3. Die Stille nach dem Sturm
Lisa wachte bereits früh am Morgen auf und richtete Frühstück für die beiden her. Sie musste allerdings feststellen, dass die Mittel dafür sehr begrenzt waren. Für jeden eine Schale trockenes Müsli und Fruchtsaft um es herunterzuspülen.
Sie gab sich viel Mühe beim Decken des Wohnzimmertisches.
Kurz nach acht Uhr weckte sie Catharina, die heute Nacht trotz der Träume einen angenehmen Schlaf hatte.
Als sie den gedeckten Frühstückstisch sah lächelte sie, und die beiden aßen sich ordentlich satt und löschten ihren Durst.
„Wir sollten uns etwas im Haus umsehen, vielleicht finden wir etwas Brauchbares. Was hältst du davon Lisa?"
„Gute Idee, ich schaue in der ersten Etage nach und du im Keller."
Cathy war damit einverstanden. „Wenn etwas ist rufst du sofort nach mir, ok?"
Lisa nickte und beide machten sich auf die Suche.
Lisa ging über die Treppe ins obere Geschoss. Der Boden war mit Lenoliumboden ausgelegt und die Wände zierte weiß gestrichene Raufasertapete.
Direkt rechts neben der Treppe führte eine Tür in ein Spielzimmer. Sie sah ein Doppelstockbett an der längeren Wand stehen in dem beide Betten zerwühlt waren. Es handelte sich um Dinosaurierbettwäsche. Lisa nahm an, dass hier Zwillinge gewohnt haben, Jungs allem Anschein nach. Sie schaute sich noch kurz im Zimmer um, konnte aber nichts Brauchbares finden.
Lisa ging weiter und direkt neben dem Kinderzimmer lag das Schlafzimmer der Eltern. Der Kleiderschrank war durcheinander wie das Ehebett.
Lisa trat ein und durchsuchte die Nachttische neben dem Bett. Sie fand einige Aspirin und dachte sich, dass diese vielleicht nützlich sein könnten. Die Tabletten wanderten in ihre Jeanstaschen.
Lisa verließ auch das Schlafzimmer wieder in Richtung Flur. Ganz am Ende war eine weitere Tür, wahrscheinlich das Bad dachte das Mädchen.
Nachdem sie die Tür geöffnet hatte wurde dieser Gedanke bestätigt, das Bad war sauber und am Tag der Flucht schien hier niemand mehr gewesen sein.
Lisa öffnete das Spiegelschränkchen, fand aber nichts weiter als eine Nagelschere, Feile und etwas Make-up – nutzlose Dinge.
„Hach, hier gibt es wirklich nichts was wir gebrauchen könnten."Sie beschloss wieder nach unten zu gehen.
Im Keller stand nach dem Unwetter letzte Nacht das Wasser über einen Meter hoch. Cathy dachte erst daran, sich durch das Wasser zu kämpfen, aber sie befürchtete unter Wasser auf Leichen von was auch immer zu treten. Sie verzog leicht das Gesicht und ging zurück ins Wohnzimmer wo sie auf Lisa wartete.
Nach einer halben Stunde kam ihre neue und derzeit einzige Freundin die Treppe herunter, auch sie hatte nicht viel Positives zu berichten. Lisa übergab Cathy die Tabletten welche sofort im Rucksack verstaut wurden.
„Du hattest also auch keinen Erfolg was? Der ganze Keller steht unter Wasser. Heute Nacht muss es noch sehr stark geregnet haben."
„Scheint so"gab Lisa kurz und knapp zurück. „Lass uns hier abhauen."
Sie gingen zu Tür und Cathy öffnete sie.
Draußen sah es schlimm aus. Es hatte so stark geregnet, dass die Gräben kurz vorm überlaufen. Die Toten, die am vorigen Tag noch still und friedlich in der Sonne lagen, wurden die Straße entlang gespült und stauten sich an einem umgestürzten Bus.
Die Straße selbst war mit einer Zentimeter hohen Schlammschicht überzogen aus der jede Menge Abfall herausragte. Die Fuß- und Radwege waren noch begehbar und Dank des Sturms jetzt weitgehend frei von Hindernissen.
„Mist, den Roller hat es auch entschärft, wir werden wohl vorerst zu Fuß gehen müssen"sagte Cathy zu Lisa.
„Was soll's, das ist gut für die Figur"gab sie ironisch zurück.
„Na dann, auf geht's."
Sie verließen die Stadt und folgten der Bundesstraße Richtung Süd-Westen.
Hin und wieder lag ein entwurzelter Baum auf der Straße. Der Sturm hatte Häuser abgedeckt und Telefonmasten umgeworfen. Die Felder um sie herum waren zu kleinen Seen geworden.
Während die beiden ihren Weg fortsetzten, erzählten sie sich ihre Geschichten.
Cathy und Lisa waren so tief in die Gespräche vertieft, dass sie nicht merkten dass sie beobachtet und verfolgt wurden.
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Jean Salle war ein neunundzwanzigjähriger, gebürtiger Franzose, lebte aber seit einigen Jahren in Berlin. Er liebte seine neue Heimat genauso wie sein Heimatland. Der Franzose studierte hier Soziologie und Politik und machte vor drei Jahren seinen Magister.
Danach arbeitete er größtenteils für soziale Einrichtungen und engagierte sich für Dinge von denen er überzeugt war.
Nachdem die Hauptstadt, vor etwas mehr als zwei Wochen zu einer einzigen Open-Air-Leichenhalle wurde, entschloss er sich allerdings sehr schnell diesen Ort zu verlassen. Er packte sich einige Vorräte in seinen Survival-Rucksack und fuhr mit seinem Fahrrad Richtung Süden. Er nahm die Fahrbahn welche nach Berlin hinein führte, auf dieser waren kaum Autos. Alle Menschen wollten nur raus aus dem Sarg, aber kaum jemand sollte es schaffen. Eine riesige Blechlawine erstreckte sich kilometerweit Richtung Süden.
Als Jean zurück auf die Stadt blickte, sah er riesige Rauchwolken von ihr aufsteigen, da niemand die Feuer löschen konnte sollten sich die Flammen noch weiter ausbreiten.
Die sengende Hitze machte es dem Feuer noch um einiges leichter, es waren fast durchgehend über dreißig Grad Celsius im Schatten.
Captain Trips hatte einen Großteil aller Seelen vernichtet, die Flammen setzten dieses Werk fort indem sie wie eine Bestie die Körper verschlangen. Es sollten noch viele Bestien die Erde heimsuchen.
Allerdings interessierte das den Franzosen jetzt auch nicht mehr.
Jean hatte sich eine Pistole vom Modell Beretta besorgt, nur für alle Fälle. Wie vorausschauend dieser Gedanke war sollte er vor drei Tagen feststellen, als ihn ein besoffener Kerl fast mit einem Fleischermesser abgeschlachtet hätte. Im letzten Moment konnte Jean ihn mit zwei Schüssen in den Bauch davon abhalten.
Nach zwei Wochen hatte Jean ca. zweihundert Kilometer zurückgelegt, er hielt während seiner Reise immer wieder an um in Dörfern, einzelnen Häusern oder Bauernhöfen nach Überlebenden zu suchen. Aber alles Lebende was er fand waren die Insekten und Würmer die sich über verwesende Kadaver hermachten und aus ihren Augen, Mündern, Nasen und anderen Körperöffnungen hervorquollen.
Außerdem stockte er in Supermärkten immer wieder seine Vorräte auf.
Die gewaltigen Autolawinen wichen nach und nach einzelnen Blechsärgen. Mal waren es Einzel- und mal Familiengräber. Die Insassen ähnelten sich allerdings in ihren verzweifelten, gequälten Gesichtsausdrücken. Es gab aber kleine Unterschiede, wie Jean auffiel.
Einige von ihnen hatten äußerlich kaum Symptome von Captain Trips, während die Gesichter von vielen fast grün waren wie die Marsmännchen in diesen billigen Science-Fiction Filmen. Einige hatten Eiterbeulen im Gesicht, genau wie Pestopfer. Bei einem Teil der Beulengesichter waren diese Beulen aufgeplatzt und gaben ein bläulich-weißes Schleimsekret frei, dieses war allerdings schon längst getrocknet. Die Augen der meisten Toten schienen ihn vorwurfsvoll anzuschauen.
Warum sind wir so elend vor die Hunde gegangen und du Franzose lebst noch?
Schienen sie ihn fragen zu wollen. Fast alle Augen waren außerdem angeschwollen und machten den Eindruck als ob sie jeden Moment aus ihren Höhlen fallen um dann wie Flummies auf und ab zu springen.
Hatte er nicht mal gehört dass das bei Schweineaugen so war?
Jean erschrak immer wieder wenn er solche Gedanken hatte, wenn er nicht bald andere, friedliche Überlebende fand, würde er wohl verrückt werden.
Diese ganzen Leichen, das Feuer, die Ratten und die Insekten betrachtete er nur noch als lästiges Übel mit dem er leben konnte.
Er fürchtete sich allerdings davor wie es mit ihm und dem Rest weitergehen sollte.
Inzwischen wurden die Autos auf der Autobahn wieder mehr und er kam in ein Gebiet in dem es vor kurzem noch ein starkes Unwetter gegeben haben musste.
Jean blickte zum Himmel hinauf, der gelbe Feuerball drückte gnadenlos auf seinen Körper und wollte ihn allem Anschein nach zu Boden zwingen.
Der Franzose nahm einen Schluck aus einer seiner Feldflaschen und ging weiter.
