--°''°--  Kapitel XV --°''°--

Harry blätterte ungeduldig durch die Seiten eines der Bücher, die überall im Gemeinschaftsraum verstreut waren. Er wartete, dass Hermine auftauchen würde, denn er hatte sich Rons Ratschlag zu Herzen genommen. Es war kurz vor dem Mittagessen, und er wusste, dass sie vorher immer ihre Schulsachen in ihren Raum brachte. Und Harry sollte recht behalten. Kurze Zeit später kam Hermine die Treppen zum Mädchenschlafsaal hinunter. ‚Jetzt oder nie!', dachte Harry und stand auf.

„Hermine", sagte er leise.

Verwirrt und etwas erschrocken drehte sie sich in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass noch jemand hier war. Meistens gingen alle anderen Schüler gleich nach dem Unterricht in die Große Halle.

Als sie erkannte, dass es Harry war, der da vor dem Kamin stand, weiteten sich ihre Augen und ihr Puls beschleunigte sich. Unglaublich, dass er nach all der Zeit immer noch solch eine Wirkung auf sie hatte.

„Harry", sagte sie tonlos. Dieser nickte und machte einen Schritt auf sie zu, doch Hermine wich zurück.

„Kann ich mit dir reden? Bitte", sagte er ruhig und wagte es nicht, noch einen Schritt zu riskieren. Er merkte, dass es keinen Sinn hätte, näher an sie heran zu gehen. Eher würde sie sich umdrehen und vor ihm flüchten. Für einen kurzen Moment schien alles in der Schwebe zu stehen, während Harry auf eine Antwort von ihr wartete. Doch dann zerstörte sie alle seine Hoffnungen.

„Tut mir leid, aber ich habe jetzt keine Zeit", sagte Hermine kühl, wandte sich um und ging auf den Ausgang zu.

 „Hermine, bitte warte doch." Mit ein paar großen Schritten war er bei ihr. Sanft hielt er sie am Arm fest, bevor sie aus dem Porträtloch klettern konnte. Sie wandte sich nicht zu ihm um. Um nichts in der Welt wollte sie, dass er sah, was seine flehende Stimme mit ihr anstellte. Er sollte nicht sehen, wie ihr langsam die Tränen in die Augen stiegen. „Lass mich los", sagte sie mit leiser Stimme und sah ihn immer noch nicht an. Doch Harry schüttelte den Kopf auch wenn sie es nicht sehen konnte.

 „Ich will doch nur mit dir reden. Bitte. Es ist wichtig. Ich will...." Hier stockte er kurz. Die Worte zu finden schien ihm schwer zu fallen. „Ich will doch nur alles wieder gut machen." Hermine stockte der Atem. Er klang so... verzweifelt. Als ob es das Wichtigste auf der Welt wäre.  Mittlerweile liefen ihr die Tränen ungehindert über die Wangen. „Das kannst du nicht", flüsterte sie leise.

Er schien ihren Worten keine Beachtung zu schenken.

„Bitte, Hermine, ich flehe dich an. Verzeih mir." Sie konnte ein Schluchzen kaum unterdrücken und vor ihren Augen verschwamm die Sicht. Doch sie zwang sich trotzdem, zu antworten. „Ich... ich kann nicht, Harry." Damit riss sie sich von ihm los und rannte eilig davon. Harry starrte ihr hinterher, und wenn Hermine sich umgedreht hätte, dann hätte sie sehen können, wie auch ihm Tränen in den Augen glänzten.

Später an diesem Tag hatte Hermine sich wieder einigermaßen beruhigt. Sie verstand nicht, wieso dieser kurze Wortwechsel mit Harry sie so aufgewühlt hatte. Beim Mittagessen schien sie ziemlich verheult ausgesehen zu haben, denn alle am Gryffindortisch hatten ihr so merkwürdige Blicke zugeworfen. Und auch Draco war ihr Zustand nicht entgangen. Zu gerne hätte er mit ihr darüber geredet. Doch er hatte einfach keine Gelegenheit gefunden, um mit ihr zu sprechen.

So lief Hermine gerade den Flur entlang, auf dem Weg zu den Toiletten, als ihr Pansy Parkinson entgegen kam. Hermine verzog genervt das Gesicht, ließ sich jedoch nichts anmerken. Einen blöden Kommentar von der Slytherin konnte sie jetzt am allerwenigsten gebrauchen.

Pansy starrte sie zwar mit brennenden Augen an, verkniff sich aber jeglichen Bemerkung und schlenderte stattdessen provozierend langsam und mit rausgeschobener Brust an Hermine vorbei.

Da bemerkte sie plötzlich ein Glitzern an deren Hals. Wie magisch angezogen glitt Hermines Blick zu dem kleinen Anhänger in ihrem tiefen Ausschnitt.

Dann sog sie scharf die Luft ein und packte Pansy am Arm, ehe sie es sich richtig bewusst wurde.

„Woher hast du diese Kette?", hörte Hermine sich selbst mit dumpfer Stimme fragen, während sie wie gebannt auf den Anhänger starrte. Pansy sah missbilligend zu Hermines Hand, die ihren Arm umklammerte.

„Tja, die ist wirklich hübsch, nicht wahr? So etwas kannst du dir sicherlich nicht leisten, Schlammblut! Und nebenbei, die Kette... die hat mir ein Freund geschenkt. Nicht dass es dich etwas anginge." Hermine starrte immer noch stumm auf den allzu bekannten Anhänger hinunter. „Und jetzt nimm deine Griffel weg, Schlammblut!"

Mit einem arroganten Lächeln machte sie sich von Hermine los und ging den Flur hinunter.

Hermine blickte ihr stumm hinterher.

‚Die Kette sah genau so aus wie die, welche ich Draco geschenkt habe...', dachte sie wie gelähmt.   

Dracos Worte von damals fielen ihr wieder ein, als sie zusammen draußen am See gesessen hatten.

 Hermine, es tut mir leid, aber ich glaube, ich habe sie verloren.

Verloren? Oder einfach jemand anderem geschenkt...?

Ron kam später am Abend zu Harry hinüber, der gerade seinen Besen auf seinen Knien zu liegen hatte und mit einer kleinen Zange aus der Form gekommene Zweige abknipste. Ron ließ sich neben ihm auf den Boden fallen. Neben Harry lag das Besenpflegeset, dass ihm Hermine vor einigen Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte.

„Also, hast du schon mit ihr gesprochen?", fragte er neugierig, während Harry mit gesenktem Blick weiter an seinem Besen hantierte. Ron wartete auf eine Reaktion seinerseits, doch nichts kam.

„Hey, bist du taub?", fragte Ron scherzhaft, weil er keine Antwort erhielt. Schließlich hob Harry den Kopf und Ron betrachtete ihn bestürzt. Harry sah aus, als hätte er die letzten Nächte nicht geschlafen. Er war blass und sah müde aus, und sein sonst schon zerzaustes Haar sah aus, als wäre er sich mit den Händen zigmal hindurch gefahren.

„Harry, was ist los mit dir?", fragte Ron besorgt. So kannte er ihn ja gar nicht.

„Ich hab vorhin mit ihr geredet", sagte Harry, als wäre er benommen. Seine Stimme klang wie weit entfernt. Er schwieg kurz. „Oder besser gesagt, ich habe es versucht", ergänzte er und ließ seinen Kopf wieder sinken. Ron konnte sich den Rest denken. Es war wohl nicht so gelaufen, wie Harry es sich erhofft hatte. Und dann fiel ihm wieder ein, dass Hermine beim Mittagessen ziemlich genau wie Harry jetzt ausgesehen hatte. Weil er ihn nicht weiter drängen wollte, beließ Ron es dabei und versuchte stattdessen, seinen Freund ein wenig abzulenken.

„Hey, was hältst du davon, du lässt das hier für heute sein, und wir machen zusammen unsere Hausaufgaben, ja? Ich könnte wirklich ein bisschen Hilfe gebrauchen", sagte Ron. Harry, der scheinbar immer etwas Zeit brauchte, bis Rons Worte zu ihm vordrangen, seufzte auf.

„Na schön, du hast recht." So packte Harry sein Pflegeset zusammen und ging nach oben, um seine Schulsachen zu holen.

Während sie arbeiteten; Dumbledore hatte ihnen die Aufgabe gegeben, sich über verschiedene Schutzzauber zu informieren; überlegte Ron krampfhaft, wie er seinen Freund aufmuntern konnte. Nur halb bei der Sache blätterte er durch die Seiten ihres Lehrbuches. Schließlich, als er die bedrückende Stille nicht mehr aushielt, sagte er das nächstbeste, was ihm einfiel.

„Hey, sieh nur. Hier ist ein Spruch, der lässt deinen Angreifer übel werden und er kann nicht mehr aufhören, sich zu übergeben. Das wäre doch genau das richtige für deinen fetten Cousin Dudley, hmm? Dann nimmt er mal ein bisschen ab." Fast schon flehend beobachtete Ron Harrys Gesicht und wartete auf eine Reaktion. Dann, nach einer Weile, stahl sich ein kleines Lächeln auf Harrys Lippen. Scheinbar stellte er sich diese Situation bildlich vor.

Endlich war das Eis gebrochen. Ron und Harry kamen kaum noch zum Arbeiten, da sie die meiste Zeit nur noch herumalberten. Sie schweiften mit ihren Erzählungen zurück in die Vergangenheit und zu all den ekligen Dingen, die ihnen damals passiert waren, wie zum Beispiel im ersten Schuljahr, als Ron sein Zauberstab tief in der Nase des Trolls gesteckt hatte und danach voll mit Trollrotz war.

„Weißt du noch, wie wir uns wegen Hermine geprügelt haben?", fragte Ron ihn nach einer Weile, während er von einem Ohr zum Anderen grinste. Ihre Hausaufgaben waren längst vergessen.

 „Ja, als sie unsere blauen Flecken gesehen hatte, haben wir behauptet, wir hätten uns mit Malfoy geprügelt", erwiderte Harry und grinste, als er an den damaligen Tag zurückdachte...

Es war zum Anfang des Jahres gewesen, kurz nachdem die Schule wieder begonnen hatte. Harry hatte das ganze Ende der Ferien damit zugebracht, an Hermine  zu denken. Die letzten zwei Ferienwochen hatte er nämlich glücklicherweise im Fuchsbau verbringen dürfen, und Hermine war eine Woche später auch dort eingetroffen.

Harry wusste nicht mehr, wie es kam, doch immer wenn er sie gesehen hatte, hatte er so ein seltsames Kribbeln im Bauch verspürt. Vielleicht lag es an dem strahlenden Lächeln, mit dem sie Harry immer wieder bedachte? Oder daran, wie ihre Augen geglänzt hatten, wenn sie ihn betrachtete?

Während er mit Ron und seinen Geschwistern im Garten Quidditch gespielt hatte, hatte Hermine immer unten auf einer Gartenbank gesessen, ihre Nase natürlich in ein Buch gesteckt. Quidditch, oder das Thema Fliegen allgemein, war nun mal nichts für sie.

Doch auch wenn sie ihn mal nicht angesehen hatte, ihre bloße Anwesenheit hatte dafür gesorgt, dass Harrys ganzer Körper kribbelte und er sich dadurch wie ein tollpatschiger Idiot benahm. Einmal wäre er sogar fast vom Besen gefallen, weil er so von dem Anblick gefesselt war, wie die Sonne auf ihr Haar fiel und es leuchten ließ, dass er den Klatscher, der von vorne auf ihn zugerast kam, gar nicht wahrgenommen hatte. Nur ein blitzschneller Looping zur Seite hatte ihn vor einer gebrochenen Nase bewahrt.

 Doch Harry wollte nichts überstürzen. Denn schließlich gab es da ja auch noch Ron, der ebenfalls an Hermine interessiert war. Erfreut, aber gleichzeitig auch beschämt über seine Gefühle, hatte er gesehen, dass Hermine scheinbar nicht an Ron interessiert war. Sie war zwar freundschaftlich mit ihm umgegangen wie immer, aber das war's auch schon. Und mit der Zeit schien auch Ron zu bemerken, wie Harry Hermine immer wieder angestarrt hatte.

Und dann, eines Tages am Anfang des neuen Schuljahres, als sie gerade alleine im Schlafsaal waren, hatte Ron ihn darauf angesprochen. Und Harry, der seinen Freund nicht anlügen wollte, hatte ihm die Wahrheit gesagt. Ron war davon natürlich nicht sehr begeistert gewesen und hatte wie ein Irrer rumgebrüllt, denn zum damaligen Zeitpunkt war er auch noch ziemlich in sie verschossen. Irgendwann geriet die Sache anscheinend außer Kontrolle und es kam zum ersten Schlag...

 Harry wusste heute nicht einmal mehr, wer ihn ausgeführt hatte.

Hinterher saßen beide schwitzend und zerzaust auf dem Boden und sahen sich stumm an. Und dann, nachdem sie sich keuchend eine Weile angestarrt hatten, während Ron ein kleines Blutrinnsal aus dem Mundwinkel ließ, hatten sie beide angefangen zu lachen. Einfach so.

Harrys Kinn tat weh, wo ihn Rons Faust getroffen hatte, und doch hielten sich beide ihre Bäuche und konnten nicht mehr aufhören zu lachen.

...„Du hast nen ziemlich festen Schlag draufgehabt", sagte Harry grinsend und kehrte mit seinen Gedanken in die Gegenwart zurück. Ron saß kopfschüttelnd ihm gegenüber und grinste ebenfalls. „Ja, tut mir leid, dass ich dich damals geschlagen hab", sagte er. „Warum haben wir das damals eigentlich getan?", fragte Harry verwirrt. Er konnte es sich heute kaum noch erklären, wieso sie sich geprügelt hatten. Es erschien ihm so... kindisch. Und dabei war es noch nicht einmal ein Jahr her. Ron zuckte mit den Schultern. „Hermine würde vermutlich behaupten, dass wir unseren Machotrieb ausleben mussten." Harry schnaubte nur entrüstet und sah sich im Raum um. Dann wurde ihnen bewusst, dass sie ganz alleine im Gemeinschaftsraum saßen. Offensichtlich war es schon sehr spät. Ihre Blicke wanderten auf die Uhr, die über dem Kamin hing und überrascht sahen sie, dass es bereits kurz vor Mitternacht war. So ließen sie ihre Hausaufgaben ruhen und gingen in ihren Schlafsaal.

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Endlich wieder ein Kapitel! Hat zwar lange gedauert, aber was solls.

Danke fürs Reviewen an:

@ Svenja: Also, es werden noch einige Kapitel, glaub mir. Ich persönlich mag Ginny nicht besonders, ich weiß nicht, warum. Sie ist ja so ganz nett, aber ich kann mit ihr einfach nichts anfangen. Und deshalb mag ich Ginny/??? Pairings auch gar nicht.

@suzy-008: Danke fürs Lob! *g*

@ Lady Romantique: Freut mich zu hören, dass ich die Gefühlswelt von Harry einigermaßen glaubhaft hingekriegt habe.