5. KAPITEL

Severus Snape musste drei Tage warten, ehe Albus Dumbledore zurückkehrte. Seine Wut kaum verbergend, ging er im Büro des Schulleiters auf und ab. „Weißt du eigentlich, welche Konsequenzen dein kleiner Auftrag hat?"

„Nun setz dich doch erstmal hin und nimm einen Schluck von dem vorzüglichen Kräutertee, Severus.

Widerstrebend und nur, weil er anders bei Dumbledore nicht weiterkommen würde, liess sich der dunkle Mann im Sessel vor dem Pult nieder.

„Deine Wut ist verständlich, Severus und ich entschuldige mich für das zugegebenermassen unschöne Arrangement. Aber Tatsache ist, dass du der einzige bist, der die Tränke für den Orden herstellen kann. Das ist eine problematische Situation für uns, denn solltest du als Spion enttarnt werden oder dir irgendetwas zustossen, würden deine wertvollen Erzeugnisse wegfallen. Da Miss Granger offensichtlich das seltene Talent für dein Metier hat, ist sie die perfekte und bisher im Kreise des Ordens auch einzige Person, die geeignet ist, von dir zu lernen, dich zu unterstützen und, wenn nötig, ganz einzuspringen. Hätte ich dir das vorgeschlagen, hättest du abgelehnt. Deshalb musste ich zu anderen Mitteln greifen.

Severus' Wut war nur wenig gewichen, auch wenn er die Ausführungen des Schulleiters durchaus verstand und ihnen zustimmte. Doch die Aussicht, ausgerechnet die mit Fragen, Übereifrigkeit und Gryffindor-Gehabe nervende Alleswisserin zur Arbeitspartnerin zu erhalten, beglückte ihn ganz und gar nicht, talentiert hin oder her. „Wir werden mehr Dunkle Tränke brauen müssen. Du weißt, dass Miss Granger dem Ruf möglicherweise nicht wird widerstehen können."

„Ich bin mir darüber im Klaren. Miss Granger ist stark und ich vertraue darauf, dass du sie ausreichend informierst und ihre Entwicklung im Auge behältst."

„Und wenn sie fällt?"

„Sie wird nicht. Dies ist ein Krieg, Severus. Es gibt Risiken."

Wem sagte er das. Nun, ihm blieb nichts anderes übrig, als sich in die Situation zu schicken. Es würde sich weisen, wie sie mit den „Nebenwirkungen" der Dunklen Tränke würde umgehen können.

„Ich nehme an, Miss Granger weiss nichts Näheres?"

Severus schüttelte den Kopf.

„Nun, dann ist es an der Zeit, sie zu informieren." Damit ging Dumbledore zum Kamin hinüber, steckte den Kopf hinein, sprach mit jemandem am anderen Ende und erhob sich wieder. „Sie wird bald hier sein."

Fünf Minuten später betrat Hermione das Büro des Schulleiters.

„Gut, dass Sie so schnell kommen konnten, Miss Granger. Ich hoffe, Sie geniessen Ihre Ferien?"

„Ja Sir, obwohl ich gerne mehr für den Orden tun würde." Snapes Anwesenheit war nicht überraschend für Hermione, auch wenn sie auf ein so baldiges Wiedersehen hätte verzichten können.

„Das trifft sich hervorragend. Es scheint, als ob wir bereits ein Tätigkeitsfeld für Sie gefunden haben. Sie werden von nun an Professor Snape beim Tränkebrauen unterstützen. Als Tarnung wird Ihnen vorerst das Halbjahresprojekt der siebten Klasse dienen. Da die dafür zur Verfügung gestellte Zeit möglicherweise nicht ausreichen wird, werden wir den Kamin Ihres Raumes ans Flohnetzwerk des Schlosses anschliessen, damit Sie unbemerkt ins Labor gelangen können. Ich hoffe, Sie sind einverstanden mit Ihrer neuen Aufgabe."

„Das bin ich, Sir. Allerdings: was, wenn jemand während dieser Zeit, in der ich gar nirgends anders als in meinem Zimmer sein kann, zu mir will? Ich werde Schulsprecherin sein und habe Pflichten."

„Besonders die, nachts mit Potter und Weasley durch das Schloss zu streifen."

Dumbledore ignorierte Snapes Bemerkung. „Daran habe ich gedacht. Wir werden den Ring, den Sie am rechten Daumen tragen so verzaubern, dass er sich erhitzt wenn jemand zu Ihnen will, während Sie im Labor sind. Am besten lassen Sie ihn gleich bei mir. Sie werden ihn am ersten Schultag wieder erhalten."

Hermione streifte den Ring vom Daumen und reichte ihn dem Schulleiter.

„So und nun müsst ihr mich entschuldigen, ich habe mit Minerva zum Abendessen abgemacht. Ich schlage vor, ihre beide geht nach unten und regelt alles Weitere."

Sie erhoben sich und verliessen das Büro. Rasch und in totaler Stille gingen Sie durch die verlassene Eingangshalle und die Treppen zum Keller hinunter. Murmelnd entfernte er die Schilde vor dem Eingang zu seinen Privatzimmern, liess sie ein und platzierte die Schilde hinter ihnen wieder. Im Labor waren diesmal fünf Kessel aufgesetzt und da Snape noch immer schwieg, beschloss Hermione, deren Inhalt anzuschauen. Sie fühlte, wie Snape sie beobachtete und die Stille nicht mehr länger aushaltend, sagte sie: „Ich verstehe, dass Sie diese Zusammenarbeit nicht glücklich macht, Professor. Aber hätte ich etwa nein sagen sollen?"

„Das hätte nichts gebracht." Seine Stimme hörte sich beinahe neutral an.

„Weshalb nicht?"

Da ging die Fragerei also schon los. „Er hatte bereits vor Ihrer Aufnahme beschlossen, dass wir zusammenarbeiten werden."

„Hat das etwas mit dem Trank zu tun, den wir vorgestern brauten? Respektive mit der Art und Weise, wie wir das Rezept zum Vorschein bringen mussten?"

Wenigstens dachte sie, bevor sie etwas fragte. „Ja."

„Und wo ist der Haken?"

Der Tränkemeister hatte sich an den Vorbereitungstisch gesetzt und holte tief Luft. Er fühlte die Kopfschmerzen kommen. Je rascher er dies hinter sich brachte, desto besser. „Das, was wir da gebraut haben, war ein Dunkler Trank. Solche Tränke zeichnen sich nicht nur durch ihre Komplexität aus, sondern auch dadurch, dass sie so lange von den gleichen zwei Personen gebraut werden müssen, bis die eine Person verschollen oder tot ist. Ist das nicht der Fall und man versucht, die Rezepte trotzdem mit einer neuen Zauberstabskombination zum Vorschein zu bringen, bleiben die Seiten leer."

„Ist Dunkle Magie immer so?"

„Nein." Hermione dachte bereits, er würde nichts mehr dazu sagen, als er wieder sprach, sie fixierend: „Dies ist eine Eigenart der Dunklen Tränke. Was jedoch aller Dunklen Magie gemeinsam ist, ist, dass sie Kräfte auf den ausüben kann, der sich ihrer bedient. Auch wenn Sie nur ab und zu Dunkle Tränke brauen werden, ist nicht auszuschliessen, dass Sie den Ruf nicht vernehmen werden. Sollten Sie also eine Veränderung feststellen, mag sie auch noch so klein sein, müssen Sie mich umgehend informieren. Ist das klar?"

„Ja, Sir." Sie erwiderte seinen bohrenden Blick.

„Ich erwarte Sie am Montag um acht Uhr abends hier. Sie können direkt via Flohnetzwerk ins Labor gelangen, ich werde die Schilde entsprechend modifizieren. Da an diesem Abend Quidditch-Training der Gryffindors ist, werden wir wohl einigermassen Ruhe haben. Am Freitag Abend werden wir ebenfalls brauen, allerdings bereits um sieben Uhr ganz offiziell damit beginnen. Ihre Freunde werden von mir erwarten, Sie für Ihre Frechheit, das Projekt bei mir zu machen, irgendwie zu bestrafen und die Freitagssessionen nicht hinterfragen. Ab der zweiten Woche, wenn alle ihre Projekte beginnen, werden Sie auch den Mittwochnachmittag, der für die Projekte reserviert ist, hier verbringen. Ich werde nach meinen zwei Nachmittagslektionen zu Ihnen kommen und Sie vorher beschäftigen."

„Werden wir am Mittwoch und am Freitag nicht im Klassenzimmer erwartet? Was ist, wenn jemand aus Slytherin mit seinem Hauslehrer sprechen will?"

Nun war der gereizten Unterton aus dem Unterricht zurück in seiner Stimme. „Erstens sollte es auch für Sie nicht allzu schwer zu erkennen sein, dass ich über gewisse Meldesysteme verfüge. Zweitens wird kaum jemand freiwillig ausserhalb der eigenen Lektionen das Klassenzimmer aufsuchen. Und drittens kommt uns zu Gute, dass Slytherin schon immer ein verschlossenes Haus war, das seine Angelegenheiten intern regelt und den Hauslehrer nicht mit Problemen belästigt."

Sie nickte.

„Wenn Sie keine weiteren Fragen mehr haben…", sein Tonfall machte klar, dass das durchaus nicht empfehlenswert wäre, „auf Wiedersehen."

„Auf Wiedersehen, Professor."