13. KAPITEL
Der Samstag entpuppte sich als sonnig und angenehm warm, doch ein Hauch Herbst lag bereits in der Luft. Möglicherweise würde das Thermometer im nächsten halben Jahr nie mehr so hoch klettern. Gleich nach dem Mittagessen hatten sich die Siebtklässler wie verlangt vor den Portalen versammelt. Madam Sprout war bereits da und kurz darauf trafen auch Severus Snape, Remus Lupin und Minerva McGonagall ein. Neville, der neben Hermione stand, wurde augenblicklich bleich. Sie drückte seine Hand. „Er ist nur als Begleitperson dabei, Neville. Halte dich einfach von ihm fern. Es ist nicht sein Unterricht."
„Ich versuchs, Hermione." Er klang ganz und gar nicht überzeugt, fasste sich während des Marschs allerdings langsam wieder.
Harry und Ron allerdings konnten sich nicht beruhigen. „Hoffentlich hat er vorher Sonnenschutz eingeschmiert."
Ron gluckste. „Hoffentlich nicht! Wäre doch toll, ihn mit hochrotem, geschundenen Gesicht zu sehen!"
Hermione, die vor ihnen ging, wandte sich um, um den Professor zu verteidigen, doch das war nicht nötig.
„Das Ihre wird immer noch röter sein, Mister Weasley. Und was das geschunden angeht – soll ich Ihnen nachhelfen?" Kein Zweifel, wem die leise, gefährliche Stimme hinter ihnen gehörte.
Harry und Ron drehten sich erschrocken um. Beim Anblick des Zauberstabs, der auf ihn gerichtet war, suchte Ron mit einem Satz hinter Harry Schutz und riss ihn mit sich um. Beide kullerten den Hügel, den sie soeben erklommen hatten, seitlich herunter und rappelten sich unter dem Gelächter aller wieder auf. Ron hatte Grasflecken im Gesicht und ballte die Fäuste voller Zorn. Dann half er Harry, dessen Brille zu suchen. Der Zug kam wieder in Bewegung und als Snape an Hermione, die auf ihre Freunde wartete, vorbeiging, konnte sie nicht anders als ihm zuzuzwinkern. Er schien ganz der übellaunige Zaubertränkemeister wie immer zu sein. Hermione hatte aber in den letzten Wochen gelernt, den Ausdruck seiner Augen zu lesen. Und danach zu urteilen war er äusserst zufrieden mit seiner Leistung und bemühte sich krampfhaft, den Triumph nicht offen zu zeigen.
Schliesslich hatten sie ihr Forschungsgebiet erreicht. Es war eine Stunde Fussmarsch von Hogwarts entfernt. Am Fusse zweier Hügel lag ein kleiner Tümpel, an dessen anderem Ufer sich eine grosse Wiese erstreckte, die ihrerseits von einem Wald begrenzt wurde. „Könnt ihr mich alle hören?"
McGonagall und Lupin stiessen einander diskret an. Diese Frage Sprouts erinnerte sie zu sehr an Gilderoy Lockhart, um ihr weiterhin nicht zu glauben, dass der ihr Cousin dritten Grades war. Snapes Schnauben hinter ihnen machte deutlich, dass ihm dies ebenfalls nicht entgangen war.
„Gut. Bitte teilt euch in zwei Gruppen auf. Die eine Gruppe wird hier unter der Aufsicht von Professor McGonagall und Professor Snape die Flora des Tümpels und der Hügel untersuchen. Die anderen widmen sich der Wiese und dem Waldrand. In einer Dreiviertelstunde wechseln wir. Eure Beobachtungen möchte ich am nächsten Mittwoch auf zwei Fuss Pergament verarbeitet sehen."
Harry und Ron entschieden sich natürlich für die Gruppe mit Sprout und Lupin und Hermione schloss sich ihnen an. Gemeinsam durchkämmten sie die Wiese nach magischen Pflanzen und notierten sich Standort, unmittelbare Umgebung sowie den Vegetationsfortschritt. Harry und Ron taten sich dann mit Dean und Seamus zusammen, die gerade vom Waldrand zurückkamen, um einander diskret abzuschreiben. Hermione hielt nichts von solchen Methoden und machte sich alleine zum Waldrand auf. Sie wusste, dass die gesuchte Blume mit Vorliebe am Waldrand wuchs und hielt angestrengt Ausschau nach der grauen Blüte oder den stachligen Blättern.
„Hermione, darf ich dich etwas fragen?" Remus klang unsicher.
„Immer, Remus."
„Denkst du wirklich, dass die Prophezeiung… dass sie von Sirius' Rückkehr spricht?"
„Ja. Aber du weißt, was Professor Dumbledore dazu gesagt hat."
Er schien trotzdem erleichtert. „Ich glaube noch immer, dass es eine Möglichkeit gibt, ihn zurückzuholen. Er kann nicht tot sein. Nicht so."
„Das ist auch meine Ansicht. Ihr ward mehr als blosse Freunde, oder?" Sie musste einfach wissen, ob ihr Verdacht zutraf.
Remus hatte diese Frage schon seit einiger Zeit erwartet. Er wusste trotzdem nicht genau, wie reagieren. „Nun… ja. Wir merkten im siebten Jahr, dass da mehr war. Eigentlich hatten wir es bereits länger gewusst, aber es uns einzugestehen war schwierig. Ohne die Butterbiere, die Albus am Weihnachtsball spendiert hatte, hätten wir es vielleicht nie geschafft. Doch ab dieser Nacht waren wir zusammen. Wir hielten es geheim, nur James und später Lilly wussten Bescheid."
„Euer Geheimnis ist sicher bei mir."
„Danke."
„Hast du je geglaubt, dass er James und Lilly verraten hat?"
„Nein. Die erste Zeit danach habe ich versucht, ihn zu hassen und zu glauben, was man über ihn las. Aber ich schaffte beides nicht. Schliesslich zog ich mich zurück und fürchtete jeden Tag, dass die Dementoren ihn besiegen würden." In seinen Augen glitzerten Tränen und er schnäuzte sich tüchtig in ein Taschentuch.
„Und jetzt hast du ihn ein zweites Mal verloren."
„Kannst du noch ein Geheimnis für dich behalten?" Sie nickte. „Ich weiss, dass er noch lebt, wie auch immer. Kurz nach der Geschichte in der Heulenden Hütte haben wir uns magisch verbunden. Ich empfange noch immer Emotionen von ihm, von Zeit zu Zeit jedenfalls."
„Weiss Professor Dumbledore das?"
Remus lächelte. „Was weiss er schon nicht? Aber solange wir nicht wissen, wie wir Sirius zurückholen können, gilt er offiziell als tot. Auch Harry dürfen wir nichts anderes erzählen. Trotz unserer intensiven Forschungen haben wir bisher nichts über den Vorhang herausgefunden. Möglicherweise steht in einem der Dunklen Bücher etwas. Doch die existieren nur als Einzelstücke und befinden sich allesamt im Privatbesitz von Todessern. Leider haben wir nichts in den Büchern von Severus gefunden."
Sie hatten sich immer weiter von den anderen entfernt. Hermione wollte Remus gerade nach seinem Verhältnis zu den Magiearten fragen, als aus dem Wald das Geräusch knackender Äste zu hören war. Sekunden später brach Neville zum Wald aus und landete knapp vor ihnen auf dem Bauch.
„Mr. Longbottom, haben Sie sich verletzt?" Remus und Hermione halfen Neville wieder auf die Beine.
„Nein, Sir. Danke. Ich wurde von einem Eichhörnchen mit Tannenzapfen beschossen und floh. Ich bin wohl über etwas gestolpert."
Hermione verkniff sich ein Lachen und hielt nach dem Grund für Nevilles Fall Ausschau. Da, gleich zwischen den ersten Bäumen lag ein grauer, moosüberwachsener Stein. Sie bückte sich um zu sehen, ob der Stein lose war. Ihr Atem stockte. Nur zwei Zentimeter daneben blühten in Bodennähe drei der grauen Blumen. Sie waren unversehrt. Ohne Nevilles Missgeschick hätte sie sie kaum gefunden, denn man konnte sie aus stehender Position leicht für einen Teil des Steins halten. Rasch erhob sie sich wieder. „Du bist über einen Stein gestolpert, Neville. Kommt, lasst uns zurückgehen. Der Wechsel wird bald erfolgen."
Zu ihrer Erleichterung schenkte Neville dem Stein nicht mehr als einen flüchtigen Blick. Irgendetwas sagte ihr, dass er die Blumen besser nicht entdeckte. Während Remus und Neville ihrer Aufforderung nachkamen, kauerte sie sich nochmals hin und gab vor, die Schuhe zu binden. Snape, der sich mit Professor McGonagall unterhalten hatte, stand noch auf halber Höhe des einen Hügels. Er musste den Vorfall mitbekommen haben, denn er blickte in ihre Richtung. Ihn fixierend deutete sie kurz mit dem Zeigefinger auf den Boden. Er antwortete ihr mit einem kaum merklichen Nicken.
Sobald die Gruppen aufgeteilt worden waren, hatte sich Severus Snape zur Spitze des einen Hügels aufgemacht. Von dort aus konnte er das Forschungsgebiet überblicken und hatte zudem eine gewisse Distanz zwischen sich und den Schülern. Minerva allerdings war ihm nach einer Weile gefolgt. Das konnte vieles bedeuten, doch er sah ihrem Gesicht an, dass sie etwas ganz bestimmtes von ihm wollte. Und er ahnte, dass ihm das Gesprächsthema kaum gefallen würde. Albus und Minerva waren die einzigen, die seine ganze Geschichte kannten und die Einblick in andere seiner Seiten erhalten hatten, aber sie waren auch die einzigen, die ihn durchschauten und für ihn unangenehme Themen ansprachen.
„Für einen Moment konnte ich eben wirklich Gilderoy Lockhart in Madam Sprout sehen. Wie schade, dass ich damals bei der die Duell-Vorführung zwischen dir und Gilderoy nicht dabei war. Ich hätte gerne gesehen, wie du kurzen Prozess mit ihm gemacht hast."
„Da sieh einer an. Eine Gryffindor, die sich für meine Taten begeistert?"
„Ich bin wohl nicht die einzige."
Er hob eine Augenbraue.
„Ich habe gesehen, wie sie dir vorher amüsiert zugezwinkert hat. Und auch, dass du sie einen Moment lang anders angeschaut hast, als du Schüler sonst anschaust. Ich nehme an, ihr versteht euch gut?"
„Such dir deinen Klatsch anderswo, Minerva." Der Lehrkörper – er ausgenommen – hatte eine Schwäche für Gerüchte. Er würde sich hüten, sich ihnen auf dem Serviertablett selber auszuliefern.
„Ich bin nicht aus Klatsch aus, Severus. Ich interessiere mich für Miss Granger."
„Ich habe deiner Lieblingsschülerin bisher nicht den Kopf abgebissen und werde es auch in Zukunft nicht tun."
Minerva McGonagall wusste, dass sie hartnäckig bleiben musste, wollte sie mehr erfahren. Sie hatte lange schon gelernt, mit seinen Launen umzugehen und hatte es hin und wieder geschafft, andere Seiten von ihm kennenzulernen. Seiten, die er ansonsten wohl nur in der Einsamkeit seiner Räume zuliess, wenn überhaupt. „Es würde mich nicht erstaunen, wenn ihr beide nach und nach den anderen schätzen lerntet. Ihr habt beide brillante Hirne. Ihr seht Bücher als beste Gesellschaft an. Sie hat ähnliche Talente und Interessen wie du. Ihr habt beide die Tendenz, euch in der Arbeit zu verlieren. Und sie teilt offenbar deinen Sinn für Humor."
Er wusste, dass sie die Wahrheit sprach. Seit dem Moment des stillen gegenseitigen Verständnisses letzte Woche war er nicht mehr umhin gekommen, sich einzugestehen, wie ähnlich sie ihm war. „Ich glaube nicht, dass dich das irgendetwas angeht, Minerva." Er hatte es vielleicht sich eingestanden, aber er war nicht bereit, das anderen gegenüber zu tun.
Die Frau neben ihm lachte freundlich. „Schon gut, Severus. Ich weiss, dass es so ist. Und du weißt es auch." Damit machte sie sich wieder an den Abstieg. „Der Wechsel wird bald erfolgen, wir sollten wieder runtergehen."
Er folgte ihr, blieb aber auf halber Höhe stehen. Drüben am Waldrand, etwas abseits, wo Remus und Hermione sich lange unterhalten hatten, vollführte Longbottom eine Bauchlandung. Dieser unfähige Junge! Was war es wohl diesmal? Nein, er wollte es lieber gar nicht wissen. Er hatte sich in der Vergangenheit genug mit ihm herumgeärgert. Er wollte gerade weitergehen, als das Verhalten seiner Braupartnerin seine Aufmerksamkeit erregte. Sie hatte sich gebückt und schien einen Augenblick lang etwas im Gras zu betrachten. Ob sie wohl die Blume gefunden hatte? Die Stelle wäre durchaus passend. Er beobachtete, wie sie etwas zu Neville sagte und ihn und Remus dann vorausschickte. Sie gab vor, sich die Schuhe zu binden, ihr schweifender Blick fand ihn und sie deutete kurz auf den Boden. Er nickte unauffällig, froh um ihre Diskretion.
Einmal mehr war der Tränkemeister froh darüber, dass keiner der Schüler etwas zu schaffen haben wollte mit ihm und sie ihn soweit irgend möglich nicht beachteten. Rasch gelangte er zur Stelle, die Hermione ihm bedeutet hatte. Sorgfältig schritt er näher, darauf bedacht, nicht irrtümlich auf die Blumen zu treten. Da, ein Stein. Das sah der grauen Blume ähnlich. Er ging näher hin und fand seinen Verdacht bestätigt. Kaum die Lippen bewegend sprach er eine Formel, während seine Hand die dazugehörige Bewegung ausführte. Den Schild, den er über die Blumen legte, würde die wertvollen Pflanzen vor neugierigen Blicken verbergen und vor unvorsichtigen Schritten schützen.
