Ali: Ich stelle mir Halbarad als ziemlich rauen Gesellen vor, den die vielen Jahre in der Wildnis hart gemacht haben. Seine Abneigung gegenüber Faramir ist eine Mischung aus Misstrauen und Eifersucht.

Leonel: Im nächsten Kapitel wird Faramir endlich die lästige, schwarze Haarfarbe los. Aber der Hobbit bleibt ihm zunächst einmal.

Eärlinde: Ein kurzes, sehr erfreunliches Review. Jaaaa, ich beeile mich.

§§§§

Kapitel 5: Halbarad und Maruvan

Faramir atmete auf, als er ins Lager zurückkehrte, und außer Amros niemand weiter anwesend zu sein schien. Der freundliche Waldläufer erhob sich erstaunt, als er den Hobbit auf Faramirs Rücken erblickte. Vorsichtig ließ Faramir den Hobbit nieder und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Als er auf seine Hände blickte, registrierte er erschrocken die schwarze Farbe.

„Du bist ja ganz verschmutzt, Faron", bemerkte Amros lächelnd.

Faramir lief rasch in das Zelt, welches er mit Aragorn bewohnte und sah in den kleinen Spiegel, der zu seinem Rasierzeug gehörte. Noch hielt die Farbe in den Haaren. Sie waren kaum heller geworden durch das Schwitzen. Er atmete auf und säuberte schnell sein Gesicht und seine Hände. Dann ging er wieder zu Amros und berichtete ihm von dem Orklager. Der ältere Waldläufer grinste.

„Genau das hätte Aragorn auch getan. Die Hobbits sind zwar gefräßig und faul, aber sie tun keiner Fliege etwas zuleide. Aragorn beschützt sie, wo er kann."

Faramir freute sich über Amros Lob. Im Hintergrund räusperte sich Eduard Hornbläser.

„Könnte ich vielleicht einen Bissen zu essen haben, meine Herren?"

Die beiden Waldläufer lachten jetzt lauthals. Doch dann wurde Amros ernst.

„Faron, es ist besser, wenn du jetzt wieder gehst, sonst kriegst du tatsächlich Ärger mit Halbarad und den anderen."

„Wo steckt eigentlich Aragorn?"

„Er hat heute morgen das Lager bei Sonnenaufgang verlassen", meinte Amros achselzuckend. „Niemand weiß, wohin er gegangen ist. Er tut das öfters."

Bevor Faramir das Lager wieder verließ, steckte ihm Amros noch schnell ein Stück Dörrfleisch zu.

§

Es dauerte fast bis Sonnenuntergang, bis Faramir einen einigermaßen großen Hirsch erlegt hatte.

Er baute sich aus Ästen und Zweigen eine Schleppbahre, um so seine Jagdbeute transportieren zu können. Trotzdem war der Hirsch noch schwer genug. Als Faramir endlich im Lager ankam, war es schon dunkel.

Die Waldläufer saßen um das Lagerfeuer und nahmen einen Eintopf zu sich, den Amros gekocht hatte. Im Hintergrund kauerte der Hobbit und schlug sich ebenfalls gierig den Bauch voll.

„Na, was sagt ihr jetzt?" fragte Faramir beifallheischend in die Runde und zeigte auf den erlegten Hirsch.

Sofort sprangen einige Waldläufer auf und betrachteten Faramirs Beute. Sie nickten anerkennend und klopften ihm auf die Schulter. Nur Maruvan und Halbarad blieben ernst.

„Was ist denn mit deinem Gesicht?" fragte Maruvan mißtrauisch. „Es ist ganz verschmiert."

Faramir erschrak: natürlich hatte er bei dem Transport des Hirschen ziemlich stark geschwitzt. Vermutlich hatten seine Haare durch die Nässe wieder Farbe verloren. Er fuhr mit seinen Händen über sein Gesicht und sie waren schwarz!

„Entschuldigt mich", murmelte der junge Mann tonlos und wandte sich zum Gehen um.

Doch Maruvan packte ihn unsanft am Handgelenk.

„Komm mal mit!"

Auch Halbarad kam hinzu. Er sah Faramir finster an. Der junge Mann machte sich los von Maruvans hartem Griff.

„Verdammt, könnt ihr mich nicht endlich in Ruhe lassen?"

Etwas von der schwarzen Farbe kam auf Maruvans Hand. Er roch daran.

„Elbenkraut", murmelte er und warf Halbarad einen vielsagenden Blick zu.

Beide Waldläufer packten jetzt Faramir links und rechts an den Armen und schleppten den Widerstrebenden zum nahen Bach.

„Wasch dir die Farbe aus den Haaren!" befahl Maruvan grob. „Oder wir helfen nach."

Faramir tat wie ihm befohlen war. Die schwarze Farbe löste sich rasch aus seinen kurzen Locken. Doch in der Dunkelheit konnten die Männer nicht erkennen, welche Naturhaarfarbe Faramir tatsächlich besaß. Er musste sich ans Lagerfeuer zum Trocknen hinsetzen. Wie ein geprügelter Hund saß er dort. Er fühlte sich entsetzlich gedemütigt. Halbarad und Maruvan kamen ihm fast noch grausamer vor als sein Vater. Es war wohl besser, diese hartherzigen Männer ein für alle Mal zu verlassen. Selbst Aragorn schien ihn im Stich zu lassen, denn er war immer noch nicht zurück. Bedrückt starrte er in das Feuer und er spürte, wie seine Haare trockneten.

„Rote Haare!" spuckte Maruvan förmlich hervor. „Ich glaube, jetzt erkenne ich dich: du bist dieser täppische Südländer, der sich vor einigen Tagen in Bree von dem Gossengesindel überfallen ließ."

Faramir erwiderte nichts darauf: er war den Tränen nahe. Diese Demütigungen waren einfach zuviel für ihn. Selbst sein Vater erschien ihm plötzlich nicht mehr so grausam.

„Warum lasst ihr Faron nicht einfach in Ruhe!" schrie jetzt plötzlich der kleine Hobbit erbost.

Die Waldläufer drehten sich erstaunt zu ihrem Gast um, der aufgesprungen war und sie mit funkelnden Augen anstarrten.

„Er ist der Mutigste von euerem Haufen, hat mich aus dem Orklager befreit und dann war er auch noch den ganzen Tag unterwegs, um für euch den größten Hirsch zu erlegen, den ich je erblickt habe. Und was macht ihr? Ihr behandelt ihn wie den letzten Dreck!"

Eduard Hornbläser stampfte wütend auf.

Sogar Halbarad verschlug es jetzt die Sprache. Amros fasste sich endlich ein Herz.

„Der Hobbit hat recht: nun seht doch endlich ein, dass Faron es verdient hat, zu uns zu gehören", sagte er vorsichtig.

Halbarad stand mit grimmiger Miene auf.

„Dieser Mann hat uns getäuscht, und womöglich sogar Aragorn. Er hat sich die Haare gefärbt und seine edlen Kleider gegen schlichte ausgetauscht. Er ist ein Lügner. Maruvan hat ihn in Bree gesehen. Dort hat er die Aufmerksamkeit von Strolchen auf sich gezogen. So Einen können wir in unseren Reihen nicht brauchen."

Die anderen Waldläufer, die zunächst ein wenig auf Faramirs Seite gestanden hatten, weil sie von Hornbläsers Rede beeindruckt waren, murmelten jetzt beifällig. Halbarads Wort galt bei ihnen viel: er war der zweitmächtigste Mann nach Aragorn.

Amros legte seine Hand auf Faramirs Schulter.

„Es tut mir leid, Junge", flüsterte er bedrückt.

„Morgen früh wirst du unser Lager verlassen – für immer", erklärte Halbarad herablassend. „Falls ich dich hier in der Nähe noch einmal antreffe, ist dein Leben verwirkt."

„Was seid ihr doch für Menschen!" brauste Eduard Hornbläser erneut auf. „Den Einzigen von euch, der etwas taugt, werft ihr aus eueren Reihen. Böse Zeiten werden auf Eriador zukommen, wenn unter den Waldläufer solch eine Zwietracht herrscht."

„Schweig'!" herschte Halbarad den Hobbit an. „Auch du wirst morgen unser Lager verlassen. Unsere Gastfreundschaft hast du aufs Gröbste verletzt, Hornbläser."

„Darauf kann ich sowieso verzichten", erklärte Eduard Hornbläser stolz.

Er wandte sich an Faramir.

„Komm, junger Mensch, wir verlassen dieses Lager auf der Stelle."

Dieser presste die Lippen zusammen und nickte schließlich. Traurig schlich er zu Aragorns Zelt und holte sich sein Bündel.

§

Kurz darauf verließen die Beiden das Lager. Faramir hatte keine Ahnung, wohin er sich nun wenden sollte. Es war wohl am besten, erst einmal nach Bree zurückzukehren und sein Pferd und seine Kleidung zu holen. Auch Eduard Hornbläser wollte nach Bree zurück. Er wollte sich dort mit seinen Verwandten treffen.

Faramir war dankbar für die Gesellschaft des Hobbits. Der Kleine erzählte unermüdlich lustige Anekdoten aus dem Auenland. Das munterte den niedergeschlagenen jungen Mann etwas auf.

„Das Auenland muß ein wahrhaft prachtvolles Land sein, wo die Geschichtenerzähler in hohen Ehren stehen", bemerkte der Gondorianer schließlich lächelnd.

„Oh, du müsstest erst einmal meine Verwandten kennenlernen, Faron", meinte Eduard Hornbläser vergnügt. „Die können noch viel besser erzählen als ich. Naja, vielleicht siehst du ja in Bree noch ein paar von denen."

Faramirs Schritte wurden immer langsamer und auch Eduard Hornbläser war müde: für alle Beide war der Tag anstrengend gewesen und es würde noch einige Stunden dauern, bis sie nach Bree kommen würden. An einem kleinen Bach schlugen sie schließlich ihr Nachtlager auf – besser gesagt, sie wickelten sich in ihre Decken und legten sich hin. Faramir war zu müde, um großartig über irgendwelche Gefahren nachzudenken. Ihm war es momentan gleich, ob sie nun von Orks überfallen würden oder nicht. Er schlief auf der Stelle ein, ebenso wie Eduard Hornbläser.

§

Bei Tagesanbruch kehrte Aragorn in das Lager zurück. Ein unaufschiebbarer Auftrag hatte ihn kurzfristig nach Fornost reisen lassen. Während Faramir am Morgen zuvor am Fluß gewesen war, um sich zu rasieren, war ein Reiter aus Fornost gekommen und hatte Aragorn mitgenommen. Aragorn hatte es leid getan, dass er Faramir nicht mehr Bescheid geben konnte.

Doch jetzt endlich war er wieder im Lager zurück. Er hoffte, dass es dem jungen Mann aus Gondor nicht allzu übel ergangen war. Als Aragorn in sein Zelt kroch, erschrak er: Faramirs Sachen waren weg!

Sofort nahm er sich Halbarad zur Brust, der bereits aufgestanden war.

„Was ist hier los – wo ist Faron?"

„Ich habe ihn gestern abend für immer weggeschickt", erwiderte der ältere Mann feindselig. „Er ist ein Betrüger. Maruvan hat gesagt, er ist ein feiner Südländer, der uns womöglich ausspionieren will."

„Was für ein verrückter Gedanke!" knurrte Aragorn wütend.

„Und warum hat er sich dann die Haare gefärbt?" wollte Halbarad ebenso wütend wissen.

Aragorn schnappte nach Luft: wie hatten die beiden Gefährten das so schnell herausbekommen?

Was war geschehen?

„Ich habe ihm geraten, sich die Haare zu färben", sagte Aragorn mit leise drohendem Unterton in der Stimme.

Jetzt verschlug es Halbarad die Sprache. Er blickte seinen Anführer ungläubig an.

„Ich wollte, dass er hier oben im Norden unerkannt bleibt", fuhr dieser grimmig fort. „Aber scheinbar habt ihr ihn so lange bearbeitet, bis er seine wahre Identität preisgegeben hat."

„Wir wissen nicht, wer er tatsächlich ist", verteidigte sich Halbarad etwas kleinlaut. „Wir merkten nur, dass er sich die Haare gefärbt hatte, weil er so schwitzte und ihm die Farbe ausging. Wir mussten daraufhin annehmen, dass er uns alle und auch dich täuschen wollte."

„Ich muß ihn zurückholen", erklärte Aragorn gepresst. „Ich habe Gandalf versprochen, dass ich mich um ihn kümmere. Wenn ihm etwas zustößt, werde ich mir für immer Vorwürfe machen."

„Könntest du mir jetzt endlich sagen, wer er eigentlich ist?" fragte Halbarad ungehalten.

„Er heißt Faramir, und stammt aus dem Hause Húrin – das Haus der Truchsessen Gondors", erklärte Aragorn.