Anmerkungen

Mir ist klar, daß die hier gemachten Feststellungen/Darstellungen gesellschaftlicher und politischer Probleme mitunter sehr einseitig oder sehr vereinfachend, mitunter auch übertrieben getroffen sind. Teilweise mögen diese Aussagen auch objektiv falsch sein. Dies spiegelt dann entweder die Meinung einer Figur wieder bzw. soll eine andere Figur auf bestimmte Art und Weise beeinflussen, oder ist darin begründet , daß diese Story Unterhaltungszwecken dient, und keine wissenschaftliche Analyse dieser Probleme darstellt. Gerade in den Gesprächen mit Hotaru werden diese Vereinfachungen von Lord Traxius und seinen Anhängern auch als Propagandamittel benutzt.

Disclaimer: Keine der Figuren gehört mir, und ich schreibe das hier nur, weil ich gerade nichts besseres zu tun habe (nicht, um damit Geld zu verdienen).

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°....° = jemand denkt

"...." = jemand sagt

{...} = in Basic gesprochen (Standardsprache der Neuen Republik bzw. des Imperiums)

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Darth Saturn - The Dark Harvest

Teil 13

"Du willst WAS?" rief Zirkonite ungläubig.

Lord Traxius saß schweigend auf seinem Thron und verfolgte das Gespräch zwischen seinen Schülerinnen interessiert.

Während Hotaru mit Zirkonite sprach, hatte Midori ihn über Hotarus Einfall mit dem Plasmaball unterrichtet. Mit dieser Art von Kreativität hatte er nicht gerechnet, und das beeindruckte ihn. Hotaru hatte das Potential, unglaubliche Macht zu erlangen.

"Ich habe es doch schon erklärt." antwortete Hotaru mit nur einer kleinen Spur von Ungeduld in ihrer Stimme. "Ich MUSS stärker werden, um Youma mit der Macht besiegen zu können, weil ich mit meinen normalen Kräften zuviel Schaden im Umfeld anrichte. Aber in dem Training hier kann ich meine wahren Möglichkeiten nicht richtig einschätzen, geschweige denn entfalten."

"Aber..."

"Ich brauche zumindest EINEN vernünftigen Trainingsgegner, um den ich mir keine Sorgen machen muß, wenn ich ernsthaft kämpfe, und ich weiss, daß du es kannst."

"Sicher weiss ich, wie man Youma erschafft." bestätigte Zirkonite. "Aber daß mich gerade eine der Senshi darum bitten würde..."

"Ich brauche ja auch nur einen einzigen. Niemand sagt, daß du eine ganze Armee erschaffen sollst, so wie es deine früheren Kumpane aus dem Dunklen Königreich immer versucht haben."

"Aber dir ist doch wohl klar, daß ich auch für die Erschaffung EINES Youma Lebensenergie brauchen werde, oder? Und der Youma muß auch ernährt werden. Und wenn er verletzt ist, braucht er auch Lebensenergie."

"Das weiss ich. Und es ist mir nicht leicht gefallen, diese Entscheidung zu treffen, eben WEIL wir Youma und andere energiesaugende Monster immer bekämpft haben. Früher hielt ich alle Youma für böse, aber ich habe nachgedacht und habe erkannt, daß ich mich geirrt habe." erklärte Hotaru mit großem Ernst. "Die Youma sind nur Waffen. Erst die Art wie man sie benutzt ist entweder böse oder gut. Und du könntest ja meine Energie nehmen, um den Youma zu erschaffen. In meiner Senshiform habe ich sehr viel Energie."

"Aber nicht das Äquivalent von fünfhundert Menschen." widersprach Zirkonite. "Es würde dich umbringen, wenn wir dir so viel Energie auf einmal entziehen."

"Dann eben nach und nach."

"Das geht nicht, weil wir keine Speicher für Lebensenergie haben."

Hotaru dachte nach, wurde jedoch immer mißmutiger, weil sie keine Lösung fand.

"Ich könnte natürlich von sehr vielen Leuten Energie abziehen." warf Zirkonite nachdenklich ein. "Bei sagen wir tausend Zielpersonen würde es keine Todesopfer durch den Erschaffungsprozess geben. Die Leute wären nur sehr erschöpft - nichts, was man nicht mit etwas Schlaf und einer guten Mahlzeit wieder hinbekäme."

Hotarus Miene hellte sich ein wenig auf.

"Ich will niemanden verletzen." stellte sie klar. "Aber da hierbei kein bleibender Schaden entsteht, geht das wohl in Ordnung, glaube ich. Oder?" Sie sah den Meister erwartungsvoll an. Nach ein paar langen Minuten gab er ihr schließlich mit einem Nicken die Erlaubnis, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Zirkonite erklärte allerdings, daß sie einige Tage Vorbereitungszeit brauchen würde. Andernfalls hätte Hotaru sich eventuell gefragt, warum Zirkonite in Lord Traxius Hauptquartier magische Maschinen für die Erschaffung von Youma herumstehen hatte.

"Komm in einer Stunde wieder her, Hotaru." gab ihr Lehrmeister ihr mit auf den Weg. "Ich habe noch etwas mit dir zu besprechen."

"Ja, Meister."

Hotaru zog sich mit Midori und Zirkonite zurück.

Wenig später betrat die rotmähnige Ravana mit einem zufriedenen Lächeln den Thronsaal.

"Der Plan scheint aufzugehen, mein Gebieter."

"In der Tat, meine Schülerin. Besser als erwartet sogar." stimmte er mit seiner hohlen Grabesstimme zu. "Und wie laufen deine Pläne mit den anderen Senshi?"

"Alle zu attackieren würde zu viel Verdacht erregen, Meister. Eine von ihnen ist aufgrund ihrer Vergangenheit jedoch eine hervorragende Zielscheibe für eine kleine Intrige, die sie für einige Zeit von der Bildfläche verschwinden lassen wird."

"Ohne Schaden anzurichten?"

"Jedenfalls keinen physischen Schaden, soweit ich das beurteilen kann."

"Gute Arbeit." bemerkte er zufrieden.

"Danke, Meister. Im Laufe der nächsten vierzig Stunden wird mein Plan in die Tat umgesetzt werden." erklärte Ravana mit einem selbstzufriedenen Lächeln. "Das dürfte, so wie ich die Fortschritte der Amerikaner einschätze, gerade passend sein, um die Senshi zu Beginn unserer kleineren Operationen abzulenken."

"Ich warte noch auf Berichte von Craiden und Kaori-san." erklärte Traxius. "Aber ich erwarte keine Schwierigkeiten. Taichi wird morgen in den Mittleren Osten aufbrechen, um seinen Teil der Operation vorzubereiten."

"Was ist mit Hotaru?" fragte Ravana interessiert. "Ich hatte den Eindruck, daß sie schon bald soweit sein wird, unsere Pläne zu unterstützen."

"Ich werde gleich noch mit ihr reden, und dann entscheiden, ob ich sie schon einweihen kann."

"Wird sie ein Kommando bekommen, wie eure anderen Schüler auch?"

Lord Traxius kicherte verhalten.

"Sie versteht nichts von militärischen Dingen. Aber ich werde sie vielleicht losschicken, um entsprechende Erfahrungen zu sammeln. Möglicherweise als Taichis Assistentin." antwortete er. "Und nun geh und führe deine Pläne aus."

Ravana verneigte sich tief und stolzierte dann selbstbewußt aus dem Thronsaal.

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Am folgenden Tag war die Stimmung unter den Senshi mehr als gedrückt. Haruka und Michiru hatten sich von den Anderen abgekapselt und hatten erklärt, sie würden nun alles in ihrer Macht stehende tun, um Hotaru wiederzufinden. Hilfsangebote der Inneren Senshi schlugen sie augenblicklich aus. Ihrer Meinung nach war es ihre Elternpflicht, sich darum zu kümmern, und sie wünschten keinerlei Einmischung. Widerwillig akzeptierten die anderen Senshi diese Entscheidung.

In der Schule waren alle ungewöhnlich still und ernst. Sogar die lebensfrohe Usagi, die sonst immer jedwede Art von schlechter Stimmung durch einen Witz, aufmunternde Worte, oder einfach nur durch ihre positive Ausstrahlung zu vertreiben vermochte, war im Kerker der Untergangsstimmung gefangen.

Kurz vor Ende der Nachmittagsstunden ertönte eine Lautsprecherdurchsage, die Makoto aufforderte, im Büro des Direktors zu erscheinen.

Jacen und die Senshi wunderten sich zwar, was das bedeuten mochte, aber ihre Gedanken hingen zu sehr am gestrigen Tag, um sich darüber zu viele Gedanken zu machen.

Nach dem Unterricht waren Usagi, Rei, Minako und Makoto für ein Treffen im Hikawa-Schrein verabredet. Jacen und Ami hatten noch was zu erledigen - namentlich die Rückgabe der geliehenen Kleidung an Amis Freundin in Nerima - versprachen aber, später ebenfalls vorbeizukommen.

Als Makoto das Büro des Direktors betrat, traten ihr sofort zwei Männer, ein Älterer und ein Jüngerer, entgegen und hielten ihr Polizeiausweise unter die Nase.

"Makoto Kino?" fragte der Ältere ernst.

"Ja. Was wollen sie von mir?"

"Detective Nakamura. Tokyo Police Departement. Ich muß sie bitten, mich auf´s Revier zu begleiten." verkündete der Ältere mit finsterer Miene.

Makotos Augen verengten sich.

"Wieso?" schnappte sie.

"Uns liegt eine Anzeige gegen sie vor." antwortete der jüngere Polizist.

"Wie bitte?" Zu behaupten, Makoto sei verblüfft gewesen, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts gewesen.

"Sie haben meinen Kollegen schon verstanden." antwortete Nakamura barsch. "Und jetzt kommen sie bitte mit."

"Erst will ich wissen, was man mir vorwirft." verlangte sie aufbrausend.

"Wenn sie das hier diskutieren wollen, meinetwegen. Körperverletzung, Nötigung, Sachbeschdigung, Schutzgelderpressung und darauf begründet der Verdacht auf die Mitgliedschaft in einer illegalen Vereinigung." antwortete Nakamura unbeeindruckt.

"WAS?" Makoto schaffte es gerade so, ein hysterisches Kichern zu unterdrücken. "Soll das ein Witz sein?"

"Sehe ich aus, als würde ich Witze machen?" fragte der Detective kühl. "Und jetzt bewegen sie sich, oder ich werde sie in Handschellen abführen."

"Okay, okay." schnaufte sie. "Das muß eine Verwechslung sein, also warum soll ich nicht mitkommen? Aber irgendwer wird dafür bezahlen, daß ich zu meiner Verabredung zu spät komme."

Die zwei Polizisten führten Makoto zu ihrem Wagen und brachten sie zum Revier.

Ravana und Midori, die das Ganze aus ihrer vor der Schule parkenden Limousine beobachteten, waren sehr zufrieden. Zur Feier ihres Erfolges gönnte Ravana sich ein Glas Champagner.

"Damit wäre Sailor Jupiter für einige Zeit außer Gefecht." bemerkte sie amüsiert.

"Ich habe die Erinnerungen dieses alten Restaurantbesitzers, seiner Frau, zweier Angestellter und des Enkels deinen Anweisungen entsprechend manipuliert." erklärte Midori gelassen. Sie sah das Ganze schlicht als einen Job an, der erledigt werden mußte, und fand Ravanas Feierstimmung etwas überzogen, behielt diese Meinung jedoch für sich. Dies entsprang ihrem Selbstverständnis als Profi in ihrem Geschäft.

"Und du hast den Enkel ziemlich übel zugerichtet." setzte Ravana hinzu.

"Das auch." gab Midori zu, wenn auch in einem Ton, der das als Nebensächlichkeit abtat. "Aber ich hoffe, der Geheimdienst hat gute Arbeit bei den anderen Beweisen geleistet."

"Major Ravins Abteilung ist sehr fähig." meinte Ravana zwischen zwei Schlucken Champagner. "Mit Hilfe von Aufzeichnungen des Mädchens, die eine unserer Drohnen gemacht hat, haben sie ein fiktives Überwachungsband der Videokamera am Restauranteingang erstellt. Darauf ist zu sehen, wie sie das Restaurant betritt und einige Zeit später wieder verläßt. Ihr Bankkonto haben wir ebenfalls ein wenig frisiert.

Zusammen mit dem Persönlichkeitsbild aus ihrer Schulakte werden die Indizien und die Aussagen der manipulierten Zeugen ausreichen, um sie in sehr große Schwierigkeiten zu bringen."

"Was ist, wenn sie nur zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wird?"

"Dazu ist der Enkel zu schwer verletzt, und dann kommt ja noch die Schutzgelderpressung hinzu. Außerdem habe ich, nachdem du dich um die Zeugen gekümmert hast, dem Staatsanwalt, der die Sache behandelt, einen Besuch abgestattet."

"Verstehe. Und was tust du, wenn sie nach ihrer Vernehmung bis zum Prozeß wieder rausgelassen wird?"

"Ich habe den Staatsanwalt überzeugt, daß in dieser Situation erhebliche Fluchtgefahr besteht, und daß Untersuchungshaft, da sie ja unter Verdacht steht, zur Yakuza zu gehören, sie vielleicht dazu bringen könnte, als Kronzeugin auszusagen."

"Nett." meinte Midori, während sie sich einen Orangensaft aus dem Bordkühlschrank holte. "Nur kann sie dem Staatsanwalt gar nichts über die Yakuza sagen, weil sie nichts darüber weiss."

"Schade, nicht wahr?" Ravana grinste gemein. "Und je heftiger sie alles abstreitet, desto mehr wird der Staatsanwalt von ihrer Schuld überzeugt sein."

"Und ihr aufbrausendes Temperament läßt sie im Verhör sicher früher oder später einen Fehler machen." fügte Midori zufrieden hinzu. "Schon was für die anderen Senshi geplant?"

"Ich denke, Jupiters Probleme werden auch die anderen beschäftigt halten. Und wenn nicht, dann lasse ich mir was einfallen, um das zu ändern. Weitere Senshi auf´s Korn zu nehmen könnte sich als kontraproduktiv erweisen. Vielleicht argwöhnen sie dann, daß jemand ihre Deckidentitäten kennt, und das könnte zu Komplikationen führen."

Midori schwieg eine Weile nachdenklich.

"Ich frage mich, wie sich das Gespräch zwischen dem Meister und Hotaru entwickelt hat."

"Falls es gut gelaufen ist, wird er sie möglicherweise als Taichis Assistentin einsetzen, damit sie den Umgang mit unseren Truppen lernt."

Midori machte für einen Moment ein enttäuschtes Gesicht.

"Eigentlich sollte ich bei 'Desert Devastation' in dieser Position dienen."

"Ich bin sicher, der Meister wird dir ebenfalls einen verantwortungsvollen Posten zuweisen." beruhigte Ravana ihre Begleiterin. "Sieh mich an. Während die Jungs sich auf den Beginn unserer Offensive vorbereiten, sitze ich hier und spiele mit den Senshi wie die Katze mit der Maus. Oder Kaori. Sie ist als Babysitter für General Craiden abgestellt worden. Diese Jobs mögen nicht wichtig aussehen, aber sie müssen trotzdem erledigt werden."

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"Ihr wolltet noch einmal mit mir sprechen, Meister."

Hotaru kniete am Fuß der Treppe vor dem Thron. Lord Traxius betrachtete sie forschend und kam zu dem Schluß, daß sie wesentlich gefasster wirkte, als zuvor.

°Gut. Sie hat gelernt, ihre Emotionen zu verbergen. Wenn auch noch nicht ausreichend, um damit bei mir erfolgreich zu sein. Sie ist bekümmert, aber ich spüre auch unterdrückte Wut und große Entschlossenheit. Das ist gut.°

"Erheb dich, meine Schülerin, und komm her."

Hotaru gehorchte und stand wenig später neben dem Thron.

"Ich muß dir eine Frage stellen, und ich möchte, daß du über die Antwort sehr genau nachdenkst."

Hotaru nickte, und ihr Lehrmeister begann zu sprechen.

"Ich habe dir ja schon gesagt, daß die Hauptursache für die Konflikte auf dieser Erde in der Geltungssucht und dem gegenseitigen Neid der verschiedenen Regierungen und Machtgruppen besteht. Die Folgen sind Krieg, Leid und Ausbeutung." Er betrachtete Hotaru für einen Moment schweigend. "Dein Traum ist es, später einmal Doktor zu werden, nicht wahr?"

Hotaru nickte.

"Als Doktor mußt du einem Menschen manchmal Schmerz zufügen, oder kleinere Schäden anrichten, um größeres Unheil zu vermeiden. Bei einem Krebsgeschwür zum Beispiel."

Sie nickte zustimmend.

"Neid und Geltungssucht sind auf gewisse Weise Krankheiten, die die Menschheit befallen haben." fuhr er fort. "Organisationen wie die UNO versuchen sich manchmal mit eher kümmerlichem Erfolg daran, die Symptome zu mildern, aber bisher ist noch niemand gegen die Ursachen vorgegangen."

"Die Ursachen?"

"Den Egoismus der einzelnen Machtgruppen auf dieser Welt, ihre Ideale, Wünsche und Ziele über die der Anderen zu stellen, anstatt ein gleichberechtigtes Nebeneinander zu praktizieren." erklärte er mit großem Ernst. "Der Eine gönnt dem Anderen nicht die Luft zum Atmen. Nationen bekriegen sich jahrelang um den Besitz von ein paar Quadratkilometern Wüste, mächtigere Nationen maßen sich an, entscheiden zu dürfen, auf welche Art weniger mächtige Länder regiert werden sollten. Und von den vielen Religions- und Rassenkonflikten will ich gar nicht erst anfangen zu reden. Wie aber stellt man dieses Problem ab?"

Nachdem Traxius eine Weile geschwiegen hatte, erkannte Hotaru, daß er von ihr eine Antwort erwartete.

"Man müßte diese Machtgruppen davon überzeugen, daß sie falsch handeln, und sie dazu bringen, ihr Verhalten zu ändern, und zum Wohl aller zusammenzuarbeiten." überlegte sie.

Ihr Lehrmeister stiess ein schwer definierbares Schnauben aus, das sowohl Belustigung, als auch Unglauben oder Ablehnung bedeuten mochte.

"Für die meisten dieser Gruppen bedeutet die Abkehr von ihrem selbstauferlegten Überlegenheits- und Dominanzanspruch zumindest in psychologischer und ideeller Hinsicht eine Niederlage. Wie wahrscheinlich ist es also, daß dein Vorschlag, so lobenswert er auch sein mag, sich in die Tat umsetzen lassen wird?"

"Nicht sehr hoch." gestand sie niedergeschlagen ein.

"Und das ist die Untertreibung des Jahres." kommentierte er mit mildem Spott. "Wir haben schon festgestellt, daß es nicht die Menschen, sondern die Regierungen - und darunter wollen wir jetzt mal alle größeren Machtgruppen und Anführer von Terroristenbanden verstehen - sind, die die Wurzel allen Übels sind."

"Aber...die Regierungen bestehen doch auch aus Menschen." wandte sie zögernd ein.

"Das ist wahr." gab ihr ihr Lehrmeister Recht. "Aber die Berufung in eine Führungsgruppe scheint die Menschen zu verändern. Der Regierungschef oder Terroristenführer mag derjenige sein, der die Entscheidungen trifft, aber er ist nicht derjenige, der mit den Konsequenzen konfrontiert ist. Er hockt nicht in einem Schützengraben, kriecht durch den Dschungel oder verübt Selbstmordanschläge. Die Führer dieser Welt müssen für ihre Aktionen nie selbst die Konsequenzen tragen. Sie können alles auf andere abwälzen, was ihnen nicht passt, und tun das in der Regel auch."

Hotaru dachte über diese Worte nach. Aus einer bestimmten Perspektive, und wenn man den Führern wirklich jene Geltungssucht und Rücksichtslosigkeit zuschrieb, die ihr Lehrmeister postuliert hatte - und die Beweise dafür waren überaus eindrucksvoll und überzeugend - hatte er absolut Recht. Die Menschen waren nicht schlecht, aber ihre Führer waren es.

"Es gibt da ein einfaches Prinzip, das die Balance zwischen den Rechten und Pflichten eines Individuums fordert." fuhr Traxius nach einer Weile fort. "In den demokratrischen Staaten hat der einfache Bürger das Recht, seine Regierung selbst zu wählen, und dafür die Pflicht, die staatliche Ordnung zu respektieren und gegebenenfalls zu verteidigen. Dummerweise haben die gewählten Führer zwar das Recht, im Rahmen jener Ordnung ohne weitere Einflußnahme von Außen zu regieren, aber nicht die Pflicht, sich an die Versprechen zu halten, die erst zu ihrer Wahl geführt haben. In den meisten Diktaturen hat das Volk die Pflicht, den Befehlen der Obrigkeit absolut Folge zu leisten, hat demgegenüber meistens aber so gut wie keine Rechte. In beiden Fällen ist die Balance gestört, und das traurige Ergebnis ist Chaos."

"Diese Mißverhältnisse zu beseitigen dürfte aber ziemlich unmöglich sein, Meister, da es sich über Jahre oder Jahrzehnte hinweg so entwickelt hat, und diejenigen, die die Macht hätten, etwas zu ändern, gerade diejenigen sind, die von den Mißständen am Meisten profitieren."

"Korrekt." entgegnete der Sithlord, zufrieden damit, daß Hotaru seine Ausführungen offenbar begriff. "Nun zu uns Machtbegabten oder den Senshi."

"Was ist mit uns?"

"Wir haben alle unglaublich große Macht, aber wir sind nicht Teil des Systems. Trotzdem unternehmen die Senshi nichts, um die Mißstände zu beseitigen." erklärte er. "Wer den Anspruch hat, später einmal über die Welt regieren zu wollen, so wie eure Prinzessin es tut oder tun wird, der sollte aber auch das nötige Pflichtgefühl haben, für die Verwirklichung dieser Visionen zu kämpfen, oder?"

"Ihr habt im zweiten Teil eurer Ausführungen nur die Senshi erwähnt, Meister."

"Das ist korrekt."

"Was ist mit euch und euren Schülern? Und inwiefern sollte uns die Tatsache, daß wir Gegenstände mit der Macht bewegen oder Leuten damit Schaden zufügen können, dazu berechtigen, die Regierung eines Landes zu übernehmen?"

"Das allein berechtigt uns zu gar nichts." stimmte er ihr zu. "Aber was du bis jetzt von der Macht gesehen hast, ist nur ein Bruchteil der wirklichen Möglichkeiten. Du kannst die Gedanken anderer Menschen lesen, und so ihre Beweggründe feststellen, ihre Geheimnisse herausfinden oder feststellen, ob du belogen oder getäuscht wirst. Du kannst durch Meditation mächtige Visionen erhalten, die dir Einblicke in die Entwicklung der Zukunft gewähren. Und je mehr du die Macht verstehen lernst, desto größer wird deine Weisheit werden, meine Schülerin. Diese Dinge sind es, die den wahren Wert der Macht ausmachen. Die Macht gibt dir die Möglichkeit, eine Situation so weit wie nötig zu kontrollieren. Und diese Kontrolle und die Ordnung die damit einhergeht, haben das Potential, diese unsinnigen, kleinkarierten Streitigkeiten zwischen den vielen Gruppen und Machtfraktionen auf diesem Planeten einzudämmen und ihre Rivalitäten, wo sie sich nicht aus der Welt schaffen lassen, wenigstens in kostruktive Bahnen zu lenken."

"Das klingt ein wenig nach Unterdrückung."

"Wenn ein Patient im Krankenhaus sich nicht zu sehr bewegen darf, um gesund zu werden, und der Arzt ihm deshalb Bettruhe verordnet, ist das dann Unterdrückung?" fragte er in einem Ton milder Zurechtweisung. "Natürlich ist es das, aber es geschieht zum Wohl des Patienten, und weil der Patient das weiß, wird er sich daran halten - auch wenn er gleichzeitig vielleicht darüber schimpfen wird."

"So habe ich das noch nie betrachtet."

"Und nun zu meiner wichtigen Frage: Wenn es gelingen könnte, Krieg und Gewalt ein Ende zu machen, wäre das dann nicht den Preis des Gehorsams gegenüber einer ordnenden Macht wert, deren starke Hand die Menschen an der Selbstzerfleischung hindert, und allen Frieden und Wohlstand bringt?"

Hotaru dachte lange über die Frage nach und kam zu dem Schluß, daß sie für eine endgültige Antwort zu wenig wußte.

"Was ist mit Meinungs- oder Religionsfreiheit?"

"Die Neue Ordnung gesteht allen Menschen diese Dinge zu." antwortete er ruhig. "Aber sie verlangt auch, daß jeder Mensch diese Rechte bedingungslos allen anderen Menschen zugesteht. Jeder Krawallmacher wird streng bestraft. Die Einhaltung der Gesetzte wird streng überwacht werden. Die damit teilweise verbundenen Einschränkungen der Privatsphäre werden durch eine drastische Reduzierung der Kriminalität und Erhöhung der Sicherheit ausgeglichen. Wir werden allerdings ein paar Eingriffe in die Wirtschaft vornehmen müssen, um die ungleiche Verteilung der Güter auf der Welt zu bekämpfen."

"Das klingt ja alles ganz gut, Meister. Aber wie wollt ihr diese Änderungen durchsetzen?"

"Der Plan ist einfach, aber er erfordert ein chirurgisches Maß an Gewalt." antwortete er mit einer Spur von Bedauern in der Stimme. "Genauso wie ein Arzt ein Krebsgeschwür aus dem Körper eines Patienten schneidet, werden wir die Ursache der Probleme aus der menschlichen Zivilisation entfernen."

Es dauerte einen Moment, bis Hotaru den Sinn dieser Worte erfasste.

"Die Regierungen?" rief sie geschockt.

"So ist es, meine Schülerin."

"Aber...wie?"

"Dazu kann ich dir erst mehr sagen, wenn du dich entschließt, unseren gerechten Kampf für Frieden zu unterstützen. Wir planen diese Aktion schon seit sehr vielen Jahren. Daher haben wir einen Nachrichtendienst aufgebaut, der alle bedeutenden Machtgruppen auf der Welt identifizieren sollte. Anfang dieses Jahres sind wir endlich damit fertig geworden, und seitdem planen wir die Details der großen Operation."

"Und ihr wollt sie wirklich alle vernichten?"

"Natürlich nicht. Jeder bekommt eine Chance, sich unserer Sache anzuschließen und die Neue Ordnung freiwillig zu akzeptieren." widersprach er ihrer Befürchtung. "Es ist nun an der Zeit für all diese Machtgruppen da draußen, ihre Wahl zu treffen. Wer nicht freiwillig akzeptiert, demonstriert damit, daß er nicht am Weltfrieden interessiert ist, und seine egoistischen Ziele über das Wohl der Welt stellt. Diesen Leuten werden wir die Möglichkeit zur Fortführung ihrer Aktivitäten nehmen, indem wir sie entwaffnen, und solange Truppen in ihren Gebieten stationieren, bis die Menschen dort begriffen haben, daß wir ihnen nichts Böses wollen, und daß es sich für sie lohnt, die Neue Ordnung zu akzeptieren und zu unterstützen."

Hotaru kaute nachdenklich an ihrer Unterlippe. Sollte sie den Vorschlag des Meisters akzeptieren? Sollte sie sich an seinen Aktionen beteiligen? Der Plan klang gut, aber er widersprach dem Stil der Senshi. Die Senshi hatten niemals als Erste angegriffen. Aber vielleicht war das ein Fehler gewesen. Sailor Moon selbst hatte schon eingestanden, daß sie nicht perfekt war und Fehler machte. Aber der Plan würde auch ohne sie ausgeführt werden, und wenn er Erfolg hatte, würde die Welt lange vor dem dreißigsten Jahrhundert in Frieden leben. Aber welches Recht hätten die Senshi...welches Recht hätte die Prinzessin dann, die Welt regieren zu wollen, wenn sie keinen Beitrag zur Errichtung dieses Friedens geleistet hatte? Gar keins. Wenn Kristall-Tokyo in der den Senshi bekannten Form Wirklichkeit werden sollte, würden die Senshi die Initiative ergreifen und den Meister unterstützen müssen.

Hotaru straffte sich unwillkürlich. Eine Aura der Entschlossenheit umgab sie plötzlich.

"Ich bin dabei. Ich unterstütze den Plan, Meister."

Lord Traxius neigte zustimmend den Kopf.

"Ein weiser Entschluß, meine Schülerin." Dann aktivierte er das Kommsystem seines Throns und rief Taichi herein, einen seiner Schüler, der den Briefverkehr zwischen Hotaru und ihren Adoptiveltern geregelt hatte.

"Mein Gebieter?" Taichi kniete am Fuße der Throntreppe.

"Erheb dich, und berichte mir von deinen Missionsvorbereitungen."

"Ich habe vor einer Stunde die letzten Statusmeldungen aller an Operation Blackout beteiligten Einheiten erhalten, Meister, und es ist alles bereit, um zu beginnen." berichtete er. "Die Stützpunkte, die für Desert Devastation vorgesehen sind, haben vor vier Tagen mit der Reaktivierung und Bereitmachung der Truppen begonnen und werden innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden bereit sein. Ich wollte in drei Stunden zum Operations-HQ abfliegen und die Truppen vor dem Einsatz inspizieren."

"Gut. Sobald du dort eingetroffen bist, kümmere dich um den Start von Blackout und koordiniere Blackout mit Desert Devastation."

"Ihr könnt euch auf mich verlassen, Meister. Es wird alles reibungslos verlaufen."

"Ich weiß, Taichi." Er nickte seinem Schüler wohlwollend zu. "Du kennst Hotaru?"

Taichi warf ihr einen kurzen Blick zu.

"Midori und Zirkonite haben mir ein wenig von ihr erzählt. Sie sind sehr von ihrer raschen Auffassungsgabe beeindruckt."

"Sie hat zugestimmt, unsere Pläne zu unterstützen, aber sie hat noch keine Erfahrung im Feld. Daher habe ich beschlossen, sie dir als Assistentin zur Seite zu stellen. Sorge dafür, daß sie für ein Kommando bereit ist, wenn deine Mission in der Wüste abgeschlossen ist."

"Ja, Meister."

"Geh mit ihm, Hotaru, er wird dir alles weitere erklären." gab Traxius ihr mit auf den Weg. "Lerne von ihm und höre auf daß, was er dir sagt."

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Jacen fühlte sich wie durch den Wolf gedreht, als er zusammen mit Ami endlich wieder zu Hause war - oder zumindest an dem Ort, den er vorläufig sein Zuhause nennen würde. Erschöpft liess er sich auf das Sofa im Wohnzimmer sinken, legte den Kopf in den Nacken und massierte sich seufzend die pochenden Schläfen.

Makotos unentschuldigte Abwesenheit beim Treffen im Hikawa-Schrein hatte für reichlich Diskussionsstoff gesorgt. Usagi hatte deshalb frühzeitig verschwinden wollen, mal wieder ein Termin in ihrem Lieblingseiscafe, worunter jedes Eiscafe fiel, daß viel Eiskrem für wenig Geld verkaufte. Rei hatte natürlich ihre Meinung dazu gesagt, von wegen Disziplinlosigkeit, fehlendes Verantwortungsgefühl und so weiter, und natürlich hatte sie ihre Einwände gegen Usagis Abgang auf ihre unnachahmlich diplomatische Art und Weise formuliert.

Natürlich war der Streit bald immer weiter eskaliert, und Ami und Minako waren fast nur damit beschäftigt gewesen, die beiden Streithennen zu beruhigen, so daß an eine sinnvolle Unterhaltung über welches Thema auch immer nicht zu denken gewesen war. Jacen hatte als erster gemerkt, daß es sinnlos war, das Treffen unter diesen Bedingungen fortzusetzen, aber er war hier nur Gast, und so hatte er sich zurückgehalten. Früher oder später würden die Anderen dies ebenfalls einsehen.

°Leider wurde es später.° dachte er ein wenig genervt. °Es ist mir rätselhaft, wie sie einerseits im Kampf gegen die Dunkle Seite so reibungslos zusammenarbeiten können, und sich gleichzeitig bei jedem Alltagsgespräch in die Haare kriegen.°

Nach einer weiteren Stunde hatten die Senshi schließlich ein Einsehen gehabt und das Treffen vertagt. Rei hatte beim Abschied angekündigt, über Makotos Verbleib ein Feuerorakel ausführen zu wollen, und die Anderen zu informieren, wenn sich was ergeben sollte. Das hatte Ami und Jacen etwas beruhigt.

"Normalerweise ist es nicht so schlimm wie heute." sprach Ami ihn entschuldigend an, als sie mit zwei Gläsern und einer Kanne Apfelsaft ins Wohnzimmer kam und sich zu ihm setzte. "Aber alle machen sich Sorgen um Makoto, und das macht Rei und Usagi reizbarer als sonst."

"Ich verstehe das." erwiderte Jacen ruhig, und dankte ihr für den kalten Saft. "Aber sie müssen lernen, ihre Ängste besser zu beherrschen. Wenn Makoto tot wäre, wüßte Usagi das inzwischen, und wenn sie in anderen Schwierigkeiten steckt, sollten die Zwei besser überlegen, wie man das rausfinden kann, um ihr zu helfen, anstatt Zeit mit unnützen Streitereien über Usagis Essgewohnheiten zu verschwenden."

"Du hast ja Recht." stimmte Ami zu. "Aber die Zwei sind ziemlich impulsiv, auch wenn Rei es vermutlich nie zugeben würde, daß sie in vielerlei Hinsicht Usagi ziemlich ähnlich ist."

"Wie gesagt...ich verstehe das. Es ist nur nicht sehr konstruktiv." seufzte der junge Jedi. "Wenn sie den Streit woanders ausgetragen hätten, hätten wenigstens du und Minako Gelegenheit zum Nachdenken gehabt."

"Hm." Ami sah ihn in einer Mischung aus Überraschung und Verlegenheit an. "Weisst du, Minako und ich sind wohl schon so daran gewöhnt, die Streitereien der Zwei zu schlichten, daß ich gar nicht auf diese Idee gekommen bin."

"Naja." Jacen zuckte mit den Schultern. "Morgen ist auch noch ein Tag. Und vielleicht hängt ihr Verschwinden ja damit zusammen, daß sie zum Direktor gerufen wurde. Dann erfahren wir morgen in der Schule sicher mehr."

"Und wenn nicht, dann versuchen wir, ihren Weg von der Schule aus zu rekonstruieren." fügte Ami enthusiastisch hinzu. Sie war froh, nun einen Plan zu haben.

"Siehst du." meinte Jacen grinsend. "Schon hast du bessere Laune."

Ami lächelte, erfreut aber auch etwas verlegen darüber, daß dieser Umstand für ihn eine Bedeutung hatte.

"Danke. Aber du scheinst auch etwas Aufmunterung gebrauchen zu können." Sie senkte den Blick, da sie sich nicht ganz unschuldig daran fühlte. "War das Treffen wirklich so schlimm?" fragte sie schuldbewußt.

Jacen seufzte. "Ich habe schon hektischere Versammlungen zu Hause in der Neuen Republik erlebt." gestand er. "Ich fühle mich zwar ziemlich erledigt, aber das hat wenig mit eurem Treffen zu tun."

"Womit dann?"

"Nerima." seufzte er. Dann schüttelte er sich. "Ich dachte, ich hätte schon so viel erlebt, daß mich nichts mehr wirklich schocken könnte. Aber was da in Nerima abgeht, müßte jeden normalen Menschen eigentlich in den Wahnsinn treiben."

Ami kicherte und nippte an ihrem Saft. In ihren Augen lag ein amüsiertes Funkeln, als sie daran dachte, wie der Tag in Nerima abgelaufen war.

"Ich gebe zu, der Ausflug nach Nerima war...nun ja...ereignisreich."

Jacen verzog die Lippen zu einem sarkastischen Grinsen.

"Ja. Sicher." schnaufte er. "So kann man es auch sagen."

Mit einem Schaudern dachte er an den jungen, schwarzhaarigen Mann in weissem Gewand, der aus dem Nichts vor ihnen aufgetaucht war, und der mit einem Schrei in der Art von 'Stirb, Saotome!' eine Straßenlaterne keine zwei Meter neben Jacen und Ami in einen Haufen kleiner Metallsplitter verwandelt hatte. Mit einer Unzahl von Ketten und anderen Nahkampfwaffen, die irgendwie aus den weiten Ärmeln seines Gewands aufgetaucht waren.

Oder der junge Mann, der wie ein feudaljapanischer Samurai gekleidet gewesen war. Zuerst hatte er Jacen in ziemlich verklausulierter und daher schwer verständlicher Sprechweise gefragt, wie er es wagen könne, ohne die Erlaubnis des Blauen Donners von Furinkan - was immer das sein mochte - mit seiner angebeteten Akane Tendo zu verkehren. Dann hatte er Jacen mit einem Holzschwert attackiert. Der Angriff hatte nur deswegen keinen Erfolg gehabt, weil plötzlich ein junger Mann mit langem Zopf, der dieselbe Art von Kleidung trug, die Amis Freundin ihr geliehen hatte, mit den Füssen voran auf dem Kopf des Schwertträgers gelandet war, und diesen tief in den Straßenbelag gerammt hatte, was diesen bewußtlos liegenbleiben liess. Jacen war immer noch nicht klar, wie der das so einfach hatte überstehen können. Fast direkt hinter dem ersten kam ein zweiter junger Mann in abgetragener Kleidung und mit einem schwarz-gelben Stirnband angesprungen und versuchte den ersten mit einem Regenschirm zu schlagen. Da der erste junge Mann jedoch auswich und lachend weiterrannte, verursachte der Schlag 'nur' einen zwei Meter durchmessenden Krater im Bürgersteig. Der junge Jedi wollte nicht wissen, was passierte, wenn der Bursche mal mit einer richtigen Waffe treffen würde. Mit einem Fluch und einem 'Ranma, das ist alles deine Schuld!' auf den Lippen war dann auch der zweite junge Mann weitergerannt.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Jacen überlegt, ob es nicht klüger wäre, diesen verrückten Ort schnellstmöglich zu verlassen. Aber Ami mußte die Kleidung abliefern, und an einem derart gefährlichen Ort konnte er sie unmöglich allein lassen. Wer konnte sagen, ob sie den Besuch in Nerima überleben würden?

Später hatte Jacen einen der beiden Kämpfer nochmal gesehen, als er auf einem Drahtzaun entlanggesprintet war. Auf einem Drahtzaun! Jacen konnte es noch immer nicht fassen. Wenig später war er vom Zaun gesprungen, und Jacen hatte ihn für eine Sekunde aus den Augen verloren, als ein vorbeifahrender Lastwagen ihm die Sicht versperrte. Der kurze Moment hatte dem Jungen genügt, um spurlos zu verschwinden. Dort, wo er hätte stehen müssen, stand nur ein nasses, rothaariges Mädchen, das murmelnd vor sich hinfluchte und aus irgendeinem Grund wütend auf seinen Vater war.

Er und Ami hatten sich beeilt, die Kleidung abzuliefern und wieder zu verschwinden. Kasumi Tendo hatte einen wirklich netten und normalen Eindruck gemacht, wohl keine Selbstverständlichkeit in diesem Stadtteil, als sie Ami die Kleidung abgenommen hatte. Bei der Gelegenheit hatte Jacen einen Blick auf die Veranda erhaschen können, wo ein älterer Mann saß, und irgendein Brettspiel spielte. Gegen einen Panda!

Kurz danach hatte er ein Mädchen, das Ami ziemlich ähnlich sah, aus dem Nichts einen gewaltigen Holzhammer erscheinen lassen, mit dem sie das rothaarige Mädchen von vorher in den Boden gerammt hatte. Und das war wörtlich zu verstehen. Noch unglaublicher war, daß sie den Treffer weggesteckt hatte, wie einen Schlag mit einem Papiertaschentuch, und anschließend sogar den Nerv gehabt hatte, das Mädchen mit dem Hammer zu verspotten - was der Beginn einer weiteren verrückten Verfolgungsjagd gewesen war.

Nach diesen Erlebnissen dankte Jacen der Macht, daß er und Ami körperlich und geistig unversehrt aus Nerima herausgekommen waren, und schwor sich, diesen Stadtteil von Tokyo nie wieder zu betreten.

"Ich gebe zu, die Sache mit dem Panda war schon etwas extrem." unterbrach Ami mit schelmischem Grinsen seine Gedankengänge. "Aber abgesehen von dem verrückten Dichter mit dem Holzschwert ist uns dort nichts Gefährliches passiert, und Überfälle können schließlich überall passieren."

"Was Usagi wohl zu dem Panda gesagt hätte." fragte er in dem Versuch, die Stimmung zu heben.

Ami lachte.

"Vermutlich hätte sie das arme Tier zu Tode geknuddelt."

Jacen lächelte amüsiert.

"Okay. Und jetzt wo auch du gute Laune hast...was sollen wir machen?"

"Weiss nicht." antwortete Jacen unschlüssig. "Irgendeine Idee?"

"Wir könnten fernsehen." schlug Ami vor. "Gleich kommt eine Doku über Innovationen in der Raumfahrttechnologie und Astronomie. Auch wenn es aus deiner Sicht vermutlich eher ein technologischer Rückschritt in die graue Vorzeit sein dürfte."

Jacen nickte.

"Klar. Warum nicht. Und es besteht kein Grund, sich für das Technologieniveau deiner Welt zu entschuldigen, Ami. Uns hat man die interstellare Raumfahrt schließlich nicht in die Wiege gelegt."

°Uns auch nicht. Aber nach dem Krieg am Ende des Silberjahrtausends haben wir so unglaublich viel von unserem Wissen verloren.° dachte sie ein wenig wehmütig.

Dann machten sie es sich nebeneinander auf dem Sofa bequem, bereit für einen unterhaltsamen und entspannenden Fernsehabend.

Jacen, der ganz andere Technologien gewöhnt war, staunte schon bald mehr und mehr beeindruckt über den Einfallsreichtum der Menschen. Innerhalb weniger Jahrzehnte hatte die Menschheit einen gewaltigen Sprung vorwärts gemacht.

Irgendwann im Verlauf der Sendung schlief Ami trotz ihres Interesses an der Materie schließlich ein. Der junge Jedi bemerkte dies erst dadurch, daß Ami gegen ihn rutschte, und ihr Kopf auf seiner Schulter landete. Ein wenig überrascht drehte er den Kopf so weit, daß er ihr Gesicht sehen konnte, und mußte unwillkürlich lächeln.

°Wenn sie schläft, sieht sie so unglaublich friedlich und unschuldig aus.° dachte er bewundernd. °In dieser Hinsicht ist sie Jaina ziemlich ähnlich.° Seiner Zwillingsschwester hatte er früher auch gern beim Schlafen zugesehen. Dieser Anblick löste bei ihm jedes mal große Zufriedenheit aus und hob seine Laune. Vielleicht lag dies daran, daß seine Schwester genausowenig wie er immer mit diesem seeligen Schlaf gesegnet gewesen waren. Es hatte eine Zeit gegeben, als er und Jaina von furchtbaren Alpträumen heimgesucht worden waren, ein Präsent eines rachsüchtigen Dunklen Jedis, wie sein Onkel und seine Mutter irgendwann herausgefunden hatten.

Nach Monaten, in denen er Angst vor dem Schlafen gehabt hatte, und er über den gleichartigen Schrecken, den seine Schwester hatte durchmachen müssen, sehr bekümmert gewesen war - er hatte ihr helfen wollen, war aber nicht dazu in der Lage gewesen, etwas gegen ihre Alpträume auszurichten - betrachtete er ruhigen, unbekümmerten Schlaf mit ganz anderen Augen.

Nach einiger Zeit jedoch bewegte Ami sich unruhig neben ihm und begann angstvoll etwas im Schlaf vor sich hin zu murmeln.

Jacen bemerkte bekümmert Amis angstverzerrtes Gesicht. Zuerst zögerte er etwas, aber dann strich er ihr sanft mit der Hand über die Wangen und flüsterte beruhigende Worte, in der Hoffnung, die Schlafende so vom Wildwasser ihres Alptraums in die ruhigen Gewässer gewöhnlicher Träume geleiten zu können. Als das nichts half, griff er kurzentschlossen mit der Macht hinaus in ihren Geist, um die tobenden Emotionen zu beruhigen. Dabei erkannte er betroffen, daß sie von einem früheren Todeserlebnis träumte. Die Intensität des Traums war so gewaltig, daß Jacen mehr mentalen Druck als er gewillt war auszuüben auf sie hätte einwirken lassen müssen, um ihren Alptraum zu vertreiben.

°Arme Ami.° dachte er betrübt. °Unter diesen Umständen hast du sicher nichts dagegen, wenn ich deinen Schlaf störe.°

Er begann sie sanft zu rütteln, und dabei leise ihren Namen zu rufen. Erst reagierte sie nicht. Dann jedoch zuckte sie zusammen, als hätte sie einen elektrischen Schlag erhalten, und riß mit einem Schrei die Augen auf.

"Shhh. Ganz ruhig." murmelte er sanft, während er sie beruhigend in den Arm nahm. "Du hattest einen Alptraum, und darum habe ich dich geweckt."

Er mußte seine Erklärung zweimal wiederholen, bis sich das zitternde Bündel, das sich an ihn geklammert hatte, wie ein Ertrinkender an einen Rettungsring, wieder beruhigt hatte.

Langsam kam Ami wieder zu Sinnen. Sie bemerkte, daß Jacen seine Arme um sie gelegt hatte, und irgendwie fühlte sie sich dadurch sicher, während die Nachbilder ihres Alptraums langsam verblassten.

"Danke." murmelte sie noch immer ein wenig schläfrig und umarmte ihn freundschaftlich.

"Das muß ja ein furchtbarer Traum gewesen sein." bemerkte Jacen besorgt.

"Ich habe von unserem letzten Kampf gegen Königin Beryl und das Dunkle Königreich geträumt." erklärte sie leise.

"Willst du darüber reden?"

"Da gibt´s nicht viel zu sagen." meinte sie. "Im letzten Kampf gegen Beryl sind alle Senshi außer Sailor Moon gestorben. Wir haben ihr den Weg bis ins Zentrum von Beryls Macht geebnet, wo Moon sie schließlich besiegt hat."

Jacen schaute sie stirnrunzelnd an.

"Aber..." unsicher suchte er nach den richtigen Worten.

"Ich weiss, was du jetzt denkst." Ami lächelte verständnisvoll und legte ihre Hände auf Seine. "Die Macht des Silberkristalls hat für unsere Wiedergeburt gesorgt. Zuerst konnten wir uns an unsere gemeinsame Vergangenheit nicht erinnern, aber dann wurde die Welt durch zwei außerirdische Wesen bedroht, und unsere alten Erinnerungen kehrten zurück, damit wir erneut zusammen die Welt beschützen konnten."

Jacen reflektierte schweigend Amis Erklärung und nickte dann langsam.

"Du glaubst mir also?" fragte Ami in einer Mischung aus Überraschung und Erleichterung. Eigentlich hatte sie mit mehr Skepsis gerechnet.

"Du hast doch keinen Grund, mich zu belügen." stellte er simpel fest. "Außerdem vertraue ich dir, und deshalb..."

Ami runzelte besorgt die Stirn, als er mitten im Satz aufhörte zu reden, und stattdessen entsetzt und mit offenem Mund an ihr vorbeistarrte. Sie folgte seinem Blick zum Bildschirm des Fernsehers, auf dem gerade ein Werbespot einer japanischen Großbank lief.

"Jacen? Alles in Ordnung?" erkundigte Ami sich besorgt.

Der junge Jedi drehte den Kopf in ihre Richtung. In seinem flackernden Blick zeigte sich purer Horror und fast hätte er über Amis Frage hysterisch gelacht. Gar nichts war in Ordnung, außer das Jacen endlich einen Hinweis hatte, wieso er hier auf der Erde gelandet war. Oder besser gesagt: Wer dafür verantwortlich war.

"Ami." flüsterte er mit bebender Stimme.

"Ja?"

"Du mußt alles über diese Bank herausfinden, was du kannst."

"Warum?"

Jacens Blick wanderte erneut zum Fernseher, auf dem gerade das Logo der Bank verschwand, als der nächste Werbespot begann. Ein Logo, das rein zufällig mit dem Symbol des Imperiums identisch war.

Und Zufall war etwas, woran der junge Jedi nicht glaubte.

"Ich glaube, die Bank birgt ein gefährliches Geheimnis."

"Und wie kommst du darauf?" erkundigte Ami sich. "Ich meine, ich helfe dir natürlich, aber ich wüßte gern, wie du darauf kommst."

"Das Firmenlogo ist identisch mit dem Staatssymbol des Imperiums." antwortete er mit großer Dringlichkeit. "Das halte ich nicht für einen Zufall."

"An Zufall glaubst du ja eh nicht." meinte sie mit amüsiertem Lächeln und erhob sich vom Sofa.

"Wohin willst du?"

"An meinen Computer." erwiderte sie unternehmungslustig. "Mal sehen, was ich im Internet über die Bank rausfinden kann."