--°''°-- Kapitel V --°''°--
„Miss Granger, kommen Sie bitte nach der Stunde zu mir." McGonagalls Stimme drang kaum durch den dichten Nebel, der sich in Hermines Kopf ausgebreitet zu haben schien. Die ganze Verwandlungsstunde über hatte sie blicklos vor sich hingestarrt und auf McGonagalls Fragen schüttelte sie nur verneinend den Kopf, was großes Erstaunen in der Klasse auslöste. Seit Hermine Harry gestern Nachmittag mit Cho entdeckt hatte, erschien ihr alles wie ein Traum. Ein äußerst schmerzhafter, grausamer Albtraum. Das beständige Pochen in ihrem Kopf machte es ihr auch nicht gerade leicht, sich auf irgendetwas zu konzentrieren.
Das Abendessen war ihr wie eine Folter vorgekommen. Harry war kurz nach Ron und Hermine in die Große Halle spaziert, ein paar Schritte hinter ihm folgte Cho mit leicht zerzaustem Haar. Als Hermines Blick auf die Beiden fiel, fühlte sie sich, als ob sich eine eisige Hand um ihr Herz klammern würde. Harry schritt lächelnd auf sie zu, um sich auf seinen üblichen Platz zwischen Ron und Hermine zu setzen. Er schaufelte sich Auflauf auf den Teller, als sei nichts geschehen, als ob er ein vollkommen reines Gewissen hätte. Nun, er wusste ja auch nicht, dass sie ihn erwischt hatte, wie er sie betrog. Wie konnte er nur? Wusste er denn nicht, wie viel er ihr bedeutete, wie sehr sie ihn liebte?
Als es schließlich zum Stundenende klingelte, packte sie langsam ihre Sachen und schritt dann vor zum Lehrertisch. Die Professorin sah sie mit ernstem Gesichtsausdruck an und wartete, bis sich außer ihnen keiner mehr im Raum befand.
„Miss Granger, was auch immer mit ihnen los ist, ich hoffe, dass sich das bis zur nächsten Stunde erledigt hat. Sie haben ja auf keine meiner Fragen antworten können." Hermine blickte betreten zu Boden. „Es tut mir leid, Professor", war alles, was sie hervorbrachte. McGonagall fuhr unberührt fort. „Ich kann nur hoffen, das dies heute nur eine Ausnahme war. Wie sie wissen, fangen die Prüfungen bald an, und wir erwarten wie immer Höchstleistungen von ihnen." Dann erweichte sich die Stimme der ernsten Professorin. „Sollte sie irgendetwas bekümmern, oder ihnen Probleme machen, dann können sie mit mir darüber reden, Miss Granger." „Danke Professor", erwiderte Hermine leise und drehte sich zum Hinausgehen.
Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, seufzte die alte Lehrerin auf und lehnte sich müde gegen ihren Schreibtisch. „Armes Mädchen. Hoffentlich bessert sich ihr Zustand bald wieder", sprach sie leise in den leeren Klassenraum.
Doch das würde so bald nicht geschehen...
Auch in Professor Flitwicks Unterricht erging es Hermine nicht besser. Der kleine Lehrer hielt es für nützlich, wenn seine „beste Schülerin" vor der ganzen Klasse einen (teilweise) neuen Zauberspruch ausprobieren würde. „Nun Miss Granger, ich glaube, sie schaffen das doch locker. Es ist ein Levitationszauber wie ‚Wingardium Leviosa', nur dass sie hierbei gleich zwei Dinge auf einmal schweben lassen können. So Miss, ich mache es ihnen vor, und dann probieren sie es einmal." Der kurze Professor hob seinen Zauberstab, schwenkte ihn in einer komplizierten Bewegung und sprach: „Wingarduo Leviosa". Dann zeigte er auf ein Buch, das vor ihm auf dem Tisch lag, dann auf ein weiteres, und nach wenigen Sekunden schwebten zwei Bücher über den Köpfen der Schüler. Dann ließ er sie langsam wieder sinken und deutete Hermine, es ihm nachzumachen. Wie nicht anders erwartet, klappte es auf Anhieb. Professor Flitwick war sichtlich entzückt. Hermine wandte ihre Augen von den schwebenden Büchern zu dem lächelnden Lehrer.
Dann glitt ihr Blick durch die Klasse, wo ihr Blick auf Harry fiel, der ihr gespannt zusah. Als er ihre Augen auf ihm ruhen fühlte, lächelte er ihr aufmunternd zu. Hermine spürte einen scharfen Stich in der Magengegend. In diesem Moment zerfetzten die schwebenden Bücher mit lautem Reißen über ihrem Kopf. Professor Flitwick hüpfte erschrocken von seinem Platz auf. „Huch, wie konnte das denn passieren?" Als es schließlich klingelte, war Hermine die Erste, die den Raum verließ.
So konnte es einfach nicht weitergehen! Sie musste Harry endlich darauf ansprechen. Doch was gab es denn schon noch zu Reden? Es war doch sowieso vorbei. Er hatte sie hintergangen. Wie konnte er das nur tun? Hatte er ihr nicht immer wieder gesagt, wie viel sie ihm bedeutete? War das denn alles gelogen gewesen? Düster starrte Hermine vor sich hin. Sie war nach dem Unterricht bei Professor Flitwick umgänglich in das Badezimmer der Vertrauensschüler gerannt. Seit sie im 5. Schuljahr zur Vertrauensschülerin ernannt wurde, benutzte sie diesen Ort, wenn ihr der Tumult im Gemeinschaftsraum zuviel wurde. Erschöpft setzte sich Hermine an den Rand des Pools und ließ ihre Beine ins Wasser hängen.
Wie lange sie dort saß, konnte sie später nicht mehr sagen, doch als die Tür plötzlich geöffnet wurde, schreckte Hermine in die Wirklichkeit zurück.
„Granger, das kann doch nicht wahr sein. Wieso finde ich dich in letzter Zeit immer, wenn du gerade auf dem Boden hockst?! Du flennst doch nicht etwa schon wieder?" Genervt verdrehte Hermine ihre Augen, als sie Draco Malfoys Stimme vernahm. „Lass mich in Ruhe, Malfoy." Sie konnte sein schleimiges Grinsen förmlich spüren. Wie konnte Dumbledore nur jemanden wie ihn zum Vertrauensschüler machen? Gab es denn keinen fähigeren Slytherin als diesen Verfechter aller Reinblüter?
„Was war denn in Verwandlungen mit dir los? Ich dachte schon, McGonagall kippt gleich aus den Latschen, als du ihr nicht richtig antworten konntest. Ich wette, du hast damit ihr Weltbild zerstört. Du weißt doch sonst immer alles, Granger!" „Auch ich weiß nicht alles, Malfoy", sagte sie leise. Draco lachte amüsiert. „Ach, was denn zum Beispiel?" Hermine holte zitternd Luft. „Zum Beispiel, warum Harry....ach, vergiss es." Müde schüttelte sie ihren Kopf, dann erhob sie sich schnell und schlüpfte an ihm vorbei aus dem Raum.
Irrte Draco sich, oder hatte er ihre Augen verdächtig feucht schimmern sehen?
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