Meleth: Das Wichtigste zuerst – die schwarze Haarfarbe kommt bald wieder weg. Und im nächsten Kapitel lernt Faramir endlich die anderen Waldläufer kennen.
Ali: Der neue Stil von Faramir wird, wie gesagt, bald der Vergangenheit angehören. Die Vorgeschichte kann ich wirklich sehr empfehlen: „Das Herz einer Amazone".
Loeke: Du siehst ja, das ich euch nicht lange quäle, denn das nächste Kapitel ist schon da.
Lady: Faramir fühlt sich selbst nicht wohl in seiner Haut. Und im nächsten Kapitel wird er am eigenen Leib spüren, dass er nicht willkommen ist bei den Waldläufern.
Leonel: Ja, der Buch-Faramir sieht so ähnlich aus. Kein Wunder, dass Faramir inzwischen Heimweh hat, nachdem er hier im Norden noch keine Freunde gefunden hat. Aber das wird sich noch ändern.
§§§§§
Kapitel 4: Unter Waldläufern
Faramir verließ mit Aragorn zu Fuß das Städtchen. Gandalf hatte versprochen, dass er auf sein Pferd Flammenmähne gut aufpassen würde. Das beruhigte den jungen Mann einigermaßen. Unterwegs trichterte Aragorn dem Truchseß-Sohn ein, was er alles nicht sagen durfte, wenn er den anderen Waldläufern begegnete. Faramir war schon ganz wirr im Kopf vor lauter Verboten.
Sie liefen fast den ganzen Tag durch den düsteren Wald, bis sie das Zeltlager der Waldläufer erreichten. Faramir fühlte sofort, wie er mißtrauisch beäugt wurde. Ein großer grimmig aussehender Mann mit einer Narbe quer über dem Gesicht trat auf ihn zu.
„Wer ist das, Aragorn?"
„Das ist Faron, ein entfernter Bekannter von mir", erklärte der Angeredete lächelnd. „Ich habe beschlossen, ihn bei uns aufzunehmen, Halbarad."
Halbarad verschränkte die Arme und musterte Faramir streng. Der junge Mann blickte eingeschüchtert zu Boden und fragte sich zum wiederholten Male, warum er sich das eigentlich antat.
„Du weißt, Aragorn, dass wir hier niemanden durchfüttern können", sagte Halbarad schließlich. „Er sieht ziemlich blaß aus. Der erste Regenschauer wird ihn wahrscheinlich aus den Stiefeln kippen lassen."
Allmählich fühlte Faramir Wut in sich aufsteigen: dieser Halbarad nahm sich ganz schön viel heraus. Dieser hatte keine Ahnung, wie abgehärtet Faramir gegen Wind und Wetter war.
„Wir werden sehen, Halbarad", erwiderte Aragorn etwas ungehalten.
Er brachte Faramir zu einem kleinen Zelt.
„Das gehört mir. Du kannst gerne darin schlafen. Wir werden schon zu zweit Platz haben."
Faramir seufzte leise und brachte seine wenigen Habseligkeiten in das Zelt. Die Waldläufer begannen Wildbret über einem Lagerfeuer zu braten. Es duftete sehr gut und Faramir merkte, wie hungrig er war. Vorsichtig setzte er sich ans Feuer und sah den Männern zu, wie sie Fleisch brieten. Ein etwas älterer Waldläufer, der sich Amros nannte, reichte ihm einen Holzspieß mit einem Stück Fleisch daran. Faramir konnte riechen, dass das Fleisch mit einer köstlichen Kräuterbeize gewürzt war. Er bedankte sich bei Amros und hielt den Spieß über das Feuer. Halbarad warf Amros einen zürnenden Blick zu. Aragorn hielt sich im Hintergrund auf und zündete sich nachdenklich eine Pfeife an. Er hatte geahnt, dass mit Halbarad nicht gut Kirschen essen sein würde. Zum Glück war Maruvan noch nicht ins Lager zurückgekehrt. Er befand sich auf der Jagd. Maruvan würde bestimmt auch nicht mit Faramirs Anwesenheit einverstanden sein.
Nach dem Essen war Faramir müde und wünschte den Waldläufern eine gute Nacht. Nur Aragorn und Amros erwiderten seinen Gruß. Die Anderen taten so, als hätten sie nichts gehört.
Halbarad erhob sich jetzt und gab Aragorn einen Wink, er solle mit ihm kommen. Der Anführer der Dunedain machte ein verdrießliches Gesicht: er wusste genau, was Halbarad ihm jetzt erzählen würde.
„Wir können Faron nicht hierbehalten", platzte Halbarad sofort ärgerlich heraus. „Er passt nicht zu uns. Er würde unsere ganze Gruppe in unnötige Gefahr bringen. Sollten wir es mit einer Orkbande, Trollen oder weißen Wölfen, wie im vergangenen Winter, zu tun kriegen, dann wird er der Erste sein, der verzagt."
„Faron ist ein ein tapferer, junger Mann", beteuerte Aragorn. „So gib ihm doch wenigstens eine Möglichkeit, sich als würdig zu erweisen."
Halbarad machte ein unzufriedenes Gesicht und schwieg lange. Doch dann nickte er endlich.
„Meinetwegen! Aber wenn er versagen sollte, dann musst du ihn wegschicken."
„Gut, das ist ein Wort", erwiderte Aragorn und lächelte leicht.
Er klopfte Halbarad auf die Schulter und ging zurück ins Lager. Dort war inzwischen Maruvan angekommen. Er hatte einen mächtigen Hirsch mit einem riesigen Geweih erlegt, was allgemeine Freude im Lager auslöste.
„Wenn ich das Geweih auf dem Markt in Bree gut verkaufe, dann können wir uns alle endlich mal wieder satt im ‚Tänzelnden Pony' essen", meinte Maruvan gutgelaunt.
„Aragorn hat einen Neuling ins Lager gebracht", rief ihm Halbarad spöttisch zu. „Ob der dann wohl auch mitessen darf?"
Maruvan verstummte und seine gute Laune verflog augenblicklich. Aragorn seufzte leise vor sich hin: der nächste harte Kampf stand ihm nun wohl bevor.
„Wo ist er?" fragte Maruvan barsch.
„Er schläft in meinem Zelt", erwiderte Aragorn streng und funkelte ihn mit seinen blauen Augen an.
Maruvan schob sich wortlos an Aragorn vorbei und kletterte in das Zelt hinein. Er sah dort jemanden mit einem schwarzen Haarschopf bäuchlings liegen und tief schlafen. Schließlich kletterte er wieder heraus.
„Ich hätte ihn am liebsten geweckt und gefragt, was er hier will. Aber ich bin ja schließlich kein Unmensch. Morgen früh jedoch werde ich mir mal den Kerl genau unter die Lupe nehmen."
§
Am nächsten Morgen wurde Faramir kurz vor Sonnenaufgang von Aragorn geweckt. Schlaftrunken erhob sich der junge Mann und starrte den älteren Waldläufer erst einmal verwundert an.
„Was ist los?" fragte er erstaunt. „Es ist ja fast noch finster draußen. Ist irgendetwas passiert?"
„Nein", raunte Aragorn ihm zu. „Wir stehen immer recht früh auf, da man um diese Zeit am besten jagen kann. Außerdem solltest du zusehen, dass du dich rasierst, damit man deine verräterisch hellen Stoppeln nicht sieht."
Seufzend packte Faramir das Rasierzeug, das er sich noch in Bree zugelegt hatte und schlenderte zu einem kleinen Bach in der Nähe des Lagers. Es war eigentlich noch viel zu dunkel und so schnitt sich Faramir ein paar Mal beim Rasieren. Er fluchte leise vor sich hin: hoffentlich musste er dieses dumme Versteckspiel nicht auf Dauer mitmachen. Inzwischen war die Sonne aufgegangen. Als er wieder zum Lager zurückging, lief er Maruvan fast in die Arme. Der Waldläufer packte den jungen Mann fest an den Schultern und musterte ihn.
„Du kommst mir irgendwie bekannt vor, Junge. Aber ich weiß nicht, woher."
Faramir erwiderte nichts, sondern blickte zu Boden. Er hatte Maruvan sofort erkannt: es war der Mann gewesen, der ihn vorgestern Mittag vor den drei Strolchen gerettet hatte. Als Faramir wieder im Lager war, kochte Amros gerade einen nahrhaften Getreidebrei über dem Lagerfeuer.
„Das Frühstück ist gleich fertig, Faron", sagte er freundlich. „Nimm dir einen Napf und einen Löffel aus Aragorns Zelt. Dann kannst du gleich essen."
Faramir bedankte sich lächelnd. Er war froh, dass ihn außer Aragorn wenigstens einer im Lager leiden mochte. Während er aß, beobachtete er, wie die anderen Waldläufer aus den Zelten kamen und sich Frühstück nahmen. Kaum einer beachtete ihn, außer Halbarad. Dieser ging jetzt mit grimmiger Miene auf Faramir zu und nahm ihn den Napf aus der Hand. Der junge Mann sprang erzürnt auf.
„Was soll das, Halbarad?"
Amros sah seufzend zu Boden. Er mochte sich nicht mit Halbarad anlegen, schließlich war er Aragorns Stellvertreter, obwohl es ihm leid um Faramir tat.
„Du isst dich bei uns satt, tust aber nichts dafür", stellte Halbarad verächtlich fest. „Du bekommst erst wieder zu essen, wenn du uns einen feisten Hirsch bringst, so wie Maruvan gestern nacht. Mal sehen, ob du deinen Namen ‚Faron' zu Recht trägst."
Faramir sah ihn beklommen an. Er war eigentlich ein guter Jäger, aber Hirsche liefen Einem nicht jeden Tag über den Weg. Aragorn befand sich anscheinend nicht im Lager, sonst hätte er bestimmt Einspruch erhoben. Aber so blieb Faramir nichts anderes übrig, als Halbarads Befehl Folge zu leisten. Er ging zum Zelt zurück und holte seinen Bogen und den Pfeilköcher. Sofort kam Maruvan hinterher und betrachtete neugierig Faramirs Bogen. Der Bogen war jedoch kein gondorianischer Langbogen. Es war ein kleiner Bogen, den Gandalf dem jungen Mann vor vielen Jahren einmal geschenkt hatte. Höhnisch grinsend reichte Maruvan Faramir den Bogen wieder zurück.
„Mit dem Ding willst du schießen?"
Faramir presste die Lippen zusammen und erwiderte nichts.
„Dir hat es wohl die Sprache verschlagen, was?" lachte Maruvan jetzt auf.
Faramir drehte sich weg von ihm und verließ das Lager.
Ziellos ging er in den Wald hinein. Er hatte keine Ahnung, wo man hier am Wald auf Hirsche treffen konnte. Er seufzte deprimiert vor sich hin. Der kalte Empfang der Waldläufer nagte an ihm. Wenn man ihn hier weiter so schlecht behandelte, dann würde er bald wieder nach Gondor zurückkehren. Lieber führte er irgendeinen unsinnigen Auftrag seines Vaters aus. Da gab es dann wenigstens Männer, die ihn achteten. Plötzlich stieg ihm der Geruch eines Lagerfeuers in die Nase. Das war ja merkwürdig! Gab es hier etwa noch mehr Waldläufer? Vorsichtig pirschte sich Faramir in die Nähe des Lagerfeuers. Doch schon bald merkte er, dass es sich um ein Orklager handelte. Sie lagerten hier, um bei Tageslicht, das sie so sehr verabscheuten, zu schlafen. Faramir wollte sich schon wieder zum Gehen wenden, als er ein lautes Stöhnen hörte. Er drehte sich wieder zum Lager hin und dann bemerkte er das verschnürte Bündel, das zwischen den schlafenden Orks lag. Es war ein Hobbit, und zwar ein Hobbit, den Faramir kannte: Eduard Hornbläser! Der junge Mann schüttelte den Kopf: wie war dieser aufdringliche, kleine Kerl nur in die Hände der Unholde geraten? Die Orks würden ihn auf jeden Fall töten. Vermutlich wollten sie das erst heute Abend tun, da sie erst bei Dunkelheit so richtig in ihrem Element waren.
Faramir überlegte nicht lange: er wollte den Hobbit retten, auch wenn er ihn fürchterlich genervt hatte mit dem Preis seines Eintopfs. Fast lautlos pirschte er sich in das Lager, und robbte dann zu Hornbläser hin. Er zog seinen kurzen Dolch und durchschnitt rasch die Fesseln des Hobbits. Dieser wollte laut stöhnen, doch Faramir hielt ihm den Mund zu und bedeutete ihm, ruhig zu bleiben. Hornbläser wollte aufstehen, doch seine Beine versagten ihm den Dienst. Durch die Fesselung waren seine Füße eingeschlafen, und so knickte er hilflos ein. Kurzerhand hob ihn Faramir auf den Rücken und trug ihn rasch in den Wald hinein. Der Hobbit war schwerer als gedacht und schon bald schwitzte Faramir aus allen Poren. Als sie weit genug vom Lager entfernt waren, ließ ihn der junge Mann ächzend auf dem Waldboden nieder.
„Danke, Mensch", seufzte der Hobbit glücklich und betrachtete Faramir aufmerksam.
Er rieb sich die Beine und die großen, behaarten Füße.
„Wir müssen schnell weiter", drängte Faramir nervös. „Die Orks könnten uns verfolgen. Wie seid Ihr überhaupt in die Hände der Kerle geraten?"
„Ich habe zuviel Bier getrunken beim gestrigen Mittsommerfest in Bree", jammerte Eduard Hornbläser. „Ich lief in den Wald, um mich zu erleichtern. Und dann standen plötzlich diese schwarzen Kerle um mich herum."
Faramir half ihm auf die Füße.
„Wir müssen jetzt unbedingt weiter. Kommt!"
„Habt Ihr nicht einen Bissen zu essen bei Euch?" japste der Hobbit, der schon bald bei Faramirs schnellem Schritt außer Atem kam.
„Leider nicht", bedauerte dieser. „Aber vielleicht gibt man Euch im Waldläuferlager etwas."
„Ihr gehört zu den Waldläufern?" fragte Hornbläser erschrocken. „Das sind doch eher grimmige Menschen."
Faramir musste jetzt lächeln.
„Nicht alle!"
Er nahm jetzt den Hobbit wieder auf den Rücken und trug ihn ein Stück.
