15. KAPITEL
„Hermione, worüber lachst du?"
Rons Frage schreckte sie aus den Erinnerungen auf. „Ich eh… mir ist nur gerade eingefallen, wie Crookshanks heute Morgen einer Fliege nachjagte."
„Ach so. Dann hast du meinen Siegeszug also nicht mitbekommen?"
„Tut mir leid, Ron. Aber ich bin überzeugt, dass er wie immer genial war. Gratulation!" Ron machte sich davon und Hermione bemerkte den zweifelnden Blick Ginnys.
Ginny hatte schon seit ein paar Wochen eine Veränderung und Tendenz zur Tagträumerei bei Hermione festgestellt. Das eben war definitiv eine Ausrede gewesen. Sie wollte zu gerne wissen, was genau bei ihrer Freundin ablief. Vielleicht würde sich ja mit einer Art Informationsaustausch etwas machen lassen. „Kann ich dich mal sprechen, Hermione?"
Die beiden jungen Frauen gingen gemeinsam in Hermiones Zimmer und machten es sich mit ein paar Kissen auf dem Boden gemütlich. „Worüber hast du wirklich gelacht?"
„Ich sagte doch, Crookshanks…"
„Meinem Bruder kannst du etwas vorgaukeln, aber mir nicht. Komm, ich habe doch schon lange gemerkt, dass sich da was tut bei dir. Ich erzähle dir auch von Harry und mir."
„Es ist wirklich nichts, Ginny. Nur eine Episode, die sich kürzlich während der Projektlektionen zugetragen hat. Ich kann dir wirklich nicht mehr sagen. Snape würde mich in etwas Abscheuliches verhexen, wenn ich es täte."
„Snape ist es also?" Ginnys grüne Augen sahen sie mit einer Mischung aus Neugier und Wissen an.
„Ist was?"
„Derjenige, an den du immer wieder denkst."
„Nun, ich mache mein Projekt bei ihm. Ich denke eher an mein Projekt, würde ich sagen."
„Hermione! Für wie blöd hältst du mich eigentlich? Erstens weiss ich, dass du ein Ordensmitglied bist und mit ihm gemeinsam für den Orden arbeitest und zweitens denkst du doch an ihn."
„Woher weißt du, das mit dem Orden?" Dieses Eingeständnis ihrer Freundin überraschte sie.
„Nun, ich habe genügend Brüder, um dreckige Tricks zu lernen. Aber mach dir keine Sorgen, niemand sonst weiss von deiner Mitgliedschaft."
„Nicht einmal Harry?" Vielleicht schaffte sie es, das Gespräch auf eine für sie sicherere Ebene zu bringen.
„Gerade er sowieso nicht. Schau, damals, in der Kammer des Schreckens, hat mir Tom viel über die helle und die dunkle Magie erzählt. Ich weiss, dass Harry sein Gegenpol ist und gewisse Dinge besser nicht erfährt." Sie hatte sich etwas versteift.
„Das hast du nie erzählt. Ich werde es für mich behalten, versprochen."
„Es ist nicht mein Lieblingsthema. Aber vielleicht können wir ja jetzt aufrichtig miteinander sprechen. Was ist da zwischen dir und Snape?"
Hermione schüttelte ratlos den Kopf. „Ehrlich, ich weiss es nicht. Er ist anders, wenn wir alleine sind. Nicht von Beginn an, natürlich. Es hat sich irgendwie entwickelt und mittlerweile verbringen wir eine überaus fruchtbare Zeit zusammen."
„Fruchtbar?"
„Nicht, wie du meinst!" Hermione errötete. „Mehr im Sinne von Wissensaustausch, gemeinsamen Interessen, ähnlichem Humor."
„Ähnlicher Humor?"
Hermione lachte. „Langsam wundere ich mich, weshalb ich noch immer wegen meiner vielen Fragen verschrien bin. Doch, er hat Humor. Sarkastisch und kratzend zumeist, manchmal auch unfreiwillig komisch."
„Was ist mit der körperlichen Anziehung?"
„Ich kann nicht bestreiten, dass er mir besser gefällt als auch schon. Damit hat sich's aber wohl, denke ich."
Ginny sah, dass Hermione ihr im Moment nicht mehr sagen würde. Effektiv hatte sie ihr bereits eine ganze Menge anvertraut.
„Jetzt du. Bist du mit Harry zusammen?"
„Nein. Noch nicht, hoffe ich. Es ist ja so aufregend! Alles kribbelt und ich kann meine Augen kaum von ihm wenden. Wir verstehen und übrigens prima. Bitte unternimm aber nichts. Harry und ich wollen das langsam angehen."
Sie sassen noch länger zusammen und merkten, wie gut ihnen beiden das Aussprechen und Austauschen tat.
Am nächsten Abend – ein Freitag – kam Hermione im Labor an, als Snape gerade im Begriff war, es zu verlassen.
„Miss Granger. Der Dunkle Lord ruft, ich muss gehen. Sie können wieder in den Gryffindor-Turm zurückgehen." Er rieb sich über seinen linken Unterarm, wo das Dunkle Mal sein musste.
„Ich warte hier."
Snape war bereits bei seiner Schlafzimmertüre angelangt. „Nein! Das werden Sie nicht." Das Dunkle Mal schmerzte und er hatte keine Zeit, zurückzugehen und ihr die Flausen auszutreiben. Der harsche Befehl musste ganz einfach genügen.
„Und ich bleibe doch." Er hörte ihre Erwiderung bereits nicht mehr. Hermione ging ins Wohnzimmer, suchte sich ein Buch und richtete sich auf eine ungewisse Wartezeit ein.
Nur Minuten später apparierte Severus Snape am Treffpunkt. Er befand sich auf einer weiten Ebene, der aufgeweichte Boden quietschte unter seinen Füssen und der Himmel war wolkenverhangen. Sofort begab er sich auf die Knie, den Oberkörper beinahe bis in den Matsch gesenkt. Aus den Augenwinkeln hatte er mitbekommen, dass nicht bloss der Innere Kreis, sondern auch die Todesser der mittleren und unteren Ränge anwesend waren. Ein beissender Wind blies, der die Kälte, die von Voldemort ausging, noch verstärkte.
„Meine Todesser, erhebt euch!"
Seine Hosen waren bereits zu einem grossen Teil durchnässt, auch wenn er nicht lange gekniet hatte. Er versuchte, sich zu konzentrieren.
„Ich bin sehr unzufrieden mit euch. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass ihr euch alle auszuruhen scheint. Auch wenn wir gar nicht anders als siegen können, müssen wir etwas dafür tun. Ich erwarte mehr Einsatz. Ich komme nicht darum herum, euch zu züchtigen. Es soll euch eine Lehre sein!"
Damit begann ein wahrer Bestrafungsmarathon. Voldemort rief teils wahllos, teils auch mit Bedacht, Todesser aus allen Rängen nacheinander zu sich und quälte sie auf verschiedenste Arten. In das Heulen des Windes mischten sich Schmerzensschreie und der Boden um Voldemort herum war bald mit blutigen Pfützen versetzt. Severus Snape stand die ganze Zeit über aufrecht und regungslos da, die Augen auf das grausame Schauspiel vor ihm gerichtet. Er hatte das schon des Öfteren gesehen und ähnliche Dinge früher auch getan, doch seit seiner Abkehr war es für ihn zunehmend schwierig, es zu ertragen. Der einzige Trost für ihn war, dass hier wenigstens die Monster büssten, die normalerweise auf der zufügenden Seite waren. Und er wusste mit wachsender Bestimmtheit, dass auch er seine Portion abbekommen würde. Er würde wohl um einen Besuch bei Poppy Pomfrey nicht herumkommen, sofern er es überhaupt bis dort schaffte.
„Severus, tritt zu mir."
Er tat, wie ihm geheissen und kniete sich vor dem Dunklen Lord hin, um seine Strafe zu empfangen.
„Deine Fortschritte mit der Alleswisserin sind ungenügend. Sie muss schneller bereit sein! Crucio."
Der Fluch war diesmal nicht von der milden Sorte. Er traf ihn mit Wucht und liess ihn zur Seite kippen. Seinen zusammengepressten Lippen allerdings entfuhr kein Laut, auch wenn er innerlich vor Schmerz brannte und sich sämtliche Organe und Muskeln verkrampften. Doch es war noch nicht ausgestanden. Er hörte, wie der Dunkle Lord sein scharfes, spitzes Messer aus dem Schaft zog. Rasch drang die Klinge von vorne in seine rechte Schulter ein, wurde ein paar Mal umgedreht und wieder herausgezogen. Der Schmerz liess sich nicht mit dem des Crucio vergleichen, raubte ihm aber beinahe die Sinne.
„Du kannst gehen."
Mühsam rappelte er sich auf, schwankte bedrohlich, stand endlich halbwegs sicher und apparierte umgehend zurück.
Hermione stand bereits, kaum dass sie ihn zurückkehren gehört hatte. Die Schlafzimmertüre war geschlossen und sie zögerte einen Moment. Ehe sie sich zu einem Entschluss durchringen konnte, wurde die Türe von innen geöffnet und ein dreckverschmierter, triefender und blutiger Snape hielt sich am Türrahmen fest. Er sah übel aus und seinem schmerzverzerrten Gesicht nach zu schliessen ging es ihm auch so.
„Hermione!" Weiter kam er nicht, ehe er zusammenbrach.
Nur einen Augenblick später hatte sie ihren Zauberstab gezogen, murmelte „Mobilcorpus" und dirigierte den schwebenden Snape zurück in sein Schlafzimmer. Jetzt war sie dankbar um den ausführlichen Kurs, den sie vor einem Jahr bei Madam Pomfrey besucht hatte und auch um ihre zusätzlichen Studien. Die Kleidung musste weg, damit sie ihn untersuchen konnte. Mit dem entsprechenden Zauberspruch liess sie seine Kleidung bis auf die Unterhose verschwinden und näherte sich dem Bett. Beine, Bauch, Brust und Rücken waren äusserlich unverletzt, doch die rechte Schulter blutete stark. Bevor sie ihn auf dem Bett ablegte, liess sie ein paar weit geschnittene, natürlich schwarze Hosen, die unter seinem Kopfkissen gelegen hatten, über seine Beine gleiten.
Er hatte inzwischen das Bewusstsein wiedererlangt. „Nicht Madam Pomfrey."
Sie sprach leise. „Keine Sorge. Wenn da keine inneren Verletzungen sind, komme ich klar." Schnell legte sie einen Blutstillungsspruch über die Schulterwunde, damit sie etwas Zeit gewann, um ihn auf innere Verletzungen zu untersuchen. Langsam und sorgfältig glitt sie mit Zauberstab und Händen über Brust und Bauch. Zwischen der leichten schwarzen Behaarung fanden sich zwei, drei alte Narben, doch glücklicherweise war in seinem Innern alles in Ordnung. So in Ordnung, wie es nach einem Crucio sein konnte. Um die Folgen des unverzeihlichen Fluches etwas abzuschwächen und die Muskeln zu entkrampfen, legte sie einen Linderungs- sowie einen Lockerungsspruch über seinen gesamten Körper.
Nächste Etappe. Was hatte ihr Madam Pomfrey eingeschärft? Offene Wunden erst säubern, dann eventuell durchtrennte Teile wieder zusammenfügen und zu guter Letzt die Wunde schliessen. Das würde nicht ohne Schmerz für ihn machbar sein. Er war nach wie vor wach, allerdings schien die Linie zu einer erneuten Ohnmacht schmal zu sein. Entschlossen warf sie den Umhang, der sie vorher warm gehalten hatte, zu Boden und krempelte die Ärmel ihrer Blouse hoch. Sie konzentrierte sich und machte sich dann mit äusserster Genauigkeit ans Werk. Wenn sie jetzt nicht gut arbeitete, würde auch die beste Medihexe eventuelle Fehler nicht mehr korrigieren können. Bei der Säuberung verlor er wieder das Bewusstsein. Hermione war beinahe froh darum, zumal er weiterhin regelmässig atmete und sein Puls nicht alarmierend war. Rasch flickte sie die durchtrennten Sehnen wieder zusammen und schloss schliesslich die Wunde.
Sie hatte auf den Knien gearbeitet und liess sich in eine sitzende Position zurückfallen. Eine Runde Schlaf war nun das einzig richtige für ihn. Und auch für sie, wie sie fühlte. Der bleiernen Müdigkeit in ihren Gliedern und dem ausgelaugten Gefühl in ihrem Kopf nach zu urteilen hatte sie die Heilung ziemlich mitgenommen. Der Teppich unter ihren Füssen erschien ihr ausgesprochen weich und einladend. Sie konnte nicht anders, als sich hinlegen, ihren Umhang über sich ziehen und auf der Stelle einschlafen. Das letzte, das sie noch bewusst wahrnahm, war ein Himmel voller Sterne über ihr.
