6. KAPTIEL

Der Rest der Ferien war schnell und ohne weitere Überraschungen vergangen. Etwas wehmütig sassen Harry, Ron, Ginny und Hermione in einem Abteil des Hogwarts-Express und warteten auf die Abfahrt.

„Kaum zu glauben, dass das bereits unser letztes Jahr ist." Ron schaute etwas ratlos drein.

Ginny seufzte. „Es wird nicht mehr dasselbe sein, wenn ihr weg seid nächstes Jahr."

„Wir werden dich an den Hogsmeade-Wochenenden besuchen, Ginny. Und sonst gibt's immer noch Eulen. Aber wer weiss, was in diesem Jahr geschehen wird…" Harrys Stimme verstummte.

„Du denkst also auch, dass Du-weiss-schon-wer vor unserem Abschluss angreifen wird?"

Harry hob den Kopf und schaute Hermione an. „Ja, ich bin mir ziemlich sicher."

„Schmerzt deine Narbe oder träumst du wieder?"

„Hermione, du hörst dich fast wie meine Mutter an!", maulte Ron.

„Du solltest mittlerweile auch begriffen haben, wie ernst die Lage ist, Ron. Also Harry, ich höre."

„Es ist nichts, Hermione, nichts anderes als der Grundschmerz in der Narbe, der da ist, seit die Todesser und Voldemort wieder stärker sind. Ich schlafe ausgezeichnet und traumlos. Genau deshalb denke ich, dass es dieses Jahr soweit sein wird. Es kommt mir vor wie die Ruhe vor dem Sturm."

„Wir werden das alle gemeinsam durchstehen." Hermione fühlte nur wenig von der Zuversicht, die sie mit dem Satz ausgedrückt hatte und war froh, dass in dem Moment Neville Longbottom, der über eine entflohene Katze gestolpert war, ins Abteil fiel. Nachdem Ron ihn aufgefangen und auf einem freien Sitz platziert hatte, wandte sich das Gespräch anderen Themen zu. Die weitere Fahrt verlief fröhlich, nicht zuletzt auch deshalb, weil Draco, Crabbe und Goyle ihren üblichen Besuch diesmal bleiben liessen.

Am Bahnhof von Hogsmeade musste Hermione in ihrer Funktion als Schulsprecherin zusammen mit den Vertrauensschülern dafür sorgen, dass die Erstklässler im Tumult nicht untergingen und alle anderen eine Kutsche fanden. Sie war erfreut, dass ihr ihre Freunde einen Platz freigehalten hatten und geduldig auf sie warteten.

Das Schloss war wie immer hell erleuchtet und in der Eingangshalle wuselten die Schüler mit ihrem Gepäck hin und her. Rasch strebten die vier die Treppen hinauf in Richtung Gryffindor-Turm, um ihre Koffer und die Haustiere in den Schlafräumen abzuladen. Bald darauf waren sie zurück in der Eingangshalle und eilten in Richtung der Grossen Halle, von wo ihnen übermütiges Stimmengewirr entgegenschlug. Der Saal war hell erleuchtet, so dass der Sternenhimmel an der Decke beinahe verblasste. Zu den letzten gehörend, setzten sie sich ans obere Ende ihres Tisches und wurden von ihren Hausgenossen freudig begrüsst. Das Austauschen der Neuigkeiten musste allerdings bis später warten, denn soeben strömten unter McGonagalls Führung die Erstklässler in die Halle. Das Geschnatter der Schüler verstummte augenblicklich und jedermanns Augen waren auf die kleinen Gestalten der unbehaglich wirkenden Kinder gerichtet. Die Namen wurden ausgerufen und der Hut teilte sie einen nach dem anderen und zu fast gleich grossen Anteilen den vier Häusern zu.

Als die Zeremonie beendet war, erhob sich Albus Dumbledore bedächtig und liess seinen Blick ruhig von einem Tisch zum nächsten schweifen. Hermione hörte, wie Ron neben ihr etwas murmelte von wegen, der Schulleiter solle sich beeilen, er habe Hunger, doch da Dumbledore in diesem Moment zu sprechen begann, verkniff sie sich eine Antwort. „Liebe Schüler, geschätzte Kollegen. Ein weiteres Schuljahr hier in Hogwarts bricht an. Zweifellos wird es ein bewegenderes Jahr werden, als man sich wünschte. Trotzdem oder gerade deshalb: lernt gründlich, denn möglicherweise wird euch gerade dieser komplizierte Spruch oder jene Verwandlungsformel eine Zukunft ermöglichen. Doch ich möchte euch auch entspannt und lachend sehen. Daher wird es neben den Quidditch-Spielen, den Hogsmeade-Wochenenden und den geselligen Abenden in euren Gemeinschaftsräumen auch wieder zwei, drei Bälle geben, die ich frühzeitig ankündigen werde. Und nun, lasst…"

In dem Augenblick stand Sibyll Trelawney von ihrem Stuhl auf, schwankend, die Augen weit aufgerissen. Als sie sprach, war ihre Stimme tief und laut:

„Am Anfang steht der stille Verrat an den Freunden durch den hellsten Kopf.

Der Sohn und Erbe unterstützt die Erfüllung des Zukünftigen, das ist:

Der Spion findet, was er nicht sucht,

Und wenn der tierische Himmelskörper wieder scheint,

Die einzige Möglichkeit durch die Lücke ins Innere,

Zwei mal vier, vier mal zwei kämpfen den Weg frei,

Einlass für den Bezwinger."

Torkelnd stürzte Trelawney nach hinten und fiel bewusstlos zu Boden, da ein gewisser Tränkemeister, der am nächsten sass und sie mit angewidertem Gesichtsausdruck anstarrte, keine Anstalten machte, sie aufzufangen. Rasch eilte Madam Pomfrey zu ihr und bevor die kurzfristig erstarrten und verblüfften Schüler sich wieder gefangen hatten, hallte die Stimme des Schulleiters durch den Saal und lenkte ihre Aufmerksamkeit auf ihn. „Vielen Dank Sibyll für diese bemerkenswerte, wenn auch im Abgang etwas zu enthusiastische Einlage – Ablage wäre beinahe treffender. Auf dass möglichst viele neugierige Schüler deinen Unterricht besuchen. Nun aber: lasst das Fest beginnen!"

Unzählige Gerichte erschienen auf den Tischen und erst zögerlich, da von den jüngsten Ereignissen etwas verwirrt, dann aber immer herzhafter und mit zunehmendem Lärmpegel wurde zugegriffen. Hermione sah, dass Draco am Tisch der Slytherins eifrig mit Crabbe und Goyle tuschelte und seine Feder schliesslich hastig über ein Stück Pergament gleitete. Zweifellos hatte ihn die Rettungsaktion Dumbledores nicht über die Bedeutung und Wichtigkeit der Worte Trelawneys hinweggetäuscht. Und noch andere hatten sich nicht in die Irre leiten lassen: Harry, Ron und Ginny warfen einander vielsagende Blicke zu. Hermione wusste, dass sie verhindern musste, dass ihre Freunde jetzt und hier die Prophezeiung besprachen, denn ganz offensichtlich hatte es sich um eine echte Vorhersage gehandelt und ebenso klar war, dass sie vom bevorstehenden Kampf handelte. Unter dem Tisch gab sie allen einen scharfen Stoss ans Schienbein und schüttelte leicht den Kopf, als sie ihr ihre Aufmerksamkeit schenkten. Als Ron protestieren wollte, flüsterte sie: „Später bei mir."

Das Essen hatte wie immer lange gedauert und obwohl es schon spät war, folgten Harry, Ron und Ginny Hermione in ihr Einzelzimmer, das ein Privileg der beiden Schulsprecher war. Während sich ihre Freunde auf dem Bett und dem Boden hinsetzten, schützte Hermione den Raum mit allerlei Sprüchen gegen eventuelle Lauscher und unwillkommene Eindringlinge.

Ron prustete los. „Das ist ja ein dickes Ding! Ihr glaubt doch auch, dass das eine echte Prophezeiung war?"

Harry nickte. „Ja, definitiv. Trelawney redete in derselben Stimme und starrte mit denselben Augen, wie sie es damals in unserem dritten Jahr tat, als ich etwas vergessen hatte und nochmals zurück musste."

„Kann sich jemand an den genauen Wortlaut erinnern?"

Mit „jemand" hatte Ron eigentlich Hermione gemeint, doch es war Ginny, die zu Feder und Papier griff und die Prophezeiung aufschrieb.

Still lasen sie die sieben Zeilen für sich durch. Hermione kaute dabei nachdenklich auf ihrer Unterlippe und meinte dann: „Ich denke, es ist das Beste, wenn wir nur in diesem Raum über den Inhalt sprechen. Professors Dumbledores Reaktion nach zu schliessen möchte er nicht, dass die Prophezeiung von den Schülern als echt angesehen und diskutiert wird. Ihrem Verhalten nach zu urteilen, hat er mit seiner Improvisation die meisten davon überzeugt und sie werden den Vorfall schon morgen vergessen haben. Ich bin ziemlich sicher, dass wir vier sowie Malfoy und seine Kumpane die einzigen sind, die er nicht täuschen konnte."

Die drei anderen stimmten ihr vorbehaltlos zu. Sie beschlossen, dass erstmal jeder ein bisschen für sich über die möglichen Bedeutungen nachdenken sollte und sie ihre Ideen am nächsten Wochenende besprechen würden.