4. KAPITEL
Hermione wachte erneut spät auf am nächsten Tag. Aus der Ferne hatte sie mitbekommen, wie Ginny vor Stunden den Raum verlassen hatte, um mit den anderen zum Finale der Quidditch-EM zu apparieren. Weshalb musste man da eigentlich so früh dort sein? Das Spiel würde nicht vor dem Nachmittag beginnen. Ach, Sport. Sie würde das wohl nie verstehen. Aber ihr war das durchaus recht. So würde sie den ganzen Tag in Ruhe lesen können, denn auch die Mitglieder des Ordens waren alle auswärts beschäftigt.
Die Sonne schien und sie machte es sich wieder im Garten unter ihrem Lieblingsbaum, einem verwitterten, aber starken Apfelbaum, bequem und widmete sich ihren Büchern.
Derweil, in den Kerkern Hogwarts, war Professor Snape daran, die Zutaten für den Wolfsbanntrank zusammenzustellen. Er war leicht überrascht, als im schwarzen Kamin vor ihm grüne Flammen aufleuchteten und das Gesicht von Albus Dumbledore auftauchte.
„Albus." Ein leichtes Nicken mit dem Kopf.
„Guten Morgen Severus. Ich bin froh zu sehen, dass du bereits aufgestanden bist."
Der Zaubertränkemeister verbarg den scharfen Blick, den er Albus zuzuwerfen im Begriff war. Der Schulleiter wusste sehr genau, dass er nicht viel schlief und erst recht nicht bis tief in den Morgen hinein. „Was kann ich für dich tun?"
„Ich möchte dich bitten, heute den …-Trank zu brauen."
Das war ganz klar keine Bitte. „Den Firmus-Trank? Das ist ein dunkler Trank und kann nur mit einer zweiten Person zusammen gebraut werden. Meines Wissens sind alle anderweitig…" Severus verstummte, als er feststellte, dass der Schulleiter bereits wieder aus seinem Kamin verschwunden war. Er verfluchte Albus einmal mehr, als er realisierte, dass er wieder zum Spielball des alten Mannes geworden war. Natürlich, Albus wollte, dass er den Trank mit der Person braute, die heute als einzige nicht für den Orden beschäftigt war. Noch nicht. Er war überzeugt, dass Albus das ganz bewusst so arrangiert hatte und bereits bei ihrer Aufnahme gewusst hatte, dass sie ihm assistieren würde, assistieren müsste. Er seufzte laut und rieb sich mit der Hand über die Stirne. Dieser gerissene, fiese… Der Schulleiter hatte durchaus ein Talent dafür, seine Nerven zu strapazieren. Natürlich war er ihm und dem Orden gegenüber absolut loyal und er dachte nicht daran, sich wieder ganz dem Dunklen Lord zuzukehren, doch die heimtückischen Manipulationen Albus', die quasi das Dessert zu Severus' kräftezehrenden und gefährlichen Spionagetätigkeit waren, gingen manchmal etwas zu weit. Er würde ein ernstes Wort mit Albus reden müssen, sobald dieser zurück war. Doch bis dahin hatte er einen Auftrag, ob es ihm passte oder nicht. An die Folgen wollte er lieber nicht denken im Moment.
Severus Snape ging zum Kamin, holte etwas Flohpulver heraus und verschwand.
„Immer emsig, unsere Alleswisserin." Eine leise, samtene Stimme.
Hermione zuckte zusammen und drehte sich um. Schwarze Schuhe. Schwarze Hosen. Schwarze Robe. Schwarzer Umhang. Sie hob den Kopf, obwohl sie bereits wusste, wer schräg hinter ihr stand. „Ich habe einen Ruf zu verteidigen." Huch, hatte sie das tatsächlich laut gesagt?
Severus Snape hob die Mundwinkel zu einem höhnischen Lächeln. „Welch eine Überraschung."
Wie sie das hasste! Weshalb konnte er sich nicht einfach wie alle anderen aufführen? Nun gut, konnte er wohl nicht. Sie wusste zwar nicht viel von seiner Vorgeschichte, aber höchstwahrscheinlich hatte die etwas mit seinem Verhalten zu tun. Sie beschloss, weiterhin die höfliche Schülerin zu sein, die ihren Professor für sein immenses Wissen und seine Tätigkeit für den Orden achtete. Was sie ja auch wirklich tat. Oft genug hatte sie versucht, ihn gegenüber Harry und Ron zu verteidigen wenn sie ihm mal wieder hässliche Namen anhängten. „Kann ich Ihnen helfen, Professor?"
Er sah, wie sich beherrschte. Sie war nicht schlecht dabei. „Erfasst. Kommen Sie mit."
Ohne sich nochmals umzublicken, ging er zurück ins Haus, blieb vor dem Kamin in der Küche stehen, nahm etwas Flohpulver und war weg. Hermione, die ihm mit etwas Abstand gefolgt war, hatte nicht gehört, was er als Zielort genannt hatte. Kurzentschlossen nahm sie eine handvoll Pulver und sagte: „Zaubertränke-Klassenzimmer, Hogwarts."
Als sie aus dem Kamin stolperte, sah sie, dass ihre Entscheidung richtig gewesen war. Vor ihr stand der Tränkemeister und wischte sich den Rest des Pulvers von seiner Robe.
„Folgen Sie mir."
Hastig klopfte sich Hermione die Überbleibsel der Reise von ihrem T-Shirt und beeilte sich, zu ihm aufzuschliessen. Ausserhalb des Zimmers wandte er sich nicht nach links, wo sich die Treppen zur Grossen Halle befanden, sondern eilte nach rechts, tiefer in den Kerker hinein. Keine fünfzig Schritte weiter blieb er stehen und wandte sich der Gangwand zu. Leise murmelte er einige Worte, machte ein paar Bewegungen mit dem Zauberstab und berührte schlussendlich die Wand mit seiner linken Hand. Eine massive Holztüre erschien, die sich sogleich öffnete. Er ging hinein und Hermione folgte ihm auf dem Fuss. Drinnen allerdings blieb sie abrupt stehen. Sie befand sich in einem geräumigen Zimmer, offensichtlich seinem Wohnzimmer. Die Decke zeigte denselben Himmel wie die Grosse Halle, der Boden war mit weichem, schwarzem Teppich ausgelegt und an den Wänden entlang standen hohe Regale, vollgestopft mit Büchern. Am jenseitigen Ende des Raumes stand ein hölzerner Tisch mit vier Stühlen und rechterhand, etwas näher beim Eingang, waren ein dunkelrotes Stoffsofa und zwei offensichtlich alte Sessel vor einem Kamin gruppiert. Dunkelrot?
„Haben Sie gedacht, ich lebe in meinem Büro?" Seine Stimme war leise, doch mit scharfem Unterton.
Hermione realisierte, dass ihre Überraschung wohl zu offensichtlich gewesen war und versuchte, sich wieder zu fassen.
„So sehr es mir widerstrebt, Sie in meine privaten Räume zu lassen – ich habe kein Interesse daran, den Trank im Klassenzimmer zu brauen, zumal ich die Zutaten für den Trank von hier dorthin bringen müsste. Ausserdem sind meine Räume sicherer." Sein Blick bohrte sich in ihre Augen, drohend, gefährlich. „Aber ich warne Sie: ein Wort schon nur über den blossen Ort meines Quartiers und Sie werden sich wünschen, nie geboren worden zu sein."
Hermione nickte ehrlich eingeschüchtert und war erleichtert, als er sich umdrehte und sie durch eine Türe rechts neben dem Eingang in sein privates Labor führte.
Das Labor war mit sieben Feuerplätzen ausgerüstet und drei Kessel dampften still vor sich hin. Die Tablare der Regale, die auch hier bis an die Decke reichten, bogen sich unter der Last der Einmachgläser und auf dem grossen Tisch, der zur Zutatenvorbereitung diente, lag ein aufgeschlagenes, ramponiertes Buch.
Hermione folgte ihrem Professor zu dem Tisch und stellte fest, dass die Seiten des Buches leer waren. Snape musste ihre Entdeckung beobachtet haben. „Da Sie sich gewillt und bereit fühlen, für den Orden zu arbeiten: bringen Sie das Rezept, das auf diesen Seiten steht zum Vorschein."
Sein Tonfall machte ihr deutlich, dass sie gar nicht anders als scheitern konnte. Trotzdem nahm sie ihren Zauberstab zur Hand, tippte auf die Seite und murmelte „Aparecium". Wie zu erwarten war, regte sich nichts. In rascher Folge probierte Hermione alle Formeln durch, die ihr einfielen, doch ohne Erfolg.
„Gescheitert, beim ersten Auftrag. Welch eine Schande. Was ist Ihr Fazit?"
Hermione kaute auf ihrer Unterlippe. Sie hatte mit den Jahren gelernt, sich nicht von seinen Kommentaren irritieren zu lassen, jedenfalls nicht allzu häufig. „Ich sehe drei Möglichkeiten: es gibt einen weiteren Spruch, der mir nicht geläufig ist, oder man muss den Enthüllungsspruch mit jemand anderem vornehmen, oder es handelt sich um eine andere Art Magie, die in Hogwarts nicht gelehrt wird."
Snape hob eine Augenbraue. „Und was wissen Sie von anderen Arten der Magie?"
„Nichts. Nur, dass sie existieren."
„Das muss ziemlich deprimierend sein für eine Alleswisserin."
Endete das denn nie? „Vielleicht erzählen Sie mir ja etwas darüber, damit Sie mich auch weiterhin so nennen können."
„Hüten Sie Ihre Zunge, Miss Granger."
Hermione wurde bewusst, dass sie sich wieder vergessen hatte. „Könnten wir jetzt zu unserer Aufgabe zurückkehren?"
„Natürlich. Sie hatten insofern Recht, dass es zum Enthüllen des Rezepts tatsächlich zweier Personen bedarf und es sich um eine andere Art Magie handelt. Berühren Sie mit der Spitze Ihres Zauberstabes die Mitte der Seite." Daraufhin brachte er seinen eigenen Stab neben ihren, so dass sie sich seitwärts berührten und forderte sie auf, genau seinen Bewegungen zu folgen. Langsam zogen sie die Linien eines unbekannten Zeichens auf die Seite. Als sie die Stäbe wieder von der Seite abhoben, flammte für ein paar Sekunden das Zeichen auf, verschwand dann und gab den Text des Buches frei. „Lesen Sie die Zutatenliste vor, ich werde das Nötige zusammensammeln."
Die folgenden Stunden verbrachten sie damit, die Zutaten vorzubereiten und getreu dem Rezept in den grossen Kessel zu geben. Oft mussten vier verschiedene Bestandteile gleichzeitig dazugegeben werden oder die einzelnen Schritte folgten so rasch aufeinander, dass sie von einer einzigen Person auch mit Hilfe des Zauberstabes nicht ausführbar gewesen wären. Sie arbeiteten konzentriert und die Stille wurde nur von Anweisungen, die den Brauvorgang betrafen, unterbrochen. Schlussendlich, es war bereits früher Abend, war der Inhalt des Kessels auf einen dickflüssigen Bodensatz zurückgeschrumpft, den sie in ein kleines Glas abfüllten. Danach ging Snape zu einem Schrank in der Ecke, zog seinen Zauberstab, hielt dann aber inne.
„Sie können den Kamin hier brauchen, um zurückzukehren."
Hermione zögerte. Sie hätte viele Fragen gehabt.
„Das war's, Miss Granger. Sie werden nicht mehr erfahren." Leise und drohend.
Resignierend nahm sie vom Pulver, trat in den Kamin und war weg.
