8. KAPITEL
Der Dienstag war mit drei Lektionen Alte Runen für Hermione, respektive Pflege magischer Geschöpfe für Harry und Ron sowie drei Stunden Zaubertränke am Nachmittag schnell vergangen und bereits war Mittwochmittag. Die Siebtklässler waren aufgefordert worden, nach dem Mittagessen in der Grossen Halle zu bleiben, um die Instruktionen für die Projekte zu erhalten. Als auch die letzten jüngeren Schüler den Saal verlassen hatten, legte Professor Dumbledore den Dessertlöffel ab und wandte sich, mit einem bedauernden Blick auf das Himbeereis, den Schülern zu. „Wie ihr wisst, werdet ihr im nächsten halben Jahr jeweils am Mittwochnachmittag oder auch zu anderen Zeiten an einem Projekt in einem eurer N.E.W.T. Fächer arbeiten. Eine Ausnahme bilden die Gebiete von Madame Hooch und Professor Binns, die nicht im N.E.W.T.-Level angeboten werden, aber auch für das Projekt offen stehen. Ihr könnt den betreuenden Lehrer frei auswählen und mit ihm zusammen ein passendes Thema suchen. Ziel des Projekts ist es, euer Wissen im entsprechenden Fach durch Testreihen und Recherchen zu vertiefen und euch an selbstständiges, initiatives Arbeiten auf die Zeit nach der Schule vorzubereiten. Die Dokumentationen, die ihr bis in einem halben Jahr zu erstellen habt, sind auch immer sehr gute Visitenkarten einem möglichen Arbeitgeber oder Lehrmeister gegenüber. Bis Ende Woche müsst ihr wissen, bei wem ihr das Projekt macht und das Einverständnis des entsprechenden Lehrers eingeholt haben. Ich wünsche euch viel Erfolg!"
Gemächlich verliessen die Schüler die grosse Halle. Ein grosser Teil strebte dem Ausgang zu, um den „freien" Nachmittag irgendwo draussen zu geniessen. Harry, Ron, Neville und Hermione liessen sich in der Nähe des Sees unter den ausladenden Ästen einer alten Eiche nieder.
„Und, was habt ihr vor?" Harry schaute neugierig in die Runde.
„Also ich habe Madam Sprout bereits gefragt und sie ist einverstanden." Neville strahlte übers ganze Gesicht. Seitdem er nicht mehr Zaubertränke belegte, waren seine Leistungen deutlich besser geworden, doch sein Herz schien nach wie vor der Pflanzenkunde zu gehören. „Und du, Harry?"
„Irgendwas mit Verteidigung gegen die dunklen Künste."
„Gute Idee, Harry. Lupin wird sich sicher freuen." Hermione war nicht überrascht.
„Hey, ihr seid alle so was von seriös! Ich habe beschlossen, bei Madam Hooch anzuklopfen. So kann ich Fliegen und Quidditch kombinieren." Die Wahl sah Ron ähnlich. „Dann bleibst noch du, ´Mione. Lass mich raten: Verwandlung."
„Verwandlung wäre verlockend, aber ich habe mich für Zaubertränke entschieden."
„Was?! Hast du den Verstand verloren?"
„Krieg dich wieder ein, Ron. Professor Snape wird mich schon nicht in einen Topf werfen und kochen."
„Hermione, willst du das wirklich?" Harry klang besorgt.
„Ja, ich will das wirklich. Zaubertränke ist ein spannendes Gebiet. Ich bin nicht bereit, mich nur wegen den Launen der betreuenden Lehrperson davon abhalten zu lassen."
„Hermione wird das sicher schaffen. Sie hat sich ja auch im Unterricht nie irritieren lassen. Du machst Gryffindor alle Ehre!" Neville sprach mit Stolz und Bewunderung.
Ron schien das anders zu sehen, aber Hermione wusste aus Erfahrung, dass er sich mit der Zeit damit abfinden würde.
In dieser Nacht begann das Dunkle Mal am linken Unterarm von Severus Snape zu brennen. Es war neun Uhr und er hatte gerade den abendlichen Kontrollgang in seinem Labor beendet. Er eilte durch das Wohnzimmer in sein Schlafgemach, öffnete den Schrank und nahm den schwarzen Todesser Umhang sowie die silberne Maske vom Bügel. Einige Momente versuchte er, sich auf das Bevorstehende zu konzentrieren und seinen Kopf möglichst zu leeren. Dann griff er nach dem Portkey, der ihn in einem Gebüsch ausserhalb der Schilde Hogwarts absetzte, von wo aus er an den Treffpunkt apparieren konnte.
Sofort war er sich auf die Knie und berührte mit dem Kopf den Boden.
„Crucio."
Snapes Körper krümmte sich unter dem Schmerz zusammen.
„Severus, mein Spion. Erhebe dich und sag mir, was Dumbledore so treibt."
„Danke, mein Lord. Der alte Narr widmet sich den Alltagsgeschäften und schenkt dem mächtigsten Zauberer nur wenig Aufmerksamkeit. Er scheint die Prophezeiung Trelawneys für Unfug zu halten, will sich aber später damit auseinandersetzen."
„Ah, gut, dass du die Prophezeiung erwähnst. Was ist deine Ansicht?"
„Ich halte sie für echt, mein Lord."
„Und weshalb hast du keinen deiner Brüder darüber informiert, die mit mir hätten Kontakt aufnehmen können?"
„Mein Lord, ich sah, dass sich Draco Malfoy auch nicht hat täuschen lassen und noch am Tisch die Worte aufschrieb. Ich wollte ihm die Möglichkeit geben, sich zu bewähren."
„Das ist lobenswert, wenn es stimmt. Schau mir in die Augen!"
Unverzüglich richtete der Tränkemeister seinen Blick auf die roten Augen des Dunklen Lords. Er hatte sich wieder einigermassen gefasst und fühlte sich bereit, der Attacke des geübten Legilimens zu begegnen. Vorsichtig liess er ausgewählte Bilder an die Oberfläche und damit ins Wahrnehmungsfeld des Dunklen Lords schlüpfen. Wie er Dumbledore zu McGonagall sagen hörte, dass sie sich später um die Prophezeiung kümmern würden… Er im Unterricht, über einen Trank referierend… Trelawney, neben ihm stehend, die Weissagung machend… Er, einen Kopfwehtrank einnehmend… Er, auf dem nächtlichen Gang durch Hogwarts… Draco, die Prophezeiung notierend...
Der Dunkle Lord brach den Augenkontakt ab. „Gut. Dann wenden wir uns jetzt der Prophezeiung zu. Draco Malfoy hat seiner Notiz ein paar Interpretationsmöglichkeiten beigefügt. Lucius hat diese überprüft und zum Teil ergänzt. Ich will wissen, was du darüber denkst, Severus. Lucius, informiere ihn."
Der blonde Mann wandte sich in Snapes Richtung, sprach jedoch laut genug, damit ihn alle Mitglieder des Inneren Kreises hören konnten. „Grundsätzlich scheint die Prophezeiung chronologisch zu sein. Die erste Zeile macht deutlich, dass wir jemanden auf unsere Seite bringen müssen. Da wir gegen Harry Potter kämpfen und vom hellsten Kopf die Rede ist, kann nur das Mudblood Granger gemeint sein. Zeile zwei und drei sind unklar, allerdings bist sicher du, Severus, mit dem Spion gemeint. Die vierte Zeile scheint uns den Zeitpunkt unseres Angriffs zu verraten und die Zeile fünf spricht vom wie: höchstwahrscheinlich durch die Schilde Hogwarts ins Innere der Schule. Der Weg muss laut der folgenden Zeile von einer bestimmten Anzahl Leute für den Dunklen Lord, den Bezwinger, gebahnt werden."
Voldemort wandte sich Lucius zu. „Ausgezeichnet. Ich kann keinen Haken an deiner Interpretation sehen. Ihr habt hervorragende Arbeit geleistet. Richte Draco aus, dass er, sobald er das Dunkle Mal erhalten hat, dafür belohnt werden wird. Nun, wie bringen wir das Mudblood auf unsere Seite?"
„Mein Lord, wenn ich nochmals sprechen darf?" Lucius hatte unterwürfig den Kopf gesenkt und verharrte so, als er die Erlaubnis erhielt. „Ich denke, wir sollten diese Aufgabe Draco übergeben. Er hat ein – spezielles – Verhältnis zu ihr und wartet schon lange auf eine Gelegenheit, sich ihr zu nähern. Er würde sie schnell gebrochen haben."
Diese neuste Wendung behagte Severus Snape gar nicht. Er wusste zwar nicht, was das für ein spezielles Verhältnis war, aber Draco durfte keinesfalls beauftragt werden. „Bitte, mein Lord, wenn mein Vorschlag auch noch angehört werden könnte?" Auch er hatte den Kopf gesenkt.
„Sprich, Severus."
„Mein Lord, jeder in der siebten Klasse muss im nächsten halben Jahr an einem Projekt arbeiten. Das Mudblood hat sich für Zaubertränke entschieden. Das bedeutet, dass ich als betreuender Lehrer einen grossen Einfluss auf sie habe. Ausserdem denkt sie, ich wäre auf ihrer Seite und lediglich ein Spion für den alten Narren. Sie respektiert mich, während zwischen den Schülern von Slytherin und Gryffindor Misstrauen und Hass regiert."
Der Dunkle Lord hatte sich wieder in seine Richtung gedreht. „Deine Argumente überzeugen mich, Severus. Fingerspitzengefühl ist angebracht. Ich gebe dir vier Monate. Wir sprechen ein anderes Mal über die weiteren Details dieser durchsichtigen Prophezeiung. Ihr könnt gehen."
Drei Minuten später war der Tränkemeister wieder in seinem Quartier. Er verstaute die Todesserutensilien und setzte sich aufs Sofa im Wohnzimmer. Sein Körper schmerzte vom Fluch, auch wenn der Crucio nur kurz gedauert und er schon schlimmeres erlebt hatte. Er wusste nicht recht, was er von den neusten Entwicklungen halten sollte. Ganz klar gingen Voldemort und die Malfoys etwas zu leichtfertig mit der Prophezeiung um. So simpel konnte das doch gar nicht sein. Auch wenn die Erklärung der ersten Zeile durchaus nachvollziehbar war. Jedenfalls hatte er sich da wirklich Ärger aufgehalst. Nicht genug damit, dass er mit Miss Granger zusammenarbeiten musste. Nein, er hatte sich sozusagen freiwillig gemeldet, sie dem Dunklen Lord auszuliefern. Natürlich hatte er das nicht im Sinn. Das bedeutete, dass sie in spätestens vier Monaten dem Dunklen Lord etwas vorspielen musste. Glaubhaft vorspielen, wollten sie beide leben. Und es gab nur eine Möglichkeit, das zu schaffen: Occlumency. Severus Snape seufzte. Der Gedanke, sie darin unterrichten zu müssen, grauste ihn. Die Erinnerungen an seine Bemühungen mit Potter waren noch frisch und durchwegs unerfreulich. Er musste morgen mit Albus reden.
