14. KAPITEL
Hermione fühlte seit Tagen eine seltsame innere Anspannung. Erstmals wahrgenommen hatte sie sie am Herzschlag und dem durch die Adern rauschenden Blut bewusst. Es schien, als ob das Blut eine Botschaft oder genauer eine Forderung an sie stellte und sie musste ihren Willen anstrengen, um das Rauschen niederzukämpfen und ihrem Verstand wieder die Oberhand zu geben. Sie ahnte, dass sie Snape von der Veränderung erzählen sollte, doch etwas in ihr wehrte sich dagegen. Ausserdem hatte sie einen Weg gefunden, das Drängen des Blutes zu besänftigen, wenigstens für eine Weile. Noch am Samstagabend hatte sie sich einen Ausflug gegönnt. Aber sie war nicht nur geflogen, sondern hatte zum ersten Mal überhaupt in der Luft gejagt. Bis dahin hatte sie nie das Bedürfnis dazu verspürt, doch in dieser Nacht jagte sie das erste Insekt noch ehe sie sich dessen überhaupt bewusst wurde. Die Beute zu orten, sie zu verfolgen und schliesslich zuzuschnappen verschaffte ihr eine Art Befriedigung und hinterliess ein Gefühl der Ruhe für den folgenden Tag.
Sie hatte in der vergangenen Woche auch versucht, mit Ginny über Harry zu sprechen. Doch ihr war es nicht anders ergangen als Ron zuvor mit Harry. Sowohl Harry wie auch Ginny hatten gesagt, sie wüssten die Bemühungen durchaus zu schätzen, aber sie beide bedürften keinem Kuppeldienst. Ron und sie waren beide etwas ratlos zurückgeblieben und mit dem Verdacht, dass das Traumpaar in spe bereits weiter war, als sie vermutet hatten und sich irgendwie abgesprochen hatte. Nun, dann würden sie die Sache vorerst laufen lassen und auf eine andere Gelegenheit warten.
Nun war Freitag und sie bedauerte, nicht ausfliegen zu können. Wäre sie irgendein Singvogel gewesen, hätte sie sich vielleicht einen Mittagsflug gestattet, aber als Fledermaus würde sie Gefahr laufen, Aufmerksamkeit zu erregen.
Severus Snapes Braupartnerin machte an diesem Abend einen leicht abgekämpften, übellaunigen Eindruck. Er konnte sehen, dass ihre Schultermuskeln verkrampft waren und wunderte sich insgeheim, was der Auslöser war. Versuchsweise hob er eine fragende Augenbraue, als sie sich ihm näherte.
Sie seufzte. „Quidditch. Man kann keinen Schritt tun, ohne dass einen irgendjemand damit belästigt. Ich bin froh, wenn das verdammte Spiel morgen hinter uns ist." Seit wann kümmerte er sich eigentlich um die Befindlichkeit von Schülern?
„Verständlich."
Sie warf ihm einen ungläubigen Blick zu.
„Ihnen dürfte kaum entgangen sein, dass ich kein Mannschaftsmensch bin und Menschenmengen lieber aus dem Weg gehe. Quidditch ist in meinen Augen nichts Vergnügliches."
„Mir geht es ähnlich. Dann werden wir beide morgen dort nur anwesend sein, weil es gewissermassen zu unserer Pflicht gehört."
„Ja. Ich möchte Ihnen allerdings sehr empfehlen, mich nicht nochmals in Flammen zu setzen."
„Das wissen Sie auch?" Einen Moment lang war Furcht in ihren Augen zu erkennen.
„Offensichtlich."
„Wir waren damals davon überzeugt, dass Sie Harry verhext haben. Wir wussten noch nicht, dass man Ihnen trauen kann."
„Kann man?"
„Harry und Ron glauben mittlerweile wenigstens, dass Sie wirklich auf unserer Seite sind. Aber ich vertraue Ihnen." Sie war sehr ernst geworden und erwiderte seinen forschenden Blick ruhig, aber mit vielsagender Intensität.
„Vertrauen ist ein grosses Wort. Sie sollten nicht so damit um sich werfen."
„Tue ich nicht. Sie haben sich mein Vertrauen erst in den letzten Wochen verdient."
Er wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Vertrauen war etwas fremdes für einen Slyhterin und für ihn noch viel mehr. Voll vertraut hatten ihm bisher nur Albus und Minerva. Und er war nie im Stand gewesen, ihnen ganz zu vertrauen. Es hatte ihn grosse Überwindung gekostet, ihnen seine ganze Vergangenheit und seine Beweggründe darzulegen, ihnen gewissermassen sein ganzes Leben zu übergeben. Seither hatte er ihnen nur selten erlaubt, tiefer in sein Inneres zu blicken. Er zog seit jeher die Einsamkeit und Verschlossenheit vor, die ihn vor Verrat und Verletzungen schützte. Und nun war da Hermione, die erklärte, dass sie ihm vertraute. Er hätte dieses Statement gerne als Unsinn abgetan, aber ihre ernste Miene und der absolut ehrliche Ausdruck ihrer Augen machten ihm klar, dass sie dem Wort Vertrauen dieselbe tiefe, weittragende Bedeutung zumass wie er. Er unterdrückte ein Schaudern. Das war zuviel der Ehre für einen wie ihn. Er war nicht bereit, Hermione ebenso zu vertauen und er wusste nicht, ob er es je sein würde oder sein wollte. Moment – seit wann dachte er eigentlich als Hermione von ihr?
Sie hatte nicht im Sinn gehabt, ihm zu sagen, dass sie ihm vertraute. Und sie sah in seinen Augen, welche Wirkung ihre Worte hatten. Unglauben, Unsicherheit, Erstaunen und schliesslich so etwas wie stille Akzeptanz. „Was brauen wir heute?" Sie war bestrebt, eine Brücke aus der Befangenheit des Moments zu schlagen.
„Der Vollmond naht, Remus braucht morgen den Wolfsbanntrank. Ich überlasse Ihnen diese Aufgabe und kümmere mich derweil um mein – Projekt." Sein Körper spannte sich unverzüglich an, während er auf ihre Frage wartete. Doch sie kam nicht. Einmal mehr schätzte er ihren Sinn für Diskretion. Sie schien zu fühlen, wenn er auf etwas nicht näher eingehen wollte oder konnte und liess es dabei bewenden.
Die folgende Stunde des stillen Brauens tat ihr sichtlich gut. Die Schultermuskeln entspannten sich langsam und sie wurde lebendiger. Severus Snape lächelte sanft ab dieser Feststellung. Auch er fand sich nach einem anstrengenden, zermürbenden Tag jeweils bei der abendlichen Tätigkeit in seinem Labor selbst wieder. Allerdings fühlte er, dass sie nicht ganz loslassen konnte. Dass da etwas war, das sie bedrängte. Sein Blut, stets vom Ruf beherrscht und nur durch Disziplin und Willenskraft von ihm gezügelt, reagierte äusserst sensibel auf Veränderungen, die die schwarze oder auch die weisse Magie im Körper von jemandem herbeiführten. Möglich, dass sie selbst es noch gar nicht wahrgenommen hatte. Er würde vorerst zuwarten und sich aufs Beobachten beschränken.
Der Oktober zog gemächlich aber stetig durchs Land. Er brachte kühlere Luft, mehr Regen und die Blätter der Laubbäume verloren allmählich ihre Blätter. Im Gegensatz zum September verlief der Oktober ohne nennenswerte Turbulenzen. Das gryffindorsche Quidditchteam feierte den prestigeträchtigen Sieg über Slytherin ausgiebig und später im Oktober trug Hufflepuff einen Sieg über Ravenclaw heim. Harry und Ginny steckten nun des Öfteren die Köpfe zusammen und schienen wirklich keiner Hilfe von Ron oder Hermione zu gebrauchen. Durch das schlechtere Wetter fanden die Schüler eher Zeit, sich auf ihre Hausaufgaben zu konzentrieren und die Gryffindors verbrachten manchen Abend im Gemeinschaftsraum, lernend bis spät oder zusammensitzend und allen möglichen Sinn und Unsinn diskutierend. Der Orden des Phoenix machte sich langsam Sorgen über die Tatsache, dass das Auflösen der Prophezeiung so gar nicht von Fleck kam. Doch Dumbledore mahnte zur Geduld und verwies darauf, dass auch Voldemort stagnierte. Voldemort war laut Snapes spärlichen Kommentaren zunehmend wütend über den Zustand, plante jedoch unbeirrt auf einen Angriff Ende April hin.
In der Zusammenarbeit zwischen dem Tränkemeister und seiner Braupartnerin hatte sich eine Art Routine eingeschlichen. Sie brauten die Tränke, trainierten Occlumency und verbrachten die Braupausen gemeinsam in seinem Wohnzimmer, er korrigierend oder lesend, sie lernend oder ebenfalls lesend. Er hatte ihr erlaubt, sich in seiner Büchersammlung zu bedienen, was sie mit grosser Begeisterung tat. Und immer wieder sassen sie in den bequemen Polstersesseln vor dem prasselnden Feuer und unterhielten sich bei einer Tasse Tee über das Tränkebrauen, andere magische Gebiete, wissenschaftliche Forschung, Bücher und allerlei Kleinigkeiten aus dem Hogwartsleben. Die Zusammenarbeit war für beide schon lange kein Müssen mehr, sondern eine Bereicherung des Alltags und zunehmend wichtig.
Jetzt, der November hatte gerade begonnen und sie schaute Ron und Ginny bei einer Runde Zauberschach zu, erinnerte sich Hermione zum wiederholten Mal an den Montagabend vor einer Woche, der äusserst ereignisreich gewesen war. Währenddem sie den Dunklen Trank, den sie gebraut hatten, abkühlen liessen, hatte Snape sie zum geheimnisvollen perlmutternen Kessel gebeten. Ohne grosses Drumherum hatte er sie in seiner typisch nüchternen, wissenschaftlichen Art in sein streng geheimes Projekt eingeweiht. Er erklärte, dass er an einem Trank arbeitete, der die schützenden und stärkenden Elemente sowohl der hellen als auch der dunklen Magie kombinierte. Eine derartige Kombination gab es bisher nicht und wurde gemeinhin als unrealisierbar angesehen, aber wenn es ihm gelingen würde, hätten sie eine äusserst wichtige Waffe im Kampf gegen Voldemort in der Hand. Nur Albus wusste von seinen Versuchen und unterstützte ihn wann immer nötig mit seinen Kenntnissen der hellen Magie. In den vergangenen Monaten hatte er die zahlreichen Zutaten in immer wieder ändernder Reihenfolge und Menge in den Trank gegeben und er hatte eben erst die wirkungsvollste Kombination entdeckt. Nun begann die mühselige Arbeit des Überarbeitens und der Feinabstimmung. Ob der Trank wirklich funktionierte, würde sich allerdings erst im Februar zeigen. Dann nämlich würden sie die graue Blume pflücken können, die als mächtiges Bindeglied die einzelnen Bestandteile zusammenhalten und deren Wirkung kumulieren würde.
Sie wurden abrupt unterbrochen, als der Kamin grün aufflammte und die Funken den Namen Sibyll Trelawney schrieben. Hermione wusste, dass Snapes Kamine nur für eine sehr kleine Anzahl Leute frei zugänglich waren und alle anderen angekündigt und erst auf sein Einverständnis hin eingelassen wurden.
„Oh, Frauenbesuch. Ich gehen dann besser."
„Nein! Gehen Sie nicht." Er starrte mit entsetztem Gesicht auf die Schrift und schien zunehmend wütend. „Zu meinem grössten Bedauern muss ich sie leider einlassen. Sie wird aber hoffentlich schnell wieder gehen, wenn sie sieht, dass Sie da sind."
Hermione beschloss, vom Moment zu profitieren. „Also gut. Aber nur, wenn Sie mir nachher zwei, drei Fragen zur Beziehung zwischen Ihnen und ihr beantworten."
„Das ist definitiv eine Slytherinmethode. Nun, ich habe leider keine Wahl. Einverstanden."
Kurz darauf stolperte Sybill Trelawney aus dem Kamin. „Severus, ich habe in meiner Kristallkugel gesehen, dass du einsam bist."
„Aha." Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und klang wie im Klassenzimmer, während Hermione verzweifelt versuchte, den aufsteigenden Lachanfall zu unterdrücken.
Trelawney blinzelte hinter ihren dicken Gläsern, die ihr Glubschaugen gaben und musterte Hermione erstaunt. „Du hast Besuch. Meine Kugel war wohl etwas beschlagen – oder ist vielleicht meine Brille nicht ganz sauber?" Sie nahm sie ab und rieb mit einem Büschel, der aus verschiedenen ihrer Seidentücher bestand, auf den Gläsern herum. „Wir kennen einander, nicht?"
„Flüchtig." Oh nein, sie wollte da nicht hineingezogen werden.
Snape warf ihr einen spöttischen Blick zu, der von einem Hauch eines boshaften Lächelns begleitet wurde. Was sie konnte, konnte er schon lange. Schliesslich war er der Slytherin hier. „Das ist Miss Granger. Sie ist eine Freundin von Harry Potter und hat deinen Unterricht schon früh wieder aufgegeben. Sie hat leider, leider nichts übrig für das wertvolle und exakte Feld der Wahrsagerei."
Hermione war nicht mehr so sehr zum Lachen zu Mute. Sie hätte ahnen müssen, dass er sich irgendwie für ihre Unverschämtheit rächen würde. Der würde etwas erleben, nachher.
„Hören Sie, was mein Severus Ihnen sagt, Miss Granger? Sie sollten auf ihn hören. So ignorant kann man doch gar nicht sein. Nehmen Sie sich doch ein Beispiel an Lavender und Parvati. Äusserst talentiert."
Ihr Severus? Das Lachen kehrte zurück, stärker nun. Dass Snape neben ihr leicht zusammengezuckt war, machte die Sache auch nicht besser.
„Sibyll, ich warne dich. Es ist für mich eine Kleinigkeit, dich ins Innere deiner Kristallkugel zu hexen, beschlagen oder nicht." Er war klar nicht amüsiert. Hermione dagegen umso mehr.
„Severus, du Wilder! Wie in meiner Vision. Du magst noch nicht bereit sein, aber unsere gemeinsame Zukunft wurde vorausgesagt. Ich werde wunderbar träumen von dir heute Nacht. Auf Wiedersehen." Damit war sie weg.
Es war auch Zeit, denn Hermione konnte sich nicht mehr länger beherrschen. Es dauerte eine Weile, ehe sie sich wieder gefasst hatte und dem sauren Blick von Severus gewahr wurde. „Entschuldigung, das war wirklich zu komisch, grösstenteils jedenfalls. Also, ich höre. Weshalb ist sie hinter Ihnen her? Und was ist mit dieser Vision?"
Er seufzte. „Weshalb sie hinter mir her ist, weiss ich auch nicht. In meiner ersten Zeit hier besuchte sie mich regelmässig, bis ich eines Tages etwas grob wurde. Eine Weile lang begnügte sie sich mit schriftlichen Botschaften, doch vor ein paar Jahren hatte sie einen Traum, den sie bis heute für eine Vision hält. Seither belästigt sie mich regelmässig. Meist verweigere ich ihr den Eintritt, aber Albus hat aus was für Gründen auch immer darauf bestanden, sie ab und zu einzulassen."
„Und was beinhaltete der Traum?"
Beinahe überstürzt verliess er den Raum, eine Spur bleicher als sonst und bald darauf hörte Hermione Glas klirren.
Neugierig folgte sie ihm und sah, dass er sich einen grosszügigen Schluck Feuerwhiskey einschenkte und unverzüglich hinuntergoss. Während er sich ein weiteres Glas einschenkte, fragte er leicht gereizt: „Was?"
„Sie schulden mir noch eine Antwort, Professor."
Er leerte das Glas eines Zugs und nun war seine Stimme heiser und rau. „Ich schulde Ihnen gar nichts. Ich bin ein Slytherin, schon vergessen? Kommen Sie, wir haben einen Trank fertigzustellen."
Hermione hätte gerne aufbegehrt aber sie wusste, dass dies zwecklos wäre. Ausserdem waren ihre Hirnfunktionen momentan ein bisschen gelähmt. Diese Stimme… Sie hatte in den letzten Wochen unzählige Facetten dieser unglaublichen Stimme kennen gelernt. Wie hatte ihr das nur sechs Jahre lang entgehen können? Dazu kamen die geschmeidigen, genauen Bewegungen seiner Hände und die Art, wie er sich bewegte… Sie schüttelte den Kopf, um diese Gedanken zu verdrängen und folgte ihm ins Labor.
