--°''°-- Kapitel IX --°''°--

Lustlos pickte Hermine in ihrem Essen herum. Immer wieder glitt ihr Blick verstohlen zu Draco hinüber, der gerade am Tisch der Slytherins saß und sich angeregt mit Crabbe und Goyle unterhielt. Pansy Parkinson hatte sich ihm gegenüber platziert, und lachte gerade schrill über einen Witz, den Draco offensichtlich gerissen hatte.

Ihr Essen schien Hermine vollkommen vergessen zu haben. Gebannt blickte sie Draco an. Seit dem Zaubertränkeunterricht ging er ihr nicht mehr aus dem Kopf. Als er sie angesehen hatte, hatte Hermine plötzlich seine Gefühle gespürt. Und was sie da in seinem Verstand gefühlt hatte, verwirrte sie. Denn es war nicht Hass ihr gegenüber gewesen.

 Nicht einmal annähernd...

„Und was habt ihr in Zaubertränke gemacht?", wurden ihre Gedanken von Ron unterbrochen, den Madam Pomfrey pünktlich zum Mittagessen aus dem Krankenflügel entlassen hatte. Hastig blickte sie auf ihren Teller hinunter, damit er nicht sah, wie sie rot wurde. ‚Hoffentlich hat er nicht gesehen, dass ich Draco angestarrt habe', dachte sie panisch. „Äh, wir haben den Trank der Erkenntnis hergestellt", sagte sie kurz angebunden. Ron sah sie erwartungsvoll an, doch als er merkte, dass sie nicht weitererzählen würde, runzelte er belustigt die Stirn. „Und der bewirkt...?", hakte er nach. Er war es nicht gewohnt, Hermine alles aus der Nase ziehen zu müssen. Normalerweise hätte sie ihm schon längst einen Vortrag über den Trank, seine Eigenschaften, seine Wirkung und das Gegenmittel gehalten. Und danach hätte sie ihn vorwurfsvoll angestarrt und gefragt, wieso er dass denn nicht wüsste, steht doch schließlich alles im Lehrbuch drin. Doch sie tat nichts dergleichen. „Man kann in den Verstand desjenigen schauen, den man am wenigsten versteht", ergänzte sie nur ruhig. „Aha, und wessen Verstand hast du erwischt?", fragte Ron neugierig. Hermine blickte weiterhin verlegen auf ihren Teller hinunter. Sie konnte ihm unmöglich erzählen, dass sie Dracos Verstand gesehen hatte, denn dann würde er wissen wollen, was sie genau gesehen hatte. So entschloss sie sich zur einzigen anderen Möglichkeit außer der Wahrheit.

„Ach, ich glaube, ich hab den Trank falsch gebraut. Er hat nicht gewirkt." Ron starrte sie erstaunt an, sagte aber nichts weiter. ‚Hermine braut einen Trank falsch? Unmöglich! Da muss etwas anderes dahinter stecken...' 

„Na fein, also üben wir noch mal die Falkenkopf- Angriffsformation und danach die Porskoff- Täuschung. Wir müssen fürs letzte Spiel einfach topfit sein, Leute." Katie Bell, die Woods Posten als Kapitän übernommen hatte, sah sie alle grimmig an. Neben ihm standen Ron und Dean Thomas, ihre neuen Treiber seit die Weasley- Zwillinge die Schule verlassen hatten. Über ihnen brauten sich langsam dunkle Wolken zusammen, aber das hielt heute niemanden vom Trainieren ab. Alle wussten, wie wichtig das nächste Spiel war. Wenn sie gewännen, dann würde der Quidditchpokal ihnen gehören. Ravenclaw stand von den Punkten her direkt hinter ihnen, somit konnten sie sich keine Niederlage leisten. „Und Harry", wandte sich Katie an ihn, „du könntest dich mal an dem Wronski- Bluff versuchen." Damit ging sie zur Kiste mit den Bällen hinüber. „Okay, Leute. Auf eure Besen." Dann kickte sie die Kiste auf, und sofort rauschten der Quaffel, die Klatscher und der goldene Schnatz hoch in die Luft. Harry versuchte, dem Schnatz mit seinem Blick zu folgen, doch als er kurz blinzelte, verlor er ihn aus den Augen. „Also los", murmelte er leise und sauste in die Lüfte. Unter ihm sah er die Jäger, die sich gerade zu einer Pfeilspitze formten, sich dabei abwechselnd den Quaffel zuwarfen und auf die Torstangen zurasten. Dann konzentrierte er sich wieder auf seinen eigenen Ball. Eine Weile schwebte er in der Luft und suchte angestrengt nach dem Schnatz. Als er es dann plötzlich rechts von Seamus Finnigan, dem Hüter, aufblitzen sah, verfiel er sofort in einen rasanten Sturzflug. Seamus, der erschrocken sah, wie Harry auf ihn zuraste, schrie auf und riss seinen Besen ruckartig zur Seite; im selben Moment, wo Alicia Spinnet den Quaffel warf und ihn in ein Tor verwandelte. „Seamus, im Spiel solltest du dann aber nicht unbedingt vor dem Quaffel wegfliegen", bemerkte Katie trocken. Wegen des ganzen Durcheinanders um ihn herum  war Harry der Schnatz entwischt und enttäuscht bremste er seinen Sturzflug ab. Während er langsam wieder nach oben schwebte, bemerkte er, dass sie anscheinend Zuschauer hatten; unten am Rand des Spielfeldes standen mehrere Leute, unter anderem Rons Schwester Ginny und neben ihr... war das etwa Hermine? Verblüfft stoppte er mitten im Flug und starrte gebannt zu ihr hinunter. ‚Was macht sie hier?', dachte er verwirrt und gleichzeitig freudig. War sie gekommen, weil Ginny sie mitgeschleift hatte? Oder um ihn zu sehen?

Ganz in Gedanken versunken hörte er nicht, wie Ron ihm plötzlich von hinten zuschrie. Im nächsten Moment knallte ein Klatscher genau in seinen Magen und plötzlich tanzten ihm schwarze Pünktchen vor den Augen. Unfähig, sich länger festzuhalten, kippte er zur Seite. Unter ihm ertönten Schreie und Ron raste mit Höchstgeschwindigkeit quer über das Feld auf Harry zu, der drauf und dran war, zig Meter in die Tiefe zu stürzen. Doch im letzten Moment kam er wieder zu Bewusstsein und schaffte es gerade noch, sich mit einer Hand an den Stiel zu klammern. Erleichterte Seufzer waren aus den Zuschauerreihen zu vernehmen. Im nächsten Moment war auch schon Ron an seiner Seite und half ihm, sich wieder aufzurichten. „Mensch Harry, das war ganz schön knapp gewesen. Alles okay?", fragte er besorgt, als er dessen blasses Gesicht sah. „Jaah", sagte Harry mit schmerzverzerrter Stimme, „muss nur mal kurz Luft holen." Nachdem er sich eine Weile ausgeruht hatte, machte er sich unter Katies warnenden Blick wieder auf die Suche nach dem Schnatz.        

In Gedanken versunken schlenderte Hermine über die Ländlichkeiten von Hogwarts zum See hinunter. Der Himmel hatte sich seit dem Quidditchtraining bedeutend aufgehellt und so hatte Hermine beschlossen, nicht länger im Gemeinschaftsraum rumzusitzen. Ihre Gedanken schweiften zu Harry zurück. Als sie gesehen hatte, wie er fast vom Besen gefallen war, war ihr für kurze Zeit das Herz stehen geblieben. ‚Wenn er aus dieser Höhe abgestürzt wäre...'

Sie beendete diesen Gedankengang nicht. Egal, wie sehr er sie verletzt hatte; wenn ihm etwas passieren wäre, hätte sie sich das nie verzeihen...

 Schließlich erreichte sie den See, wo der Krake im Wasser seine Runden drehte. Suchend lief Hermine am Ufer entlang, bis sie endlich vor einem bestimmten Baum zum Stehen kam. In den Stamm waren Initialen eingeritzt.

L.E. und J.P.

Leicht lächelnd fuhren ihre Finger über die Buchstaben. Hierhin hatte Harry sie vor etwa einem halben Jahr geführt. Aufgeregt hatte er ihr damals die Initialen gezeigt, und dann... ja, dann hatte er sie zum ersten Mal geküsst. Wehmütig dachte Hermine daran zurück. Damals hätte sie nicht geglaubt, dass es etwas gäbe, was sich zwischen sie stellen könnte...

Müde setzte sie sich auf den Boden und lehnte sich gegen den Stamm. ‚Wenn das alles doch nur nie passiert wäre', dachte sie traurig. Ihre Erschöpfung machte sich langsam bemerkbar; die letzten Nächte hatte sie nicht besonders gut geschlafen, der Unterricht bei Professor Binns war wieder einschläfernd gewesen und im Hintergrund plätscherte das Wasser sanft gegen das Ufer. So war es auch nicht verwunderlich, dass Hermine nach kurzer Zeit die Augen zufielen...

„Hey, bist du tot?" Plötzlich schreckte sie auf. „W..w..was?", fragte sie verwirrt und strich sich die Haare aus dem Gesicht, während sie sich langsam aufrichtete. „Ich wollte wissen, ob du noch lebst." Über ihr stand Draco und sah sie amüsiert an. „Was tust du denn hier?", fragte sie schließlich, nachdem sie sich gesammelt hatte. Er zuckte nur mit den Schultern. „Spazieren." Dann ließ er sich neben ihr nieder und musterte seine Umgebung. Hermine starrte ihn still an und wartete darauf, dass er etwas sagen würde. „Da hat sich jemand auf dem Baumstamm verewigt", bemerkte er schlicht, nachdem er sich eine Weile umgesehen hatte. Hermine nickte bestätigend. „Ich weiß, dass sind die Initialen von Harrys Eltern." Draco sah erst den Stamm und danach Hermine prüfend an. Dann schien ihm etwas einzufallen.

„Weißt du, neulich als wir diesen Trank schlucken mussten, da hab ich Harrys Verstand gesehen", begann er. Doch als er sah, wie sie bei der Erwähnung von Harrys Namen zusammenzuckte, hielt er kurz inne. „Willst du mir nicht endlich erzählen, was passiert ist?", fragte er nach einer Weile. Hermine seufzte auf. „Wir haben uns getrennt", sagte sie leise. ‚Dacht' ich's mir', ging es Draco durch den Kopf. Aber das erklärte noch nicht, wieso. „Und warum? Ihr schient doch immer so glücklich zu sein?" Abwesend hob sie einen dünnen Stock vom Boden auf und begann, dessen Rinde abzuschälen. Draco bemerkte, dass ihre Hände leicht zitterten. ‚Wieso soll ich ausgerechnet mit Malfoy darüber reden?', dachte sie störrisch.  Doch kurz darauf ließ sie den Stock wieder fallen und holte tief Luft. „Er hat mich betrogen. Mit Cho." Er schwieg verlegen. Was sollte er nun tun? Sollte er vielleicht sein Mitleid aussprechen? Oder versuchen, sie zu trösten? Darin war er nicht besonders gut, denn es gab vorher nie jemanden, dem er hätte Trost spenden müssen. Seine Freunde, wenn man sie überhaupt so nennen konnte, schienen zu platt für solche Gefühlsregungen zu sein. So betrachtete er Hermine nur leicht traurig. Ihre braunen Augen waren rot gerändert und auf ihren Wangen hatten sich zwei panische rote Flecken gebildet. Wie konnte sie sich nur so verändern?

Als er die Stille schließlich nicht mehr ertrug, sprach er seinen nächstbesten Gedanken aus.

„Hey, tu mir einen Gefallen, ja?" Hermine blickte ihn überrascht an. „Einen Gefallen?", fragte sie unsicher. Er nickte bestätigend. „Ich will, dass du wieder so wie früher wirst." Verwirrt runzelte sie die Stirn. „Bin ich denn anders als früher?", fragte sie ungläubig, obwohl sie die Antwort schon zu glauben wusste. „Und ob. Keine Hausaufgaben, im Unterricht passt du nicht auf. Das ist verwirrend." Als Hermine ihn nur weiter verständnislos anstarrte, fuhr er fort. „Weißt du, es gibt nur wenige Dinge in meinem Leben, die beständig sind. Meine Noten in Zaubertränke, mein gutes Aussehen..."

Hier brach er ab, da selbst er darüber lächeln musste. Doch dann wurde er wieder ernst. „Und du. Man kann sich immer darauf verlassen, dass deine Hand im Unterricht oben ist. Also mach bitte nicht mein Weltbild kaputt", schloss er grinsend. Eine Weile sah Hermine ihn einfach nur an. „Ich hätte nicht gedacht, dass dir das so viel bedeutet, Malfoy", sagte sie schließlich. Draco zuckte mit den Schultern und lächelte geheimnisvoll. „Ach, und wenn wir schon beschlossen haben, nett zueinander zu sein, dann können wir auch unsere Vornamen benutzen, findest du nicht, Hermine?" Erfreut sah er, wie sie ihn erstaunt anstarrte. Doch schließlich huschte ein kleines Lächeln über ihr Gesicht. „Wie du meinst... Draco."  

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