11. KAPTIEL
An diesem Freitagabend brauten sie nichts. Sie hatten sich wieder in die Sessel vor das Feuer gesetzt und tranken starken, gesüssten Schwarztee. Der Himmel über ihnen zeigte ein paar Wolken, zwischen denen der Vollmond hervorlugte. Hermione musste unmittelbar an Remus denken. Offenbar hatte Snape ihre Gedanken erraten, denn er starrte sie gereizt an. „Keine Sorge Professor, auch ich will nicht mehr als eine Portion Wolfsbanntrank zubereiten." Sie lächelte leicht und sein Gesicht entspannte sich.
„Immerhin ist Ihnen bewusst, dass SIE den brauen müssten." Er nahm einen Schluck Tee. „Ich werde Sie heute in die verschiedenen Magiearten einweisen. Dies ist Wissen, das in Hogwarts aus bestimmten Gründen nicht gelehrt wird und auch sonst nicht weit verbreitet ist. So soll es auch bleiben. Sie erwähnen und diskutieren dieses Thema nur mit Professor Dumbledore oder mir. Habe ich mich klar ausgedrückt?"
„Ja, Sir."
„Es gibt etliche Arten von Magie. Einige Magieformen, meist aus anderen Kulturkreisen, unterscheiden sich grundlegend mit derjenigen, die wir anwenden. Das, was wir täglich anwenden und das in den Schulen gelehrt wird, ist eine europäische Grundform. Auf ihr bauen zwei Magiearten auf: die helle und die dunkle Magie. Sie sind zwei Extreme, wenn Sie so wollen. Beiden Arten kann nur bedingt mit der Normalform begegnet werden. Die resultierenden Kräfte sind mächtiger, gefährlicher und verheerender, jedoch abhängig von der Stärke des anwendenden Magiers. Helle wie auch dunkle Magie können Gutes vollbringen, aber auch zerstören. In den vergangenen Jahrhunderten hatte mal die helle, mal die dunkle Magie die Oberhand. Nie jedoch hat eine Seite die andere gänzlich besiegt. Und das ist gut so, denn in beiden Fällen wäre die Welt dem Untergang geweiht. Die helle Magie will alles vereinen und schlussendlich gleich machen. Das würde dazu führen, dass alle wie in Trance wären und sich nichts mehr rühren würde. Die dunkle Magie hingegen will beherrschen und die Schwächeren entweder unterdrücken oder zerstören. Sowohl die helle wie auch die dunkle Magie haben ein gewisses Eigenleben. Je mehr man sich praktisch damit befasst, desto grösser wird der Sog. Je tiefer man gerät, desto schwieriger wird es, sich davon abzuwenden. Auch wenn man es schafft, sich abzuwenden, wird einen der Ruf nie mehr ganz loslassen. Er rauscht durch den Körper mit jedem Herzschlag. Das erneute Ausüben der entsprechenden Magie füttert ihn, macht ihn aber auch gierig und unkontrollierbarer. Ich denke, Sie verstehen nun, weshalb die beiden Arten nicht gelehrt werden."
„Es wäre verantwortungslos. Aber was ist mit Verteidigung gegen die dunklen Künste?"
Snape war froh, dass sie nicht weiter nach dem Ruf gefragt hatte. „Dazu komme ich. Beide Arten haben ihre Spezialitäten. Man könnte meinen, dass sich ein heller und ein dunkler Spruch, treffen sie aufeinander, neutralisieren. Das ist aber nur selten der Fall. Ihre Struktur ist nicht dieselbe. Tatsächlich kann zum Beispiel dunkle Magie Verletzungen zufügen, die nur durch dunkle Magie abgeblockt oder geheilt werden kann, wenn überhaupt. Weil aber die Anhänger der hellen oder dunklen Magie meist einer einzigen Person folgen, gibt es selten einen Grund, die Magie gegeneinander anzuwenden. Ihre Wirkung ausserhalb jedoch ist meist katastrophal. Was das nutzloseste Fach neben Wahrsagerei angeht: Die hellen Künste sind zwar ebenso gefährlich, trotzdem gibt es nur ein Fach für die Verteidigung gegen die dunklen Künste. Während die hellen Künste eher passiv sind, verhalten sich die dunklen Künste aktiv und aggressiver. Die Leute sind sich ihrer Existenz eher bewusst und fürchten sich mehr vor ihnen. Um den normalen Zauberer zu beruhigen, hat das Ministerium das Fach eingeführt. In Tat und Wahrheit ist es eine Farce. Kaum etwas ist brauchbar, um einen Angriff zu überstehen. Man darf ja auch nicht riskieren, dass die Kinder dem Ruf verfallen."
„Aber Remus Lupin ist anders."
„Ja." Kühl und knapp. Hermione sah ihn fragend an. „Sie sind doch mit ihm befreundet. Fragen Sie ihn selbst." Seine Abneigung dem Werwolf gegenüber war nicht kleiner geworden. Er akzeptierte ihn zwar als Ordensmitglied, aber damit hatte es sich. Er wusste zwar heute, dass Black ihm damals einen seiner Streiche gespielt hatte und Remus unschuldig war. Aber die Tatsache, dass Lupin mit Potter und Black befreundet gewesen war reichte aus, ihn nach wie vor zu meiden.
„Das werde ich. Wie sollen wir Ihn besiegen können?"
„Albus Dumbledore ist dem Dunklen Lord überlegen. Er hat sich mit dunkler und heller Magie beschäftigt, ohne den Ruf auch nur zu hören. Dank seinen Kenntnissen ist die Arbeit des Ordens nicht ohne jede Wirkung."
„Doch Harry muss den letzten Schlag führen."
„Genau."
„Weshalb? Wenn Professor Dumbledore doch so mächtig ist…" Hermione kaute wieder auf ihrer Unterlippe. Snape wusste dieses Zeichen mittlerweile zu deuten und wartete innerlich gespannt auf ihre These. „Sie haben gesagt, dass keine Seite je gewonnen hat. Das bedeutet, die eine Seite hat die andere immer irgendwie gestoppt. Ich gehe davon aus, dass derjenige, der nach der Herrschaft strebt nur von einem Gegenpol besiegt werden kann. Das muss einer der Fälle sein, in denen sich die beiden Magiearten beim Aufeinanderprallen neutralisieren. Professor Dumbledore aber kann dem Ruf nicht folgen und ist somit kein kompletter Gegenpol. Harry hingegen hat ihn schon einmal nahezu tödlich geschwächt. Das würde bedeuten…" Wieder entstand eine Pause. „Hermione ging im Kopf nochmals alles durch und kam zu demselben Schluss. „Das würde bedeuten, dass Harry dem Ruf bereits folgt, dass er nie etwas anderes gekannt hat." Sie hatte die ganze Zeit über ins Feuer gestarrt. Als sie nun aufblickte, erschrak sie. Snape lächelte.
Er hatte sich so von ihrer brillanten Kombination gefangen nehmen lassen, dass er nicht bemerkt hatte, wie sich das Lächeln auf seine Lippen stahl. Überrascht stellte er fest, dass sie das Lächeln, ihm geradewegs in die Augen blickend, erwiderte. Für einige Sekunden hatte er keine Chance, die aussergewöhnliche Verbindung zwischen ihnen zu unterbrechen. Sie waren nicht mehr Lehrer und Schüler, sondern Geistesverwandte, die einander erkannt hatten.
Hermione fand als erste die Sprache wieder. „Aber wie kann er ihm schon immer gefolgt sein? Das muss fast eine Art Mutation sein. Er weiss nichts davon, nehme ich an."
„Ich weiss auch nicht viel darüber, denn Albus redet nur mit Remus darüber. Soweit ich weiss, bringt ihm Remus im Rahmen von seinem Projekt weisse Magie bei."
Sie liess dieses Rätsel erstmal auf sich beruhen. „Jetzt verstehe ich auch, weshalb wir Dunkle Tränke brauen müssen. Nur sie können unsere Leute schützen und heilen. Nur sie vermögen unter unseren Feinden Schaden anzurichten. Er weiss, dass Sie – wir – die Tränke für den Orden brauen, oder?"
„Ja. Ich habe ihm erzählt, dass Dumbledore mich beauftragt hat, einen Braupartner zu finden. Er war erfreut zu hören, dass ich dafür Sie eingespannt habe."
Sie wusste, dass er den wesentlichen Punkt verschwieg. „Und er hofft, dass ich so den Ruf vernehme. Warum aber will Professor Dumbledore die Tränke erst jetzt für uns nutzen?"
„Er weiss, dass sie eine Gefahr sein können und hat gewartet, bis wir nicht mehr ohne sie auskommen konnten. Es fehlte bisher auch an einem passenden Braupartner."
„Man könnte sich wie eine Spielfigur vorkommen." Er reagierte nicht auf diese Aussage, doch sie konnte in seinen Augen sehen, dass er mit ihr übereinstimmte. „Braucht der Dunkle Lord denn keine Tränke?"
„Nein. Er hält nicht viel davon. Sie sind zu subtil für ihn." Er erhob sich. Für heute hatte sie genug erfahren, mehr, als er geplant hatte. „Es ist spät geworden. Bis am Montag."
