2. Nicht allein

Sie fuhr ein paar Kilometer die Bundesstraße entlang und musste dabei immer wieder Fahrzeugen ausweichen. Stellenweise schob Cathy ihren Roller über Wiesen oder Felder. Sie fuhr an einem Ortseingangsschild vorbei Neustadt.
Es war eine Geisterstadt in der jetzt ungefähr zweitausend Frauen, Männer, Jungs und Mädchen vor sich hin verrotteten. Sie kam an einem Volvo-Kombi vorbei. Die Familie, der er gehörte wollte anscheinend gerade die Stadt verlassen. Auf der Rückbank war ein Kindersitz befestigt. Daneben war ein Hund, dessen ausgetrockneter Kopf gegen die Seitenscheibe gedrückt war. Er schien nicht an der Grippe, sondern an der unerträglichen Hitze gestorben zu sein. In seiner Verzweiflung hatte er das Baby im Kindersitz fast aufgefressen und auch die Frau auf dem Beifahrersitz wurde nicht von seinem Hunger verschont.
Die Fahrerseite war leer, vielleicht war der Mann irgendwo im Haus zusammen gebrochen und gestorben.
Cathy fuhr fast im Schritttempo weiter. Ihre Uhr zeigte an, dass es bereits später Nachmittag war, sie war durstig und hungrig.
Ihr fiel auf, dass überall Ratten herumstreunten. Nachdem die Dominanz der Menschen aus den Städten verschwunden war krochen sie aus ihren Verstecken hervor um sich bei diesem reichen Nahrungsangebot zu bedienen.
Die Grippe hatte nicht nur Menschen dahingerafft, sondern auch alle ihre Freunde, zahme Tiere wie Hunde, Pferde oder Kühe waren genauso betroffen.
Katzen, welche sich den Menschen nicht unterordneten blieben verschont, viele von ihnen würden allerdings verhungern weil sie das Jagen längst verlernt hatten.
Cathy hörte von der anderen Straßenseite etwas durch die Büsche schleichen, nahm aber an, dass es irgendein Tier sein musste. Sie stellte den Roller ab und ging langsam auf den Busch zu, während sie ihre rechte Hand am Griff des Messers hielt.
Sie nahm einen Metallstab den sie auf der Straße fand und schob damit vorsichtig die Blätter und Zweige des Busches zur Seite.
Cathy dachte es handelte sich um eine Halluzination.
In einem Gemisch aus Gras, Blättern und Moospflanzen sah sie ein junges Mädchen von fünfzehn oder sechzehn Jahren. Es hatte kurzes, zerzaustes, blondes Haar. Für ihr Alter wirkte sie sehr klein, fast unterentwickelt. Die Statur des Mädchens war abgemagert, an der Grenze zur Unterernährung. Es sah Cathy mit leerem Blick an.
Nach dem ersten Schreck konnte Cathy ihr Glück nicht fassen und machte ein erfreutes Gesicht, als sie dem Mädchen jedoch die Hand geben wollte, sprang dieses auf und rannte die Straße hinab.
Cathy ließ ihren Rucksack zu Boden fallen und rannte ohne zu zögern hinterher.
„Warte, bitte renn nicht weg!"rief sie ihr nach.
Das blonde Mädchen stürzte nach nicht einmal hundert Metern und schürfte sich die Knie auf.
Cathy war nach wenigen Sekunden bei ihr und beugte sich herunter.
„Ist alles in Ordnung? Du musst keine Angst haben."Sie reichte ihr die Hand.
Das Mädchen drehte den Kopf zu Cathy und blickte zitternd zu ihr auf.
Sie nahm ihre Hand und ließ sich aufhelfen. Die Beiden schauten sich einige endlose Augenblicke stumm an, und umarmten sich schließlich eine noch längere Zeit.
„Endlich weiß ich, dass ich nicht die einzige Überlebende bin"sagte sie zu dem Mädchen und zu sich selbst. Cathy stiegen Tränen in die Augen.
Die Zwei ließen sich langsam los, sahen sich allerdings noch eine Weile an. Cathys Blick wanderte an dem Mädchen hinab und sie stellte fest dass ihre neue Freundin sehr schmutzig war und verschlissene Kleidung trug. Eine blaue Jeanshose und ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift : Kopfüber in die Hölle.
Sie konnte sehen wie sich langsam Blut durch das aufgerissene Knie der Jeans presste.
„Komm, ich werde deine Wunde reinigen, wir wollen doch nicht dass du jetzt, wo du die Grippe überlebt hast, an einer Blutvergiftung erkrankst."Cathy lächelte sie an, und dieses Lächeln war echt.
Das Mädchen ließ sich von Cathy widerstandslos an der Hand hinter sich herziehen.
Die Beiden kamen schließlich an dem liegen gelassenen Rucksack an und Cathy setzte ihn wieder auf.
„Wir sollten in ein Haus gehen, oder was meinst du?"
Das Mädchen nickte nur, und ließ sich von Cathy in ein kleines Einfamilienhaus schleppen. Die Garage war geöffnet und es stand kein Auto darin, die Familie musste die Stadt also verlassen haben als sie noch konnte. Cathy wusste nicht dass der Ford der hier noch vor einigen Tagen in der Garage stand ein paar Häuser weiter in einem Straßengraben lag.
Inzwischen hatte es sich merklich abgekühlt und es wurde zunehmend windiger, ein Sommergewitter war im Anmarsch.
Auf dem Weg zu dem Einfamilienhaus lag die Leiche eines kleinen Jungen, er musste sieben Jahre alt gewesen sein. Cathy verscheuchte die Ratte, die an ihm nagte und sie gingen weiter.
Sie betraten das Haus. Die Familie die hier wohnte schien nicht sehr wohlhabend gewesen zu sein, aber es war alles noch sehr ordentlich, keine Spuren einer Panik oder dergleichen.
Direkt als sie eingetreten waren standen sie in der kleinen Küche, es gab weder eine Spülmaschine noch irgendwelche anderen Luxusgeräte wie eine Mikrowelle. Nach dem Aussehen der Möbel zu urteilen, musste diese Küche bereits zwanzig oder dreißig Jahre erlebt haben.
Die gegenüberliegende Tür führte direkt ins Wohnzimmer. Auch hier war alles sehr schlicht. In einer alten Anbauwand, die nicht ganz so alt wie die Küche war, stand ein Fernsehgerät für das es nicht mal eine Fernbedienung gab. Die Couchecke machte allerdings einen sehr bequemen Eindruck, und Cathy bat das Mädchen sich zu setzen, das tat sie auch sofort.
„Dann will ich mir mal dein Knie ansehen, kannst du die Hose hochkrempeln?"
Das Mädchen versuchte es, schaffte es aber nicht das gesamte Schienbein mitsamt dem verwundeten Knie freizulegen. Sie schüttelte mit dem Kopf.
„Na dann runter mit der Hose"sagte Cathy enthusiastisch.
Das Mädchen sah sie verdutzt an.
„Na los, niemand sieht uns hier."
Nach einigem Zögern tat das Mädchen was Cathy sagte. Das Knie sah nicht so schlimm aus wie sie annahm. Cathy nahm eine Flasche stilles Wasser aus ihrem Rucksack und spülte die Wunde etwas aus. Danach trocknete sie die nasse Stelle mit einem Taschentuch.
„Das war es schon, Operation gelungen, du kannst dich wieder anziehen."Cathy fühlte förmlich wie sich ihre Laune von Minute zu Minute verbesserte und sie förmlich vor Tatendrang sprühte.
Draußen begann es zu regnen.
Cathy setze sich jetzt neben das Mädchen auf die Couch.
„Wir haben uns noch gar nicht vorgestellt, mein Name ist Catharina, Catharina Falkner. Aber meine Freunde nannten mich immer Cathy, bevor ..."Ihr Kopf senkte sich und aller Tatendrang schien wieder zu schwinden.
Das Mädchen sah sie an und legte ihr eine Hand auf die Schulter.
„Ich bin Lisa Ritter. Danke dass du mir nachgelaufen bist und mir geholfen hast."Das Mädchen lächelte sie an.
Cathy sah wieder auf. „Keine Ursache, du bist der erste lebende Mensch den ich seit ich weiß nicht wie vielen Tagen gesehen hab."Sie schaute Lisa an. „Hast du vielleicht noch jemanden gesehen?"
„Ich habe noch zwei Kerle gesehen, aber die fuhren mit Motorrädern durch die Stadt und haben überall herum geschossen. Darum bin ich auch vor dir weg gerannt, ich dachte du gehörst vielleicht zu denen."
Cathy war auf der einen Seite froh, auf der anderen Seite aber geschockt. Trotz dieser Katastrophe gab es tatsächlich noch Leute die nichts begriffen hatten. Das war ihrer Meinung nach typisch für Menschen.
„Hmm, dann sollten wir heute Nacht hier bleiben und uns morgen vorsichtig auf den Weg machen, oder möchtest du hier bleiben?"
Lisa schüttelte den Kopf.
Schon vor dem Virus gab es für sie nichts in dieser Stadt an dem sie hing.
Sie hatte nie wirkliche Freunde gefunden, die Kinder haben nur Zeit mit ihr verbracht um Vorteile daraus zu ziehen. Sie war immer diejenige, welche die Hausausgaben der anderen gemacht hatte, wenn sie das nicht tat wurde sie solange geärgert bis sie weich wurde.
Lisas Eltern waren vor dreizehn Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen und sie wuchs seit dem bei Pflegeeltern auf, die jedoch alle Liebe in ihre eigenen Kinder investierten. Für Lisa blieb nichts übrig.
Als ihr Stiefbruder sie vor einem Jahr immer häufiger belästigte, und sie das seinen Eltern erzählte bekam Lisa von ihrem Stiefvater eine Ohrfeige und er meinte sie solle nicht solche Lügen erzählen.
Als sie Captain Trips dann von dieser Familie erlöste empfand sie sogar eine gewisse Erleichterung.

Ein gewaltiger Donner rollte krachend über die Stadt, dann folgte ein Blitz der die dämmernde Stadt hell erleuchtete. Lisa zuckte zusammen.
Der Regen wurde zu einem gewaltigen Wolkenbruch und sogar die Ratten ließen von ihrer Mahlzeit ab und verkrochen sich in ihren Löchern und Kellern.
Der gesamte Himmel war mit schwarzen Wolken bedeckt und man konnte meinen, dass Gott sein Werk, das er mit der Grippe begonnen hatte, jetzt mit einer zweiten Sintflut beenden wollte.

Cathy nahm Lisa, die jetzt sichtlich nervös war, in die Arme um sie zu beruhigen. Das blonde Mädchen schlief nach wenigen Minuten ein und Cathy legte sie auf die Couch und deckte sie zu.
Sie ging jetzt zum Fenster und schaute hinaus.
Das war heute der beste Tag seit Marcels Tod. Dachte sie.
Schließlich hatte sie ihre Heimatstadt hinter sich lassen können und endlich eine weitere Überlebende gefunden.
Sie ging zurück zur Couchgarnitur, klappte bei einem der Sessel die Fußlehne aus und die Rückenlehne nach hinten, so würde sie einigermaßen schlafen können.

Sie träumte wieder von Marcel, ihrem Geburtstag und den Massengräbern, aber auch von Lisa. Der Traum war nicht mehr ganz so schlimm wie die Tage zuvor.

Der Regen, der Sturm und das Gewitter nahmen an Stärke zu und dauerten noch die gesamte Nacht.