Auf der Suche nach Glück

Chapter 1: Die Lektion

31. August 1996 – 10.35 – Gleis 11 ¾

Erzählt von Harry Potter

Ich sollte glücklich sein. Doch ich war es nicht. Wo blieb das Gefühl der Schmetterlinge, die mich immer überkamen, wenn ich den Hogwarts-Express sah? Dieses Gefühl der Freiheit, wenn ich wieder für ein Jahr den Dursleys entfloh und in mein Zuhause zurückkehrte. Es blieb aus.

Vielleicht lag es daran, dass ich keinen einzigen Brief von meinen Freunden erhalten hatte, keinen Geburtstagsgruß, kein „Hallo Harry, wie geht's?". Nichts. Hatten sie mich einfach vergessen? Oder lag es noch immer an dem Streit, der vergangenes Schuljahr tobte. Wir waren wortlos auseinander gegangen. Sie hatten mir nicht einmal Leb wohl gesagt, sondern nur ihre Koffer gepackt und schweigend das Gleis verlassen. Ich hatte sie die ganzen Ferien vermisst. Ob sie auch an mich gedacht hatten? Wenigstens für einen Moment?

Wie gerne hätte ich die Ferien im Fuchsbau verbracht. Ich liebe dieses Haus. Später würde ich mir wohl ein ähnliches kaufen. Es würde mich immer an Ron erinnern. Und an die restlichen Weasleys; die freundliche Mrs. Weasley, die mich immer wie ihren eigenen Sohn behandelt hatte und Mr. Weasley, der selbst noch ein halbes Kind war und seinen Söhnen jeden Streich verzieh, Ginny, die mich oft schüchtern angelächelt hatte und Fred und George, deren Scherze jedes mal für gute Laune gesorgt hatten. Ich hatte die Zwillinge schon lange nicht mehr gesehen. Nachdem sie die Schule beendet hatten waren sie aus meinem Leben getreten.

Wie es ihnen wohl ging?

Ungeschickt schlängelte ich mich durch die Schülermassen. Hier und da warf man mir einige Begrüßungen zu. Ich nickte jedes mal nur stumm zurück, ein falsches Lächeln auf meinen Lippen.

Meine Koffer waren schwer, das heißt, sie waren eigentlich so schwer wie jedes Jahr, doch hatte ich keine Kraft mehr in meinen Armen. Wie zentnerschwere Lasten zerrten sie an meinen Schultern, drohten mich zu Boden zu reißen. Doch ich blieb aufrecht.

Dann erblickte ich Malfoy. Stolz erhobenen Hauptes, die Nase stets höher als alle anderen in den Himmel gereckt, stakste er durch die Massen, die ehrfürchtig vor ihm zu weichen schienen. Er war ihr König und das gab er ihnen auch bei jeder sich bietenden Chance zu verstehen. Wie sein Vater war er ein arrogantes Arschloch. Mit Sicherheit würde er einst ein Todesser werden, ein Aasgeier, der sich am Leid anderer ergötzte. Ich verachte ihn.

Erzählt von Draco Malfoy

Das dumpfe Schnauben der gewaltigen Lok dröhnte in meinen Ohren. Vor mir türmte sie sich auf, wie eine eiserne Schlange. Sie wird mich nach Hause tragen, endlich nach Hause. Hogwarts.

Wie quälend lang kamen mir immer diese Ferien vor. Ich bin wahrscheinlich der einzige Junge, der die Ferien verabscheut. Dabei ist es nicht einmal die Zeit, es ist der Ort, der mich schaudern lässt.

Mit erhobenem Kopf drängelte ich mich durch die lachenden Menschen, die sich von ihren Eltern verabschiedeten. Mein Vater hatte mich noch nie zum Zug gebracht. Zu meinem Glück.

Langsam bahnte ich mir meinen Weg. Eine offene Wagontür strahlte mir frohlockend entgegen. Ich beschleunigte meine Schritte und sprang die wenigen Stufen hinauf.

Innen schien es fast noch lauter als auf dem Bahnsteig. Ein emsiges Summen, einem Bienenstock gleich, erfüllte die langen Flure des Zuges. Unmengen von Schülern blockierten die Gänge, versuchten ihre Koffer zu verstauen oder waren auf der Suche nach Freunden. Fröhliche Gespräche waren bereits am laufen.

Desinteressiert quetschte ich mich an ihnen vorbei, auf der Suche nach einem leeren Abteil. Nach wenigen Minuten wurde ich fündig. Seufzend ließ ich mich auf die gepolsterte Bank fallen und schloss für einen Moment die Augen, als das Quietschen der Tür mich wieder aufschrecken ließ. Ein leises Stöhnen drang über meine Lippen. „Potter!" Ich legte all meine Verachtung in dieses eine Wort. „Was willst du hier?" Mein eisiger Blick fixierte seine grünen, glasigen Augen. Erst jetzt fiel mir auf, wie blass er war. Überhaupt sah er nicht sehr gesund aus. Er war dürr, noch viel dürrer als die Jahre zuvor.

Er schien genauso überrascht wie ich zu sein. Wahrscheinlich war er so sehr in Gedanken gewesen, dass er mich überhaupt nicht bemerkt hatte. Nun straften sich seine Muskeln, als wolle er sich jeden Moment auf mich stürzen. Doch stattdessen presste er nur giftig „Malfoy!" zwischen den Zähnen hervor und wollte sich schon wieder auf dem Absatz herum drehen und das Abteil verlassen, doch dort versperrten ihm zwei riesige Schränke den Weg. Es waren Crabbe und Goyle, meine einzig wahren Freunde.

Er war gefangen. Ein eisiges Grinsen stahl sich auf meine schmalen Lippen.

Erzählt von Harry Potter

Die drückende Atmosphäre im Zug schien mir fast den Atem zu nehmen. Überall fröhliche Gesichter. Ich konnte es nicht mehr sehen.

Widerwillig schob ich mich an ihnen vorbei und floh in ein leeres Abteil. Doch es war nicht leer. Zu meinem Leidwesen, meine Pechsträhne wollte einfach nicht reißen, saß dort kein geringerer als mein Erzfeind, der Todesser in spe. Warum lachte mir nie das Glück?

Meine Augen verengten sich zu Schlitzen. Ich spürte seinen kalten Blick über mich schweifen. Ich musste schrecklich aussehen, wie der Tod auf Latschen. Das würde ihm wieder genug Anlass zum darauf herumhacken bieten. Ich hatte genug. Zornig wollte ich aus dem Abteil stürzen, doch da standen sie, gewaltige Mauern aus Fleisch und Knochen. Crabbe und Goyle, Malfoys Schoßhündchen. Ich hätte am liebsten losgeheult, aber diesen Triumph wollte ich der Schlange nicht gönnen. Ich würde nie vor ihm heulen. Meine Tränen würde er nie zu Gesicht kriegen. Nie!

Ich legte alle Wut in meinen Blick, als könnte ich die zwei Schränke allein dadurch aus dem Weg räumen. Leider wichen sie keinen einzigen Zentimeter.

„Geht mir aus dem Weg", knurrte ich verärgert. Doch als hätte ich es nicht schon geahnt schüttelten sie nur stumm den Kopf. Ich drehte mich wieder herum, nur um Malfoys schleimiges Grinsen zu sehen. Ich war gefangen. Was für ein Scheißtag!

„Was willst du?" fragte ich frei heraus. Ich hatte keine Lust mich auf ewige Diskussionen einzulassen. Die zwei Koffer zerrten noch immer schwer an meinen Armen.

Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Du kannst dir gar nicht vorstellen, Potter, wie ich dich hasse!" Oh doch, das konnte ich. Und ich war mir sicher, dass mein Hass auf ihn sogar noch größer war, als seiner auf mich.

Ich schwieg. Was sollte ich auch sagen? Sie waren in der Überzahl. Ich war ihnen ausgeliefert. Hilflos. Mal wieder. Oh, wie ich es hasste. Ohne meine Freunde war ich doch überhaupt nichts. Nur ein kleiner Wicht, dessen Ruf größer als er selbst war.

„Und weißt du, was ich schon immer mal mit dir tun wollte?" fuhr Malfoy, die Schlange, inzwischen gehässig fort. Ich schluckte. Eine eisige Hand schien sich um mein Herz zu legen. Wie schlimm konnte dieser Tag denn noch werden?

„Ich wollte dem großen, ach so tollen Harry Potter zeigen, was es heißt zu leiden. Ich hoffe du hast deine Ferien genossen, denn die friedliche Zeit ist jetzt vorbei! Ich werde dich erst mal wieder auf den Boden der Tatsachen holen." Ein dämonisches Lächeln legte sich über seine Wangen. Ich fröstelte.

Bitte lass mich endlich aufwachen, lieber Gott. Wieso bist du nur so grausam zu mir? Was um alles in der Welt hab ich denn nur getan, dass du mich so bestrafst?

Erzählt von Draco Malfoy

Ich genoss den panischen Ausdruck in seinen glasigen Augen. Ich hätte ihm schon viel früher einmal zeigen sollen, wie das wahre Leben ist. Ihn endlich mal von seiner rosa Wolke runter holen und mit der grausamen Realität konfrontieren. Die Welt ist schlecht. Das sollte er gefälligst auch mal zu spüren bekommen.

Ich gab Crabbe und Goyle einen Wink und sie packten ihn bei den Armen. Polternd vielen seine zwei schäbigen Koffer zu Boden. Sein Blick wanderte fahrig zu mir. Er hatte Angst, dennoch sah ich auch Trotz in ihnen. Es würde nicht leicht werden ihn zu brechen. Doch Herausforderungen spornten mich an.

„Bringt ihn her!" befahl ich hart.

Ich konnte in seinen Augen lesen, dass er wusste, was ihm bevorstand. Er war nicht dumm. Keineswegs.

Grob trieben ihn Crabbe und Goyle in die Mitte des Wagons. Ich sah, wie sich seine Hände zu Fäusten ballten. Doch gegen ihre Kraft konnte er nichts ausrichten. Dazu war er viel zu schmächtig. Überhaupt sah er aus, wie ein halbes Gerippe. Aber warum eigentlich? Leise Zweifel überkamen mich, doch sie waren ebenso schnell wieder vergessen, wie sie aufkamen. Was gingen mich Potters Essgewohnheiten an? Von mir aus konnte er verhungern.

Inzwischen zwangen Crabbe und Goyle ihn in die Knie. Da hockte er nun, mit zornig funkelnden Augen, zusammengepressten Zähnen und geballten Fäusten. Er könnte schreien, doch er tat es nicht. Dafür war wohl selbst er zu stolz. Pah, als ob ein Potter Stolz haben könnte. Er wusste nicht, was es hieß den Namen seiner Familie hochzuhalten, egal was kam. Er ahnte ja nicht mal im entferntesten, wie es mir letztes Jahr ergangen war, als bekannt geworden war, dass mein Vater ein Todesser war. Wie schwer es für mich gewesen war meine Familienehre aufrecht zu erhalten.

Doch davon hatte ein Potter doch keine Ahnung.

Ich trat auf ihn zu. Meine sturmgrauen Augen waren regungslos wie immer, als ich verächtlich auf ihn herabsah.

„Draco", mischte sich nun Goyle in die angespannte Stille. „Mach keinen Fehler. Du weißt, wenn dein Vater davon erfährt, dann –"

Mit einer schnellen Geste brachte ich ihn zum Schweigen. „Halt die Klappe, Goyle. Das diskutieren wir später aus." Alles, was mir jetzt noch fehlte, war, dass Potter von meinen Problemen Wind bekam.

„Außerdem, wie soll er denn davon erfahren. Ich glaube kaum, dass Potter es ihm auf die Nase binden wird."

„Draco, es gibt da noch etwas, was wir dir sagen müssen", meinte nun Crabbe. Seine Stimme klang ungewöhnlich leise, als schämte er sich dafür, was er mir gleich sagen musste.

„Du weißt, dass dein Vater unsere Väter in der Hand hat." Ich nickte ungeduldig. Wen hatte mein Vater schon nicht in der Hand? Er war wie ein Puppenspieler, der seinen Marionetten tanzen ließ. Nur der Lord fehlte noch in seiner Sammlung.

„Und seit der Sache im Sommer hat er unseren Vätern befohlen, dass wir ein Auge auf dich werfen und ihn über alles auf dem laufenden halten." Er senkte den Kopf.

„Es tut uns Leid, Draco, aber du weißt, dass wir uns ihnen nicht widersetzen können. Du verstehst das doch..."

Ich war wie gelähmt, unfähig, etwas zu sagen. Wie weit würde er noch gehen, um aus mir den perfekten Sohn zu machen? Jetzt bewachte er mich selbst während meiner Schulzeit, hetzte mir Wachhunde auf den Leib, um jeden meiner Fehlschritte sühnen zu können. Mein Gefängnis schien sich auszuweiten, auf die ganze Welt.

Zornig verpasste ich Potter einen Tritt, sodass er stöhnend zu Boden sank.

„Los, schafft ihn mir aus den Augen. Ich kann ihn nicht mehr sehen!"

Schweigend schmiss ich mich auf die Bank und lehnte meinen Kopf gegen das kalte Fensterglas. Ich konnte mich ihm nicht widersetzen, konnte nicht fliehen. Das war wohl der beste Zeitpunkt jeden Widerstand aufzugeben. Er hatte mich in der Hand.

Erzählt von Harry Potter

Sein Tritt war so unerwartet gekommen. Ich hatte ihn nicht kommen sehen. Da lag ich nun, zusammengekrümmt am Boden, getreten, zerschlagen. Mein Magen hatte sich schmerzhaft zusammengekrampft. Wieder wollte die Übelkeit meine Speiseröhre hinaufklettern. Doch nie würde ich mich dermaßen erniedrigen und mich über Malfoys geputzte Stiefel entleeren. Nie, bei meiner Ehre.

Malfoys kalte Worte drangen nur dumpf durch den roten Schleier aus Schmerz. Zwei Paar grobe Hände packten mich und rissen mich auf die Füße. Brutal wurde ich aus dem Abteil befördert. Ich konnte mich kaum auf den Beinen halten, doch wusste ich, dass ich noch gut weg gekommen war. Aber warum? Wieso hatte Malfoy eben so ungehalten, ja beinahe panisch reagiert, als hätte Crabbe ihm seine Todesbotschaft überbracht? Ich verstand es nicht. Doch eigentlich war es mir auch egal. Ich lebte noch. Das war es doch, was ich wollte. Oder nicht? Was nun mit dieser Schlange geschah ging mir am A*** vorbei. Von mir aus konnte er verrecken... Dennoch... was zum Teufel hatte ihm solche Angst eingejagt? Ich hätte nie gedacht, dass er überhaupt vor etwas Angst hat. Er wirkte immer so unnahbar, als ob ihn nichts bewegen könnte. Wie ein Fels in der Brandung. Wie oft hatte ich ihn für seine Stärke beneidet, immer dann, wenn ich zu schwach war mich gegen diese Gedanken zu wehren. So wie jetzt. Im Stillen, glaub ich, bewundere ich ihn manchmal. Aber nur manchmal. Immerhin war er das hinterhältigste und fieseste Stück Dreck in dieser ganzen Galaxie. Er kam gleich nach Lord Voldemort. Und irgendwann, da war ich mir sicher, würde er selbst diesen überflügeln...

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A/N: Und cut. So, das war's wieder von mir. Jaaa, ich weiß, die Kapitel sind unverschämt kurz im Gegensatz zu denen bei „Das fünfte Schuljahr". Aber dafür müsst ihr nicht so lange auf eine Fortsetzung warten, denn das zweite Kapitel ist schon so gut wie fertig ^^ Das dritte übrigens auch *lol* Das Grundgerüst der Geschichte steht nämlich schon lange. Ich werde die nächsten Kapitel nur noch einmal überarbeiten und Korrekturlesen. Das bedeutet, die weiteren Chapter folgen auf den Fuß.

Und jetzt, da ihr hier unten angekommen seid spürt ihr doch sicherlich das unbändige Verlangen mir ein review zu schreiben, nicht wahr *zwinker*

Man liest sich

Eure Feary