3. KAPITEL

„Hermione, heute hast du wirklich was verpasst!" Harry stürmte in das Wohnzimmer, gefolgt von Ginny und Ron.

„Ihr wisst doch, dass…" Weiter kam Hermione nicht.

„Nicht was verpasst, Harry, sondern wen verpasst." Ginny grinste übers ganze Gesicht.

„Viktor?"

Die drei nickten unisono zur Bestätigung, obwohl sich Rons Begeisterung deutlich in Grenzen hielt, da er seit einiger Zeit jeden Mann ausser Harry und Neville in der Umgebung von Hermione mit Misstrauen beäugte. Nicht, dass er Hermione anders als eine Freundin gesehen hätte, doch wie auch bei Ginny hatte er das dringende Bedürfnis, sie zu beschützen, besonders vor Männern.

„Per Zufall hat er uns in der Menge entdeckt und uns sofort in die Lounge des rumänischen Teams eingeladen", erklärte Ginny. „Wir hatten grossartige Plätze, gleich auf der Höhe des hauptsächlichen Spielgeschehens. Natürlich hat er sich nach dir erkundigt und er schien doch ziemlich enttäuscht, als ich ihm sagte, dass du deine Bücher dem Quidditch vorziehst. Aber er hat uns liebste Grüsse aufgetragen und gesagt, er würde dir bald wieder schreiben, sofern du nicht doch noch an der EM auftauchen würdest."

„Danke und richtet ihm auch Grüsse von mir aus, sofern ihr ihn nochmals antrefft."

„Dann kommst du also auch zum Final nicht mit?" Ron sah sie ungläubig an. Er konnte einfach nicht begreifen, wie jemand Quidditch nicht lieben konnte.

„Nein, Ron."

„Ich dachte nur, jetzt, wo du Fliegen auch magst…"

Ron erntete einen Rippenstoss von seiner Schwester, die ihn von weiteren Ausführungen zu diesem Thema abhalten wollte.

„Wann ist der Final?" Hermione wollte das Gespräch wieder auf sicheres Terrain bringen.

„Übermorgen", antwortete Harry. „Morgen gehen wir mit Mr. und Mrs. Weasley, Tonks und Lupin nach Italien, in die Toscana, baden, schliesslich dürfen wir jetzt alle apparieren. Und du kommst mit! Das, oder der Final."

Hermione verdrehte die Augen. „Danke für die grosszügige Auswahl, Harry."

„Ach komm, auch du als künftige Schulsprecherin hast zumindest einen Tag Ferien verdient. Seit wir hier sind, schaust du dauernd in ein Buch und ich wette, dass das in den Wochen bei deinen Eltern ebenso war. Wir hätten als Freunde versagt, wenn du nicht wenigstens an einem Tag Spass hast und die Bücher vergisst. "

„Ist ja gut, Harry, ich komme mit. Aber ihr würdet auch besser daran tun, euer Wissen zu mehren, solange noch Zeit dazu ist." Den letzten Teil hatte sie eigentlich nicht sagen wollen. Die drei verzogen die Gesichter und rutschten unruhig in ihren Sesseln hin und her. Hermione fühlte, dass es an ihr war, die Situation zu retten. Sie bemühte sich um ein aufrichtiges Lächeln und eine freudige Stimme, als sie hinzufügte: „Aber ihr habt eigentlich reicht. Ein einziger Tag kann wirklich nicht schaden und ich war ewig nicht mehr am Meer…"

Danach kehrte Hermione zu ihrem Buch zurück, während die anderen begannen, über Quidditch im Allgemeinen und die EM im Speziellen zu diskutieren.

Bereits um neun Uhr am nächsten Morgen trafen sich alle in der Eingangshalle. Jeder hatte eine mehr oder weniger voluminöse Tasche umgehängt, in der sich die Badeutensilien befanden. Sobald der genaue Zielort bekannt war, apparierten sie einer nach dem anderen. Sie fanden sich in einem heissen Hinterhof wieder und Mr. Weasley, der hier vor ein paar Wochen an einer Konferenz teilgenommen hatte, übernahm die Führung.

„Ihr werdet sehen, wie toll hier alles ist. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, als ich in einer Pause an den Strand ging. Ich wusste ja, dass Muggel interessant sind, doch was ich da sah, hat meine Neugierde nochmals erhöht. Hermione, Harry, ihr müsst mir dann unbedingt Einiges erklären, ja?"

Bald darauf erreichte die Gruppe den gut besetzten, aber nicht überfüllten Strand. Ohne Hast breiteten sie ihre Badetücher aus und machten es sich gemütlich. Harry und Ginny hatten ein paar Sonnenschirme organisiert und spannten sie auf, denn die Sonne brannte bereits ungnädig vom Himmel. Eine Weile lagen alle auf ihren Tüchern und genossen den Augenblick. Schliesslich konnte Mr. Weasley mit seinen Fragen nicht mehr zurückhalten.

„Was sind das für farbige Dinger, auf denen die Leute im Wasser liegen?"

Harry und Hermione warfen einander einen amüsierten Blick zu und Harry antwortete: „Luftmatratzen. Sie sind aus farbigem Kunststoff mit einem Hohlraum, den man mit Luft füllen muss. Kinder brauchen oft etwas ähnliches, in Form irgendwelcher Tiere."

„Eine gute Erfindung! Allerdings sieht das Aufblasen anstrengend aus."

Hermione, die einige Male mit ihren Eltern am Strand Urlaub gemacht hatte, seufzte bestätigend. „Das ist es, Mr. Weasley. Auch die Hand- oder Fusspumpen, die einige Leute benutzen, sind kaum praktischer. Ich erinnere mich, wie ich nach meinem ersten Jahr in Hogwarts meinen Eltern in der Ferienwohnung bei geschlossenen Läden demonstrierte, wie eine Hexe so was macht. Sie fanden Hogwarts plötzlich eine ganz famose Sache."

„Weshalb plötzlich, Hermione? War das zuvor nicht der Fall?" Ginny.

Hermione hatte gehofft, dass niemand diese Frage stellen würde. „Nicht unbedingt. Sie sind fest in dem verwurzelt, was sie als Realität erleben und waren gar nicht begeistert von der Idee, mich in eine Zauberschule zu schicken. Ich war noch so jung und ihr einziges Kind. Doch sie konnten nicht anders, als mich ziehen lassen, auch wenn sie es gerne anders gehabt hätten. Sie hatten selber ein paar Mal erlebt, was meine bis dahin unkontrollierte Magie anrichten konnte und wir wussten alle, dass es schlimmer werden würde, wenn sie mich nicht hingehen liessen."

„Wirklich Hermione? Davon hast du uns nie erzählt." Ron war näher gerutscht.

„Ja. Kommt, wir gehen schwimmen!" Sie sah das als einzigen Umweg, um weitere, tieferdringende Fragen zu vermeiden. Niemand sollte mehr erfahren.

Ihr Vorschlag wurde begeistert angenommen und sie veranstalteten ein Wettrennen ins Wasser. Erstaunlicherweise war es Remus, der als erster in die Wellen tauchte. Solche Schnelligkeit hätte man seinem noch immer ausgemergelten Körper gar nicht zugetraut. Höchstwahrscheinlich aber behielt er in seiner menschlichen Form einen Teil der Kraft, die er als Werwolf hatte.

Tonks, die nur zögerlich zum Wasser gefolgt war, liess misstrauisch die Ausläufer einer Welle an ihren Füssen lecken. Doch die Zeit, sich an das Meer zu gewöhnen, wurde ihr nicht gegönnt. Harry, Ron und Remus gingen zurück zu ihr, hoben sie hoch und trugen sie ins Wasser. Da sie wild um sich schlug, dauerte es nicht lange, bis auch sie ganz und gar nass war.

„Was ist denn das, Tonks? Kannst du möglicherweise nicht schwimmen?" Remus grinste übers ganze Gesicht.

„Ertappt." Tonks stand nun bis zum Bauchnabel im Wasser und rührte sich nicht von der Stelle.

„Locker werden, Tonks. Wenn du hier bleibst geschieht dir nichts. Wir passen schon auf dich auf." Alle anderen nickten zur Bestätigung und wenige Augenblicke später war eine wilde Wasserschlacht in Gang, an der sich auch Tonks eifrig beteiligte.

Der Tag verging rasch und war durchs Band fröhlich und ausgelassen. Zurück im Haus Nummer 12 Grimmauld Place, wartete ein wahres Festessen auf die glücklichen und entspannten Rückkehrer. Früher als sonst traten die jungen Leute danach den Gang in ihre Zimmer an, völlig ausgelaugt und erschöpft.