reichten nicht weit genug in meine Träume, um mich vor der Fortsetzung des Dramas zu bewahren.

Vor meinen Augen griffen die Schatten gemeinsam immerfort die blendende Erscheinung an, und wenn sie diese auch nicht vernichten konnten, so hüllten sie den strahlenden Elb doch nach und nach durch ihre Vielzahl ein, bis der Raum um sie her immer dämmriger und düsterer wurde. Da erkannte die geschwächte Gestalt ihren Plan, und sie sah, daß sie machtlos war.

In einem letzten Opfer gab sie ihre körperliche Gestalt wieder auf, um ihr Licht im ganzen Raum gleichermaßen erstrahlen zu lassen, auf daß die Schatten es nicht länger fassen konnten. Und sie umhüllte das eben erst gerettete Kind mit einem Schutzmantel aus Helligkeit, der in den kleinen Körper eindrang, durch sein Herz und bis in seine Seele floß, wo er sicher verwahrt wurde, um das Kind vor den Schatten zu behüten.

So erstrahlte das Reich wieder in leuchtendem Glanz, doch die Schatten blieben und hörten nicht auf, aus der Wunde des Bandes zu strömen, und sie sammelten sich, um Dunkelheit ringsherum zu schaffen, und warteten auf ihre Chance. Denn da war noch das Kind, und auch wenn es geschützt wurde, war es doch nicht völlig immun, und indem sie es wieder und wieder angriffen, hofften sie, schließlich auch den letzten Rest geballten Lichts auszulöschen.

"Ich verstehe das nicht", zeigte Selebist mit einer Hand auf den letzten Satz. "Wenn dieses Kind so voller Licht war, verkörperte es denn nun nicht stellvertretend das Gute?"

"Vielleicht haben die Schatten auch in seine Seele Eingang gefunden?"

"Hmm …"

Das Kind aber wuchs langsam, und in seinen Wanderungen geriet es dichter und dichter an das fließende Band. Einmal stand es direkt vor dem Riß, und als es neugierig hinein spähte, da erblickte es auf der anderen Seite einen Schemen, der ihm vertraut erschien, und ich sah es jubeln und jauchzen, als es wagemutig in das reißende Wasser tauchte.

Obwohl nun älter und ein wenig stärker, wurde es heftig herumgewirbelt, doch es kämpfte sich ehrgeizig bis zur anderen Seite, wo es eine Hand durch die Wand stieß und mit dem Kopf hindurch tauchte. Nun sah es, so wie ich zuvor, die gestaltgewordene Substanz der Finsternis, jedoch schreckte es nicht zurück, sondern streckte beide Arme aus nach jenem Wesen.

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"Kein Wort von den Schatten", murmelte der Ältere wieder dazwischen.

Collaich nickte: "Trotz seiner Handlung muß es hier immer noch vom Licht beschützt worden sein."

Stirnrunzelnd nagte Selebist an seiner Unterlippe. "Baladia bedachte dies nicht."

"Glaubst du, daß sei wichtig?" fragte die Elbe erstaunt und drehte neugierig ihren Kopf.

Ihr Gatte sah ihr ernst in die Augen. "Das könnte Baladias ganze Schlußfolgerung umwerfen."

"So?" Verständnislos wandte sich Collaich wieder dem Text zu. "Wie?"

"Hier, lies weiter, vielleicht erkennst auch du, was unsere Tochter nicht einzusehen vermochte."

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Mit ihm flossen Fetzen von Helligkeit aus dem Spalt und wurden alsbald von der Dunkelheit verschluckt, so wie man auch anfangs die Schatten kaum im Licht gewahrte. Dennoch schreckte das Wesen der Finsternis vor ihnen zurück, und es versuchte, das Kind wieder in den Fluß zu drücken, doch dieses Kind hielt die Hand des Nichts gepackt und zog es mit sich in den Strom.

Geradewegs zurück in das Reich des Lichtes.

Der gewaltigen Macht des sich wehrenden Wesens hatte aber das Band nicht widerstehen können, und als nun ungehindert Hell und Dunkel ineinander flossen, da nahmen beide Reiche die Düsternis des Bandes an, bis das Band selbst darin verschwand und seine Strömung sich als ein sanftes Wiegen über die Welt ausbreitete, in der es nun kein Licht mehr gab.

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"'Kein Licht mehr'", wiederholte Collaich die Worte laut. Ihr Gemahl schwieg, spannte jedoch seine Arme um ihre Taille fester, um ihr anzudeuten, daß sie auf dem richtigen Weg sei. Mit dem Zeigefinger fuhr sie Satz für Satz nach: "'Beide Reiche … Düsternis …'" Überrascht sog sie die Luft ein: "Beide Reiche? Ist es das?"

"Ja, genau", antwortete Selebist leise. "Es ist wahr, daß es in Baladias Traum kein Licht mehr gab. Die Abwesenheit von Licht, von Wärme, Liebe und Güte fiel ihr auf, das ist verständlich. Aber wodurch würde unsere Tochter, die sich niemals der Finsternis gestellt hatte, deren Abwesenheit bemerken? 'Kein Licht mehr', ja – aber auch keine Dunkelheit."

"Wenn das stimmt", erkannte Collaich nachdenklich, "dann beschrieb Baladia nur die Welt, wie sie heute ist."

"Oder vielleicht beschrieb sie gar nicht die Welt", gab Selebist zu bedenken. "Vielleicht geht es gar nicht um die Welt, nicht um Gut und Böse, sondern einfach um jene drei Gestalten hier."

Die Elbe lehnte sich zurück, müde und von Zweifeln geplagt. "Glaubst du das wirklich?" Da Selebist schwieg, fügte sie leise hinzu: "All ihre vorigen Visionen trafen ein, und jedesmal deutete sie die für uns verwirrenden Bilder richtig. Glaubst du tatsächlich, sie irrte sich in diesem Fall?"

Nach einer Weile gab Selebist seufzend zu: "Nein … aber ich möchte es glauben. Denn sieh, wohin die Angst vor der Zukunft unserere liebliche, unschuldige, duldsame Tochter trieb."

::

Und als ich fassungslos beobachtete, wie die Welt unterging, da erhob sich das Kind in den Raum, bis sein Antlitz direkt vor mir erschien, und ich erkannte inmitten der Züge meines Gatten meine eigenen Augen, und in deren Tiefen eine unvergleichliche Macht, und ich wußte, daß es mein Kind war. Gierig grinsend breitete es die Arme aus, wie um mich zu umfangen und zu verschlingen, mich, Mutter und doch gleichzeitig einzige Zeugin seiner vernichtenden Pläne. Entsetzt schrak ich zurück und floh ins Erwachen.

Sofort wußte ich Vieles und vor allem, daß das Schicksal mir hier seinen Plan vorlegte. Und so, ganz gleich wie wir das Kind nennen und erziehen würden, käme einmal der Tag, da man es Inuel rufen würde, denn seine Augen hatten das gesagt, doch von diesem Tage an würde jener wundervolle Name stets gleichbedeutend sein mit dem Zerstörer der Welt.

Und auf einmal offenbarte sich mir, daß dies womöglich eine Herausforderung des Schicksals sei und daß ich vielleicht noch eine Chance hätte, seine Pläne zu vereiteln, wenn ich mich nur geschickt genug anstellte.

Doch werde ich stark genug sein, den Untergang aller Ordnung abzuwenden, die Welt zu bewahren? Und werdet Ihr, meine geliebten Eltern und einzigen verständnisvolle Zuhörer, mir beistehen, wenn die Zeit zum Handeln kommt?

In tiefer Liebe und vertrauender Hoffnung,

Eure Baladia

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Plötzlich breitete sich die gleiche Ratlosigkeit aus wie schon vor über siebenhundert Jahren, nun allerdings begleitet von dem Wissen um die Nutzlosigkeit jedweder Lösung. Nein, sie hatten nie die Chance erhalten, ihrer Tochter anders als durch schriftliche Ratschläge beizustehen, hatten die Tragweite Baladias Deutung völlig verkannt und nicht verstanden, auf welches Handeln ihre Tochter sich bezog.

Genaugenommen wußten sie es noch immer nicht, aber was sie auch vorgehabt hatte, eines hatten ihre Eltern in den letzten Tagen erkannt: Baladia war entweder gescheitert oder verstarb, ehe sie Gelegenheit zur Ausführung fand, oder beides. Denn ihre größte Furcht bewegte sich inzwischen unter dem Schutz des Prinzen ungehindert durch die Elbenstadt.

"Ihr konnten wir nicht helfen, aber …" Fragend blickte Collaich ihrem Gemahl in die Augen. "Für das Kind ist vielleicht noch nicht alle Hoffnung verloren. Oder?"

Verwundert, jedoch nicht wirklich ablehnend, stellte Selebist eine Gegenfrage: "Du willst dich seiner annehmen? Vergiß nicht, er tat ihr mehr an als nur diesen Traum." Vielsagend deutete er mit dem Kopf auf die noch zu lesenden Schriftrollen.

Auch Collaich starrte nachdenklich auf den Stapel, dann zog sie entschlossen die nächste heran. "Ich bin mir gar nicht mehr so sicher, ob der Rest nicht nur Baladias Einbildung entsprang, verursacht durch ihre Furcht, ihre unvorbereitete Naivität und den mangelnden Beistand dort draußen."

"Wie meinst du das?"

"So, wie ich es damals schon sagte, wie ich es auch ihr schrieb: Schwangerschaften sind eben stressig, das hat gar nichts mit Mystik zu tun, es ist völlig natürlich. Gerade du als Heiler solltest das einsehen."

Selebist runzelte beleidigt die Stirn. "Es ist ja nicht so, daß ich daran nicht gedacht hätte! Aber schließlich war da nicht irgend jemand schwanger, sondern … Was gibt es da zu lachen?!"

"Deine Hingabe für Baladia hat dich wirklich den simpelsten Dingen gegenüber blind werden lassen, nicht wahr, Liebster?"

Schmollend hüllte sich der Silberhaarige in Schweigen.

Collaich harrte wissend aus, bis seine Neugier siegte. Sie brauchte nicht lange zu warten.

"Schön, ich gebe es ja zu. Aber daß du Recht hast, erklärt noch lange nicht deinen Wunsch, dich jetzt um den Jungen zu kümmern."

Ernster antwortete die Elbe: "Ganz gleich, was man von seiner Zukunft wissen oder erahnen mochte; Baladias Sohn begann sein Leben wie jedes andere Wesen auch, unschuldig und unvoreingenommen. Sie selbst schilderte, wie das Kind zu Beginn im neutralen Band dahin trieb. Und doch gab es da einen Unterschied zu den meisten anderen, gegen den es sich nicht einmal wehren konnte: Von dem Moment seiner Empfängnis an mußte der Junge auf die Liebe seiner Mutter verzichten. So sehr ich meine Tochter vergöttere, heute empfinde ich dieses Verhalten als eine unverzeihliche Ungerechtigkeit dem hilflosen Kind gegenüber."

"Ich … verstehe."

"Aber du teilst diese Ansicht nicht?"

Selebist neigte nachdenklich den Kopf. "Das ist es nicht. Der Junge ist mir … unheimlich."

"Das kommt doch sicher von deinen Vorurteilen, oder?"

"Vielleicht, aber … ich fand ihn schon seltsam, bevor ich entdeckte, wer er ist. Womöglich … Ja, ich glaube, sein Einfluß auf Legolas läßt ihn mir so verdächtig erscheinen. Das ist nicht normal. Er ist nicht normal."

Traurig schüttelte Collaich den Kopf. "Wie kannst du Normalität erwarten bei einem Kind, daß Zeit seines Lebens Liebe und Fürsorge entbehrte? Und was diesen Einfluß auf Prinz Legolas betrifft … eigentlich ist das gerade einer der Gründe, weswegen ich diesem Jungen zur Seite stehen möchte. Beiden, meine ich."

"Dann glaubst du immer noch …?"

Mit einem zufriedenen Seufzer schmiegte sich Collaich dichter an ihren Gemahl, während sie vor sich den nächsten Brief ausbreitete.

"Immerhin ist er unser Enkel. Warum nicht?"

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"Der Zeitpunkt seines Auftauchens erscheint mir verdächtig. Das läßt doch nur einen Schluß zu!"

"Majestät …" seufzte Alachel müde.

"Er ist hinter meinem Schatz her!"

"Majestät!"

"Verzeihung … hinter dem Schatz, meinte ich. Alachel, beunruhigt nicht auch dich dieses zeitliche Zusammentreffen?" Unerwartet verhielt der König im Schritt und wirbelte herum, so daß der Hauptmann der Palastwache ihn um ein Haar umrannte. "Ich bin mir sicher, dieser Bandit und seine Kumpane folgten dem Transporttrupp heimlich von den Ebenen her, und dann verirrten sie sich im Wald. Zwerge haben ja absolut keinen Orientierungssinn zwischen den Bäumen! Selbst wenn es nur zwei wären, liefen sie ziellos eine Acht darum, Eru sei Dank …"

Verlegen versuchte Alachel, nach dem plötzlichen Stopp sein Gleichgewicht zurück zu erlangen. Um den König von seiner ungebührlichen Haltung abzulenken, murmelte er: "Nun ja, es wäre schon nicht ganz unmöglich."

"Und erklärte das nicht auch ihren abgemagerten Zustand? Bestimmt rechneten sie nicht mit diesem Umweg, und um bei dem Tempo der Elben mitzuhalten, bliebe ihnen zum Jagen keine Zeit. Zumal sie dabei ohnehin allesamt versagen."

"Ja, zumindest der eine wirkte tatsächlich reichlich heruntergekommen."

Nickend wandte sich Thranduil ab und nahm seinen eiligen Gang wieder auf. Stöhnend folgte ihm der Hauptmann, diesmal allerdings in größerem Abstand.

"Verständige die Späher, Alachel", befahl der König, ohne sich umzuwenden. "Sie sollen, wenn nötig, einen besonderen Trupp dafür zusammenstellen, aber mir so schnell wie möglich den Rest der Bande zuführen! Wie viele, sagten sie, seien es gewesen?"

Alachel überlegte kurz, ehe er antwortete: "Zehn bis zwölf, aber sie waren sich da nicht ganz sicher. Die Teilnehmer an den Übungsjagden waren alle noch sehr jung und hatten sich beim plötzlichen Auftauchen dieser unheimlichen Gestalten derart erschrocken, daß keiner daran dachte, zum Durchzählen zu bleiben."

"Verstehe", nickte Thranduil. "Unwesentlich; wir werden ihnen verdeutlichen, daß eventuell noch freie Kameraden dort draußen nur elendig verhungerten, dann werden sie uns schon beichten, ob noch jemand fehlt oder nicht."

"Und die, die wir erwischen?"

"Pflegen!" entschied der König ohne zu zögern. "Schließlich sind wir zivilisiert. Außerdem brechen wir vielleicht ihren Trotz, wenn wir ihnen höflich und zuvorkommend begegnen, soweit ihr Status als Gefangene das zuläßt. Noch etwas: Wer weiß, wo sie herkommen. Im Fall des Falles will ich sie lieber unversehrt herausgeben, als einen Krieg zu provo… Nanu …?"

Lauschend legte Thranduil seinen Kopf schief und kam allmählich erneut zum Stillstand.

Alachel hatte bereits weiter hinten angehalten. "Was ist das?" Verunsichert näherte er sich dem König, dann schlichen beide weiter, ständig nach dem unerwarteten Geräusch horchend. "Klingt fast wie … Gesang?"

"Stimmt. Oh richtig, ist hier nicht die Musikschule in der Nähe?" erkundigte sich Thranduil.

Nickend bestätigte Alachel; immerhin besuchte seine Tochter jene Schule. "Aber um diese Zeit?" Mißmutig knurrend wies ihn sein Magen darauf hin, daß er bereits das Abendessen verpaßt hatte.

"Das ist tatsächlich merkwürdig. Sehen wir einmal nach, wer da so emsig übt."

"Für meine Ohren klingt das nicht nach Übung, Majestät."

Als sie um die letzte Ecke bogen, erblickten sie erstaunt vier andere Elben, die bereits vor den Fenstern der Musikschule standen und verzückt den wohlklingenden, melancholisch sanften Tönen lauschten, während ihre Augen in äußerster Verwunderung durch die Scheiben starrten. Verdutzt schauten Thranduil und Alachel einander an, ehe sie sich neugierig zu den Übrigen gesellten.

Überrascht atmete Alachel scharf ein. "Aber das ist ja …"

Von seinen Worten aus ihrer Trance gerissen, murmelten nun auch die anderen Elben leise durcheinander.

"Sie singt die Ballade Nimrodels."

"Kennst sie die etwa vollständig?"

"Aber Alagwelyth haßt doch das Singen …"

"Genau, wann hat sie das gelernt?"

"Ich wußte nicht, daß meine Tochter über eine so bezaubernde Stimme verfügt …"

"Stimmt, meistens hört man sie nur schimpfen …"

"Es ist wirklich ein Jammer, daß sie nicht öfter so singt."

"Tut sie das nur für diesen Jungen?"

"Ich werde sie bitten, auf dem kommenden Herbstfest aufzutreten."

Plötzlich wandten sich alle einheitlich zum König um, als gewahrten sie erst jetzt seine Gegenwart. Verlegen stammelten sie verschiedene Zustimmungen, verbeugten sich leicht und zogen sich anschließend mit bedauernder Miene zurück. Thranduil blickte ihnen verwirrt hinterher.

"Wählte ich meine Worte unbedacht?"

Leise vor sich hin feixend antwortete Alachel: "Ich glaube, sie schämen sich, vom König beim Spitzeln erwischt worden zu sein."

"Welch ein Unfug", meinte Thranduil und trat näher ans Fenster, nun da das restliche Publikum verschwunden war. "Der König spitzelt doch selbst. Außerdem ist es kein Verbrechen, sich ein Lied anzuhören, zumal bei solch herrlichen Tönen."

Gemeinsam verharrten sie vor dem Klassenzimmer und verloren sich ebenfalls in die ruhige Traurigkeit der gesungenen Geschichte, die Alagwelyth tatsächlich von Anfang bis Ende zu beherrschen schien.

Trotz der Düsternis in der Musikschule bereitete es Elbenaugen keine Schwierigkeit, die beiden Personen auf dem Podest zu erkennen. Das Mädchen stand links auf der Bühne, mit dem Profil zum Fenster, ihren Rücken gerade durchgedrückt und vor sich mit einer Hand das Gelenk der anderen leicht umfaßt. Ihren Kopf hielt sie ein wenig geneigt und den Blick – anders als die meisten anderen Sänger, die mit geschlossenen Augen völlig in ihrem Lied aufgingen – direkt auf den Jungen gerichtet, ihr vermeintlich einziges Publikum.

Jenes Publikum saß weiter rechts auf der obersten Treppenstufe, den Körper ebenfalls seitlich zum Eingang gedreht, und schaute mit leicht geöffnetem Mund und völlig entrücktem Ausdruck zu Alagwelyth auf. An seiner Wange schimmerte noch die Spur einer Träne, die wohl vor einigen Minuten unbemerkt seinem Augenwinkel entflohen war, doch in seinem Blick lag ein verzaubertes Lächeln, wie man es manchmal bei kleinen Kindern sieht, die vorbehaltlos in ein Märchen eintauchen.

Die heimlichen Zuhörer ahnten nicht, wie sehr ihr Anblick im Moment dem Inuels glich.

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Mit unheilverkündender Miene schritt Prinz Legolas durch die höheren Ebenen der Stadt. Seit über einer Stunde besuchte er eine Einrichtung nach der anderen, sofern er sich auch nur das geringste Interesse seines Freundes daran vorstellen konnte. Doch Inuel war wie vom Erdboden verschluckt! Gut, gewissermaßen entspricht das ja in diesem Fall den Tatsachen, aber … Jedenfalls war der Junge nirgendwo aufzufinden.

Als Legolas in sein Quartier zurückgekehrt war, hatte er eigentlich fest mit Inuels Anwesenheit gerechnet. Dann fand er Alagwelyths Nachricht: 'Zeige Inuel die Stadt, bringe ihn zum Abendessen zurück. Ala' Widerwillig, aber einsichtig – immerhin hatte er den beiden keine feste Zeit gesetzt – wartete der Prinz bis zur angegebenen Zeit und darüber hinaus, ehe er sich ungeduldig und leicht verärgert auf die Suche begab.

Nun in Gedanken die verbleibenden Orte auflistend, hätte er beinahe zwei Elben umgerannt, doch im letzten Moment wich er ihnen geschickt aus. Die beiden Frauen schienen es nicht einmal zu bemerken, so stark waren sie in ihr Gespräch vertieft.

"Wie bitte? Ich glaube es nicht! Für den fremden Jungen?"

Hinter ihnen kam Legolas so abrupt zum Stillstand, daß die Welt eine Sekunde brauchte, um sich anzupassen. Durch das momentane Schwindelgefühl hindurch vernahm der Prinz jedoch deutlich die Antwort: "Wenn ich es dir doch sage! Ich komme gerade von dort."

"Er muß sie verhext haben."

Legolas zog die Augenbrauen zusammen und drehte sich um, schwieg jedoch. Unauffällig folgte er den beiden gerade in Hörweite.

"Es war wirklich ein Bild für die Valar", schwärmte die jüngere Elbe. "Du hättest sehen sollen, wie er sie anhimmelte."

"Hexerei", beharrte die zweite Elbe. "Alagwelyth freiwillig in der Musikschule, dazu noch um diese Zeit? Singend?! Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu!"

"Seltsam ist es schon", gab die Jüngere zu. "Aber du hättest sie hören sollen, Than! Wenn du mich fragst, dann ging der ganze Zauber von ihr aus, nicht von dem Jungen. Und sie sah glücklich aus. Na ja, vielleicht bekommst du noch die Gelegenheit, sie zu hören."

"Wann? Ich kann mir nicht vorstellen, daß dieses Mädchen …"

"Der König plant, sie zu einem Auftritt beim nächsten Herbstfest aufzufordern. Wie könnte sie ablehnen?"

"Der König?" echote Than verdutzt die Gedanken ihres stillen Verfolgers.

Die Jüngere blickte verlegen zu Boden. "Ja, er erwischte uns dort. Ach, ich kann das Fest gar nicht abwarten! Weißt du schon, was du tragen wirst, Than? Ich wollte ja …"

Ohne Verzögerung wandte sich Legolas wieder in die Gegenrichtung. Das neue Thema interessierte ihn nicht im geringsten, und die nötige Information hatte er erhalten: Allem Anschein nach hatte Alagwelyth, ihrem Vorschlag entsprechend, dem Jungen tatsächlich die Schule gezeigt. Irgendwie gelang es dem Prinzen nicht sofort, seine Kenntnis des ebenso impulsiven wie listigen Kindes, als das er Ala betrachtete, mit dem Konzept der Ehrlichkeit und Verantwortung in Einklang zu bringen. Während er den Weg zur Musikschule einschlug, versuchte er die Ursache dafür zu ergründen.

Als das Mädchen sich am Morgen Inuel gegenüber so betont höflich und zuvorkommend verhielt, hatte der erfahrenere Elb kurz eine gefährliche Falle gewittert. Einzig die Gewißheit, daß Ala keinesfalls absichtlich den Zorn des Prinzen erwecken würde, hatte ihn dazu bewogen, auf ihr Angebot einzugehen. Und nun mußte er feststellen, daß er einem unbegründeten Vorurteil erlag, allein basierend auf einigen haarsträubenden Eskapaden ihrer Kindheit …

Wohingegen Alagwelyth zuverlässig Wort gehalten und nichts Dummes angestellt hatte. Sollte ich sie dafür loben? überlegte Legolas eingehend und kam schließlich zu dem Ergebnis: Ja, das wäre wohl einmal nötig. Und angemessen.

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Ich habe diesen Ausdruck auf sein Gesicht gebracht.

Wie ein Echo schwang dieser Gedanke in Alas Kopf, während im Raum der letzte Ton ihres Liedes verklang. Schon beim Singen hatte die Erkenntnis sie angespornt, daß sie allein – ihre Stimme und ihre Gefühle, die sie hingebungungsvoll in die Worte einfließen ließ – Inuels Verzückung hervorrief. Es war eine erhebende Empfindung, so daß sie all ihr Talent in dieses eine Lied legte, bis sie fast glaubte, auf den von ihr erzeugten Klängen durch die Lüfte schweben zu können.

Noch immer verharrte Inuel bewegungslos vor ihren Füßen und blickte zu ihr auf, als hielte er die Elbe für eine Art Erscheinung. Zwar mochte Ala den Bann, der auch sie selbst umfing, nur ungern brechen, doch die glänzenden Augen des Jungen beunruhigten sie. Als sie zögernd nähertrat, sah sie, daß nicht nur seine Augen glänzten.

Das Mädchen ließ sich auf ein Knie nieder und stützte ihren linken Arm auf das andere, während sie mit der freien Hand sanft die Träne von Inuels Wange strich. "Es war eine Abmachung", murmelte sie lächelnd. "Muß ich dich jetzt für einen Lügner halten?"

"Nein …" Einen Moment senkte der Junge die Lider wie um sich zu sammeln, doch als er sie wieder hob, lag in seinem Blick die gleiche Bewunderung wie zuvor. Nur der Glanz hatte sich leicht vermindert. "Ich habe noch nie etwas so Schönes gehört", bekannte er flüsternd, als überbringe er ein Geheimnis. "Es war wie … Zauberei, die einem alle Sorgen und Schmerzen nimmt. Ja, es war … Magie."

Überrascht von der Art, wie Inuel ihren Gesang aufnahm, schwieg Ala.

Nach einer Weile seufzte der Junge, dann sagte er in einem Ton ungläubigen Verstehens: "Das also ist ein Lied. Jetzt weiß ich, wozu Lieder gut sind."

"Ach ja?" hob Ala eine Augenbraue. "Wozu?"

Nickend begann Inuel zu lächeln. "Kochen hält den Körper gesund, und Singen … die Seele. So muß es sein."

"So hab ich das noch nie betrachtet", gestand Ala verdutzt und hockte sich auf ihre Fersen. "Welches davon mag wohl wichtiger sein?"

"Es ist bestimmt beides gleich wichtig", überlegte der Junge.

Ala bedachte ihn mit einem zweifelnden Blick: "Aber dann … Wenn du nie … Und trotzdem … Oder?"

Daß Inuel den Blick abwandte, ohne zu antworten, brach etwas in ihrer Brust, doch das Mädchen vermochte nicht zu sagen, worum es sich handelte. Die aufgeworfene Frage ließ sie nicht los: Wie gesund war denn die Seele des Jungen, der nie ein Lied gehört hatte? Denn Narben am Körper waren leicht zu entdecken, während Wunden der Seele auf ewig verborgen bleiben konnten …

"Eines weiß ich", fiel Inuel in ihre Grübelei.

"Hm?"

Diesmal wirkte sein Blick unglaublich ernst, als er ihr direkt in die Augen sah. "Wer einmal verhungert ist, den kann kein Essen der Welt wieder gesund machen."

Nach kurzem Bedenken gab Ala auf. "Und?"

Inuel grinste: "Ich glaube, dein Gesang könnte Verstorbene ins Leben zurückbringen."

"Ich stimme zu", bemerkte eine tiefe Stimme vom Eingang.

Erschrocken fuhren die Jugendlichen herum.

"Ah, Ad…" In einer fließenden Bewegung sprang Alagwelyth auf. "Majestät", verbeugte sie sich eilig, ehe sie sich wieder ihrem Vater zuwandte: "Ada!"

"Er hat Recht, weißt du? Du singst wundervoll, Kind. Komm her."

Angesichts seines unerwarteten Lobes (besonders der darin enthaltenen Bedeutung, daß er sie gehört hatte) und der zur Umarmung einladenden, weit ausgebreiteten Arme ihres Vaters stieg dem Mädchen eine tiefe Röte direkt bis zu den Haarwurzeln.

"Ah …" Wie peinlich! Am liebsten hätte sie hinter Inuel Schutz gesucht, der sich ebenfalls gerade erhob, doch etwas sagte ihr, daß solch ein Benehmen nicht weniger peinlich sei. Sie unterließ es also, ging jedoch auch nicht zu Alachel.

Der ließ seine Arme sichtlich enttäuscht sinken, während er vor Thranduil her den engen Gang zwischen Wand und Bank entlang auf sie zutrat. "Oh, entschuldige, Ala. Ich hatte kurz vergessen, daß du ja schon eine kleine Dame bist."

Wenn möglich, glühte das Mädchen noch stärker. Nach sorgfältiger Erwägung entschied der König, daß seine Aufforderung ihre Verlegenheit beenden und ihr neue Zuversicht bescheren würde. "Alagwelyth, das Volk der Elben sähe sich außerordentlich geehrt, würdest du es anläßlich des nächsten Herbstfestes mit einer Darbietung erfreuen."

Thranduil hatte sich getäuscht.

"Ala!" Hastig umfing Inuel die Taille des Mädchens, das neben ihm zu wanken begann. Gerade rechtzeitig, um sie aufrecht zu halten, als ihre Knie vollends nachgaben. "Vorsicht … hier, setz dich lieber."

Augenblicklich war auch Alachel an der Seite seiner leicht benommenen Tochter, die nun neben Inuel, an dessen Schulter gelehnt, auf der oberen Treppenstufe saß. "Kind! Ah, was ist passiert?"

"Offensichtlich brachte ich meinen Vorschlag in einem unpassenden Augenblick vor", stellte Thranduil betroffen fest.

Alachel runzelte besorgt die Stirn. "Aber sie ist in ihrem ganzen Leben noch nicht ohnmächtig geworden!"

"Ich … bin … nicht …" knirschte Ala zwischen ihren Zähnen hervor, "ohnmächtig!" Unwillig schüttelte sie die Hand ihres Vaters von ihrem Unterarm. "Laß das, Ada! – Mein Herz schlägt noch. Nur vielleicht … ein wenig … zu schnell …"

Nach einigen tiefen Atemzügen setzte sich Alagwelyth aufrecht hin. Nur aufzustehen wagte sie noch nicht recht, und wenn sie ehrlich war, auch über Inuels stützende Hand in ihrem Rücken war sie ganz froh. "Bitte verzeiht, Majestät. Eure … Anfrage … kam in der Tat reichlich überraschend. Außerdem war mir nicht bewußt, daß ich solch hochrangiges Publikum hatte."

"Ich ging davon aus, daß nach eben dieser Erkenntnis das restliche Elbenvolk dich nicht abschrecken würde."

Was gibt's da zu grinsen? "Nein, aber … Verzeiht meine Direktheit, Majestät, doch ich sang nicht für Euch."

Die Enttäuschung auf dem Gesicht des Königs hätte man bei jedem anderen als Schmollen ausgelegt. Doch gleich darauf entwand er ihrer Antwort eine passende Lösung: "In diesem Fall bitte ich dich um so inständiger darum, auf dem Herbstfest für mich zu singen!"

Der gibt wohl nie auf?! Bevor Ala ihren Gedanken – natürlich in angebrachter Formulierung – Ausdruck verleihen konnte, spürte sie in ihrem Rücken einen leichten Druck. Fragend drehte sie sich zu Inuel um, der sie beinahe bettelnd anstarrte. 'Kochen hält den Körper gesund, und Singen … die Seele.' Das waren seine Worte gewesen, und plötzlich verstand Ala, warum er gerade diesen Vergleich gewählt hatte.

Ich wollte stets von Herzen Köchin werden, weil ich Nanas Essen für Zauberei hielt, aber … 'Es war wie … Zauberei, die einem alle Sorgen und Schmerzen nimmt. Ja, es war … Magie.' Mein Gesang – Zauberei? 'Fast alle Elben beherrschen Kartentricks, aber wenige bringen verdorrte Blumen wieder zum Blühen.' Das hat mir Legolas mal gesagt … Endlich verstehe ich, was er meinte.

"Gut, einverstanden", antwortete Alagwelyth dem König. "Ich werde auf dem Fest singen, genauso wie heute – oder besser, wenn ich kann." Zögernd erhob sie sich, und da ihre Beine standhielten, trat sie die Stufen hinunter, um sich tief vor Thranduil zu verbeugen. "Ich verspreche es."

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Erleichtert registrierte der Prinz, als er um die letzte Ecke bog, daß keine Zuschauer mehr die Fenster belagerten. Im Näherkommen glaubte er sogar, die Musikschule sei ebenfalls bereits verlassen, da kein Licht durch die Scheiben drang. Doch als er hindurch sah, erblickte er erstaunt seinen Vater und Alachel rechts vor den Stufen zur Bühne, auf der Inuel und Ala dicht nebeneinander standen. Selbst in der spärlichen Beleuchtung erkannte Legolas das heiße Glühen auf den Wangen des Mädchens, was ihn unwillkürlich zum Lächeln veranlaßte. Sicher hatte ihr Vater wieder irgend eine grobe Unschicklichkeit begangen. Der Prinz hob seine Hand zu Türklinke, bereits eine amüsierte Spitzfindigkeit auf der Zunge.

Im nächsten Augenblick gefror sein Ausdruck, als Ala erblassend taumelte und gerade noch rechtzeitig von Inuel gestützt wurde.

Dieses Bild …

Leise aufkeuchend ließ Legolas seine Hand sinken und verbarg sich unauffälig in den schattigen Nischen der Gegenwand, ohne den Blick von dem Geschehen im Dämmer der Schule zu lassen. Unwillkürlich, beinahe höhnisch veranschaulichte diese Szene eben jenen Gedankengang, dessen schwerwiegende Auflösung seit dem Morgen sein Gemüt bedrückte. Wieder und wieder hatte er seither seine Zweifel mit den logischsten, unwiderlegbarsten Argumenten vertrieben – und nun? Plötzlich sah er sich mit dem Gegenbeweis seiner Theorie konfrontiert, mit der Erkenntnis, daß Inuel einen Sturz nicht nur bemerken würde, sondern auch über Geschwindigkeit und Kraft genug verfügte, den Fall zu bremsen oder ganz zu verhindern.

Unglaublich! Hatte er falsch entschieden?

Oder … befähigten Gefühle für Alagwelyth den Jungen zu solch gewandter Reaktion?

Legolas' Herz verkrampfte, als er sah, wie das Mädchen sich an seinen Freund lehnte; als er erkannte, mit welch zutraulicher Haltung Inuel dies gewährte. Er zuckt nicht zurück, kreiste eine verständnislose Feststellung durch die Gedanken des Beobachters, bis sie in eine neue Form gegossen wurde: Warum zuckt er so oft zurück, wenn ich ihn berühre?

Ohne zu blinzeln, stierte Legolas durch das Fenster, bis das Bild vor ihm verschwamm. Sein Verstand befahl ihm, zu bleiben und sich der Situation als Prinz und Krieger zu stellen, doch sein Gefühl verlangte wie ein Kind nach Flucht und Verstecken. Er bewegte die Füße, um zurück zu weichen, und vergaß dabei die Wand in seinem Rücken. Seine Augen brannten heiß, doch er vermochte nicht, sie zu schließen. Aus seinem Herzen drängte ein Schrei aufwärts, den seine Kehle nur mühsam und unvollkommen unterdrückte. Endlich schlug Legolas beide Hände vor die Augen, als er das erstickte Geräusch erkannte …

Es klang genau wie Inuels verlorenes Wimmern.

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Und wenn ihr Fragen habt, dann stellt sie. ;-)

Eure Mel