An Kara: Danke! Du hast mir grade eins der, in meinen Augen, größtmöglichen Komplimente gemacht. Ich finde, wenn man sich nicht in eine Geschichte rein versetzten kann und sie nicht bildlich vor Augen hat, dann ist sie allenfalls ‚in Ordnung'.

An inlaka: Wiederhol dich ruhig, solange es was Nettes ist, wird's mich nicht stören ;).

An Serpentia: Ja, hast Recht, das Kapitel ist ganz lustig geworden. Zumindest nicht so depressiv, wie die Anderen, die ich abgeliefert habe.

An valerie: Hier hast du das nächste Kapitel. Hoffe mal, es gefällt dir.

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Die nächsten Monate vergingen tatsächlich ziemlich schnell und noch ereignisloser. Sirius und James fieberten nahezu dem nächsten Vollmond entgegen, auch wenn sie es nicht zugeben wollten, denn das war das einzig aufregende Ereignis, welches in Aussicht stand. Sie sollten sich täuschen, denn schon bald würde grade James darum beten, dass wieder alles seinen gewohnten Gang ging. Der Tag, an dem alles aus den Fugen geriet, war ein recht sonniger Dienstag, doch die beiden Schulsprecher hatten wenig davon. Sie verbrachten den Nachmittag in ihrem Büro und entwarfen erste Planungen für Dumbledores Geburtstag. James saß auf seinem Schreibtischstuhl und starrte die Wand an. Lily saß neben ihm auf dem Tisch und kritzelte irgendetwas auf ein Pergament.

„Also, was meinst du?", fragte Lily und hielt James ihre Notizen hin. Er stöhnte, überflog das Pergament aber brav. „Nicht schlecht an sich, aber ich würde mich da gar nicht so reinhängen", wandte er ein. Lily schaute ihn fragend an: „Inwiefern?" „Naja", kam die etwas zögerliche Antwort, „wir geben einfach den Vertrauensschülern Bescheid, dass jede Klasse ein bis zwei Nummern einstudieren soll und dass sie bitte überwachen, dass am Schluss auch jeder was macht und dass das Ganze halbwegs läuft. Wir organisieren das Fest. Reicht doch. Außerdem müssen wir ja auch noch den Abschlussball planen und nebenher noch irgendwie die Schule schaffen. Wirklich, Lil, wir haben mehr als genug zu tun." Sie nickte, schien aber nicht begeistert. James musste grinsen, als er ihre unwillige Reaktion sah. „Hey, du kannst nicht immer die hundertprozentige Kontrolle über alles haben. Ruh dich mal aus. Kein Mensch schafft es auf Dauer so viel zu Arbeiten, nicht mal du", versuchte James sie zu überreden. Von Lily kam keine Reaktion. „Bitte, Süße. Ich will nicht, dass du dich total überarbeitest", bettelte James weiter und sie musste lachen: „In Ordnung, ich werde mich etwas zurücknehmen. Zufrieden?" „Hm, fast", antwortete James und als er ihren Blick sah (Motto: ‚Was ist denn jetzt noch?') fuhr er fort: „ich bin es, wenn wir jetzt runter gehen und du dich einfach mal ein bisschen entspannst."

Lily schüttelte den Kopf: „Ich muss noch meinen Aufsatz für Zaubertränke schreiben." „Lily, wir haben Zaubertränke erst wieder in einer Woche. Du hast noch mehr als genug Zeit", stöhnte James, dann erhellte sich sein Gesicht, „aber damit, das wir nicht unbedingt runter gehen müssen hast du Recht…" Er richtete sich auf und beugte sich über sie um sie zu küssen. Soweit lies Lily es zu, aber als seine Hand sich unter ihr Oberteil schob, schubste sie ihn weg. „Was ist?", fragte James mit einem Stirnrunzeln. Lily grinste ihn herausfordernd an: „Wenn ich sage, ich habe Kopfschmerzen, dann glaubst du mir das nicht, oder?" Er schüttelte entschieden den Kopf und kam wieder einen Schritt näher. Lily sprang vom Tisch und fuhr fort: „Ich meine es Ernst. Ich muss wirklich noch den Aufsatz für Zaubertränke schreiben, außerdem noch die Hausaufgaben für Alte Runen fertig machen und das haben wir morgen. Dann muss ich noch in die Bibliothek und du musst in einer Viertelstunde zum Nachsitzen zu McGonagall, schon vergessen?" James grummelte etwas und Lily hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. „Bis nachher. Wir sehen uns spätestens in Astronomie", sprachs und verschwand.

Tatsächlich sahen sie sich den ganzen Tag nicht mehr. James widmete sich mal wieder einigen Streichen für Snivellus und Lily arbeitete für die Schule. Eigentlich wie früher. Um 23.45 Uhr machte Lily sich zusammen mit Emmy, Candy und Bertha, mit der sie sich in den letzten Monaten angefreundet hatten, auf den Weg zum Astronomieturm. Oben angekommen sah sie sich um. Peter drückte sich wie immer eng an die Wand, er hatte Höhenangst, Remus guckte bereits durch sein Fernrohr und Sirius stand lässig an die Umrandung gelehnte da und beobachtete Peter, der bei jeder von Sirius Bewegungen einmal aufquiekte. James war nicht da. „Sirius, wo ist James?", fragte Lily misstrauisch. Hatte er schon wieder was angestellt? Am Anfang des Schuljahrs war es ja besser gewesen, aber in den letzten drei Monaten hatten James und Sirius sich dermaßen gelangweilt, dass sie wieder auf Streiche zurückgegriffen hatten.

„Das würde mich allerdings auch mal interessieren. Mr. Black, wissen sie etwas über den Verbleib von Mr. Potter?", hörte Lily Dumbledores Stimme hinter sich. Einen kurzen Moment schien Sirius sich unwohl in seiner Haut zu fühlen. Er öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch Pasana unterbrach ihn: „Undine ist auch nicht da. Ich habe sie seit zwei Stunden nicht mehr gesehen." Lily sah wie Sirius zusammenzuckte und eine böse Vorahnung machte sich in ihrem Kopf breit. Sie hatte James heute Nachmittag abgewiesen, mal wieder. Hatte sie oft in der letzten Zeit. Sollte er sich tatsächlich einen ‚Ersatz' gesucht haben? Nein, das würde er nicht wagen. Oder doch?

„Ich könnte die beiden suchen gehen, Professor", schlug sie vor und wunderte sich selbst, wie ruhig ihre Stimme war. „Aber du kannst doch nicht das ganze Schloss absuchen. Ich denke mal ich werde dir helfen. Zu zweit geht es schneller und…", sprach Sirius ziemlich hektisch auf sie ein. Lily warf ihm einen stechenden Blick zu: „Spar dir deinen Atem, Sirius. Versuch nicht, ihn zu decken, du schaffst es eh nicht." Dann wandte sie sich wieder an den Schulleiter: „Ich habe Mittel und Wege die beiden innerhalb von Sekunden aufzuspüren. Ich müsste nur eben in den Gemeinschaftsraum." „Gut, gehen Sie die beiden suchen. Wenn Sie sie gefunden haben, dann schicken sie Mr. Potter und Ms. Kontagan so schnell wir möglich zu mir", bestimmte Dumbledore. Lily nickte und verließ den Turm, Sirius und Remus beunruhigte Blicke im Rücken.

Schnurstracks lief Lily zum Gemeinschaftsraum der Griffindors. Die Fette Dame kämmt sich grade die Haare und sang irgendwelche schrecklichen Arien. „Hören Sie auf, Loreley zu spielen. Es passt nicht zu Ihnen", knurrte Lily sie an. „Da hat aber jemand schlechte Laune. Solltest du nicht im Unterricht sein?", kam die schnippische Antwort. „Was für eine Laune ich habe ist allein meine Sache, aber ja, sie ist schlecht und wird von Sekunde zu Sekunde schlechter. Ob ich Unterricht habe oder nicht geht Sie zwar ebenfalls nichts an, aber ich habe die Erlaubnis hier zu sein. Dürfte ich jetzt rein?", fauchte Lily gefährlich leise. „Passwort", fragte die Fette Dame kurz angebunden. „Godric", nannte Lily das hochgradig einfallsreiche Passwort. Wäre eigentlich mal interessant zu erfahren, ob die anderen Häuser auch einfach die Vornamen ihrer Gründer als Passwörter hatten. Das war Lily momentan allerdings ziemlich egal. Ungeduldig klopfte sie mit dem Fuß auf dem Boden herum,  während das Portrait aufsprang.

Lily stürmte in den Gemeinschaftsraum, ignorierte die verwirrten Blicke der paar Griffindors, die noch wach waren und rannte zum Schlafsaal der Jungen. Sie kannte sich hier gut genug aus, das sie noch nicht einmal Licht anmachen musste. Sie ging zu James Nachttisch und sah zu ihrer Erleichterung, dass die Karte des Rumtreibers noch da war. James musste sie entweder vergessen oder überstürzt aufgebrochen sein. Nun, ihr kam es zu Gute. Zum einen war es leichter sie zu finden, anstatt einen Zauber zu wirken, der sie zu ihnen führen würde und zum anderen würden sie nicht gewarnt werden. „Ich schwöre feierlich, dass ich ein Tunichtgut bin", murmelte Lily, während sie mit ihrem Zauberstab dagegen tippte. Der übliche Begrüßungstext erschien und dann die Karte von Hogwarts. Hastig fuhr Lily mit dem Finger darüber. Dann sah sie die Namen. James Potter. Undine Kontagan. Beide im Schulsprecherbüro (der Junge wurde auch immer uneinfallsreicher) und beide lagen auf dem Sofa. Damit war Lily eigentlich alles klar. Sie würden da garantiert keine Hausaufgaben machen.

Eine kleine Hoffnung blieb ihr allerdings noch. Vielleicht, ganz vielleicht und hoffentlich gab es eine harmlose Erklärung. Lily fiel zwar keine ein und sie wusste, dass sie sich etwas einredete, sich an einen Strohhalm klammerte, der noch nicht einmal existierte, aber das war ihr egal. Sie hoffte, betete und wusste gleichzeitig, dass es sinnlos war, dass ihr Strohhalm sie nicht halten würde. Sie würde fallen und diesmal gab es niemanden, der sie auffangen würde. Denn der, der sie hätte auffangen können, war der, der sie zu Fall gebracht hatte.

Einer inneren Eingebung folgend ging Lily zum Schrank. Sie öffnete ihn und tatsächlich, der Tarnumhang hing an seinem Platz. Lily zog ihn an und verließ den Schlafsaal. Dieses Mal sah niemand sie komisch an, aber dieses Mal war sie auch unsichtbar. Sie verließ den Gemeinschaftsraum, wobei sie die Fette Dame wieder bei ihren Gesangsübungen störte und froh war, dass diese nicht erkenne konnte, wer sie war. Schnell, aber lautlos lief Lily zu ihrem Büro, welches sie sich mit James teilte. „Abrakadabra", murmelte sie dem Gemälde von Ella der Intelligenten zu. War heute der Tag der einfallsreichen Passwörter? Schien so. Außerdem war der Tag, an dem ihr der Boden unter den Füßen wegbrach. Passte ja irgendwie.

Das Portrait schwang zur Seite und Lily sah, was sie nicht sehen wollte. Sie sah, wovor sie sich gefürchtet hatte. James und Undine, recht leicht bekleidet und in einer ziemlich eindeutigen Pose. ‚If you fall I'll catch, if you love I'll love, and so it goes, my dear, don't be scared, you'll be safe, this I swear. If you only love me.' Die Zeilen des Liedes fielen ihr ein. Das Lied, was sie gehört hatte, damals, als James sie im Badezimmer gefunden hatte. Er hatte es geschworen. Er hatte geschworen, dass er sie auffangen würde, dass er sie lieben würde und jetzt das. Langsam zog Lily sich den Umhang aus und ließ ihn auf den Boden fallen. Die Karte ebenfalls. Geräuschlos.

Lily warf einen Blick auf den Zauberstab in ihrer Hand. Mahagoni und das Schweifhaar eines Einhorns, 11 ½ Zoll. Eine Träne tropfte auf den dunklen Stab, perlte ab und fiel zu Boden. Sie hatte nicht gewusst, dass sie weinte, aber jetzt wurde ihr bewusst, dass ihr, seit sie den Astronomieturm verlassen hatte, stumme Tränen über die Wangen rannen. Die beiden auf dem Sofa hatten sie immer noch nicht bemerkt. Lily holte noch einmal tief Luft, wischte sich die Tränen aus den Augen und sagte dann mit kühler, gefasster Stimme: „Ihr seid zu spät zu Astronomie. Ihr sollt bitte sofort zu Dumbledore kommen. Könnt ihr mich entschuldigen? Mir ist nicht mehr wirklich nach Unterricht." Sie warf noch einen letzten Blick auf die Gesichter der Griffindors. Undine wirkte zufrieden mit sich und der Welt. Schlange. Ja, sie war eine Schlange und nichts weiter. Auf James Gesicht dagegen zeigten sich Überraschung, Reue und Panik. Na das half ihm jetzt auch nicht mehr. Lily drehte sich um und rannte. Sie ließ den Umhang und die Karte, wo sie waren und das letzte, was sie hörte, war James Stimme: „Lily, bitte warte. Ich kann das erklären. LILY!" Er würde es nicht erklären können. Nicht plausibel. Lily lief in den Verbotenen Wald. Dort verwandelte sie sich in Jewel und rannte. Rannte, rannte, rannte. Egal wohin, egal wie lange. Nur rennen, um den Schmerz nicht zu spüren!