An valerie: Tja, so ist er nunmal.
An kara: James WIRD leiden, glaub mir. Ich lasse in im übernächsten Kapitel leiden, und zwar richtig… aber mehr wird nicht verraten :p.
An Romi:
Ja, er ist ein ziemlicher Idiot.
Das ist jetzt irgendwie nicht dein Ernst, oder? Ich und besser schreiben als
JKR… falls doch, dann: Danke, danke, danke! :D
An vero: Was hätte Sirius denn deiner Meinung nach machen sollen?
Je ne te bois rien (Ich bin dir nichts mehr schuldig)
Lily wusste nicht, wie lange sie draußen herumgerannt war. Alles was sie wusste, war, dass sie irgendwann in der Morgendämmerung wieder ins Schloss gegangen war (natürlich in ihrer menschlichen Gestalt), sich ins Bett gelegt und geweint hatte. Als sie hörte, dass die anderen aufgestanden waren, wischte sie sich die Tränen ab, setzte eine unberührte Miene auf und schlug den Vorhang zur Seite. Undine hatte sie triumphierend angegrinst, aber nichts gesagt. Merkwürdig eigentlich. Lily hatte erwartet, dass bereits das ganze Schloss Bescheid wusste. Immerhin war Undine ein Lästermaul, sie liebte Klatsch und sie hatte grade die beiden Schulsprecher auseinander gebracht. Was Lily nicht wusste, dass James Undine damit gedroht hatte, das sie ihres Lebens nicht mehr froh sein würde, wenn IRGENDJEMAND aus ihrem Mund erfahren hätte, was in dieser Nacht geschehen war. Und Undine zweifelte nicht, dass James Potter ihr durchaus das Leben zur Hölle machen könnte…
Wie im Trance zog Lily sich an. Die Anderen waren zum Frühstück runter gegangen, Lily selbst hatte keinen Hunger. Sie stand vor ihrer Kommode und starrte ihr Spiegelbild an. Das war sie nun. Lilian Sophie Evans. Grüne Augen, Augen wir Smaragde. Denen verdankte sie auch ihren Spitznamen. Jewel. James hatte ihn ihr gegeben. James… Wieder betrachtete Lily sich im Spiegel. Helle Haut. Zu hell. Sie war blass, hatte leichte Ringe unter den Augen. Sie sah krank aus. Rote Haare, die ihr bis zur Mitte des Rückens reichten. Blutrot, wie Remus mal gesagt hatte. Blut…
Es würde helfen. Sie wusste, dass es helfen würde. Das war eine Sache, so sicher, wie es sicher war, dass jeden Morgen die Sonne aufging. Obwohl… wer sagte eigentlich dass DAS sicher war? Wer sagte, dass die Sonne jeden Morgen aufging? Könnte ja auch sein, dass sie ganz plötzlich nicht mehr aufgehen würde… Sie schien zwar durchs Fenster, aber Lily war sich sicher, dass sie heute Morgen nicht aufgegangen war, nicht wie sonst. Wie hätte sie auch, wenn Lilys ganzes Leben scheinbar in Scherben vor ihr lag?
Lily betrachtete ihre Arme. Fuhr mit dem linken Zeigefinger langsam über die Pulsadern der rechten Hand. Niemand würde es merken. Sie hatten erst einmal etwas gemerkt. Einmal von wie vielen Malen? Wie oft hatte sie sich schon an den silbernen Dolch geklammert, wenn sie das Gefühl hatte, ins Bodenlose zu stürzen? Lily wusste es nicht. Es mussten unzählige Male gewesen sein. Eigentlich wahnsinnig, wie einem ein einziger Mensch jede Freude nehmen konnte. Gestern Nachmittag hatte sie sich noch für das glücklichste Mädchen der Welt gehalten und heute? Heute wollte sie nicht mal mehr da raus gehen. Wollte sich nicht den Blicken der Anderen aussetzten, ihren besorgten Fragen. Nein, dass konnte sie nicht. Das würde sie nicht durchstehen. Nicht so.
Bevor sie wusste, was sie tat, war Lily zu ihrem Nachttisch gestürzt und hatte den Dolch herausgeholt. Wieso hatte sie ihn immer griffbereit? Macht der Gewohnheit? Oder Vorahnung? War ja eigentlich nicht wichtig. Hauptsache er war da. Schnell, beinahe grob, zog sie den Dolch durch ihre Haut. Als das Blut den Arm hinunter floss, beruhigte sie sich. Noch ein paar Schnitte. Ruhiger diesmal. Langsam. Jede Sekunde genießend, dann wischte sie den Dolch ab und krempelte sich die Jeans hoch. Mit Muggelklebeband befestigte sie den Dolch an ihrem Unterschenkel und bedeckte ihn wieder mit dem Stoff der Hose. Man konnte ja nie wissen. Dann hörte sie von unten Candys Stimme: „Lily, kommst du?" „Sofort", rief sie zurück und mit einem Schlenker des Zauberstabs schlossen sich die Wunden zu Narben und diese verheilten in sekundenschnelle. Das Blut wurde beseitigt, von Boden, Kleidung und Haut. Sämtliche Spuren verwischt. Lily holte tief Luft, wischte sich noch einmal die Tränen vom Gesicht und ging dann nach unten.
„Also, Lil, was ist los? Sag es uns doch bitte", flehte Bertha beinahe. „Nichts", antwortete Lily kurz angebunden. Emmy schnaubte: „Sicher doch. Deshalb hast du nicht gegessen, warst die halbe Nacht weg und siehst aus, als wäre es das Beste dich sofort zur Autopsie zu bringen." „Auto-Was?", fragte Candy. Sie war als einzige reinblütig und hatte keine Ahnung von Muggeln. „Autopsie", erklärte Emmy genervt, „die Muggel untersuchen ihre Toten mit irgendwelchen Maschinen, um herauszufinden, woran sie gestorben sind und so." Auch nicht die beste Erklärung, aber für Candice reichte sie. Normalerweise hätte Lily sich über das Gespräch ihrer Freundinnen amüsiert, aber heute nervte es sie nur. Naja, zumindest ließen sie jetzt von ihr ab. Candy und Emmy diskutierten über Sinn und Unsinn einer Autopsie und Bertha ging schweigend nebenher.
Als sie das Gewächshaus betraten, waren ihre Mitschüler schon da. Auch die Hufflepuffs waren vollständig. „Lily?", hörte sie jemanden rufen. Sie drehte sich herum und erkannte Remus, der auf den Platz neben sich deutet. Erleichtert, dass sie nicht neben James sitzen musste, ging Lily zu ihm hin. Sie spürte die Blicke in ihrem Rücken. Verwirrt. Irritiert. Fragend. Aber es war ihr egal. Sie durften in der ersten Stunde mal wieder Alraunen umtopfen. Das hatten sie schon so oft gemacht, dass Lily nur mit einem Teil ihrer Aufmerksamkeit dabei war. Der restliche Teil war nach innen gerichtet, auf ihre Gefühle und Gedanken. Auf ihre Verzweifelung, ihre Trauer, ihre Wut. In der zweiten Stunde befassten sie sich mit Beobachtungen rund um die Venemosa Tentacula. Ziemlich theoretisch, auch wenn sie ein Ansichtsexemplar hatten, also passte Lily auch hier nicht wirklich auf.
Als die anderen zum Mittagessen gingen, verschwand Lily im Klo der Maulenden Myrte. Hier kam nie jemand hin und hier würde sie niemand stören. Myrte mochte sie aus irgendeinem Grund und wenn Lily sie bat zu verschwinden, dann tat der Geist das sogar. Eigentlich merkwürdig, wenn man an das Verhalten dachte, dass Myrte sonst an den Tag legte, aber Lily war froh, dass es so war. So ließ Myrte sie in Ruhe und als es zur nächsten Stunde klingelte, beseitigte Lily schnell das Blut. Um die Wunden zu schließen reichte die Zeit noch, aber die Narben konnte sie nicht verschwinden lassen. Es war ein recht schwieriger Zauber der Macht und Konzentration erforderte. Beides hatte Lily momentan nicht.
Sie machte sich auf den Weg zu Verwandlung. Auf dem Korridor traf sie eine braunhaarige Erstklässlerin und einige ihrer Freunde. „Hallo, Lily", rief die kleine Hufflepuff. „Hallo – ähm…", begann Lily, dann fiel ihr zu Glück der Name wieder ein und sie fuhr fort, „Melanie." Melanie Reedish. Sie war mit ihren Eltern und ihrer Schwester Clara auf der Sylvesterparty der Potters gewesen. Ja, an Sylvester, da war die Welt noch in Ordnung gewesen. Damals hatte sie sich noch gedreht.
Lily betrat das Klassenzimmer. Sie blieb im Türrahmen stehen und sah sich um. Remus war auf den freien Platz neben Peter aufgerutscht, so war sowohl der neben Sirius, als auch der neben James frei. Neben Bertha hätte sie sich auch setzten können. James kam nicht in Frage, Bertha würde sie nur löchern, als ging Lily schnurstracks zum Tisch neben Sirius. Der lächelte sie einmal an. Schweigend, aufmunternd, mitfühlend. Dann wandten sich beide Professor McGonagall zu, die grade den Raum betreten hatte. Vom Unterricht bekam Lily mal wieder nichts mit. Irgendwann beendete die Lehrerin die Stunde. Lily packte langsam und tranceartig ihre Sachen ein. So handelte sie schon den ganzen Tag, ohne nachzudenken, einfach, wie sie es gewohnt war. Sie stand auf und ging mit ruhigen Schritten in Richtung Tür. Dann spürte sie, wie jemand sie am Arm festhielt.
Sie drehte sich um und starrte direkt in James Gesicht. „Lily… ich… ich wollte das nicht, wirklich nicht. Ich habe gearbeitet und sie stand plötzlich im Büro. Nur in Unterwäsche und da… da hat mein Verstand irgendwie ausgesetzt. Ich habe einen Fehler gemacht, einen großen Fehler, dass weiß ich, aber ich bitte dich, ich flehe dich an, mir noch einmal zu verzeihen. Es wird nie, nie wieder vorkommen, ich sch…" „Spar dir deinen Atem", unterbrach Lily ihn und ihre Stimme klang enttäuscht und müde, „lass mich einfach in Ruhe. Es ist aus. Ich schulde dir nichts mehr, James, noch nicht einmal meine Aufmerksamkeit oder mein Gehör für deine lahmen Entschuldigungen. Leb wohl." Damit ging sie langsam nach draußen und zu ihrer nächsten Unterrichtsstunde. Alte Runen bei Professor Rattap. Mitte dreißig, braunhaarig und nicht unbedingt unattraktiv. Das fanden zumindest die meisten Mädchen, Lily hielt ihn für arrogant.
James starrte seiner Freundin hinterher. Seiner Ex-Freundin, um ehrlich zu sein. Sie hatte so müde geklungen. So unendlich müde. Wie als hätte man ihr jeden Grund zum Leben genommen, den Willen zu Leben. Ihr schien tatsächlich alles egal zu sein. Müde… des Lebens müde? Er hatte die Narben gespürt, durch den Stoff des Umhangs. Sie hatte begonnen zu Ritzen. Wieder. Dabei hatte sie das seit dem Sommer nicht getan, das wusste er. Er bereute, was er getan hatte. Bereute es mehr, als er irgendwie hätte ausdrücken können. So leicht ging das also. Ein Seitensprung und die Erde stand still. Das ganze Leben war aus der Bahn geworfen. Wieso? Wieso, wieso, wieso? Wieso hatte er nicht einmal in seinem Leben ‚Nein' sagen können? Er wünschte sich in dem Moment mehr als in irgendeinem sonst, die Vergangenheit ändern zu können. Er wollte es wegen ihr, weil er sah, wie schlecht es ihr ging, aber das war nicht möglich. Er wollte sie trösten, umarmen, halten, aber es war ihm nicht gestattet. Sirius und Remus würden sich um sie kümmern. Das wusste er.
Tatsächlich hatten sowohl Sirius, als auch Remus, James in der Nacht eine Standpauke der übelsten Art gehalten. Das er so was nicht machen könnte, nicht mit Lily. „Sie liebt dich, James und da tust du ihr so was an? Und dann auch noch mit Undine, ihrer Lieblingsfeindin", hatte Remus ihm vorgeworfen. Sirius war sofort drauf angesprungen: „Kontagan hat dich benutzt um sich bei Lily für ihre bloße Existenz zu rächen. Diese Schlampe ist mehr als eifersüchtig auf Jewel und was tust du? Du geht's hin und schläfst mit ihr und das in eurem Büro. Geschmacklos." So war es noch einige Zeit weiter gegangen, dann hatten sie irgendwann beide von ihm abgelassen. „Denk mal drüber nach, was du getan hast", hatte Remus ihm noch zugemurmelt, dann waren beide schlafen gegangen und hatten den ganzen heutigen Tag nicht mit James geredet. Tatsächlich, ein Seitensprung konnte dein Leben nicht nur zerstören, er tat es auch.
