An vero: Tja, man sollte es ja auch noch nicht wissen. Das grade war nämlich mal wieder ein ungeplantes Chap, was einfach so irgendwie entstanden ist ohne das es sollte oder irgendeinen Sinn in der weiteren Geschichte hat (das, was sinnvoll ist, hätte durchaus auch noch in das folgende Chap gepasst), aber mir gefällt's, also wird es genommen.
An Vami: Sinn schon.
An Taetzchen: Ich sage gar nichts…
Tränen reinigen das Herz
James lag auf dem Sofa. Er starre an die Decke und versuchte zu realisieren, was geschehen war. Immer wieder hämmerten die Worte in seinem Kopf, doch sie drangen nicht bis zu ihm vor. Alles schien wie durch Watte zu kommen. Er verstand nicht und wollte nicht verstehen. Es war nahezu absurd. Wieso musste das ihm passieren? Wieso nicht irgendjemand anderem? Kam jetzt etwa alles Schlag auf Schlag? Was würde er als nächstes verlieren? James wusste nicht so ganz, wer diese Fragen stellte. Er selber war dazu bei weitem nicht klar genug im Kopf. Wahrscheinlich war es das letzte bisschen Verstand, was noch nicht in Watte eingepackt und von dieser Welt vertrieben worden war, wie sein Glück.
James hörte, wie das Portrait aufschwang. Er reagierte nicht. Jemand kam herein, er konnten die Absätze auf dem Holzboden klackern höher. Dann trat die Person auf den Teppich, das Geräusch wurde gedämpft. Es war wohl eine Frau, denn Männer trugen für gewöhnlich keine Schuhe mit hohen Absätzen. Die Schritte verstummten, sie hatte angehalten. Wahrscheinlich hatte sie den Brief gesehen. Ja, er hörte das knistern von Papier. Es tat gut, jede Bewegung der Fremden zu analysieren. Denn solange er darüber nachdachte, dachte er nicht über den Inhalt des Briefes nach. Er hörte, wie sie nach Luft schnappte und dann ein Rascheln. Anscheinend zerknüllte sie das Pergament. Okay, war wohl eine Reflexreaktion, in dem Brief stand ja nichts Erfreuliches.
Sie kam näher, langsam dieses Mal, zögerlich. Sie traute sich nicht, zu kommen. Natürlich traute sie es sich nicht. Wer hätte schon den Mut gehabt, jetzt auf ihn zuzukommen? Nun, sie. Eine Hand kam langsam in sein Blickfeld, verharrte. Er betrachtete sie aus halb geöffneten Lidern. Schmal, hell. Lange, gepflegte Fingernägel, Krallen. Einige Ringe, verschnörkelt, silbern. Er wusste, zu wem diese Hand gehörte und es verwirrt ihn. Wieso war SIE da?
Lily beugte sich jetzt endgültig über James, sah ihm in die Augen. Er hatte geweint, das sah sie. „Es… es tut mir Leid…" Es war nur ein Wispern, das über ihre Lippen drang, kaum hörbar, doch bei James brachte es mit aller Wucht die Erkenntnis. Sie waren tatsächlich tot. Seine Eltern waren gestorben und er hatte nichts tun können. Er war hier in Hogwarts, in Sicherheit und hatte sich über einen Seitensprung Gedanken gemacht, während seine Eltern ihr Leben ließen. Voldemort hatte sie umgebracht, Voldemort persönlich. Oh, wie er ihn hasste…
Stumm legte Lily ihre Arme um den Schwarzhaarigen. Er lehnte den Kopf an ihrer Schulter, ihr Haar fiel nach vorne und bedeckte sein Gesicht. Minutenlang saßen sie so da. Sie hielt ein fest, wiegte ihn leicht, wie man es mit einem Kleinkind machte. Lily seufzte lautlos. Sie weinte ebenfalls, weinte weil die Erinnerungen hoch kamen, weinte aus Trauer um seine Eltern, aus Sorge um ihn. James machte dasselbe durch, wie sie vor fast anderthalb Jahren. Sie war alleine gewesen, der Schmerz hatte sie beinahe umgebracht, sie hatte sich beinahe umgebracht, doch es war unbemerkt geblieben.
Lily dachte nach, darüber, wie es für sie gewesen war. Der Brief war gekommen, die Nachricht, dass ihre Eltern tot waren. Und sie war innerlich gestorben. Sie hatte geschrieen, stumme Schreie, doch die waren ungehört verhallt. Verhallt im Nichts und der Unendlichkeit. Sie hatte geweint, blutige Tränen, doch die waren übersehen worden. Lily hatte weitergemacht wie früher auch. Sie hatte gelacht und gescherzt, doch es war nur die Fassade gewesen. Ihr Geist war betäubt, wie tot, eingefroren und es hatte Monate gebraucht, bis er wieder aufgetaut war. Und es war James gewesen, der ihr gezeigt hatte, dass das Leben weiterging. Irgendwie, irgendwann, irgendwo.
Jetzt war die Zeit gekommen, ihre Schuld zu begleichen. Sie war alleine gewesen, er würde es nicht sein. Was war denn schon ein simpler, banaler Seitensprung, gegen das hier? Bedeutungslos. Sie würde ihm helfen, wenn sie konnte, sie würde da sein. Komme was wolle… Er sollte es nicht durchmachen müssen, dieses Gefühl, alleine auf der Welt zu sein, diesen Hass auf alles um sich herum. Sie war daran beinahe kaputt gegangen und sie wollte nicht riskieren, dass mit James etwas Ähnliches geschah.
Lily spürte, wie er den Kopf hob und blickte auf ihn hinab. „Ich sollte mich nicht so gehen lassen", murmelte James. „Wieso nicht?", fragte Lily ihn sanft. Es dauerte einige Sekunden, bevor er antwortete: „Das bringt sie auch nicht zurück. Wem hilft es, wenn ich hier sitze und heule?" „Dir", antwortete sie schlicht. James starrte Lily an: „Mir?" Die Rothaarige nickte: „Ja, dir. Die Tränen erlösen dich, deine Seele. Sie sorgen dafür, dass du nicht erstarrst… Der Tod ist nicht das Schlimmste, James. Manchmal ist er eine Erlösung. Wir Lebenden glauben, dass er schlimm ist, weil wir ihn nur so erfahren. Es tut weh, jemanden zu verlieren, den man liebt, aber für den Gestorbenen ist es nicht mehr schlimm, nicht mehr schmerzhaft. Die, die zurück bleiben, bezahlen den Preis, den der Tod fordert, nicht aber die, die gehen."
„Ich glaube ich verstehe", murmelte James mehr zu sich selber als zu Lily. Ein trauriges Lächeln umspielte ihre Lippen. Dann senkte sie den Kopf, hauchte ihm einen Kuss auf die Stirn. James griff nach einer Strähne ihres Haares. Er ließ es durch seine Finger gleiten und konzentrierte sich mit all seiner Kraft, all seinen Gedanken auf das seidige, kühle, blutrote Haar. Solange er sich auf etwas konzentrieren konnte, musste er nichts anderes denken. Er verstrickte seine Hände in ihren Haaren. Wie eine Fliege im Netz einer Spinne. Wie ein Mensch im Irrgarten des Lebens.
„Leben? Was ist denn schon das Leben? Eigentlich doch nur das Warten auf den Tod", James spuckte die Worte nahezu aus. Lily schüttelte den Kopf und widersprach ihm, sanft, zärtlich: „Nein, nicht nur. Solange du liebst, ist das Leben mehr als nur Warten. Es wird dazu, wenn du dich selbst aufgibst. Solange du liebst, träumst, kämpfst und weinst, ist das Leben mehr als das, denn solange lebst du noch. Ich fürchte nicht den Tod, sondern den Tag, an dem meine Seele stirbt. Den Tag, an dem ich dazu verdammt werde, mein Dasein zu fristen, in einer leblosen Hülle, die nicht sterben will. Ich habe Angst vor dem Tag, an dem ich blutige Tränen weinen werde. Ich habe keine Angst vor dem Tag, an dem ich sterben, nein, ich fürchte den Tag an dem du stirbst…"
Eine einzige Träne löste sich aus ihren Wimpern, rollte ihre Wange hinab und fiel in James Hand. Dort erstarrte sie, erstarrte zu Glas. Eine gläserne Träne. „Was ist das?", fragte James erschrocken, aber zugleich fasziniert. „Ich weiß es nicht", Lilys Stimme war kaum zu verstehen, „aber ich werde es herausfinden." James nickte und reichte ihr die Träne. Stumm saßen sie da, verharrten minutenlang. Teilten den Schmerz, der ihnen beiden gehörte. Und es war leichter, den Schmerz des anderen zu ertragen, als den eignen.
Anmerkung: Okay, ziemlich kurzes Kapitel und irgendwie auch was… komisch geworden. Ich bin mir ehrlich gesagt ziemlich unsicher, ob ich das überhaupt ins Internet stellen will. Ich mache es einfach mal, denn wenn es allzu schlimm ist, kann ich auch was Neues schreiben. Ich hätte es auch noch länger machen können, aber irgendwie will ich mir die Stimmung von diesem Kapitel nicht kaputt machen. Naja, ich bin diesmal auf eure Reviews angewiesen wie wahrscheinlich noch nie.
