12. KAPITEL

Das folgende Wochenende war das erste Hogsmeade-Wochenende des Schuljahres. Hermione hatte alle Hände voll zu tun, Ordnung in die vor Vorfreude kaum zu bändigenden Drittklässler zu bringen. Schliesslich waren alle in den Kutschen verstaut und auch sie und ihre Freunde machten sich auf. Hogsmeade hatte inzwischen etwas an Reiz verloren. Klar war es gut, ab und zu vom Schloss wegzukommen, aber es war nicht mehr so aufregend.

Gemächlich schlenderten sie durch die Gassen. Irgendwann liessen sich Harry und Ginny etwas zurückfallen. Hermione bemerkte ein triumphierendes Grinsen auf Rons Gesicht.

„Endlich! Ich warte schon Jahre darauf, dass die beiden sich näher kommen."

„Ron, du hast doch nicht etwa deine Finger im Spiel?"

„Nein. Noch nicht, jedenfalls." Er lachte verschmitzt und schob sich den zappelnden Schenkel eines Schokoladefroschs in den Mund.

„Und was planst du?"

„Willst du mir helfen?"

Eigentlich hielt sie nichts von Verkupplungsversuchen. Aber sie war neugierig. Sehr neugierig. Harry und Ginny würden wirklich ein hübsches Paar abgeben. „Einverstanden."

Ron verschluckte sich. „Echt? Nun, dann machen wir's so: du sprichst mal in Ruhe mit Ginny und ich mit Harry. Wir helfen einfach sanft nach, mit gutem Zureden und Ermutigungen. Natürlich müssen wir die Koordination absprechen."

„Möchtest du das nicht professionell machen, Ron?" Er sah sie mit grossen Augen an und sie gab noch einen drauf. „Partnervermittlungsinstitut Ronald Weasley – seriös und verschwiegen für eine Zukunft in zauberhafter Zeisamkeit." Die beiden schüttelten sich vor Lachen.

Schliesslich waren sie beim „Drei Besen" angelangt und warteten auf Harry und Ginny. Die Kneipe war vollgestopft, doch Rosmerta nahm sich die Zeit, sie freundlich zu begrüssen und zu einem der wenigen freien Tische zu führen.

Pflanzenkunde am nächsten Mittwochnachmittag hielt eine Überraschung für sie bereit. Die Klasse hatte sich in den Lektionen zuvor mit einer äusserst heiklen, aber sehr wirkungsstarken Pilzkolonie herumgeärgert. Der Trick war, sie nur zu besprühen, anstatt zu giessen. Goss man sie, spuckten sie zurück. Hermione hatte Neville überredet, den anderen nichts zu verraten. Wenn sie ihre Hausaufgaben gemacht hätten, hätten sie gewusst, was zu tun war. So aber bekamen sie alle nasse Gesichter, worüber Hermione und Neville sich sehr amüsierten. Ron hingegen regte sich furchtbar auf und murmelte etwas von wegen Snape und schlechtem Einfluss.

„So und jetzt alle mal herhören, kommt bitte etwas näher." Die Schüler scharten sich um Madam Sprout. „Der Schulleiter hat mir endlich eine Exkursion ins Grüne zugesprochen. Wir werden uns am kommenden Samstag um ein Uhr beim Eingang treffen und den Nachmittag in der Umgebung von Hogwarts verbringen. Sie sollen Gelegenheit haben, die heimischen magischen Pflanzen in ihrer natürlichen Umgebung zu erleben. Zum Ausgleich fallen die Lektionen am nächsten Mittwoch aus. Hat jemand eine Frage? – Nein? Gut, dann wünsche ich Ihnen einen schönen Nachmittag."

An diesem Nachmittag wartete nicht wie üblich ein Bücherstapel auf Hermione. Stattdessen fand sie eine Notiz des Professors, die ihr auftrug, mit dem Vielsafttrank zu beginnen. Das Labor war heisser als sonst, da vier Feuer gleichzeitig unter Kesseln brannten. Sie öffnete die obersten Knöpfe ihrer Blouse, krempelte die Ärmel hoch und machte sich ans Werk.

Sie bemerkte nicht, wie die Zeit verflog. Und sie bemerkte auch nicht, dass sie beobachtet wurde. Severus Snape hatte die Nachmittagslektionen hinter sich gebracht und war nicht sonderlich gut gelaunt. Ihrer präzisen Arbeitsweise zuzusehen besänftige ihn zwar etwas, doch gerade die machte ihm klar, dass er ein Hühnchen mit ihr zu rupfen hatte. „Sie waren es!" Er sprach leise, mit gefährlichem Unterton.

Hermione zuckte zusammen und hätte beinahe den Trank vermasselt. Sie sah ihn fragend an.

Rasch glitt er näher. „Sie brauen den Trank offensichtlich nicht zum ersten Mal. Aber es sollte das erste Mal sein. Ich bringe damit den Diebstahl von Zutaten aus meinem Vorrat vor fünf Jahren in Zusammenhang. Nun?" Er hob eine Augenbraue.

„Ihre Kombinationsgabe und Ihr Erinnerungsvermögen ist bemerkenswert, Sir."

„Das ist mir bekannt. So können Sie sich nicht rauswinden." Wollte Sie zu Slytherin übertreten?

„Ich will mich nicht rauswinden. Wir mussten damals wissen, ob Draco Malfoy die Kammer des Schreckens geöffnet hat. Der einzige Weg war, uns in seine Kumpane zu verwandeln, um ihn auszuhorchen. Bestrafen Sie mich, wenn Ihnen das irgendwie hilft."

Seine Augen verengten sich. Er hörte, fühlte plötzlich bewusst, wie das Blut durch seinen Körper raste. Seine Stimme war nun noch leiser und klang belegt. „Oh, das werde ich. Nur nicht jetzt."

Ihr verwirrter Gesichtsausdruck brachte seinen Verstand wieder in normale Bahnen. Merlin! Ihre „Aufforderung" zum Bestrafen hatte gewisse Nebeneffekte des Rufs aufgeweckt. Sie hatte offenbar keine Ahnung, was sie da kurzfristig ausgelöst hatte – welche Bilder vor seinen Augen aufgetaucht waren. Sie konnte von Glück sagen, dass er sich einigermassen unter Kontrolle hatte und den Ruf, der gerade reagieren wollte, unterdrücken konnte - noch. Das durfte sie nie, nie erfahren. Und er wollte es auch vergessen. Themawechsel. „Worin besteht eigentlich diese spezielle Beziehung zwischen Ihnen und Draco, von der Lucius gesprochen hat?"

„Ich habe keine spezielle Beziehung mit Draco. Hatte nie eine und werde nie eine haben. Höchstwahrscheinlich hat er damit die Ohrfeige gemeint, die ich Draco im dritten Jahr verpasst habe."

Ein Grinsen leuchtete kurz auf seinem Gesicht auf. Dann wurde er ernst. „Schlagen Sie besser nie einen ausgewachsenen Slytherin. Das hätte Konsequenzen. Und Ihr Zauberstab würde Ihnen kaum nützen."

Mit dieser eigenartigen Aussage drehte er sich um und ging zum perlmutternen Kessel. Hermione wunderte sich schon seit Wochen, was er darin genau herstellte. Es musste sich um irgendein Experiment handeln, denn er machte sich stets Notizen, wenn er etwas hinzufügte oder die Konsistenz überprüfte. Aller Neugier zum Trotz hatte sie beschlossen, ihn vorerst nicht danach zu fragen. Vielleicht würde er es ihr von selbst eines Tages erzählen.

Im Raum war es war mittlerweile noch heisser geworden, feuchtheiss wie in einem tropischen Land. Nach einer Weile verliess der Professor das Labor. Kurze Zeit später kehrte er zurück. Er hatte seine Robe abgelegt und trug nun ein schwarzes, eng anliegendes T-Shirt. Hermione konnte nicht anders, als ihn anzustarren. Sie hatte sich bisher nie überlegt, wie er unter der voluminösen Robe aussah. Wofür auch. Und nun spazierte er einfach so in einem T-Shirt herum. Einem T-Shirt, das keinen Zweifel über den gut gebauten Körper darunter liess. Er hatte keine Muskelberge, aber er war auch nicht dünn und ohne Form. Er musste ihr Starren bemerkt haben. Bevor er sich wieder seiner Arbeit zuwandte, sah er sie kurz spöttisch an und hob eine Augenbraue.

Hermione bemühte sich in der Folge, ihn nicht mehr zu beachten als sie dies normalerweise tat. Als sie mit ihrer Arbeit fertig war, konzentrierte sie sich darauf, nur seinen Kopf anzusehen. „Werden Sie den Vielsafttrank beaufsichtigen oder soll ich täglich vorbeischauen?"

„Sofern Sie die Zeit zwischen unseren Brauphasen ohne Laborentzugserscheinungen überstehen, kümmere ich mich um den Trank."

„Schön. Wenn ich jeden Tag käme, hätte ich gar keine Zeit mehr zur Vorfreude."

„Und das ist so einmalig, dass wir es verhindern wollen. Allerdings werden wir in Zukunft häufiger Tränke machen, die zwischen den Brauphasen ein bis zwei Stunden ruhen müssen. Wir werden in dieser Zeit Occlumency üben, aber nicht nur. Sie können Ihre Hausaufgaben mitbringen. So verlieren Sie keine Zeit – und ich auch nicht."

„Einverstanden. Bis Freitag."

„Habe ich gesagt, dass Sie gehen können?" Er ging wieder in seinen Wohnraum und kam mit einem Buch zurück. „Kennen Sie diese Blume?"

„Die graue Blume? Madam Sprout hat von ihr erzählt, aber in Natura habe ich noch keine gesehen."

„Sie ist sehr selten und lässt sich nicht in einem Gewächshaus anbauen. Wir werden sie später für einen der Dunklen Tränke brauchen. Ich weiss, dass sie in der Gegend, in die uns die Exkursion führen wird, in anderen Jahren gesichtet worden ist. Geben Sie mir ein unauffälliges Zeichen, wenn Sie auf die Pflanze stossen."

„Sie werden auch dabei sein?"

„Mir wird die zweifelhafte Ehre zuteil, zur Schutztruppe für Potter zu gehören."

„Herzliches Beileid. Nutzen Sie die Gelegenheit, ein bisschen Farbe abzubekommen."