--°''°-- Kapitel VIII --°''°--

Nachdem Hermine Ron zum Krankenflügel gebracht hatte, damit Madam Pomfrey die giftigen Stacheln aus seinem Arm ziehen konnte und ihm notfalls ein Gegengift zu verabreichen, machte sie sich alleine auf den Weg zu den Kellern.

Zaubertränke bei Snape stand als nächstes auf dem Stundenplan. Wie nun schon jedes Jahr hatten sie wieder mit den Slytherins zusammen, die von ihrem Hauslehrer Snape unverschämt bevorzugt wurden. Sie drängte sich an einigen kichernden Mädchen vorbei, zu denen auch Pansy Parkinson zählte. Die Slytherin, die seit dem Ball in der vierten Klasse andauernd hinter Draco Malfoy her war, schien gerade eine ihrer Erfolgsgeschichten in Sachen Draco zu erzählen.

 „...und dann hat er mich in eine Ecke gezogen und dort ist er praktisch über mich hergefallen. Glaubt mir, er kann ja sooo wild werden." An dieser Stelle unterbrach Pansy, weil die anderen Mädchen wieder anfingen zu kichern, einige von ihren waren vor Aufregung sogar schon ganz rot im Gesicht.

 Hermine verdrehte genervt die Augen und ging ins Klassenzimmer, jedoch nicht ohne noch zu hören, wie die anderen Pansy anflehten, weiterzuerzählen. Auf der Türschwelle blieb Hermine unsicher stehen; sonst saß sie immer neben Ron und Harry. Doch sie konnte sich unmöglich alleine neben Harry setzen. Ron saß eigentlich immer zwischen ihnen, so dass sie nicht gezwungen war, mit Harry zu reden. Doch da entdeckte sie zu ihrer Erleichterung einen freien Platz, direkt neben Parvati Patil. ‚Ausgerechnet diese Tratschtante', dachte Hermine, ging aber dann doch zu ihr hinüber. Parvati betrachtete sie erstaunt. „Setzt du dich gar nicht neben Harry?", fragte sie, sichtlich erstaunt. „Heute nicht, er würde mich nur zu sehr ablenken, wenn du verstehst. Und das würde schließlich meine Zensur beeinträchtigen", sprach sie und senkte vertrauensvoll ihre Stimme. Parvati verstand den Hinweis offenbar, denn ein breites Grinsen kroch über ihr Gesicht. „Ahaa, schon klar. Na, ihr Turteltauben, ihr sollt ja auch nicht im Unterricht Händchen halten."

Damit rückte sie ein Stück zur Seite, um Platz für Hermine zu machen. Als sie gerade ihre Sachen auspackte, stürmte auch schon Professor Snape mit wehendem Umhang und gewohnt düsterem Blick in den Keller. Es schien, als ob die Temperatur im Raum plötzlich drastisch gesunken wäre. ‚Snapes kalte Aura', dachte Hermine leicht amüsiert. „Heute werden Sie einen komplizierten und anspruchsvollen Trank herstellen. Er erfordert höchste Konzentration, also sollten sie vielleicht lieber ihre Gespräche einstellen, Mr. Finnigan, Mr. Thomas", sprach er, noch während er durch die Klasse nach vorne zum Lehrerpult rauschte. Seamus und Dean verstummten schlagartig.

Vorne angekommen wandte sich Snape zur Klasse um und musterte sie abschätzend. „Einige von ihnen", und dabei glitt sein Blick über die Gryffindors, „werden sicherlich nicht in der Lage sein, den Trank richtig herzustellen." Hermine sah, wie die Slytherins belustigt zu ihnen hinüber schauten. „Dennoch rate ich ihnen, sich Notizen zu machen, denn es wäre gut möglich, dass diese Thematik in ihrer ZAG- Prüfung am Ende des Schuljahres drankommt." Neville und einige andere zogen bei dem Wort „Prüfung" ängstlich ihre Köpfe ein.

„Heute brauen wir den Trank der Erkenntnis. Weiß jemand, was er bewirkt?"

Wie immer schoss Hermines Hand sofortig in die Höhe. „Ja, Miss Granger", forderte er sie mit gelangweilter Stimme auf. ‚Muss dieses Mädchen denn immer alles wissen?', dachte er leicht genervt. Doch Hermine beachtete den abfälligen Tonfall nicht weiter.

 „Er lässt die Person, die ihn trinkt, in den Verstand desjenigen schauen, den sie am wenigsten versteht." Snape ließ sich nicht einmal dazu herab, zu sagen, dass sie Recht hatte. „Und kennt jemand die Zutaten?"

Langsam wanderte Harrys Hand in die Höhe. „Potter", sagte Snape mit erstaunter Stimme. „Na dann, lassen Sie uns an ihrem umfangreichen Wissen teilhaben", setzte er gehässig hinterher.

Harry klang ruhig, obwohl Hermine wusste, dass er innerlich kochen musste.

 „Man benötigt fünf Körner Drachensand, ein Blatt von einer Alraune und Eisenhut."

Snape betrachtete Harry mit zu Schlitzen verengten Augen. „Fehlt da nicht noch etwas, Potter?", fragte er leise. Seine Augen glitzerten gefährlich. Harry schien unter Snapes stechenden Blick auf seinem Platz zu schrumpfen. Als er nicht antwortete, verzog sich dessen Mund zu einem gemeinen Grinsen. „Keinen Schimmer? Sie wissen also nicht, dass ein Tropfen Veritaserum die vierte Zutat ist?" Harry konnte nur stumm den Kopf schütteln. „Bedauerlich." Damit wandte Snape sich wieder an den Rest der Klasse. „Nun, da sie alle Zutaten kennen, fangen sie an. Am Ende der Stunde überprüfen wir den Trank von jedem Einzelnen." Hermine, die Harry besorgt beobachtet hatte, drehte sich wieder nach vorne und widmete sich ihrer Arbeit.

Nach einer halben Stunde brodelten auf allen Tischen die Kessel. Snape strich durch die Reihen und gab hier und da seinen Kommentar ab. „Miss Parkinson, ihr Trank ist gelb. Die richtige Farbe ist aber blau." „Ausgezeichnet, Mister Malfoy." „Finnigan, nur einen Tropfen Veritaserum!" Schließlich stand er vor Hermines Kessel. „Sind sie fertig?", fragte er herablassend. „Ja, Professor", erwiderte sie mit fester Stimme. „Dann probieren sie ihn schon mal aus. Holen sie sich von vorne einen Becher." Damit wandte er sich ab und ging weiter. Nachdem sie ihren Becher gefüllt hatte, starrte Hermine prüfend auf die bläuliche Flüssigkeit. „Na dann, Prost!", sagte sie sich selbst und leerte den Becher in drei großen Schlücken. Es schmeckte wie mit Wasser verdünnter Sirup. Ein paar Sekunden lang passierte nichts. Doch dann spürte sie kurz ein seltsames Kribbeln in ihrem Kopf. Das verging jedoch schnell wieder, und plötzlich fühlte sie... etwas. Eindrücke von Gedanken und Gefühlen stürmten auf sie ein. Suchend blickte sie durch die Klasse. Von wem kam das? Als ihr Blick über Draco glitt, verstärkten sich die Eindrücke. Sie schienen klarer zu werden. ‚Er? Ihn verstehe ich am wenigsten?', dachte sie verwundert. Aber dann wurde ihr bewusst, dass es stimmte. Sie hatte nie begriffen, wieso er sich so benahm, wieso er so eingebildet oder so abweisend war...

Als er plötzlich aufblickte und ihre Blicke sich trafen, durchfuhr sie wieder etwas. ‚Was? Das kann doch nicht sein?', dachte sie verwirrt...

   Als Draco schließlich fertig war, starrte er unschlüssig in seinen Becher, dann seufzte er und hob ihn an die Lippen. ‚Hoffentlich erwische ich nicht Pansy. Auf ihren Verstand kann ich auch gut verzichten', dachte er, während ihm die Flüssigkeit die Kehle hinunter lief.

Plötzlich fühlte Draco, wie es in seinem Kopf zu prickeln begann. Als nach kurzer Zeit eine Welle von Schmerz durch ihn hindurch jagte, blickte er überrascht durch die Klasse. Von wem war das gekommen? Wessen Verstand war das gewesen?

 Sein Blick blieb bei Harry hängen. Ja, er strahlte diese Gefühle aus.

‚Also bin ich in Potters Verstand eingeklinkt', dachte Draco halb amüsiert und halb angewidert. Harry starrte an ihm vorbei, und Draco folgte suchend seinem Blick. Dann erkannte er dass Harrys Augen auf Hermine gerichtet waren, die ein paar Tische entfernt saß. Nach einigen Sekunden, als ob sie seinen Blick gespürt hätte, hob sie den Kopf und sah Harry an. Wieder durchfuhr Draco eine Welle von Gefühlen, die er nicht sofort benennen konnte, da er sie selbst so wenig kannte. Doch dann dämmerte es ihm. Dieses zerrende Gefühl.... Sehnsucht. Dracos Kopf fuhr herum und er betrachtete Harry aufmerksam.

Ja, es stand ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Er starrte mit brennenden Augen zu Hermine, als wäre sie die einzige Person im Raum.

‚Sieh mal einer an', dachte Draco verblüfft. ‚Er liebt sie anscheinend wirklich. Wieso sind sie dann nicht mehr zusammen?' Doch neben diesem warmen Gefühl spürte er noch etwas anderes, etwas, dass an Harry zu nagen schien. Schuld? ‚Weswegen sollte sich Potter schuldig fühlen?' 

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