--°''°-- Kapitel VI --°''°--

Es war am gleichen Tag, abends im Gemeinschaftsraum. Nach ihrer Begegnung mit Malfoy hatte Hermine sich mit einem Wälzer in eine Ecke verzogen und ein mürrisches Gesicht aufgesetzt, damit auch ja keiner auf die Idee kam, sie anzusprechen. Doch Harry, der wenig später durch das Porträtloch schritt, ließ sich von ihrer Miene nicht abhalten. Freudig kam er zu ihr hinüber und setzte sich neben sie. „Hey, Hermine", versuchte er ihre Aufmerksamkeit zu erringen. Doch sie blickte nicht auf. Er sollte die Tränen, die in ihren Augen schimmerten, nicht sehen. „Hey", erwiderte sie nur lahm. Daraufhin runzelte er die Stirn.

„Hermine, was ist denn los mit dir? Du bist schon den ganzen Tag so komisch." Besorgt blickte er sie an, doch sie wich seinem Blick aus. „Wenn du meinst", war ihre einzige Reaktion. Bedächtig blätterte sie die Seite ihres Buches um. Harry sah sie verwirrt an, doch als nichts mehr von ihr kam, sah er sich im Gemeinschaftsraum um. Bis auf ein paar Nachzüglern war der Raum vollkommen leer. ‚Wieso ist sie nur so komisch?', dachte Harry verwirrt. Doch dann schlich ein leiser Verdacht in ihm hoch, und ein flaues Gefühl breitete sich in seinem Magen aus. Sie konnte nichts davon wissen, oder?

Hermine holte ihn in die Wirklichkeit zurück, indem sie ihr Buch geräuschvoll zuklappte. Dann erhob sie sich und ging auf die Treppe zum Mädchenschlafsaal zu. Doch bevor sie weit gekommen war, packte Harry sie ums Handgelenk und hielt sie fest. „Hermine, sag mir doch einfach, was mit dir los ist!"

Hastig drehte sie sich zu ihm um. „Was mit mir los ist?", wiederholte sie mit eisiger Stimme. Dann schien ihre Kontrolle zu brechen. „Wie kannst du nur so scheinheilig tun?" schrie Hermine ihm außer sich entgegen. Harry wurde blass.

„Verdammt, ich habe dich gestern mit Cho gesehen!", schleuderte sie ihm ins Gesicht. Erschrocken über ihren Ausbruch machte er ein paar Schritte zurück. Dann schlich die Erkenntnis über sein Gesicht und er ließ den Kopf hängen. ‚Also doch', dachte er. Endlos schien sich die Stille zwischen ihnen auszubreiten.

 ‚Verdammt, sag etwas, Harry', dachte sie. Doch es kam nichts.

„Wie lange geht das schon so, Harry?", fragte Hermine schließlich und unterdrückte nur mühsam die aufsteigenden Tränen. Er sah nicht auf, als er antwortete. „Knapp eine Woche."

Hermines Kopf schoss hoch. Schon seit einer Woche?

„Warum?", fragte Hermine mit vor Wut bebender Stimme. Da sah Harry wieder auf und starrte sie lange an. Dann antwortete er defensiv: „Hermine, ich... sie gibt mir das, was du mir nicht gibst." Hermine traute ihren Ohren kaum. „Was? Bedeute ich dir nicht mehr als sie? Ich... ich dachte, du liebst mich!" Harry schüttelte angespannt den Kopf. „Es geht nicht um darum, ob sie mir mehr bedeutet, Hermine. Cho interessiert sich wirklich für mich. Was ich bei dir bezweifle..."

Kurz war Hermine wie erstarrt. „Wie meinst du das?", fragte sie dann mit Grabesstimme.

Harrys grüne Augen brannten sich in Ihre und sie schienen unnatürlich zu leuchten. „Ach, komm schon. Du hast mich doch in letzter Zeit kaum noch beachtet. Andauernd hast du über deinen Büchern gehangen." Hier stockte er kurz und fuhr dann leiser fort. „Und selbst wenn wir zusammen waren, schienst du nie richtig da zu sein." Verzweifelt blickte er zu Boden. Er konnte ihr nicht in die Augen sehen. „Und dann war da plötzlich Cho, flirtete mit mir und gab mir die Aufmerksamkeit, die du mir nicht geben wolltest", fuhr er leise fort.

„Es ist also meine Schuld, dass du mich betrügst", hisste Hermine ihm entgegen. Sie bemerkte, wie sie vor Wut zitterte. Bevor er die aufsteigenden Tränen in ihren Augen sehen konnte, wandte Hermine sich von Harry ab und rannte die Stufen zu ihrem Schlafsaal hinauf.

Harry sah ihr mit schmerzverzerrtem Gesicht hinterher. Dann fing er an zu zittern und er ließ sich schwer auf die nächste Couch sinken. Dort vergrub er das Gesicht in seinen Händen. ‚Wie konnte ich ihr nur so etwas sagen?', dachte er verzweifelt. Sein Atem ging hektisch und er spürte, wie sich ihm ein Schluchzen entrang. ‚Was habe ich nur getan? Wie konnte ich das nur tun?'

Doch niemand vernahm Harrys verzweifelte Gedanken.

Am nächsten Morgen saß er zum Frühstück am Tisch mit Cho, die sich neben ihm platziert hatte. Als sie gesehen hatte, wie Hermine sich so weit wie nur möglich von ihrem Freund weggesetzt hatte, war sie aufgestanden und hatte sich zu den Gryffindors gesellt. Ron, einige Sitze entfernt, warf Cho einen missbilligenden Blick zu, den sie jedoch nur mit einem zuckersüßen Lächeln quittierte.

Harry bekam von alledem nichts mit; sein Blick war auf Hermine gerichtet, die ganz am anderen Ende des Tisches neben Neville Longbottom saß. Er sah, wie Neville sich zu ihr wandte und ihr irgendetwas erzählte, worauf hin Hermine ihm ein klägliches Lächeln schenkte. Sie sah aus, als hätte sie die ganze Nacht nicht geschlafen; dunkle Ringe lagen unter ihren Augen, die rot und verquollen wirkten. Harry spürte einen Stich Schuldbewusstsein, als ihm bewusst wurde, dass er der Grund dafür sein musste.

Als Cho bemerkte, wen Harry anstarrte, legte sie besitzergreifend ihren Arm um seine Hüfte. Dann beugte sie sich zu ihm hinüber, so dass ihr Mund nahe an seinem Ohr war. „Du hast ihr wohl von uns erzählt, hmm?", hauchte sie ihm verführerisch ins Ohr. Es war unnötig zu erwähnen, von wem sie sprach. Zu ihrer Überraschung befreite sich Harry aus ihrer Umklammerung. „Hör auf damit, Cho", stieß er angewidert hervor, stand auf und verließ eilig die Große Halle.

Hermines Blick hatte das ganze Geschehen verfolgt. Angefangen damit, wie Cho vom Tisch der Ravenclaws aufgestanden war und sich neben Harry gesetzt hatte.

‚Tja, dann ist ihre Beziehung wohl jetzt offiziell', dachte sie bitter und wandte ihren Blick ab. Sie spürte bereits, wie ihr wieder Tränen in die Augen stiegen. Neville neben ihr versuchte vergeblich, sie aufzuheitern.

Den Blick auf ihren Teller gerichtet, sah sie nicht, wie sich Harry von Cho losmachte und aus der Halle verschwand. Nachdem sich Hermine gezwungen hatte, einige Bissen zu essen, machte sie sich auf zur Bibliothek.