--°''°-- Kapitel XVII --°''°--
Ron saß gerade an Harrys Bett, als McGonagall, die Leiterin des Hauses der Gryffindors, in den Krankensaal gestürmt kam. „Poppy, was ist mit ihm passiert?", wandte sie sich an die Krankenschwester, die gerade aus ihrem Zimmer geeilt kam um festzustellen, wer solchen Lärm veranstaltete. Madam Pomfrey schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht genau. Mr. Weasley hat gesagt, er sei auf dem Weg zum Unterricht einfach zusammengebrochen." McGonagall sah mit strengem Blick zu Ron hinüber. „Mr. Weasley, bitte kommen sie mal für eine Minute her." Ron stand auf und ging zu ihnen herüber.
„Mr. Weasley, ist in letzter Zeit irgendetwas Besonderes mit Mr. Potter passiert?", fragte ihn seine Lehrerin mit ernster Mine, sobald er vor ihr stand, die Hände in die Taschen seines Umhangs geschoben.
Ron überlegte angestrengt, doch ihm fiel nichts ‚Besonderes' ein, außer vielleicht...
„Na ja, er war ein wenig deprimiert, wegen seiner Trennung von Hermine...", begann er, doch McGonagall schüttelte ungeduldig den Kopf. „Mr. Weasley, wir sind nicht an Mr. Potters Liebesleben interessiert...", wollte sie ihn gerade scharf ermahnen, doch da meldete sich Madam Pomfrey zu Wort.
„Minerva, warten sie. Das könnte tatsächlich wichtig sein. Mr. Weasley, was wollten sie gerade sagen? Mr. Potter und Miss Granger haben sich getrennt?". Ron nickte. Die Krankenschwester wandte sich an McGonagall, doch sprach weiterhin zu Ron.
„Mr. Weasley, würden sie Professor McGonagall und mich kurz alleine lassen.", sagte sie während sie McGonagall eindringlich ansah. Ron nickte wieder. „Ich werde dann mal zu Harry gehen", sagte er knapp und ging wieder zu Harrys Bett hinüber.
Als Ron außer Hörweite war, sprach McGonagall endlich. „Poppy, was sollen denn diese Fragen? Harry wird ja wohl kaum krank vor Liebeskummer sein", sagte sie verächtlich.
Doch Poppy schüttelte nur den Kopf. „Das ist gar nicht so abwegig, Minerva. Ich musste gerade an eine Theorie denken, von der ich während meiner Ausbildung gehört hatte. Sie wurde von einem Medimagier namens Fried in 18'ten Jahrhundert aufgestellt." McGonagall schien sie jetzt ernster zu nehmen, sah sie aber immer noch skeptisch an.
„Es geht um Personen und ihre Bindungspartner. Es gibt Leute, die bauen ungewöhnlich starke Bindungen zu anderen auf, besonders häufig passiert das bei Personen, die verliebt sind. Manchmal kommt es vor, dass bei einer Trennung dieser Bindung der Betroffene krank wird. So etwas wurde selbst in der Muggelwelt schon beobachtet. Sie haben doch sicherlich schon davon gehört, dass sich einige Muggel nach einer schmerzhaften Trennung eine Waffe nehmen, und ihren Partner und sich erschießen?"
McGonagall nickte mit düsterem Gesicht.
„Nun, das ist natürlich nur eine der Folgen dieser Erkrankung. Selbstverständlich zeigt nicht jeder Betroffene seinen Schmerz so drastisch", versicherte Madam Pomfrey schnell, als sie sah, wie sich McGonagalls Augen weiteten. „Es ist eher eine psychische Erscheinung. Die Folgen dieses Verlustes erkennt man meist erst spät, da die Person äußerlich keinerlei Anzeichen zeigt. Sie leidet innerlich."
„Und sie glauben tatsächlich, dass Harry Potter davon betroffen ist?", fragte McGonagall skeptisch. Madam Pomfrey zuckte hilflos mit den Schultern. „Es wäre möglich. Aber bedenken sie, dies ist nur eine Theorie, die auf einigen wenigen Fällen basiert. Er könnte genauso gut einfach depressiv sein. So etwas kann schon mal passieren. Er ist schließlich sechzehn." McGonagall sah sie zweifelnd an. „Bei seiner Vergangenheit wäre das kein Wunder", ergänzte Madam Pomfrey und sah resignierend zu Harrys Bett hinüber.
Ron wusste nicht mehr, wie lange er schon dagesessen hatte und auf Harrys bleiches Gesicht hinuntergestarrt hatte, als Hermine durch die Flügeltür des Krankensaals stürmte und zu ihm hinübereilte. Ihre Wangen waren gerötet, als wäre sie gerannt, und sie war sichtlich außer Atem. Vermutlich war sie gerade direkt vom Kräuterkundeunterricht ins Schloss hochgerannt, und das war schon eine beträchtliche Strecke.
„Ich hab es gerade erst erfahren und bin sofort gekommen", sagte Hermine atemlos, zog sich einen Stuhl ans Bett heran und ließ sich neben Ron sinken. Dieser sah sie mit müden Augen an. Er wirkte äußerst erschöpft und unter seinen Augen befanden sich dunkle Ringe. „Am besten, du gehst und legst dich eine Weile hin, Ron", sagte Hermine mitfühlend, als sie sah, in welchem Zustand sich ihr Freund befand. Doch er schüttelte nur den Kopf und ließ ihn in seine Hände sinken. Für einige Sekunden sagte keiner von ihnen auch nur ein Wort. Sie saßen nur stumm da, und Hermine blickte auf Harrys unbewegliche Figur hinunter. Er sah so viel kleiner aus, wie er da so lag, blass und regungslos. Als wäre er gar nicht richtig da.
„Trelawney hatte es gewusst", sagte Ron plötzlich leise und Hermine wandte sich überrascht zu ihm. „Sie hat vorrausgesagt, das Harry vor unserer nächsten Wahrsagen-Stunde im Krankenflügel landen würde. Und ich Idiot hab noch so'n blöden Kommentar abgelassen von wegen‚ kurz vorm Krepieren sein'", sagte er gequält.
„Oh Ron, das konntest du doch nicht wissen, dass die Hochstaplerin tatsächlich mal die Wahrheit sagt", versuchte Hermine ihn zu trösten und legte ihm den Arm um die Schultern. Eine Weile lang saßen sie so da, bis Ron schließlich aufseufzte. „Wissen sie schon, was er hat?", fragte Hermine, während sie wieder in Harrys blasses Gesicht starrte.
„Sie wollten mir nichts genaueres sagen", sagte Ron kopfschüttelnd. So saßen sie beide da, in ihren eigenen Gedanken versunken, während beide von Schuldgefühlen gequält wurden...
Stunden später, als Harry schließlich aufwachte, war es bereits dunkel. Desorientiert sah er sich um und versuchte sich zu erinnern, wo er war. Nachdem er ein paar Mal geblinzelt hatte, erkannte er, dass er im Krankenflügel lag, und er setzte sich auf, wobei er die Zähne zusammenbeißen musste, als ihn Schmerzen durchzuckten. Anscheinend hatte er sich ein paar blaue Flecke zugezogen, wenn nicht noch Schlimmeres. Wie spät war es wohl?
Er wollte gerade nach seiner Brille greifen, die sicherlich neben ihm auf dem Nachttisch liegen würde, da bemerkte er, dass seine Hand fest gehalten wurde und er sie nicht bewegen konnte.
Erst da sah er erstaunt, dass Hermine an seinem Bett saß und seine Hand in ihrer hielt. Verwirrt blickte er auf ihre verflochtenen Finger. Hatte sie das getan, oder hatte er unbewusst im Schlaf nach ihr gegriffen? Aber er hatte doch gar nicht gewusst, dass sie neben ihm saß. Also musste sie wohl...
Und wie lange saß sie schon hier? Und überhaupt, was war denn mit ihm passiert? Das Letzte, an das er sich erinnern konnte, war Ron, der ihn besorgt ansah.
In dem Moment rührte Hermine sich und Harry wurde erschrocken aus seinen Gedanken gerissen. Sie hob ihren Kopf und blickte ihn verschlafen durch ihren verwuschelten Haarschopf hindurch an. „Du bist ja wach", sagte sie und unterdrückte ein Gähnen. Harry, der sie wie gebannt anstarrte, nickte nur stumm. Sie war hier bei ihm; und sie redete mit ihm. Das war mehr, als er sich erhofft hatte. Seit sie bei seinem letzten Versuch, mit ihr zu sprechen, weggerannt war, hatte er nicht geglaubt, dass er noch einmal die Chance dazu erhalten würde.
„Wie geht es dir?", unterbrach sie seine Gedanken, ließ seine Hand los und strich sich die Haare aus dem Gesicht.
Prüfend bewegte er seine Arme und Beine, um sicher zu gehen, dass sie noch funktionierten. „Gut", erwiderte er schließlich schlicht. Hermine betrachtete ihn stumm. Was ihr wohl gerade durch den Kopf ging? Harry wusste es nicht, konnte es nicht einmal erahnen. Er fürchtete, dass sie sofort gehen würde, wenn er sie ansprach. Daher blieb er stumm und hoffte, dass Hermine ihm das Sprechen abnahm.
„Kannst du dich daran erinnern, was mit dir passiert ist?", fragte sie nach einer Weile, während Harry nervös an seiner Bettdecke rumgezupft hatte. Harry schüttelte den Kopf. „Ich weiß nur noch, dass Ron und ich gerade auf dem Weg zu Kräuterkunde waren. Und dann", sagte er nachdenklich, als müsste er sich anstrengen, sich zu erinnern, „ist alles Schwarz." Hermine nickte bestätigend. „Du bist plötzlich ohnmächtig geworden", sagte sie leise. „Aber man will uns nicht sagen, weswegen."
Harry zuckte mit den Schultern. Er konnte es sich auch nicht genau erklären, aber es war vermutlich übertrieben, sich darum solche Sorgen zu machen.
„Vermutlich war ich nur müde oder so was", versuchte er zu erklären. Hermine zog ihre Augenbrauen hoch. „Deswegen kippt man aber nicht einfach um, Harry. Ich denke, es gab einen anderen Grund." Als sie das sagte, spürte Harry, wie ihn ein Stich Wut durchzuckte. „Als ob du das wüsstest", brachte er hitzig hervor. „Dich interessiert es doch scheinbar nicht mehr, was mit mir geschieht." Für eine endlose Sekunde schienen die Worte im Raum nachzuhallen.
Als ihm bewusst wurde, was er da gerade gesagt hatte, schloss Harry schnell den Mund, bevor ihm noch mehr hinausrutschen konnte. Hermine sah ihn ungläubig an. „Versuch nicht, mir die Schuld dafür zuzuschieben", brachte sie seltsam ruhig hervor. „Es lag nicht an mir, dass ich kein Bedürfnis mehr danach hatte, mit dir zu reden. Und das weißt du ganz genau!"
Harry hatte seinen Blick auf die Bettdecke gesenkt. Sie hatte seinen wunden Punkt getroffen. „Ich weiß. Das tut mir leid." Hermine schüttelte den Kopf und seufzte auf. „Ich verstehe nicht warum, aber ich kann einfach nicht lange wütend auf dich sein." Hoffnungsvoll sah Harry auf. Doch Hermine zerstörte seine Hoffnung gleich wieder. „Das heißt noch lange nicht, dass zwischen uns alles wieder in Ordnung ist. Bei Weitem nicht." Entmutigt ließ Harry seinen Kopf hängen. Für einen kurzen Moment hatte er gedacht...
„Dazu hast du mir zu sehr wehgetan, Harry. Ich habe dir vertraut; mehr noch, ich war in dich verliebt. Und du hast mich betrogen. Kannst du dir überhaupt vorstellen, wie ich mich gefühlt habe?"
Wie schon beim letzten Mal spürte Harry, wie ihm seine Augen feucht wurden. ‚Verdammt, was ist denn nur in letzter Zeit mit dir los, dass du andauernd kurz vorm Losheulen bist?', schalt er sich selbst in Gedanken.
„Sie hat mir nichts bedeutet", erklärte er leise und versuchte, seiner Stimme einen ruhigen Klang zu geben. „Warum hast du sie denn dann geküsst?", fragte Hermine vorwurfsvoll. Ihre Stimme klang mittlerweile auch nicht mehr so gelassen. Harry schüttelte seinen Kopf.
„Vermutlich, weil ich ein Idiot war. Weil ich nicht daran gedacht habe, was das für Konsequenzen haben würde. Weil ich vergessen hatte, was du mir bedeutest. Und weil ich nicht daran gedacht habe, wie sehr es dir wehtun würde." Hier stoppte er.
Einen Augenblick lang schwiegen beide. Als Hermine schließlich sprach, klang sie müde, als hätte sie die Unterhaltung erschöpft. „Dann sind wir wohl beide Idioten." Harry sah sie verständnislos an. „Wie meinst du das?"
„Ich meine, dass ich wohl auch eine Idiotin bin. Denn weißt du, trotz allem kann ich dich nicht hassen", sagte sie leise. „Ich habe es versucht, aber es geht einfach nicht..."
Nachdem sie den Krankenflügel verlassen hatte, fühlte Hermine sich seltsam aufgewühlt. Das Gespräch mit Harry hatte ihr gezeigt, dass er ihr gar nicht so egal war, wie sie immer vorgab. Sie hatte es gemerkt, als sie gesehen hatte, wie verletzt er ausgesehen hatte, als sie gesagt hatte, das damit nicht wieder alles in Ordnung zwischen ihnen wäre. Als ob er alle Hoffnung verloren hatte...
Energisch schüttelte sie den Kopf und vertrieb diese Bilder aus ihrem Kopf. Nein, sie würde kein Mitleid mit ihm haben. Das hatte er nicht verdient...
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So Leute. Nächstes Mal stellt Hermine Draco wegen der Kette zur Rede. Das wollte ich eigentlich schon in diesem Kapitel machen, aber dann wäre es noch länger geworden, und ich wollte endlich hiermit fertig werden.
Ein dickes Dankeschön für die lieben Reviews. Ich freu mich immer, zu sehen, das die Anzahl wieder gestiegen ist.
@ t_wosz: Das mit der Email geht klar. Danke für das riesige Kompliment *g*.
