Schnee und alles, was dazu gehört
Die nächsten Tage vergingen schnell und ehe sie sich versahen, war der Weihnachtsmorgen. Lily hatte im Schlafsaal der Jungen geschlafen, in James Bett um genau zu sein, allerdings hatten die beiden sich gehütet, etwas zu tun, was übers Küssen hinausging, denn darauf wartete Sirius nur. Ansonsten war von den Siebtklässlern aus Griffindor nur noch Remus da geblieben. Candy war mit ihren Eltern irgendwo in der Karibik, Emmy besuchte Tante und Cousine in Frankreich und Peter war einfach so nach Hause gefahren. „Heimweh", hatte Sirius etwas verächtlich bemerkt. So kam es, dass Lily bei den drei verbliebenen Jungen im Zimmer schlief und dort auch am Morgen des fünfundzwanzigsten aufwachte.
Lily rieb sich die Augen und sah sich im Zimmer um. Die drei Jungen schliefen noch. Lily sah die Geschenkstapel am Fußende jedes Bettes, der an dem Bett in dem sie und James lagen war mehr als doppelt so groß wie die der von Remus, bei Sirius lag kaum etwas, obwohl bei ihm noch Geburtstagsgeschenke hinzukamen. Kluge Hauselfen, sie hatten Lilys Geschenke auch gebracht. Lily beugte sich über James und küsste ihn. Noch etwas verschlafen erwiderte er den Kuss, aber Lily löste sich schnell wieder. „Geschenke", murmelte sie leise in sein Ohr. Er richtete sich sofort auf und brüllte einmal: „Aufstehen! Moony, Padfoot! Es gibt GESCHENKE!" Tatsächlich reagierten beide und saßen kerzengrade in ihren Betten. Lily lächelte belustigt: „Fröhlich Weihnachten, ihr drei. Happy Birthday, Padfoot." Keine Reaktion.
Sirius hatte sich sofort auf seine Geschenke gestürzt. Oder besser auf die Stelle seinen Bettes, wo er Geschenke erwartete hatte. Das einzige, was er sah, war eine Schachtel selbstgebackener Kuchen von Hagrid, eine Packung Bubbles Bester Blaskaugummi von Undine (wieso schenkte sie ihm etwas?) und ein Umschlag. Etwas enttäuscht griff er danach und öffnete ihn. Ein Foto und eine Karte fielen heraus. Sirius nahm sie Karte und klappte sie auf. ‚Herzlichen Glückwunsch zum 18. Geburtstag, Padfoot und fröhliche Weihnachten' stand dort in Lilys Sonntagsschrift. Darunter waren eine Menge Unterschriften zu sehen. Sirius erkannte die von James (‚Prongs'), Remus (‚Moony'), Peter (‚Wormtail') und Lily (‚Jewel'), die allesamt mit ihren Spitznamen unterzeichnet hatten. Daneben die Namenszüge der Potters (James Eltern), von Emily, Candice, Jonathan, Frank und, zu seiner Überraschung, auch der von Bertha. Dann erkannte Sirius einen weiteren Namen, der in eine Ecke gekritzelt war – Narzissa…
Er wandte sich dem Foto zu. Es zeigte ein schwarzes Motorrad. Ein fliegendes Motorrad. Es musste ein Vermögen gekostet haben und dazu noch einige Zeit, es im Ministerium anzumelden. Sirius war sprachlos. Einige Sekunden starrte er nur auf das Foto. Woher hatten sie bitteschön gewusst, dass er sich genau das gewünscht hatte? James. Natürlich James. Wer sonst? „Danke", murmelte er mit einer Stimme, die irgendwie nicht zu ihm zu gehören schien. „Bitte", kam es von einem grinsenden James. Er wusste, dass sie mit diesem Geschenk den Nagel auf den Kopf getroffen hatten.
James hatte ebenfalls sofort sämtliche Geschenke aufgerissen. Auch er hatte Kuchen von Hagrid bekommen – steinhart und ungenießbar, aber der gute Wille zählte. Von Remus gab es einen Bildband über die ‚Montrose Magpies', seine Lieblings Quidditchmannschaft und von Peter eine Auswahl verschiedener Süßigkeiten. Emily schenkte ihm magisches Haargel, welches Lily ihm allerdings sofort wegnahm (Kommentar: „Wie oft soll ich es noch sagen? Ich will nicht, dass du was mit deinen Haaren anstellst!") und von Candice bekam er Zaubertinte. Sirius Geschenk war das wohl merkwürdigste: Ein Goldfisch (James: „Padfoot, was KANN dieser Goldfisch?" Sirius: „Gold fischen.") und ein ‚Schrankmonster' (ebenfalls nutzlos). Von seinen Eltern gab's fünf Karten für die Quidditch-Weltmeisterschaft im August.
Aus dem Päckchen von Lily fiel ein etwa pfirsichkerngroßer Stein. Er war vollkommen weiß, aber als James ihn in die Hand nahm, veränderte er seine Farbe zu rot. Fragend sah er Lily an. „Ich hab das Gegenstück zu dem Stein. Er zeigt dir an, wenn ich an dich denke, meine Stimmung oder ob deine Hilfe brauche oder so. Bei schwarz bin ich in Gefahr, bei blau traurig oder verzweifelt, bei gelb krank oder verletzt, bei grün ängstlich, bei orange wütend, bei rosa glücklich, bei grau einsam und bei rot verliebt, was wiederum heißt, dass ich dann an dich denke", erklärte Lily. „Schreib mir die Bedeutungen am besten auf", bemerkte James grinsend und bedankte sich auf seine Art bei ihr.
Remus hatte seine Geschenke langsamer ausgepackt. Lily und James hatten ihm ein sehr altes und wertvolles Buch geschenkt, mit dem Titel ‚Werwolf sein und was man dagegen tun kann'. Von Peter hatte er ebenfalls Süßigkeiten bekommen (der Junge wurde von Jahr zu Jahr einfallsreicher) und von Sirius ein Sortiment an Zaubertrankzutaten. Candy schenkte ihm Pergamente, Tintenfässer und Federn (zumindest war es nützlich…) und Emmy Boxershorts in verschiedenen Farben, die Remus, mit feuerrotem Kopf, schnell in den Schrank verbannte. Nicht zu vergessen einen Kuchen von Hagrid und ein Zaubererradio von seinen Eltern.
Lily bekam von Emmy auch Unterwäsche, allerdings war ihre schwarz, teuer und ziemlich aufreizend. Stöhnend stopfte Lily sie zurück ins Papier. Candy schenkte ihr ein Buch über Traumdeutung und Remus eins über die dunklen Künste und die Verteidigung dagegen. Sirius schenkte ihr ein kleines, hübsch verziertes Kästchen, das jedem, außer ihr, der versuchte es zu öffnen, in die Nase biss. Von James bekam sie eine silberne Kette, mit einem, ebenfalls silbernen, verschnörkelten Anhänger, in den ein schwarzer Stein, ein Onyx, eingefasst war. Jetzt war es an Lily, fragend zu schauen.
„Der Anhänger ist verzaubert. Sehr, sehr alte Magie. Er wird dir, wenn du stirbst, deinen letzten Wunsch erfüllen, egal was es ist. Allerdings gibt es drei Bedingungen: 1. Der, der den Wunsch hat, muss ein reines Herz haben, darf also noch nie jemanden getötet oder absichtlich schlimm verletzt haben. 2. Der Wunsch darf alles sein, aber er darf niemanden wieder von den Toten auferstehen lassen oder dem Wünschenden den Tod ersparen, das funktioniert nicht. 3. Der Wunsch muss selbstlos sein, also dem Wünschenden nichts bringen, sondern anderen. Die Kette wird sich, sobald der Wunsch erfüllt ist, ins Nichts auflösen", erklärte er. Noch sollte keiner der Zwei wissen, dass es dieser Kette zu verdanken war, dass ihr gemeinsamer Sohn einige Jahre später den Todesfluch überleben sollte.
Nach dem Mittagessen in der großen Halle gingen sie über die zugeschneiten Ländereien. Lily unterhielt sich mit Remus über einen so genannten ‚Wolfsbanntrank', den ein Zauberer erfunden hatte und der einen Werwolf bei Vollmond angeblich zahm werden ließ. So ganz glaubte keiner der beiden an den Erfolg. James und Sirius trotteten hinterher. Keinem der beiden war nach einem tiefschürfenden Gespräch über irgendwelche Tränke und so schwiegen sie. Sirius sah sich um. Schnee. Nur Schnee, so weit das Auge reichte. Moment mal, Schnee… Schneeball… Schneeballschlacht. Ja, DAS war nach seinem Geschmack. Er bückte sich, nahm eine handvoll der weißen Pracht und formte einen festen Schneeball daraus. Blitzschnell klatschte er ihn James ins Gesicht. Der rächte sich sofort. Nur Minuten später waren alle vier in eine Schneeballschlacht verwickelt.
Als sie alle vollkommen außer Atem und von oben bis unten mit Schnee bedeckt waren, hob Lily irgendwann die Hände. „Stopp. Ich kapituliere", rief sie lachend und ließ sich rückwärts in die weiße Pracht fallen. James tat es ihr gleich und Sirius und Remus setzten sich daneben. Sirius Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Schnee… Schneemann! Auch gut, dann würden sie jetzt eben einen Schneemann-Bau-Wettbewerb starten. Er schlug es den anderen vor und die drei stimmten begeistert zu. Lily und James bildeten ein Team, Remus und Sirius das andere. Schnell begannen sie so viel Schnee wie möglich zu Kugeln zusammen zu pressen und diese Kugeln aufeinander zu setzten. Lily und Remus zauberten außerdem noch eine Mohrrübe, einen Zylinder und einen Besen herbei. Steine dienten als Augen, Mund und Knöpfe. Als sie fertig waren, kamen sie überein, dass es ein Unentschieden war und machten sich auf den Weg zum Schloss. Es war für alle ein rundum zufrieden stellendes Weihnachtsfest – und für Sirius ja auch der Geburtstag – gewesen.
