--°''°--  Kapitel XIV --°''°--

„...Und ohne diesen Schutzzauber wäre ich meinen Bart wohl schon vor langer Zeiten losgeworden", sagte Dumbledore lächelnd. Harry saß in Verteidigung gegen die dunklen Künste, doch heute konnte er sich nicht wirklich für den sonst so fesselnden Unterricht begeistern. Durch die hohen Fenster fiel das dämmrige Sonnenlicht des Nachmittags und ließ den Raum seltsam leuchten. Harry fühlte sich schläfrig, doch der Rest der Klasse saß mit gespannten Gesichtern da und hing an Dumbledores Lippen. Immer wieder rieb Harry sich mit den Fingern die Schläfen. Erneut spürte er diesen unterschwelligen Schmerz im Kopf, der neuerdings immer öfter auftrat. Doch er dachte nicht weiter daran.

 ‚Habe bestimmt nur zu wenig geschlafen', war seine Erklärung dafür.  In dem Moment stupste ihm Ron leicht in die Seite. Fragend wandte Harry seinen Kopf nach links, wo Ron saß. „Was ist?", flüsterte Harry. „Hör mal, können wir heute Abend mal miteinander reden?", fragte er leise und hielt sich dabei die Hand vor den Mund, um zu verstecken, dass er gerade sprach. Aber Harry hatte das unbestimmbare Gefühl, dass dies vermutlich nur noch mehr Aufmerksamkeit erregte. „Wir sprechen doch jeden Tag miteinander", antwortete Harry belustigt und sah, wie sich Rons Gesicht verzog. „Haha, verarschen kann ich mich auch selbst. Nein, ich meinte, nur du und ich. Unter vier Augen." Harry, dem ein bisschen Ablenkung gerade recht reizvoll erschien, grinste seinen Freund verschwörerisch an. „Aha, nur du und ich, also? Du willst also ganz alleine mit mir sein?", fragte er mit zuckersüßer Stimme und beobachtete erfreut, wie Ron fast vom Stuhl fiel.

„WAS?", fragte dieser laut und mit entsetzter Stimme. Alle Köpfe in der Klasse fuhren zu Ron herum. „Ah, Mr. Weasley, ich kann ihre Entrüstung verstehen. Ich habe auch so ähnlich reagiert, als man mir meine Zitronensorbet-Bonbons wegnehmen wollte." Dumbledore blickte ihn mit funkelnden Augen über seine Brillenränder hinweg an. Ron wurde bis zum Haaransatz rot, wodurch man den Übergang von Stirn und Haaren kaum noch sah. Ein paar Plätze weiter schüttelte Hermine resignierend den Kopf. „Entschuldigung Professor", stammelte er schnell und versank dann fast unter der Tischplatte, während ihn seine Mitschüler neugierig anstarrten. Und Harry saß daneben und versuchte mühsam, nicht zu lachen.

„Wirklich, Draco. Die Prüfungen sind bald dran. Wir sollten lernen!", brachte Hermine mit halbherziger Stimme hervor, während Draco sanft an ihrem Hals knabberte. Eine Gänsehaut überlief ihre Arme.

 Bei ihren Worten lächelte er, was sie gegen ihre Haut spüren konnte. „Die Prüfungen sind doch noch ewig hin", erwiderte er leise und seine Lippen wanderten weiter ihren Hals hinab. Hermine gab sich geschlagen und seufzte auf. Es hatte ja eh keinen Sinn. Wenn sie mit Draco zusammen war, stand ihr meist nicht der Sinn nach lernen.

Der Unterricht war für heute beendet und sie hatten sich in den Korridor im dritten Stock geschlichen, wo Hermine vor nicht allzu langer Zeit noch ihre Animagi-Verwandlung geübt hatte. Hermine hatte ihren Kopf nach hinten fallen lassen, was Draco guten Zugang verschaffte, um ihren Hals mit kleinen Küssen zu übersäen. Seine Arme waren um ihre Taille geschlungen und hielten sie fest gegen ihn gepresst. „Außerdem kann ich mich in deiner Gegenwart sowieso nicht aufs Lernen konzentrieren", sagte er mit tiefer Stimme und küsste sie sanft auf den Mund. 

Hermines Arme schlangen sich wie selbstverständig um Dracos Hals, und ihre Finger strichen sanft durch sein glattes Haar. „Ach, ich hab wohl einen schlechten Einfluss auf dich", neckte sie ihn und blickte in die sturmgrauen Augen, die deutlich seine Gefühle widerspiegelten.

 „Hmm", brummte er bestätigend und küsste sie, diesmal mit mehr Nachdruck.

Dann fuhren ihre Finger wieder durch sein Haar und aus einem Impuls heraus wuschelte sie sie durcheinander.

„Hey, bist du wahnsinnig?", fragte Draco und sah sie entsetzt an. Seine Hände lösten sich eilig von ihrer Taille. „Was denn?", fragte Hermine und sah ihn fragend an. Statt einer Antwort wandte er sich einfach ab und da erkannte Hermine, was er vorhatte.

„Also echt!", schnaubte sie entrüstet, während er zu einem der Fenster hinüberging, und sein Spiegelbild betrachtete, um sich die Haare wieder glatt zu streichen. „Deine Haare bedeuten dir wohl mehr als ich, hmm?", wollte Hermine wissen, nur halb scherzend.

Was sollte dieses ganze Getue mit seinem Haar eigentlich?

Draco wandte sich zu ihr, leicht rot im Gesicht. „Tut mir leid", sagte er entschuldigend. „Es ist eine alte Angewohnheit. Pansy hat das auch oft ohne Grund gemacht und danach sah ich aus, als hätten wir gerade sonst was getan. Deshalb mag ich das nicht besonders." Hermine erkannte belustigt, dass er wirklich so aussah, als täte es ihm leid. Er sah beschämt zu Boden; seine Hände, die eben noch damit beschäftigt waren, jedes einzelne Haar wieder zu zähmen, hingen jetzt unsicher an den Seiten herunter. Lächelnd ging sie zu ihm hinüber und schlang ihre Arme um ihn. „Du Spinner, du", sagte sie seufzend, während Draco sein Kinn sanft auf ihren Kopf stützte.

„Bei deiner Erziehung haben sie echt was falsch gemacht, hmm?", brummte sie scherzhaft und kuschelte sich enger an ihn. „Oh ja, glaub mir, das stimmt vollkommen", erwiderte Draco mit leiser ernster Stimme und schaute mit starrem Blick über ihren Kopf hinweg.

Langsam wurde es Abend und die Sonne versank gleißend rot in der Ferne. Ron wandte seinen Blick vom Fenster ab, als er aus dem Augenwinkel eine Gestalt auf sich zukommen sah. „Da bist du ja endlich", sagte er zu Harry, der sich neben ihn in einen Sessel fallen ließ. Es waren nur vereinzelt Leute im Gemeinschaftsraum, die meisten waren eben erst zum Essen in die Große Halle hinuntergegangen. „Ist es dir hier privat genug?", fragte Harry grinsend, als er an die Szene heute Morgen im Klassenraum denken musste. Ron verzog das Gesicht. „Ja, das dürfte reichen", sagte er knapp. Dann ließ er sich tiefer in den Sessel sinken. „Also, was wolltest du bereden?", fragte Harry nach einiger Zeit. „Ach, nichts besonderes. Ich wollte nur mal wissen, wie es dir so geht." Harry neigte fragend den Kopf zur Seite. „Dafür der ganze Aufwand? Das hättest du mich doch jederzeit fragen können." Doch als Ron beharrlich schwieg, fuhr er fort. „Na schön, mir geht's gut. Reicht dir das?" „So siehst du aber nicht aus, Mann", erklärte er. Harry runzelte die Stirn. „Wieso nicht?" Statt zu antworten, stellte Ron ebenfalls eine Frage. „Zwischen dir und Hermine ist es also aus?"

Harrys Gesicht wurde völlig ausdruckslos, und er versteifte sich sichtlich. Damit hatte er nicht gerechnet. ‚Woher weiß er das?', raste es ihm durch den Kopf. ‚Hab ich mich so auffällig benommen?' Während er das dachte, beobachtete Ron ihn kritisch. Als Harry nach einer Weile immer noch nichts sagte, räusperte sich Ron. „Was soll ich jetzt dazu sagen?", fragte Harry schlicht. Ron sah ihn ausdruckslos an. „Hermine hat mir erzählt, dass du was mit Cho hattest", sagte er. Harry nickte unwillig. „Das stimmt", antwortete er leise und senkte seinen Blick.

 „...Aber wieso?", fragte Ron nach einer Weile, während er diese Antwort erst mal verdauen musste. Er hatte es zwar schon von Hermine gehört, doch es auch von Harry selbst zu hören gab der ganzen Sache irgendwie mehr Gewicht. Harry hatte seine Augen immer noch auf seinen Schoß gerichtet. „Weil ich dumm war", gab er schließlich zu. „Weil ich nicht wahrhaben wollte, dass ich alles, was ich mir wünschte, bereits hatte." Ron betrachtete ihn traurig. „Ich war so blöd! Und ich hab ihr so wehgetan!", fluchte Harry und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Ron schwieg für einen Moment, bevor er leise fragte: „Du liebst sie noch, nicht wahr?". Harry hob seinen Kopf, um ihn stumm anzusehen, doch dann nickte er. „Wie könnte ich sie denn auch nicht lieben?", fragte er resignierend.

„Redet ihr überhaupt noch miteinander?", wollte Ron wissen. „Als ich nämlich neulich mit ihr gesprochen hatte, da schien es mir nicht so zu sein." „Wir haben seit sie damals Schluss gemacht hatte nicht mehr miteinander geredet."

Ron sah ihn stirnrunzelnd an. „Aber... aber ihr seid... wart doch Freunde", sprach er mit verzweifelter Stimme. „Ich weiß, aber ich glaube nicht, dass Hermine noch etwas mit mir zu tun haben will", erwiderte Harry ruhig. „Das glaube ich aber nicht, Harry. Du bist schließlich ihr bester Freund. Da vermisst sie dich bestimmt, auch wenn sie es nicht zugeben will. Und dir sieht man nun wirklich an, dass sie die fehlt." Skeptisch beobachtete Harry ihn. „Was meinst du damit?", fragte er Ron.

„Du starrst sie doch alle zehn Sekunden an, Harry. Das ist ziemlich offensichtlich.". „Tue ich nicht", erwiderte dieser mit gekränkter Stimme. „Na gut, nur alle fünfzehn Sekunden?", neckte ihn Ron. Harry schnaubte entrüstet. Aber dann musste er doch darüber nachdenken, was Ron eben gesagt hatte.

Nun ja, er hatte des Öfteren gemerkt, dass Hermine ihn anstarrte, aber ob das bedeutete, dass sie ihn vermisste? Harry war da nicht so überzeugt von.

 „Vielleicht solltest du einfach versuchen, mit ihr darüber zu reden. Schaden kann es ja schließlich nicht", unterbrach Ron seine Gedanken. „Hmm?", fragte er verwirrt. Ron schüttelte den Kopf. „Ich hab gesagt, du solltest einfach mal mit ihr reden."

„Und was soll ich ihr sagen?", wollte Harry wissen. ‚Als ob das so leicht wäre. Wenn es so wäre, hätte ich sie schon längst angesprochen.'

Aber dann sah er Rons aufmunternden Blick und seufzte tief. „Na schön, ich werd's mal probieren."

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