--°''°--  Kapitel XVI --°''°--

Harry saß einsam im Gemeinschaftsraum. Obwohl ein unbeteiligter Beobachter die Szene wohl kaum als einsam beschreiben würde. Denn Harry war vom gesamten Quidditchteam umringt, welches mal wieder fleißig Spielzüge diskutierte, und doch fühlte er sich verlassen. Er blickte mit einem gequälten Gesichtsausdruck über Katies Schulter, zu den Sesseln vor dem Kamin. Betrübt schweiften seine Gedanken. Von Katies Rede über die neuen Spielzüge hörte er nichts. Immer wieder ging ihm der gestrige Moment durch den Kopf, als er Hermine angesprochen hatte. Für einen kurzen Augenblick hatte er gedacht, dass er Erfolg gehabt hatte, dass sie mit ihm reden würde. Und dann war sie doch vor ihm weggerannt.

 „...Harry, hast du überhaupt ein Wort von dem gehört, was ich gesagt habe?", drang es plötzlich an sein Ohr. Katie betrachtete ihn verärgert. Harry blickte schnell zu ihr und fühlte, wie er unter ihrem durchdringenden blick rot wurde. „Natürlich hab ich dich gehört", log er schnell. „Die neuen Spielzüge sind wirklich gut. Ich schließe mich all deinen Vorschlägen an." Katie sah ihn prüfend an. „Wirklich?", fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen und zuckersüßer Stimme.

 „Dann stimmst du dem Vorschlag also zu, Snape als unseren neuen Hüter einzusetzen?" Harry spürte, wie er noch röter anlief. „Ähm, da hab ich dann wohl was falsch verstanden", sagte er entschuldigend. Katie schüttelte entrüstet den Kopf. Ron, der ja ebenfalls in der Mannschaft war, sah ihn nur stirnrunzelnd an.

Den Rest des Abends zwang Harry sich, jede noch so kleine Bemerkung von Katie mitzukriegen und verbannte alle Gedanken an Hermine aus seinem Kopf.

‚Anscheinend geht es ihm immer noch schlecht', dachte Ron, der Harry den Rest der Besprechung nicht mehr aus den Augen ließ. Und dabei hätte er gedacht, das Gespräch von gestern Abend hätte ihn ein wenig aufgeheitert. Nun gut, wenn es nicht half, mit Harry zu reden, dann würde sich Ron halt an jemand anderen wenden müssen...

  Am nächsten Tag wartete er auf dem Flur auf eine ganz bestimmte Person. Und dann, nach einer Weile, kam sie schließlich um die Ecke gebogen, von einigen ihrer Freundinnen flankiert. Doch davon ließ er sich nicht abschrecken.

„Hey, hör mal, Chang", rief Ron der Schülerin zu. Diese drehte sich verwirrt zu ihm um. „Ja?", fragte Cho und sah den rothaarigen Jungen, der sie so forsch angesprochen hatte, fragend an. Ron, dessen Blick verlegen zu ihren Freundinnen wanderte, ging zu ihr hinüber, um nicht über den gesamten Flur brüllen zu müssen. Mit hochgezogenen Augenbrauen blicke die zierliche Sucherin des Quidditchteams der Ravenclaws zu ihm auf.

„Könnte ich mal mit dir reden?", fragte er sie, während sie ihn skeptisch aus dunklen Augen ansah. Sie war wirklich hübsch, das konnte Ron nicht bestreiten. Er konnte verstehen, das Harry auf sie reingefallen war.

Um ihn herum kicherten ihre Freundinnen, und Ron begann, sich ernsthaft genervt zu fühlen. ‚Können die sich nicht einfach verziehen?', ging es ihm durch den Kopf.

„Bist du nicht ein Freund von Harry?", fragte Cho, nachdem sie ihn abschätzend angeschaut hatte, und strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. Ron nickte und blickte sich wieder um.

„Genau über ihn will ich mit dir reden." Cho sah ihn stirnrunzelnd an, nickte dann aber ebenfalls. „Na schön", seufzte sie. „Lass uns irgendwo anders hingehen." Damit drehte sie sich um und lief einfach los, nicht darauf achtend, ob er ihr folgte. Sie wusste auch so, dass er es tun würde. Gott sei Dank folgten ihre Freundinnen ihr nicht.

Cho leitete ihn hinaus auf die Ländereien, die von den letzten Strahlen der langsam untergehenden Sonne beschienen wurden. Sie führte ihn nah zum See, wo immer wieder Arme des Kraken aus dem Wasser ragten und schäumend wieder darin versanken.

Schließlich, unter einem der Bäume, der ganz in der Nähe stand, wo Harry und Hermine sich damals zum ersten Mal geküsst hatten, machte sie halt und drehte sich zu Ron um.

„Also, worum geht es?", fragte Cho und verschränkte die Arme vor der Brust.

Ron zögerte kurz, holte dann aber tief Luft.

„Ich will mit dir über Harry und Hermine reden." Hierbei runzelte Cho die Stirn. „Warum?", fragte sie schlicht und starrte ihn verwirrt an.

„Weil du Schuld an ihrer Trennung bist", sagte Ron, mit einem Tonfall, als wäre dies absolut offensichtlich.

Cho's Gesicht verzog sich zu einer wütenden Maske. „Hör mal, es ist doch nicht meine Schuld, wenn die Beiden sich trennen. Er ist doch schließlich zu mir gekommen. Ich habe ihn nicht gezwungen. Was kann ich dafür, wenn sie ihm nicht gereicht hatte?!"

‚Ruhig, Ron. Bleib ruhig', ermahnte er sich innerlich. Es würde ihn nicht weiterbringen, wenn er sie anbrüllte, auch wenn das Verlangen danach gerade übermäßig war. So atmete er tief durch und zählte in Gedanken bis zehn.

„Ich möchte dir keine Vorwürfe machen, Cho", sagte er beruhigend, aber in seinem Innersten brodelte es. „Aber ich möchte dich auf die Folgen deiner... ‚Affäre' mit Harry hinweisen." Das schwarzhaarige Mädchen schüttelte abwehrend den Kopf und starrte ihn abweisend an. „Bitte", sagte Ron, fast schon flehend. „Hör mir bitte einfach nur zu." Cho sah zwar nicht gerade begeistert aus, blieb aber, wo sie war. Für einen Moment hatte Ron schon befürchtet, sie würde sich einfach abwenden und gehen.

„Es hat Hermine sehr weh getan, dich mit Harry zu sehen, Cho. Sie hat ihn wirklich geliebt." Sie sah zu Boden, als wäre sie verlegen.

„Und es hat sie so sehr verletzt, dass sie jetzt nicht einmal mehr mit ihm redet."

„Wieso erzählst du mir das alles?", fragte Cho kopfschüttelnd nachdem sie eine Weile geschwiegen hatten. Ron betrachtete sie lange Zeit; so lange, dass sie sich förmlich schon unter seinen Augen wand. „Was ist?", fragte sie nervös.

„Meinst du nicht, du hast etwas wieder gut zu machen?", wollte er von ihr wissen und beobachtete sie aufmerksam.

„Ich? Was soll ich denn bitte tun?", fragte sie mit vorwurfsvoller Stimme.

„Rede mit ihr", sagte Ron drängend. „Sag ihr, dass es dir leid tut." Cho schüttelte unverständlich den Kopf.

„Wieso sollte ich?"

Ron schwieg kurz, während er sie ansah.

„Weil du sicherlich kein schlechter Mensch bist", sagte er schließlich ruhig.

Später am Tag, nach dem Mittagessen, stand Weissagungen mit Professor Trelawney auf dem Stundenplan. Harry und Ron schwangen sich ihre Taschen über die Schultern, während Ron Hermine ein freundliches Lächeln schenkte, die ja zu Arithmantik gehen musste.

„Ich hätte diesen Schwachsinn längst abwählen sollen", sagte Ron mürrisch, während sie vor, oder besser, unter ihrem Raum standen und darauf warteten, dass Sybill Trelawney die Trittleiter hinunterließ. Harry grinste ihn nur schulterzuckend an. Seit ihre Professorin ihn im dritten Schuljahr mit einer richtigen Vorraussagung überrascht hatte, war seine Abneigung gegen dieses Fach nicht mehr ganz so groß.

Kurz vor Stundenanfang ließ ihre Professorin schließlich die Leiter hinunter und die Schüler kletterten in den Turm. Sofort  wurde Harry von süßlich duftenden Dunstschwaden empfangen, welche ihm jedes Mal den Verstand zu vernebeln schienen. Sybill Trelawney saß in ihrem Sessel und in der Hand hielt sie Karten, bei denen es sich wohl um Tarotkarten handelte. Ihre Augen glänzten hinter den dicken Brillengläsern hervor, was sie unheimlich groß erscheinen ließ. Harry und Ron ließen sich an einem Tisch so weit wie möglich von ihr entfernt nieder, während die anderen Schüler sich im Raum verteilten. Als alle ruhig dasaßen, erhob sich Professor Trelawney. „Einen schönen Nachmittag wünsche ich euch allen. Heute werden wir mit dem Kartenlegen beginnen. Einige von euch werden dafür sicherlich begabter sein als andere", sagte sie mit ihrer säuselnden Stimme und blickte freundlich zu Parvati und Lavender, sie strahlend zurücklächelten.

„Als erstes möchte ich ihnen ein Beispiel zeigen, bevor sie selbst in die geheimnisvolle Welt der Karten eingeweiht werden. Stellt sich jemand freiwillig zur Verfügung?", fragte sie lächelnd und blickte in die Runde. Harry und Ron zogen schnell ihre Köpfe ein, damit sie nicht auf die Idee käme, einen von ihnen dranzunehmen. Doch scheinbar half es nichts.

„Mr. Potter, wie wäre es mit ihnen? Ihre Karten werden sicherlich äußerst interessant sein, für jeden von uns."

Harry unterdrückte ein Fluchen und Ron warf ihm einen mitleidigen Blick zu, während Harry sich nach vorne begab und sich vor seine Professorin setzte.

„Nun dann, mischen sie die Karten und verteilen sie sie vor sich. Dann ziehen sie eine Karte und reichen sie mir."

Harry tat wie geheißen; er wollte es möglichst schnell hinter sich bringen. Er mischte ein paar Mal, dann legte er sie vor sich und zog ungefähr aus der Mitte eine Karte. Ohne sie sich anzusehen reichte er sie an Professor Trelawney weiter. Diese nahm sie mit ihren spindeldürren langen Fingern und drehte sie langsam um. Sobald sie das Abbild der Karte sah, sog sie scharf die Luft ein und riss die Augen auf.

„Oh je", murmelte sie vor sich hin und warf Harry einen verheißungsvollen Blick zu. Dann drehte sie die Karte, um sie ihm zu zeigen. Harry las: „Der Gehängte". Hinter sich konnte er hören, wie Lavender und Parvati scharf die Luft einsogen.

„Was soll das bedeuten?", fragte Harry verständnislos. Doch Trelawney schüttelte nur den Kopf und legte die Karte beiseite. Dann deutete sie ihm, eine weitere Karte zu ziehen. Genervt verdrehte Harry die Augen, tat es aber trotzdem. Er zog eine der unteren Karten hervor und gab sie sogleich wieder weiter. Er glaubte eh nicht an diesen Schwachsinn, da war es ihm so ziemlich egal, was in seinen Karten stand. Trelawney riss ihm fast ungeduldig die Karte aus der Hand und betrachtete sie mit glänzenden Augen.

„Sie scheinen wahrlich vom Unglück verfolgt zu werden, Mr. Potter", säuselte sie dann und drehte die Karte um. Und wieder hörte er, wie Lavender und Parvati erschrocken Luft holten. Harry las den Namen der Karte. „Der Turm".

„Das bedeutet Unglück, mein Junge", sagte seine Professorin geheimnisvoll und räusperte sich dann. „Mr. Potter, es tut mir leid, ihnen das mitteilen zu müssen, aber ich kann ihnen sagen, dass sie noch vor unserer nächsten Stunde im Krankenflügel landen werden", sagte sie lauter, damit es auch die ganze Klasse vernahm. Harry, der solche Vorhersagen gewohnt war, murmelte nur „Ja ja, schon klar", bevor er sich zu seinem Platz neben Ron zurück begab.

„Na, das ist ja nichts Neues", schnaubte Ron kopfschüttelnd. „Wie immer wirst du wohl kurz vorm Krepieren sein". Harry musste ein Lachen unterdrücken. Es stimmte; er konnte sich schon gar nicht mehr an die unzähligen Male erinnern, als ihm Professor Trelawney seinen baldigen schmerzhaften Tod prophezeite. Und auch diesmal war wohl keine Ausnahme. Trelawney hatte nur wieder eine ihrer üblichen Shows abziehen wollen und dachte wohl, bei Harry Potter würde es den meisten Eindruck machen...

Während Ron und Harry sich also köstlich amüsierten, saß Hermine nachdenklich in Arithmantik und dachte an gestern zurück, als sie die Kette um Pansys Hals entdeckt hatte. Hermine hatte eigentlich keine Zweifel mehr. Es war bestimmt die Kette gewesen, die sie für Draco gekauft hatte. Aber wieso sollte er so etwas tun? Er würde Pansy nicht einfach die Kette schenken.

Oder? Ein leiser Verdacht beschlich sie. Pansy erzählte doch schließlich immer, was sie so alles mit Draco in den Ecken tat. Und das war bestimmt nicht alles nur ausgedacht. Selbst ein Gerücht musste doch wohl auf irgendeiner wahren Tatsache beruhen.

Aber nein, dass würde Draco nicht tun...

„Hat Hermine schon mit dir geredet?", fragte Ron später, nachdem es geklingelt hatte, und die beiden zur nächsten Stunde liefen, Kräuterkunde im Gewächshaus. Die warme Aprilsonne schien auf die gläsernen Wände, welche das Licht in schillernden Farben reflektieren. Um sie herum grünte alles. „Wie kommst du darauf?", fragte Harry und verzog das Gesicht.

Ron erkannte gleich, dass er das Thema lieber hätte ruhen lassen sollen, denn Harrys Züge nahmen wieder diesen gepeinigten Ausdruck an, den er immer zu bekommen schien, wenn es um Hermine ging. „Ach, nur so", sagte er in Gedanken versunken. ‚Also hat Cho wohl noch nicht mit ihr geredet', dachte Ron. Als er Harry wieder ansah, stutzte er überrascht. 

„Alles okay bei dir?", fragte er leicht besorgt nach, denn Harry war ganz blass um die Nase geworden.

 „Ja...nein, ich weiß nicht so genau. Ich fühl mich merkwürdig", sagte er und blieb stehen. Nervös sah Ron, wie Harrys Atem ziemlich schwer ging, dafür, dass sie doch ganz ruhig gelaufen waren.

„Ich... irgendwas stimmt da nicht", brachte Harry mühsam hervor. „Soll ich dich lieber in den Krankenflügel bringen?", wollte Ron wissen, doch Harry schüttelte den Kopf. Auf seiner Stirn glänzte kalter Schweiß. „Nein, ist schon gut, es geht bestimmt gleich wieder." Etwas zittrig stand er da und atmete flach. Plötzlich schien ihn eine Welle des Schmerzes zu überrollen, denn er verzog das Gesicht. „Aahh", entrang es sich seiner Kehle.

„Harry, was ist denn?", fragte Ron panisch, während er hilflos zusehen musste, wie sein Freund sich mit gepeinigtem Gesichtsausdruck die Hand auf seine Brust drückte. „Ich... ich weiß nicht", brachte er in abgehackten Atemzügen hervor. Im nächsten Moment sackte er auf seine Knie ins Gras. „Harry", schrie Ron verzweifelt und eilte an seine Seite. „Du musst sofort in den Krankenflügel." Unbeholfen schob er Harry einen Arm unter die Schultern und hievte ihn unter Anstrengung hoch...

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