Der Augenblick dauerte nicht lange und es schien bereut zu haben, den Mann in seine Augen sehen gelassen zu haben, denn es flüchtete geradezu, die Reste des Brotes und des Honigs ließ es zurück.
Bedauernd hob er es auf und legte die Wabe vorsichtig auf den Bissen, den es fallen gelassen hatte.
Vielleicht würde es zurückkehren.
Da war es ja noch.
Es.
Er sah immer noch diese Augen vor sich. Und diese Haare... wenn er doch nur mehr von dem Gesicht hätte sehen können. Doch der Schock war zu groß, die Augenbrauen durchstochen gesehen zu haben und war da nicht noch mehr gewesen... Nase... Lippen... er hatte Ringe gesehen, viele Ringe, durch zarte Haut gebohrt, die Einstichkanäle teilweise geschwollen, teilweise auch schon verheilt... was war da passiert, was war das, oder besser, wer war das, denn nachdem er ihm in die Augen gesehen hatte, konnte er nicht mehr von ihm als "es" denken.
Es war ein männliches Wesen.
Aber ein bartloses männliches Wesen.
Kein Mensch.
Es war ein Elb, er war sich sicher. Doch was war mit ihm geschehen?
Er lehnte sich zurück, an den Baum, dem er eben die Wabe entrissen hatte, und schloss die Augen, denn er war sehr müde.
Er fühlte sich zwar beobachtet, doch er wusste nun, dass ihm nichts geschehen würde.
Es war ein Elb.
Er würde ihm nichts zu Leide tun.
Nacht brach herein und der Mann sah ab und zu das Leuchten des hellen Haares, gut, er war also noch da, der Elb.
Gerne wollte er mehr herausfinden über ihn, doch er würde ihm Zeit lassen, er war sicher, er würde zurückkommen, das Brot und die Honigwabe lagen immer noch hier, auf einem großen Blatt ausgebreitet, er würde wieder kommen.
Ein wenig ließ er die Augen zusinken und spürte, wie Dunkelheit sich auf ihn senkte, dunkel war es immer in diesen Tagen, daran hatte er sich gewöhnt.
Er glitt hinüber und erreichte das Land des Traumes, die Hand am Schwertknauf, trotzdem überraschten sie ihn.
Sechs waren es.
Plötzlich waren sie da und sie griffen ihn an, sechs Uruk-Hais, keine Orks, sondern die Kampfmaschinen Sarumans, und mit wildem Gebrüll stürzten sie sich auf ihn, so leise, wie sie sich angeschlichen haben mussten.
Und aus dem Gebüsch kam er, schnell, wie ein Blitz leuchtete sein Haar, und mit bloßen Händen packte er einen von denen und ließ ihn erst los, als er tot zu Boden sank. Er hatte ihm das Genick gebrochen. Dann sprang er zu dem sich heftig mit seinem Schwert wehrenden Mann und entriss ihm den Dolch aus dem Gürtel, stand für einen Augenblick Rücken an Rücken mit dem Krieger und dann stach er zu, immer auf die Halsschlagader zielend, zweie, dreie, die anderen beiden köpfte der Mann mit seinem Schwert.
Dann lagen sie alle auf der Erde, tot und blutend, und der Elb drehte sich um und sah ihn wieder an, und diesmal wich er nicht aus, als er dem Menschen den befleckten Dolch zurückgab und ihn dieser wieder ansah.
Wild.
Das war das erste Wort, was dem Menschen einfiel, als er die blauen Augen wieder sah.
Wild und verzweifelt.
Und stark.
Er hatte sehr wohl gesehen, wie dieser Elb mit seinen bloßen Händen getötet hatte.
Er streckte die Hand aus und versuchte die Wange des Elben zu berühren, er wusste vage um diesen Gruß, doch der Elb trat nur einen Schritt zurück und schüttelte den Kopf.
Konnte er nicht sprechen?
Überall diese Ringe, dachte er wieder, und er war sich sicher, dass dies kein freiwilliger Akt gewesen war, sie anzubringen. Was sie wohl bedeuteten?
Er hatte solche Ringe erst bei einer einzigen Lebensform Ardas gesehen...
und zwar bei Orks.
