--°''°-- Kapitel XIII --°''°--
Nachdem sie mit Ron gesprochen hatte, fühlte Hermine sich erleichtert. Endlich trug sie diese Last nicht mehr alleine. Doch nun fiel ihr immer öfter Harrys Verhalten auf. Ron schien Recht zu haben; er wirkte anders als sonst, als würde ihn irgendetwas quälen. Beim Essen in der Großen Halle saß er meist mit einem gepeinigten Gesichtsausdruck da.
Aber Hermine wollte nicht weiter darüber nachdenken, schließlich würde sie sich gleich mit Draco treffen, da brauchte sie keine düsteren Gedanken. Aber das Bild von Harry, wie er so bedrückt dasaß, ging ihr einfach nicht aus dem Kopf...
Harry schob seinen Teller beiseite. In letzter Zeit hatte er einfach keinen Appetit mehr. Obwohl er für Quidditch all seine Kraft brauchte, aß er einfach nicht genug. Katie hatte ihn neulich vertrauensvoll zur Seite genommen und ihn gefragt, ob etwas nicht stimmte, da er unnatürlich blass und schwach aussah. Doch genau wie in der zweiten Klasse, als er mit Dumbledore gesprochen hatte, antwortete er auch diesmal wieder: „Nein, nichts." Und zudem schien er gerade auch noch Kopfschmerzen zu bekommen.
Harry schüttelte seinen Kopf, um diese Gedanken zu verdrängen. Als er aufsah, erkannte er, dass Hermine ihn anstarrte. Sie saß einige Plätze entfernt und beobachtete ihn stirnrunzelnd. Harry spürte wieder diesen vertrauten Stich in seinem Herzen, der von dem Bewusstsein her rührte, dass er sie verloren hatte. Er hatte den Schmerz in ihren Augen gesehen, als er ihr gesagt hatte, sie gäbe ihm nicht das, was er wollte. Damals hätte er sich am liebsten selbst geohrfeigt, als er diese Worte ausgesprochen hatte. Heute konnte er es selbst nicht mehr glauben, wie er ihr nur so wehtun konnte. Doch den gequälten Ausdruck in Hermines Augen, der immer dann erschien, wen sie ihn ansah, und den er gewohnt war vorzufinden, erkannte er diesmal nicht. Sie sah ihn nur wachsam an, als suchte sie in seinem Gesicht nach etwas. Reue vielleicht? ‚Oh Hermine, wenn du nur wüsstest, wie sehr ich es bereue', dachte er gequält. Schließlich wandte sie die Augen ab und gab ihn frei. Daraufhin stand Harry auf. Er hatte schon lange genug hier rumgesessen. Hunger würde sich eh nicht mehr einstellen, also konnte er auch einfach gehen.
Als er sich zum Ausgang wandte, stieß er mit Malfoy zusammen, den er nur am Rande seines Bewusstseins wahrgenommen hatte. „Hast du keine Augen im Kopf, Potter?", fragte Malfoy mit hämischer Stimme. Doch Harry, der fühlte, wie sich die Kopfschmerzen verstärkten, lief einfach weiter an ihm vorbei. „Wie du meinst, Malfoy", erwiderte er abwesend und verließ die Halle.
Draco starrte ihm verwirrt hinterher. ‚Was denn, gar keinen schnippischen Kommentar von ihm heute?', fragte er sich im Stillen. Dann blickte er mit einer Ahnung über seine Schulter zurück. Hermine saß dort und starrte ihn an. Ausdruckslos erwiderte er ihren Blick. Dann, nach einem kurzen Augenblick, schenkte er ihr ein kleines Lächeln. Doch als er sich zum Gehen wandte, schwand das Lächeln von seinem Mund. Wenn er sich nicht vollkommen täuschte, hatte sie eben noch Harry Potter beobachtet...
„Wir müssten langsam mal anfangen, für unsere Prüfungen zu lernen", sagte Hermine träge, während sie sich enger an Draco kuschelte. Ein genüssliches „Hmm", war seine einzige Bemerkung. Es war am späten Nachmittag und sie lagen auf einer Decke am See, während über ihnen zwitschernde Vögel am meerblauen Himmel entlang flogen. Natürlich hatten sie sich einen weit abgelegenen Platz gesucht, mit vielen Bäumen und Büschen, damit sie sich sofort verstecken konnten, falls jemand hier lang kommen sollte. „Was ist das Gegenmittel zum Interio-Trank?", fragte sie, nur halb mir einer Antwort rechnend. Sie war viel zu entspannt, um sich zu konzentrieren.
„Ich habe keine Ahnung", antwortete Draco mit verträumter Stimme und unterdrückte ein Gähnen. Nach einer Weile jedoch stellte auch er eine Frage, doch es ging ihm nicht um Prüfungsfragen. „Wessen Verstand hast du eigentlich damals gesehen, als wir den Trank der Erkenntnis herstellen mussten? Warte, lass mich raten. Bestimmt hast du Longbottom's verqueren Gedanken gesehen, oder? Kann ja nicht allzu lange gedauert haben, er hat bestimmt nicht viel Verstand", schloss er grinsend seine Vermutung. Entrüstet boxte Hermine ihm in die Rippen. „Hör auf damit. Neville ist wirklich nett. Er ist halt nur ein bisschen...." „Zurückgeblieben?", beendete Draco den Satz für sie. „Hey, du wärst bestimmt auch nicht völlig normal, wenn das, was mit Neville Eltern passiert ist, deinen eigenen Eltern passieren würde", verteidigte sie ihn. Draco sah sie skeptisch an. „Lieber Eltern wie die von Longbottom als meine eigenen", sagte er schließlich. „Wieso?" „Weißt du, sie sind nicht besonders... fürsorglich", erklärte er zögernd. „Früher waren sie mal anders. Nicht, dass sie nicht auf Voldemorts Seite gestanden hätten", erläuterte er hastig. „Aber sie haben nicht die ganze Zeit nur über ihn und ihre Aufgabe geredet. Bevor ich nach Hogwarts kam; bevor Voldemort wieder auftauchte, waren sie sogar richtig nett zu mir. Und jetzt, wenn ich aus den Ferien nach Hause komme, heißt es immer nur noch ‚Und, wann trittst du ihm bei?'". Hermine schwieg betrübt. „Du hast meine Frage gar nicht beantwortet", wechselte Draco plötzlich das Thema. Hermine sah ihn fragend an. „Wessen Verstand hast du damals gesehen?", wiederholte er. „Oh, das wüsstest du wohl zu gerne", neckte sie ihn. Draco, der genau wusste, wie er mit ihr umzugehen hatte, reagierte blitzschnell und drückte sie auf die Decke. „Muss ich die Antwort erst aus dir herauskitzeln?", fragte er drohend. „Hey, Quälereien gehören ins Mittelalter", versuchte sie ihn zur Vernunft zu bringen. Doch ihm schien es egal zu sein. Erbarmungslos fing er an, sie in den Seiten zu kitzeln. Hermine wand sich vergebens unter ihm und nach einer Weile keuchte sie vor Erschöpfung. „Gnade", flehte sie. „Nur, wenn du es endlich sagst." „Na schön, na schön", keuchte sie. Draco hielt mit seinem Händen inne und sah sie erwartungsvoll an.
„Es war dein Verstand, Draco."
Verblüfft riss er die Augen auf. „Was denn, hättest du es dir nicht denken können?", fragte sie lächelnd. „Wen sollte ich denn wohl sonst weniger verstehen als dich mit deinem undurchschaubaren Charakter?" Draco löste seine Hände von ihr und setzte sich abrupt auf. „Was ist?", fragte sie.
Er schüttelte nur seinen Kopf. „Du warst also in meinem Verstand, und gibst dich trotzdem noch mit mir ab?" ‚Ach, darum geht es ihm', dachte Hermine erleichtert. Er nahm an, dass sie die „dunklen" Seiten seines Verstandes gesehen hatte. Sie lächelte ihn aufmunternd an. „Draco, ich habe dort nichts gesehen, was mich abgestoßen oder erschreckt hat. Im Gegenteil; dadurch, dass ich deinen Verstand gesehen habe, konnte ich mich überhaupt erst dazu bringen, freundlich zu dir zu sein. Wenn ich dort nicht gesehen hätte, dass du mich nicht hasst, hätte ich mich nie so zivilisiert mit dir unterhalten, wie an dem Tag, als ich dir von mir und Harry erzählt hatte." Dracos Gesicht hatte sich sichtlich aufgehellt, während sie sprach. Sie lag richtig; er hatte befürchtet, dass sie seine Gedanken geschockt hätten. Doch hier saß sie nun und überzeugte ihn vom Gegenteil. „Oh Hermine", flüsterte er erleichtert und zog sie zu sich hoch. Dann vereinigte er ihre Lippen in einem unbeschreibbar langen Kuss. Er klammerte sich an sie, als hätte er Angst davor, sie zu verlieren. Während er sie leidenschaftlich küsste, stöhnte sie leise gegen seine Lippen. Dann begannen ihre Hände, die Knöpfe von seinem Hemd langsam aufzuknöpfen. Eine Hand legte sie hinter seinen Nacken, wo sie mit ihre Finger durch sein weiches Haar gleiten ließ. Die andere Hand strich sacht über seine Brust, wo sie unter der glatten Haut deutlich die Muskeln spürte, die sie damals im Badezimmer der Vertrauensschüler erblickt hatte. Doch plötzlich hielt sie inne. „Was ist denn", flüsterte Draco gegen ihre Lippen, die Augen hielt er geschlossen. „Hey, ich hätte gedacht, dass du die Kette auch mal trägst", sagte Hermine beleidigt. Draco öffnete verwirrt die Augen. Wovon redete sie? Dann folgte er ihrem Blick auf seine nackte Brust hinunter und ihm wurde klar, was sie meinte. „Würde ich ja gerne, aber...". Er sprach nicht zu Ende. „Aber was?", fragte sie, immer noch verstimmt. Er hatte sich doch scheinbar so über ihr Geschenk gefreut...
„Hermine, es tut mir leid, aber ich glaube, ich habe sie verloren." Er traute sich kaum, ihr in die Augen zu sehen. So blickte sie nur still auf seine Hände, die nervös in seinem Schoß lagen.
„Ich habe sie immer um, nur beim Duschen lege ich sie auf meinen Nachttisch. Und als ich sie heute morgen wieder ummachen wollte, war sie nicht mehr da. Ich hab das gesamte Zimmer durchsucht. Es tut mir leid." Betrübt ließ er den Kopf hängen. Langsam legte Hermine einen Finger unter sein Kinn und zwang ihn so zum Aufsehen. „Hey", sagte sie leise und drückte einen sanften Kuss auf seine Wange. „Ist nicht so schlimm. Es ist ja nicht deine Schuld." Er blickte sie zögernd an, doch dann entspannten sich seine Züge langsam wieder. Hermine Blick wanderte an ihm vorbei zum Himmel hinauf, wo sich bedrohlich die Wolken zusammenzogen. „Ich glaube, es ist besser, wenn wir jetzt reingehen. Es regnet bestimmt gleich." Draco nickte und strich sein zerzaustes Haar wieder glatt, was Hermine schmunzeln ließ. ‚Er sorgt sich wohl immer sehr um seine Frisur', dachte sie amüsiert. Eilig packten sie ihre Sachen zusammen und erreichten das Schloss gerade noch, bevor die ersten dicken Tropfen vom Himmel fielen.
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